Der Patriarch

Bei Diskussionen über das Postpatriarchale Chaos kommt oft die Frage auf, was genau denn dieses Phänomen vom traditionellen Patriarchat unterscheidet. Ich bin ja bekanntlich keine Freundin von Definitionen, und auch hier funktioniert das wieder nicht, viel besser kann man sich dem Verständnis von Begrifflichkeiten anhand von Erzählungen und Beispielen nähern.

In dem Roman „Abbitte“ von Ian McEwan, den ich neulich gelesen habe, gibt es eine schöne Stelle, an der es um den Vater der 13-Jährige Protagonistin Briony geht, der offenbar ein echter Patriarch war.

Wenn ihr Vater daheim war, ordnete sich der Haushalt um eine feste Mitte. Er kümmerte sich um nichts, wanderte nicht durchs Haus, sorgte sich nicht um anderer Leute Wohlergehen und trug nur selten jemandem etwas auf – eigentlich saß er meist nur in der Bibliothek. Doch allein seine Anwesenheit sorgte für Ordnung und auch für Freiheit. Drückende Lasten wurden leichter. War er zu Hause, machte es nichts, wenn Mutter sich ins Schlafzimmer zurückzog; es reichte schon, daß er mit einem Buch im Schoß unten saß. Wenn er seinen Platz am Eßtisch einnahm, ruhig, umgänglich und überaus selbstgewiß, wurde eine Krise in der Küche zu einem lustigen Zwischenfall, der ohne ihn ein herzergreifendes Drama gewesen wäre. Er wußte fast alles, was es sich zu wissen lohnte, und wußte er es nicht, hatte er eine ziemlich genaue Vorstellung davon, welche Autorität man zu Rate ziehen sollte, weshalb er mit Briony dann in die Bibliothek ging und ihr beim Suchen half. Wenn er, wie er es nannte, kein Sklave des Ministeriums und des Krisenstabs gewesen wäre, wenn er daheim wäre, Hardman den Wein holen ließe, die Unterhaltung lenkte, gleichsam beiläufig entschied, wann sie »nach nebenan« gingen, würde sie jetzt nicht mit solch schleppenden Schritten die Halle durchqueren.

Die Situation spielt im Jahr 1935, und was an dieser Beschreibung besonders deutlich wird ist, dass die Macht der traditionellen Patriarchen nicht auf bloßer Gewalt beruhte, sondern auf der Anerkennung ihrer Autorität. Das ist ja eine zentrale These in meinem Buch: Dass das Ende des Patriarchats nicht mit der institutionellen Entmachtung der Vaterherrschaft begann, sondern mit dem Entzug der Autorität – die Frauen haben aufgehört, daran zu glauben.


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