Warum werden so wenige Männer Lehrer?

Heute kam mir eine Meldung auf den Schreibtisch, wonach unter denen, die kürzlich in Hessen ihr zweites Staatsexamen Lehramt abgelegt haben, nur 30 Prozent Männer waren. Beim Lehramt an Grundschulen waren es sogar nur acht Prozent. Auf den ersten Blick sind die Zahlen nicht sehr überraschend, aber irgendwie doch. Denn immerhin haben wir seit einigen Jahrzehnten nun schon eine Diskussion darüber, dass mehr Männer in die Kindererziehung involviert sein sollten, aber es scheint ja in der Praxis nicht wirklich zu funktionieren.

Fast scheint es mir schon so zu sein, dass das Gegenteil zu beobachten ist: Immerhin war Gymnasiallehrer bis vor einiger Zeit noch ein Männerberuf – man denke nur an den legendären Lehrer Lämpel von Wilhelm Busch. Aber auch in den Gymnasien und Realschulen werden es offenbar immer mehr Frauen, die unterrichten. Und in den niedrigeren Jahrgangsstufen bewegt sich nicht viel.

Update: Soeben habe ich vom Statistikamt die genauen Zahlen bekommen und konnte nun die Entwicklung über die letzten dreißig Jahre nachverfolgen. Demnach ist der Männeranteil am Lehramt-Staatsexamen seit 1980 deutlich geschrumpft: Von 45 Prozent auf 30 Prozent. Den größten Rückgang gab es bei den Gymnasien, wo 1980 die Männer mit 57 Prozent noch in der Überzahl waren . Heute kommen sie nur noch auf 37 Prozent. Bei Grundschulen über den gesamten Zeitraum bei rund 10 Prozent stabil gewesen. Interessant in dem Zusammenhang ist, dass dieser Männer-Rückgang im Lehramt nicht geradlinig verlaufen ist. Zwar ist die Entwicklung kontinuierlich, den Haupt-Abfall hat es aber bereits in dem Jahrzehnt zwischen 1980 und 1990 gegeben! Das heißt, es gibt Anlass zu der Hoffnung, dass es sich wenigstens ungefähr auf dem jetzigen Level einpendelt.

Die gängigen Erklärungsversuche finde ich nicht wirklich überzeugend – auch wenn sie natürlich einen gewissen Anteil haben. Zum Beispiel die Sache mit dem Geld: Sicher kann man in anderen Berufen mehr verdienen, aber so grottenschlecht ist die Bezahlung im Lehramt nun auch wieder nicht (übrigens nicht einmal bei den Erzieherinnen). Außerdem gibt es durchaus auch Bereiche, in denen schlecht bezahlt wird, und die doch viele Männer attraktiv finden, derzeit zum Beispiel der ganze Kreativ- und Medienbereich. Oder Köche – die verdienen deutlich schlechter als Grundschullehrer. Auch dass die gesellschaftliche Wertschätzung nicht hoch ist, glaube ich nicht – immerhin wird überall und jederzeit betont, wie wichtig Bildung ist. Und dass der Job anstrengend ist – das stimmt sicherlich. Andererseits gibt es durchaus auch viele andere anstrengende Berufe, die Männer durchaus ergreifen.

Mir fällt schon seit einiger Zeit etwas auf, worin sich vielleicht ein interessantes Gender-Gap unserer Zeit bemerkbar macht: Bei fast jeder Veranstaltung, wo überwiegend oder ausschließlich Frauen versammelt sind, sind Bildungspolitik und die Sorge um die Zukunftsperspektiven ein Thema. Es wird so oft angesprochen, dass es mir fast schon etwas zu viel wird. Und immer bedauern die Frauen, dass es zu wenige Männer in diesen Bereichen gibt, weil sie glauben, dass das den Kindern schaden könnte und dass Kinder (vor allem Jungen) mehr männliche Bezugspersonen brauchen.

Ich mache mir eigentlich diesbezüglich nicht so viele Sorgen, weil ich finde, dass Lehrerinnen im Allgemeinen ihren Job ganz gut machen und dass es auch kein Verlust ist, dass der alte „patriarchale“ Lehrertyp Marke Zucht und Ordnung aus den Schulen weitgehend verschwunden ist (ich habe noch einige von der Sorte kennen gelernt). Und ich denke auch nicht, dass Jungen heute an den Schulen per se benachteiligt werden, wie ja eine weit verbreitete These ist – dazu habe ich schon einmal was gebloggt.

Allerdings ist die Frage nach den Ursachen für den geringen Männeranteil in pädagogischen Berufen durchaus interessant. Ich glaube, dass auf Seiten der Männer einfach der Wunsch danach, mit Kindern zu arbeiten und der nachfolgenden Generation etwas mitzugeben, geringer ausgeprägt ist als bei Frauen. Und ich glaube, dass NICHT einfach nur geschlechtsspezifische Rollenklischees in der eigenen Erziehung (also der der jungen Erwachsenen, die heute einen Beruf wählen) die Ursache dafür ist.

Ich glaube, es spielt auch eine gewisse Unsicherheit auf männlicher Seite eine Rolle, auf welche Weise diese Weitergabe von Wissen, Erfahrung, Orientierung von den Älteren an die Jüngeren vonstatten gehen soll. Denn dafür gibt es auf Seiten der Männer keine guten Vorbilder mehr – nachdem eben das patriarchale „belehrende“ und autoritäre männliche Generationsgefüge von der Geschichte überholt ist. Die Frauen haben dieses Problem nicht, weil sie in ihrem Verhältnis zu den Jüngeren mit dieser Geschichte nicht belastet sind, oder jedenfalls nicht in gleicher Weise.

Jedenfalls bemerke ich ein sehr großes Begehren auf Seiten der Frauen, sich mit Bildungsfragen, Schule, Pädagogik zu beschäftigen, und ich glaube, nicht nur weil sie das für eine „Frauensache“ halten – wie gesagt, im Bezug auf Realschule und Gymnasien ist es historisch gar keine Frauensache. Sondern weil sie dieses Thema und diese Arbeit für unglaublich wichtig halten und in der Arbeit mit Kindern etwas sehr Sinnvolles sehen und daher entsprechende Berufe ergreifen.

Die offene Frage ist halt: Warum finden Männer diese Arbeit nicht so wichtig und interessant? Warum wollen nicht mehr Männer Lehrer werden?

 

Update: Jürgen Amendt hat versucht, im Neuen Deutschland eine Antwort auf diese Frage zu finden.


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