Bücher, die ich nicht gelesen habe

Ich glaube, ich brauche eine neue Rubrik im Blog, und zwar mit Hinweisen auf Bücher, die ich nicht gelesen habe. Es ist ja Tatsache, dass es viel mehr interessante und diskussionswürdige Veröffentlichungen gibt als man lesen kann. Was mein Fachgebiet – weibliche politische Ideengeschichte nämlich – betrifft, so ist es in den vergangenen Jahren quasi täglich mehr geworden. Feminismus und Frauenbewegung sind heute mehr denn je maßgebliche politische Akteurinnen, und entsprechend haben sich auch die Veröffentlichungen dazu explosionsartig vermehrt. Immer häufiger kommt es vor, dass ich Sachen nicht lesen kann, obwohl sie aktuell diskutiert werden und einige Gedanken wert wären. Daher will ich sie an dieser Stelle wenigstens sammeln oder zu Rezensionen verlinken. Germaine Greer: On Rape. Bloomsbury 2018, 92 Seiten, 12,99 Euro (Englisch). Neulich etwa stieß ich bei Facebook auf diesen Text, den Mithu M. Sanyal über das neue Buch „On Rape“ von Germaine Greer geschrieben hat. Greer vertritt darin offenbar sehr diskussionsbedürftige (um nicht zu sagen: falsche) Thesen

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Der Sound der Macht

Wenn der Aufstieg der extremen Rechten in Europa und ihrer parlamentarischen Ableger diskutiert wird, ist meist von den Formen oder den Inhalten ihrer Politik die Rede. Aber das ist immer auch etwas schwierig, und zwar weil es aufgrund des Phänomens der „gefährlichen Nähe“ oft Ähnlichkeiten gibt. Nicht nur haben sie Aktionsformen und Rhetorik linker Bewegungen übernommen, auch inhaltlich lässt sich keineswegs scharf zwischen ihnen und den „akzeptablen“ Parteien und Bewegungen unterscheiden, was man daran sieht, wie leicht große Bereiche ihrer Agenda in den normalen Diskurs überwechseln konnten. Deshalb möchte ich dieses aktuelle Buch von Astrid Séville empfehlen. Ich habe sie im Juni bei einer Podiumsdiskussion der Frauenstudien in München kennengelernt. In ihrer Analyse des Gesamtschlamassels fokussiert sie sich auf das, was sie den „Sound der Macht“ nennt. Damit gemeint sind weniger konkrete Inhalte und Aktionsformen, als vielmehr die Sprache und die Gedankenwelten, in denen sie geäußert werden. Anhand von vier rhetorischen Formeln geht sie den Entwicklungen auf den Grund, die

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„… der selbst Vater ist…“

Gerade geht eine Meldung herum über einen Konflikt im Thüringer Landtag, wo eine Abgeordnete der Grünen, Madeleine Henfling, den Saal verlassen musste, weil sie ihr Baby dabei hatte und das laut Geschäftsordnung nicht erlaubt ist. Skandal, Skandal, aber das Neue ist ja nicht, dass das verboten ist, sondern dass eine es trotzdem macht und alle das skandalös finden. Und dass extra der Ältestenrat getagt hat und dass jetzt vielleicht bald die Geschäftsordnung geändert wird und dass in der Zwischenzeit Henfling zwar mit Baby nicht den Saal betreten darf, aber bei Abstimmungen eine CDU-Abgeordete (warum übrigens eine Frau?) auf das Abstimmen verzichtet, was ein interessantes Konstrukt. Good News also das Ganze. Vielleicht könnte man ja auch noch auf die Idee kommen, dass alle Abgeordneten in alphabetischer Reihenfolge draußen vor der Tür rundum auf das Baby aufpassen? Besonders interessant finde ich in der Meldung des MDR allerdings folgenden Satz über den Landtagspräsidenten, der Henfling rausgeschickt hat: „Zudem würde er aus Kinderschutzerwägungen jedem Abgeordneten

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Lese- und Hörempfehlungen

Die Hitze zermatscht mir das Gehirn, aber nein, ich beklage mich nicht. Allerdings bin ich froh, dass ich gerade keine dringenden Deadlines vor mir habe, und daher auch nichts Großartiges produzieren muss. Immerhin schaffe ich es, Sachen zu lesen oder anzuhören, und hier hab ich zwei Tipps für euch. Einmal Olivia Rosenthals Buch „Wir sind nicht da, um zu verschwinden“. Es wurde mir von meiner Verlegerin Ulrike Helmer ans Herz gelegt, die diese französische Autorin entdeckt und das Buch auf Deutsch herausgebracht hat. Hier gibt es auch einen Film des Hr darüber. Es ist nicht ganz einfach, zu beschreiben, worum es in dem Buch geht. Vordergründig erzählt es die Geschichte eines Alzheimerkranken, der auf seine Frau einsticht, aber sich hinterher nicht mehr erinnern kann. Hintergründig geht es aber auch um Rosenthals Familiengeschichte und den Holocaust. Und schließlich beschäftigt sich ein weiterer Erzählstrang mit dem Doktor Alzheimer und dessen Schicksal, den eigenen Namen an eine Krankheit zu verlieren, vor der sich alle fürchten.

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Wie kommen wir aus der Scheiße wieder raus?

Benni ich haben am Donnerstag wieder gepodcastet. In Episode 31 von „Besondere Umstände“ beantworten wir die Frage: Wie kommen wir aus der Scheiße jetzt wieder raus? Es geht um Strategien gegen Rechts, Alte weiße Männer (und ob man sie so nennen soll), Politik als Psychologie, Gefühle, Geschichte, die gefährliche Nähe zwischen „linken“ und „rechten“ Argumentationen und das neue Historische Museum in Frankfurt. Die Aufnahme klingt ein bisschen räumlich, weil wir aus Temperaturgründen nicht ordentlich am Tisch sitzen können, sondern mehr oder weniger auf Sessel und Sofa herumgehampelt sind, d.h. in ständige wechselndem Abstand zum Mikrofon. Seht es uns bitte nach…. Hier gehts zum Podcast

Gefährliche Nähe

Politische Positionen werden (etwa in der Skala „Links“ und „Rechts“) meist so definiert, als seien sie je unterschiedlicher, je weiter sie voneinander entfernt sind. Ich schlage eine andere Kategorisierung vor: „Gefährliche Nähe“ (inspired by Diotima).

Zehn Fragen und Antworten über Frauen und Politik

Gestern abend war ich in Eisenberg in der Pfalz zu einem Vortrag über meine zehn Thesen zum Frauenwahlrecht. Im Vorfeld hatte mich die Journalistin Anja Benndorf für die Lokalzeitung Rheinpfalz zu dem Thema interviewt. Der Artikel erschien dort etwas gekürzt, hier poste ich mal meine Original-Antworten – vielleicht findet es ja jemand interessant. Mit welcher anderen großen Errungenschaft würden Sie die Einführung des Frauenwahlrechtes in der Wertigkeit gleichsetzen und warum? Die Einführung des Frauenwahlrechts ist mindestens so bedeutend wie die Einführung der Demokratie schlechthin. Meiner Meinung nach sogar noch wichtiger, weil eine Demokratie, in der nur Männer politisch mitbestimmen sollten, ja eigentlich gar keine ist. Erst mit dem Frauenwahlrecht ist das allgemeine Wahlrecht überhaupt eingeführt worden. Für das konkrete Alltagsleben von Frauen waren jedoch die gesetzliche Möglichkeiten, sich scheiden zu lassen, und im Fall einer Scheidung auch die Kinder behalten zu können. vermutlich wichtiger als das Wahlrecht, ebenso die Zulassung zu ehemaligen „Männerberufen“ und Universitäten. Was sagen Sie Frauen, die dieses

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Die Ideologien der so genannten „Lebensschützer_innen“

Eike Sanders, Kirsten Achtelik, Ulli Jentsch: Kulturkampf und Gewissen. Medizinethische Strategien der „Lebensschutz“-Bewegung. Verbrecher Verlag 2018, 159 Seiten, 15 Euro. Keine schöne, aber sehr informative Lektüre ist dieses Buch, das die ideologischen, organisatorischen und weltanschaulichen Hintergründe der so genannten „Lebensschützer_innen“ aufdröselt, die derzeit in Deutschland, aber auch international versuchen, die von der Frauenbewegung erkämpften Möglichkeiten der reproduktiven Selbstbestimmunge wieder zurückzudrehen. Interessant fand ich dabei vor allem, wie geschickt die Argumentationen versuchen, freiheitliche Debatten und Aspekte aufzunehmen und in ihrem Sinn zu drehen: Die Kritik an behindertenfeindlichen „Optimierungsversuchen“ in der modernen Reproduktionsmedizin und andererseits Ansätze zur Betonung der Selbstbestimmung von Frauen. Kern des Arguments ist die Behauptung, dass Abtreibung in aller Regel gegen den Willen der Schwangeren vorgenommen wird, weil entweder die Gesellschaft die Geburt von Kindern mit Behinderungen vermeiden will oder aber die Familie oder der Ehemann/Partner der Frau keine Kinder will. Ich finde das Thema sehr wichtig, und es besorgt mich ein bisschen, dass die Aufregung und der feministische Aktivismus

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