Körper, Gesetze, Beziehungen (Teil 2)

Anatol Stefanowitsch hat auf meinen gestrigen Blogpost mit einem Kommentar in seinem eigenen Blog geantwortet, und einige interessante Einwände gebracht und mich auch auf einige Schwachstellen in der Argumentation hingewiesen. Da man bei ihm nicht kommentieren kann und die Kommentare unter meinem Ursprungspost sich inzwischen in ganz andere Richtungen entwickelt haben, schreibe ich diese weitergehenden Überlegungen einfach jetzt hier hin.

Scharfsinnig hat Anatol eine große Schwachstelle in meiner Argumentation gefunden, nämlich dass das Verhältnis zwischen Menschen_Körpern und den Anderen sehr viel komplizierter ist. Denn natürlich findet die Selbstverfügung über den eigenen Körper niemals losgelöst von Beziehungen statt, und zwar nicht nur insofern wir immer geprägt sind von gesellschaftlichen Entwicklungen – den Aspekt hatte ich in meinem Artikel über Sterbehilfe bereits untersucht – sondern auch viel konkreter: Nämlich insofern auch bei den Beispielen, die ich für körperliche Selbstverfügung angeführt habe (Abtreibung, Prostitution, Sterbehilfe, er nimmt noch das Beispiel Drogengebrauch hinzu) immer konkrete andere Menschen involviert sind. Diesen Aspekt hatte ich im Fall Sterbehilfe kurz in Klammern gestreift, aber es stimmt natürlich auch bei den anderen Themen. Anatol schreibt:

„Sobald eine Abtreibung nicht durch die Schwangere selbst vorgenommen wird (was niemand sich ernsthaft wünschen kann), ist dort auch eine zweite Person beteiligt, und zwar auf eine Art und Weise, die der Sterbehilfe sehr ähnlich ist. Und auch bei der Prostitution ist per Definition mindestens eine weitere Person (der Sexkäufer) beteiligt, und in der real existierenden Prostitution sind außerdem eine Reihe anderer Personen beteiligt, die (um es neutral auszudrücken) die „Infrastruktur“ zur Verfügung stellen und dafür substanziell am Profit beteiligt sind.“

Dieser Aspekt nimmt lediglich im Fall der Sterbehilfe eine besondere Rolle ein, weil hier die juristischen Debatten, gegen die ich mich wende, sich speziell eben mit der Hilfe beschäftigen, also der Involviertheit der anderen. Anders als ein Verbot der Abtreibung oder der Prostitution, das sich auf die „körperbestimmende“ Person selber richtet (obwohl: Auch beim Prostitutionsverbot wird ja vor allem gefordert, die Freier zu bestrafen), richtet sich ein Verbot der Sterbehilfe nicht gegen diese Person selbst, ich vermute deshalb, weil es in diesem Fall besonders klar ist, dass Gesetze faktisch nicht in die körperliche Selbstbestimmung eingreifen können: Es wäre ja lächerlich, Suizid per Gesetz zu verbieten, denn man könnte ihn nicht bestrafen (man kann allerdings Suizid mit einem moralischen Bann belegen, was die christlichen Kirchen ja lange gemacht haben. Aber mir geht es hier um Gesetze im juristischen Sinn).

Ich würde vorschlagen, in dem ganzen Kuddelmuddel zwei Aspekte zu unterscheiden, nämlich dass sich die Frage „Was soll ich tun?“ für die Betroffenen (die Schwangere, den Lebensmüden, die Sexarbeiterin) völlig anders stellt als für die anderen Beteiligten (die Abtreibungsärztin, den Sterbehelfer, den Freier, die Bordellbesitzerin). Für diese anderen handelt es sich tatsächlich um ein ethisches Problem: Sie müssen entscheiden, in welcher Weise sie mit anderen interagieren möchten, welche Wertmaßstäbe sie dabei anlegen und so weiter.

Für diejenigen, deren Körperlichkeit, deren Selbst dabei involviert ist, handelt es sich meiner Ansicht aber nicht (nur) um eine ethische Frage. Sondern sie stehen eventuell vor dem Dilemma, dass es die konkrete Situation, in der sie sich befinden, unmöglich macht, sich so zu verhalten, wie sie es sich eigentlich für ein gutes Leben wünschen. So, als hätten sie nicht wirklich eine Wahl  (was die Voraussetzung für ethische Entscheidungen wäre), sondern die Abtreibung, der Suizid, die Prostitution ist für sie eine Notwendigkeit (was nicht dasselbe ist, wie äußerer Zwang). Das trifft natürlich nicht für alle zu, mein Punkt ist, dass diese Fälle vorkommen.

Es gibt Fälle, in denen Menschen es als notwendig ansehen, abzutreiben, sich zu prostituieren, Suizid zu begehen, in denen sie es nicht als Wahl empfinden. Und das bedeutet, dass sie auch dann abtreiben, sich prostituieren, Suizid begehen, wenn ihnen das aufgrund der äußeren Umstände eigentlich unmöglich gemacht wird.

Auch als Abtreibungen noch bestraft wurden, haben Frauen abgetrieben. Sie mixten sich Abführmittel, stocherten mit Nadeln in ihrer Vagina herum, stürzten sich von Treppen in der Hoffnung auf eine Fehlgeburt. Menschen, die für sich keine Möglichkeit des Weiterlebens sehen, begehen Suizid, auch wenn ihnen keine organisierte Sterbehilfe zur Verfügung geht – die Abläufe sind nur, ebenso wie bei der Abtreibung, unvergleichlich grausamer. Und Frauen, die keine andere Möglichkeit haben oder sehen, sich oder ihre Kinder zu ernähren, werden Sex für Geld verkaufen, auch wenn Prostitution gesetzlich verboten ist. Sie machen es dann eben unter schlechteren Bedingungen.

Und das ist es, worauf ich hinauswollte, als ich schrieb, dass kein Gesetz der Welt die Selbstverfügung über den eigenen Körper, über sich selbst, unterbinden kann. Weil eben diese Verfügungsmacht ein Fakt ist, keine offene Frage. Menschen können es, und deshalb tun sie es auch, wenn es ihnen notwendig erscheint.

Thus said nun zu Anatols zentralem Einwand, der schreibt, dass es bei den angesprochenen Themen eben um

„Fragen gemeinschaftlicher Normen (geht), einerseits, weil die Existenz einer Gemeinschaft Vorbedingung für diese Dinge ist und andererseits, weil sie Auswirkungen auf die Gemeinschaft haben (können). Sie unterliegen damit legitimer Weise ethischen Bewertungen durch die Gemeinschaft (was natürlich nicht automatisch eine bestimmte ethische Bewertung richtig macht).

Das stimmt eben meiner Ansicht nach nur für solche Fälle, in denen Abtreibung/Prostitution/Suizid tatsächlich eine Wahl ist in dem Sinne, dass die Betroffenen sich dafür entscheiden, obwohl sie andere Optionen hätten. Das gibt es natürlich. Und es ist auch tatsächlich zu vermuten, dass diese Personengruppe durch Gesetze gewissermaßen „abgeschreckt“ wird, denn bei einer Wahl geht es immer auch um den Preis, der je nachdem zu bezahlen ist.

Und deshalb bin ich auch sehr dafür, dass wir über diese Dinge gesellschaftlich diskutieren, dass wir Symposien abhalten, ethische Aufsätze schreiben, Diskussionsrunden einrichten, whatever. Ich bin nicht der Meinung, dass diese Themen rein der individuellen Entscheidung der Einzelnen überlassen werden sollten (was ich ja zum Beispiel auch im Gespräch beim Missy Magazine über Prosititution vertreten habe). Ich bin also mit allem ganz einverstanden, was Anatol weiter dazu schreibt, aber nicht mehr an diesem Punkt:

„Da Gesetze nichts anderes sind als das institutionalisierte ethische Gerüst einer Gesellschaft, soll das keine abstrakte moralphilosophische Diskussion sein, sondern auch eine Diskussion über die Weiterentwicklung von Gesetzen.“

Hingegen bin ich der Ansicht, dass diese Debatten sich unbedingt außerhalb des juristischen Bereichs abspielen sollten. Und zwar deshalb, weil Gesetze gerade von konkreten Beziehungen absehen, sondern allgemeingültige Regeln formulieren – genau das ist ja ihr Sinn. Der „Hebel“ für ethische Debatten über Themen wie Abtreibung, Suizid, Prostitution hingegen liegt aber gerade an der Schnittstelle zwischen der Person, um die_deren Körper es hierbei geht, und dem konkreten Beziehungsgefüge, in das sie eingebunden ist.

Wenn ich mit einer Person in Beziehung bin, die vorhat, abzutreiben, sich zu prostituieren, Suizid zu begehen, dann ist das pure Vorhandensein gesetzlicher Regelungen kontraproduktiv für unseren Austausch. Gerade wenn sie sich in einem Konflikt befindet zwischen dem, was sie selbst eigentlich für ein „gutes Leben“ hält und dem, was zu tun sie für notwendig hält, wird das Vorhandensein von Gesetzen sie daran hindern, diesen Aspekten überhaupt nachzugehen, sie offen zu thematisieren oder vielleicht sogar sich selbst einzugestehen.

So wie wir es leider beim Thema Abtreibung erlebt haben, wo der Kampf gegen gesetzliche Verbote in der Frauenbewegung teilweise umgeschlagen ist in ein Schönreden von Abtreibungen, und wo lange zu wenig Aufmerksamkeit blieb für die Frauen, die aufgrund einer Abtreibung gelitten haben. Zu schnell wurde das als Überbleibsel patriarchaler Indoktrination oder als Propaganda der „Gegenseite“ abgetan. Erst jetzt, wo wir uns so langsam daran gewöhnt haben, dass Abtreibung nicht juristisch verfolgt wird, haben wir wieder die Freiheit, uns genau und anhand konkreter Situationen mit diesen negativen Aspekten zu beschäftigen und die entsprechenden Erfahrungen ernst zu nehmen.

Ein ähnliches Schönreden beobachte ich derzeit auch bei den Themen Sterbehilfe und Prostitution. Der Kampf gegen gesetzliche Verbote führt dazu, dass genau nicht zur Sprache kommen kann, was negativ – oder meinetwegen auch ethisch bedenklich – daran ist.

Von daher: Ja, die Selbstverfügung über den eigenen Körper, die ich meine, hat nichts mit dem Trugbild von individueller Autonomie zu tun. Sie ist nicht beziehungslos, sie ist gesellschaftlich. Aber diese Gesellschaftlichkeit, diese Bezogenheit, wird von dem Versuch, sie in Gesetze fließen zu lassen, gerade unterminiert.

Foto: Urban Artefakte/Flickr.com cc by-nc-sa

Beim eigenen Körper endet der Arm des Gesetzes


Dass Menschen über ihren eigenen Körper verfügen können, liegt in der Natur der Sache. Denn Mensch und Körper sind nicht zu trennen. Mensch_Körper sind allein miteinander, oder können es zumindest sein. Mensch ist Körper.

Ob Menschen über ihren eigenen Körper verfügen (dürfen), ist deshalb keine offene Frage, über die gesellschaftlich zu entscheiden wäre, sondern eine Tatsache, die bei politischen Entscheidungen berücksichtigt werden muss. Keine Ordnungsmacht der Welt kann Menschen zum Beispiel daran hindern, Sex gegen Geld zu tauschen, Abtreibungen vorzunehmen oder das eigene Leben zu beenden. Kein Polizist kann sich zwischen einen Menschen und ihren Körper stellen.

Wer die Eigenverfügung über den menschlichen Körper gesetzlich kontrollieren will, muss zu krassen Maßnahmen greifen, die auf eine Weise in das Persönlichkeitsrecht eingreifen, die heute nicht mehr als akzeptabel gilt: Man kann natürlich Ehefrauen dazu zwingen, einen „Keuschheitsgürtel“ zu tragen, damit kein unbefugter Penis in ihre Vagina eingeführt wird. Man kann auch Schwangere oder Menschen, die man für suizidgefährdet hält, rund um die Uhr überwachen. Man kann, kurz gesagt, aufs Gröbste die Intimsphäre von Menschen beeinträchtigen.

Aber man kann nicht in den menschlichen Körper hineinregieren, wie sich zum Beispiel der Verkehr oder die Eigentumsrechte gesetzlich regeln lassen. Da kann man Schranken bauen, Ampeln aufstellen, Sicherheitspersonal postieren. Das alles wird zwar nicht in jedem Fall verhindern, dass zu schnell gefahren oder eingebrochen wird. Aber der Versuch, es zu erschweren, beeinträchtigt nicht unmittelbar die Menschenwürde. Denn hier befinden wir uns im Bereich des öffentlichen Lebens, also an Orten, wo Menschen zueinander in Beziehung treten oder miteinander interagieren. Um Orte, an denen etwas „Dazwischen“ ist, zwischen den Beteiligten. Deshalb ist es prinzipiell möglich, dass auch Polizisten dort mitmischen.

Was ich hingegen tue, wenn ich allein bin, also ich, als körperlicher Mensch, ist der Öffentlichkeit zunächst entzogen. Niemand kriegt es mit. Um die Selbstverfügung der Menschen über sich, also ihre Körper, zu kontrollieren, müssen sie gewaltsam in die Öffentlichkeit gezogen werden.

Das Einzige, was Gesetze auf diesem Gebiet bewirken, ist, dass sie die Bedingungen verschlechtern, unter denen Menschen über ihre Körper, also sich selbst, verfügen. Unter Prostitutionsverboten leiden die Prostituierten, unter Abtreibungsverboten leiden Schwangere, die abtreiben möchten, unter Sterbehilfeverboten leiden Menschen, die ihr Leben beenden möchten. Trotzdem werden sie es tun, wenn sie es für notwendig halten. Das ist eine Tatsache. (Beim Thema Sterbehilfe ist das noch einmal komplizierter, weil eine andere Person involviert ist, das wäre einen eigenen Blogpost wert. Hier nur soviel: Ich glaube, wenn eine sehr gute Freundin mich darum bitten würde, würde ich ihr beistehen, auch wenn es gesetzlich verboten wäre. Sozusagen als „verlängerter Arm“ ihrer selbst.)

Die grassierende Engführung biopolitischer Debatten auf Gesetze (Prostitution, Sterbehilfe, Abtreibung VERBIETEN!) ist so fatal, weil sie geradezu verhindert, dass die eigentlich wichtigen Fragen diskutiert werden. Nämlich: Wie und wann und warum entscheiden sich Menschen für Abtreibung, Prostitution, Leihmutterschaft, Suizid? Welche sozialen Umstände befördern das? Welche Probleme enstehen dadurch (möglicherweise)? Welche gesellschaftlichen Veränderungen wären wünschenswert, um diese ja oft existenziellen und belastenden Situationen für die Betroffenen zu erleichtern?

Das Thema Abtreibung ist ein gutes Beispiel dafür, wie schief die Debatten laufen. Es ist ja die Geschichte eines großen Missverständnisses. Es ging den Frauen, die für eine Abschaffung des Abtreibungsparagrafen kämpften, nämlich nie darum, für ein „Recht auf Abtreibung“ zu streiten. Es ging ganz im Gegenteil darum, das Phänomen gerade dem rechtlichen Zugriff zu entziehen. Es ging genau NICHT darum, „ob Abtreibung erlaubt oder verboten sein soll“. Sondern darum, wer darüber entscheidet, ob eine Schwangerschaft ausgetragen wird oder nicht – die Schwangere selbst, oder jemand anderes (die Kirche, die Ärtze, der Mann, mit dem sie geschlafen hat, irgendwelche Gerichte…).

Abtreibungen hat es immer gegeben und wird es immer geben, ganz egal, wie die Gesetzeslage ist. Das liegt, tatsächlich, in der Natur der Sache. Die Schwangere ist mit ihrem Körper allein, niemand kann sie daran hindern, alles Mögliche damit anzustellen, um eine Fehlgeburt herbeizuführen. Alles, was wir als Gesellschaft diesbezüglich zu entscheiden haben ist: Welche Umstände schaffen wir, in denen Schwangere über die Fortsetzung der Schwangerschaft entscheiden?

Vermutlich ist es so ähnlich mit Suizid und mit Sex ohne Begehren: Vermutlich gibt es immer Menschen, die ihr Leben beenden, und vermutlich gibt es immer Menschen, die mit anderen Sex haben, obwohl sie selbst keine Lust dazu haben, sondern sich davon irgendwelche anderen Vorteile erhoffen. Und genau wie bei Abtreibungen wird es immer eine schwierige Entscheidung sein, die individuell getroffen wird und bei der eine ungeheuer komplexe Mischung aus äußeren Umständen, sozialen Normen und individuellen Befindlichkeiten zusammenwirken.

Es wäre so wichtig, eine Kultur zu haben, in denen wir uns über die Schwierigkeiten, solche Entscheidungen zu treffen, offen austauschen und uns gegenseitig dabei unterstützen. Anstatt immer wieder auf die bescheuerte Alternative: „Verbieten oder Erlauben“ zurückzufallen.

Im Fall der Abtreibung übrigens hat sich das Gesetz ja selbst bereits ad absurdum geführt. Da ist inzwischen offiziell festgelegt, dass Abtreibung zwar verboten ist, aber nicht strafrechtlich verfolgt wird. Ein Verbot, das nicht verfolgt wird, ist aber kein Verbot mehr. Wer kann so ein Rechtssystem noch ernst nehmen? Es sind genau diese Einmischungen in Dinge, die es nichts angehen, die unser Rechtssystem untergraben und unglaubwürdig machen.

(Foto: URBAN Artefakte/Flickr.com cc by-nc-sa)

Fünf Thesen zu Prostitution

Angesichts der jüngsten Debatten rund um das Thema Prostitution habe ich mal fünf Punkte aufgeschrieben, die mir in diesem Zusammenhang wichtig erscheinen und mir bei den Diskussionen fehlen. Sie beziehen sich ausschließlich auf die freiwillige Prostitution, also nicht auf Zwangsprostitution und Menschenhandel, was ein völlig anderes (und, nebenbei, wichtigeres) Thema ist.

Aber bei der Ablehnung von Zwangsprostitution und Menschenhandel sind sich ja alle einig. Uneinigkeit besteht im Hinblick auf die Einschätzung von freiwilliger Prostitution. Doch Freiwilligkeit allein ist noch kein Beweis für die Okayheit einer Handlung, es sei denn, man würde sich völlig einer neoliberalen Logik des „anything goes, Hauptsache es lässt sich damit Geld verdienen“ verschreiben. Freiwilligkeit ist nicht das Ende der Diskussion über Prostitution, sondern höchstens ihr Anfang. Denn alles, was nicht freiwillig geschieht, ist sowieso indiskutabel. Hier also meine 50 Cent.

1. Prostitution ist keine Naturerscheinung, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt

Von der Prostitution wird gerne behauptet, sie sei das „älteste Gewerbe der Welt“, was so viel bedeutet wie: Gab es immer und wird es immer geben. Aber mal ganz abgesehen davon, dass das historisch fraglich ist (Wissenschaftlerinnen wie Christina von Braun zum Beispiel argumentieren überzeugend, dass sich ihr Entstehen präzise bestimmen lässt, außerdem gibt es Gesellschaften, die Prostitution nicht kennen), ist es kein Argument dafür, dass das immer so bleiben muss. Genauso könnte man Sklaverei oder Zweigeschlechtlichkeit als Naturerscheinungen beschreiben. Wir als Menschen sind es, die darüber verhandeln und entscheiden, wie wir den Tausch von Sex gegen Geld/Materielles bewerten und handhaben möchten, eine ominöse „Natur der Sache“ hilft uns dabei nicht weiter.

2. Prostitution ist eine Möglichkeit, Einkommen zu erzielen

Prostitution ist, vor allem für Frauen, in erster Linie eine Möglichkeit, ein relativ gutes Einkommen zu erzielen, das sie anders nicht oder nur schwer erzielen können. Sie ist eine Alternative zum sonstigen Arbeitsmarkt, zur Versorgerehe, zu informeller Arbeit. Diese Möglichkeiten haben allesamt Nachteile: Für den Arbeitsmarkt braucht man Qualifikationen und Bescheinigungen, die nicht alle vorweisen können. Versorgerehe macht abhängig von einem Mann. Informelle Arbeit ist meist prekär und sehr schlecht bezahlt. Alle Maßnahmen, die rund um das Thema Prostitution vorgeschlagen und diskutiert werden, müssen deshalb die Frage nach realistischen Einkommensmöglichkeiten, Arbeitsbedingungen, sozialer Absicherung etc. ins Zentrum stellen.

3. Gesetzliche Verbote von Prostitution beschneiden die Handlungsoptionen von Frauen
Gesetzliche Verbote und Regulierungen erschweren oder verunmöglichen es Frauen, durch Prostitution Einkommen zu erzielen und beschneiden damit ihre Handlungsoptionen. Das ist meiner Ansicht nach der entscheidende Grund, warum solche Regulierungen abzulehnen sind. Frauen (und Männer), die sich dazu entschließen, Sex gegen Einkommen zu tauschen, werden in der Regel einen guten Grund dafür haben. Offensichtlich ist das für sie die beste Option, die sie angesichts der Realität, in der sie leben, wählen können. Wenn ihnen diese Option genommen wird, sei es durch Verbote, durch fehlenden Schutz, durch fehlende Infrastruktur, müssen sie logischerweise zur zweitbesten Lösung greifen, haben also konkrete Nachteile. Deshalb ist dieser Weg falsch.

4. Prostitution gründet auf einer fragwürdigen Vorstellung von Sex
Dennoch: Das Phänomen „Prostitution“ ist nur denkbar in einer Kultur, in der Sex nicht die beiderseitige Lust aufeinander zur Voraussetzung hat, sondern einseitig denkbar ist. Es muss also als akzeptabel gelten, wenn jemand, der Sex haben will, die eigene Lust mit jemandem befriedigt, der_die keinen Sex haben will – denn eine Frau, die Sex gegen Geld eintauscht, hat ja selbst auf diesen Sex keine Lust, sondern tut es, um Geld zu verdienen. Es ist natürlich prinzipiell möglich, dass wir als Gesellschaft Sex als eine solchermaßen einseitige Handlung verstehen wollen. Ich bin aber damit nicht einverstanden, weil ich hier zahlreiche Verwobenheiten mit patriarchalen Strukturen sehe, vor allem mit der Vorstellung, dass es beim Sex auf das Begehren der Frau nicht ankomme, sondern nur auf ihre formale Einwilligung – das ist ein Argument, das von vielen Männern auch bei Diskussionen um Vergewaltigung oder sexuelle Belästigung regelmäßig vorgebracht wird. Über diese Abkopplung von Sex und (weiblichem) Begehren möchte ich eine politische und kulturelle Debatte führen. Wegen der Argumente aus Punkt 3 kann die sich aber nicht an der Frage von Gesetzen und Regulierungen aufhängen.

5. Prostitution ist keine „normale Arbeit“
Deshalb bin ich auch dagegen, den Tausch von Sex gegen Geld als „normale Arbeit“ zu labeln. „Normale Arbeit“, also der Tausch von Arbeit gegen Geld, beruht auf einem System der Arbeitsteilung. Der Käufer von Arbeitsleistungen hat entsprechend auch einen Anspruch auf einen äquivalenten Tausch. Wenn also die erbrachte Dienstleistung oder das bezahlte Produkt Mängel aufweist, kann es zurückgegeben werden. All das ist vertraglich geregelt, und es gibt Dritte, die in Konflikten darüber entscheiden. Sicher ist es prinzipiell möglich, auch Sex in diesem Sinn als Ware oder als Dienstleistung verstehen. Aber ich will das nicht. Genauso wie ich der Ansicht bin, dass Sex nicht zu den „Pflichten einer Ehefrau“ gehört (auch Ehefrauen sind dem ja normalerweise freiwillig nachgekommen). Der Tausch von „Sex gegen Geld“ ist aber eigentlich nichts anderes als die kapitalistische Variante von „Sex gegen Ehesicherheit“. Ganz abgesehen davon, dass die „Normalisierung“ von Sex zu einer banalen Dienstleistung sich vermutlich auch auf die Preise niederschlägt: Wenn Sex nichts anderes ist als eine Massage oder eine Fußpflege, gibt es doch eigentlich keinen Grund, warum eine „Sexarbeiterin“ mehr verdienen sollte als ein Masseur oder eine Fußpflegerin, oder? Damit wäre aber Punkt 2 früher oder später obsolet.

(Foto: Alain Bachellier/Flickr.com)

Nichts gegen Sex (censored). Ich bin dafür und dagegen.

Darf man so viel Sex öffentlich zeigen? Foto: dron/Fotolia.com

Die Diskussionen um die öffentlichen Darstellungen von Sexualität, um pornografische Ästhetik auf Werbeplakaten und so weiter sind seit langem verkorkst. Radikale PorNo-Kampagnerinnen à la Emma und Protagonistinnen von „Pornos auch für Frauen” stehen sich unversöhnlich gegenüber. Ähnlich verlaufen die Fronten zwischen jenen Feministinnen, die Prostitution verbieten (und Freier bestrafen) wollen, und anderen, die die Arbeitsbedingungen von Prostituierten verbessern wollen. Aus meiner Sicht ist das alles eine typische Pest- oder Cholera-Frage. Alles ist falsch, und alles ist richtig. Eine dieser Pattsituationen, in denen die politische Debatte heutzutage so oft landet.

Die niederländische Musikjournalistin Myrthe Hilkens hat jetzt ein neues Buch zum Thema geschrieben, das die gegenwärtige „Pornofizierung unserer Gesellschaft” kritisch unter die Lupe nimmt und viele interessante Informationen enthält. Auch wenn ich ihre Unterscheidung zwischen „Sex” und „Porno” durchaus problematisch finde (weil die Diffamierung von Sex, den jemand unmoralisch findet, als „Pornografie” eine gängige Floskel dieses Patt-Diskurses ist) finde ich es lesens- und empfehlenswert. Sie hat sicher recht, wenn sie als Hauptursache des Problems die Kommerzialisierung von Sexualität und die daraus resultierende Gleichgültigkeit vieler identifiziert. Mithu M. Sanyal hat ein sehr gutes Vorwort zu dem Buch geschrieben.

Ich denke, eine Auseinandersetzung müsste vor allem damit beginnen, dass wir uns die Wurzeln der Verkorkstheit dieser Diskussion anschauen. Sie liegen aus meiner Sicht darin, dass im Zusammenhang mit der „sexuellen Revolution” der Aspekt der weiblichen Freiheit nicht mitdiskutiert worden ist. Anfangs zwar schon, aber irgendwann gegen Ende der 1980er geriet dieser Aspekt einerseits unter die Räder der unter Kohl eingeleiteten „geistig-moralischen Wende” und fiel andererseits der Dekonstruktion von Weiblichkeit zum Opfer. Die Frage, inwiefern Männlichkeit sich historisch über die Gewalt gegenüber dem Körper anderer definiert hat, die die zweite Frauenbewegung thematisiert hatte, wird inzwischen wieder meistens ausgeblendet (nach dem Motto: Männer müssen sich heute doch auch nackig machen). Auch im aktuellen Debatten-Hype um den Missbrauch in der katholischen Kirche spielte das Thema keine Rolle. Dabei gäbe es so interessante Rückverbindungen wie die, dass im Mittelalter männliche Homosexualität nicht generell als Sünde galt, sondern nur die „passive” Variante: Sünder war ein Mann, der sich penetrieren ließ. Ein Mann, der andere penetrierte, war ganz normal, egal, ob er ihn einer Frau oder einem anderen Mann reinsteckte. (Darüber hat Ruth Mazo Karras ein interessantes Buch geschrieben, das ich seinerzeit für die FR rezensiert habe).

In dieser christlich-westlichen Kultur ist Sex also prinzipiell als eine Sache verstanden worden, die nicht zwischen zweien sich abspielt, die beide begehren und ihr Begehren miteinander verhandeln, sondern Sex findet statt zwischen einem aktiven, begehrenden Part, und einem passiven, penetriert-werdenden Part. Dass sich hier ein Geschlechterdualismus niederschlägt, dass dies ganz zentral etwas mit dem Verhältnis von Frauen und Männern zu tun hat, ist offensichtlich. Und der Dualismus bleibt auch dann bestehen, wenn Frauen in diesem Setting zu „aktiven” und Männer zu „passiven” Beteiligten werden können.

Was die heutige Diskussionsstruktur betrifft, so gab es mit der „sexuellen Revolution” einen nahtlosen Umklapp von den alten patriarchalen Zeiten, in denen Frauen als Huren beschimpft wurden, wenn sie sich schminkten oder die Röcke zu kurz waren, hin zu jenen anderen Zeiten, in denen sie als hässlich und prüde tituliert wurden, wenn sie sich nicht schminken oder die Röcke zu lang sind. Es geht also nicht um Sex als solchen, sondern um die Verfügbarkeit des weiblichen Körpers (der immer schon auch ein männlicher sein konnte). Beides mal bleibt die Passivität der Frau (oder des Kindes oder des „passiv”-schwulen Mannes), die Abwesenheit ihres eigenen Begehrens, das entscheidende Merkmal.

Das Ende des Patriarchats bedeutet, dass dieser Körper nicht mehr nur dem Ehemann verfügbar ist und daher nach außen verhüllt oder unscheinbar gemacht werden muss, sondern dass er der Allgemeinheit, dem Kommerz ausgeliefert ist – und die Argumentationsfigur der „Freiwilligkeit” ist dafür grundlegend, so ähnlich, wie die „Freiheit” des Konsumenten oder der Konsumentin sich darin erschöpft, zwischen vierzig verschiedenen Joghurtsorten wählen zu können. Wenn aber beide Varianten der sexuellen Verfügbarkeit der Frauen (und anderer „passiver” Sex-Partner) heute nebeneinander existieren, zum Beispiel inszeniert im Rahmen des Migrationsdiskurses (das Kopftuch, die Burka…), hat man, egal wie man diskutiert, immer die falschen Verbündeten.

Deshalb habe ich immer weniger Lust, mich an diesem Diskurs überhaupt noch zu beteiligen. Was soll man schon Vernünftiges sagen in einer Welt, in der auf der einen Seite Facebook Fotos von stillenden Müttern zensiert, weil darauf Brüste zu sehen sind, und man andererseits dauernd von übersexualisierten Frauenkörpern optisch überschwemmt wird? Die Frage, ob ich für oder gegen die öffentliche Sichtbarkeit nackter Frauenbrüste bin, lässt sich nicht beantworten. Ich bin gleichzeitig dafür und dagegen. Ebenso wie ich gleichzeitig für und gegen Prostitution bin, dafür und dagegen, dass Frauen sich verhüllen und ausziehen, für und gegen Pornos und so weiter.

Die Frage, die aus meiner Sicht entscheidend ist, ist die die nach dem Begehren der Frauen selbst. Unabhängig von dieser oder jener Tradition, unabhängig von den Tabus, die sich rund um Sexualität aufgetürmt haben. Es ist freilich nicht leicht, über dieses Thema außerhalb dieser Schemata nachzudenken und zu diskutieren. Die ersten Versuche dazu (mit guten und langjährigen politischen Freundinnen!) gerieten jedenfalls außerordentlich kontrovers. Aber gerade deshalb ist es spannend.

McSex_klein Myrthe Hilkens: McSex. Die Pornofizierung unserer Gesellschaft. Orlanda Frauenverlag, Berlin 2010, 207 Seiten, 18 Euro.