Freiheit in Zeiten des Algorithmus

... oder wie ich mich nicht finden lasse.

Amazon weiß, welche Bücher mir gefallen, Facebook kennt meine Freundinnen, die Werbung schlägt mir nur noch Produkte vor, die mich tatsächlich interessieren: Wird das menschliche Handeln immer vorhersehbarer und ausrechenbarer? Viele befürchten das. Und sie befürchten deshalb Schlimmes für unsere Freiheit.

Die Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel zum Beispiel hat in einem Interview davor gewarnt, dass die zunehmende Verfeinerung von Algorithmen es erlaubt, menschliches Verhalten immer genauer vorherzusagen und Informationen passgenau zuzuschneiden. Sie findet das problematisch und fragt, ob es nicht ein gewisses Maß an Unsicherheit braucht, um Freiheit zu ermöglichen.

Ich finde die Frage sehr bedenkenswert. Aber – auch wenn mir jetzt manche wieder Optimismus vorwerfen: Ich teile diese Angst nicht. Denn ein Algorithmus kann ja nicht mehr tun, als prognostizieren. Er rechnet hoch, was aus unserer Vergangenheit bereits bekannt ist. Ob er damit recht hat oder nicht, steht damit noch lange nicht fest. Freie Menschen sind in ihrem Handeln nicht vorhersehbar. Die Möglichkeit, aus der Vergangenheit Prognosen für die Zukunft zu erstellen, schränkt ja nicht die Freiheit der Einzelnen ein, in jeder beliebigen Situation dann doch etwas ganz anderes zu tun. Etwas Unvorhergesehenes, Unberechenbares.

Wenn Amazon mir zum Beispiel Bücher vorschlägt, die mich wahrscheinlich interessieren, dann ist das schön und gut. Trotzdem weiß Amazon nicht, welche Bücher ich mir tatsächlich kaufe. Ich kann gleichzeitig dankbar für die Vorschläge sein – und mir dann trotzdem ein völlig anderes Buch kaufen. Keine noch so komplexe Auswertung meines Jetzt-Bestandes an Daten sagt etwas Definitives über mich aus – und deshalb haben Algorithmen auf mich keinen Zugriff. Denn wie mein zukünftiges Ich sein wird, das hängt von dem ab, was ich als nächstes tue. Und das weiß ich meistens ja selbst noch gar nicht.

Es gibt allerdings eine Voraussetzung dafür, dass die Algorithmisierung der Welt uns keine Angst machen muss: und zwar die, dass wir unsere Freiheit lieben, dass wir also politische Menschen im Sinne von Hannah Arendt sind – und nicht bloß Teile einer Gesellschaft, die sich so verhalten, wie es von ihnen erwartet wird. Arendt sah den Kern der Politik in der Möglichkeit jedes Einzelnen und jeder Einzelnen, in jeder beliebigen Situation einen neuen Anfang zu setzen. Das ist eine Folge unserer Gebürtigkeit. Jedes Kind zum Beispiel ist ein solcher neuer Anfang. Diese Fähigkeit, etwas Neues in die Welt zu bringen, ist der Kern der menschlichen Freiheit.

Ähnlich formuliert es Luisa Muraro, die die Praxis der Frauenbewegung einmal beschrieb als „Von sich selbst ausgehen und sich nicht finden lassen“. Meine Herkunft, meine Familie, meine Geschichte, mein Körper, meine bisherigen Vorlieben und Gewohnheiten, kurz: die Gesamtheit meiner „Daten“ – sie sind nicht eine fixe Identität, sondern lediglich der Ausgangspunkt, von dem aus ich jetzt und hier starte. Ein Ausgangspunkt gibt mir eine Basis, hält mich aber nicht fest. Freiheit ist, sich von dort aus auf den Weg zu machen, anderswo hin. Ich habe natürlich niemals alle Möglichkeiten der Welt. Aber ich habe immer mehr als eine Möglichkeit. Die Behauptung „There is no alternative“ ist immer, wirklich immer, eine Lüge.

Ihr Weg führt freie Menschen nicht auf ein vorab festgelegtes Ziel zu. Es gibt keine Möglichkeit, die Zukunft zu kennen. Man muss sie machen – oder sich treiben lassen. Dieses Verhältnis von Vorhersehbarkeit (den bekannten Daten) und der Unvorhersehbarkeit des menschlichen Handelns (der Freiheit) bestand schon immer, es ist nichts Neues. Verändert hat sich durch die immer verfeinerten Algorithmen und Rechenkapazitäten lediglich die Genauigkeit der Prognose: All das, was bislang nur theoretisch vorhersehbar war, ist nun auch tatsächlich vorhersehbar. Mehr aber auch nicht.

Aber selbst wenn das keine grundsätzliche Veränderung ist, müssen wir uns doch auf die neuen Gegebenheiten einstellen. Um es wieder am banalen Beispiel Amazon zu erläutern: Früher war es schwierig, von Büchern, die mich möglicherweise interessieren, überhaupt etwas zu erfahren, jedenfalls wenn meine Interessen sich außerhalb des Mainstreams bewegten: Die örtliche Buchhandlung führte praktisch keine feministischen Autorinnen, mühsam musste ich mir entsprechende Rundbriefe besorgen, und wenn ich mal in die Stadt kam, ging ich in den Frauenbuchladen und staunte über die vielen Neuerscheinungen, von denen ich noch nichts gehört hatte.

Das war typisch für das Leben in Vor-Internet-Zeiten: Wir waren ständig umgeben von Dingen, Informationen und Menschen, die zufällig in der Nähe waren, die wir nicht selbst gewählt hatten. Der Vorteil war: Wir waren automatisch mit Anderem konfrontiert. Der Nachteil war: Wir mussten uns sehr anstrengen, um „Gleichgesinnte“ und interessante Dinge zu finden, sie um uns zu sammeln, möglichst noch in stabilen Organisationen wie Vereinen oder Parteien abzusichern. Das Andere hingegen, die restlichen Informationen, die uninteressanten Leute, die nahmen wir als gegeben hin. Wir empfanden sie sogar als Ärgernis, da sie uns ja von dem fernhielten, was uns wirklich wichtig war.

Heute ist die Situation eine ganz andere: Über sämtliche feministischen Neuerscheinungen werde ich schon lange vor dem Erscheinungstermin informiert. Das kostet mich keine Mühe mehr. Und das ist so was von toll! Ich muss meine Zeit auch nicht mehr mit den Leuten verbringen, die zufällig im selben Ort wohnen, sondern ich kann mich rund um die Uhr mit solchen Leuten austauschen, die auf meiner Wellenlänge liegen. Das ist eine Bereicherung, ein großartiger Fortschritt. Die Algorithmen machen mir das Leben leichter, denn sie „spülen“ mir gewissermaßen alles, was mich interessiert, automatisch ins Haus.

Allerdings heißt das, dass ich nun auch meine Aufmerksamkeit anders fokussieren muss. Ich muss zwar feministische Bücher nicht mehr mühselig suchen, dafür muss ich mir aber immer wieder die Frage stellen, ob ich denn nicht vielleicht auch mal etwas anderes lesen will als immer nur feministische Bücher. Der Algorithmus macht es mir in der Tat immer leichter, diesen anderen Dingen, über die ich mich vielleicht ärgern würde, aus dem Weg zu gehen. Das ist verführerisch. Und darin liegt durchaus eine Gefahr. Jedenfalls für Menschen, die ihre Freiheit nicht lieben, sondern es einfach nur bequem haben wollen.

Das weibliche Denken hat sich – ganz unabhängig von dieser neuen technischen „Wende“ – schon lange mit dieser Problematik beschäftigt. Von christlichen Mystikerinnen wie Margarete Porete über Politikwissenschaftlerinnen wie Arendt bis hin zu Vordenkerinnen der neuen Frauenbewegung wie Luce Irigaray zieht sich durch einen Großteil weiblicher Philosophie genau dieses Thema: dass es für die Freiheit der Menschen unverzichtbar ist, sich nicht auf das eigene Ich zurückzuziehen, dem Anderen Raum zu geben, keine universalen Normen aufzustellen, kein großes „Eins“ zu schaffen, dem sich die anderen unterordnen müssen. Vielleicht war das den Frauen deshalb so wichtig, weil sie selbst in patriarchaler Logik als das „andere“ galten und die schädlichen Auswirkungen dieses Denkens am eigenen Leibe zu spüren bekamen. Ihre Gedanken und Vorschläge sind aber für alle, Frauen und Männer, hilfreich.

Und heute eben mehr denn je: Wer sich am Algorithmus orientiert, läuft Gefahr, den Input von Außen zu verlieren. Will ich wirklich immer nur im eigenen (ideologischen) Saft spüren? Oder wäre es nicht viel interessanter, ein paar Andersdenkende in die Timeline zu holen? Viele gar?

Die interessante Frage im Bezug ist heute auch für Männer nicht mehr die, wie wir Möglichkeiten finden, uns gegen Beschränkungen und die „bösen Anderen“ zu wehren. Die Anstrengung darf sich nicht länger darauf richten, sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun (die Logik der sozialen Bewegungen in Vor-Internetzeiten, die Logik der Parteien, Verbände usw.) Sondern Freiheit in Zeiten des Algorithmus bedeutet, sich bewusst an die Orte der Anderen zu begeben, die Differenz nicht als Gefahr, sondern als Bereicherung des eigenen Horizontes zu erkennen, aktiv auf diejenigen zuzugehen, die anderer Meinung sind. Nicht weil ich ein so netter Mensch und so tolerant bin. Sondern weil ich nur dann die Möglichkeit habe, mich weiterzuentwickeln, eine andere zu werden. Mich nicht finden zu lassen.

Eigentlich läuft es auf eine einzige simple Frage hinaus: Ist das, was ich glaube zu wollen, auch das, was ich tatsächlich will? Akzeptiere ich die Zukunft, die der Computer für mich als die Wahrscheinlichste ausrechnet (und zwar immer treffsicherer, also verführerischer) – oder bin ich offen für eine andere mögliche Zukunft, von der ich noch nicht wissen kann, wie sie aussieht? Meine Freiheit hängt davon ab, ob ich die Möglichkeit in Betracht ziehe, auch etwas anderes zu tun. Davon, dass ich immer wieder prüfe, ob es vielleicht besser ist, mein derzeitiges Selbst zu verlassen. Niemand zwingt mich, genau in die Richtung zu marschieren, die mir vom Algorithmus aufgrund meiner Vergangenheit prognostiziert wird. Ich habe zu jedem beliebigen Zeitpunkt meines Lebens die Möglichkeit, mich anders zu entscheiden. Unberechenbar zu sein. Mich nicht finden zu lassen.

Und diese Freiheit kann mir niemand nehmen, schon gar nicht ein Computerprogramm. Das einzige, was diese Freiheit bedroht, ist eine Kultur, die sich von ihr nichts mehr verspricht.