Die Sache mit der „platonischen Liebe“

Selten versagt Wikipedia so grandios wie bei dem Versuch, zu erklären, was platonische Liebe ist. Und das ist ja auch nicht einfach zu verstehen: Schließlich hängt die Liebe bei Platon ganz klar mit dem Eros zusammen – also mit körperlicher Erregung, mit Sex – während gleichzeitig im Alltags-Sprachgebrauch unter „platonischer Liebe“ Liebe ohne Sex und Berührung verstanden wird. Wie ist es dazu gekommen?

Bei einem Vortrag zum Thema „Freiheit braucht Liebe“ gestern in Biebesheim haben wir über das Thema gesprochen, und irgendwie wurde mir dabei plötzlich klar, wie das mit der platonischen Liebe vermutlich gewesen ist. Hier der Versuch, das weiterzugeben.

Eine der zentralen Auseinandersetzungen Platons mit der Liebe findet sich im „Phaidros“. Darin behandelt er die interessante Frage, ob man seine Gunst einem Bewerber schenken soll, der in einen verliebt ist, oder lieber demjenigen, der die vernünftigsten Gründe für eine Beziehung anführt. (Platon hat nur Männer im Sinn, aber das Wesentliche des Gedankens lässt sich auf Menschen generell übertragen.)

Sokrates plädiert hier in einer Hommage an Eros für den „Rausch“ des Verliebtseins, der gegenüber der nutzenrationalen Betrachtung die bessere Wahl sei. Jedoch mit einer Bedingung: Dass nämlich dieser erotische Rausch seine Ursache nicht in den körperlichen Trieben hat, sondern „durch göttliche Schickung entsteht“.

Damit weist Platon auf einen Faktor hin, der für die Liebe in der Tat wichtig ist, wenn sie Freiheit ermöglichen soll: die Transzendenz. Dass wir lieben oder geliebt werden ist nicht einfach nur ein banaler Zufall oder gar ein Ausstoß irgendwelcher Hormone oder Triebe, sondern verweist auf etwas Jenseitiges, eine Transzendenz, auf etwas, das die innerweltlichen Maßstäbe überschreitet.

Das führt natürlich gleich zu der „Ideenlehre“ Platons, also seiner These, dass die materielle Welt, das was hier „unten“ existiert, lediglich ein Widerschein von übergeordneten „Ideen“ ist. Dieses „Eigentliche“, die „Ideen“ können Menschen nach Platons Ansicht nicht direkt wahrnehmen, sondern nur vermittelt über das Materielle. Aber das eigentliche Wesen der materiellen Dinge (also auch der Menschen oder ihrer Liebesbeziehungen) liegt darin, dieser „Idee“ zu entsprechen, ihr möglichst nahe zu kommen. Das gilt auch für die Liebe, und eben auch für Eros, also die Sexualität. Es geht nicht darum, keine Sexualität zu haben, sondern darum, dass auch für den Sex gilt, dass er nicht einfach ein irdischer Akt sein soll, sondern der „Widerschein“ einer höheren Idee.

Ebenfalls wichtig für Platons Vorstellung von der Liebe ist der Mythos der „Kugelmenschen“, der von einem Teilnehmer im berühmten „Symposium“ vorgetragen wird. Demnach sind wir Menschen heute nur „halb“, die Hälften eines ehemals ganzheitlichen Wesens, und daher immer auf der Suche nach unserer „anderen Hälfte“. Waren wir früher die Hälfte eines weiblichen Kugelmenschen, sind wir heute lesbisch, waren wir die Hälfte eines männlichen Kugelmenschen, sind wir schwul, waren wir die Hälfte eines gemischtgeschlechtlichen Kugelmenschen, sind wir heute heterosexuell. Das heißt, die Liebe, Eros, sexuelle Anziehung ist für Platon eine Motivation, damit Menschen durch die Beziehung zu einem anderen Menschen quasi „vollständig“ werden können.

Soweit dürfte klar sein, dass „platonische Liebe“ bei Platon selbst schon mal nichts mit der Abwesenheit von Sex zu tun hat, sondern mit der Anwesenheit einer bestimmten Qualität von Sexualität. Nämlich mit einer, die nicht nur irdische Lust und Trieberfüllung zum Zweck hat, sondern die höhere „Idee“ des Menschseins widerspiegelt. Dieser „Idee vom Menschen“ können Einzelne nicht alleine entsprechen, sondern nur durch die Liebe zu anderen.

Die Rede von der „platonischen Liebe“, so wie sie heute geläufig ist, kam in Europa erst mit der Neuzeit auf. Bis dahin hatte sich im Vergleich zu Platons Zeiten jedoch einiges geändert  im Hinblick darauf, wie über die Liebe gesprochen wurde. Vor allem hatte die Liebe eine geschlechtliche Aufteilung erlebt.

Schon bei Platon war angelegt, dass die wahre „Ideenliebe“, also das gemeinsame Streben nach einem höheren Ideal, eigentlich eine Sache zwischen Männern ist. In der Neuzeit bildete sich in Europa im männlichen Denken sogar die Vorstellung heraus, dass Frauen generell für Liebe und Freundschaft ungeeignet seien (was wohl nicht der Realität entsprach, denke ich, aber im kulturellen Diskurs wurde es so verhandelt).

Gleichzeitig war Sex etwas geworden, das nur noch zwischen Männern und Frauen stattfinden sollte, aber nicht zwischen zwei Männern. Die Liebe zwischen Männern firmierte nicht mehr als Eros, sondern als „Freundschaft“ (über Beziehungen zwischen Frauen untereinander wurde überhaupt nicht gesprochen). Dass Sexualität eine „transzendente“ Komponente haben kann, war aus dem Blick geraten, Sex war reduziert worden auf die Funktionen der Triebabfuhr, der körperlichen Lust und des Kinderzeugens.

Mit der Romantik kam dann erstmals die Idee auf, dass es auch „ernsthafte, wahre Liebe“ (und nicht nur zweckorientierte Sex- und Eheverhältnisse) zwischen Frauen und Männern geben könnte. Eine ganze Masse an Literatur im 18. Jahrhunderts handelt von dieser unerhörten neuen Idee.

Die Frage nach der Sexualität wird dabei nur implizit behandelt, doch es ist eigentlich klar, dass sie im Spiel ist und nicht ausgeklammert wird (man denke nur an Goethes Wahlverwandtschaften). Aber die Sexualität steht nicht im Vordergrund, ganz einfach weil sie dieses Neue, das mit der Romantik aufkommt, gar nicht betrifft: Dass Frauen und Männer miteinander Sex haben, war ja eben nichts Neues, neu war hingegen die Idee, dass sie sich gleichzeitig dabei auch noch lieben könnten. Und zwar in einem „platonischen“ Sinn, also dem, dass sie sich durch die Liebe gegenseitig vervollkommnen und damit der eigentlichen „Idee“ des Menschseins näher kommen.

Dass dann im 19. Jahrhundert der Sex aus dieser „platonischen Liebe“ explizit ausgeklammert wurde und sie nach und nach sogar zur Metapher für „sexlose Liebe“ wurde, liegt meines Erachtens an mehreren Faktoren:

Indem die „platonische Liebe“ zwischen einem Mann und einer Frau dem Modell der Freundschaft zwischen Männern nachempfunden war, gleichzeitig die Männerliebe aber inzwischen ohne Sexualität gedacht wurde, übertrug sich die Abwesenheit der Sexualität auch auf die heterosexuelle Liebe.

Außerdem sollte dieses neue „heterosexuelle Liebesmodell“ ja gerade einen Gegenentwurf zur klassischen Ehe darstellen. Die Ehe zwischen Mann und Frau war bis dahin als eine Institution gesehen worden, in der Liebe geradezu unmöglich ist (die ganze Minneliteratur beschäftigt sich damit). Sexualität gehörte aber konstitutiv zum Kern der Ehe, deren Zweck es ja war, Kinder in die Welt zu setzen. Es ist daher auch kein Zufall, dass das Konstrukt der „platonischen Liebe“ vor allem auf heterosexuelle Beziehungen außerhalb der Institution Ehe angewendet wurde.

Ein übriges tat dann noch die generelle Sexualitätsfeindlichkeit des viktorianischen Zeitalters, und vor allem die darin sich entwickelnde Idee einer weiblichen Asexualität, also die Vorstellung, dass Frauen Sex sowieso nicht mögen oder können, sondern nur über sich ergehen lassen (auch das ein Gegenmodell zu den Weiblichkeitsvorstellungen früherer Jahrhunderte, in denen Frauen als sexgierig dargestellt worden waren).

Nachdem wir das heute alles mehr oder weniger hinter uns gelassen haben, könnten wir die „platonische Liebe“ in ihrem eigentlichen Sinn wieder entdecken. Sympathisch und erhaltenswert finde ich die Vorstellung, dass Sexualität, oder besser der „Eros“, also die körperliche Anziehung, das Begehren, die Erregung nicht einfach nur Ausdruck individueller Lust oder eines Triebes sind, der sozusagen „an der anderen befriedigt wird“, sondern dass zu einem „guten“ oder „legitimen“ Sex auch dazugehört, dass man eine wirkliche Beziehung zueinander eingeht (wie auch immer man die dann näher bestimmen mag). Das erscheint mir ein wirkungsvoller Riegel vor jeglicher Legitimation von Vergewaltigung zu sein.

Ob hingegen die platonische Trennung zwischen „materieller Welt hier unten“ und „reiner Idee da oben“ so sinnvoll ist, bezweifle ich. Dieser Dualismus scheint mir tatsächlich im Kern einer patriarchalen Weltaufteilung in „oben und unten“, „geistig und körperlich“, „spirituell und innerweltlich“ zu sein, die der Feminismus zu Recht aufgekündigt hat. Wie man das anders und postpatriarchal weiterdenken könnte, wäre dann die Frage, auf die wir heute eine Antwort suchen müssen.

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

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