Abtreibung und kategorischer Imperativ

Gerade gibt es hier eine interessante und komplexe Debatte zu den ethischen Fragen rund um Abtreibung. Eine offene Frage ist zum Beispiel, wie sich die moralische Bewertung des Schwangerschaftsabbruchs zum kategorischen Imperativ verhält. Das „Handle stets so“ ist ja offenbar in diesem Fall keine mögliche Maxime, denn Menschen ohne Uterus können ja nie in die Situation kommen, dass sie diesem Imperativ ausgesetzt wären. Weiß jemand hier eventuell, ob sich in der Bibliothekenhaften Flut von Kant-Literatur schon mal jemand mit speziell dieser Frage auseinander gesetzt hat Denn der kategorische Imperativ ist ja deshalb so kategorisch, weil er eine formale menschliche Bedingtheit thematisiert. Aber diese Art „Allgemeinheit“ oder „Universalität“ ist in der moralischen Beziehung zwischen einer Schwangeren und dem Embryo in ihrer Gebärmutter nicht gegeben. Natürlich gibt es immer moralische Themen, von denen manche Menschen prinzipiell nicht betroffen sind. Aber gibt es noch eine andere Frage, bei der so systematisch die Hälfte der Menschheit nicht betroffen sein kann wie beim Schwangerwerdenkönnen? Mich

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Wie die SPD dafür sorgte, dass die Information über Abtreibungen endgültig illegal wurde

Also. Der §219a wird, wenn die jetzigen Pläne durchkommen, schlimmer als vorher, denn Informationen über die Art und Weise eines Abbruchs sind dann offiziell illegal. Vorher waren sie das nur aufgrund richterlicher Rechtsprechung gewesen, während der Gesetzestext selbst uneindeutig war. Aber laut diesem „Kompromiss“ dürfen Ärztinnen nun ausdrücklich nur über die Tatsache informieren, dass sie Abtreibungen vornehmen, aber sie dürfen keine weiteren Informationen darüber geben. Diese dürfen nur über den Umweg staatlich beauftragter Stellen bereitgestellt werden, den Ärztinnen wird lediglich erlaubt, auf diese zu verlinken. Es wurde also tatsächlich Rechtsklarheit geschaffen, leider halt bloß im Sinne der Abtreibungsgegner.  Der Gesetzestext lautet nach Vorschlag: Das Werbeverbot gilt nicht, wenn die Ärtztinnen „auf die Tatsache hinweisen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche unter denVoraussetzungen des § 218a … vornehmen, oder auf Informationen einer insofern zuständigen Bundes- oder Landesbehörde … hinweisen“. Was das für die Verfassungsklage bedeutet, die von Kristina Hänel momentan läuft, kann ich noch nicht einschätzen, jedenfalls ist das jetzt dringender als je. Denn

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Konferenz „Denkumenta 2“: Gutes Leben für die ganze Welt

Alle, die sich für das Denken der Geschlechterdifferenz interessieren, das ABC des guten Lebens gelesen haben und sich fragen, was Feminismus zu aktuellen politischen Entwicklungen und Fragestellungen beitragen kann, sind eingeladen, vom 16. bis 19. August zur Denkumenta 2 nach St. Arbogast in Österreich zu kommen. Vier Tage lang gibt es dort bei einer internationalen (deutschsprachigen) Konferenz Gelegenheit, sich mit Frauen, Aktivist*innen, politisch Interessierten auszutauschen – bei der Denkumenta 1 vor sechs Jahren waren Teilnehmerinnen aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden da. Das Treffen wird von zehn Frauen veranstaltet, die aus der Autorinnengruppe des „ABC“ hervorgegangen sind: Lorena Gulino, Liv Kägi, Caroline Krüger, Michaela Moser, Anne-Claire Mulder, Ina Praetorius, Cornelia Roth, Antje Schrupp, Andrea Trenkwalder-Egger, Katrin Wagner – sie alle sind auch Autorinnen, Redakteurinnen oder Patinnen des Internetforums Beziehungsweise Weiterdenken. Thema der Konferenz wird sein: Über_setzen. Gutes Leben für die ganze Welt. Das Programm wird von den Teilnehmerinnen selbst erarbeitet. Natürlich bereiten die Veranstalterinnen auch selbst Programmpunkte vor, aber alle sind eingeladen,

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Zehn Thesen zum Frauenwahlrecht – gezeichnet von Sybille Reichel (c)

Mit dieser schönen Zeichnung hat die Illustratorin Sybille Reichel meine zehn Thesen zum Frauenwahlrecht gezeichnet. Wir waren gemeinsam als Referentinnen in November bei einer Veranstaltung zum Thema auf Einladung des Thüringer Landesfrauenrats im Landtag in Erfurt. Nette Begegnung, schöne Zeichnung falls Ihr mal auf der Suche nach einer Zeichnerin für Graphic Recording seid: Voila. 

Die zornigen Töchter Berlins

Wer immer etwas über die Frauenbewegung in Berlin (aber eigentlich auch darüber hinaus in ganz Deutschland) wissen will, sollte sich dieses Buch besorgen. Annett Gröschner hat mit viel Aufmerksamkeit fürs Detail die Geschichte aufgeschrieben, von der preußischen Berlinerin (beginnend bei der Ersten Frauenbewegung), über die Westberlinerin und die Ostberlinerin bis zur Hauptstädter*in nach 1989. Dabei schafft sie eine gute Balance aus Darstellung der Fakten (vieler, vieler Fakten) und deren Interpretation und Einordnung in einer größere Erzählung und den  Kontext der jeweiligen zeitgenössischen Debatten. Besonders interessant sind auch die vielen O-Töne von Protagonistinnen, die ihre Sicht der Dinge erzählen. Sehr wohltuend und sehr notwendig in Zeiten, wo Feminismus wieder En Vogue ist, gerade auch bei jüngeren Frauen, die Darstellung der Geschichte der Frauenbewegung aber oft holzschnittartig auf wenige Big Names und Big Dates reduziert wird. Unbedingt lesenswert! Und keinesfalls nur für Berlinerinnen! Und ganz groß auch die zahlreichen Abbildungen von zeithistorischen Plakaten und Flyern… (Disclaimer: Im letzten Kapitel wird ab und

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Den Staat geht mein Geschlecht nichts an. Aber übers Schwangerwerdenkönnen müssen wir reden.

Bini Adamczak hat für das Missy Magazine aufgeschrieben, worum es bei den derzeitigen Diskussionen um einen dritten Geschlechtseintrag eigentlich geht, bitte alle lesen, weil das Thema wichtig ist.  Auch ich finde, dass es die beste Lösung wäre, den staatlichen Geschlechtseintrag einfach ganz abzuschaffen. Denn auch wenn ich eigentlich immer sehr dafür bin, Geschlechterdifferenzen sichtbar zu machen und zu thematisieren, so finde ich doch nicht, dass eine staatliche Behörde der richtige Ort dafür ist. Denken der Geschlechterdifferenz bedeutet nämlich, immer dann über das Thema zu sprechen, wenn es wichtig ist, und NICHT darüber zu sprechen, wenn es nicht wichtig ist. Interessant ist Binis Überlegung dazu, warum das Thema „Dritte Geschlechtsoption“ im Feminismus noch nicht mehr Fahrt aufgenommen hat, warum es keine breite Bewegung dafür gibt, und sie nennt in dem Text zwei Gründe: Erstens weil manche vielleicht befürchten, dass sich ohne Erfassung des Geschlechts keine geschlechterbezogenen Diskriminierungen mehr aufzeigen lassen (sie widerlegt das im Text – Forscher*innen dürfen auf diese Daten

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Über öffentliche Ämter und persönlichen Marktwert

Auf meiner Facebook-Pinnwand hat sich anhand dieses Artikels über die Vortragshonorare der Obamas (400.000 US$ Barack, 200.000 Michelle) eine interessante Diskussion über den Marktwert entfaltet, den öffentliche Ämter ihren Inhabern (oder ggfs. auch deren Ehegatt_innen) bringen und ob das gerecht ist. Ich hatte gepostet: Interessante Frage zum Marktwert von Prominenz. Vielleicht müsste man neue Regeln einführen, wonach Inhaber öffentlicher Ämter sich verpflichten, im Anschluss an ihre Amtszeit einen Prozentsatz X von allen künftigen Einnahmen an den Staat abzuführen, z.b. Präsidenten 70%, deren Gattinnen 40%, Senatoren 30% usw.. entsprechend auch für Deutschland. Das wäre doch eine schöne und gerechte Einnahmequelle. Und auf die Nachfrage „warum?“ antwortete ich: Weil nur ein Teil des Honorars für die persönliche Leistung bezahlt wird und der andere Teil für die Prominenz, die man im Schlepptau des Amtes bekommen hat, und der daher nicht der Person zuzurechnen ist, sondern der Gesellschaft, die dieses Amt zur Verfügung stellt, sozusagen Die Reaktionen waren geteilt. Einigte fragten: Warum stellt sich

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Interview über Feminismus und Linkssein

Das Underdog-Fanzine hat mich zum Verhältnis von Feminismus und Linkssein interviewt – Ich kopiere das nochmal hier herein, weil ich das Layout dort irgendwie unleserlich finde.  Antje, du hast mit einer Studie von vier Biographien das Verhältnis von Feminismus und Marxismus untersucht. Welche Rolle spielt das Verhältnis für dich? Ich habe eigentlich das Verhältnis von Feminismus und Sozialismus untersucht, am Beispiel von vier Aktivistinnen, die in der Ersten Internationale (1864-1872)  aktiv waren. Nur eine davon, Elisabeth Dmitrieff, war ausdrücklich Marxistin, zwei andere, André Léo und Virginie Barbet, waren eher Anarchistinnen, und Victoria Woodhull schließlich lässt sich gar keiner solchen Fraktion zuordnen. Generell bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die klassischen Kategorien – wie eben Marxistin oder Anarchistin – für das politische Denken dieser Frauen nicht passen. Die politische Ideengeschichte ist historisch eine sehr männliche Disziplin, bis vor wenigen Jahrzehnten interessierte sie sich nur für die politischen Ideen von Männern. Dann kam der Feminismus auf, und man hat versucht, Frauen in

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