Lese- und Hörempfehlungen

Die Hitze zermatscht mir das Gehirn, aber nein, ich beklage mich nicht.

Allerdings bin ich froh, dass ich gerade keine dringenden Deadlines vor mir habe, und daher auch nichts Großartiges produzieren muss. Immerhin schaffe ich es, Sachen zu lesen oder anzuhören, und hier hab ich zwei Tipps für euch.

Einmal Olivia Rosenthals Buch „Wir sind nicht da, um zu verschwinden“. Es wurde mir von meiner Verlegerin Ulrike Helmer ans Herz gelegt, die diese französische Autorin entdeckt und das Buch auf Deutsch herausgebracht hat. Hier gibt es auch einen Film des Hr darüber. Es ist nicht ganz einfach, zu beschreiben, worum es in dem Buch geht. Vordergründig erzählt es die Geschichte eines Alzheimerkranken, der auf seine Frau einsticht, aber sich hinterher nicht mehr erinnern kann. Hintergründig geht es aber auch um Rosenthals Familiengeschichte und den Holocaust. Und schließlich beschäftigt sich ein weiterer Erzählstrang mit dem Doktor Alzheimer und dessen Schicksal, den eigenen Namen an eine Krankheit zu verlieren, vor der sich alle fürchten. Jedenfalls habe ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen. (Das Buch kostet 20 Euro, hier gehts zur Verlagsseite)

Außerdem habe ich den Audiowalk „Wege nach Queertopia“ gehört. Dieser (kostenpflichtige) „philosophische Hörspaziergang“ von Anna Wegricht gibt einen Einblick in queerfeministische Utopien, wobei die Sendung vor allem von den starken O-Tönen der Interviewpartnerin Lena Eckert lebt, die quasi druckreif die entsprechenden Theorien erklärt. Recht großen Raum nimmt zudem das kontrasexuelle Manifest von Beatriz Preciado ein. Aber auch Christine de Pizan kommt drin vor, wenn auch nur sehr kurz. Wie immer bei sowas wurde mir nicht ganz klar, worin die großen Faszination liegt, die diese Art der Dekonstruktion von Geschlechterdifferenzen für so viele hat. Aber sei’s drum. Empfehlen würde ich die Sendung auch allen Feministinnen, für die Queer noch immer ein Fremdwort ist, man bekommt doch einen guten Eindruck. Im Übrigen erschien das Hörspiel zwar in einer Reihe von Berliner Stadtrundgängen, und man wird ausdrücklich aufgefordert, während des Hörens herumzulaufen, im Park oder so, aber ich habe es ausprobiert: Man kann es auch ganz prima in Frankfurt auf dem Sofa hören. (9,99 Euro, Link hier)

Wie kommen wir aus der Scheiße wieder raus?

Benni ich haben am Donnerstag wieder gepodcastet. In Episode 31 von „Besondere Umstände“ beantworten wir die Frage: Wie kommen wir aus der Scheiße jetzt wieder raus?

Es geht um Strategien gegen Rechts, Alte weiße Männer (und ob man sie so nennen soll), Politik als Psychologie, Gefühle, Geschichte, die gefährliche Nähe zwischen „linken“ und „rechten“ Argumentationen und das neue Historische Museum in Frankfurt.

Die Aufnahme klingt ein bisschen räumlich, weil wir aus Temperaturgründen nicht ordentlich am Tisch sitzen können, sondern mehr oder weniger auf Sessel und Sofa herumgehampelt sind, d.h. in ständige wechselndem Abstand zum Mikrofon. Seht es uns bitte nach….

Hier gehts zum Podcast

Zehn Fragen und Antworten über Frauen und Politik

Gestern abend war ich in Eisenberg in der Pfalz zu einem Vortrag über meine zehn Thesen zum Frauenwahlrecht. Im Vorfeld hatte mich die Journalistin Anja Benndorf für die Lokalzeitung Rheinpfalz zu dem Thema interviewt. Der Artikel erschien dort etwas gekürzt, hier poste ich mal meine Original-Antworten – vielleicht findet es ja jemand interessant.

Mit welcher anderen großen Errungenschaft würden Sie die Einführung des Frauenwahlrechtes in der Wertigkeit gleichsetzen und warum?

Die Einführung des Frauenwahlrechts ist mindestens so bedeutend wie die Einführung der Demokratie schlechthin. Meiner Meinung nach sogar noch wichtiger, weil eine Demokratie, in der nur Männer politisch mitbestimmen sollten, ja eigentlich gar keine ist. Erst mit dem Frauenwahlrecht ist das allgemeine Wahlrecht überhaupt eingeführt worden. Für das konkrete Alltagsleben von Frauen waren jedoch die gesetzliche Möglichkeiten, sich scheiden zu lassen, und im Fall einer Scheidung auch die Kinder behalten zu können. vermutlich wichtiger als das Wahlrecht, ebenso die Zulassung zu ehemaligen „Männerberufen“ und Universitäten.

Was sagen Sie Frauen, die dieses Recht nicht wahrnehmen und bei Wahlen keine Stimme abgeben?

Gar nichts. Nicht zu wählen ist eine legitime demokratische Möglichkeit. Es ist ja etwas völlig anderes, ob ich mich aus welchen Gründen auch immer entscheide, nicht zur Wahl zu gehen, oder ob ich es gar nicht darf. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Frauen sind durch das Wahlrecht zu gar nichts verpflichtet, es ist ja ein Recht, das ihnen zusteht, und keine Gnade, für die sie irgendwie dankbar sein müssten.

Damals durfte frau ab 20 Jahren an die Urne. Wären Sie dafür, das Wahlrecht ab 16 einzuführen? 

Wo genau man die Grenze zieht, ist letztlich immer eine willkürliche Angelegenheit. Ich persönlich habe da keine Leidenschaft, denke aber, mit 18 Jahren zu wählen ist früh genug.

In politischen Ämtern sind die Männer nach wie vor in der Überzahl. Liegt das an den Frauen selbst, an den Männern oder allgemein an den Bedingungen, die es ihnen kaum möglich machen, in die Politik einzusteigen? Was wäre hier zu tun?

Meiner Meinung nach liegt das daran, dass diesen Gremien und Verfahrensweisen von Männern für Männer entwickelt wurden und Frauen nur nachträglich auch zugelassen wurden, ohne sie nach ihren Ideen und Wünschen zu fragen. Das führt sowohl dazu, dass Frauen schlechtere Chancen haben, gewählt zu werden, als auch dazu, dass ihnen die Arbeit dort weniger Spaß macht und sie sich deshalb seltener zur Wahl stellen oder rascher wieder zurückziehen. Es wäre eigentlich notwendig, in einem neuen Prozess aus Männern und Frauen gemeinsam herauzusfinden, wie „Demokratie“ organisiert werden soll.

Halten Sie in dem Zusammenhang eine Frauenquote für sinnvoll? Oder sollte nicht in erster Linie die Kompetenz eine Rolle spielen? Ist so eine Quote in der Wirtschaft anders zu beurteilen?

Die Gegenüberstellung von „Kompetenz“ versus „Quote“ ist falsch, weil ohne Quote ja systematisch weniger kompetent Männer bevorzugt werden, allein weil sie Männer sind und besser zum „System“ passen. Eine Quote würde also meiner Ansicht nach eher mehr als weniger Kompetenz in die Parlamente bringen. Trotzdem glaube ich nicht, dass dadurch das grundsätzliche Problem gelöst würde, weil eine Quote dazu tendiert, diejenigen Frauen in Ämter zu bringen, die am wenigsten verändern wollen. Manchmal fordere ich deshalb halb im Scherz eine „Feministinnenquote“. Wir brauchen Instrumente, die unkonventionelle Frauen, die Dinge grundsätzlich hinterfragen, nach vorne zu bringen, und das schafft die Quote nicht – weder in der Politik noch in der Wirtschaft. Im Übrigen ist das Verhältnis in der Politik gar nicht so schlecht, wie Sie sagen. In den Bundestagsfraktionen von Linken und Grünen etwa sind Frauen in der Überzahl, bei der SPD bei über 40 Prozent. Dass der Frauenanteil im Bundestag wieder gesunken ist, liegt also ausschließlich an den rechten Parteien, also CDU, CSU, FDP und AfD. Generell ist die Situation auf Bundes- und Länderebene besser als auf kommunaler Ebene. Wir sollten also lieber gezielt überlegen: Warum klappt es mit der Beteiligung von Frauen manchmal und manchmal nicht?

Wie ist Ihr Eindruck: Sind Frauen in politischer Verantwortung härter, konsequenter, geradliniger als Männer?

Nein, ich glaube, es gibt gar keine wesentlichen Unterschiede. Ein Unterschied ist lediglich, dass Männer mehr Wert auf Status und öffentliche „Siege“ legen, aber nicht weil sie individuell anders sind als Frauen, sondern weil das in unserer Kultur mit Männlichkeit verknüpft ist. Ein Bürgermeister, der seinen Gegner niederringt, erhöht quasi seine „Männlichkeit“, eine Bürgermeisterin hingegen würde bei gleichem Verhalten ihre Weiblichkeit aufs Spiel setzen. Das ist eine sehr interessante Dynamik, die dazu führt, dass Frauen häufig besser moderieren und vermitteln können, ohne nach außen hin aufzutrumpfen. Was nicht heißt, dass sie ihre Anliegen nicht konsequent verfolgen. Angela Merkel macht das seit vielen Jahren bravourös.

Hat der Trend, bei jeder Gelegenheit beide Geschlechter zu nennen (zum Beispiel: „die Schüler und Schülerinnen“, „die Mitarbeiter und die Mitarbeiterinnen“) etwas mit Gleichberechtigung zu tun oder ist das oberflächliches Getue, um davon abzulenken, dass Gleichberechtigung immer noch nicht komplett verwirklicht ist?

Sprache prägt sehr, was wir uns vorstellen können. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die zeigen, dass die Menschen sich beim generischen Maskulinum, also wenn gemischte Personengruppen mit männlichen Begriffen bezeichnet werden, auch Männer vorstellen und keine Frauen. Wenn wir konsequent weibliche Formen mit benutzen, dann formt sich in unseren Köpfen ein anderes Bild. Ich könnte mir vorstellen, dass das ein Faktor ist, warum manche Parteien deutlich weniger Probleme haben, Frauen zur Mitarbeit zu gewinnen, als andere – natürlich nicht der einzige.

Warum ist es Ihrer Meinung nach bislang nicht gelungen, Frauen und Männer für die gleiche Arbeit gleich zu entlohnen?

Weil Geld in unserer Kultur ebenfalls mit Männlichkeit verknüpft ist. Von Frauen wird viel mehr als von Männern erwartet, dass sie nicht „geldgierig“ sind, dass sie unbezahlt arbeiten zum Beispiel. Deshalb wird Frauen von vornherein weniger Geld angeboten als Männer, und wenn sie harte Gehaltsverhandlungen führen, gelten sie als unsympathischer als Männer, die das gleiche tun. Aber auch hier gilt, was ich oben zur Politik sagte: Es ist nicht überall gleich schlecht. Der durchschnittliche Gender Pay Gap sagt wenig aus, denn in manchen Bereichen ist er sehr groß – etwa im oberen Management – in anderen Bereichen hingegen nicht, etwa im öffentlichen Dienst oder auch in manchen Start Ups. Auch hier wäre es besser, nicht nur allgemein zu bleiben, sondern sich genau anzuschauen, was warum funktioniert und was warum nicht.

Was wären andere wichtige Baustellen, um endlich die seit mehr als 200 Jahren geforderte Gleichberechtigung Wirklichkeit werden zu lassen?

Das Wichtigste wäre meiner Meinung nach, uns vom Modell „Gleichstellung“ zu verabschieden. Es geht nicht darum, Frauen mit den Männern gleichzustellen, denn dann behalten wir weiterhin die männliche Norm, nur dass Frauen jetzt „auch“ alles dürfen. Eine Welt, die nur aus Männern besteht, wäre aber nicht schön. Was wir brauchen sind neue Formen – von Politik, von Wirtschaft, von Kultur, von Bildung – die von Frauen und Männern gemeinsam entwickelt werden, in die die Wünsche und Ideen aller eingeflossen sind.

Bei welchen Gelegenheiten merken Sie persönlich als Frau, dass Frauen in Deutschland noch nicht voll gleichberechtigt sind?

Daran, dass noch immer viele Männer sich nicht mit den Ideen und Vorstellungen von Frauen auseinandersetzen. Dass sie noch immer glauben, die „Frauenfrage“ wäre irgendwie etwas Nebensächliches, das sie nicht betrifft. In diesem Jahr habe ich zum Beispiel an viele Veranstaltungen aus Anlass von 100 Jahren Frauenwahlrecht teilgenommen. Männer sind da fast nie welche gewesen.

Die Ideologien der so genannten „Lebensschützer_innen“

kulturkampf

Eike Sanders, Kirsten Achtelik, Ulli Jentsch: Kulturkampf und Gewissen. Medizinethische Strategien der „Lebensschutz“-Bewegung. Verbrecher Verlag 2018, 159 Seiten, 15 Euro.

Keine schöne, aber sehr informative Lektüre ist dieses Buch, das die ideologischen, organisatorischen und weltanschaulichen Hintergründe der so genannten „Lebensschützer_innen“ aufdröselt, die derzeit in Deutschland, aber auch international versuchen, die von der Frauenbewegung erkämpften Möglichkeiten der reproduktiven Selbstbestimmunge wieder zurückzudrehen.

Interessant fand ich dabei vor allem, wie geschickt die Argumentationen versuchen, freiheitliche Debatten und Aspekte aufzunehmen und in ihrem Sinn zu drehen: Die Kritik an behindertenfeindlichen „Optimierungsversuchen“ in der modernen Reproduktionsmedizin und andererseits Ansätze zur Betonung der Selbstbestimmung von Frauen. Kern des Arguments ist die Behauptung, dass Abtreibung in aller Regel gegen den Willen der Schwangeren vorgenommen wird, weil entweder die Gesellschaft die Geburt von Kindern mit Behinderungen vermeiden will oder aber die Familie oder der Ehemann/Partner der Frau keine Kinder will.

Ich finde das Thema sehr wichtig, und es besorgt mich ein bisschen, dass die Aufregung und der feministische Aktivismus nach der Verurteilung der Gießener Ärztin Kristina Hänel nach § 219a wieder verebbt ist. Unsäglich in dem Zusammenhang ist natürlich der Rückzieher der SPD von der gemeinsamen Gesetzesinitiative zur Abschaffung dieses Paragrafen. Aber sie scheint damit ja durchzukommen, weil auch der gesellschaftliche Drive bei dem Thema nicht da ist.

Es sieht daher leider so aus, als bekämen die Rechten für ihrem Anti-Abtreibungs-Aktivismus kaum Gegenwind aus der „gesellschaftlichen Mitte“. Vielleicht hat es mit Demografie zu tun (viele Feministinnen sind aus dem gebärfähigen Alter raus), vielleicht mit individualisierter Selbstüberschätzung (viele jüngere Frauen denken, sie haben das im Griff, ihnen passiert das nicht, oder wenn wissen sie sich zu helfen). Es hat vielleicht auch damit zu tun, dass dieses Thema noch mehr als andere sich nach reinem „Frauenkram“ anhört.

In gewisser Weise ist es schlau von den Rechten und „Lebensschützern“, dieses Thema gerade jetzt wieder aufzumachen, wo die Frauenbewegung gerade zu einer Art Plattform gegen Rechtspopulismus und Nationalismus wird. In Ländern wie Polen oder Irland ist es ja noch schlimmer, aber dort ist wirklich eine Bevölkerungsmehrheit gegen Abtreibung. Gerade deshalb wäre es aus meiner Sicht einfach wichtig, dass wir in Deutschland hier gegen den § 219a angehen – denn es gibt eine gesellschaftliche Mehrheit für dessen Abschaffung, da bin ich mir ziemlich sicher. Wir schaffen es bloß nicht, diese Mehrheiten auch parlamentarisch relevant zu organisieren. Was für ein Trauerspiel!

Im Übrigen ist natürlich auch wichtig, wie wir unseren Einsatz begründen. Ich persönlich halte ja nichts von Banalisierungsversuchen nach dem Motto: „Sind doch nur Zellhaufen, ist nichts weiter dabei bei so einer Abtreibung“. Nicht einmal unbedingt deshalb, weil ich dieser Aussage nicht zustimmen würde. Sondern weil sie den Fokus des Streits auf ein falsches Thema lenkt.

Beim Streit um reproduktive Rechte geht es nicht um eine wissenschaftliche oder philosophische Auseinandersetzung darum, welche ethische Position man in Bezug auf befruchtete Eizellen oder Föten einnimmt. Es geht um die Frage, welche ethische Position man zum Selbstbestimmungsrecht von Frauen* über ihren Körper einnimmt.

Eine befruchtete Eizelle ist – mindestens in den ersten Monaten der Schwangerschaft – untrennbar vom Körper der schwangeren Person. Selbst wenn man eine ethisch radikale Haltung einnimmt und glaubt, die Tötung eines Fötus sei moralisch verwerflich, bedeutet das nicht unbedingt, dass man auch für ein gesetzliches Verbot ist – eigentlich ganz im Gegenteil, wie ich hier für evangelisch.de mal argumentiert habe. Eine solche radikale ethische Position durchzusetzen kann man nicht dem Staat überlassen. Das muss die Schwangere selber entscheiden.

Die Ansicht, man müsste die ethische Entscheidung über eine Abtreibung von der schwangeren Person auf Staat und Polizei übertragen, beinhaltet letztlich keine Aussage über das Lebensrecht von Föten, sondern eine darüber, welche ethische Kompetenz wir als Gesellschaft Schwangeren, und das heißt in diesem Kontext Frauen, zugestehen.

Hier würde ich den Spieß also umdrehen und sagen: Es ist unethisch, wenn sich der Staat anmaßt, diese Form von ethischen Entscheidungen per Gesetz zu regeln. Es ist dem Thema nicht angemessen. Die Einzelfälle sind so unterschiedlich und oft auch komplex, dass niemand anderes als die betroffene Person in der Lage ist, das wirklich moralisch einschätzen und beurteilen zu können. Die Aufgabe der Gesellschaft besteht darin, sie dabei zu unterstützen und ihr, egal wie die Entscheidung ausfällt, die Umsetzung zu ermöglichen.

Denn die grundlegende feministische moralische Maxime, die hier im Spiel ist, lautet – nach einer Formulierung von Luisa Muraro: Man kann eine Frau nicht dazu zwingen, Mutter zu werden. 

(Hier könnten wir jetzt noch drüber diskutieren, ob man denn durch das Gebären unweigerlich Mutter wird, aber das führte vielleicht zu weit. Ich meine: Ja. Und ich meine, dass die Herabwertung und Banalisierung des Gebärens in Teilen der feministischen Theorie tatsächlich auch dazu beigetragen haben, dass das Thema Abtreibung – ebenso wie das der Leihmutterschaft – sich so entwickelt hat: Nach dem Motto: Ist doch nicht so wichtig, dieses bisschen Schwangersein und Gebären, ist doch nach neun Monaten vorbei und alle die was anderes behaupten sind biologistisch.)

Whatever, und um zum Buch zurück zu kommen: Diese Art der Diskussion würde auch viele angebliche „Lebensschutz-Argumente“ entkräften. Denn ja: Natürlich müssen wir als Gesellschaft uns auch viel mehr anstrengen, um Frauen zu unterstützen, wenn sie die Schwangerschaft zu Ende führen und ein Kind gebären, sei es gegen den Rat der Mediziner_innen, die eine wahrscheinliche Behinderung prognostiziert haben, gegen den Protest von Familien oder Vätern, die keine Kinder haben wollen, gegen die Widrigkeiten eines Arbeitsmarktes, der Mütter nicht haben will, gegen eine Wirtschaftslogik, nach der Kinderhaben sich „nicht rechnet“ und Mütter systematisch verarmt werden.

Denn das feministische Motto lautet nicht: Abtreiben ist kein Problem. Das feministische Motto lautet: „Ob Kinder oder keine entscheiden wir alleine.“

PS: Für diejenigen von euch, die italienisch können, hier noch ein ausführliches Interview mit Luisa Muraro zum Thema Abtreibung und Feminismus

PPS: Muraro sagt: Abtreibung ist kein Recht, sondern manchmal einfach eine Notwendigkeit. Das Thema, um das es bei all dem geht, ist die unselige Verquickung von Staat/Gesetz und Autonomie des (weiblichen) Körpers. Ob Abtreibung, Reproduktionsmedizin, „Leihmutterschaft“, Prostitution/Sexarbeit usw. – das sind Themen, in denen die ethische Entscheidung bei den betreffenden Frauen/Personen selbst liegen muss. Polizei und Justiz haben sich darauf zu beschränken, zu verhindern, dass andere Personen/Männer hier übergriffig werden und die Frauen/betreffenden Personen unter Druck setzen, zwingen, ausbeuten, ob in die eine oder in die andere Richtung. Feminismus stößt momentan überall an die Grenzen dessen, was Staat/Polizei/Gesetz regeln kann (auch bei #metoo und Co.). Das hängt alles miteinander zusammen.  Unser Thema müsste sein, die „Legalisierung“ dieser Bereiche zu bekämpfen (was bedeutet: Sie nicht gesetzlich zu regeln, auch nicht als Verbote).

 

Debatten vorm Facebook-Grab gerettet, Teil 7

Lindt wirbt mit Geschlechterklischees – Das ist soweit nichts Neues, aber das eigentlich Interessante an der Geschichte ist der Gedankengang dahinter: „Sara Thallner, verantwortlich für die Kommunikation von Lindt, erklärt gegenüber ze.tt, dass die Auswahl „geschlechtsstereotypisch unglücklich“ gewesen sei. Sie sagt, dass der Schokoladenhersteller die Verantwortung für die T-Shirt-Designs nicht abschieben wolle. Das Konzept stamme natürlich von ihnen, sei aber keinesfalls bewusst diskriminierend oder sexistisch gemeint. Dass die neuen Kinder-T-Shirts als geschlechtsstereotyp ausgelegt werden könnten, versteht Thallner. „Dies ist allerdings in keinster Weise sexistisch motiviert, denn Lindt & Sprüngli möchte unter keinen Umständen diskriminierende Botschaften auf den Fanartikeln verbreiten. Die Bezeichnung Mädchen oder Junge dient beim jeweiligen T-Shirt, um die unterschiedlichen Schnitte beziehungsweise Passformen kenntlich zu machen.“ (Link zum Artikel) – Ich versuche noch, diese Galaxien zu erforschen. Seid Ihr immer noch der Meinung, das Wort „dumm“ sollte nicht gebraucht werden, um eine bestimmte Art von – ja was – Gedankenlosigkeit? Scheißegalität? Krasse Verantwortungslosigkeit? zu beschreiben? Ich finde diese Art von Leuten schwieriger zu beurteilen als überzeugte Antifeministen. Etwas in mir neigt dazu, sie schlimmer zu finden, auf gewisse Weise.

Campino hält eine Rede bei der Echo-Verleihung – und daraus entsteht ein Facebook-Meme mit dem Zitat, dass „für ihn persönlich“ eine Grenze bei Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit etc. erreicht ssei. Was soll das heißen? Doch nur, dass man das auch gerne anders sehen kann. Verstehe nicht, was an diesem individualisieren Campino-Statement so toll sein soll. Poste das auf Facebook und eine große Debatte beginnt in den Kommentaren.

Und hier noch zwei Ältere, die mir durchgerutscht waren: 

Apropos Erben: Andere streiten darüber, ob man die Erbschaftssteuer erhöhen oder senken soll. Ich schließe mich stattdessen in diesem Postcast einer alten Forderung der europäischen Arbeiterbewegung an und fordere die gänzliche Abschaffung des Erbrechts! Erben gehört verboten! Leider haben die Marxisten diese so praktische und einfache und unmittelbar einleuchtende Idee kaputt gemacht und stattdessen dieses Geschwurbel mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln angefangen. Ihr Argument damals (1870): Die Abschaffung des Erbrechts würde ja erst Wirkung zeigen, wenn die reichen Leute sterben, so lange wolle man nicht warten (Echt jetzt, hab ich nicht erfunden).

Apropos Heimat: Ich finde, den Begriff „Heimat“ zu benutzen, ist nicht per se etwas Schlimmes. Zu meinen, Heimat sei nicht wichtig oder zwangsläufig ein reaktionäres Konzept, ist falsch. Ich glaube, es ist auch ein Wahrnehmungsfehler von Menschen, die das Privileg haben, in ihren Heimatsgefühlen normalerweise nicht irritiert zu werden, also z.B. ohne Migrationserfahrung. Was andere als „Heimat“ bezeichnen (womit sie Differenzbewusstsein zeigen) halten diese Heimatverächter_innen einfach für normal. So ähnlich wie Leute, die meinen, Geflüchtete brauchten kein Handy, weil sie selber ja auch keins brauchen.