Drei Gedanken zur autoritären NS-Erziehung

Heute morgen habe ich auf Facebook diesen Artikel geteilt über den Anteil, den autoritäre Erziehung an den Kindheitstraumata der heute älteren Generation hat. Daraus ergab sich eine rege Debatte, die bei mir drei Gedanken aufkommen ließ, die ich hier im Blog gerne festhalten möchte.

Erstens die Frage nach der Besonderheit nationalsozialistischer Erziehungsmethoden. Viele weisen in diesem Diskussionsstrang darauf hin, dass nicht nur nach NS-Ideologie, sondern auch schon viel früher und noch viel länger solche „schwarze Pädagogik“ praktiziert wurde, andere meinen, dass das im NS eine besondere Ausprägung hatte. Sicher ist an beidem was Wahres dran, ich glaube aber, dass die NS-Ideologie der Pädagogik doch noch einmal eine andere Qualität hatte als „nur“ die bürgerlich-patriarchale. Was meint Ihr?

Zweitens die Erkenntnis, wie fatal es ist, Kindererziehungsmethoden für Privatsache zu halten. Vorstellungen über die Rolle von Müttern und Vätern und pädagogische Ratgeberbücher wie das von Johanna Haarer konnten ja nur deshalb weit über 1946 hinaus noch aufgelegt und verbreitet werden, weil man das für unpolitisch hielt.

Drittens wieder eine Frage: Im (auch feministischen) Diskurs über Mutterschaft in Deutschland wird ja häufig eine Linie gezogen von der „deutschen Mutter“ damals hin zu der Tendenz, dass junge Mütter heute in Deutschland weniger als die in anderen Ländern den Drang zu haben scheinen, gleich nach der Geburt wieder erwerbstätig zu sein. Jetzt frage ich mich aber, ob das wirklich eine Kontinuität ist. Denn – und vielleicht ebenfalls im Unterschied zu anderen Kulturen – scheinen mir heutzutage Mütter in Deutschland (und auch Väter, die sich an der Kindererziehung beteiligen) besonders viel Wert darauf zu legen, den Kindern viel Liebe und Freiraum und Verständnis zu geben. Ist das vielleicht sogar eine Gegenreaktion auf damals? (Hat Barbara Vinken in ihrem Buch über „Die deutsche Mutter“ was dazu geschrieben?) Gerade auch im Zusammenhang mit der auffallenden Korrelation in Europa zwischen niedrigen Geburtenraten und faschistischer Vergangenheit finde ich das interessant.

Warum werden so wenige Männer Lehrer?

Heute kam mir eine Meldung auf den Schreibtisch, wonach unter denen, die kürzlich in Hessen ihr zweites Staatsexamen Lehramt abgelegt haben, nur 30 Prozent Männer waren. Beim Lehramt an Grundschulen waren es sogar nur acht Prozent. Auf den ersten Blick sind die Zahlen nicht sehr überraschend, aber irgendwie doch. Denn immerhin haben wir seit einigen Jahrzehnten nun schon eine Diskussion darüber, dass mehr Männer in die Kindererziehung involviert sein sollten, aber es scheint ja in der Praxis nicht wirklich zu funktionieren.

Fast scheint es mir schon so zu sein, dass das Gegenteil zu beobachten ist: Immerhin war Gymnasiallehrer bis vor einiger Zeit noch ein Männerberuf – man denke nur an den legendären Lehrer Lämpel von Wilhelm Busch. Aber auch in den Gymnasien und Realschulen werden es offenbar immer mehr Frauen, die unterrichten. Und in den niedrigeren Jahrgangsstufen bewegt sich nicht viel.

Update: Soeben habe ich vom Statistikamt die genauen Zahlen bekommen und konnte nun die Entwicklung über die letzten dreißig Jahre nachverfolgen. Demnach ist der Männeranteil am Lehramt-Staatsexamen seit 1980 deutlich geschrumpft: Von 45 Prozent auf 30 Prozent. Den größten Rückgang gab es bei den Gymnasien, wo 1980 die Männer mit 57 Prozent noch in der Überzahl waren . Heute kommen sie nur noch auf 37 Prozent. Bei Grundschulen über den gesamten Zeitraum bei rund 10 Prozent stabil gewesen. Interessant in dem Zusammenhang ist, dass dieser Männer-Rückgang im Lehramt nicht geradlinig verlaufen ist. Zwar ist die Entwicklung kontinuierlich, den Haupt-Abfall hat es aber bereits in dem Jahrzehnt zwischen 1980 und 1990 gegeben! Das heißt, es gibt Anlass zu der Hoffnung, dass es sich wenigstens ungefähr auf dem jetzigen Level einpendelt.

Die gängigen Erklärungsversuche finde ich nicht wirklich überzeugend – auch wenn sie natürlich einen gewissen Anteil haben. Zum Beispiel die Sache mit dem Geld: Sicher kann man in anderen Berufen mehr verdienen, aber so grottenschlecht ist die Bezahlung im Lehramt nun auch wieder nicht (übrigens nicht einmal bei den Erzieherinnen). Außerdem gibt es durchaus auch Bereiche, in denen schlecht bezahlt wird, und die doch viele Männer attraktiv finden, derzeit zum Beispiel der ganze Kreativ- und Medienbereich. Oder Köche – die verdienen deutlich schlechter als Grundschullehrer. Auch dass die gesellschaftliche Wertschätzung nicht hoch ist, glaube ich nicht – immerhin wird überall und jederzeit betont, wie wichtig Bildung ist. Und dass der Job anstrengend ist – das stimmt sicherlich. Andererseits gibt es durchaus auch viele andere anstrengende Berufe, die Männer durchaus ergreifen.

Mir fällt schon seit einiger Zeit etwas auf, worin sich vielleicht ein interessantes Gender-Gap unserer Zeit bemerkbar macht: Bei fast jeder Veranstaltung, wo überwiegend oder ausschließlich Frauen versammelt sind, sind Bildungspolitik und die Sorge um die Zukunftsperspektiven ein Thema. Es wird so oft angesprochen, dass es mir fast schon etwas zu viel wird. Und immer bedauern die Frauen, dass es zu wenige Männer in diesen Bereichen gibt, weil sie glauben, dass das den Kindern schaden könnte und dass Kinder (vor allem Jungen) mehr männliche Bezugspersonen brauchen.

Ich mache mir eigentlich diesbezüglich nicht so viele Sorgen, weil ich finde, dass Lehrerinnen im Allgemeinen ihren Job ganz gut machen und dass es auch kein Verlust ist, dass der alte „patriarchale“ Lehrertyp Marke Zucht und Ordnung aus den Schulen weitgehend verschwunden ist (ich habe noch einige von der Sorte kennen gelernt). Und ich denke auch nicht, dass Jungen heute an den Schulen per se benachteiligt werden, wie ja eine weit verbreitete These ist – dazu habe ich schon einmal was gebloggt.

Allerdings ist die Frage nach den Ursachen für den geringen Männeranteil in pädagogischen Berufen durchaus interessant. Ich glaube, dass auf Seiten der Männer einfach der Wunsch danach, mit Kindern zu arbeiten und der nachfolgenden Generation etwas mitzugeben, geringer ausgeprägt ist als bei Frauen. Und ich glaube, dass NICHT einfach nur geschlechtsspezifische Rollenklischees in der eigenen Erziehung (also der der jungen Erwachsenen, die heute einen Beruf wählen) die Ursache dafür ist.

Ich glaube, es spielt auch eine gewisse Unsicherheit auf männlicher Seite eine Rolle, auf welche Weise diese Weitergabe von Wissen, Erfahrung, Orientierung von den Älteren an die Jüngeren vonstatten gehen soll. Denn dafür gibt es auf Seiten der Männer keine guten Vorbilder mehr – nachdem eben das patriarchale „belehrende“ und autoritäre männliche Generationsgefüge von der Geschichte überholt ist. Die Frauen haben dieses Problem nicht, weil sie in ihrem Verhältnis zu den Jüngeren mit dieser Geschichte nicht belastet sind, oder jedenfalls nicht in gleicher Weise.

Jedenfalls bemerke ich ein sehr großes Begehren auf Seiten der Frauen, sich mit Bildungsfragen, Schule, Pädagogik zu beschäftigen, und ich glaube, nicht nur weil sie das für eine „Frauensache“ halten – wie gesagt, im Bezug auf Realschule und Gymnasien ist es historisch gar keine Frauensache. Sondern weil sie dieses Thema und diese Arbeit für unglaublich wichtig halten und in der Arbeit mit Kindern etwas sehr Sinnvolles sehen und daher entsprechende Berufe ergreifen.

Die offene Frage ist halt: Warum finden Männer diese Arbeit nicht so wichtig und interessant? Warum wollen nicht mehr Männer Lehrer werden?

 

Update: Jürgen Amendt hat versucht, im Neuen Deutschland eine Antwort auf diese Frage zu finden.


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Warum Jungen in der Schule benachteiligt sind – und was dagegen hilft

© Natallia Vintsik - Fotolia.com

Am 8. März war ich bei WDR5 als Studiogast eingeladen, um mit Hörerinnen und Hörern über das allseitige Dauerbrenner-Thema „Feminismus – brauchen wir den noch?” zu diskutieren. Eine Frage geht mir seither besonders im Kopf herum.

Unter den Anrufern war ein Lehrer, der sich darüber beklagte, dass in Schulbüchern neuerdings nur noch Frauen und Mädchen vorkämen, und dass die Jungen überhaupt keine Vorbilder mehr hätten. Das Beispiel, das er erzählte, war Folgendes: Im Englischbuch war von einem Raumschiff die Rede, und er dachte: Endlich mal was, das auch die Jungen interessiert! Aber dann kam „The Captain” und „she” tat dies und das. Also wieder eine Frau, wieder eine Zurückweisung für die Jungen, wieder keine Möglichkeit zur Identifikation!

Das Beispiel ist natürlich in mancherlei Hinsicht schwach: Erstens bin ich nicht so sicher, dass in heutigen Schulbüchern wirklich nur noch Frauen vorkommen und keine Männer (vielleicht kann das ja mal jemand durchzählen und in den Kommentaren posten?). Und zweitens ist ein weiblicher Raumschiff-Captain seit Kathryn Janeway ja nichts Außergewöhnliches mehr, oder anders: Dass Geschlechterbilder in Schulbüchern nicht die typischen Klischeerollen wiederholen, sollte uns doch eigentlich freuen.

Aber diese offensichtlichen Schwächen in der Argumentation sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier ein in der Tat wichtiges Problem angesprochen wurde. Mit der Sorge um die Benachteiligung von Jungen in der Schule steht dieser Hörer ja nicht alleine da, es ist nicht zufällig eines der heutigen Top-Themen in punkto Geschlechterverhältnis. Und es ist ein, wie ich finde, sehr wichtiges Thema.

Woran aber liegt die Benachteiligung der Jungen, wodurch kommt sie zustande?

Das Problem liegt meiner Ansicht nach nicht daran, dass Jungen heute mit vielen Frauen konfrontiert sind (sei es als Lehrerinnen oder als Figuren in Schulbüchern). Denn diese Tatsache wird für die Jungen doch nur deshalb zum Problem, weil sie sich mit Frauen bzw. weiblichen Protagonistinnen nicht (oder nur schlecht) identifizieren können. Und dies liegt wiederum daran, dass wir kulturell immer noch mit jenem patriarchalen Erbe zu kämpfen haben, in dem das Männliche das Normale und das Weibliche das Andere, das Defizitäre war.

Es ist doch auffällig, dass Mädchen überhaupt kein Problem damit haben, sich mit männlichen Protagonisten zu identifizieren, sie sich zum Vorbild zu nehmen, und von Männern etwas zu lernen. Mädchen und Frauen sind in unserer Kultur sozusagen zwangsweise Meisterinnen darin, zwischen „Ich-Frau” und „Ich-Mensch” hin- und her zu switchen. Sie lernen von klein auf, dass sie zwar einerseits „Mensch” sind, also normal, andererseits aber „Frau”, also anders. Deshalb können sie sich sowohl als Frau, als auch als Mensch verstehen – und sind entsprechend flexibel, wenn es darum geht, Vorbilder zu finden.

Ein Beispiel von mir selbst: Bei der Lektüre der Winnetou-Romane von Karl May habe ich mich als Jugendliche sowohl mit Old-Shatterhand (dem Ich-Erzähler) als auch mit Nscho-tschi (Winnetous Schwester und weibliche Hauptfigur) identifiziert. Ich hatte sozusagen eine gespaltene Identität: Als Shatterhand war ich in Winnetou verliebt, als Nscho-tschi in Shatterhand. Und das fand ich keineswegs kompliziert, weil ich es gewohnt war, sowohl Frau als auch Mensch zu sein, das heißt, mich sowohl mit Frauen als auch mit Männern zu identifizieren, wenn ich dort etwas Lernenswertes vermutete.

Ähnlich ging es mir mit den Schulbüchern, die damals im Hinblick auf Frauen- und Männerrollen noch weitgehend klischeehaft waren und in denen alle wichtigen Positionen von Männern repräsentiert wurden. Das hielt mich keineswegs davon ab, so gut wie möglich von ihrem Vorbild zu profitieren.

Das Problem der Jungen ist nun heute, dass sie es nie gelernt haben (wie vielleicht die Männer überhaupt), Frauen nicht nur in ihrer Qualität des Anders-Seins wahrzunehmen, sondern in ihrer Qualität des Menschseins. Sie haben dieses flexible Hin- und her Switchen nicht gelernt. Sobald sie eine Frau sehen, eine weibliche Protagonistin in einem Schulbuch etwa, identifizieren sie sie als „Nicht-Ich”, als „Andere” – und damit taugt sie natürlich nicht mehr als Vorbild. Sie können nichts von ihrem Beispiel lernen, weil sie das nicht auf sich selbst beziehen.

Damit sind die Jungen natürlich in einer emanzipierten Welt, in der Frauen wichtige und maßgebliche Positionen einnehmen, den Mädchen gegenüber in einem großen Nachteil: Denn die Mädchen können, etwas überspitzt gesagt, sowohl von Frauen als auch von Männern lernen, Jungen hingegen nur von Männern.

Leider ist die Art und Weise, wie dieses Problem öffentlich diskutiert wird, nicht gerade hilfreich, um es zu lösen, im Gegenteil. Wenn etwa davon die Rede ist, dass die große Zahl an Lehrerinnen und Erzieherinnen Schuld wäre am schulischen Misserfolg von Jungen, dann liegt diesem Argument eine latente Abwertung weiblicher Autorität zugrunde. Sie hilft den Jungen also gerade nicht, vom Wissen der Lehrerin zu profitieren, sondern bietet im Gegenteil einen weiteren Anknüpfungspunkt, ihr die Autorität zu entziehen.

Das heißt nicht, dass gegen mehr Männer in Grundschulen und Kitas etwas einzuwenden wäre. Männliche Vorbilder und Erziehungspersonen könnten den Jungen nämlich vorleben, dass auch sie nicht einfach nur „normal”, sondern auch „anders” sind – und das ist ein erster Schritt dazu, zu erkennen, dass auch die „anderen”, also die Frauen, nicht nur anders, sondern gleichzeitig normal sind. Problematisch wird nur, wenn dieses Thema so diskutiert wird,  dass Jungen unbedingt männliche Vorbilder bräuchten, um überhaupt etwas lernen zu können. Denn genau in diesem Missverständnis liegt die Ursache ihres Problems.

Die Benachteiligung von Jungen in den Schulen kann nur beendet werden, wenn wir ihnen helfen, dass sie auch in weiblichen Personen Vorbilder für sich selbst sehen können. Wenn sie lernen, dass auch die Frauen, die aus ihrer Sicht „anderen“ also, für das allgemein Menschliche stehen, und es sich deshalb lohnt, ihnen zuzuhören und sich für das, was sie tun zu interessieren. Weil darin nämlich möglicherweise auch für sie selbst, die Jungen, etwas Lehrreiches steckt. Aber das ist natürlich ein Projekt, das nicht nur auf die Schule bezogen ist, sondern auf die Gesellschaft allgemein.



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