Warum werden so wenige Männer Lehrer?

Heute kam mir eine Meldung auf den Schreibtisch, wonach unter denen, die kürzlich in Hessen ihr zweites Staatsexamen Lehramt abgelegt haben, nur 30 Prozent Männer waren. Beim Lehramt an Grundschulen waren es sogar nur acht Prozent. Auf den ersten Blick sind die Zahlen nicht sehr überraschend, aber irgendwie doch. Denn immerhin haben wir seit einigen Jahrzehnten nun schon eine Diskussion darüber, dass mehr Männer in die Kindererziehung involviert sein sollten, aber es scheint ja in der Praxis nicht wirklich zu funktionieren.

Fast scheint es mir schon so zu sein, dass das Gegenteil zu beobachten ist: Immerhin war Gymnasiallehrer bis vor einiger Zeit noch ein Männerberuf – man denke nur an den legendären Lehrer Lämpel von Wilhelm Busch. Aber auch in den Gymnasien und Realschulen werden es offenbar immer mehr Frauen, die unterrichten. Und in den niedrigeren Jahrgangsstufen bewegt sich nicht viel.

Update: Soeben habe ich vom Statistikamt die genauen Zahlen bekommen und konnte nun die Entwicklung über die letzten dreißig Jahre nachverfolgen. Demnach ist der Männeranteil am Lehramt-Staatsexamen seit 1980 deutlich geschrumpft: Von 45 Prozent auf 30 Prozent. Den größten Rückgang gab es bei den Gymnasien, wo 1980 die Männer mit 57 Prozent noch in der Überzahl waren . Heute kommen sie nur noch auf 37 Prozent. Bei Grundschulen über den gesamten Zeitraum bei rund 10 Prozent stabil gewesen. Interessant in dem Zusammenhang ist, dass dieser Männer-Rückgang im Lehramt nicht geradlinig verlaufen ist. Zwar ist die Entwicklung kontinuierlich, den Haupt-Abfall hat es aber bereits in dem Jahrzehnt zwischen 1980 und 1990 gegeben! Das heißt, es gibt Anlass zu der Hoffnung, dass es sich wenigstens ungefähr auf dem jetzigen Level einpendelt.

Die gängigen Erklärungsversuche finde ich nicht wirklich überzeugend – auch wenn sie natürlich einen gewissen Anteil haben. Zum Beispiel die Sache mit dem Geld: Sicher kann man in anderen Berufen mehr verdienen, aber so grottenschlecht ist die Bezahlung im Lehramt nun auch wieder nicht (übrigens nicht einmal bei den Erzieherinnen). Außerdem gibt es durchaus auch Bereiche, in denen schlecht bezahlt wird, und die doch viele Männer attraktiv finden, derzeit zum Beispiel der ganze Kreativ- und Medienbereich. Oder Köche – die verdienen deutlich schlechter als Grundschullehrer. Auch dass die gesellschaftliche Wertschätzung nicht hoch ist, glaube ich nicht – immerhin wird überall und jederzeit betont, wie wichtig Bildung ist. Und dass der Job anstrengend ist – das stimmt sicherlich. Andererseits gibt es durchaus auch viele andere anstrengende Berufe, die Männer durchaus ergreifen.

Mir fällt schon seit einiger Zeit etwas auf, worin sich vielleicht ein interessantes Gender-Gap unserer Zeit bemerkbar macht: Bei fast jeder Veranstaltung, wo überwiegend oder ausschließlich Frauen versammelt sind, sind Bildungspolitik und die Sorge um die Zukunftsperspektiven ein Thema. Es wird so oft angesprochen, dass es mir fast schon etwas zu viel wird. Und immer bedauern die Frauen, dass es zu wenige Männer in diesen Bereichen gibt, weil sie glauben, dass das den Kindern schaden könnte und dass Kinder (vor allem Jungen) mehr männliche Bezugspersonen brauchen.

Ich mache mir eigentlich diesbezüglich nicht so viele Sorgen, weil ich finde, dass Lehrerinnen im Allgemeinen ihren Job ganz gut machen und dass es auch kein Verlust ist, dass der alte „patriarchale“ Lehrertyp Marke Zucht und Ordnung aus den Schulen weitgehend verschwunden ist (ich habe noch einige von der Sorte kennen gelernt). Und ich denke auch nicht, dass Jungen heute an den Schulen per se benachteiligt werden, wie ja eine weit verbreitete These ist – dazu habe ich schon einmal was gebloggt.

Allerdings ist die Frage nach den Ursachen für den geringen Männeranteil in pädagogischen Berufen durchaus interessant. Ich glaube, dass auf Seiten der Männer einfach der Wunsch danach, mit Kindern zu arbeiten und der nachfolgenden Generation etwas mitzugeben, geringer ausgeprägt ist als bei Frauen. Und ich glaube, dass NICHT einfach nur geschlechtsspezifische Rollenklischees in der eigenen Erziehung (also der der jungen Erwachsenen, die heute einen Beruf wählen) die Ursache dafür ist.

Ich glaube, es spielt auch eine gewisse Unsicherheit auf männlicher Seite eine Rolle, auf welche Weise diese Weitergabe von Wissen, Erfahrung, Orientierung von den Älteren an die Jüngeren vonstatten gehen soll. Denn dafür gibt es auf Seiten der Männer keine guten Vorbilder mehr – nachdem eben das patriarchale „belehrende“ und autoritäre männliche Generationsgefüge von der Geschichte überholt ist. Die Frauen haben dieses Problem nicht, weil sie in ihrem Verhältnis zu den Jüngeren mit dieser Geschichte nicht belastet sind, oder jedenfalls nicht in gleicher Weise.

Jedenfalls bemerke ich ein sehr großes Begehren auf Seiten der Frauen, sich mit Bildungsfragen, Schule, Pädagogik zu beschäftigen, und ich glaube, nicht nur weil sie das für eine „Frauensache“ halten – wie gesagt, im Bezug auf Realschule und Gymnasien ist es historisch gar keine Frauensache. Sondern weil sie dieses Thema und diese Arbeit für unglaublich wichtig halten und in der Arbeit mit Kindern etwas sehr Sinnvolles sehen und daher entsprechende Berufe ergreifen.

Die offene Frage ist halt: Warum finden Männer diese Arbeit nicht so wichtig und interessant? Warum wollen nicht mehr Männer Lehrer werden?

 

Update: Jürgen Amendt hat versucht, im Neuen Deutschland eine Antwort auf diese Frage zu finden.


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52 Gedanken zu „Warum werden so wenige Männer Lehrer?

  1. naja der vergleich mit diesen neuen hippen medienberufen, die gerne mal prekär, dafür aber unglaublich cool dahertraben, ist n bisserl schwierig.

    und wirklich gut bezahlt ist das lehramt nun auch nicht, für den stress den es mit sich bringt… zumal gerade in dem bereich sehr starre strukturen vorherrschen, in denen kreativität so gar nicht machbar ist. also das komplette gegenteil vom freischaffenden möchtegernkünstler.

    eine der antworten, es gibt ja nie nur eine, ist sicherlich, dass jungs dann auch schon in der schule vorgelebt wird, dass das ein frauenberuf ist, wenn sie mit immer mehr frauen (in der trendfolge) konfrontiert werden. deswegen kann ich dir da nicht zustimmen, dass es kein verlust ist, dass die männer sich da zurückziehen. und dass männer nun zwangsläufig diesem zucht und ordnungs-prinzip anheimfallen.. ist zumindest stark überzogen in der annahme, zumal sie ja durch diese entwicklung eher von frauen ausgebildet werden als von diesen zucht und ordnungsmenschen. 😛

    mir fällt diese segmentierung aber generell immer mehr auf. daher ist die frage vielleicht, ob die immer weiter auseinander gehende kluft zwischen arm und reich (wenn der faktor attraktivität eines prekären berufes mal ausgeklammert wird) nicht auch diese alten denkschemata befördert, von wegen mann müsse alles daran setzen, damit er was anständiges wird. also manager, nicht lehrer.

    währenddessen der soziale druck auf (bei) frauen in dieser hinischt nicht so ausgeprägt ist und in der folge dann auch die berufswahl eher in andere richtungen, sprich niedriglohnjobs, reingeht. hinzu kommt ja dann noch die tendenziell generelle benachteiligung am arbeitsmarkt, die verschlossene türen mit sich bringt. sowas beeinflusst die jobwahl von vorneweg.

    mfg
    mh

  2. @mh120480 – Naja, in Oberstufe und Gymnasium hatten die Jungs ja durchaus auch männliche Lehrer – das ist eben (bisher noch) KEIN Männerberuf. Aber wir sind da durchaus beim Begehren – Frauen haben ja durchaus auch Berufe ergriffen, in denen es überhaupt keine weiblichen Vorbilder gab, wenn sie sie nur haben wollten (Ich glaube, bei Tiermedizin sind sie inzwischen bei 90 Prozent oder so angekommen).
    Ich habe übrigens nicht gesagt, dass Männer „zwangsläufig“ dem Zucht-und-Ordnungs-Prinzip anheimfallen, sondern dass das eben die traditionelle Rolle des männlichen Lehrers war, und die ist heute nicht mehr gangbar.
    Und – ja, „hip“ ist ein gutes Wort: Warum ist Medienkreativler (trotz wenig Geld) „Hip“ und Lehramt nicht? Was macht für Männer die „Hippness“ eines Berufes aus? Und wann hat es begonnen, dass der Lehrberuf „unmännlich“ wurde? Und wieso? Ich würde Lehramt nun wirklich nicht im Niedriglohnbereich einordnen.

  3. mh, ein lehramtsberuf ist nicht gut bezahlt, aber die bezahlung bei erzieherinnen ist „nicht so schlecht“? was da wohl eine erzieherin zu sagt, die mit 1100€ netto am ende des monats nach hause geht?! zumal im erzieherberuf oftmals schicht- und wochenendarbeit ansteht, die allgemeinen arbeitsbedingungen extrem mies sind (1,5 fachkräfte auf 6-8 heimbewohnerinnen oder 25-30 kindergartenkinder). dazu kaum „möglichkeit“ krank zu sein, da die kolleginnen sofort einspringen müssen und man selbst bei schlechtem gewissen daheim im bett liegt. auch urlaubszeit ist wesentlich weniger als bei lehrern.
    die bezahlung von lehrern ist durchaus gut und ich finde auch die arbeits- bzw. ferienzeiten akzeptabel. aber die verhältnisse im sozialen bereich sind doch sehr unterschiedlich. das sollte man durchaus differenzieren.

    das argument mit dem „fehlenden männlichen vorbild, der die erziehung nicht autorität schafft“ ist doch ebenso total hinfällig. diese „vorbilder“ gab es schon von anfang an. kortschak, pestalozzi,… und und und. alles männliche pädagogen, die ihre lehre alles andere als autorität ausgelegt haben. zumal – da werden wohl sicher viele zustimmen, die einmal in dem bereich gearbeitet haben – lässt sich die qualität der pädagogen einfach auf keinste weise am geschlecht festmachen. (mit qualität meine ich hier vorallem auch arten des umgangs mit den zuerziehenden)

    die letzten beiden absätze meines vorposters finde ich einen sehr guten ansatz. ich bin davon überzeugt, dass das gesellschaftliche ansehen des berufes eine große rolle spielt. beim erzieher noch mehr als beim lehrer, da dieser eben schlecht angesehen ist. der lehrer hat ja noch einen beamtenstatus.

  4. naja wenn wir heute über gut bezahlte berufe reden, dann doch eher über die dinger ab 120k im jahr aufwärts. da fängt der zielbereich an und das lehramt (schönes wort ^^) kann da nicht mehr mithalten und es sind auch vollkommen andere berufe als noch vor ein paar jahrzehnten, die man für diese finanzielle abgesichertheit anstreben muss. das sind nun aber auch die berufe, in denen der neuverteilungskampf erst anfängt während diese anderen berufe zufälligerweise (?) zunehmend mit weiblichen arbeitskräften aufgefüllt werden.

    und jetzt sind wir wieder bei dir und deiner frage und ja, ich sehe da ein nach oben rücken. positiv betrachtet könnte man das aber durchaus als evolution betrachten. sprich wenn frauen dann auch oben einzug halten, werden sich männer wieder zunehmend nach unten verteilen (müssen).

    um dem einspruch noch vorwegzugreifen: es schaffen die meisten ja gar nicht, da reinzustoßen. aber die ausbildung und die karriereplanung ist darauf ausgelegt und sie landen dann entsprechend in den niedrigeren lohnstufen aber eher selten außer des des angestrebten berufsumfeldes.

    ein kurzcheck per google ergab, dass tiermedizin kaum besser bezahlt wird als lehramt, eher weniger.

    —–

    da in diesem medienbereich auch nicht gerade wenig frauen vertreten sind, ists ja auch etwas differenzierter bei der grundthematik. wer allerdings keine wahl hat, neigt auch zur kultivierung seines schaffens um sich seiner selbst zu versichern. der medienbereich ist ob seiner generellen ausrichtung (auf realitätenschaffung) dahingehend ja auch irgendwie prädestiniert für so ein verhalten. aber zugegeben.. das ist ins blaue geschossen.

    mfg
    mh

  5. @mh – Also, 120.000 Euro im Jahr als Maßstab – das finde ich aber schon ziemlich hochgegriffen. Braucht man so viel Geld? Wofür? Und sollte nicht der Sinn der Arbeit und die Vorstellung, etwas für die Gesellschaft Wesentliches zu tun, auch eine Rolle spielen? Hm, bei den meisten Frauen ist das jedenfalls so.

    @c. – Na, ich wollte auch nicht sagen, dass Erzieherinnen gut bezahlt werden, aber es gibt andere typische Frauenberufe, da ist der Verdienst noch viel schlechter.

  6. @c.: ich halte die bezahlung von erzieherinnen für unter aller sau, va in relation zur verantwortung. das gleiche gilt für pflegeberufe u.ä.

    mfg
    mh

  7. @antje: unser beider moral- und ethikempfinden hat damit aber wenig zu tun. da geht es doch eher um gesellschaftliche gesamtambitionen und mit den 120k hab ich eher tiefgestapelt.

    unabhängig davon: wenn du dann mal so viel verdienst und dir davon nur autos kaufst, dürfte es vermutlich wenig sinnvoll sein, dir soviel verdienst zuzugestehen. gibst du hungernden kindern essen, könnte man das milder betrachten. auch geld ist immer nur das, was man selbst daraus macht.

    ach er meinte mit „mh,“ gar nicht mit? 😛

    mfg
    mh

  8. Liebes Volk!

    Man könnte auch die Frage anders stellen: Warum interessieren sich so viele Frauen für den Lehrerberuf?

    Nebenbei bemerkt: Die Bezahlung mag mäßig ausfallen. Lehrer ist ein Beamtenjob. Daher betrifft sie die Arbeitslosigkeit und Unsicherheit nur in geringerem Umfang.

    Der Lehrberuf ist allerdings auch anstrengend. Nicht nur nerven die Kinder, sondern auch die Strukturen, in denen Lehrer arbeiten.

  9. Also der Zucht-und-Ordnung-Lehrer(Innen)typ ist nicht weg, sondern hat seine Form gewandelt.

    Oft sind es – meiner Erfahrung nach – junge Frauen, vor allem neue Lehrerinnen, die mit einer unerträglichen Strenge einen noch unerträglicheren Leistungsdruck aufbauen. Sie halten gar nix von den „Hippiemethoden“ der älteren Lehrerinnen, wollen es „den männlichen Kollegen mal zeigen“ und sind knallhart in ihrer Selektionsfunktion.

    An der Pädagogischen Hochschule an der ich studierte, gab’s eine interne Studie die zeigte, dass die Grund-, Haupt- und Realschullehramtsstudentinnen sehr konservativ und/oder wirtschaftsliberal waren, Lehramtsstudenten aber eher linksalternativ, linksliberal, grün, sozialdemokratisch oder sozialistisch, waren sozial und politisch engagiert.
    Männer die sich für Frauenberufe entscheiden sind meiner Erfahrung nach meist eher links und kritischer.

    Nicht selten sagten Frauen auf meiner Uni, dass sie sich für das Lehramt entschieden haben, weil man da Beruf und Familie gut vereinen könne. Dann kam meist das Loblied auf die bürgerliche Kleinfamilie.

  10. Ich denke, viele wichtige Punkte wurden hier durchaus angesprochen, auch wenn ich diese wesentlich anders gewichten und werten würde.
    Das gesellschaftliche Ansehen halte ich definitiv für einen wichtigen Faktor. Dass „überall und jederzeit betont [werde], wie wichtig Bildung ist“, ist da an sich noch kein Gegenargument, oft sogar im Gegenteil. Wenn in Regierungskreisen diverse Reformen überhetzt werden, Aufgaben im Zentralabitur unlösbar sind oder Mehrarbeit auf Lehrer abgewälzt wird, geschieht das nur allzu häufig unter Hinweis auf den Stereotyp des „faulen Lehrers“, der doch nachmittags sowieso frei hat (stimmt nicht!) und gefälligst mal mehr machen kann. Viele Fehler, die in der Politik begangen werden müssen so nicht nur in Form von mehr Arbeit, sondern auch in Form gesellschaftlicher Missgunst durch Lehrer ausgebadet werden.
    Ich glaube, auf diese Praxis, einen ganzen Berufsstand immer mal wieder zum Sündenbock zu machen (möglicherweise, lediglich um den eigenen Kopf aus der Schlinge ziehen zu können), folgt nun die Quittung.

  11. Interessanterweise gibt es eine klare Korrelation von „Schwere des Studiums“, Bezahlung und Frauenanteil unter Lehrer_innen. Grund- und Hauptschullehramt hat vergleichsweise viel Pädagogikanteil, ist kürzer und vermeintlich leichter als Realschul- und Gymnasiallehramt. Die Gehaltsunterschiede zwischen den Schulformen sind auch nicht ohne.

    Mit Tiermedizin lässt sich heute übrigens kaum noch Geld verdienen. Es gibt Tierärztinnen die sich ihren Job nur leisten können, weil ihr Mann genug verdient.

  12. Arbeit -wie hier mein Eindruck beim lesen der Zuschriften war- fast ausschließlich über Geld als Bewertung sichtbar zu machen, empfinde ich bedauernswert und als Ausdruck tiefer LebensArmut. -Ich bin schon alt (71), bin Rentnerin mit ca 700€ monatlich (+einigen Zuschüssen); das schreibe nicht, um zu jammern; aber ich meine, ihr, die ihr heute noch mitten im ArbeitsLeben steht, werdet nicht allzu viel mehr erwarten können und das mit der Einstellung (s.o.)… das kann hart werden! …denk ich halt so…

  13. Ich denke, man müsste die Frage umdrehen: Warum werden so viele Frauen Lehrerinnen? (Ich selbst gehöre auch dazu, bin nach einem Diplomstudium im Lehramt gelandet. Überlege mir, ob es noch Wege zurück gibt.)

    Als ich jung war gab es für viele Frauen das Argument, dass Lehramt leichter mit einer Familiengründung zu vereinbaren ist als ein Job in der Industrie, und (jedenfalls in sehr männlich konnotierten Fachern) leichter mit einem weiblichen Image zu vereinbaren. Ein anderer Grund ist wahrscheinlich, dass es in den Fächern, die gerne von Frauen studiert werden (Sprachen), weniger Jobs außerhalb des Lehramts gibt, jedenfalls keine, die einem oder einer spontan schnell einfallen. Vielleicht ist das alles veraltet und gilt heute nicht mehr.

    Hm, ich merke gerade, dass ich nicht nur Frauen, sondern auch LehrerInnen schlecht gemacht habe. Kinder unterrichten nicht als Berufung, sondern als pragmatische Lösung. Aber auch wenn etwas ursprünglich nur pragmatische Lösung war, kann man doch tiefer einsteigen und sich begeistern… (war bei mir auch so, auch wenn ich jetzt wieder aussteigen will).

  14. @susanna14 – Warum muss man die Frage umdrehen? Dass jemand Lehrer_in wird, finde ich ziemlich logisch, weil es einfach notwendig ist, dass Kinder unterrichtet werden. Ich finde, das sollte überhaupt einer der wesentlichen Gründe sein, warum jemand etwas tut: Dass es getan werden muss, dass es eine sinnvolle und notwendige Arbeit ist. Wahrscheinlich ist unsere Kultur schon deshalb so verkorkst, weil sich das gar niemand mehr fragt, sondern nur danach gefragt wird: Womit kann ich viel Geld verdienen. (Wobei die Frage nach dem Geld durchaus auch wichtig ist, aber sie sollte mmn lauten: Womit kann ich genug Geld verdienen, um gut leben zu können).

  15. Der Gedanke ist nun nicht von mir, Quelle vergessen… es könnte auch so sein: Ein Lehramtsstudium gilt als leicht (ob es das ist, das ist ein anderes Thema). Demzufolge würden Frauen lieber etwas studieren, das leicht ist oder als leicht gilt. Man könnte sagen, weil sie sich nicht so viel zutrauen, oder aber, weil sie vernünftig sind und sich nicht den Allerwertesten aufreissen möchten.

    Eine andere Idee ist, dass – geschlechterunabhängig – vor allem die auf Lehramt studieren, die mit ihren Lehren gut auskamen. Also die, für die Lehrer ein positiv besetztes Vorbild waren. Ich z.B. wäre nie auf die Idee gekommen, so zu werden wie einer von den verhassten Paukern. Die Mädels waren aber in der Schule eher wenig rebellisch, ergo kamen sie mit den meisten Lehrern recht gut aus.

  16. „Man könnte auch die Frage anders stellen: Warum interessieren sich so viele Frauen für den Lehrerberuf?“

    Die Frage halte ich für sinnvoll und notwendig. Selbst wenn das so einfach logisch wäre, dass bestimmte Jobs einfach getan werden müssen, und es die Frauen sind, die sie dann tun – für so altruistisch oder logisch halte ich den Menschen nicht.

    Dann ist das ein Frauenberuf, weil das – in unserer Kultur – ein Frauenberuf ist. Irgendwann wird das nämlich zum Selbstläufer. Man müsste mal in anderen Ländern schauen, wie da der Anteil ist.

    Ein wichtiger Grund ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Da muss man sich eher fragen, warum die Männer nicht zu Hause bleiben und Beruf und Familie vereinbaren, sondern die Frauen.

    Das erklärt aber noch nicht die Diskrepanz zwischen Grundschule und Gymnasium. (Auch wenn es an meinem auch schon 60% Frauen sind.)

  17. Die Frage muss glaub ich deshalb umgedreht werden, weil es dem Beruf eigentlich an Ansehen mangelt. Sowohl von außerhalb, als auch was die vorgestellten Arbeitsbedingungen angeht.

    Ich kann subjektiv auch einen gegenläufigen Trend festmachen: Männer, die bewusst auf Grundschullehramt hin studieren, um später eine feste Anstellung recht sicher zu haben. Sie kalkulieren bewusst ihr Geschlecht als Vorteil ein.
    Dummerweise (für die Schule) sind das eher nicht diejenigen, die großes Interesse für den Unterricht und/oder ihr Unterrichtsfach vorweisen können, aber das dürfte ein Phänomen sein, was den Lehrerberuf noch ziemlich lange begleiten wird.

    Ich persönlich denke, dass für die Kinder und Jugendlichen das Geschlecht derjenigen Person, die sie unterrichtet, recht nachrangig ist. Da gibt es eindeutig wichtigere Punkte, die man zugleich auch wesentlich einfacher steuern kann, vor allem eine Verringerung des Leistungsdrucks in Schulen, das würde wahrscheinlich Schülern und Lehrern gut tun.
    Statt dem G8 hätte man sich besser mal den Lehrplänen angenommen, wenn deren Bedeutung schon zugenommen hat.

  18. Der jungen Generation etwas mitzugeben auf ihrem Weg ins Leben ist sinnvoll und notwendig, auf der anderen Seite hat der Beruf des Lehrers oder der Lehrerin auch seinen Preis, und zwar abgesehen davon, dass SchülerInnen anstrengend sind, dass das Kultusministerium unsinnige Vorgaben macht und dass LehrerInnen gerne für alles verantwortlich gemacht werden, was schief läuft.

    Ich glaube, es gelingt mir hin und wieder, jungen Menschen etwas mitzugeben – aber gerade bei ihnen sehe ich dann, wie sie sich auf den Weg machen und Neues lernen, und bin traurig, dass ich zurück bleibe und anderen jungen Menschen wieder das gleiche beibringen werde. Ich sehne mich danach, selbst wieder Neues zu lernen.

    Ich glaube, es spielt auch eine gewisse Unsicherheit auf männlicher Seite eine Rolle, auf welche Weise diese Weitergabe von Wissen, Erfahrung, Orientierung von den Älteren an die Jüngeren vonstatten gehen soll. Denn dafür gibt es auf Seiten der Männer keine guten Vorbilder mehr – nachdem eben das patriarchale „belehrende“ und autoritäre männliche Generationsgefüge von der Geschichte überholt ist. Die Frauen haben dieses Problem nicht, weil sie in ihrem Verhältnis zu den Jüngeren mit dieser Geschichte nicht belastet sind, oder jedenfalls nicht in gleicher Weise.

    Diese Verunsicherung kenne ich auch, obwohl ich eine Frau bin, sondern, glaube ich, weil ich Mathematik unterrichte und weil dort, wo ich studiert habe, die Pädagogikprofs vor allem künstlerische Fächer und Lehrmethoden im Blick hatten, die sich nicht ohne weiteres auf Mathematik übertragen lassen.

    Übrigens gibt es auch traditionell weiblich Techniken, die einfach auf belehrende Weise weitergegeben werden, etwa als mir meine Mutter gezeigt hat, wie man häkelt oder strickt: So und so geht es. Einmal haben sie, meine Großtante und ich darüber gerätselt, wie bei unterschiedlichen Bewegungen mal verschränkte, mal gewöhnliche Maschen entstehen, aber das war schon ungewöhnlich analytisch gedacht.

  19. danke für diesen artikel!
    leider sinkt mit dem alter der kinder auch der männeranteil dramatisch. für die grundschulen hast du die zahlen schon angeführt, in den kindergärten liegt der männeranteil bei einer gefühlten null. schade. mein sohn liebte den einen erzieher (so wie alle jungs), und er hätte sich in der grundschule mehr männliche lehrer gewünscht. nun möchte er selbst lehrer werden, und ich wäre nicht unglücklich, wenn er bei dem wunsch bliebe.

    zur „hipness“: es ist wohl so. der lehrer- und erzieherberuf passt nicht in das verbreitete männer- und väterbild vom familienernährer, der in der freien wirtschaft gute kohle „erbeutet“. lehren und erziehen fällt unter „gedöns“, bei dem soft skills wie kinderliebe, emphatie, geduld etc. gefragt sind. alles vermeintlich weibliche eigenschaften. totaler quatsch, es gibt nämlich fantastische lehrer!

    eigentlich kann ich schwer nachvollziehen, was in der ach so hippen werbe- und medienbranche spannender und attraktiver sein sollte. weil ich selbst drinstecke: der verdienst ist es nicht. meine lehrende freundin arbeitet weniger und verdient beileibe nicht schlechter als ich. dazu kommen die sicherheiten und vorteile (sabbatical…) des öffentlichen dienstes, wovon ich auf der freien wildbahn nur träumen kann.

  20. Lehrer/in ist nicht nur ein Beruf, sondern auch ein Beamtenverhältnis.

    Die Sicherheit, die ein Beamtenverhältnis bietet, ist für Frauen attraktiver als für Männer, besonders wegen der Möglichkeiten, Beruf und Familie zu vereinbaren. Planstellen werden jahrelang frei gehalten, wenn sich jemand der Familie widmet, und man kann ohne Nachteile wieder einsteigen. Wo gibt es das sonst außer beim Staat?

    Bei den Beamtenlaufbahnen im gehobenen Dienst, die man direkt nach dem Abi einschläft, sind Frauen auch überrepräsentiert.

  21. Ich habe das Lehramtsstudium (allerdings: Gymnasiallehramt in den Neunzigern an einer hessischen Uni, das Studium war identisch mit einem Magisterstudium, nur der Abschluss war ein anderer) aufgegeben, weil mir aus der Prais signalisiert wurde, dass es für mich ohnehin keine Stelle geben würde und dass auch nicht absehbar sei, wann jemals eine Stelle geschaffen würde. Da mögen auch noch andere Punkte hinzugekommen sein, zum Beispiel das Gefühl, dass ich nicht wirklich in die autoritären Strukturen einer Schule passen würde, zum Beispiel eine gewisse Unsicherheit, wie ich meinen Schülern ein Vorbild sein könnte, wo ich doch selbst nicht weiß, wie ich mein Leben auf die Reihe kriegen sollte, der Hauptgrund war aber tatsächlich der Blick auf den Arbeitsmarkt.

    Die Verdienstmöglichkeiten möchte ich hingegen nicht als so schlecht einschätzen. Wenn ich mich in meinem heutigen Umfeld so umschaue, ein Umfeld, das weitgehend aus Beschäftigten im Kultur-, Medien- und Sozialbereich besteht, dann sind die einzigen, die halbwegs akzeptabel verdienen – Lehrer.

  22. Glaubt Ihr wirklich, dass Mädchen und Jungs mit 17 bis 19 (G8-Abitur) Ihr Studium danach wählen, wie sie mit dem späteren Beruf dann mal ihre Kinder hüten können? Denkt mal zurück, was waren Eure Prioritäten mit 17? Kinder kriegen?

    Wenn ich am Infostand für den Studiengang von meinem Haufen stehe (Computerlinguistik, Frauenanteil ca. 50%), dann ist die erste Frage der SchülerInnen immer: Wie viel kann ich damit später mal verdienen?

    Ich bin mir immer noch unsicher, welche Entscheidungen der Wahl eines Studiums oder einer Ausbildung zu Grunde liegen, vermute aber, dass Vorbilder im Alltag dabei eine wichtige Rolle spielen.

  23. „Glaubt Ihr wirklich, dass Mädchen und Jungs mit 17 bis 19 (G8-Abitur) Ihr Studium danach wählen, wie sie mit dem späteren Beruf dann mal ihre Kinder hüten können? Denkt mal zurück, was waren Eure Prioritäten mit 17? Kinder kriegen?“

    Ich habe so einen Magic-8-Ball zu Hause, ein Spielzeugorakel, das auf Entscheidungsfragen mit Ja/Nein/Zwischentönen arbeitet. Erfreut regelmäßig die Schülergruppe, wenn ich eine zu Hause habe. Häufigste Frage der jungen Frauen, um die 17: Wann man verheiratet ist. (Gut, das letzte mal war vor vier Jahren, vielleicht ist die allerneueste Generation da alleranderst.)

  24. @ DrNI: Junge Frauen im öffentlichen Dienst denken zum Teil so. Oder meinst Du, jemand geht aus Leidenschaft zum Finanzamt?

  25. Ja, Vorbilder sind auch wichtig. Welche Frauen kannte ich mit 18? Arzthelferinnen, Verkäuferinnen, mithelfende Familienangehörige in Gastronomie und Landwirtschaft. Und eben Lehrerinnen – die waren die einzigen akademischen Vorbilder. Dass ich nicht Lehramt studiert habe, hat vor allem damit zu tun, dass ich mir einen bestimmten Teil der Anglistik nicht zugetraut habe. Dann bin ich halt erst mal aus Ratlosigkeit und Unsicherheit im öffentlichen Dienst gelandet.

    So Selbstverwirklichungsfächer, bei denen nicht schon vorab klar ist, was hinterher rauskommt, sind was sehr bürgerliches.

  26. „Ich glaube, dass auf Seiten der Männer einfach der Wunsch danach, mit Kindern zu arbeiten und der nachfolgenden Generation etwas mitzugeben, geringer ausgeprägt ist als bei Frauen. Und ich glaube, dass NICHT einfach nur geschlechtsspezifische Rollenklischees in der eigenen Erziehung (also der der jungen Erwachsenen, die heute einen Beruf wählen) die Ursache dafür ist.“

    Das denke ich auch. Es gibt Forschung, nach der Menschen stärker auf das Kindchenschema reagieren, wenn sie einen höheren Östrogenspiegel und Progesteronspiegel haben. Und Frauen haben in der Regel einen deutlich höheren Östrogenspiegel und Progesteronspiegel als Männer.
    Insofern sprechen sie Berufe mit Kindern wahrscheinlich mehr an.
    Zumal es auch die anderen Anforderungen an klassische Frauenberufe erfüllt: Es ist drinnen, man macht sich nicht schmutzig, es erfordert keine Körperkraft, es ist eine sozial angesehene Tätigkeit im helfenden Bereich, in dem man mit Personen arbeitet.
    Das alles dürfte auch dem empathischen Gehirntyp eher entgegenkommen, der im Gegensatz zum systematischen-sachorientierten Gehirntyp im Schnitt häufiger bei Frauen zu finden ist. Auch ein Zusammenhang zwischen (pränatalen) Östrogenen und Empathie wurde ja in Studien schon festgestellt.
    Das empathischere Leute lieber mit Personen arbeiten und diesen eine Tätigkeit, bei denen man Kindern etwas beibringt besonders gefällt, würde ich für nachvollziehbar halten

  27. @Irene

    So Selbstverwirklichungsfächer, bei denen nicht schon vorab klar ist, was hinterher rauskommt, sind was sehr bürgerliches.

    Ich erinnere mich noch an den Wilhelm Meister, den ich kurz vor dem ersten Staatsexamen gelesen habe, und vor allem an den Brief, den Wilhelm an seinen Freund Werner schreibt, in welchem er beklagt, dass Bürger sich brauchbar machen müssen, während der Adlige sein Selbst ausbilden kann. (Heute heißt es Selbstverwirklichung.) Es ist also eines jener Felder, auf dem sich die Bürgerlichen an den Adel angepasst habe.

    Es geht aber wahrscheinlich auch darum, dass man sich zutraut, einen Weg zu finden, auch wenn nicht von vornherein klar ist, was bei einem Studium rauskommt. Dieses Vertrauen ist beim Bürgertum immer noch größer – ob zu Recht oder zu Unrecht. (Manchmal geht es ja auch schief.)

  28. Wenn man die selbst erfüllende Prophezeihung und die Privilegien mitrechnet, dann zu recht, wenn man nur die nackten Fähigkeiten ansieht, dann zu Unrecht. Akademikerfamilien schicken ja jedes Kind aufs Gymnasium, unabhängig von der Eignung, während bei anderen Familien findet tatsächlich eine leistungsbezogene Auswahl stattfindet.

  29. Ich kann die Einschätzung von mh12 im Kern bestätigen. Der Lehrerberuf ist aufgrund seines gesunkenen sozialen Ansehens für viele angehende Akademiker nicht mehr interessant, auch unter finanziellen Gesichtspunkten. Als Betriebswirt, Ingenieur, generell Naturwissenschaftler, Mediziner oder Jurist sind die Aufstiegschancen einfach deutlich besser, und damit auch die Verdienstaussichten. Ob sich diese dann tatsächlich realisieren lassen, steht zwar auf einem anderen Blatt, ob die Chancen an sich macht diese Berufe interessant.

    Auch hat der Lehrerberuf (eventuell mittlerweile) zu wenig Sexappeal. Mir fällt keine aktuelle Fernsehsendung oder Serie ein, in der ein auch für Männer positiv gestalteter Lehrer zu sehen ist. Das mag zwar für wirklich Interessierte irrelevant sein, unentschlossenere Gemüter lassen sich aber davon schon in ihrer Berufswahl beeinflussen.

    Darüber hinaus hat der Lehrerberuf mittlerweile ein gewisses Stigma, ebenso wie das Priesteramt. Aufgrund der zahlreichen Skandalfälle hinsichtlich Kindesmissbrauch in Schulen und im Umfeld der Kirchen ist es grundsätzlich nicht verwunderlich, weshalb Unentschlossenere dieses negative Image dieser Berufe in ihre Entscheidungsfindung ob der Berufswahl mit einfließen lassen.

    Dazu kommt, dass der Lehrerberuf mittlerweile durch die große Anzahl an Lehrerinnen als ein „weiblicher“ Beruf angesehen wird, zumindest von den männlichen Akademikern in meinem Umfeld. Man mag von diesem negativen Selektionsmechanismus zwar halten, was man mag. Konsens ist aber wohl, dass es ihn gibt. In der aktuellen Diskussion um die Einführung einer Frauenquote für Aufsichtsratsposten oder generell Führungspositionen in der Wirtschaft wird dieses Argument desöfteren angeführt: Es braucht eine kritische Masse an Frauen in Führungspositionen, um weiteren Frauen den Ein- und Aufstieg zu erleichtern. Ähnliches funktioniert im „Lehrermilieu“. Es braucht eine kritische Masse an (jungen) männlichen Lehrern, damit weitere diesen Beruf ergreifen wollen, und nicht schon von ihrem zukünftigen Exotenstatus abgeschreckt werden.

  30. Ja, das ist ein Problem, dass unter diesen Weibern zu arbeiten von Männern als Abstieg gesehen wird, während es Frauen Anerkennung bringt, wenn sie sich unter die coolen Männer mischen.

    Dabei könnte man an der Grundschule linke Heldentaten vollbringen: Z.B. mal einem Oberarzt oder einer Steuerberaterin sagen, dass eine Vier in Mathe den Besuch der Hauptschule nahe legt.

  31. Wenn man die Diskussion ein wenig ausweitet, erhält man m.E. ein paar relativierende Argumente. Nehmen wir zu der Geschlechterungleichverteilung unter Lehrern die entgegengesetzte unter Hochschullehrern hinzu, dann kann man vereinfachend sagen: Frauen gehen eher in die Kinderbildung, Männer in die Erwachsenenbildung. Dazu kommt der Umgang mit Risiko: Frauen lassen sich früh als Lehrerinnen verbeamten, Männer werden bis sie 40 sind mit 1-3-jährigen Stellen an wechselnden Standorten abgespeist, um dann Opfer der widersinnigen Regelung, ab einer gewissen Anstellungsdauer an Universitäten nicht mehr befristet eingestellt werden zu können (wobei es gleichzeitig eigentlich nur befristete Stellen gibt), zu werden, und letztlich dann doch noch Lehrer werden; allerdings zu spät für eine Verbeamtung.

    In Bachelorstudiengängen gibt es mehr Studentinnen als Studenten, in Masterstudiengängen ist es etwa ausgeglichen, Doktoranden sind mehrheitlich männlich, eine Habilitation legen nur wenige Frauen ab, anteilig werden etwa gleich viele Frauen auf Lehrstühle berufen, aber bis das Geschlechterverhältnis bei der Einstellung auch insgesamt vorliegt, muss ja erstmal die aktuelle, männerlastige Generation in den Ruhestand gehen. Auf diesem akademischen Weg wird es nach oben immer dünner; die Leute steigen aus bzw. in den Beruf (oder in die Familiengründung?) ein. Diesen Schritt gehen Frauen anscheinend früher als Männer. Sie verbauen sich damit die kleine Chance, Professor zu werden, und kriegen im Tausch eine Verbeamtung als Lehrerin. Eigentlich ein gutes, sicherheitsorientiertes Geschäft.

    Diese Aufgaben- und Risikoverteilung zwischen Männern und Frauen erlebe ich im engeren Bekanntenkreis unter Akademikern mehrfach: Er bleibt solange es geht an der Uni, sie studiert auf Lehramt (oder schwenkt wegen der Berufsaussichten auf Lehramt um). Genauso kenne ich aber auch die selbe Situation mit vertauschten Rollen. Vielleicht liegt der eigentliche Vorteil darin, einen sicheren Verdiener mit mäßigem Gehalt und einen Risikoverdiener zu haben.

    Dass nun aber vermehrt Frauen die sicherere Seite wählen, ergibt sich aus der Familienplanung: Wer seine Karriere für Elternzeit unterbricht, hätte gerne die nächste Anstellung sicher. Konkretes Beispiel: Meine Frau und ich teilen uns die Elternzeit. Sie hat als verbeamtete Lehrerin jetzt ihre neue Anstellung, ich als Doktorand habe noch keinerlei Ahnung, wie es für mich nach der Elternzeit weitergehen wird.

    Aus diesen Überlegungen finde ich es weder dramatisch, dass kaum Männer (Grundschul-)Lehrer sind, noch, dass kaum Frauen Professor sind. Akademikerpaare können es auch andersrum halten, aber die „klassische“ Aufteilung ist familienfreundlicher. (Ich nehme es als gegeben an und fühle mich als Vater qualifiziert zu der Aussage, dass ein Kind gerade in den ersten Lebensmonaten seine Mutter mehr braucht als seinen Vater. Und nicht, weil ich mich vor irgendwas drücken würde.)

  32. Als ich ,,Unterm Rad“ von Hermann Hesse gelesen habe, verwunderte es mich, dass der Lehrer damals noch zu den drei, vier wichtigsten, einflussreichsten Menschen einer Kleinstadt gehören konnte. Ich glaube, die gesellschaftliche Abwertung des Berufs ,,Lehrer_in“ kam gerade dadurch, dass mehr Frauen diese Arbeit aufgriffen. Und er ist jetzt so wenig angesehen, weil so viele Frauen Lehrerinnen werden. Im Gegensatz zu der Zeit, wo größtenteils Männer diese Berufsform dominierten.
    Im Genderseminar hörte ich letzte Woche dasselbe über die Kankenschwester/Arzt-Situaton. Kranke, alte Menschen zu pflegen, zu behandeln war seit jeher die Domäne der Frauen und war immer ein schlechtentlohnter Job; erst als dieser Bereich sich professionalisierte, wissenschaftlich wurde, wurde die Medizin und das Medizinstudium eine (langfristig) männliche Domäne – und damit auch besser bezahlt. Überall, wo es zur Professionalisierung kommt, schienen Männer das für sich in Anspruch zu nehmen: Ähnlich in Kochberufen, m.E.
    Selbst beim Putzen … soweit ich mich nicht irre, schrieb Betty Friedan im ,,Weiblichkeitsmythos“ über die vielen Putzmittel, die man(!) Hausfrauen riet, dadurch wurde ihnen das Gefühl gegeben, ,,Profis“ in ihrem Bereich zu sein … und wer riet ihnen zu all den Putzmitteln? Meistens Männer, ,,Experten“; wir hatten davon noch einen alten Lehrfilm in der Schule in Chemie, wo ein Mann im Kittel der ,,Hausfrau von heute“ Ratschläge gab. Es scheint, als wollen oder würden Frauen andere Frauen nicht als Profis akzeptieren. Und vielleicht hat das auch ein bisschen mit dem Punkt zu tun, den du hin und wieder erwähnst, Antje, nämlich dass eine Frau eine andere nicht als Autorität für sich und ihre Lebenssituation anerkennt oder es nicht gelernt hat, das zu tun. Ob Männer Lehrerinnen für kompetent halten, sei mal dahingestellt, aber wenn auch alle Frauen einmütig darin einstimmen, dass es mehr männliche Lehrer braucht, weil die Idee von einem Penis so unglaublich wichtig im Klassenzimmer ist (denn wie meine Dozentin immer so gerne sagt: nur weil etwas nach Penis aussieht, muss ja keines in der Hose stecken) …dann kann es nur wieder bedeuten, dass wir das Patriarchat angehen müssen und die Idee, dass Professionalität mit Männlichkeit synonym ist. Oder dass weibliche Professionalität eine ,,schwache“ Form der männlichen sei. Dass Wir Diskussionen nicht führen müssen, wo eine Frau, die ihre Arbeit als Grundschullehrerin liebt und sich auf ihre Art intensiv darin einbringt, sich dafür entschuldigen muss, nicht immer nach einer Gehaltserhöhung zu fragen oder nicht Gymnasiallehrerin geworden zu sein.

  33. @Irene Akademikereltern organisieren ihren Kindern eine Bescheinigung für Dyskalkulie oder Legasthenie, oder sie setzen sich über die Grundschulempfehlung hinweg und schimpfen über den Lehrer, der einfach nicht verstehen kann, dass ihr Kind kreativ und hochbegabt ist.

    @Bäumchen Wie alle anderen Menschen im öffentlichen Dienst können Lehrer nicht individuell um eine Gehaltserhöhung bitten. Sie können nur innerhalb des Systems aufsteigen, von A12 auf A13 oder wie auch immer – ich kenne mich mit den Stufen nicht mehr auf. Ansonsten setzen sich die Verbände für Gehaltserhöhungen ein, wobei sie auch auf ihre Privilegien achten. Vor allem der Philologenverband achtet darauf, dass Hauptschullehrer nicht genauso viel bekommen wie Gymnasiallehrer.

    Zur Frage der Autorität: Ich gebe zwar nur Nachhilfe, aber zur Zeit erlebe ich, dass Jungen meine Autorität mehr anerkennen als Mädchen, und zwar auch und gerade Jungen in der schlimmsten Pubertät. Sie erkennen mich dann an, wenn sie merken, dass ich Ahnung habe, und wenn sie tatsächlich an sich selbst den Anspruch haben, dass sie Mathematik lernen wollen.

    Die Veränderung gegenüber „Unterm Rad“ liegt glaube ich auch darin, dass eine dem Lehrer vergleichbare Ausbildung heutzutage viel häufiger ist als früher. Der Dorfarzt und der Pfarrer haben schon damals den Lehrer als gleichrangig anerkannt, nicht zu ihm aufgeschaut – heute gibt es viel mehr Menschen, die formal gleichrangig sind (Akademiker), und so werden dann akademische Berufe untereinander verglichen. (Und in der Stadt, wo die echten Akademiker waren, hatte ein Dorflehrer, der nur ein Lehrerseminar besucht hatte, schon damals keine Chance.)

    @Arnymenos Erwachsenenbildung – da denke ich an die diversen Seminar für „Bildungsurlaub“, die man besuchen darf. Bunte Pappkarten an Pinnwände pinnen – oder hat sich da mittlerweile etwas verändert? Vieles halte ich mittlerweile für infantilisierend. Das mit dem Risikosplitting in Paaren finde ich interessant. Ich hielte es aber für wünschenswert, wenn das Geschlecht nicht beeinflussen würde, welcher Partner den risikoreicheren Part übernimmt.

  34. Arnymenos schrieb:

    Nehmen wir zu der Geschlechterungleichverteilung unter Lehrern die entgegengesetzte unter Hochschullehrern hinzu, dann kann man vereinfachend sagen: Frauen gehen eher in die Kinderbildung, Männer in die Erwachsenenbildung.

    Zur Erwachsenenbildung zählen nicht nur die Universitäten, sondern auch die Volkshochschulen, die Deutschkurse für Eingewanderte, die Kurse für Arbeitslose und die Trainings in Firmen. Da sind überwiegend Frauen tätig, und bis auf die Trainings in Firmen ist das fast alles sehr schlecht bezahlt.

    Hier mal Beispiele für Honorare in der Erwachsenenbildung (davon muss man dann noch die Kursvorbereitungszeit, die Rentenbeiträge, die Krankenversicherung etc. finanzieren):

    http://mediafon.net/empfehlungen_honorare_bildung.php3
    Von einer Lehrerbesoldung können die Leute nur träumen.

    @ Susanna14 schrieb:

    @Irene Akademikereltern organisieren ihren Kindern eine Bescheinigung für Dyskalkulie oder Legasthenie, oder sie setzen sich über die Grundschulempfehlung hinweg und schimpfen über den Lehrer, der einfach nicht verstehen kann, dass ihr Kind kreativ und hochbegabt ist.

    Das hast Du aus einem früheren Kommentar von mir abgeschrieben 😉

  35. Für diejenigen, die die Kommentare abonniert haben: Ich habe jetzt die genauen Zahlen bekommen und oben in den Blogpost eingearbeitet. Und zwar:
    Update: Soeben habe ich vom Statistikamt die genauen Zahlen bekommen und konnte nun die Entwicklung über die letzten dreißig Jahre nachverfolgen. Demnach ist der Männeranteil am Lehramt-Staatsexamen seit 1980 deutlich geschrumpft: Von 45 Prozent auf 30 Prozent. Den größten Rückgang gab es bei den Gymnasien, wo 1980 die Männer mit 57 Prozent noch in der Überzahl waren . Heute kommen sie nur noch auf 37 Prozent. Bei Grundschulen über den gesamten Zeitraum bei rund 10 Prozent stabil gewesen. Interessant in dem Zusammenhang ist, dass dieser Männer-Rückgang im Lehramt nicht geradlinig verlaufen ist. Zwar ist die Entwicklung kontinuierlich, den Haupt-Abfall hat es aber bereits in dem Jahrzehnt zwischen 1980 und 1990 gegeben! Das heißt, es gibt Anlass zu der Hoffnung, dass es sich wenigstens ungefähr auf dem jetzigen Level einpendelt.

  36. IreneNa, so toll sind die Verhältnisse in der Erwachsenenbildung nicht. Die Lage bei Hochschuldozenten, akademischen Mittelbauern (=Doktoranden, Post-Docs, wiss. Mitarbeitern etc.) und freiberuflichen Trainingskräften ist i.d.R. ziemlich prekär und wirtschaftlich unsicher. So eine Beamtenstelle ist da mit Sicherheit schöner.

  37. Ich glaube, dass auf Seiten der Männer einfach der Wunsch danach, mit Kindern zu arbeiten und der nachfolgenden Generation etwas mitzugeben, geringer ausgeprägt ist als bei Frauen.

    meiner ansicht nach liegt der schwerpunkt auf „kindern“, denn probleme jugendlichen bzw. jungen erwachsenen wissen zu vermitteln, haben männer ja weniger. sie sehen aber oftmals alles, was mit kindern zu tun hat als frauensache und „kinderkram“ an. auch wenn viele männer elternzeit in anspruch nehmen, ist das doch weniger ein imageproblem, als beruflich mit kindern zu arbeiten.

  38. Warum werden so wenige Männer Lehrer?
    > differenzierte Erklärungsversuche

    Warum werden so wenige Frauen Topmanagerinnen?
    > Sie werden diskriminiert.

  39. Danke für den Link und ein schönes Wochenende!
    Dachte mir schon, dass es hier was zu diesem Thema gibt.

  40. Liebe Antje, liebe alle,

    ein paar Anekdoten aus meinem Lehrerinnenleben zu den Themen Berufsmotivation und gesellschaftliche Anerkennung. Weiter oben hieß es schon mal, dass die Tatsache, dass viel über Bildung geredet wird, mitnichten heißt, LehrerIn sei ein anerkannter Beruf, das unterstreiche ich; ich bin Gymnasiallehrerin für Englisch, Deutsch und ev. Religion.

    1. Ich plante nach dem Abitur das Lehramtsstudium. Nicht selten die Frage: „Was, du willst Lehrerin werden? Mit dem guten Abitur? Du könntest doch Medizin oder so studieren!“

    2. Eine Schülerin aus meinem LK bekommt keinen Ausbildungsplatz zur Hebammenausbildung. „Oh, schade. Und was machst du jetzt?“ – „Jetzt hab ich mich mal für Lehramt eingeschrieben…“
    Wirkliches Begehren sieht anders aus, finde ich.

    3. Wir sitzen, drei Tage ist’s her, mit Freunden im Café, aus Platzmangel etwas verteilt. Unser Freund sitzt mit den insgesamt vier Kindern bei einem älteren Ehepaar am Nachbartisch und macht Spielchen à la: „Schaut mal kurz auf den See, dann macht die Augen zu. Wie viele Möwen habt ihr gesehen?“ Die Kinder jauchzen, raten und haben Spaß. Dann fragt das Ehepaar unseren Freund, ob er Lehrer sei. Er verneint, nein, einfach nur Vater, das mache ihm Spaß. Das Ehepaar entgegnet, es könnten doch eigentlich nur Lehrer ihre Kinder in den Ferien so quälen.
    Er war leider zu perplex, ihnen zu entgegnen, dass die Lehrerin der Truppe, also ich, friedlich am Nachbartisch ihren Kaffee trank. Ich bin immer noch sprachlos.

    Im Übrigen wäre noch die Verteilung des m/w Anteils im Lehramt auf die einzelnen Unterrichtsfächer interessant und wie hier die Entwicklung seit 1980 aussieht. Das ist bestimmt erhellend. Hat das Statistikamt die Zahlen auch geliefert?

  41. Die Frage warum es immer weniger Lehrer gibt, wurde im Text bereits ansatzweise beantwortet. Die Vermittlung von Wissen, von hard facts wurde in den letzten Jahrzehnten drastisch eingeschränkt. Genau das jedoch ist männliche Domäne. Dann darf man sich nicht wundern, wenn immer weniger Männer Lehrer werden wollen, oder sich in letzte Nischen der Wissensvermittlung, also an die Oberstufe oder berufliche Schulen flüchten.

  42. Ein Freund von meinem Ex-Freund hat einmal aus genau diesem Grund den Lehrerberuf hingeschmissen und ist Straßenbahnmechaniker geworden. Viel schlechtere Bezahlung, aber am Ende weiß man, was man getan hat: Die Straßenbahn fährt, oder sie fährt nicht.

  43. (Bunos Kommentar erinnert mich irgendwie an den katholischen Pfarrer, der es so sah, dass Mütter die Kinder pflegen und Väter die Kinder erziehen.)

    Zum Thema – was auch noch hinzu kommt: Kinder antiautoritär zu erziehen ist anstrengender als sie autoritär zu erziehen, weil man sich mehr auseinander setzen muss, als wenn man Regeln verkündet und Prügel in Aussicht stellt. Die übersteigerte Form davon ist, dass man für alles Verständnis hat und unter den Teppich gekehrt wird, wenn die Lehrerin von der Klasse attackiert wird, und die Lehrerin von der sexuellen Belästigung bis zum Stalking alles mit sich selbst (und ihrem selbst bezahlten Psychotherapeuten) abmachen muss. Heute halten fast alle zu den Jugendlichen, auch die Eltern, fast egal was vorgefallen ist. Wenn ein Täter zufällig Türke oder Araber ist, kommt noch das beliebte Missverständis hinzu, dass es rassistisch wäre, sich zu wehren.

    Und die Schule will um fast jeden Preis erreichen, dass sie nach außen gut dasteht (das gab es früher auch, aber eher, um das Versagen von Lehrern zu vertuschen). Ein früherer Studienkollege von mir (auch mit Diplom) hat eine Weile an einer privaten Realschule unterrichtet und gemeint, man hätte da gar keinen Rückhalt als Lehrer, weil die Eltern und Schüler zahlende Kunden sind und deshalb am längeren Hebel sitzen.

  44. Pingback: Forschungsmafia » Blog Archive » Männlich – deutsch – Verlierer?

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