Das Mamma-Dilemma

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Ich sitze im Zug und lese die Frankfurter Rundschau, die hier irgendjemand hat liegen lassen. Darin ist mal wieder eine Geschichte über die doppelt- und dreifach gestressten Frauen und ihre schwierigen Versuche, alle Ansprüche und Beruf und Kinder und so weiter unter einen Hut zu bringen.

Eigentlich wollte ich den Artikel gar nicht lesen, weil zu dem Thema irgendwie schon alles gesagt und alles bekannt ist, und mir nicht einleuchtet, warum man noch eine dreiundzwölfste Studie dazu machen muss (wahrscheinlich, damit die Zeitungen einen Anlass haben, das alles noch einmal aufzuschreiben). Die jetzige Studie hat Ines Imdahl vom Rheingold-Institut erstellt, und sie ging der originellen Frage nach: „Warum kriegen die Deutschen keine Kinder mehr?“

Wie auch immer, an einem Satz in dem Artikel blieb ich hängen, und zwar diesem: „Bei der Arbeit treten die Mütter Imdahl zufolge oft nicht offensiv auf, geben etwa einen ‚Termin’ vor, wenn sie um vier zum Kindergartenfest müssen.“

Tags zuvor hatte mir eine Bekannte erzählt, dass sie als Kind mit einer Pfarrerstochter befreundet war und oft in das große Pfarrhaus zum Spielen ging. Doch immer nach dem Mittagessen musste für zwei Stunden strikte Ruhe sein: Der Pfarrer zog sich nämlich zum Mittagsschläfchen zurück. Verantwortlich für die Einhaltung der Ruhezeit war seine Frau, die die Kinder entsprechend im Zaum hielt.

Das fiel mir wieder ein, als ich mir diese berufstätigen Mütter aus der Studie vorstellte, die sich auf der Arbeit nicht zu sagen trauen, dass sie in den Kindergarten müssen und deshalb so tun, als hätten sie einen wichtigen Businesstermin. Machen sie nicht im Prinzip dasselbe wie früher die Ehefrauen? Sie „verstecken“ die Kinder, damit der „Vater“ (heute die „Businesspeople“) in Ruhe ihre überaus wichtigen Sachen machen können, ohne mit den nebensächlichen Niederungen des Alltagslebens konfrontiert zu werden.

Eigentlich ist die Verdrängung heute sogar noch größer: Der Patriarch alter Schule wusste ja zumindest noch, dass es Kinder gibt und dass sie Lärm und Arbeit machen. Deswegen war er ja so vehement gegen die Gleichberechtigung der Frauen, denn er befürchtete, dass ihm dann niemand mehr den Kinderlärm vom Leibe halten würde (von der Kinderscheiße ganz zu schweigen).

Die Angst war unbegründet, wie sich gezeigt hat. Heute sind die Frauen zwar emanzipiert, aber die Aufgabe, die Kinder zu verstecken, haben sie offensichtlich immer noch. Und nicht nur verstecken, sie dürfen noch nicht einmal davon erzählen. Wir leben quasi in Zeiten der heimlichen, konspirativen Kinderaufzucht. Mutter sein darfst du schon. Aber du darfst dir das nicht anmerken lassen.

Das Kuddelmuddel ist außerdem komplexer geworden. Die Geschlechterrollen sind nicht mehr klar verteilt, sondern nur noch statistisch: Im Einzelfall kann der Patriarch, der bei seiner Arbeit nicht durch Kinderkram gestört werden will, auch eine Frau sein. Und die Mutter, die mit Argusaugen darüber wacht, dass die Kinder bloß ja niemandem lästig fallen, schon gar nicht dem Betriebsablauf, die kann heute auch ein „neuer“ Vater sein. Väter, die sich um ihre Kinder kümmern anstatt sie sich vom Leib halten zu lassen, haben ja mit genau denselben Hürden zu kämpfen wie Mütter.

Und dann gibt es natürlich auch noch die platten Gegenmodelle, die versuchen, diesen Trend zu bekämpfen, indem sie ins andere Extrem fallen und Heim-und-Herd-Idyllen heraufbeschwören. Frauen, die ihr Muttersein so exzessiv nach außen kehren, dass sie damit bloß der Gegenseite noch mehr Futter geben.

Kurz und gut: Es gibt keine „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Und das liegt nicht an zu wenig Kinderkrippen oder Teilzeitstellen oder Umverteilung der Familienarbeit – auch wenn gar nichts dagegen spricht, dass wir all das haben.

Aber die Ursache des Problems ist nicht, dass es Kinder gibt, die Arbeit machen und Aufmerksamkeit brauchen. Sondern dass es für diesen Lebensbereich keinen Platz im „normalen“ Berufsalltag gibt. Der durchschnittliche Arbeitsplatz ist immer noch so konzipiert, als wären wir alle kleine Patriarchen, die zuhause eine Ehefrau haben, die dafür sorgt, dass die Kinder nicht stören und keine Arbeit machen. Und für diesen Job haben ja auch viele jemanden, nur dass es heute nicht mehr die Ehefrau ist, sondern immer öfter ein Au Pair aus der Ukraine.

Ich stelle mir grade vor, wie es wäre, wenn Andrea Nahles demnächst Fraktionssitzungen leitet und dabei ihr Baby auf dem Schoß sitzen hat. Oder wenn in meinem Büro am Ende des Flurs eine Krabbelecke wäre, damit Eltern immer die Möglichkeit haben, ihre Kinder mitzubringen. Zur Jobqualifikation eines Sachbearbeiters würde es ganz selbstverständlich gehören, dass er auch mal ein Stündchen mit den Kindern seiner Chefin spielt, wenn die in ein wichtiges Kundengespräch muss. Andersrum wäre das natürlich auch so. Und der Journalist würde sich zu Interviews auf dem Spielplatz verabreden, weil er dabei seine Kinder im Auge behalten kann.

Gestern twitterte @kilaulena: „I love my job. Solving interesting problems, from my bed, with my sick kid sleeping next to me.“

Feine Sache, in der Tat.


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