Wahrheit vs. Objektivität: Julia Hasletts Film über Simone Weil

Bevor ich die DVD ins Regal aufräume, will ich noch ein paar Anmerkungen zu einem Dokumentarfilm von Julia Haslett über Simone Weil verbloggen. Und zwar deshalb, weil er mir ein gutes Beispiel dafür zu sein scheint, wie man anders als in der herkömmlichen Lexikons-Wissenssammelns-Kultur mit historischem Erbe umgehen kann.

Dass es eine objektive Darstellung der Vergangenheit nicht gibt, sondern jede Geschichtsforschung das Dokument einer Auseinandersetzung zwischen zwei Subjekten ist – derjenigen, die forscht und derjenigen, über die geforscht wird – ist theoretisch zwar bekannt. Praktisch merkt man davon aber nichts. Bis heute erheben Lexika – besonders frappierend bei Wikipedia – den Anspruch, möglichst „objektiv“ zu sein, die Autoren verschwinden quasi hinter den Zeilen.

Was natürlich nicht bedeutet, dass sie als Subjekte nicht da wären. Es bedeutet nur, dass sie als Subjekte nicht sichtbar sind.

Die feministische Geschichtsschreibung hat schon lange darauf hingewiesen, dass dieses vermeintlich nicht vorhandene Subjektive nur daher verschleiert werden kann, weil es ein Default-Subjekt ist, der weiße, bürgerliche Mann nämlich, der die eigene Sichtweise auf die Welt zur einzig möglichen und Normalen erklärt. Objektivität kann es ja schon allein deshalb nicht geben, weil zu keiner beliebigen Sache der Welt sämtliche Fakten erzählt werden können, jede Darstellung ist mindestens eine Auswahl dessen, was für relevant gehalten wird, und ein Verschweigen und Ausfiltern dessen, was für irrelevant gehalten wird.

Als Alternative haben feministische Wissenschaftlerinnen den Weg der „Kontextualisierung“ vorgeschlagen, sowie das Offenlegen des eigenen Erkenntnisinteresses. Auf diese Weise kann begründet und transparent gemacht werden, warum welche Aspekte in einem jeweiligen Kontext interessieren und andere nicht.

Julia Haslett geht jetzt methodisch noch einen Schritt weiter und legt ihren ganzen Dokumentarfilm als eine Auseinandersetzung zwischen sich selbst und Simone Weil an. Sie legt ihr eigenes Erkenntnisinteresse also nicht nur offen, sondern stellt es ins Zentrum ihrer Arbeit. Sie zieht Parallelen zwischen Simone Weils Engagement im spanischen Bürgerkrieg und ihrem eigenen politischen Aktivismus, über die Depressionen ihres Bruders und fragt, was Weils radikale Ethik ihr in so einer Situation nützen kann.

Dabei geht sie handwerklich professionell und sehr aufwändig vor. Sie hat Menschen aufgetrieben und befragt, die Simone Weil noch persönlich kannten, sie interviewt Weils Nichte Sylvie Weil, sie reist viel – mit anderen Worten, der Film ist außerordentlich informativ, auch für Zuschauerinnen wie mich, die sich eben für Simone Weil interessieren (und nicht für Julia Haslett).

Außerdem gibt sie sich nicht zufrieden mit dem, was man nicht wissen kann. Da sie in Simone Weils Werken nicht Antworten auf alle ihre Fragen finden konnte, engagiert sie eine Schauspielerin und lässt sie in die Rolle Weils schlüpfen. Auf diese Weise kann sie tatsächlich mit „Simone Weil“ sprechen, ich fand das ein interessantes Experiment.

Ich frage mich, wie Geschichtsunterricht aussehen würde, wenn historische Personen und Ereignisse nicht mehr als eine Ansammlung von dürren Fakten betrachtet würden, sondern als ein Fundus, der uns heute zur Verfügung steht, um das eigene Begehren zu verfolgen? Wenn wir nicht länger die eigene subjektive Involviertheit als ein ärgerliches Hindernis betrachten würden, das uns bei der Annäherung an die Geschichte im Wege steht, sondern als wesentliche Basis dafür, eine Tür zur Vergangenheit zu öffnen?

Ich glaube, das wäre großartig. Und ich glaube, es würde mehr „Wahrheit“ ans Licht bringen.

PS: Zum Thema „Brauchen wir große Frauen? Zum Sinn und Unsinn historischer Frauenforschung“ gibt es auch ein bereits älteres Vortragsmanuskript von mir.