Debatten vor dem Facebook-Grab gerettet!

Das Schöne an diesem Blog ist ja, dass man auch nach Jahren noch nachlesen kann, was mal diskutiert worden ist. Allerdings gibt es auch anderswo schöne Sachen, zum Beispiel auf Facebook, wo man mal eben schnell was reinschreiben kann, was durch den Kopf geht, und manchmal gibt es dann direkt interessante Debatten mit vielerlei interessantem Input von unterschiedlichen Seiten. Das alles findet man aber nicht mehr wieder, weil Posts bei Facebook die Timeline runterrutschen und dann irgendwann weg sind.

Um das eine Schöne mit dem anderen Schönen zu verbinden, dachte ich mir, dass ich jetzt hier hin und wieder einfach ein paar Links zu solchen Sachen posten könnte. Make Facebook googlebar! (Es sind alles Posts, die auf Facebook öffentlich stehen, die man also auch lesen kann, wenn man dort keinen Account hat – glaube ich jedenfalls).

Bedingungsloses Grundeinkommen: Meine Kritik an Alexandra Borchardts Text gegen das Grundeinkommen, bei dem sie ganz zurecht auf wichtige Schwachpunkte der Pro-BGE-Argumentation hinweist, dabei aber nicht erwähnt (oder nicht weiß), dass das auch innerhalb der BGE-Bewegung schon lange diskutiert wird (Link)

Adblockerwarnung der SZ: Wenn man auf Seiten der SZ klickt, poppt neuerdings eine Aufforderung auf, den Adblocker auszuschalten. Bei mir funktioniert das nur abschreckend, offenbar bei anderen aus. Eine Diskussion, in deren Verlauf es auch zu praktischen Tipps kam, zum Beispiel bezüglich des Umgangs mit Adblockern oder dass Google schon dabei ist, was Besseres zu erfinden (später jammern die Verlage dann wieder, wenn Google das ganze Geld verdient). (Link)

Rente, Grundsicherung, Ausland: Seit 2017 kriegen Rentner_innen, die Grundsicherung beziehen, diese gekürzt, wenn sie sich länger als vier Wochen im Ausland aufhalten. Ich finde das spontan blöd, aber nicht alle und es ist letztlich auch noch gar nicht genau klar, wie das Ganze umgesetzt werden soll und wird. (Link)

Singles, Care, Gesundheit: Wer sorgt für Singles, wenn sie krank sind? Dort hatte ich einen Text „gepiqt“, der dann zu einer Debatte über die Bedeutung von Gesundheit führte. Ist es denn wirklich wahr, dass ohne Gesundheit alles nichts ist? (Link)

Die Männer und das liebe Geld. Zehn Thesen zum Equal Pay Day

Holt raus eure roten Taschen. Es ist wieder Equal Pay Day.

Am Freitag ist wieder Equal Pay Day – also dieser große Aktionstag, bei dem wir uns kollektiv darüber ärgern, dass Frauen bis jetzt arbeiten mussten, um das Geld zu verdienen, das Männer schon am 31. Dezember in der Tasche hatten. Ich mache auch mit. Obwohl mir dieser Tag und wie er begangen wird, durchaus ein paar Bauchschmerzen bereitet. And here is why:

1. Das eigentlich schlimme „Pay-Gap“, über das wir reden müssten, ist nicht das zwischen Frauen und Männern, sondern das zwischen Armen und Reichen. Deshalb ist es falsch, sich hier rein auf den Gender-Aspekt zu beziehen.

2. Das „Gender Pay-Gap“ ist nicht die Krankheit selbst, sondern nur ein Symptom für ein tiefer liegendes gesellschaftliches Problem. Und deshalb kann es nicht darum gehen, das Symptom zu kurieren, sondern wir müssen die Krankheit – die krasse materielle Ungleichheit zwischen Menschen – angehen. Wenn nämlich bei den Reichen und bei den Armen irgendwann das Geschlechterverhältnis hübsch ordentlich fifty-fifty beträgt, aber die Schere insgesamt genauso groß bleibt wie bisher oder sogar noch größer wird, dann wüsste ich nicht, was damit gewonnen wäre.

3. Es ist wenig sinnvoll, im Bezug auf Einkommen „die Männer“ und „die Frauen“ zu vergleichen. Statistik ist natürlich per se wenig aussagekräftig im Hinblick auf das reale Leben, aber in diesem Zusammenhang ist es ganz besonders wenig sinnvoll, weil sich nicht viele Frauen und Männer konkret in dieser Durchschnittssituation befinden: Besonders groß ist der Unterschied nämlich in den unteren Einkommensgruppen und bei den sehr viel Verdienenden, im „Mittelfeld“, also bei den Angestellten, und in bestimmten Berufen ist er nicht sehr groß.

4. Es wird immer sehr viel darüber geredet, dass Frauen weniger verdienen als Männer, aber für meinen Geschmack wird zu wenig darüber geredet, dass (manche) Männer schlicht zu viel verdienen. Zu Recht sind doch immer mal wieder die Managergehälter in der Debatte. Warum ist eigentlich noch nie jemand auf die Idee gekommen, die Managerinnen, die sich für dieselbe Arbeit auch mit weniger Geld zufrieden geben, als Vorbilder anzuführen?

5. Alle Studien (zuletzt wieder hier) zeigen, dass Frauen bei der Frage, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen, weniger auf Geld und Status achten als Männer, und dafür mehr auf den Sinn und die Beziehungen. Und dann wird so getan, als wäre das ein Problem. Ich wüsste nicht, wieso. Eher ist es ein Problem (und zwar nicht nur eines im Bezug auf das Geschlechterverhältnis), dass es immer noch zu viele Männer gibt, denen es vor allem um Geld und Status geht und zu wenig um den Sinn und die Notwendigkeit ihrer Arbeit. Darüber sollten wir sprechen und darüber, welche Männlichkeitsbilder dahinter stecken und ob wir die noch wollen. Auch viele Männer wollen die ja zum Glück nicht mehr.

6. Das ist im Übrigen mein Vorschlag dafür, wie wir mehr Frauen in hohe Führungspositionen und Aufsichtsräte bringen können: Einfach dort deutlich weniger bezahlen. Dann werden nämlich all diejenigen, die solche Posten hauptsächlich wegen dem Geld und dem Status reizvoll finden, von selber wegbleiben. Und das wäre ganz sicher für die Qualität dieser Gremien von Vorteil. Der Frauenanteil würde sich dann wahrscheinlich ganz von allein erhöhen.

7. Es wird immer sehr viel darüber geredet, dass Frauen die falschen Berufe wählen. Aber wer soll denn eigentlich die Arbeit der Krankenschwestern, Altenpflegerinnen, Erzieherinnen machen? Wir sollten doch als Gesellschaft froh sein, wenn es genug Frauen gibt, die in diesen Berufen arbeiten wollen (und wenn Männer sich daran ein Beispiel nehmen möchten, nur  zu!). Nötig wäre eine gesellschaftliche Diskussion darüber, wie wertvoll und wichtig diese Berufe sind – und in der Konsequenz dann auch, wie sie besser bezahlt werden können.

8. Es ist richtig, Frauen dazu anzuregen, mehr über Geld zu reden und nachzudenken und ihre historisch ansozialisierte Abneigung gegen Gelddinge kritisch zu hinterfragen. Aber nicht mit dem Ziel, dass sie die nach „männlichen“ Maßstäben „normale“ Sicht auf das Geld übernehmen, sondern mit dem Ziel, dass sie ihre eigenen Vorstellungen davon entwickeln und in die Welt bringen.

9. Deshalb sollte endlich mal Schluss sein mit der Idee, die Männer und das, was sie tun, sei der Maßstab, an dem Frauen sich orientieren sollen, und wenn nicht, sind sie selbst an ihrer Benachteiligung schuld. Das, was Männer tun, und in diesem Zusammenhang eben ihre tendenzielle Überschätzung des Geldes, ist ja genauso historisch ansozialisiert und ganz und gar nicht „normal“. Und darüber hinaus ist es allzu oft auch noch schädlich für die Allgemeinheit. Finanzkrise und so.

10. Deshalb mache ich den Vorschlag, den Equal Pay Day in Zukunft im Oktober zu begehen: An dem Tag nämlich, an dem Männer bereits aufhören können zu arbeiten, während normale Leute (kleiner Scherz) noch bis Dezember weiter arbeiten.

Update: Bei Discipline and Anarchy ist dieser Text ins Englische übersetzt worden, many thanks! (gegen Ende des Blogposts)


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Armut ist kein Naturgesetz

Es Reicht für alle Es brauchte nicht erst die Rhetorik von Guido Westerwelle, um zu wissen, dass die Diskussionen über Arm und Reich in Deutschland schon länger ziemlich schief laufen. Für alle, die sich nicht hinter ideologischen Gewissheiten verbarrikadieren wollen, sondern die tatsächlich gangbare „Wege aus der Armut“ suchen, gibt es jetzt ein klasse Handbuch, in dem alle wichtigen Zahlen und Argumente zu finden sind.

„Es reicht! Für alle!“ – so haben Michaela Moser und Martin Schenk ihr Buch überschrieben. Die Vizepräsidentin des European Anti Poverty Networks und der Diakonie-Sozialexperte sind beide seit schon lange in der österreichischen Armutskonferenz aktiv. Das merkt man dem Buch an, denn die statistischen Befunde werden immer wieder mit Beispielen und Geschichten von Menschen ergänzt, die von ihren Armutserfahrungen erzählen. Und am Ende jedes Kapitels geben sie konkrete und pragmatische Ideen, was politisch getan werden könnte.

Das setzt natürlich voraus, dass man die auseinander driftende Einkommensschere tatsächlich für etwas hält, das nicht ein ökonomisches Naturgesetz oder auf individuelle Schuld der Betroffenen zurückzuführen ist, sondern ein Zeichen dafür, dass mit dem Sozialgefüge unserer Gesellschaft etwas nicht in Ordnung ist. Und solange man daran nichts Grundsätzliches verändert, werden all jene Programme, die allein darauf setzen, dass „die Armen“ etwas lernen oder anders machen sollen als bisher, nicht wirklich greifen. Sicher ist es sinnvoll, Menschen zu qualifizieren, ihnen gute Schuldenberatung anzubieten, sie zu gesunder Ernährung und verantwortungsbewusstem Konsum aufzufordern und dergleichen. Aber das allein wird Armut nicht verhindern. Gleichzeitig muss danach gefragt werden, wie gesellschaftlicher Wohlstand insgesamt verteilt werden soll.

Der größte Vorteil des Buches ist aus meiner Sicht, dass es neben den wichtigen und informativen Zahlen zur Verteilung von Geld und Wohlstand die Aufmerksamkeit auch auf die „weichen“ Faktoren der Armut legt. Denn Menschen mit Armutserfahrungen leiden nicht nur unter den materiellen Problemen, die sich ergeben, wenn nicht genug Geld da ist – schlechte Wohnungen, Krankheiten, mangelhafte Kleidung. Sie leiden auch darunter, dass ihnen Schuldgefühle gemacht werden, dass ihr Selbstbewusstsein angeknackst ist, dass sie sich schämen über ihre Situation, dass diese Scham mit jeder Schikane auf Ämtern und Behörden wächst, dass Freundschaften zerbrechen und vor allem daran, dass sie die eigene Lebensplanung nicht mehr in der Hand haben und sich mit ihren Ideen und Vorstellungen gesellschaftlich nur schwer einbringen können.

Und dies alles wird durch einen gesellschaftlichen Diskurs verursacht, der Menschen mit Armutserfahrungen zu Schuldigen erklärt, zu solchen, die „es nicht geschafft“ haben und die deshalb im besten Fall „gefördert“, im schlimmsten Fall aber noch mehr kontrolliert und drangsaliert werden müssen. Das führt zu jener Beschämung, die den Kern des Lebens in Armut bei uns ausmacht – und die abzuschaffen keinen Pfennig kosten würde.

Moser und Schenk gehen davon aus, dass Menschen, die von Armut betroffen sind, selbst Expertinnen und Experten für ihre Lebenssituation sind. Sie wissen, was nötig wäre, um ihre Lebenssituation zu verbessern – und da ließe sich vieles tun, das gar nicht unbedingt viel kosten muss.

Die neoliberale Vorstellung, dass „Leistung“ und „Einkommen“ miteinander zusammenhänge und also, wer nichts hat, wohl auch nicht genug leistet, wird in dem Buch mit guten Argumenten widerlegt. Ebenso wie die Behauptung, es sei eben nicht genug zum Verteilen da. Beides ist vielfach belegt und berechnet. Warum aber halten sich dieses Vorurteil so hartnäckig in der Bevölkerung? Und zwar nicht nur bei den Eliten, die je immerhin ein persönliches Interesse haben, da diese Diskurs es ihnen ermöglicht, immer mehr Reichtümer anzuhäufen. Warum sind diese Irrtümer im Bezug auf die Ursachen und den Charakter von Armut auch unter denen verbreitet, die eigentlich gar nichts davon haben, sondern vielmehr selbst gefährdet sind?

Die verbreiteten Ressentiments gegen Menschen mit Armutserfahrungen erklären Moser und Schenk unter anderem damit, dass versucht wird, einen sozialen Abstand zu markieren zwischen denen, die „es allein schaffen“ und denen, die „wirklich arm“ sind. An diesem Punkt sind die Befunde dieses Buches auch eine Kritik an der prinzipiellen Richtung, die die rot-grüne Bundesregierung mit den Hartz-Reformen eingeschlagen hat: Soziale Absicherung, so war die Begründung, sollen nicht mehr die bekommen, die ihr Wohlstandsniveau erhalten wollen, sondern nur noch die, die „es wirklich brauchen“. Das klingt zunächst sogar ziemlich „links”, nach dem Motto: Warum sollen die Sozialkassen dem arbeitslos gewordenen höheren Angestellten seinen Lebensstandard absichern? Ist es nicht besser, das Geld nur denen zu geben, die „wirklich arm” sind?

Genau hier, in dem Versuch, die „wirklich Armen“ zu identifizieren, sehen Moser und Schenk aber den symbolischen Fehler. „Soziale Maßnahmen, die nur auf die Armen zielen, neigen dazu, armselige Maßnahmen zu werden“, schreiben sie (S. 171). Sozialstaatliche Hilfen werden leichter gesellschaftlich akzeptiert, wenn sie für alle gelten, wenn sie schon in ihrer Konzeption zum Ausdruck bringen, dass sie nicht „für die da“ sind, sondern auch für „uns” selber. Weil wir alle Bedürftige sind, und weil niemand allein von der eigenen Leistung leben kann.

Martin Schenk, Michaela Moser: Es reicht! Für alle! Wege aus der Armut. Deuticke, Wien 2010, 237 S., 19,90 Euro.

Das Scherflein der Witwe

Die Themen „Armut“ und „Frauen“ zusammen zu denken ist eine komplexe Angelegenheit. Als ich gebeten wurde, in der Reihe „Feministische Theologie und Ethik“ dazu einen Artikel für die „Mitteilungen“ der Evangelischen Frauen in Deutschland e.V. zu schreiben, fiel mir spontan das Gleichnis vom Scherflein der Witwe ein. Und ich stellte fest, dass es sich auch anders interpretieren lässt als mit dem moralisch-erhobenen Zeigefinger, der damals im Kindergottesdienst so schrecklich war…

Link: www.antjeschrupp.de/das_scherflein_der_witwe.htm