Wie funktioniert Wahlkampf 4.0?

Wie laufen Wahlkämpfe heute ab? Ich hatte am Sonntag jedenfalls drei Kommunikationsstränge bei der Landtagswahl: Vorne auf der Leinwand lief abwechselnd HR oder ZDF, im Raum saßen noch vier andere Leute, mit denen ich diskutierte, und im Handy lief Twitter.

Und wie erlebt Ihr so Wahlen?

Rund um das Thema gibt es vom 3.-14. November eine Diskussionsplattform. Unter dem Motto „Politische Bildung in Zeiten von Digitalisierung und Social Media“ werde ich zusammen mit der Politikberaterin Cecilia Mussini darüber in einem Forum diskutieren, und am 14. November gibt es dann ein Live-Webinar, wir sind vor Ort in Fulda, aber zuschalten kann man sich von überall aus.

Vielleicht habt Ihr Lust, dabei zu sein, dann geht es hinter diesem Link direkt zum Forum.

Wenn Ihr Vorschläge für Inhalte, Aspekte, Themen usw. habt, freue ich mich über Anregungen in den Kommentaren oder gerne auch per Mail.

Mich nervt es ja ehrlich gesagt ein bisschen, dass in letzter Zeit nur noch negativ über Debattenkultur im Netz gesprochen wird. Ich will ja nicht die Gefahren kleinreden. Aber es gibt doch sicher auch positive Aspekte? Oder?

 

Bücher, die ich nicht gelesen habe

Ich glaube, ich brauche eine neue Rubrik im Blog, und zwar mit Hinweisen auf Bücher, die ich nicht gelesen habe.

Es ist ja Tatsache, dass es viel mehr interessante und diskussionswürdige Veröffentlichungen gibt als man lesen kann. Was mein Fachgebiet – weibliche politische Ideengeschichte nämlich – betrifft, so ist es in den vergangenen Jahren quasi täglich mehr geworden. Feminismus und Frauenbewegung sind heute mehr denn je maßgebliche politische Akteurinnen, und entsprechend haben sich auch die Veröffentlichungen dazu explosionsartig vermehrt. Immer häufiger kommt es vor, dass ich Sachen nicht lesen kann, obwohl sie aktuell diskutiert werden und einige Gedanken wert wären. Daher will ich sie an dieser Stelle wenigstens sammeln oder zu Rezensionen verlinken.

Germaine Greer: On Rape. Bloomsbury 2018, 92 Seiten, 12,99 Euro (Englisch).

Neulich etwa stieß ich bei Facebook auf diesen Text, den Mithu M. Sanyal über das neue Buch „On Rape“ von Germaine Greer geschrieben hat. Greer vertritt darin offenbar sehr diskussionsbedürftige (um nicht zu sagen: falsche) Thesen zu allen möglichen Themen, unter anderem zu Vergewaltigung, heterosexuellem Sex, Männern und Transgender. Als bekannte Protagoinistin der Frauenbewegung hat Greer gleichzeitig eine gewisse Autorität und sicher auch Reichweite. Ich stimme Mithus Analyse hier vollkommen zu: Greer spricht nicht „für die alten Feministinnen“, sondern nur für sich selbst, wenn sich natürlich auch manches in ihren Positionen aus Generationenerfahrungen erklären lässt. Und letztlich zeigt das Ganze, „dass es bei Feminismus nicht um Ikonen, sondern um Diskussionen geht.“

Kate Manne: Down Girl. The Logic of Misogyny, Oxford University Press 2017, 368 S., 20,99 Pfund (Englisch)

Im Facebook-Thread gab es dann noch den Hinweis auf ein weiteres Buch, das sicherlich interessanter ist als das von Greer, nämlich „Down Girl“ von Kate Manne. Laut Beschreibung auf der Verlagsseite stellt sie darin eine These auf, die ich sehr richtig finde, dass nämlich „Frauenfeindlichkeit“ sich nicht darin äußert, dass Männer (oder das Patriarchat) generell etwas gegen Frauen haben oder verächtlich von Frauen sprechen, sondern dass der wesentliche Kern darin besteht, dass zwischen „guten Frauen“ und „schlechten Frauen“ unterschieden wird, wobei die schlechten die sind, die die männliche Vorherrschaft radikal hinterfragen und gefährden. Diese Dynamik erklärt, warum es immer auch viele Frauen gibt, die den Status Quo mittragen, denn da sie zu den „Guten“ gezählt werden, profitieren sie davon. Diese These entfaltet Manne in ihrem Buch offenbar am Beispiel von verschiedenen Ereignissen der vergangenen Jahre. Ich finde ihre These sehr wichtig, weil sie erstens einen Zugang zur Analyse von Differenzen unter Frauen bietet (denn auch bei Konflikten unter Frauen und sogar Feministinnen ist der Mechanismus der Unterscheidung in „gute“ und „schlechte“ Frauen manchmal am Start), und weil sie zweitens zeigt, warum es nicht genügt, einfach „mehr Frauen“ überall haben zu wollen, sondern dass es um qualitative inhaltliche Auseinandersetzungen geht und vor allem um die Anerkennung weiblicher Subjektivität jenseits eines männlichen Urteils darüber.

Der Sound der Macht

Wenn der Aufstieg der extremen Rechten in Europa und ihrer parlamentarischen Ableger diskutiert wird, ist meist von den Formen oder den Inhalten ihrer Politik die Rede. Aber das ist immer auch etwas schwierig, und zwar weil es aufgrund des Phänomens der „gefährlichen Nähe“ oft Ähnlichkeiten gibt. Nicht nur haben sie Aktionsformen und Rhetorik linker Bewegungen übernommen, auch inhaltlich lässt sich keineswegs scharf zwischen ihnen und den „akzeptablen“ Parteien und Bewegungen unterscheiden, was man daran sieht, wie leicht große Bereiche ihrer Agenda in den normalen Diskurs überwechseln konnten.

sound

Deshalb möchte ich dieses aktuelle Buch von Astrid Séville empfehlen. Ich habe sie im Juni bei einer Podiumsdiskussion der Frauenstudien in München kennengelernt. In ihrer Analyse des Gesamtschlamassels fokussiert sie sich auf das, was sie den „Sound der Macht“ nennt. Damit gemeint sind weniger konkrete Inhalte und Aktionsformen, als vielmehr die Sprache und die Gedankenwelten, in denen sie geäußert werden. Anhand von vier rhetorischen Formeln geht sie den Entwicklungen auf den Grund, die dazu geführt haben, dass „autoritäre Nationaldemokraten“ (wie die rechten Parteien nach einem Vorschlag von Wilhelm Heitmeyer besser genannt werden sollten, denn „Rechtspopulismus“ ist verharmlosend / S. 117) für so große Teile der Bevölkerung wieder so attraktiv geworden sind.

Die erste rhetorische Formel ist die von der „Alternativlosigkeit“, die von Margaret Thatcher eingeführt und von Angela Merkel in anderer Form zum bestimmenden Faktor des Regierens gemacht wurde. Sie steht für eine Politikverständnis, das große Bereiche des Entscheidens der politischen Verhandlung entzieht. Die Unsitte, die eigene politische Meinung nicht mehr als Teil eines pluralistischen Aushandlungsverhältnisses zu präsentieren, sondern als einzig mögliche Option, ist tatsächlich der Sargnagel des Politischen – und macht natürlich ganz unmittelbar all jene attraktiv, die behaupten, dass sie doch eine Alternative hätten. Der Name dieser neuen Partei ist also wirklich Programm.

Das Bemerkenswerte an diesem „Sound“ ist, dass er von allen Seiten geteilt wird. Wenn derzeit etwa ein Teil des Widerstands gegen die Rechten sich auf die „Wissenschaftlichkeit“ ihrer Positionen beziehen, dann bewegen sich auch innerhalb des „Sounds der Alternativlosigkeit“. Auch ein Slogan wie „Rassismus ist keine Meinung“ gehört da hinein. Das Problem dabei ist, dass manche Dinge vielleicht ja tatsächlich alternativlos sind. Und in den ersten Jahren von Merkels Regierung waren auch ein Großteil der Bevölkerung mit ihrer etwas einlullenden beruhigenden Art ganz einverstanden, weil man den Eindruck hatte, sie macht schon das Beste daraus, was möglich ist.

Doch genau diese Unaufgeregtheit ist jetzt eben das Einfallstor für alle, die sich eben doch aufregen wollen, worüber auch immer. Die Position der „Alternativlosigkeit“ der eigenen Ansichten nützt eben nichts, wenn die Gegenseite das nicht einsieht. In der Politik geht es nicht um Wahrheit, sondern um Übereinkünfte, man muss in einer Demokratie prinzipiell jede Position pluralistisch verhandeln und kann nicht Wahrheiten verkünden. Ein wichtiger Punkt im Umgang mit der neuen Rechten ist es, wieder einen „Sound“ in die politische Debatte zu bringen, der für abweichende Meinungen tolerant ist und die eigenen Ansichten immer als eine Alternative in einem Spektrum vieler andere möglicher Alternativen darzustellen. Nur dann ist es möglich, die tatsächlich wichtigen Grenzen zu ziehen, dort, wo es um Menschenrechte geht, zum Beispiel.

Die zweite rhetorische Formel, die Séville untersucht, ist die von den „Hausaufgaben machen“. Sie prägt den gesamten Diskurs rund um die wirtschaftlichen Probleme Europas und des Euros, und ist ebenfalls entpolitisierend, weil sie ein Framing setzt, das politische Konflikte „pädagogisiert“. In diesem Rahmen ist es unmöglich, verschiedene ökonomische Konzepte zu diskutieren, und des schafft in den Köpfen bereits eine Hierarchie der Kulturen, die nur allzu leicht ins Rassistische gewendet werden kann.

Die dritte rhetorische Formel ist „Wir sind das Volk“ und beschäftigt sich mit der Frage, wie eine Partei, deren gesamtes Führungspersonal zur Elite gehört – sowohl vom Bildungsgrad als auch von den sozialen Hintergründen, etwa familiären her – sich zur Sprachführerin des Volks gegen die „Eliten“ machen kann. Und wieso es der Linken eigentlich nicht gelingt, „populär“ zu sein.

Die vierte rhetorische Formel schließlich betrachtet die Aufforderung, doch endlich „Mut zur Wahrheit“ zu haben. Das „Das muss man doch einmal sagen können“ und das „Ich bin kein Rassist, aber..:“. Auch in diesem Kapitel zeigt Séville, dass diese rhetorische Formel keineswegs nur auf autoritäre Nationalradikale begrenzt ist, sondern ebenfalls in der etablierten Politik aufgegriffen wird – nur eben meist bloß als Floskel, als Willensbekundung, der dann aber wirkliche Offenlegungen gerade nicht folgen.

Mir hat an dem Buch nicht nur die Grundthese eingeleuchtet, sondern ich finde auch formal den Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen zurück in den gesellschaftlichen Diskurs sehr gelungen. Séville schreibt gut lesbar und verständlich, ohne akademisierendes Brimborium, aber auch ohne deshalb ihre Thesen zu verflachen und auf notwendige Differenziertheit zu verzichten. Und sie hält trotz aller Wissenschaftlichkeit mit ihren eigenen Positionen nicht hinter dem Berg. Das ist sehr wohltuend, wie ich finde. Auch wenn ich ihr nicht in allem zustimme. Angela Merkel kommt bei ihr zu schlecht weg, wie ich finde, und ich fand es in Ordnung, das Gomringer-Gedicht zu entfernen, Séville nicht.

Auch teile ich nicht ganz Sévilles Vertrauen in die politische Institutionen des demokratischen Parlamentarismus. Ich denke, neben aller Wichtigkeit, über den „Sound der Macht“ nachzudenken und ihn möglichst zu verändern, braucht es auch Debatten über die strukturen und äußeren Mechanismen, die diese Art von „Sound“ begünstigen. Es ist nicht nur die individuelle Schuld politischer Akteur_innen, die zu diesen entpolitischen rheotischen Figuren geführt hat, sondern es liegt auch in der Logik der Dynamik des politischen Alltagsgeschäfts.

Aber dazu müsste man dann vielleicht nochmal ein eigenes Buch schreiben. Jetzt sollt ihr erstmal diese hier lesen:

Astrid Séville: Der Sound der Macht. Eine Kritik der dissonanten Herrschaft. C.H. Beck, 192 Seiten, 14,95 Euro. 

„… der selbst Vater ist…“

Gerade geht eine Meldung herum über einen Konflikt im Thüringer Landtag, wo eine Abgeordnete der Grünen, Madeleine Henfling, den Saal verlassen musste, weil sie ihr Baby dabei hatte und das laut Geschäftsordnung nicht erlaubt ist.

Skandal, Skandal, aber das Neue ist ja nicht, dass das verboten ist, sondern dass eine es trotzdem macht und alle das skandalös finden. Und dass extra der Ältestenrat getagt hat und dass jetzt vielleicht bald die Geschäftsordnung geändert wird und dass in der Zwischenzeit Henfling zwar mit Baby nicht den Saal betreten darf, aber bei Abstimmungen eine CDU-Abgeordete (warum übrigens eine Frau?) auf das Abstimmen verzichtet, was ein interessantes Konstrukt. Good News also das Ganze. Vielleicht könnte man ja auch noch auf die Idee kommen, dass alle Abgeordneten in alphabetischer Reihenfolge draußen vor der Tür rundum auf das Baby aufpassen?

Besonders interessant finde ich in der Meldung des MDR allerdings folgenden Satz über den Landtagspräsidenten, der Henfling rausgeschickt hat: „Zudem würde er aus Kinderschutzerwägungen jedem Abgeordneten empfehlen, sich um eine Betreuung für sein Kind zu kümmern, sagte Carius, der selbst Vater ist.“

Dass „er selbst Vater ist“ soll ihn offensichtlich dafür qualifizieren, den Sachverhalt beurteilen zu können, da er auch Kinder hat. Aber es geht hier nicht um einen Konflikt um die Frage, was gut ist für Kinder, sondern es geht um einen Konflikt um die Frage, ob Menschen, die sich um Kinder kümmern, gleichzeitig in der Öffentlichkeit präsente und aktive Menschen sein können, oder ob sich beides gegenseitig ausschließt.

Mütter und Väter sind eben in dieser Sache nicht einfach die weibliche und männliche Variante desselben Phänomens, sondern Väter und Mütter sind hier zwei verschiedene „Sorten“ von Eltern. Und dass er „Vater“ ist, DISQUALIFIZIERT Carius dafür, diese Angelegenheit zu beurteilen, weil Väter waren es eben schon immer, die gesagt haben, Mütter müssten sich um Kinder kümmern und dürften deshalb nicht in der Öffentlichkeit herumlaufen geschweige denn mittreden wollen.

Lese- und Hörempfehlungen

Die Hitze zermatscht mir das Gehirn, aber nein, ich beklage mich nicht.

Allerdings bin ich froh, dass ich gerade keine dringenden Deadlines vor mir habe, und daher auch nichts Großartiges produzieren muss. Immerhin schaffe ich es, Sachen zu lesen oder anzuhören, und hier hab ich zwei Tipps für euch.

Einmal Olivia Rosenthals Buch „Wir sind nicht da, um zu verschwinden“. Es wurde mir von meiner Verlegerin Ulrike Helmer ans Herz gelegt, die diese französische Autorin entdeckt und das Buch auf Deutsch herausgebracht hat. Hier gibt es auch einen Film des Hr darüber. Es ist nicht ganz einfach, zu beschreiben, worum es in dem Buch geht. Vordergründig erzählt es die Geschichte eines Alzheimerkranken, der auf seine Frau einsticht, aber sich hinterher nicht mehr erinnern kann. Hintergründig geht es aber auch um Rosenthals Familiengeschichte und den Holocaust. Und schließlich beschäftigt sich ein weiterer Erzählstrang mit dem Doktor Alzheimer und dessen Schicksal, den eigenen Namen an eine Krankheit zu verlieren, vor der sich alle fürchten. Jedenfalls habe ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen. (Das Buch kostet 20 Euro, hier gehts zur Verlagsseite)

Außerdem habe ich den Audiowalk „Wege nach Queertopia“ gehört. Dieser (kostenpflichtige) „philosophische Hörspaziergang“ von Anna Wegricht gibt einen Einblick in queerfeministische Utopien, wobei die Sendung vor allem von den starken O-Tönen der Interviewpartnerin Lena Eckert lebt, die quasi druckreif die entsprechenden Theorien erklärt. Recht großen Raum nimmt zudem das kontrasexuelle Manifest von Beatriz Preciado ein. Aber auch Christine de Pizan kommt drin vor, wenn auch nur sehr kurz. Wie immer bei sowas wurde mir nicht ganz klar, worin die großen Faszination liegt, die diese Art der Dekonstruktion von Geschlechterdifferenzen für so viele hat. Aber sei’s drum. Empfehlen würde ich die Sendung auch allen Feministinnen, für die Queer noch immer ein Fremdwort ist, man bekommt doch einen guten Eindruck. Im Übrigen erschien das Hörspiel zwar in einer Reihe von Berliner Stadtrundgängen, und man wird ausdrücklich aufgefordert, während des Hörens herumzulaufen, im Park oder so, aber ich habe es ausprobiert: Man kann es auch ganz prima in Frankfurt auf dem Sofa hören. (9,99 Euro, Link hier)

Wie kommen wir aus der Scheiße wieder raus?

Benni ich haben am Donnerstag wieder gepodcastet. In Episode 31 von „Besondere Umstände“ beantworten wir die Frage: Wie kommen wir aus der Scheiße jetzt wieder raus?

Es geht um Strategien gegen Rechts, Alte weiße Männer (und ob man sie so nennen soll), Politik als Psychologie, Gefühle, Geschichte, die gefährliche Nähe zwischen „linken“ und „rechten“ Argumentationen und das neue Historische Museum in Frankfurt.

Die Aufnahme klingt ein bisschen räumlich, weil wir aus Temperaturgründen nicht ordentlich am Tisch sitzen können, sondern mehr oder weniger auf Sessel und Sofa herumgehampelt sind, d.h. in ständige wechselndem Abstand zum Mikrofon. Seht es uns bitte nach….

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