Homosexualität, Heterosexualität – alles dasselbe?

Wenn es heute um das Verhältnis von heterosexueller und homosexueller Liebe geht, wird das Thema meist von einer rechtlichen Perspektive aus betrachtet. Vor dem Hintergrund, dass (männliche) Homosexualität noch bis vor relativ kurzer Zeit als Straftat galt – und in nicht wenigen Ländern der Welt ja immer noch gilt – und dass gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften gegenüber der heterosexuellen Ehe noch immer handfeste rechtliche Nachteile haben (Stichwort Ehegattensplitting), ist das auch verständlich. 

Im Bezug auf die Freiheit der Liebe hat diese Fokussierung auf die Gleichstellung von Homosexualität mit der privilegierteren Heterosexualität jedoch auch zu einer Verengung dessen geführt, was wir uns als mögliche Varianten des Liebens und Geliebtwerdens vorstellen können. Kurz gesagt: Alles orientiert sich am typischen Ideal des Zusammenfallens von romantischer Liebe, Sexualität und Ehe (inklusive Elternschaft). Das ist nun der Maßstab auch für die Liebe zwischen zwei Frauen oder zwischen zwei Männern.

Auf diese Verengung ist schon von mancher Seite hingewiesen worden, aber das Ganze berührt auch noch einen Punkt, der seltener thematisiert wird: und zwar eine gewisse Konfusion, die sich daraus ergibt, dass dieses Liebesideal, das nun zum Maßstab für alle geworden ist, trotzdem wesentlich heterosexuell definiert ist. Oder anders gesagt: Für das, was „Liebe“ meint, sind Vorstellungen von Geschlechterdifferenzen grundlegend, die zunächst einmal bearbeitet werden müssten, wenn wir für die Zukunft Freiheit und Liebe neu zusammen denken wollen. Dieser Schritt wird durch die Behauptung der Gleichheit aller Beteiligten quasi übersprungen, was zu allerlei symbolischem Durcheinander führt.

Ein handfester Unterschied zwischen heterosexuellen und homosexuellen Beziehungen ist zum Beispiel die Möglichkeit, Kinder zu haben. Bei Paaren, die aus einer Frau und einem Mann bestehen, ist diese Möglichkeit – von Unfruchtbarkeit abgesehen – selbstverständlich gegeben, bei gleichgeschlechtlichen Paaren nicht. Wobei es zusätzlich noch einen Unterschied gibt zwischen schwulen und lesbischen Paaren. Während zwei Frauen die Möglichkeit haben, dass eine von ihnen schwanger wird, etwa durch künstliche Befruchtung oder durch Sex mit einem Mann (in der Frauenbewegung der 1970er Jahre kursierten dazu regelrechte Anleitungen) so haben zwei Männer diese Möglichkeit nicht. Sie sind noch mehr auf Hilfe von außen angewiesen: Konkret, auf eine Frau, die bereit ist, an ihrer Stelle ein Kind auszutragen, zur Welt zu bringen, und dann die Verantwortlichkeit für dieses Kind an sie abzutreten.

Man kann natürlich argumentieren, dass diese biologischen Unterschiede durch entsprechende gesellschaftliche Regelungen ausgeglichen werden können, etwa durch die Erlaubnis von Leihmutterschaften, großzügige Adoptionsgesetze und dergleichen. Aber diese Argumentation läuft ziemlich konträr zu einer anderen gesellschaftlichen Debatte, die auch eine Folge der Gleichstellungspolitik der Geschlechter ist – nämlich der immer populärer werdenden Meinung, Kinder brauchten sowohl Vater als auch Mutter, um „gesund“ aufwachsen zu können, sowie der biologistischen Vorstellung, wonach es zum Lebensglück gehört, die eigene genetische Herkunft zu kennen, und Kinder daher ein Recht darauf hätten, diese zu erfahren.

Würde dieses Thema konsequent zu Ende gedacht, müsste die Entwicklung nicht nur zu einer Vervielfältigung von Familienformen sowie von Vater- und Mutterrollen führen, sondern auch dazu, dass der Zusammenhang von Ehe/Liebespartnerschaft und Elternschaft aufgehoben wird. Denn wenn biologische und soziale Eltern nicht mehr in eins fallen, wenn also Kinder mehrere Väter oder auch Mütter haben, dann kann die klassische „Liebesbeziehung“ nicht mehr das sein, was die Eltern, oder besser: die Erwachsenen, die Verantwortung für das Kind übernehmen, miteinander verbindet – wie es ja auch in manchen matriarchalen Gesellschaften der Fall ist, wo die männliche Bezugsperson von Kindern der Bruder ihrer Mutter ist, während die Sexualpartner der Mütter wechseln und keine enge Beziehung zu ihren „leiblichen“ Kindern haben. Verlässliche Väter sind sie vielmehr für die Kinder ihrer Schwestern.

Aber solche Versuche, Sexualität und Elternschaft zu trennen, gibt es nicht nur in fernen Teilen der Welt. Diskursmäßig anknüpfen könnten wir auch an die 1950er und 1960er Jahre hier zu Lande. Eine ältere Feministin hat mir einmal erzählt, sie sei in gewisser Weise froh, dass sie damals jung war und nicht erst später. Denn dass sie Frauen liebt, hat sie als junge Frau noch nicht in die Kategorie „lesbisch“ einsortiert, also mit der Erwartung (oder auch dem Wunsch) verknüpft, ihr ganzes Leben mit einer Frau teilen zu sollen. Stattdessen hat sie „ganz normal“ einen Mann geheiratet und Kinder bekommen, und gleichzeitig Freundinnenschaften gepflegt. Als die Kinder groß waren, trennte sie sich von ihrem Mann und lebt seither mit Frauen zusammen. Sie sagte, sie bedauere manchmal die Frauen meiner Generation, denn wir hätten uns entscheiden müssen zwischen lesbischem Leben und Mutterschaft. Tatsächlich war das so: Keine meiner gleichaltrigen lesbischen Freundinnen hat Kinder – die meisten älteren aber schon.

Auch für schwule Männer war die Trennung von Liebe und Ehe damals eine gängige Option, die teilweise sogar die Form von politischen Forderungen angenommen hat. So schrieb etwa Donald Webster Cory in seinem 1951 erschienenen Buch „The Homosexual in America: A Subjective Approach“, dass die Normalisierung von Homosexualität eine große Bandbreite an Lebensformen hervorbringen könnte, unter anderem eben die, eine Ehe mit einer Frau, inklusive Kinder, und ein erfülltes Sexualleben mit einem Mann zu kombinieren: „Einige Homosexuelle werden heiraten – doch ohne Scham und ohne ihre Homosexualität vor Ehefrau und Kindern zu verbergen.“ (zit. nach Hieber/Villa, S. 91)

Damit bringt er eine damals unter „rebellischen“ Männern verbreitete Praxis zu Papier, wie man in Brenda Knights Buch über „Women of the Beat Generation“ nachlesen kann (S. 62 ff). Jack Kerouac, Neal Cassady und andere genossen es, zwischen ihrem „wilden“ Leben auf der Straße und dem „ehelichen“ Leben inklusive Kindern hin- und her zu pendeln. Ihr homosexuelles Begehren verstanden sie nicht als fixe Identität, sondern als eine von vielen Facetten ihrer Persönlichkeit. Sie wollten und nahmen sich beides – das „homosexuelle“ wie das „heterosexuelle“ Leben mit den jeweiligen Vorteilen. Was natürlich nur funktionierte, weil die ganze mit Kindern und Familienleben zusammenhängende Arbeit, in klassischer heterosexueller Tradition, von den Frauen erledigt wurde.

Es ist leicht, diese Lebensentwürfe von einer vernünftigen und emanzipierten Warte aus abzuqualifizieren. Dass sie aus einem falschen Verständnis von Freiheit (nämlich Freiheit als „Machen können, worauf ich gerade Lust habe“, also Verantwortungslosigkeit) hervorgehen, ist ja geschenkt. Ebenso dass diese „Beatniks“ das gesellschaftliche Machtgefälle zwischen Männern und Frauen schamlos zu ihrem eigenen Vorteil ausgenutzt haben.

Aber ich finde dennoch so einiges daran interessant, vor allem, wenn wir berücksichtigen, dass es tatsächlich ein Spannungsverhältnis gibt zwischen sexuellem Begehren, das oft spontan ist und wechselhaft, und der Notwendigkeit kontinuierlicher, verantwortungsvoller und verlässlicher Beziehungen zwischen den Generationen, also zwischen Erwachsenen und Kindern.

In der westlichen Geschichte wurde das Problem durch die Einhegung und Reglementierung von beidem gelöst: Stigmatisierung von jeglichem „Lotterleben“, Beschränkung von Sexualität auf die Ehe (und Prostitution als deren Ventil), gesetzliche Formalisierung von Elternschaft, Ausschluss der Frauen aus den auf Gleichheit gegründeten Institutionen der Männer, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung mit der Folge von schädlich verkitschten Mutterbildern und so weiter. Man könnte auch sagen: durch die offizielle Festschreibung der Vorstellung, dass Liebe und Freiheit unvereinbar sind.

Wenn wir dieses Kuddelmuddel heute in Richtung eines Zusammendenkens von Liebe und Freiheit auflösen wollen, dann könnten historische homosexuelle Alternativen zur heteronormativen Ehe Anregungen geben für andere, freie und liebevollere Lebensformen. Für Lebensformen, in denen Verantwortung und Spontaneität in der Liebe nicht festgezurrt werden auf Dualismen, also Ehe versus Spontaneität, Frauenrollen versus Männerollen, Heterosexuell versus Homosexuell. Wir müssten uns nicht mehr für eines von beiden entscheiden, sondern könnten, je nach Fall und konkreter Situation, die Regeln miteinander aushandeln und überlegen, was den Wünschen der jeweils Beteiligten und den Notwendigkeiten der Welt am besten entspricht.

Das setzt jedoch voraus, dass wir uns von dem Modell des „großen heterosexuellen Paares“ als Keimzelle und Ursprung aller Gesellschaftlichkeit (und einzigem Ort legitimer Elternschaft) verabschieden müssen. Ein Modell, das nämlich weder Liebe noch Freiheit hervorbringt, und das auch nicht besser wird, wenn es aus zwei Frauen oder zwei Männern besteht.

Update: Im Interview mit der Taz (Sonntaz, daher nicht im Netz) am 18./19. Juni 2011 (S. 30) beweist der schwule Verleger Brune Gmünder, dass es das heute noch gibt: „Am liebsten hätte ich eine Frau, Kinder und einen Liebhaber gehabt. Aber die Gesellschaft hat das nicht zugelassen und die Community auch nicht“.

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

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