Abtreibung und Kindstötung

Heute erreichte mich eine Meldung, dass ein Forscher und eine Forscherin, Alberto Giubilini und Francesca Minerva, in einem Magazin für Medizinethik argumentiert haben, es sei ethisch erlaubt, wenn Eltern Babies in den ersten Tagen nach der Geburt töten, zum Beispiel „wenn sie sich überfordert fühlen und wirtschaftliche, soziale oder psychologische Umstände es ihnen unmöglichen machen, sich um ihr Kind zu kümmern.“

Diese Nachricht sorgte umgehend für Empörung, und man kann wohl davon ausgehen, dass sie auch unter Wissenschaftler_innen kein Konsens ist. Aber es geht hierbei auch um die Art der Argumentation. Denn auch wenn viele vermutlich die Schlussfolgerung von Giubilini und Miverva ablehnen, befürchte ich, dass ihre Argumente für viele nachvollziehbar sein könnten.

Sie beziehen sich nämlich auf die Abtreibung und fragen: Warum soll man Embryonen vor der Geburt töten dürfen und nach der Geburt nicht? Schließlich sind auch neu geborene Babies noch keine „wirklichen Personen“, da ihnen „noch die Fähigkeiten fehlen, die ein moralisches Recht auf Leben rechtfertigen“.

In der Tat: Wenn man die Frage der Abtreibung als eine versteht (und das ist in einer juristischen Logik unweigerlich der Fall), in der die Interessen zweier Personen gegeneinander abgewogen werden, also die der Mutter und die des noch ungeborenen Kindes, dann hat diese Argumentation etwas für sich. Leider wird über Abtreibung auch oft so diskutiert – die Gegner_innen sagen: Die Interessen des Kindes/Embryos sind höher einzuschätzen, während die Befürworter_innen sagen: Die Interessen der Mutter (oder auch: der Eltern) sind höher einzuschätzen.

Wer die Frage der Abtreibung als Rechtskonflikt zwischen Eltern und Kind einschätzt und die Entscheidung über diesen Konflikt unparteiischen Instanzen (wie Gesetzen und Gerichten) überträgt, wird gegenüber der Argumentation von Giubilini und Minerva tatsächlich in Bedrängnis geraten.

Der Punkt ist aber, dass die Frage der Abtreibung etwas völlig anderes ist. Hier geht es nicht um das Verhältnis von Eltern und Kindern, sondern um das Verhältnis einer Frau zu sich selbst bzw. zu einem Teil von ihr. Ein ungeborener Embryo ist nicht nur keine moralische Person, er ist auch kein eigenständiges Lebewesen. Denn ein Embryo kann nicht unabhängig vom Körper der schwangeren Frau betrachtet werden. Die Situation einer Schwangerschaft ist ein „zwei in eins“, weder eine einzelne, noch zwei getrennte Personen. Das ist eine Situation, die im juristischen System, das immer die Interessen von eigenständigen Personen gegeneinander verhandelt, schlicht fehl am Platz ist.

Ich (und viele Feministinnen, allerdings zugegebenermaßen nicht alle) argumentieren beim Thema Abtreibung daher gerade nicht mit dem Konstrukt des „Rechts“. Es gibt kein Recht auf Abtreibung. Aber eine Abtreibung kann manchmal notwendig sein. Diese Notwendigkeit kann niemand anderes feststellen als die schwangere Frau, denn es ist ihr Körper, der noch ein anderes Lebewesen als Teil von sich selbst beherbergt, um den es hier geht. In aller Regel wird diese Entscheidung von der betroffenen Frau selbst als höchst problematisch empfunden und alles andere als leichtfertig getroffen.

Zu bekräftigen, dass diese Entscheidung letzten Endes von der schwangeren Frau getroffen werden muss und nicht von externen „Expert_innen“, bedeutet nicht, das „Recht auf Abtreibung“ zu fordern. Es bedeutet nur, die Beurteilung des ethisch und moralisch schwierigen Themas bei derjenigen zu belassen, die es betrifft, weil es um ihren Körper geht. Die Dramatik und die ethische Tragweite dieser Entscheidung muss dabei nicht heruntergespielt werden (nach dem Motto: Sind doch nur ein paar Zellen), im Gegenteil. Gerade weil es sich um ein moralisches Dilemma handelt, kann sich die Gesellschaft in einem solchen Fall nicht anmaßen, der schwangeren Frau vorzuschreiben, was sie zu tun hat. Sie kann Argumente austauschen, sie kann Rahmenbedingungen bereitstellen, sie kann alternative Lösungswege vorschlagen. Aber nicht mehr.

Wenn man sich das erst einmal klar macht, wird auch deutlich, warum der Vergleich, den Giubilini und Minerva zwischen Abtreibung und Kindstötung ziehen, vollkommen absurd ist. Denn ein bereits geborenes Kind ist NICHT mehr ein Teil des Körpers einer schwangeren Frau. Die ethische Verantwortung für ein bereits geborenes Kind trägt in der Tat nicht mehr die Mutter – und natürlich auch nicht der Vater – sondern die Gesellschaft als Ganze.

Denn bei einem bereits geborenen Kind hat die Gesellschaft die Möglichkeit, das Überleben dieses Kindes ganz unabhängig von der Frau, die es geboren hat, zu gewährleisten. Wenn die Mutter sich psychisch, wirtschaftlich, sozial oder sonstwie nicht in der Lage sieht, sich um das Kind zu kümmern, und wenn es auch keinen Vater gibt, der das an ihrer Stelle übernimmt, dann kann es eben jemand anderes machen.

Genau das – jemand anderes übernimmt die Verantwortung – ist eben bei einem ungeborenen Kind nicht möglich. Ein ungeborenes Kind ist ein Teil des Körpers seiner Mutter, und die einzige Möglichkeit, die eine Gesellschaft hat, um eine Abtreibung zu verhindern, ist, gewaltsam in den Körper der schwangeren Frau einzugreifen: etwa sie dazu zu zwingen, das Kind auszutragen und zu gebären, oder ihren Körper aufzuschneiden, um das Kind per Kaiserschnitt herauszuholen.

Bei der Diskussion über Abtreibung geht es genau darum: Hat eine Gesellschaft das Recht, über den Körper einer Frau gegen deren Willen zu entscheiden?

Und mit dieser Frage hat der vorliegende Vorschlag, die Tötung von Babies ethisch zu legitimieren, nichts, aber auch rein gar nichts zu tun.

Sie tut gar nichts für die Frauen!

Foto: Deutscher Bundestag / Lichtblick - Achim Melde

Schon seit längerem bereitet mir eine Argumentation Bauchschmerzen, die von feministischer Seite oft gegen Kristina Schröder (aber auch gegen andere Politikerinnen) vorgebracht wird: Dass sie nämlich „nichts für die Frauen“ tun würde. Denn dies berührt die Frage, wie wir den „feministischen Wert“ von politisch aktiven Frauen beurteilen sollen, und das ist meiner Ansicht nach eine  zentrale Frage.

Klar ist, dass Kristina Schröder Ansichten vertritt, die konträr liegen zu dem, was in frauenpolitisch aktiven Kreisen derzeit vorwiegende Meinung ist – zum Beispiel ist sie gegen Quotenregelungen, vertritt die Ansicht, dass man sich heute mehr um die Benachteiligung von Jungen als um die von Mädchen kümmern sollte, und so weiter. Diese Auffassungen kann man mit guten Gründen für falsch halten, die Frage ist aber, wie dieser politische Konflikt ausgetragen wird und mit welchen Argumenten.

Ist es denn etwa die Aufgabe einflussreicher Frauen, etwas „für die Frauen“ zu tun? Zeigt sich darin ihre „feministische Qualität“?

Ich meine, Nein. Wenn wir die Sache mit der weiblichen Freiheit ernst nehmen, dann müssen wir es ertragen, dass Frauen unterschiedliche Auffassungen haben. Man würde ja auch von einem politisch aktiven Mann nicht verlangen, dass er „etwas für die Männer tut“, und vollends sinnlos ist es, von einem politischen aktiven Menschen zu verlangen, „etwas für die Menschen“ zu tun. Alle politisch aktiven Menschen sind ja wohl davon überzeugt, dass sie „etwas für die Menschen“ tun, nur dass sie eben unterschiedliche Auffassungen davon haben, was das inhaltlich bedeutet. Das und nichts anderes ist Politik – dass da unterschiedliche Auffassungen von dem, was richtig und falsch ist, aufeinanderprallen und miteinander verhandelt werden müssen.

Frauen sind keine spezielle, schon gar nicht homogene Gruppe. Weibliche Subjektivität bedeutet nichts anderes als dass die Frauen untereinander ebenso plural sind wie Menschen es im Allgemeinen nun mal sind. Und dass eine Frau Auffassungen vertritt, die sich von denen der Mehrheit der Frauen unterscheiden, macht sie nicht weniger „weiblich“, noch nicht einmal weniger feministisch.

Das ist schlicht kein sinnvolles Argument, zumal die interessantesten und folgenreichsten feministischen Auffassungen fast immer von einer Minderheit vertreten wurden. Als die ersten Suffragetten das Wahlrecht für Frauen forderten, hätte man ihnen mit gutem Grund vorhalten können, dass die allermeisten Frauen ihrer Zeit das für eine falsche Forderung hielten, die nicht den „Interessen der Frauen“ entsprach.

Noch problematischer ist es, wenn der Vorwurf, nicht „die Frauen“ zu vertreten, mit der Unterstellung von sachlicher Inkompetenz einhergeht. Die Unterstellung, Frauen, die nicht das tun, was von ihnen erwartet wird, wären „inkompetent“, stammt aus den Tiefen der patriarchalen Mottenkiste. Er bedeutet nichts anderes, als diesen Frauen ihren Status als politische Subjekte abzusprechen. Man schließt sie auf diese Weise aus dem politischen Diskurs aus, weil man in ihnen nicht eine Gegnerin sieht, sondern eine, die es nicht einmal verdient, als Gegnerin ernst genommen zu werden.

Möglicherweise ist Kristina Schröder sogar inkompetent, das kann ich nicht beurteilen, aber aus dem, was ihr inhaltlich vorgeworfen wird, ist das jedenfalls nicht abzuleiten. Sie vertritt vielmehr eine durchaus konsistente Politik, die man zwar falsch finden kann, aber eben im Sinne eines politischen Konfliktes und nicht in dem Sinne, dass sie „ihre Aufgabe nicht erfüllt“.

Es ist ja nicht die Aufgabe einer Politikerin, dieselbe Meinung zu haben, wie ich. Und schon gar nicht darf ich das als Feministin von einer anderen Frau erwarten, zumindest nicht, wenn die Freiheit der Frauen mir wichtig ist. Im Gegenteil. Sobald wir von einflussreichen Frauen verlangen, dass sie „im Namen der Frauen“ Politik machen sollen, untergraben wir selbst die pure Möglichkeit eines freien weiblichen Handelns.

Heißt das, dass es gar keine feministischen Analysekriterien geben kann, um die Politik einer anderen Frau zu beurteilen und dass ich alles akzeptieren muss, was eine tut?

Keineswegs. Der feministische „Wert“, wenn man so will, einer politisch einflussreichen Frau liegt nur eben nicht darin, dass sie eine bestimmte „Frauenmeinung“ vertritt und sich für „Fraueninteressen“ einsetzt. Sondern er liegt darin, dass sie weibliche Subjektivität verkörpert, dass sie also das tut, was sie, eine Frau, für richtig hält – und dass sie sich dabei nicht in vorgegebene Rollenzuweisungen fügt. Oder einfacher gesagt: dass sie in Freiheit handelt und nicht aus Anpassung oder Konformismus.

Im Falle von Kristina Schröder müssten wir uns also fragen: Tut sie das, was sie tut, weil sie davon überzeugt ist? Weil es ihrer eigenen Ansicht entspricht, weil sie es für richtig hält? Oder tut sie das, was sie tut, um innerhalb einer männlichen symbolischen Ordnung Anerkennung zu finden? Nutzt sie ihre Handlungsspielräume, um Einfluss zu nehmen in die Richtung, von der sie überzeugt ist? Oder will sie vor allem Karriere machen, gemocht werden, irgendwelchen Rollenvorgaben anderer entsprechen?

Die Frage kann ich nicht beantworten, dazu weiß ich zu wenig von Kristina Schröder. Solange es aber keine klaren Hinweise in die andere Richtung gibt, gehe ich erst einmal davon aus, dass sie meint, was sie sagt. Dass sie das für richtig hält, was sie tut.

Und von dieser „Unterstellung“ ausgehend nehme ich sie als politische Gegnerin ernst, als eine Frau also, die andere Auffassungen vertritt als ich, über die ich mit ihr streiten und argumentieren kann. Dieser Konflikt kann durchaus hart und unversöhnlich ausgetragen werden, aber er muss als Konflikt ausgetragen werden und nicht entlang der Grenze, dass ich „für die Frauen“ spreche und sie nicht.

Denn so falsch ich es auch finden mag, was sie tut: Eine Frau, also ein freier Mensch, ist sie genauso wie ich.

Was zu tun bleibt. Kleine Nachlese zum Frauentag.

Bevor ich‘s wieder vergesse, hier ein kleines Journal dessen, was mir in den letzten paar Tagen im Kopf herum ging.

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Bei meiner Präsentation zum Thema „Frauen- und Männerbilder in der Werbung“ zeige ich immer dieses schöne Motiv aus der Lufthansa-Werbung, das ich persönlich ganz schrecklich finde – eine meiner Thesen ist, dass das, was wir jeweils Schrecklich finden an Werbung, sehr unterschiedlich ist und es schwer ist, objektive Kriterien für die Schrecklichkeit von Werbung zu begründen, und dass es vielmehr darum geht, in konkreten Situationen das persönliche Urteil selbstbewusst zu vertreten. So auch am Freitag abend in Unna.

Hinterher kam eine Frau auf mich zu und erzählte von einem Paarseminar, das sie kürzlich besucht habe. Es seien hauptsächlich „moderne Paare“ dort gewesen (ich nehme an, heterosexuelle), bei denen beide berufstätig sind. Ein häufig von den Frauen genanntes Problem sei dabei angesprochen worden: Dass sie nämlich das Gefühl haben, nicht nur im Beruf „stark“ sein zu müssen, sondern auch zuhause, dass also ihr Image der „starken, erfolgreichen Frau“ auch von ihren Ehemännern zuhause weiter hochgehalten werde, während sie dort eigentlich emotionalen Rückhalt und Unterstützung brauchen.

Dieses Bild der Lufthansa, wo die Frau auch einmal „schwach“ den Kopf an einer starken Schulter ausruhen darf, so die Vermutung meiner Gesprächspartnerin, hätte den Frauen in diesem Seminar sicher gut gefallen. Interessant. Ist das Problem der Frauen heute vielleicht gar nicht mehr, dass ihnen die Rolle der Schwachen zugewiesen wird, sondern dass ihnen dauernd die Rolle der Stärkeren zugewiesen wird?

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Im Zug fand ich dann die Zeit, die taz vom 8. März nachzulesen, darin den Artikel „Morgen verlass ich ihn“, in dem ein Psychologe erläutert, warum seiner Meinung nach Frauen so ein Problem damit hätten, klare Grenzen in Beziehungen zu ziehen. Gestolpert bin ich über folgenden Absatz:

Im Radio appellierte Wolfgang Krüger einmal an die Frauen: „Verliebt euch, aber verliert dabei nicht den Verstand.“ Damit meinte er, dass Frauen enge Bindungen mit Männern eingehen, aber trotzdem darauf achten sollen, sie selbst zu bleiben. Nach der Sendung schrillten im Studio die Telefone, die Frauen waren empört: Wenn wir uns verlieben, riefen manche in den Hörer, dann wollen wir uns auch verlieren, anders geht das doch gar nicht. Wolfgang Krüger sagt: „Das nenne ich Unterwerfung.“

Ich finde das Quatsch. Ich behaupte, es ist aus einer bestimmten männlichen Sicht Unterwerfung, und weil diese männliche Sicht in unserer Gesellschaft auch im Bezug auf Liebesdinge vorherrschend ist, entstehen den Frauen dadurch Nachteile. Aber an und für sich haben die Frauen natürlich vollkommen recht: „Wenn wir uns verlieben, dann wollen wir uns auch verlieren, anders geht das doch gar nicht.“ Genau, anders geht das gar nicht. Let’s deal with it.

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In Göttingen fragte mich eine Teilnehmerin in der Diskussion, warum ich dauernd von Frauen und Männern spreche und nicht, wie sie bevorzuge, von „weiblich bzw. männlich sozialisierten Menschen“.

Mir ist dieser Sprachgebrauch natürlich auch schon oft begegnet, aber ich empfinde dabei immer ein gewisses Unbehagen, wenn mir natürlich auch die Absicht dahinter klar ist, nämlich wegzukommen von einem essenzialistischen Verständnis von Frau-/Mannsein bei gleichzeitiger Anerkennung und Berücksichtigung faktischer – eben ansozialisierter – Unterschiede. Doch dieses Unbehagen war immer eher diffus geblieben.

Jetzt musste ich die Frage aber nunmal beantworten, und dabei fiel mir dann eben auch ein, was mich daran stört: Ich betrachte mich nämlich nicht als bloßes Ergebnis meiner Sozialisation. Und auch wenn man alles Ansozialisierte von mir substrahieren würde, würde nicht ein irgendwie geschlechtsloses „Gefäß“ übrig bleiben, sondern etwas, das ich vorläufig „weibliche Subjektivität“ nenne. Meiner Ansicht nach vollzieht sich das Werden eines Menschen in einer ständigen Wechselbeziehung zwischen mir und den äußeren Einflüssen, die mich prägen, ich bin diesen Einflüssen nicht einfach ausgeliefert, sondern es gibt etwas, das auf sie antwortet. Und mir ist es wichtig, dass auch dieses „Gegenüber“, das da mit meiner Sozialisation quasi in Kommunikation tritt, nichts Ungeschlechtliches ist, sondern ein weibliches Gegenüber.

Woraufhin diese Teilnehmerin dann den Einwand vorbrachte, dass man aber auch den herrschenden Subjektbegriff problematisieren muss, der ja auch „männlich“ geprägt ist, womit sie natürlich vollkommen recht hat. Umso wichtiger ist es aber meiner Ansicht nach, von einer „weiblichen Subjektivität“ auszugehen, auch wenn sie sich nicht klar definieren lässt, und nicht nur von durch Sozialisierung hervorgebrachter Weiblichkeit.

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Nach meinem letzten Vortrag heute morgen in Wunstorf bot mir eine Teilnehmerin netterweise an, mich im Auto mit zum Bahnhof zu bringen. Dabei erzählte sie mir von einem Kabarettprogramm, in dem der Kabarettist (dessen Namen ich wieder vergessen habe), als running gag den zu der Zeit noch nicht erfolgten, aber bereits sehnlichst erwarteten Rücktritt von Christian Wulff hatte, unter anderem mit der Pointe: „Hätte Wulff nur halb so viel Eier in der Hose wie Margot Kässmann, wäre er schon längst zurück getreten.“

Not funny, sage ich. Margot Kässmann hat keine Eier in der Hose, das ist ja grade der Punkt. Solange wir solche Pointen plausibel finden, ist noch viel Arbeit am Symbolischen zu leisten.

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Auf der Rückfahrt dann weiter taz-Lektüre, dabei ein Streitgespräch über Karrierechancen von Frauen unter der Überschrift „Chef wird man auf dem Herrenklo“ zwischen der Politikwissenschaftlerin Monika Schulz-Strelow und der Managerin Marianne Heiß. Letztere erklärte die Abwesenheit von Frauen aus Führungspositionen in der Wirtschaft so:

Ich habe einige Kolleginnen gesprochen, die eingestehen, dass sie nicht in die erste Reihe wollen. Sie wollen ihr geregeltes Leben nicht gegen mein ungeregeltes tauschen: um fünf aufstehen, um den ersten Flieger zu bekommen, und am Montag nicht wissen, ob man am Mittwoch in Amsterdam, Athen oder Paris sein wird. Haben wir genug Frauen, die so arbeiten wollen? Das glaube ich nicht.

Sicher hat sie mit der Beobachtung Recht, dass viele Frauen das nicht wollen. Aber so wie sie es hier erzählt, klingt es, als wären sie einfach zu faul. Das ist aber am Punkt vorbei. Frauen sind nicht faul, und wenn es etwas Wichtiges zu tun gibt, sind sie natürlich bereit, morgens um fünf Uhr aufzustehen. Der Punkt ist, dass sie es DAFÜR nicht tun wollen. Aus Gründen, die es eben zu untersuchen und nicht hinzunehmen gilt.

Louise Ottos Roman „Schloss und Fabrik“

Das Schöne am E-Book ist ja, dass man da jetzt die ganzen alten Bücher kostenlos bekommt, die man schon immer mal lesen wollte. Zumindest, wenn man sich wie ich für das 19. Jahrhundert interessiert, ist das quasi ein Schlaraffenland.

Meine jüngste Lektüre war der Roman „Schloss und Fabrik“ von Louise Otto, die später (1849) als Herausgeberin der Frauenzeitung mit dem berühmten Motto „Dem Reich der Freiheit werb ich Bürgerinnen“ und noch später (1866) mit ihrem dem Grundlagenwerk „Das Recht der Frauen auf Erwerb“ eine der wichtigsten Vordenkerinnen der deutschen Frauenbewegung war.

Ihr erster Roman hingegen, erschienen 1846, beschäftigt sich mit den sozialen Gegensätzen und Konflikten, die aus der Entmachtung des Adels und der kapitalistischen Umstrukturierung der Wirtschaft entstanden. Literarisch ist das Ganze nicht unbedingt ein Meisterwerk. Aber es ist sehr spannend zu lesen und aufschlussreich in Bezug auf die politischen Debatten jener Zeit, in der die „vier Stände“ – der Adel, die Kirche, das Bürgertum und das Proletariat – noch in klarer Abgrenzung voneinander existierten. Noch waren die ideologischen Fronten nicht klar, das Kommunistische Manifest noch nicht geschrieben, die „bürgerlichen“ Revolutionen von 1848 noch Zukunftsmusik.

Die Handlung ist ziemlich holzschnittartig, die Figuren sind weniger als individuelle Persönlichkeiten gezeichnet denn als Repräsentationen bestimmter „Typen“. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Freundschaft zwischen Elisabeth, Tochter einer adligen Familie, und Pauline, Tochter eines Fabrikbesitzers, dessen Reichtum auf brutaler Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter gründet.

Gleichzeitig gärt es im Volk, der Kommunismus ist tatsächlich jenes „Gespenst“, das umgeht in Europa. Gewaltsame Aufstände klopfen quasi schon an die Tür, und Militär und Polizei sind die einzigen, die die Machthaber davor schützen.

Hätte ich das Buch vor zehn oder zwanzig Jahren gelesen, hätte ich es vermutlich als bürgerlich-revisionistisch abgetan. Denn Louise Otto tritt klar für eine gewaltfreie Lösung der sozialen Widersprüche ein: Pauline versucht, durch tätige Hilfe für die proletarischen Familien die schlimmsten Folgen des Unrechts ihres Vaters und Bruders abzumildern und gleichzeitig diese dazu zu bewegen, bessere Arbeitsbedingungen einzuführen. Sie verliebt sich in den Arbeiter und Sozialtheoretiker Franz, der die Arbeiterschaft auf gewaltfreie Art zu organisieren versucht. Elisabeth widerum verliebt sich in einen Grafen, der ebenfalls reformerische Ideen pflegt und verbreitet.

Unterlaufen werden ihre Bemühungen einerseits durch diejenigen, die an den „alten Zuständen“ festhalten wollen. Der Adel trägt in Ottos Darstellung eine Mitschuld an dem ausbeuterischen Tun der Fabrikherren, weil er diesen die soziale Anerkennung verweigert und sie quasi dazu treibt, auf puren Reichtum und materiellen Aufstieg zu setzen. Auf der anderen Seite stehen die „kommunistischen Aufrührer“ – die allerdings in der Handlung nicht selbst eine Rolle spielen, sondern nur in Form von Flugblättern und fernen Revolutionen vorkommen. Sie werden von Otto nicht verdammt, sie sind moralisch klar im Recht. Aber, meint Otto (durch ihre Protagonisten): Es bringt halt nichts, die Umstände werden dadurch eher schlimmer als besser. Und eine wichtige Rolle spielen schließlich auch die Jesuiten und die Geheimpolizei, die im Hintergrund Strippen ziehen, mit Hilfe von Agents Provocateurs die Arbeiter zu unsinnigen Aktionen aufwiegeln und sämtliche Reformbemühungen denunzieren, indem sie Beweise fälschen und dubiose Anschuldigungen konstruieren. Alles ganz aktuell irgendwie.

Ich fand die Lektüre ziemlich interessant, nicht nur weil mein Enthusiasmus für Revolutionen ziemlich nachgelassen hat – übrigens aus denselben Gründen, die auch Louise Otto bereits ins Feld führt: Sie mögen zwar gerecht sein, aber es sterben zu viele Leute dabei. Aus anarchistischer Perspektive fand ich es natürlich besonders spannend, wie genau Otto neben den Antagonisten Proletariat und Kapital die Rolle des Staates reflektiert, der sich in der Rolle als Ordnungshüter zum Schutz der Kapitalisten sehr wohl fühlt, denn darauf stützt sich seine Macht. Und ohne ihn wären die Kapitalisten nichts.

Louise Ottos Roman ist wohl nicht ohne Grund beim Erscheinen sofort zensiert worden und konnte nur in einer verstümmelten Version erscheinen. Die Originalfassung ist erst 1996 zugänglich gemacht worden.

Ich fordere nichts von Männern. Was ich stattdessen tue.

Kürzlich starteten Journalistinnen unter dem Motto www.pro-quote.de eine Initiative, die in den deutschen Medien mehr Frauen in Führungspositionen bringen soll. Genannt wurde die Zahl von zwei Prozent Chefredakteurinnen, und das ist in der Tat ja genauso desolat wie in Aufsichtsräten. Von daher ist es der Aktion gelungen, auf eine wirklich krasse Schieflage hinzuweisen.

Trotzdem habe ich den Aufruf nicht unterzeichnet. Und zwar nicht nur, weil darin eine Frauenquote gefordert wird und ich ja bekanntlich keine große Quotenfreundin bin.

Was mich noch viel mehr stört ist, dass hier die Frauenquote gefordert wird. Der Aufruf besteht ja aus einem offenen Brief „an die Chefredakteure, Intendanten, Verleger und Herausgeber“, denen – bezeichnenderweise unter Berufung auf die Autorität eines weiteren Mannes, Gabor Steingart vom Handelsblatt – gesagt wird: „Wir fordern, dass mindestens 30 Prozent der Führungspositionen in den Redaktionen im Laufe der nächsten fünf Jahre mit Frauen besetzt werden – und zwar auf allen Hierarchiestufen. … Schaffen Sie das?“

Diesen symbolischen Akt, dass gestandene Frauen, teilweise Chefredakteurinnen, sehr viele Ressortleiterinnen, unter Berufung auf eine männliche Autorität einen Brief an ihre Kollegen und Chefs schreiben und von ihnen etwas fordern, halte ich für sehr problematisch.

Um es einmal ganz klarzustellen: Ich fordere von Chefredakteuren, Intendanten und Verlegern rein gar nichts. Ich glaube nämlich nicht, dass sie in der Lage sind, gesellschaftliche Probleme zu lösen oder dass sie dazu beitragen können, meinen Wunsch nach einer Welt mit mehr öffentlichem Einfluss von Frauen zu verwirklichen. Ich fordere von ihnen nichts, sondern ich trage mit ihnen einen politischen Konflikt aus. In diesem Konflikt bin ich die Handelnde, nicht die Bittende.

Etwas von jemandem zu fordern bedeutet immer auch, ihm Autorität zuzusprechen. Wer etwas von jemandem fordert, sagt damit zugleich aus, selbst nichts tun zu können und für das Erreichen der eigenen Wünsche und Ziele auf die Hilfe des anderen, an den die Forderung gerichtet ist, angewiesen zu sein.

Hierin liegt meines Erachtens ein wichtiger Grund, warum die Frauenbewegung für viele Frauen keine große Autorität hat: Sie stellt zu viele Forderungen und setzt sich damit selbst in die Position derjenigen, die nichts ausrichten kann. Warum soll ich mich mit meinem Wunsch, etwas zu bewirken und etwas zu tun, an einer Bewegung orientieren, die mir eingestandenermaßen gar nicht helfen kann, sondern selbst auf die Hilfe anderer angewiesen ist? Warum sollte ich mich dann nicht direkt an die Mächtigen wenden und ihnen meine Wünsche anvertrauen?

Mit Forderungen muss man sehr vorsichtig sein. Denn mit jeder Forderung bestärkt man die Macht und Wichtigkeit des Gegenübers. In der Tat war die Quoten-Forderungs-Initiative der Medienfrauen auch postwendend eine willkommene Gelegenheit für den einen oder anderen Herren Chefredakteur, sich mit seiner Meinung contra oder pro zu Wort zu melden. Der eine macht den Frauen wohlwollend von oben herab Versprechungen, sichert ihnen sein Mitgefühl und seine Unterstützung zu. Der andere erklärt ihnen, warum ihre Forderung dumm und falsch ist. So oder so: Papa erklärt die Welt und entscheidet, ob die Kinder das Bonbon bekommen oder nicht.

Ich freue mich natürlich, wenn Männer sich für die Ansichten von Feministinnen interessieren, gerne dürfen sie sich auch für Quoten einsetzen und Frauen fördern. Aber wenn sie das tun, dann ist das ihre Sache. Sie sollen es nicht mir oder „den Frauen“ zuliebe tun, sondern weil sie verstehen, warum die Abwesenheit von Frauen ein Problem ist und weil der Einsatz für mehr weiblichen Einfluss ihrer Überzeugung entspricht. Nur dann ist es etwas wert. Aber dann muss ich auch nichts mehr von ihnen fordern, denn sie sind ja sowieso schon bei der Sache.

Männer hingegen, die immer noch im Patriarchatsmodus leben und meinen, sie seien die Herren der Welt und die Repräsentanten der Normalität und könnten sowieso alles besser und seien auf Frauen nicht angewiesen – nun, solche Männer nehme ich hin wie schlechtes Wetter oder eine Lungenentzündung: Ich muss damit zurechtkommen, ich muss Gegenmaßnahmen ergreifen, ich muss sie, wo möglich, bekämpfen und versuchen, sie zu entmachten. Aber von ihnen zu fordern, sie mögen doch bitte eine Frauenquote einführen, ist in etwa so sinnvoll, wie der Lungenentzündung einen Brief zu schreiben, sie möge doch bitte weggehen oder wenigstens nicht so weh tun.

Aber auch wenn ich die Form des Protestes der Medienfrauen ganz falsch finde, so finde ich natürlich das Anliegen vollkommen richtig: nämlich dem lange angestauten Unmut über die Zähigkeit und Ignoranz der so genannten “Leitmedien” Ausdruck zu verleihen und etwas dagegen unternehmen zu wollen.

Hier ist also mein Aktionsplan, was wir dagegen unternehmen können (und was ich bereits dagegen unternehme):

  • Ich praktiziere in meinem persönlichen Einflussbereich eine 50 Prozent Frauenquote. Das heißt, ich achte bei allen Aufträgen, die ich zu vergeben habe, bei allen Menschen, über die ich berichte, bei allen Stellen, über deren Besetzung ich mit zu entscheiden habe, bei allen Podien, an deren Konzeption ich beteiligt bin, darauf, dass Frauen qualitativ und quantitativ mindestens die Hälfte ausmachen. Wenn ich mich aufgrund der herrschenden Machtverhältnisse nicht durchsetzen kann, mache ich klar und unmissverständlich deutlich, dass ich mit der getroffenen Entscheidung nicht einverstanden bin und kündige gegebenenfalls meine Mitarbeit auf.
  • Ich weise bei jeder sich mir bietenden Gelegenheit öffentlich und privat darauf hin, dass die absurde Männerdominanz in den Führungspositionen von deutschen Medienhäusern Ausdruck ihrer Inkompetenz und zunehmenden Bedeutungslosigkeit ist.
  • Ich kooperiere nicht mit Männern, die nicht aus freien Stücken heraus ebenso handeln. Ich suche wo immer möglich die Auseinandersetzung mit ihnen und bemühe mich, die Gründe meiner Entscheidung zu vermitteln. Ich gebe diesen Männern aber keinerlei Unterstützung (auch nicht bei anderen Themen), sondern versuche, ihren Einfluss, wo immer es mir möglich ist, zurückzudrängen und ihre Autorität zu untergraben.
  • Ich unterstütze Frauen, die sich für Führungspositionen in Medienhäusern interessieren, nach allen Kräften und mit allen mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Ich fördere sie unter Einsatz meiner Ressourcen, setze mich mit ihnen kritisch auseinander, stehe ihnen als Mentorin zur Verfügung und suche mit ihnen zusammen nach Wegen, wie sie ihren Wunsch auch gegen die Ignoranz der Strukturen und ihrer Kollegen und Chefs umsetzen können.
  • Ich frage Frauen, die sich für Führungspositionen in Medienhäusern nicht interessieren, nach ihren Gründen und nehme ihre Kritik, ihre Vorbehalte, ihren Unmut aufmerksam zur Kenntnis. Ich setze mich in meinem Einflussbereich aktiv dafür ein, die dabei zu Tage gekommenen Verhältnisse und Strukturen zu verändern und Arbeitsbedingungen zu schaffen, die den Wünschen von Frauen besser entgegenkommen.
  • Ich weiß, dass ein solches Engagement mit Konflikten und möglicherweise mit Nachteilen für meine eigene berufliche Karriere verbunden ist. Ich bin bereit, diese Konflikte einzugehen und mich mit meinem Engagement bei Chefs und Kollegen unbeliebt zu machen. Ich weiß, dass dieser Konflikt nicht zu umgehen ist und werde von Fall zu Fall versuchen, die Grenzen dessen was mir möglich ist, auszutesten und eventuell sogar zu überschreiten.