Betrauerbare und Unbetrauerbare – Judith Butlers Rede zum Adornopreis

Gerade habe ich mal kurz interessehalber die News durchgeklickt, um zu sehen, was die etablierten Medien so über die Veranstaltung gestern in der Pauslkirche zur Übergabe des Adornopreises an Judith Butler schreiben – und obwohl es natürlich eigentlich nicht wirklich überraschend ist, bin ich dann immer wieder doch überrascht über die Flachheit der Berichterstattung. Nicht nur, dass überall dasselbe drinsteht, es steht auch nirgendwo (zumindest habe ich nix gefunden, Gegenteiliges gerne in die Kommentare) etwas Inhaltliches darüber drin, was Judith Butler in ihrer Preisrede eigentlich gesagt hat.

Im Prinzip zeigt sich darin auch ein Verfall der alten Institutionen, denn solche Preise sind doch – sollte man meinen – eigentlich dafür da, dem Denken einer Person besondere Aufmerksamkeit zuzuführen. Scheint aber nicht so zu funktionieren.

Naja, ich schreibe hier deshalb mal auf, was mir von ihrer Rede in Erinnerung geblieben ist. Schon die Themenwahl war ziemlich genial, denn sie sprach über das „gute Leben im Falschen“, natürlich eine Anspielung auf Adornos Diktum, ein wahres Leben im Falschen könne es nicht geben.

Ja und nein, so Butlers Antwort. Bevor man sich die Frage stellen könne, wie ein „gutes Leben“ zu führen sei, müssten zwei Prämissen erfüllt sein: Erstens müsse man fragen, inwiefern man das eigene Leben überhaupt „führt“ (oder nicht vielmehr „geführt wird“ durch äußere Prägungen und Strukturen), und zweitens ist die Frage, ob man überhaupt ein „Leben“ hat, das zu führen wäre.

Der erste Punkt ist natürlich klar, es ist der Hinweis darauf, dass das Subjekt niemals über den Dingen schwebt, sondern in die Umstände, unter denen es lebt, involviert, auf gewisse Weise positioniert ist. Trotzdem ist freies Handeln möglich, aber eben nicht „frei“im Sinne von unbeeinflusst.

Den zweiten Punkt habe ich nicht so ganz nachvollziehen können. Butler hat hier unterschieden zwischen den „Betrauerbaren“ und den „Unbetrauerbaren“, denjenigen also, denen (von wem? Der Gesellschaft? Dem Staat? Den Strukturen?) ein Wert zugemessen wird, deren Tod also gegebenenfalls „betrauert“ würde und den man daher versucht, zu verhindern, und den anderen, denen kein Wert zugemessen wird, die schon abgeschrieben sind, die keinen Anspruch auf Unterstützung und Hilfe haben, und die daher „unbetrauerbar“ sind.

Ich verstehe natürlich, dass Butler hier eine bestimmte gesellschaftliche Haltung kritisiert, die sich in Gleichgültigkeit vieler Privilegierter gegenüber Unterdrückung, Prekarisierung, Hungersnöten und so weiter ausdrückt. – so etwas Ähnliches haben wir im „ABC des guten Lebens“ unter dem Stichwort „WürdeträgerIn“ zu sagen versucht.

Und richtig, dass das in moralphilosophischen Diskursen explizit zum Thema gemacht und berücksichtigt werden muss. Aber ich verstehe die Wortwahl „Unbetrauerbare“ nicht, denn das stimmt ja nur aus der Perspektive der Ignoranten, Privilegierten. Von ihren Freund_innen, Familien, Beziehungsnetzen werden ja auch die „Prekarisierten“ im Fall ihres Todes „betrauert“, und Butler selbst hat das sogar gesagt und darauf hingewiesen, dass in vielen Ländern Beerdigungen oft von Demonstrationen gar nicht unterscheidbar seien. Also sind diese Menschen doch objektiv „betrauerbar“, oder?

Wie auch immer, ganz richtig ist natürlich Butlers Hinweis, dass ich nicht selbst darüber entscheiden kann, ob mein Leben einen Wert hat, sondern dass ich darauf angewiesen bin, dass meinem Leben von anderen Wert zugemessen wird. Die Frage ist eben nur, wer diese „anderen“ sind, darauf ist Judith Butler nicht eingegangen.

Dass dieser Wert sich konkret auch auf das körperliche Leben bezieht, war ein anderer wichtiger Punkt. Wie schon viele Feministinnen vor ihr setzte sich Butler an diesem Punkt noch einmal kritisch mit Hannah Arendts Unterscheidung zwischen privat und öffentlich, zwischen Arbeiten und Handeln auseinander und betonte, dass die Sorge um den Körper und sein Überleben nicht jenseits des Politischen stünde, und dass Moral untrennbar mit Biopolitik verknüpft ist.

Butler meint auch, dass körperliche „Performance“ unabdingbar zu politischem Engagement dazu gehört. Ich würde das spontan auch so teilen (passt auch ein bisschen zu meinem letzten Post), Handeln vollzieht sich nicht nur im Sprechen (zum Beispiel Bloggen), sondern auch in körperlichen Aktionen, darin, dass man sich an bestimmte Orte begibt und an andere nicht, in die Gesellschaft bestimmter Menschen und anderer nicht.

Darüber entwickelte sich ein Mini-Dialog auf Twitter zwischen @PhaidrosDA und mir, der meinte, es gebe auch digitale Protest- und Widerstandsformen. Ich glaube ja, dass die körperliche Aktionen immer nur begleiten und nicht an ihre Stelle treten können (wobei man ja außerdem auch einen Körper braucht, um am Computer zu sitzen und zu tippen).

Also Butlers Appell war: „Wir können nicht für gutes Leben kämpfen, ohne das Überleben der Körper zu sichern. Aber Leben ist trotzdem mehr als Überleben.“ Außerdem an die Adresse der sozialen Bewegungen gerichtet: „Soziale Bewegungen müssen die von ihr angestrebten Prinzipien selbst schon praktizieren.“ Genau so ist es natürlich.

Ein bisschen innerlich schmunzeln musste ich dann aber doch noch über ihr Fazit, die moralphilosophische und politische Herausforderung liege darin, die Interdependenz der Menschen nicht überwinden zu wollen, sondern sie lebbar zu gestalten. Das Thema Abhängigkeit (und dass man sie prinzipiell nicht überwinden, sondern nur gestalten kann) scheint wirklich in der Luft zu liegen.