Let’s talk about love!

Es ist unglaublich, wie viele Bücher über die Liebe geschrieben wurden und immer noch werden. Durch die Jahrtausende hinweg haben fast jeder große Philosoph und auch viele Philosophinnen (wenn auch, meiner bisherigen Beobachtung nach, weniger) ein Buch über die Liebe im Portfolio. Und auch heute ist der Markt an Liebesliteratur – und zwar nicht nur Romane, sondern auch Sachbücher – schier unüberschaubar. 

Dieser Befund steht in einem sehr merkwürdigen Widerspruch zu der Tatsache, dass „Liebe“ im öffentlichen Diskurs praktisch keine Rolle spielt. Weder in der Bildung, noch in der Politik, noch in der Wirtschaft ist „Liebe“ eine relevante Kategorie. Die wesentliche Ursache dafür ist natürlich, dass „Liebe“ mit der bürgerlichen Aufspaltung der Gesellschaft in eine männlich-öffentliche und eine weiblich-private Sphäre in letztere einsortiert wurde. Aber es gibt wohl noch einen anderen Grund und zwar, dass sich das Sprechen über Liebe den Sprechgewohnheiten, wie sie sich für den öffentlichen Diskurs eingebürgert haben, entzieht.

Denn was ist eigentlich Liebe genau?

Für Ovid und Erich Fromm ist sie eine Kunst. Glaubt man den vielen Ratgeberbüchern, so scheint sie eher harte Arbeit zu sein. Oder auch ein Luxus, den man sich erst dann leisten kann, wenn die Karriere in trockenen Tüchern ist. Niklas Luhmann hält die Liebe für einen Code, Sigmund Freud erkannte in ihr (wie übrigens auch schon manche alten Griechen) eine Krankheit. Harry Frankfurt und Frank Schirrmacher halten sie für eine evolutionär herausgebildete Notwendigkeit menschlicher Gesellschaften.

Unübersehbar ist das Sprechen über Liebe zudem geschlechtlich konnotiert. Man kann über Liebe nicht sprechen, ohne gleichzeitig über die Geschlechterdifferenz zu sprechen. Das heißt aber nicht, dass der Befund einheitlich wäre. Robin Norwood landete mit der Behauptung, Frauen würden „zu viel“ lieben, nicht zufällig einen Bestseller. Die allgemeine Auffassung scheint in der Tat dahin zu gehen, dass Frauen zu viel und Männer zu wenig lieben. Doch es gibt auch die genau gegenteilige Diskurslinie. Ihr herausragender Protagonist ist ein mittelalterlicher Denker namens Andreas Capellanus: Seiner Ansicht nach lieben Frauen eigentlich nie, sondern sind immer nur hinter dem Geld der Männer her. Eine Stimme, die, auch wenn der Autor heute meistens unbekannt ist, doch eine enorme Wirkungsgeschichte entfaltet hat. Heute feiert sie unter Maskulinisten wieder fröhliche Urstände.

Ein anderer interessanter Streit rankt sich um die Frage, ob Liebe zeitlos oder historisch veränderbar ist. Während viele behaupten, die Regeln des „Spiels der Liebe“ hätten sich „seit Ovid nicht verändert“ (so das Cover zur Neuauflage seines Buches), so behaupten andere, wir heutigen Menschen wüssten eigentlich gar nicht mehr, was Liebe ist, weil wir viel zu egoistisch, konsumorientiert und materialistisch eingestellt wären. Eine nicht unwesentliche Diskurslinie sieht natürlich auch den Feminismus in der Schuld, der den Frauen ihre „natürliche Liebesfähigkeit“ ausgetrieben hätte.

Letzten Endes könnte man versucht sein, sich darauf zu einigen, dass sich Liebe eben nicht fassen lässt. Diesem wohl allzu leichtfertigen Konsens widerspricht aber unter anderem bell hooks, und zwar zu recht, denn er ermöglicht es, dass Verhaltensweisen unter „Liebe“ subsumiert werden, die ganz eindeutig keine Liebe sind: etwa die (sowohl unter Männern als auch unter Frauen) verbreitete Behauptung, man könne die „Geliebte“ schlagen, bevormunden, gar einsperren – und gleichzeitig lieben.

Ich denke, es gibt eine Möglichkeit, über Liebe zu sprechen ohne dass es beliebig wird, aber dennoch auch ohne den Versuch, sie in eine Definition zu zwängen. Liebe, um es mit Hannah Arendt zu sagen, ist ein Ereignis. Oder, mit Andrea Günter: Liebe ist eine Beziehungsqualität. Ein Geschehen, das sich einfachen Definitionen entzieht, über das sich aber durchaus sprechen lässt.

Die Schwierigkeit, Liebe zu definieren, kommt daher, dass sie keine Dualismen verträgt. Das Gegenteil stimmt immer auch. Und das Gegenteil ist immer genauso falsch.

Jedenfalls ist ein wissenschaftlicher Jargon für das Sprechen über die Liebe ungeeignet, denn sie lässt sich nicht sauber sezieren und falsifizierbar identifizieren. Über Liebe kann man nur in der  Muttersprache sprechen. In jener Sprache also, mit der wir uns die Welt aneignen und die eigene Position darin finden, auch wenn wir die Dinge nicht auseinander nehmen und im  Griff haben. Kinder lernen die Worte für Dinge auch nicht über Definitionen. Die Erwachsenen sagen dem Kind ja auch nicht: „Ein Stuhl ist eine Sitzgelegenheit mit ungefähr vier Beinen und einer Lehne“, sondern sie zeigen auf einen Stuhl und sagen: „Das ist ein Stuhl“.

Liebe ist eine Tatsache. Es gibt sie. Sie ist zuweilen anwesend, zuweilen aber auch abwesend. Und auch wenn man Liebe nicht definieren kann, so lässt sich doch zumeist in einer gegebenen Situation feststellen, ob da Liebe ist. Man kann sich an der Liebe freuen, sich von der Liebe stärken lassen, über ihr Fehlen traurig sein, sie sich ersehnen.

Vor lauter Verzweiflung über diese Unfassbarkeit der Liebe wird sogar versucht, das Phänomen biologistisch in den Griff zu bekommen, wie aktuell wieder an der Uni Erlangen. Aber Liebe ist keine Sache, die sich mit Hilfe von Hormonen oder anderen rein körperlichen Phänomenen fassen ließe – auch wenn sie natürlich eine durch und durch körperliche Angelegenheit ist, was ja gerade einen Großteil ihres Charmes ausmacht. Aber das, was wir für Liebe halten, existiert eben niemals ausschließlich im Körper, sondern es ist immer schon das Ergebnis eines kulturellen Aushandlungsprozesses, ohne den sich das Thema nicht sinnvoll beschreiben lässt. Um es in den zu recht berühmten Worten von Denis de Rougemont zu sagen: „Wenige Menschen wären verliebt, wenn sie niemals von Liebe hätten reden hören“ (S. 181)

Liebe ist kontingent, es gibt sie nicht „an und für sich“, sondern nur in einer konkreten Situation. Aber deshalb entzieht sie sich noch nicht der theoretischen Reflektion. Liebe ist kontingent, „zufällig“, aber sie ist nicht einfach eine individualistische, persönliche Angelegenheit, sondern eine politische, gesellschaftliche Kategorie. Und genau dort, in den öffentlichen Aushandlungsprozessen, müsste mehr von Liebe zu spüren sein.

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

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