Mörderinnen

mörderinnenMörderinnen faszinieren, denn sie verstoßen nicht nur gegen die Moral und die Gesetze, sondern auch gegen Weiblichkeitsnormen. Deshalb werden sie in Filmen, in Krimis und in den Medien groß rausgebracht, während Mörder hingegen fast schon langweilig, weil so normal sind.

Dabei sind die Frauen, so könnte man die Statistik interpretieren, eigentlich ziemlich gut darin, andere Menschen umzubringen: Der Anteil der von ihnen insgesamt verübten Gewaltverbrechen beträgt zwar, über Kulturen und Zeitepochen hinweg ziemlich stabil, bloß ungefähr zehn Prozent. Ihr Anteil an „erfolgreich“ zu Ende gebrachten Tötungen hingegen satte zwanzig Prozent.

Das ist eine der Zahlen, die man aus diesem Band erfährt. Er versammelt Beiträge einer interdisziplinären Tagung Ende 2011 zum Thema „Mörderinnen: Verbrechen – Körper – Inszenierung“ an der Uni Siegen. Die unterschiedlich interessanten Texte beschäftigen sich mit allen möglichen Darstellungen von Mörderinnen, von Amazonen über Kindsmörderinnen à la Gretchen bis hin zu Bette Davis als schwestermordender „Baby Jane“ oder einer grandios metzelnden Lady Snowblood.

Deutlich wird, dass es nicht nur Unterschiede darin gibt, wie Mörderinnen und Mörder wahrgenommen werden, sondern auch darin, wie sie handeln: Frauen töten – anders als Männer – fast ausschließlich in ihrem privaten Umfeld. Fast immer ist ihr Opfer der Ehemann oder Beziehungspartner, ansonsten ihre eigenen Kinder (wobei die Juristenterminologie unterscheidet zwischen „Neonatizid“ und „Infantizid“, wieder was gelernt) oder, an dritter Stelle, ihnen anvertraute Menschen wie etwa im Fall von Pflegerinnen, die ihre Patient_innen umbringen. So gut wie nie töten Frauen Fremde, oder aus Habgier, oder weil sie andere dominieren möchten. Das fast einzige Motiv tötender Frauen ist, dass sie sich aus belastenden Beziehungsstrukturen befreien möchten.

Daraus ergeben sich für mich eine Menge Fragen: Was führt Menschen dazu, Beziehungen auf so eine krasse Weise zu „beenden“? Wie sollten wir (moralisch, juristisch, soziologisch, politisch) mit diesen Fällen umgehen? Welche Strafen sind da angemessen, welche Präventionsmaßnahmen erfolgversprechend? Und – im Kontext der Fragestellung dieses Buches – wie wird das in Kulturproduktionen, in Romanen, Filmen, Opern verhandelt und beantwortet?

Leider nehmen die meisten Beiträge nicht diese Perspektive ein, sondern sind mal wieder auf den Olle-Kamellen-„Männervergleich“ fixiert. Also auf die Frage, warum Frauen so „anders“ morden als Männer. Als sei die Art und Weise, wie und warum Männer töten, irgendwie normal und also das, woran sich das weiblichen Morden bitteschön zu orientieren hätte.

Natürlich zeigen sie – Überraschung! – dass die Art und Weise, wie sie (nicht) töten den Frauen anerzogen bzw. diskursiv konstruiert ist. In Teilen des feministischen Diskurses wird offenbar von einer Vermännlichung der weiblichen Mordpraxis sogar die Weltrevolution erhofft. So lässt Thea Dorn in ihrem Roman „Die Hirnkönigin“, in dem es um eine Serienmörderin geht (der Anteil der Frauen ist bei Serienmorden noch deutlich niedriger als bei Morden insgesamt), die ermittelnde Journalistin sagen: „Eine wirklich gewalttätige Frau, eine Frau, die durch und durch skrupellos, böse ist, würde diese Gesellschaft heftiger erschüttern als alle Revolutionen.“

Really? I don’t think so. In emanzipierten Zeiten wäre das doch nur der Beweis dafür, dass seitens der Frauen keine Irritationen des Status Quo zu befürchten sind.

Nicht, dass so ein Szenario ganz chancenlos wäre. Neuere Untersuchungen lassen vermuten (hoffen? oder doch eher befürchten?) dass sich das weibliche Tötungsverhalten dem der Männer allmählich annähert: 15- bis 20-jährige Mädchen, so wird eine Studie des Deutschen Jugendinstituts zitiert, würden inzwischen ebenso häufig zu Gewalt neigen wie ihre männlichen Altersgenossen.

An der Durchschlagkraft der Emanzipation ist also nicht zu zweifeln. Aber vielleicht ist es trotzdem noch nicht ganz zu spät, auch mal die Frage zu stellen, warum eigentlich so vergleichsweise viele Männer morden und Gewaltverbrechen begehen? Ob und wie ihnen das anerzogen wird, wie wir alle gemeinsam das diskursiv konstruieren und was sich dagegen vielleicht unternehmen ließe?

Denn, ehrlich gesagt, mich wundert es nicht, dass Mörderinnen so faszinierende Gestalten sind: Frauen, die Gewalttaten verüben, verstoßen nämlich nicht nur gegen Weiblichkeitsbilder, sie verstoßen vor allem auch gegen Menschlichkeitsbilder. Genauso wie übrigens Männer, die gewalttätig werden. Der Punkt bei den Männern ist eben nur, dass sie, wenn sie anderen Gewalt antun, NICHT unbedingt gegen Männlichkeitsbilder verstoßen. Im Gegenteil, sie bestätigen damit unter Umständen ihre Männlichkeit sogar noch. Und das ist das eigentlich „Unnormale“ bei diesem ganzen Thema, wenn man so will, und außerdem ein echtes gesellschaftliches Problem.

PS. Ein Klischee stimmt übrigens nicht, dass nämlich Frauen in der Regel die Leute vergiften würden. Ihre liebste Mordwaffe ist das Messer, ein Fünftel von ihnen tötet mit bloßen Händen (Schläge, Drosseln Würgen) und ebenso viele wählen eine Schusswaffe. Von wegen Arsen und Spitzenhäubchen.

Hyunseon Lee, Isabel Maurer Queipo (Hg): Mörderinnen. Künstlerische und mediale Inszenierungen weiblicher Verbrechen. Transcript, 2013, 369 Seiten, 33,99 Euro.

 

PPS: Gerade bekomme ich von einer Leserin den Hinweis auf diese Seite, und in der Tat ist es merkwürdig, dass politische Attentäterinnen in dem Band gar nicht vorkommen, obwohl es doch eine ganze Reihe davon gibt/gegeben hat und sie auch in Kulturproduktionen bearbeitet wurden.

Einige Gedanken zum Prinzip der Rechtsstaatlichkeit

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Wer dachte, der Vorwurf der Gotteslästerung sei heutzutage antiquiert und nur noch im Repertoire einiger religiös-fundamentalistischer Hardliner vorhanden, wurde in den letzten Tagen eines Besseren belehrt. Ein Volk aufrechter Verteidiger der rechten Lehre machte sich im Internet über einen Blogpost von Nadine Lantzsch her, die es gewagt hatte, das anzuzweifeln, was heutzutage offenbar die Stelle Gottes eingenommen hat: Das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit.

Sie charakterisierte es (bzw. eigentlich kritisierte sie nur dessen derzeitige Anwendung so) als „Rotz, der von weißen europäischen Männern in mächtigen Positionen erfunden wurde, um ihren Besitzstand zu wahren und universale Menschenrechte für ihren eigenen Vorteil zu instrumentalisieren.“ Das mag polemisch formuliert sein, ist aber für sich genommen nichts Aufsehen erregendes und auch nichts, was nicht in anderer Form schon häufig von anderen ähnlich formuliert worden ist, und zwar durchaus auch von Männern – man denke, nur zum Beispiel, an den Anarchismus oder auch an zeitgenössische postkoloniale Theoretiker.

Die jetzige Aufregung wurde ausgelöst durch einen Blogpost von Udo Vetter, und das Tabu, das hier gebrochen wurde, besteht ganz offensichtlich darin, dass Nadine Lantzsch ihre Kritik mit dem Thema der Prozesse gegen Strauss-Kahn, Kachelmann und Assange verknüpft hat und also die Perspektive der Geschlechterdifferenz ins Spiel brachte. Wenn irgendjemand bisher noch Zweifel daran hatte, dass eine sehr enge (wenn auch vielleicht nicht zwangsläufige) Verbindung besteht zwischen der Verteidigung des Rechtsstaats und offener Frauenfeindlichkeit in krassester Form, muss man nur mal die fast 800 Kommentare unter dem Vetter-Blogpost durchlesen.

Ich bin schon immer der Meinung, dass das Prinzip Rechtsstaatlichkeit nur schlecht bis gar nicht geeignet ist, um das Thema der sexuellen Gewalt befriedigend zu lösen, einfach deshalb, weil es sich hier in der Regel um gestörte Beziehungen handelt, während das Prinzip des Rechtsstaats gerade die Abwesenheit bzw. Irrelevanz von persönlichen Beziehungen voraussetzt – eine Auffassung, bei der mir, nur um das klarzustellen, auch viele Frauen widersprechen, die sich für eine Integration auch dieser zwischenmenschlichen Probleme in rechtsstaatlichen Bahnen einsetzen.

Aber die Unvereinbarkeit zwischen Frauen und dem Prinzip des Rechtsstaats geht noch tiefer. Ganz objektiv ist das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit eines, das vor allem dazu erfunden wurde, um Konflikte unter Männern zu regeln: Von allen Inhaftierten in Deutschland sind lediglich 5 Prozent Frauen, bei den rechtskräftig Verurteilten sind es 16 Prozent. (Quelle) Was die schweren oder „gemeingefährlichen“ Verbrechen angeht, so betrifft das Rechtssystem also praktisch ausschließlich Männer. Man könnte es auch zugespitzt so sagen: Würde es nur Frauen geben, bräuchten wir keine Justiz.

Ähnlich sieht es im Übrigen auf Seiten der Opfer aus. Mit Ausnahme von Sexualdelikten, bei denen die Opfer fast alle weiblich sind (über 92 Prozent) sind auch die große Mehrzahl der Opfer von Straftaten Männer oder Jungen, nämlich knapp drei Viertel zum Beispiel bei Gewaltdelikten. (Quelle)

Da wir uns wahrscheinlich alle darüber einig sind, dass der Grund für diese Ungleichverteilung nicht darin liegt, dass Frauen die besseren Menschen und generell brave Lämmchen sind, bleibt nur eine Schlussfolgerung: Die Themenbereiche, um die es geht, wenn Frauen in zwischenmenschliche Konflikte über Richtig und Falsch, Gut und Böse involviert sind, werden nur zum Teil und quasi zufällig vom „Prinzip Rechtsstaatlichkeit“ abgedeckt. Es ist also durchaus nachvollziehbar und meines Erachtens auch notwendig, dass Frauen eine distanzierte Haltung zu diesem Komplex einnehmen.

Die Frage ist nur, wie. Bedeutet es, dass wir auch hier in Richtung auf eine „Gleichstellung“ arbeiten müssen, dass wir Gesetze und Verfahrensregeln so verändern sollten, dass irgendwann eine annähernde Gleichverteilung zwischen männlichen und weiblichen Inhaftierten besteht? Wären erst dann die Konflikte und Probleme unserer Gesellschaft angemessen erfasst? Oder könnten wir nicht besser überlegen, inwiefern die Lebenspraxis von Frauen andere Regulierungs-, Bestrafungs- und Aussöhnungsmechanismen enthält, die vielleicht auch Anhaltspunkte dafür geben, die negativen Seiten der „Männerjustiz“ (die ja, wie gesagt, auch von Männern allenthalben bemerkt und problematisiert werden) zu bearbeiten?

Das geht natürlich nicht, wenn das Bekenntnis zum Rechtsstaat quasi zur Vorbedingung für jede politische Diskussion gemacht wird. Wobei ich die Bedenken, die von männlicher Seite gegen einen solchen Tabubruch vorgebracht werden, durchaus nachvollziehen kann.

„Damit verabschiedeten wir uns gesamtgesellschaftlich ins frühe Mittelalter oder noch dunklere Zeiten“ befürchtet etwa Udo Vetter. Und der Rechtsanwalt Carsten R. Hoenig schreibt in seiner Anti-Lantzsch-Polemik: „Das deutsche Straf- und Strafprozeßrecht hat ganz massive Mängel und gehört aus Sicht eines Strafverteidigers an vielen Stellen korrigiert. Aber ich kenne keine real existierende Alternative, die dem angestrebten oder auch nur  meinem Ideal einer Einzelfallgerechtigkeit näher kommt.“

Damit formulieren beide ziemlich klar, warum es ihnen so schwer fällt, etwas auf den Rechtsstaat kommen zu lassen: Sie können sich keine Alternativen vorstellen. Die einzige Alternative, die ihnen einfällt, ist das Mittelalter oder noch dunklere Zeiten – mit denen vermutlich absolutistische Diktatoren oder Adolf Hitler gemeint sind.

Und das ist ja richtig: Wenn man sich die Geschichte der von Männern (für Männer) gemachten politischen Systeme anschaut, dann ist der derzeitige moderne Rechtsstaat wohl tatsächlich besser als alles andere, was es schon gegeben hat. Aber die folgende Binsenweisheit muss eben auch gesagt werden: Nur weil sich jemand nichts anderes vorstellen kann, heißt das nicht, dass es nichts anderes gibt oder auch nur geben könnte.

Was könnte dieses andere sein? Das weiß ich auch nicht, denn die Herausforderung besteht ja heute gerade darin, auf der Grundlage der bisherigen Geschichte neue gesellschaftliche Formen zu erfinden, die nicht mehr auf den etablierten Fundamenten unserer politischen Strukturen beruhen können, die wesentlich auf dem Ausschluss der Frauen gründen. Sondern die neu geschaffen werden anhand der heutigen, weltgeschichtlich noch nie da gewesenen Situation: Der Tatsache, dass Frauen als freie Subjekte darin maßgeblich involviert sind. Was dabei herauskommt, steht schlicht noch nicht fest, fest steht nur, dass es so, wie bisher, nicht weiter gehen kann.

Ich kann aber, für diejenigen, die es interessiert, einige Hinweise geben auf das, was ich zusammen mit politischen Freundinnen zu diesem Thema bereits diskutiert habe und einige Spuren legen, in welche Richtung es dabei vielleicht gehen könnte.

Ein Hauptproblem des derzeitigen Rechtsstaatsprinzips habe ich schon angesprochen: Das Absehen von jeder persönlichen Beziehung und die Fiktion, man könne Menschen „als Gleiche“ behandeln. Dies ist nie mehr gewesen als ein hehres Ideal, das in der Realität nie erreicht wurde – immer und überall bevorteilt die Justiz, wenn auch nicht in der Theorie, so doch in der Praxis – die Reichen, Gebildeten und Privilegierten. Man kann vielleicht die krassesten Auswüchse dieses Defektes eindämmen (und es spricht natürlich nichts dagegen, das zu tun, solange das Rechtsprinzip in Kraft ist), aber wirklich befriedigend wird das Ergebnis nicht werden. Die Überlegungen müssten also dahin gehen, wie die Themen von gut und böse, richtig und falsch bei Konflikten bearbeitet werden nicht unter Absehung der Person, sondern unter Einbeziehung ihrer Individualität, der Beziehungsstrukturen und konkreten Umstände.

Ein zweites Problem ist die irreale Idee, durch das rechtsstaatliche Verfahren wären die Konflikte und Ungerechtigkeiten der Vergangenheit aus der Welt geschafft, und ein Verbrecher, der seine Strafe abgesessen hat (oder der, etwa aus Mangel an Beweisen oder weil er einen guten Anwalt bezahlen konnte, gar nicht erst verurteilt worden ist), wäre anschließend wieder so unschuldig und rein wie ein neu geborenes Kind. (Hier spielt auch die problematische Konstruktion der Unschuldsvermutung herein, über die ich schon einmal gebloggt habe). Im wirklichen Leben funktioniert das „von vorne anfangen“ nicht. Wer einen Menschen ermordet hat, wird sein Leben lang ein Mörder bleiben, denn jeder Mensch ist zu jedem Zeitpunkt immer die Summe der eigenen Geschichte. Diese einfache Tatsache müssen wir heute verdrängen und verleugnen, weil wir überhaupt keine kulturellen Praktiken entwickelt haben, mit Schuld umzugehen. In der Logik der Justiz kennen nur die Extreme: Knast oder Freispruch. Aber das Leben ist so nicht. (Dorothee Markert hat dazu mal etwas gebloggt).

Ein drittes Problem – und damit möchte ich es hier erstmal bewenden lassen – ist die Tendenz, dass das Rechtsstaatlichkeitsprinzip die Versuchung beinhaltet, die eigenen Handlungen nicht  mehr vor dem Hintergrund der Frage abzuwägen, ob sie richtig oder falsch sind, sondern vor dem Hintergrund, ob sie legal oder illegal sind, oder – noch krasser – wie hoch die zu erwartende Strafe ist im Hinblick auf die zu erhoffenden persönlichen Vorteile. Nach dem Motto: Schwarzfahren „kostet“ vierzig Euro, wenn ich soundsooft nicht erwischt werde, kommt es mich eventuell billiger, als ordentlich eine Fahrkarte zu kaufen. Das Rechtsstaatlichkeitsprinzip hat zur Folge, dass Böses zu tun eine Frage des dafür zu bezahlenden Preises wird – meiner Ansicht nach ist das keine gute Grundlage für eine menschen- und umweltfreundliche Kultur.


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Die Unschuldsvermutung

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Ich bin ja wirklich kein Fan von Alice Schwarzer, und weil das inzwischen allgemein bekannt sein dürfte, kann ich es vielleicht wagen, sie jetzt mal an einem Punkt zu verteidigen. Einfach weil mir ein Argument, das ich derzeit häufig gegen ihren Einsatz als Prozessbeobachterin im Fall Kachelmann höre, überhaupt nicht einleuchtet.

Dieses Argument lautet, sie würde feministisch voreingenommen an den Prozess herangehen und eine der wichtigsten Regeln der Demokratie missachten, nämlich die, dass Menschen, die eines Verbrechens beschuldigt werden, solange als unschuldig zu gelten haben, bis sie rechtskräftig verurteilt sind.

Mich interessiert dabei überhaupt nicht der Fall Kachelmann, bei dem ich die Fakten nicht kenne und zu dem ich daher auch keine Meinung habe. Mich interessiert lediglich der grundlegende Tenor des Arguments, das ich für falsch halte: Es ist nämlich, gerade in einer Demokratie (aber vor allem einfach auch so generell), durchaus sehr wohl möglich, jemanden für schuldig zu halten, obwohl kein Gericht ihn rechtskräftig verurteilt. Einfach deshalb, weil es schlicht und ergreifend auch möglich ist, dass Gerichte Leute nicht rechtskräftig verurteilen, obwohl sie schuldig sind (und, was noch schlimmer ist, auch andersrum).

Die Gründe dafür können vielfältig sein: Eine Handlung wird nach den derzeit herrschenden Gesetzen nicht als Verbrechen eingeordnet, obwohl ich der Meinung bin, dass sie durchaus eines ist. Oder: Jemand ist zwar schuldig, das Gericht kann aber nicht ausreichend Beweise beschaffen. Oder: Das gesellschaftliche Klima im Bezug auf das Thema, das hier verhandelt wird, ist voreingenommen.

Gerade im Bezug auf Vergewaltigungen ist es ja noch nicht allzu lange her, dass erzwungener Sex nicht als Verbrechen galt, sondern als normale Angelegenheit. Und es ist auch noch nicht allzu lange her, dass die Gerichte hier tatsächlich voreingenommen verhandelten und entschieden. Es ist der Frauenbewegung zu verdanken, dass sich diesbezüglich in den letzten Jahrzehnten vieles zum Besseren verändert hat. Aber das war nur möglich, weil viele Leute (Alice Schwarzer war eine davon) darauf bestanden haben, dass Vergewaltiger Verbrecher sind, obwohl Gesetz und Polizei das anders sahen.

Das heißt natürlich nicht, dass Schwarzer auch im vorliegenden Fall Recht hat. Alles, was ich sagen will ist, dass das rechtliche Konstrukt der Unschuldsvermutung in dem Zusammenhang kein gutes Argument ist.

Viel grundsätzlicher frage ich mich aber auch, warum solche „Beispielfälle“ überhaupt dieses öffentliche Echo haben (und nur deshalb kann Schwarzer ja so viel Aufmerksamkeit bekommen). Schließlich kann wahrscheinlich kaum jemand ein begründetes Urteil im Bezug auf die Schuld oder Unschuld von Kachelmann fällen. Wir sind doch alle darauf angewiesen, was die Medien schreiben. Aber, was noch viel wichtiger ist: Es ist eigentlich auch schnurzpiepegal, was wir alle im Bezug auf Kachelmann für Meinungen haben.

Solche mediengehypten „Fälle“ lenken uns letztlich von dem ab, was eigentlich unsere Aufgabe wäre: Nämlich in den „Fällen“, mit denen wir selbst tatsächlich etwas zu tun haben, ein Sensorium für Schuld und Unschuld zu entwickeln. Also begründete Urteile zu fällen über das, was die Menschen um uns herum (inklusive uns selber) tun und lassen.

Die allermeisten dieser „Fälle“  kommen nie vor Gericht, weil sie sich weit unterhalb der juristischen Ebene abspielen. Und in den allermeisten dieser „Fälle“ hilft uns auch keine Gesetzeslage weiter. Im Gegenteil: Meistens ist es gerade nicht möglich, Konfliktfälle, die sich uns im realen Leben stellen, anhand von abstrakten „Gesetzen“ und in den überlieferten Kategorien von Schuld und Unschuld zu lösen. Die „Absehung von der Person“ ist meistens keine gute Idee, denn es geht hier um Beziehungen, in denen es gerade auf die beteiligten Personen ankommt. Und statt uns eine Augenbinde umzubinden, wie Justizia, ist es vielmehr notwendig, genau hinzusehen, um eine gute Lösung zu finden.

Genau das ist Politik, und nur die kleine Spitze dieses Eisberges wechselt irgendwann auf die juristische Ebene – nämlich dann, wenn es uns nicht gelingt, eine gute Lösung zu finden. Wenn uns also nichts anderes übrig bleibt, als Justizia anzurufen, die keine „richtigen“ Urteile fällt, sondern nur solche, die formal „gerecht“ sind. Und nur eine noch viel kleinere Spitze davon schafft es, mediale Aufmerksamkeit zu bekommen.

Das sollte uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese anderen „Fälle“, von denen unser alltägliches Leben voll ist, die eigentlich wichtige Angelegenheit sind. Hier, in diesen „Verhandlungen“ wird der Grundstein für unsere Kultur gelegt, wird um Wesentliches gerungen, passieren gesellschaftliche Veränderungen und modifizieren sich überkommene Auffassungen über Recht und Unrecht. Und vielleicht münden die dann irgendwann, viel, viel später, auch in ein neues Gesetz oder in die Abschaffung von alten.

Auch hier, im Alltag, ist die „Unschuldsvermutung“ übrigens eine gute Idee. Aber sie hat nur dann einen Sinn, wenn wir sie nicht als formale Angelegenheit verstehen, sondern darin eher so etwas wie eine Haltung sehen, die sich bemüht, die anderen zu verstehen, sich in ihre Lage zu versetzen, die Angelegenheit auch aus ihrer Perspektive zu betrachten, bevor man sich ein Urteil darüber erlaubt. Und vor allem haben diese Verhandlungen im Alltag auch Konsequenzen für mich selbst und mein Handeln (weshalb Urteile auch etwas völlig anderes sind als bloße Meinungen).

Und wenn ich dann zu einem solchen eigenen Urteil komme, einem Urteil, das begründet ist, weil ich mich mit den Fakten so gut wie möglich vertraut gemacht habe, weil ich die Gegenseite gehört habe, das Für und Wider abgewogen – dann ist dieses Urteil, wenn es gut ist, normalerweise gerade nicht einfach von abstrakten Maximen abgeleitet worden. Es ist auch nicht so ohne weiteres verallgemeinerbar (wie es die Logik von „Recht und Gesetz“ vorsieht), sondern eine verantwortliche Einzelfallentscheidung, die der Komplexität des Lebens Rechnung trägt. Diesem unserem subjektiven und verantwortlichen Urteilen im Alltag sollte unser Engagement und unsere Aufmerksamkeit gelten, nicht irgendwelchen stereotyp abgewickelten und medial inszenierten Gerichtsfällen.

Ich kann es auch anders sagen: Jeder mittelmäßige Krimi und jeder häusliche Familienstreit haben mehr mit Politik zu tun, als diese Kachelmann-Debatten.


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