Ciswissenschaft und Transpolitik

Diese Woche war ich bei einem Kongress über Transsexualität und hörte zwei Professoren, die (in Bezug auf Beheimatung im bestehenden System) so dermaßen Cis waren, dass es fast schon einer Karikatur ähnelt.

Kurzfassung: Die Wissenschaft hat nun festgestellt, dass Transsexualität normal ist. Normal nicht etwa deshalb, weil wir in politischen Auseinandersetzungen eine Kultur hervorgebracht hätten, die sich von den Zumutungen traditioneller Geschlechterkonzepte befreit hat. Nein, normal, weil Transsexualität nun (offenbar) die höchstmöglichen Weihen erhalten hat, die die bestehende symbolische Ordnung zu vergeben hat: Ihre Entstehung ist naturwissenschaftlich herzuleiten, man kann also experimentell-biologisch beweisen, dass es sie gibt. Die Betroffenen „bilden sich das nicht nur ein“. Tadaa!

Der erste Professor begann bei den Genen und dem Testosteron, das der Körper bei xy-Menschen im Embryonenstadium ausschüttet und bei xx-Menschen nicht. Dieses Testosteron bewirke eine Maskulinisierung des Embryos, allerdings auf komplexen Wegen und in unterschiedlichen Abschnitten, sodass es durchaus vorkomme, dass zwar der Körper maskulinisiert sei, nicht jedoch das Gehirn. Voilà Transsexualität.

Als xx-Mensch und Feministin bin ich darauf trainiert, jedes Sich-Zur-Normsetzen von xy-Menschen rigoros aufzudecken. Also fragte ich den Professor, wie denn seine Theorie die Existenz von Transmännern erkläre, da bei ihnen doch – als xx-Personen – im Embryonalstadium kein Testosteron ausgeschüttet worden sei, folglich auch ihr Gehirn, jedenfalls auf dem von ihm beschriebenen Wege, nicht maskulinisiert worden sein könne. Er nicht_antwortete mit dem Hinweis, das sei eben alles sehr komplex. Bullshit. Vielleicht war ihm auch diese kleine Lücke in seiner Theorie bisher noch gar nicht aufgefallen; es kommt ja häufiger vor, dass xy-Männer nur über sich selber und ihresgleichen nachdenken.

Jedenfalls: Die Theorie dieses Professors liefert eine Erklärung höchstens für Transweiblichkeit, nicht aber für Transmännlichkeit. Was ich nun wiederum ganz interessant finde: Sind eventuell Transweiblichkeit und Transmännlichkeit zwei völlig unterschiedliche Phänomene mit unterschiedlichen Ursachen? Für mich als feministische Cisfrau klingt das plausibel. Denn ich erlebe das „Trans“ in beiden Fällen sehr unterschiedlich: In Transfrauen erkenne ich im Allgemeinen „normale“ Frauen (soweit es in Bezug auf Frausein überhaupt sinnvoll ist, von Normalität zu reden). In Transmännern hingegen sehe ich nicht „normale Männer“. Sondern die von ihnen überschrittene Grenze, auf die sich das „Trans“ bezieht, ist eben genau nicht die hin zu den üblichen Männlichkeiten, sondern die hin zu einer anderen Art von Männlichkeit. Auf einer bestimmten Ebene sehe ich deshalb Transmänner, im Unterschied zu Cis-Männern, als „meinesgleichen“. Weshalb mir auch einleuchtet, dass in queerfeministischen Kontexten die Geschlechtergrenze nicht zwischen Frauen und Männern gezogen wird, sondern zwischen „Frauen*Lesben*Trans“ und „Cis-Typen“.

(PS: Analog finde ich übrigens auch, dass Schwulsein und Lesbischsein zwei unterschiedliche Angelegenheiten sind und nicht bloß die männliche oder weibliche Variante von „Homosexualität“).

Aber zurück zum Kongress. Der zweite Professor erläuterte die Unterschiede zwischen Männergehirnen und Frauengehirnen, die bekanntlich dazu führen, dass Frauen harmoniedüdelig und Männer aggressiv sind, und – oh Wunder – die Gehirne von Transfrauen sehen aus wie die von xx-Menschen und die von Transmännern wie die von xy-Menschen. Nun jaaaa. Der Professor wusste offenbar selber, auf welch dünnem Eis er hier wandelte und betonte immer wieder (ohne sich allerdings ein paar Seitenhiebe auf den Feminismus, der die biologischen Grenzen des Geschlechts bekanntlich einfach ignorieren will, verkneifen zu können), dass diese Unterschiede zwischen Männer- und Frauengehirnen letztlich nur winzig klein seien. Andererseits war seine These ja, dass sie das Phänomen der Transsexualität erklären sollen, also können sie so klein dann ja auch wieder nicht sein. Männliche Logik? (scnr).

Ich sehe ja irgendwie ein, dass solche „Adelungsprozesse“ von Seiten des Mainstreams durchaus ambivalent zu sehen sind. Wenn die Wissenschaft plötzlich ganz normal findet, was sie bis gestern noch, mit gleicher Verve, vollkommen unnormal fand, könnte dieses Umdenken konkrete Verbesserungen bei Gesetzen etc. möglich machen. Aber der Jubel sollte doch, finde ich zumindest, nicht allzu ungebrochen sein.

9783837921700In der Pause traf ich zufällig eine Bekannte, und wir lästerten nicht nur ein bisschen über diese merkwürdige Vorstellung der Männer, sie könnten Phänomene verstehen, indem sie die Ursachen davon aufdecken, sondern sie überredete mich auch, das autobiografische Buch „Die transzendierte Frau“ von Jean Lessenich zu kaufen. Weil ich mich darin prompt während der folgenden zwei Vorträge festlas, kann ich nicht sagen, ob der Kongress ebenso merkwürdig weiter ging.

Aber ich empfehle euch das Buch wärmstens (Psychosozial-Verlag, Gießen 2012). Die Autorin erforscht nicht die Ursachen von Transsexualität, um diese dann in den Griff zu bekommen, sondern erzählt von einem komplexen Phänomen, wobei sie genau nach jener Art und Weise vorgeht, die feministische Erkenntnis ausmacht: Von sich selbst ausgehend die Welt verstehen und den Ereignissen eine freie, eigene Bedeutung geben, die Sinn vermittelt. Nebenbei ist das Buch auch historisch sehr interessant, ein Stückchen deutsche Kulturgeschichte seit den 50er Jahren. Frankfurt kommt auch drin vor.

PS: Und falls es doch eine auf Genetik gründende Erklärung für Transmännlichkeit gibt, würde mich die interessieren, diesbezügliche Hinweise gerne in die Kommentare, danke!

Genderdiskurse sind nicht objektiv. Und das ist gut so.

Bei Diskussionen über Frauen und Männer, den Feminismus und die Welt stört es mich sehr, wenn darüber gesprochen wird wie über das Wachstum der Butterblume oder die Konstruktionspläne eines Automotors – also sachlich, distanziert, „objektiv“. So als seien Frauen, Männer und die Geschlechterdifferenz ein „Thema“, das von irgendwelchen ExpertInnen „wissenschaftlich“ untersucht, analysiert und kategorisiert werden kann.

Besonders schlimm ist das natürlich im biologistischen Umfeld, wo Hirn- oder GenforscherInnen irgendwelche Versuchsreihen veranstalten und am Ende kommt heraus, dass Frauen so und Männer so sind und dass Gene, Hormone, Gehirnströme oder was auch immer dafür verantwortlich wären, aber jedenfalls nicht die Frauen und Männer selber.

Aber auch die meisten sozialwissenschaftlichen Annäherungen sind nicht wesentlich besser. Zwar sehen sie immerhin, dass Frausein und Mannsein gesellschaftliche Konstruktionen sind, allerdings verzetteln sich dann leicht in dem Bemühen, die Art und Weise dieser Konstruktionen zu beschreiben. Am Ende führt das zu dem Ergebnis, dass sich eigentlich überhaupt keine sinnvollen Aussagen zur Geschlechterdifferenz treffen lassen und man die Worte „Frau“ und „Mann“ eigentlich nur noch in Anführungszeichen benutzen kann.

Beide Diskurse geben vor, einander zu kritisieren und scheinen auf entgegen gesetzten Enden des diskursiven Spektrums zu stehen. Aber an diesem Punkt sind sie eben Jacke wie Hose: Sie behandeln das Frausein und Mannsein sowie die darin liegenden Konflikte und Themen als „Untersuchungsgegenstand“ und beanspruchen, ihn von einer distanziert-neutralen Warte aus zu erfassen.

Aber das geht nicht. Denn wir alle – inklusive der Forscherinnen und Forscher selbst – sind ein Teil des Themas. Ich bin eine Frau. Ich kann über Frausein nicht objektiv sprechen, denn dieses „Objekt“ ist Teil meines Subjektseins. Das, worüber dabei verhandelt wird, ist nichts, was mich unbeteiligt und neutral dabei stehen ließe, sondern es betrifft mich unmittelbar persönlich.

Das hört sich auf den ersten Blick an, als würde die Sache dadurch noch komplizierter. Aber in Wirklichkeit wird sie dadurch sehr viel einfacher. Denn ich weiß nicht nur theoretisch etwas über die Geschlechterdifferenz, sondern ich verkörpere sie. Sie „durchquert“ mich, sie begleitet mich im Alltag, sie überrascht mich, sie ärgert mich, sie langweilt mich – aber sie ist niemals objektiv und unabhängig von mir vorhanden. Ich selbst bin das Korrektiv jeder Forschung (und auch jedes Klischees), und zwar aufgrund der simplen Tatsache, dass ich eine Frau bin, woran nichts auf der Welt etwas ändern kann.

Ich muss mein Frausein nicht definieren oder gar durch irgendeine Performance von Weiblichkeit unter Beweis stellen. Es ist einfach so. Und mehr noch: Diese Tatsache stattet mich mit Erkenntnismöglichkeiten aus, die keine Wissenschaft jemals haben könnte. Ich bin die Forscherin und der Untersuchungsgegenstand in ein und derselben Person. Perfekt.

Viele Menschen scheinen dieses unabänderliche persönliche Verwobensein in das Frau-Mann-Thema als Problem zu sehen. So nach dem Motto: Was für ein Skandal, dass wir als kleine wehrlose Babies zur Welt kommen und sofort in dieses Zwangskorsett der „Heteronormativität“ gequetscht, also für weiblich (oder männlich oder uneindeutig) erklärt werden, mit dem ganzen Rattenschwanz der da dranhängt.

Sicher, vieles von dem Rattenschwanz ist tatsächlich Mist, den es beiseite zu räumen gilt, und da sind wir ja auch längst dabei. Aber was das Prinzip betrifft, so bewerte ich es genau andersrum: Dass ich „betroffen“ bin, dass ich also eine Frau bin, egal was ich tue oder was andere tun, ermöglicht es mir, in diesem Diskurs souverän zu bleiben. Denn egal, was irgendjemand über das Frausein erzählt, es muss sich im konkreten Leben, anhand meiner Person also, bewähren, oder es ist bedeutungslos. Wenn mir zum Beispiel einer erzählt, Frauen wären nicht aggressiv, kann ich ihn meine grade Rechte spüren lassen (muss aber nicht). Wenn mir eine erzählt, der Platz der Frau sei an der Seite eines Mannes, kann ich  sie auslachen oder bemitleiden oder zum Feminismus bekehren.

Diese Souveränität, die daraus resultiert, dass mein Frausein eine Tatsache ist, die mir nicht verloren gehen kann, ermöglicht mir letzten Endes dann sogar eine gute Portion Gelassenheit im Bezug auf alle möglichen Forschungsergebnisse. Biologistische Studien können ja in der Tat recht aufschlussreiche Erkenntnisse bringen, und sozialwissenschaftliche Theoreme entwickeln oft Gedankengänge, auf die ich selber noch nicht gekommen bin, bei denen mir aber das ein oder andere Licht aufgeht. Ich muss weder über das eine noch über das andere echauffieren. Für wissenschaftliche Erkenntnisse welcher Art auch immer bin ich dankbar und aufgeschlossen – vorausgesetzt allerdings, sie erheben nicht den Anspruch, besser über mein Frausein Bescheid zu wissen als ich selber.

Denn diesbezüglich habe ich das letzte Wort. Und sonst niemand.

Okay, dann kommt natürlich eine andere und behauptet etwas anderes, und dann diskutieren wir und streiten uns, überzeugen einander oder auch nicht, lernen voneinander oder auch nicht. Mit anderen Worten: Wir machen Politik. Subjektiv, souverän und in aller (weiblicher) Pluralität. Aber genau darum geht es ja.


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Biologie und Biologismus

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Schon lange habe ich vor, einen Artikel über den Unterschied zwischen Biologie und Biologismus zu schreiben. Mir fällt nämlich auf, dass der Vorwurf des „Biologismus“ heute immer öfter auch gegen Frauen und ihre Ideen eingesetzt wird, was wiederum dazu führt, dass das Reden über Biologie, über Körperlichkeit und damit über die Grenzen, die unserem souveränen Weltgestalten möglicherweise gesetzt sind, tabuisiert wird.

Eigentlich handelt es sich dabei ja um eine traditionelle Kritik von Frauen an der Idee, ihre weibliche Biologie oder „Natur“ würde sie auf bestimmte Rollen oder Verhaltensweisen festnageln. Der „Biologismus“ hatte sich im 19. Jahrhundert ausgebreitet, weil die Männer in einer gewissen Erklärungsnot waren: Sie hatten (mit der Französischen Revolution) die Idee in die Welt gesetzt, dass alle Menschen gleich seien, aber für Frauen sollte das nicht gelten: Frauen hatten kein Wahlrecht, durften nicht auf Universitäten und so weiter.

Von Anfang an haben Frauenrechtlerinnen auf diese Inkonsequenz hingewiesen. Und weil es keine logische oder auch nur plausible Begründung gab, behaupteten maßgebliche Theoretiker der bürgerlichen Gesellschaft und der Aufklärung kurzerhand, Frauen seien von ihrer „Natur“ her eben für solche Dinge nicht geeignet.

Das löste im Lauf des Jahrhunderts einen Riesenberg an Forschungen aus, die auch in der Tat ganz überwiegend zu dem Ergebnis kamen, dass Frauen nicht etwa aufgrund von bestimmten, von Männern getroffenen politischen Entscheidungen nicht wählen, nicht öffentlich auftreten, bestimmte Jobs nicht bekommen und so weiter konnten, sondern aufgrund der wissenschaftlichen Tatsache, dass ihre „Biologie“ das eben nun mal nicht zulasse (daher rührt übrigens meine chronische Skepsis gegen wissenschaftlichen Rationalismus).

Es ist daher naheliegend, dass der Kampf gegen den Biologismus in der Frauenrechtsbewegung eine zentrale Rolle spielte. Was mich allerdings wundert ist, dass der Kampf „Biologie oder Sozialisation“ auch heute noch mit großer Verve geführt wird, obwohl er doch seine politische Relevanz längst verloren hat. Denn der ursprüngliche Knackpunkt, nämlich die Frage, ob Frauen gleiche Rechte haben sollen, ist ja längst entschieden. Zumindest in der westlichen Welt würde das doch niemand mehr ernsthaft verneinen.

Und ich finde, es ist auch schlicht und ergreifend egal, ob – um ein banales Beispiel zu nennen – Männer deshalb mehr Interesse an bestimmten Macht- und Führungspositionen haben, weil irgendwelche Gene sie dafür disponieren, oder weil sie als Jungens ein entsprechendes Konkurrenzverhalten antrainiert bekommen haben. Zumindest ist diese Frage in politischer Hinsicht egal. Denn wir müssen darüber diskutieren, ob wir das, was Frauen oder Männer tun, gut oder schlecht finden. Und zu wissen, ob dieses Verhalten nun angeboren, anerzogen oder (eine Möglichkeit, die oft vergessen wird) selbst ausgedacht ist, hilft ja eigentlich nicht bei der Entscheidung darüber, wie man es bewertet, ob man zu dem Schluss kommt, es zu fördern oder möglichst zu unterbinden.

Der Biologie-versus-Sozialisations-Streit als solcher führt im Allgemeinen von den politischen Konflikten weg, weil weil er Fragen auf eine wissenschaftliche Ebene hebt, die in Wirklichkeit auf die politische Ebene gehören.

Aber: Auch wenn ich finde, dass Biologismus in der Politik nichts zu suchen hat, dass also niemand die eigenen politischen Argumente mit Hinweisen auf angeblich biologische Naturnotwendigkeiten verbrämen sollte, so bin ich doch der Ansicht, dass die Biologie ein Faktor ist, der in den politischen Debatten eine Rolle spielen muss, und zwar eine größere als zur Zeit. Menschen sind körperliche Wesen und keine vergeistigten Abstraktheiten. Sie sind Wesen aus Fleisch und Blut, die aus dem Körper einer Frau heraus in die Welt kommen, die bedürftig sind, Hunger und Durst haben, scheißen müssen, krank werden und so weiter. So gesehen ist Biologie sogar das eigentliche Thema der Politik.

Dass die Verdrängung von Körperlichkeit und der menschlichen Bedingtheit ein Wesensmerkmal patriarchaler Politik und Philosophie war, haben schon viele Denkerinnen festgestellt. Die Tradition des Körper-Geist-Dualismus, die mit den alten Griechen anfing und im Christentum fortgeführt wurde, hat zu jenem Denken geführt, dem schließlich auch die Frauen zum Opfer gefallen sind: Sie wurden mit dem dunklen, unkontrollierbaren Aspekt des Menschseins gleichgesetzt, sie hatten die Natur zu repräsentieren, während der Mann die Kultur für sich beanspruchte – das war das Grundmuster, auf dem dann später der Biologismus funktionieren konnte.

Doch können wir heute wirklich damit zufrieden sein, den Biologismus entlarvt zu haben und die Zumutungen, die das für Frauen bedeutet hatte, im Zuge der Gleichberechtigung abgelegt zu haben? Damit, dass wir, die Frauen, quasi auf die Seite des guten, klaren, hellen Geistes überwechseln durften? Ist die Biologie heute unwichtig, eine Nebensache, die keine Rolle mehr spielt, weil wir ja als unabhängige, freie Menschen die Welt einfach so machen, wie wir sie haben wollen, ohne dabei irgendwelche Grenzen des Möglichen beachten zu müssen?

Ich habe meine Zweifel, gerade was das freie politische Handeln von Frauen betrifft. Und zwar deshalb, weil heute der Vorwurf des „Biologismus“ gegen Frauen gewendet werden kann, und zwar immer dann wenn sie darauf hinweisen, dass politische Gleichheit nicht automatisch auch tatsächliche Gleichheit bedeutet (was im Übrigen ebenso eine Binsenweisheit ist, wie es im 19. Jahrhundert eine Binsenweisheit war, dass eine Demokratie, die Frauen nicht einbezieht, keine Demokratie sein kann).

Zeigen möchte ich das am Beispiel eines meiner Blogposts vom vergangenen August, in dem ich mich unter dem Titel „Vaterschaft ist mehr als Sex gehabt haben“ kritisch mit der heutigen Tendenz auseinandergesetzt habe, Vaterschaft zunehmend biologisch zu definieren. Ich schrieb:

Die Beziehungen von Vätern zu Kindern sind niemals evident, sie müssen per Gesetz garantiert werden. Das ergibt sich ganz einfach aus dem Umstand, dass bei der Geburt immer nur eine Person unausweichlich anwesend ist: die Mutter, aus deren Körper das Kind nämlich herauskommt. Die Anwesenheit jeder anderen Person – des Vaters, der Hebamme, der Freundinnen, der Ärztin – ist soziale Verabredung. Sie ist nicht notwendig für den Vorgang der Geburt als solchen.

Dass es den hier beschriebenen biologischen Unterschied zwischen Mutterschaft und Vaterschaft gibt, ist offensichtlich und wurde auch in den Kommentaren nicht bestritten. Aber es wurde von manchen die Ansicht vertreten, dieser Unterschied dürfe im Bezug auf politische Verhandlungen keine Bedeutung haben, zum Beispiel von milhouse, der/die schrieb:

Biologistischer als über die Tatsache der Geburt durch die Frau ein Geschlechterungleichverhältnis zum Kind zu konstruieren geht es ja wohl kaum.

Aber ist das so? Sind wir, wenn wir keine Biologistinnen sein wollen, verpflichtet, die Unterschiede zwischen Vaterschaft und Mutterschaft im Hinblick auf Schwangerschaft und Geburt (zum Beispiel) zu ignorieren? Müssen wir bei unseren Debatten so tun, als wären ein Vater und eine Mutter dasselbe, obwohl sie es in der Realität – shame on you, Biologie! – ganz einfach nicht sind?

Ich finde, biologische Unterschiede zu benennen und dafür aufmerksam zu sein, ist keine Konstruktion, sondern Realismus. Denn die Realität ist immer körperlich, sie bringt ständig Unterschiede hervor zwischen Menschen. Nicht nur zwischen Müttern und Vätern, sondern auch zwischen Alten und Jungen, zwischen Gesunden und Kranken und so weiter und so fort. Sicher, jede politische Schlussfolgerung, die aus der Kenntnisnahme dieser Unterschiede besteht, muss argumentativ begründet und vermittelt werden, niemals versteht sie sich von selbst oder ergibt sich aus der Biologie automatisch. Aber wie auch immer diese Schlussfolgerung aussehen mag, sie steht auf tönernen Füßen, wenn sie die Realität zuvor nicht realistisch zur Kenntnis nimmt.

Biologismus, also die Verbrämung eigener politischer Ansichten und Ideen durch angeblich wissenschaftliche Tatsachen, ist abzulehnen. Aber die Biologie, also die Körperlichkeit und Bedingtheit des menschlichen Lebens mit all ihren Unwägbarkeiten, Ungleichheiten und Konfliktpotenzialen, mit den Grenzen, die sie uns setzt – sie ist die Voraussetzung, von der wir bei all dem ausgehen müssen, wenn das, was wir verhandeln, halbwegs sinnvoll sein soll.


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Das Ärgernis der Globuli

Wirken sie oder wirken sie nicht? Das ist hier nicht die Frage.

Erstmal vorneweg: Ich habe keine große Meinung zur Homöopathie, ich kenne mich auch mit Medizin nicht aus, und was ich mit diesem Blogpost ganz sicher nicht will, das ist einen Beitrag zur Wirksamkeit oder Unwirksamkeit der kleinen weißen Kügelchen abliefern.

Als jetzt die Diskussionen über den Vorschlag von SPD-Gesundheitsmann Karl Lauterbach losging, den gesetzlichen Krankenkassen zu verbieten, homöopathische Mittel zu bezahlen, hatte ich bloß in aller Unschuld getwittert, dass ich ja auch nicht an Homöopathie glaube, aber seit ich die Kügelchen esse, praktisch nicht mehr erkältet gewesen sei. Was stimmt. Ich habe vor einigen Jahren bei einer Freundin so ein kleines Selbermach-Büchlein gefunden, das mal unverbindlich ausprobiert, und tatsächlich funktioniert bei mir und in diesem Fall Nux Vomica hervorragend.

Ich gebe zu, das beweist nichts, vielleicht ist es bloß der Placebo-Effekt, vielleicht ist es reiner Zufall (beide Vermutungen wurden mehrfach und vehement in meiner Timeline geäußert). Ist mir, ehrlich gesagt, ziemlich egal, solange es funktioniert.

Was mich ins Grübeln brachte, das waren die Begründungen, die für die heftigen Abwehr-Reaktionen angeführt wurden. Und zwar grüble ich weniger aus medizinischen oder praktisch-politischen Gründen (ich wusste bisher gar nicht, dass man sich die Kügelchen von der Krankenkasse bezahlen lassen kann, sie kosten ja eh nicht viel und ich habe sie bisher immer selber gekauft). Sondern vielmehr aus philosophischen Gründen.

Denn hinter der Kritik an der Homöopathie stehen zwei Vorannahmen, die ich so nicht teile.

Erstens: Ein Medikament wirkt nur, wenn sich wissenschaftlich nachweisen lässt, warum.

Zweitens: Die Wirksamkeit eines Medikamentes kann nur als bewiesen gelten, wenn es immer und überall wirkt.

Beides überzeugt mich nicht. Und zwar auf logischer Ebene – wie gesagt, inwiefern sich diese auf die Homöopathie anwenden lässt, weiß ich nicht und ist hier auch nicht mein Thema.

Mir erscheint es aber sehr logisch, die Möglichkeit zumindest zuzugestehen, dass irgendeine Maßnahme ein Problem lösen kann, auch wenn sich nicht wissenschaftlich nachweisen lässt, warum das so ist. Wissen wir alles? Nein. Vielleicht sind die Dinge zu komplex. Vielleicht sind wir zu dumm. Soll es ja geben.

Ebenso logisch erscheint mir, dass – gerade im Fall von Krankheiten, aber das Prinzip ist auch auf andere Themen anwendbar – eine Behandlung bei manchen Menschen anschlägt, bei anderen aber nicht, in manchen Fällen wirkt, in anderen aber nicht. Eigentlich ist das ja auch in der Schulmedizin längst bekannt. Zumindest weiß ich, dass inzwischen bewusst ist, dass Frauen auf bestimmte Medikamente anders reagieren als Männer, Kinder anders als Erwachsene und so weiter. Im Prinzip ließe sich das wohl bis auf die individuelle Ebene herunterbrechen, die Unterschiede zwischen den Leuten und erst recht zwischen den vielen Verfassungen, in denen sie sich gerade befinden, sind vielfältige.

Mir scheint diese Vorstellung, dass Wahrheit gleichbedeutend mit Allgemeingültigkeit ist, und dass Lösungen nur real sind, wenn sie immer und überall gelten, einer der grundlegenden Denkfehler unserer Kultur zu sein. Anstatt von der Wirklichkeit auszugehen, wie wir sie vorfinden, und im Umgang mit ihr Erfahrungen zu sammeln, versuchen wir, abstrakte Regeln und Gesetze auf konkrete Situationen anzuwenden – notfalls mit Gewalt. Und anstatt bei einem realen Problem eine pragmatische Lösung zu suchen, lassen wir das lieber sein, sobald uns theoretisch irgend eine andere Situation einfällt, in der das möglicherweise nicht funktionieren würde. (Dass ein solches Vorgehen zu schlechten Ergebnissen führt, hat – in einem ganz anderen Kontext – Elinor Ostrom untersucht. Ganz wissenschaftlich übrigens.)

Ich gebe zu, eine solche differenzierte Herangehensweise ist schwieriger in der Handhabung. Es ist dann alles nicht so hieb- und stichfest. Es gibt Spielräume und Unklarheiten. Aber wenn die Realität doch nun mal so ist? Komplex? Nicht so ohne weiteres auf einen Nenner zu bringen?

Das ist jetzt übrigens kein Plädoyer dafür, auf allgemeingültige Regeln generell zu verzichten (wie etwa: Was bezahlen die Krankenkassen und was nicht). Aus rein pragmatischen Gründen brauchen wir das. Nicht jeder Einzelfall kann jedesmal bei allem neu entschieden werden. Und möglicherweise spricht pragmatisch gesehen einiges dafür, die Kosten von Homöopathie nicht auf die Allgemeinheit zu übertragen – wie gesagt, das kann ich nicht beurteilen.

Worauf es mir ankommt ist, welche Begründungen dafür angegeben werden. Und Begründungen wie „Die Wirksamkeit ist wissenschaftlich nicht nachweisbar“ oder „Es gibt Fälle, in denen es nachweislich nicht nützt“ sind keine, die mich überzeugen. Überzeugen würde mich vielleicht: „Wir sind leider nicht in der Lage, die ganze Komplexität des Themas zu durchdringen. Aber aus diesen und jenen Gründen haben wir uns jetzt mal auf diese Regelung geeinigt. Sie ist sicher fragwürdig, aber das Beste, was uns momentan einfällt.“

Nachtrag:

Gerade werde ich drauf hingewiesen, dass die von mir genannten Annahmen so nicht gelten würden:
Bei Punkt 1 müsse nur die reine Wirksamkeit nachgewiesen werden, nicht das warum. Und Punkt 2 würde niemand verlangen. Juhuu, da ist die Wissenschaft zum Glück wohl schon weiter als die Alltagsdiskussionen. Dort werden beide Punkte nämlich so diskutiert, wie hier beschrieben. Denn das Argument „Die Wirkstoffe wurden so oft verdünnt, dass nix mehr drin ist“ läuft genau auf Punkt 1 hinaus – auf das Warum. Und der Einwand „Ich kenne X Fälle, in denen Homöopathie nichts genutzt hat“, ist Punkt 2.


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