Mehr Souveränität in Liebesdingen, meine Damen!

Gestern schickte mich das Internet durch diesen Tweet auf ein Video, in dem US-amerikanische Teenager in die Kamera erzählen, was ihnen zu der Fernsehserie „My little Pony“ (eine Art rosafarbene Zeichenfilmidylle mit Ponies und Glitter) einfällt. In dem Zusammenhang wurden die  weiblichen Teenager gefragt, ob sie denn einen Jungen, der so etwas schaut (offenbar gibt es unter dem Label „Bronies“ eine Gruppe von männlichen Jugendlichen, die aus der Serie einen Kult gemacht haben), daten würden: Entrüstetes Kopfschütteln, und zwar bei allen. Sich in einen Mann zu verlieben, der Sendungen von rosa Pferdchen gut findet, ist für sie ganz und gar ausgeschlossen.

Das fand ich nun schon eine schockierende Reaktion. Und zwar nicht in erster Linie, weil hier platte Geschlechter-Stereotypen zementiert werden. Die interessantere Frage finde ich: Wieso schränken diese Mädchen den Pool potenzieller Liebhaber so drastisch ein? Warum setzen sie solche Hürden, mit denen sie sich doch selbst schaden, weil sie niemals in den Genuss einer Beziehung zu einem Mann kommen werden, der zwar rosa Pferdchen mag, aber ansonsten toll im Bett, ein super Gesprächsparter, idealer Kindsvater oder was auch sonst immer sein könnte?

Es erinnerte mich auch an die derzeitigen Feuilleton-Debatten zum Thema „Schmerzensmänner“, die Nina Pauer mit einem Artikel in der Zeit angestoßen hat, für den sie viel Kritik bekommen hat. Ihre These ist unter anderem, dass die jungen Männer von heute in einer Identitätskrise sind, mit ihrer Über-Sensibilität alles zu kompliziert machen und deshalb für Frauen als Liebespartner uninteressant geworden wären.

Dass der Artikel so viel Resonanz gefunden hat, zeigt, dass Pauer damit einen Nerv getroffen hat. Die Kritik, die ihr viele zu Recht entgegen gehalten haben, ist, dass sie hier ein Klischee der jungen Männer von heute zeichnet, das die Realität nicht trifft. Und das finde ich auch. Es ist ein Zerrbild, das sie hier problematisiert, das kaum etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Was aber, wenn das Interessante an Pauers Analyse nicht die Männer betrifft, sondern die Frauen und ihre Wünsche? Wenn ihr Artikel also eigentlich nicht die angeblichen „Schmerzensmänner“ zum Thema hätte, sondern die älteren Schwestern jener Teenager aus dem Video, die es sich so überhaupt gar nicht vorstellen können, mit einem „Rosa-Pony-Jungen“ auszugehen?

Dass Frauen heute strikte Kriterien an mögliche, geeignete männliche Liebespartner anlegen, scheint mir eine zutreffende Beobachtung zu sein. Sie taucht in soziologischen Studien auf (wonach Männer, die den weiblichen Mindestanforderungen an zivile Umgangsformen, finanzielle Eigenständigkeit, intellektuelles Niveau etc. nicht genügen, es extrem schwer haben, eine Partnerin zu finden).

In der frauenemanzipatorischen Periode der letzten dreißig, vierzig Jahre haben wir eine unglaubliche kulturelle Produktion (Filme, Romane, you name it) erlebt, bei der den Frauen eingebläut wurde, dass sie ja nicht mit Losern zusammen sein dürfen. Was all diese anspruchsvollen erwachsenen Frauen mit den Teenagern aus dem Video gemeinsam haben, ist die Haltung: Lieber keinen Mann als einen, der bestimmte (ob tatsächliche oder eingebildete) Macken hat.

Und natürlich liegt darin zunächst auch ein Stück Freiheit: Dass Frauen in Punkto Liebespartner wählerisch sein können, ist ja bei weitem keine Selbstverständlichkeit, sondern ein historisch sehr junges Phänomen. Über Jahrhunderte hinweg war das „Einen Mann Finden“ das wichtigste Projekt im Leben einer Frau, denn sie hatte nur über ihren Status als Ehefrau und Mutter gesellschaftliche Relevanz und ein sicheres Einkommen. Nur Prinzessinnen im Märchen konnten wählerisch sein und sich aus der Kandidatenkür der Prinzen denjenigen auswählen, der am meisten Drachen getötet hatte.

Wenn die heterosexuelle Liebe gerettet werden soll, dann müssen wir heute neue Gründe dafür finden, warum eine Frau einen Mann lieben sollte. Nachdem der Zwang für die Frauen weggefallen ist, scheint bei den älteren Frauen eine gewisse Rationalität die Entscheidung zu dominieren (er muss „passen“, ich muss irgendeinen Vorteil davon haben, auf gar keinen Fall aber Nachteile). Bei den jüngeren Frauen wiederum scheint noch nicht einmal das mehr als Begründung auszureichen. Vielmehr scheint der männliche Liebespartner zu einem bloßen Prestigeobjekt geworden zu sein (er muss etwas „hermachen“, er muss öffentlich vorzeigbar sein, keinesfalls darf er peinliche pinke Ponies mögen).

Man kann darin natürlich eine Folge der „Emanzipation“ sehen, und sie ist es wohl auch, denn für Männer (vor allem bürgerliche, etablierte, wohlhabende) war es schon immer akzeptabel, ihre weiblichen Partnerinnen nach Prestige- und Rationalitätsaspekten auszuwählen.

Unter dem Aspekt der Liebe sind diese Kriterien der Partnerwahl aber nicht besonders klug. Denn indem Frauen von vornherein alle Männer aussortieren, die rosa Ponies mögen, wenig Geld verdienen oder auf irgend eine andere Art die sozialen „Passabilitätskriterien“ nicht erfüllen und nicht genug „hermachen“, verbauen sie sich selbst die Fülle der möglichen unmöglichen Liebeserlebnisse, die gerade in der Begegnung mit dem Anderen, dem Nicht-Normalen, dem Absurden und Abseitigen liegen.

Von daher möchte ich den Damen zurufen: Mehr Souveränität in Liebesdingen, bitte! Denn nicht nur könnt Ihr euch heute selbst ernähren und zählt gesellschaftlich als vollwertige Personen, auch wenn ihr keinen Mann habt. Die Sache mit der weiblichen Freiheit ist noch besser: Ihr könnt es euch sogar erlauben, einen Mann zu lieben, der von anderen belächelt wird.

Oder anders gesagt: Ihr braucht gar nicht mehr davon zu träumen, Prinzessinnen zu sein, ihr könnt gleich richtige Königinnen werden.

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

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