Familienpolitik? Braucht kein Mensch!

Neulich schrieb meine Denkfreundin Ina Praetorius irgendwo in diesem Internet (ich finde nicht mehr, wo), dass wir Familienpolitik abschaffen sollten zugunsten einer Politik des guten Lebens für alle.

Den Gedanken will ich hier mal festhalten, denn wenn wir das ernst nehmen, können wir uns all den Streit über die Definition von Familienformen und wer nun eine Familie ist und wer nicht, sparen. Es geht bei den Debatten über Vereinbarkeitsprobleme, Karrierefrauen, Latte Macchiato-Mütter, Krippenplätze etcetera pp. nämlich nicht um Familien. Sondern es geht um das gute Leben. Und um Wirtschaft.

Ich möchte bei der Gelegenheit noch auf einen anderen Aspekt hinweisen, an dem die Debatten häufig schief laufen, und zwar auf den Punkt, an dem über die ungleiche Verteilung von zum Beispiel Hausarbeit, Geldeinkommen, Führungspositionen und so weiter zwischen Frauen und Männern geredet wird. Ich selbst weise auf diesen Gender-Gap auch häufig hin, weil er wichtig für die Analyse ist. Man darf aber nicht die falschen Schlüsse daraus ziehen.

Das patriarchats-nostalgische (Triggerwarnung) Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie hat kürzlich die Mikrozensusse von 1996 und 2012 verglichen und zusammengetragen, was sich bei der Verteilung von Haus- und Erwerbsarbeit (nicht) verändert hat. Demnach teilen sich heute nur 14 Prozent aller Paare mit Kindern unter 18 die Erwerbsarbeit gleichmäßig auf, das sind sogar weniger als vor 16 Jahren. Das vorherrschende Modell ist der Vollzeit erwerbsarbeitende Mann in Kombination mit Teilzeit erwerbsarbeitender Frau (Anstieg von 30 auf 40 Prozent), und auch das Alleinernährermodell gibt es noch, gut ein Viertel der verheirateten Eltern wählen es.

Wenn es an die Interpretation dieser Befunde geht, dann stehen sich normalerweise zwei Fraktionen gegenüber:

Auf der einen Seite die, die diese Ungleichverteilung bekämpfen möchten, indem sie Programme auflegen, die dazu führen sollen, dass Frauen mehr Erwerbsarbeit machen und Männer mehr Hausarbeit, am besten mit dem Idealziel von fein säuberlich fifty-fifty in allen Bereichen. Also das Modell Vollzeit für alle plus Krippenplätze, da muss man sich halt mal ein bisschen anstrengen, so als Eltern, und die Kinder nicht so betüddeln. Die Vernünftigeren dieser Fraktion denken über eine reduzierte Vollzeit nach, damit der Stress nicht allzu groß wird.

Auf der anderen Seite stehen die, die sagen: Die traditionelle Familie war doch die beste. Sicher, es ist schön, wenn sich die Frauen heute in Teilzeit ein bisschen selbst verwirklichen, dann jammern sie nicht so rum und man muss als Mann nach der Scheidung auch nicht so viel Unterhalt bezahlen. Aber die Mutter (oder, in gleichberechtigtem Jargon: irgendjemand Festes) gehört halt doch zum Kind. Und wollen es die Frauen nicht schließlich selber so? Die Vernünftigeren dieser Fraktion bringen an dieser Stelle noch das Grundeinkommen ins Spiel, damit die nicht berufstätigen Hausfrauen auch ein bisschen Geld für sich haben. Hauptsache, sie lassen ihre Kinder nicht „fremdbetreuen“.

Beide Fraktionen sehen die Sache meiner Ansicht nach falsch.

Aus den Zahlen, also der Tatsache, dass sich trotz aller sonstigen Veränderungen im Verhältnis der Geschlechter in den vergangenen zwanzig Jahren kein Trend zur vollen Erwerbsarbeit bei den Frauen ausmachen lässt und kein Trend zur vollen Fürsorgearbeit bei den Männern, lässt sich weder ablesen, dass noch nicht genug „Anreize“ für eine solche Veränderung geschaffen worden wären, noch dass „die Leute es eben so wollen und man sie nicht umerziehen kann“.

Es gibt nämlich noch eine dritte Möglichkeit, und zwar die, dass die Leute sich einfach bloß rational und vernünftig entscheiden – für die am wenigsten schlechte Möglichkeit angesichts der Verhältnisse.

Und diese Verhältnisse sind so, dass sie vernünftige und rationale Menschen in ein Dilemma bringen, sobald Fürsorgearbeit zu leisten ist. Ein Fall, der häufig – aber keineswegs nur – eintritt, wenn ein Kind zur Welt kommt. Er wird in Zukunft sich immer häufiger auch im Fall von Pflegebedürftigkeit älterer Menschen stellen – das Phänomen ist nur deshalb noch nicht so deutlich auf der Agenda, weil die Generation der älteren Frauen, die normalerweise Pflegearbeit machen, noch nicht im gleichen Maße berufstätig waren wie die jüngeren.

Sobald sich also die Notwendigkeit von Fürsorgearbeit stellt, stehen Menschen vor der Frage: Soll ich meine Berufstätigkeit einschränken oder ruhen lassen und damit weniger Geld, weniger Aufstiegsperspektiven, weniger Einfluss in der Welt in Kauf nehmen? Mit dem Vorteil, dass ich dann aber Zeit und Ruhe für die Fürsorgearbeit habe? Oder soll ich versuchen, beides zu „vereinbaren“ soweit es geht, auch wenn das Riesenstress bedeutet?

Der Skandal an dieser Stelle ist nicht, dass es häufig die Frauen sind, die sich hier angesichts der Notwendigkeiten für Teilzeit oder Berufsunterbrechung entscheiden. Der Skandal ist, dass sich diese Wahl überhaupt stellt.

Und der Grund dafür ist eben dieses Bild von „Familie“, das wir im Kopf haben und das unterstellt, dass Fürsorgearbeit etwas Privates sei. Bei dem die Gesellschaft vielleicht an der einen oder anderen Stelle ein paar Kekse verteilt, die ein oder andere Steuererleichterung oder auch mal einen Krippenplatz oder ein Stündchen Pflegedienst.

Die heteronormative Ehe war, wie ich an anderer Stelle schonmal schrieb, das traditionelle Modell, mit dem die Lasten der Fürsorgearbeit immerhin von einer Schulter auf zwei verteilt wurden – indem nämlich jeder schwangeren Frau zwangsweise ein Mann zur Seite gestellt (oder besser: vor die Nase gesetzt) wurde. Das patriarchale Ehemodell ist heute zwar halbwegs egalisiert worden, und sogar homosexuelle Paare werden so ansatzweise vorstellbar.

Aber an dem grundlegenden Problem, dass Fürsorgearbeit Privatsache ist, ändert das nichts. Deshalb wäre es wirklich an der Zeit, über diese Familienperspektive hinauszudenken. Fürsorgearbeit ist keine Privatsache. Sie ist natürlich auch nicht Sache staatlicher Regulierung oder marktwirtschaftlicher Gewinnchancen. Let’s think outside the boxes.

Wovon hängt ihre Qualität ab? Nicht davon, ob sie innerhalb der Familie oder außerhalb gemacht wird. Es kann für Kinder gut sein, fast ihre ganze Zeit mit den Eltern zu verbringen, es kann aber auch schlecht sein. Es kann für Kinder gut sein, fast ihre ganze Zeit im Kindergarten zu verbringen, es kann aber auch schlecht sein. Kommt auf das Kind, die Eltern und den Kindergarten an.

Dasselbe gilt ja auch für alle anderen Bereiche der Hausarbeit. Was ist ein guter Kuchen? Das hängt nicht davon ab, ob ein Bäcker ihn gemacht hat oder meine Oma, ob dafür Geld bezahlt wurde oder nicht. Was ist gute Pflege? Zuhause oder im Heim? Professionell oder nicht? Alles falsche Gegenüberstellungen. Die Qualitätskriterien für Pflege sind ganz anderswo zu suchen.

Die aktuellen Debatten über die Care-Revolution (ich bin übrigens am 23. Mai in Hannover, wer noch?) haben genau an diesem Punkt ihre Stärke: Sie brechen endlich die Gegenüberstellung von Familie/Einrichtung, privat/professionell, bezahlt/ehrenamtlich in diesem Zusammenhang auf. Es ist nicht wichtig, ob Care-Arbeit in der Familie oder außerhalb der Familie getan wird, sondern es ist wichtig, dass sie gut getan wird, und zwar gut sowohl aus Perspektive derjenigen, die sie tun, als auch aus der Perspektive derjenigen für die sie getan wird.

Und die Politik soll nicht mehr länger darüber nachdenken, was für eine Familienpolitik sie machen soll, am besten hört sie ganz damit auf. Sie soll darüber nachdenken, welche Rahmenbedingungen nötig sind, damit Care-Arbeit endlich den Platz in der Volkswirtschaft bekommt, der ihr von ihrer Bedeutung her zusteht.

PS: Wo ich schon mal dabei bin: Warum eigentlich muss die Kosten für eine Schwangerschaft der Arbeitgeber bezahlen, bei dem die Frau, die schwanger ist, gerade zufällig arbeitet? Es ist doch vollkommen albern, anzunehmen, dass das NICHT zu einer Diskriminierung von jungen Frauen bei der Arbeitssuche führen könnte.

 

Auch unter Linken ist die Bedürftigkeit der Menschen ein Tabuthema

Er hält sich hartnäckig, der Mythos von der Eigenverantwortlichkeit. Nicht nur neoliberale Leistunsträger-Ideologie, sondern auch die linke Kritik an sozialer Ungleichheit setzt immer noch  auf den autonomen Selbstversorger-Mann/Mensch als Modell für das, was wir uns unter gelungenem Menschsein vorzustellen haben. „Menschen müssen von ihrer Arbeit leben können“ heißt es zum Beispiel in einer kirchlichen Stellungnahme oder, wie in einem taz-Kommentar: „Die Entstigmatisierung von Hartz IV als normale Sozialleistung und nicht als Fürsorge ist der einzig positive Aspekt des Bürgergeld-Vorschlags der FDP.“

Aber diese Gegenüberstellung von „Fürsorge“ und „normale Sozialleistung“ ist Unsinn. Eher andersrum wird ein Schuh draus: Nur wenn wir Bedürftigkeit und Fürsorge als „normalen“ menschlichen Zustand begreifen, werden wir auch das Rechts- und Sozialsystem so einrichten, dass niemand dabei auf der Strecke bleibt.

Kein Mensch kann von seiner Arbeit leben. Auch nicht die Starken und die Leistungsträger. Das angeblich so unabhängige und für sich selbst sorgende „Ich“ der männlichen Philosophie haben Feministinnen schon lange problematisiert und hinterfragt. Dabei gab es verschiedene Ausgangspunkte: Etwa die Kritik daran, dass die Frauen oder das Weibliche in dieser Logik tendenziell das Objekt, das Andere sind, dem Subjektivität abgesprochen wurde oder auch, konkreter und simpler, die banale Tatsache, dass die in so einer Perspektive ins Abseits gedrängten Care- und Fürsorgearbeit dann von den Frauen geleistet wurden und werden (mit den bekannten Problematiken). Doch dieser genderspezifische Blick ist nur der Ausgangspunkt. Worum es vor allem geht ist, dass wir den sozialen Herausforderungen mit diesem Menschenbild niemals gerecht werden.

Dem autonomen, individuellen Subjekt stellen viele feministische Theoretikerinnen die Relativität, die Beziehung gegenüber. Sie haben in ganz vielen Publikationen bereits gezeigt, dass Menschen nur in Beziehungen leben und überleben können (besonders wichtig für mich sind hier Hannah Arendt und ihr Bild vom „Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“ aus der Vita Activa zu nennen sowie Martha Finemans Auseinandersetzung mit „The Autonomy Myth“ – um nur zwei Literaturtipps von vielen anzuführen).

In einem Sammelband, dem wir den Untertitel „Zu einer Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit“ gaben, entwickelten wir die Idee weiter, dass es eigentlich nicht nur um die Pflege und Aufmerksamkeit für Beziehungen geht – die ja letztlich das autonome Subjekt nicht wirklich hinterfragen, sondern erstmal nur in einen neuen Kontext stellen – sondern um Bezogenheit, also eine Seinsweise, die das Menschsein generell betrifft, auch unabhängig von den konkreten Beziehungen, die in einer gegebenen Situation tatsächlich gepflegt werden: Beziehungen können wir uns bis zu einem gewissen Grad verweigern, die Tatsache der Bezogenheit hingegen ist nicht hintergehbar.

Michaela Moser, eine der Autorinnen dieses Buches und Vizepräsidentin des Europäischen Armutsnetzwerks, geht noch einen Schritt weiter. Wo wir von „Bezogenheit“ sprechen, spricht sie von „Bedürftigkeit“, verlagert also die Aufmerksamkeit noch einmal auf einen Punkt, der dem vermeintlich „autonomen“ Subjekt vollends gegen den Strich gehen muss. Klingt „Bezogenheit“ noch akzeptabel, weil gegenseitig, als Geben und Nehmen, legt der Hinweis auf unser aller Bedürftigkeit den Finger genau in die Wunde.

Als sie kürzlich bei mir zu Besuch war, habe ich mit Michaela Moser ein kleines Interview geführt, in dem sie das genauer erklärt:

Dr. Michaela Moser ist Mitarbeiterin der Dachorganisation der Schuldnerberatungen und der Armutskonferenz und Vizepräsidentin des Europäischen Armutsnetzwerks EAPN. Ihre Dissertation schrieb sie 2008 zum Thema „A good life for all. Feminist ethical reflections on women, poverty and the possibilities of creating a change“.

Hier noch einige Links zum Weiterlesen:

* Michaela Moser: Banken, Betteln, Bedürftigkeit. Anmerkungen zur Finanzkrise, SozialschmarotzerInnen und einem notwendigen Perspektivenwechsel (in „Apfel“, Zeitschrift des österreichischen Frauenforums Feministische Theologie. Zum Downloaden auf Heft 88 gehen).

www.attac.at – u.a. div Thesenpapiere zur Finanzkrise
www.bzw-weiterdenken.de – ein Internetforum für Philosophie und Politik
www.armutskonferez.at – u.a. ein Aktionsplan mit konkreten Maßnahmen für eine Politik des Sozialen

Weitere Literaturtipps:

*Attac (Hg.), Crash statt Cash. Warum wir die globalen Finanzmärkte bändigen müssen, Wien: ÖGB-Verlag 2008.
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Ina Praetorius (Hg.): Sich in Beziehung setzen. Zur Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit, Königstein/Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2005.