Balken im Auge

Man könnte darüber diskutieren, ob Homosexualität und andere nicht-traditionelle sexuelle Identitäten in der deutschen Schulbildung als „normal“ akzeptiert werden sollten, oder ob man ihr Vorkommen nur unter gewissen Voraussetzungen tolerieren will. Das genau ist nämlich die Frage, um die es im Kern bei der Auseinandersetzung in Baden-Württemberg über den von der grün-roten Landesregierung beschlossenen Bildungsplan 2015 geht.

Der derzeitige Stand des deutschen Mainstream ist wohl der, dass Homosexualität zwar nicht mehr verboten sein soll und dass man Schwule, Lesben, Transsexuelle oder andere „Queers“ auch nicht mehr aktiv diskriminieren will, dass aber gleichzeitig doch große Uneinigkeit darüber besteht, inwiefern diese sexuelle Vielfalt tatsächlich auch als ganz genauso „normal“ angesehen werden soll wie das klassische biologisch definierte Mann-Frau-Paar.

Eher nicht für „normal“ gehalten wird Homosexualität (und Queerness generell) jedenfalls von einer Mehrheit der Christinnen und Christen. Zwar gibt es auch christliche Gruppierungen und Einzelpersonen, die der Auffassung sind (mit guten christlichen Begründungen), dass sexuelle Vielfalt vorbehaltlos akzeptiert und unterstützt werden muss – inklusive der dafür notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen wie etwa modifizierter Bildungspläne. Diese Fraktion ist im Übrigen gar nicht so klein, wie viele glauben, es gehören zahlreiche normale Kirchenmitglieder dazu, kirchliche Angestellte (wie ich), auch viele Pfarrerinnen und Pfarrer, und sogar einige hohe kirchenleitende Amtspersonen.

Aber es wäre doch albern, zu behaupten, dass wir die christliche Mehrheit repräsentieren. Der Mainstream der Kirchennahen sieht es eher so, dass nicht-heteronormkonforme Lebensweisen und Identitäten halt irgendwie Realität, aber trotzdem „nicht ganz normal“ sind. Die Palette reicht dabei von schlichtem Desinteresse über Ignoranz gegenüber Homophobie bis hin zu offenen Vorbehalten. Es gibt im Übrigen leider auch noch christliche Kreise, die Homosexualität am liebsten wieder verbieten würden.

Und natürlich haben die Kirchen wie jeder andere gesellschaftliche Akteur das Recht, ihre Meinung öffentlich zu vertreten und in die allgemeine Debatte einzubringen. Niemand zwingt sie, „dem Zeitgeist hinterherzulaufen“, wie immer unterstellt wird. Was ich mich frage, ist: Warum, um Himmels willen, tun sie das nicht?

Warum vertreten sie nicht offen und argumentativ ihre Ansichten zum Thema sexuelle Vielfalt? Vielleicht, weil sie ahnen, dass sie damit nicht mehr den gesamtgesellschaftlichen Mainstream treffen würden? (Ob das so wäre, weiß ich nicht). Oder weil sie keine wirklich plausiblen und haltbaren Argumente haben, sondern ihre Ansichten darüber eher Gewohnheit, Bequemlichkeit, Weltfremdheit sind? Sicher ist: Sie würden sie sich angreifbar machen. Sie müssten sich für ihre Ansichten zur Verantwortung ziehen lassen. Es würden innerchristliche Konflikte aufpoppen. Und das ist natürlich unbequem.

Stattdessen lenken sie vom Thema ab und reden über „Indoktrination“, die angeblich vom baden-württembergischen Bildungsplan 2015 ausgeht. In einer gemeinsamen Stellungnahme der evangelischen und katholischen Kirche in Baden-Württemberg zum Thema heißt es: „Jeder Form der Funktionalisierung, Ideologisierung und Indoktrination gilt es zu wehren. Dies gilt nicht zuletzt im sensiblen Bereich der sexuellen Identität.“

Hooray, könnte man da aus queerer Sicht eigentlich jubeln. Ist das denn nicht genau das, was wir auch wollen? Dass Kinder nicht mehr vom ersten Tag an in blaue oder rosane Geschlechtsrollen hineinerzogen werden? Dass sie nicht mehr in Büchern und Lehrplänen mit einem einzigen als „normal“ behaupteten Lebensstil namens heterosexuelle Ehe indoktriniert werden? Dass Unterricht nicht mehr ideologisch darauf abzielt, irgendwelche angeblich „natürlichen Geschlechterordnungen“ zu stabilisieren? Ist denn nicht genau das die Absicht, die hinter dem neuen Bildungsplan steht? Zu verhindern, dass weiterhin – wie in den vergangenen Jahrhunderten, auch und gerade seitens der Kirchen – funktionalisierend, ideologisierend und indoktrinierend auf die Herausbildung der sexuellen Identität von Kindern eingewirkt wird?

Aber so, als queeres Manifest, ist die kirchliche Stellungnahme natürlich nicht gemeint. Was schön klingt, wenn man es im Wortlaut zitiert, wurde von den Medien sofort – und zu Recht – als Kritik am Bildungsplan aufgefasst. Denn mit dieser Wortwahl solidarisieren sich die Kirchen mit einer homophoben Petition, die derzeit von der „christlichen Basis“ in Baden Württemberg vorangetrieben wird – mit oberkrassesten Begründungen – und die den Bemühungen des Bildungsplanes – genau – Indoktrination und Ideologie unterstellt.

Und sorry, das ist unverschämt. Das ist eine arrogante Herablassung, die die Argumente der anderen noch nicht einmal wenigstens zur Kenntnis nehmen will. Da hilft es dann auch nicht, wenn sich die Stellungnahme im Schlusssatz von „Hetzportalen und diffamierenden Blogeinträgen“ distanziert. Denn in der Substanz hat sie sich die Sichtweise der Petition zu eigen gemacht.

Die baden-württembergischen Kirchen hätten sich besser an Angela Merkel ein Beispiel genommen und eingestanden, dass sie sich mit der Akzeptanz von Homosexualität „nicht ganz wohl fühlen“. Ich zumindest hätte ihnen das nicht übelgenommen. Aufgrund ihrer Geschichte, und auch angesichts einer weltweiten christlichen Ökumene, in der sogar das Tolerieren von Homosexualität noch weithin abgelehnt wird, wäre das doch durchaus zu verstehen.

Niemand erwartet von den Kirchen, dass sie sich zur Speerspitze der deutschen Queerbewegung machen. Sie repräsentieren nun einmal vorwiegend konservative, bürgerliche Milieus. Sie hätten also sehr gut eine vom derzeitigen „Zeitgeist“ abweichende Positionierung in Sachen Queer einnehmen können und sich damit als genau als das erwiesen, was sie sind: einer von vielen gesellschaftlichen Akteuren, die eine spezielle Sichtweise auf ein Thema haben.

Aber sie diskutieren nicht, und sie argumentieren nicht. Stattdessen spielen sie mit Muskeln, stellen sich über ihre Gegner_innen und behaupten, diese wären nicht satisfaktionsfähig, weil sie ja „Indoktrination und Ideologie“ betreiben würden.

Liebe Kirchen in Baden Württemberg: Lest doch vielleicht nochmal die Stelle mit dem Splitter im Auge des anderen und dem Balken im eigenen.

PS: Lest auch das Interview mit Nele Tabler im Missy Magazine

Foto: fraencko/Flickr.com