Care-Arbeit ist ein Begriff für die Übergangszeit

Gerade bloggte ich drüben bei Fischundfleisch darüber, was meiner Ansicht nach ein wichtiger Grund dafür ist, warum viel weniger Mädchen als Jungen sich für (gut bezahlte) Industrieberufe interessieren: Alles, was mit (vor allem industrieller) Produktion zu tun hat, ist nicht wirklich sichtbar als etwas, das zum guten Leben aller beiträgt, sondern es steht in dem Ruf, nur dem Profit und dem Kapitalismus zu dienen. Deshalb wählen Menschen, die bei der Berufswahl vor allem auf den Sinn ihrer Arbeit Wert legen und weniger auf Geld oder Status tendenziell die so genannten „helfenden“ Berufe, also Krankenschwester, Erzieherin, Altenpflegerin und so weiter – mehr Frauen als Männer, aber natürlich nicht nur.

Dass das Problem dabei nicht dieser Wunsch nach sinnvoller Arbeit ist, sondern die systematische Niedrigerbezahlung dieser Berufe, haben Feministinnen schon immer betont, obwohl gerade wieder anlässlich des Equal-Pay-Days lauter Texte geschrieben werden, deren Tenor lautet: Der Gender Pay Gap ist doch keine Ungerechtigkeit, weil Frauen ja freiwillig in die niedriger bezahlten Berufe gehen. omg.

Care-Revolution bei der Blockupy-Demo am 18. März in Frankfurt.

Care-Revolution bei der Blockupy-Demo am 18. März in Frankfurt.

Es ist ja sowieso interessant, zu sehen, wie sich die Lohnhöhe für einzelne Berufe und Tätigkeiten bemisst, und es ist jedenfalls offensichtlich, dass sie allerhöchstens sehr lose etwas mit Leistung oder mit Verantwortung zu tun hat. Auch nicht unbedingt mit Ausbildung. Aber dafür ziemlich viel mit sozialem Status. Sicherlich sind es viele und komplexe Faktoren, die dazu führen, dass die eine Arbeit so und die andere so bezahlt wird, aber dieser Punkt scheint mir jedenfalls EIN Faktor zu sein: Der Sinn einer Arbeit steht in unserer derzeitigen symbolischen Ordnung quasi in einem umgekehrten Verhältnis zu ihrer Entschädigung – je sinnvoller eine Arbeit (offensichtlich) ist, umso weniger muss man dafür bezahlen, weil die Leute machen es ja wegen dem Sinn.

Dasselbe Argument habe ich bei einem früheren Equal Pay Day schonmal in Punkto „Arbeit, die Spaß macht“ kritisiert. Es gibt keinen vernünftigen Grund, eine Arbeit schlechter zu bezahlen (oder sich mit weniger Honorar zufrieden zu geben), bloß weil sie Spaß macht. Ebenso falsch ist das natürlich in Bezug auf „Arbeit, die sinnvoll ist“. Gerade eine sinnvolle Arbeit ist doch mehr wert als eine sinnlose und sollte entsprechend auch besser bezahlt werden.

Nun aber zurück zu der Frage: Woran bemisst es sich denn überhaupt, ob eine Arbeit sinnvoll ist?

An dieser Stelle möchte ich einen kritischen Blick darauf werfen, wie wir derzeit über „Care-Arbeit“ diskutieren. Mit „Care-Arbeit“ werden in der Regel die klassischen Fürsorgearbeiten bezeichnet, also Pflegen, Erziehen, Betreuen, Versorgen und so weiter, die teilweise privat in Haushalten, teilweise schlecht bezahlt in Institutionen, teilweise prekär in informellen Arbeitsverhältnissen geleistet werden.

Es war wichtig, diese Tätigkeiten zunächst erst einmal als „Arbeit“ ins Bewusstsein zu holen – vor dem Feminismus galten sie irgendwie als etwas, für deren Erledigung die weibliche Natur mysteriöserweise von selbst sorgt. Erst durch ihre Sichtbarmachung seitens der Frauenbewegung können unbezahlte Care-Arbeiten heute als Teil der Volkswirtschaft, als Teil der Ökonomie gesehen werden (was freilich nicht heißt, dass das auch alle tatsächlich tun).

Problematisch ist es aber, wenn nun erneut ein Gegensatzpaar entsteht, nämlich das zwischen „guter Care Arbeit“ und „böser Industriearbeit“. Oder zumindest darf diese Unterscheidung nicht entlang der Art der Tätigkeiten gezogen werden. Ob eine Tätigkeit „Care“ ist, also etwas, das „wirklich, wirklich sinnvoll“ ist, das bemisst sich nicht daran, welchen Inhalt diese Tätigkeit hat, sondern darin, in welchem „Geist“ sie erledigt wird. Ist der Maßstab dabei das gute Leben aller, das, was die Allgemeinheit braucht und was gut für die Welt wäre? Das, was notwendig ist? Oder ist der Maßstab ein anderer, zum Beispiel, wie viel Profit sich herausschlagen lässt?

„Wirtschaft ist Care“ hat Ina Praetorius ihr Buch zu dem Thema betitelt, das jetzt bei der Heinrich Böll Stiftung erschienen ist und kostenlos bestellt oder heruntergeladen werden kann. Die ganze Wirtschaft ist Care, nicht nur der Teil von ihr, der mit helfen, putzen, pflegen, erziehen und so weiter zu tun hat.

Von daher ist „Care“ vielleicht weniger ein Substantiv, als vielmehr ein Adjektiv. „Care-Arbeit“ ist eigentlich ein Begriff für eine Übergangszeit. Denn „Care-Arbeiten“ bezeichnen nicht ein bestimmtes Spektrum von Tätigkeiten, sondern sie bezeichnen eine Qualität, die dem Arbeiten zukommen müsste, aber ihm leider nicht immer zukommt. Jede Arbeit sollte „Care-Arbeit“ sein.

Und ich wette, dann würde es auch besser mit den „Frauen in Männerberufen“ klappen, aber das nur nebenbei.

Noch zum Thema: Die Männer und das liebe Geld. 10 Thesen zum Equal Pay Day.

Gender Pay Gap: Abstrakte Gleichheit und konkrete Freiheit

Derzeit diskutieren wir wieder mal über die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männer, wohl nicht zufällig ein Dauerbrennterthema in einer Gesellschaft, in der Geld schon länger zum entscheidendem Maßstab für alles mögliche geworden ist.

Zwei neue Studien zeigen, dass das viel beklagte Gender Pay-Gap (Männer verdienen viel mehr Geld als Frauen) nicht nur auf krasse Diskriminierungen seitens der Unternehmen zurückzuführen ist, nicht nur darauf, dass Frauen und Männer unterschiedliche Berufe und Karrierewege wählen, nicht nur darauf, dass Frauen weniger Geld für sich fordern und weniger selbstbewusst (wahlweise: großkotzig) auftreten, nicht nur darauf, dass Frauen im Schnitt, wenn sie denn forsch und fordernd auftreten, unsympathischer wirken als genauso forsch und fordernd auftretende Männer, sondern auch…

… darauf, dass Frauen offenbar selbst der Ansicht sind, dass Frauen richtigerweise weniger verdienen als Männer. Über die Studien berichtet die SZ, und bei der Mädchenmannschaft hat sich schon eine angeregte Debatte zum Thema entwickelt.

Nun, die Feministin in mir ist nicht sonderlich überrascht, denn die Mehrheit der Frauen war noch nie besonders radikal und feministisch eingestellt, und die Vorkämpferinnen für weibliche Freiheit waren nie im Mainstream – und erst Recht nicht im weiblichen Mainstream. Dass unsere Gesellschaft insgesamt irgendwie der Meinung ist, Frauen bräuchten weniger Geld als Männer, ist ja evident: Wäre es anders, dann hätten Frauen nämlich nicht weniger Geld als Männer.

Und es hat ja wohl niemand ernsthaft geglaubt, nur die Männer wären dieser Meinung. Oder noch anders: Wären alle Frauen einheitlich der Meinung, dass sie und ihresgleichen zu wenig Geld haben, dann hätten sie wohl auch schon längst etwas Effektives dagegen unternommen.

Das aus meiner Sicht Interessante an der Studie stand im letzten Satz des SZ-Artikels:

Die überwiegende Mehrheit der Befragten war der Meinung, dass das Geschlecht eines Menschen die Höhe seines Einkommens nicht beeinflussen sollte. Den wenigsten Befragten war dabei wohl bewusst, dass ihre abstrakten Prinzipien den eigenen konkreten Urteilen über niedrige Frauengehälter widersprachen.

Genau hier liegt nämlich die Krux: Nicht in der Frage, ob es nun die Frauen, die Männer, die Unternehmer, die Gewerkschaften oder meinetwegen die kleinen grünen Marsmännchen sind, die glauben, Männer bräuchten mehr Geld als Frauen, sondern darin, dass hier abstrakte Meinung und konkretes Urteil und Verhalten im Einzelfall bei ihnen allen ganz offenbar auseinanderklaffen.

Die gute Nachricht dabei ist, dass sich da in den letzten Jahrzehnten was verändert hat: Früher, in vorfeministischen Zeiten, war die Mehrheit der Leute nämlich durchaus auch ganz abstrakt und theoretisch der Ansicht, dass es schon in Ordnung geht, Männern mehr Geld zu geben als Frauen. Das ist inzwischen anders.

Aber damit ist es eben nicht getan. Nicht ohne Grund hat die Frauenbewegung der 1970er Jahre (und früher auch schon) sich nicht damit begnügt , Forderungen und Traktate aufzuschreiben, sondern vor allem eine Praxis entwickelt, die unter anderem darin bestand, gemeinsam mit anderen Frauen neue Handlungsmöglichkeiten zu erforschen, auszuprobieren, einzuüben. Feminismus ist eine Haltung, die im Alltag lebendig werden muss, wenn sich etwas verändern soll, und das geht nicht von heute auf morgen, das geht nicht am Schreibtisch, und das geht vor allem nicht ohne dass sich die Frauen selbst verändern.

Die italienische Philosophin Luisa Muraro hat einmal gesagt, die Probleme unserer Zeit werden nicht die lösen, die die besten Gleichheitskonzepte erarbeiten, sondern diejenigen, die einen guten Weg finden, um mit der vorhandenen Ungleichheit umzugehen. Und genau so ist es. Abstrakt zu postulieren, dass Frauen mehr Geld bekommen sollen, hilft nichts. Gefragt sind Ideen, Übungen, Beispiele, Erfahrungsaustausch dazu, wie das gelingen kann.

Und bitte: Ohne Pauschalrezepte. „Die Frauen“ gibt es nicht, und es gibt auch nicht „die Frauen“, die weniger verdienen. Außerdem ist nicht bei jedem Chef, in jedem Unternehmen die gleiche Strategie erfolgsversprechend. Andererseits lassen sich in manchen Situationen große Erfolge erzielen, die aber nicht auf anderswo übertragbar sind (so ähnlich wahrscheinlich, wie Elinor Ostrom das über die Klimaprojekte erforscht hat).

Deshalb ärgert mich an solchen Studien immer, wenn von „den Frauen“ die Rede ist – und dann zum Beispiel ernsthaft darüber diskutiert wird, ob „die Frauen“ nun selber schuld sind oder nicht. (Die Antwort auf entsprechende Fragen ist IMMER: sowohl als auch).

Mich hingegen interessiert, inwiefern sich Frauen im Bezug auf das Thema unterscheiden: Sind jüngere im gleichen Maße wie ältere der Ansicht, Frauen bekommen zurecht weniger Geld? Gibt es eine Korrelation zur Höhe des Einkommens? Gibt es einen  Unterschied im Hinblick auf Bildung? Zwischen Feministinnen und Nicht-Feministinnen (ich wage nicht zu hoffen, das könnte abgefragt worden sein). Zwischen Lesben und Heteras? Das zu wissen, wäre doch mal spannend.

Update: Die Autorinnen und Autoren der Studie haben den Bericht der SZ als verfälschend kritisiert. Hier ihre Richtigstellung.


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