Provokation und Skandal

Aus Anlass all der Millionen Jahresrückblicke, bei dem meines Wissens nicht einer ohne den Sarrazin auskam, habe ich ein paar Tage lang über den Unterschied oder das Verhältnis von Skandal und Provokation nachgedacht. Ausgangspunkt war ein Tweet, den ich am 6. Januar nach einer spontanen Eingebung rausgeschickt hatte: „These: Skandal ist gut, Provokation ist schlecht. #geistesblitz“ Wie komme ich darauf? Beides, Skandal wie Provokation, sind quasi „Stilmittel“ des politischen Handelns, und zwar solche, die außerhalb der formalisierten Institutionenpolitik von Parteien, Parlamenten, Ausschüssen und Wahlen stattfinden. Sie bringen die „öffentliche Meinung“ mit ins Spiel, den ungeregelten Diskurs, die Schlagzeilen, die Aufregung, die Emotionen, das „Unsachliche“. Und es gibt eine Seite daran, die mir gut gefällt – eben das Ungeregelte, das Unvorhersehbare, und vor allem dass hier oft Akteure oder Akteurinnen eine Rolle spielen können, die keinen Posten haben, die nicht ihren Standort in der Hierarchie haben und also „von Amts wegen“ eigentlich gar nicht dazu befugt sind, etwas zu bewegen. Doch

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Das Schielen unserer Epoche

Vermutlich sind viele momentan deprimiert über die öffentlichen Diskussionen, die das Buch von Thilo Sarrazin ausgelöst hat. Ich habe versucht, so wenig wie möglich davon zur Kenntnis zu nehmen und will mich mit diesem Blogpost auch nicht daran beteiligen, sondern auf einen anderen Punkt hinaus. Als Politikwissenschaftlerin interessiert beziehungsweise irritiert mich folgender Punkt: Dass es ein so eklatantes Auseinanderklaffen zwischen geisteswissenschaftlicher Forschung und Erkenntnissen und der tagesaktuellen Politik und politischen Debatte gibt. Auf akademischer Seite haben wir jetzt ja einige Jahrzehnte Poststrukturalismus hinter uns, eine „Postmoderne“, die in inzwischen bibliothekenhaftem Umfang die alten modernen Gewissheiten über Subjekt und Gesellschaft aufgelöst und eigentlich ad acta gelegt hat: Die Möglichkeit etwa, Menschen in fixe Gruppen zu sortieren, die „Beweisbarkeit“ politischer Standpunkte anhand von Statistiken, das Ausgehen von „Identitäten“ auf Seiten politischer Akteur_innen und so weiter. Dies hat aber offenbar den politischen Diskurs, so wie er sich in den dafür vorgesehenen Institutionen (Parteien, Parlamenten, Medien) abspielt, keineswegs verändert. Im Gegenteil, hier scheinen wir

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Einige Anmerkungen zu Sarrazins „Verdummungsthese“ und der Demografie generell

Okay, eigentlich ist der Ärger über die jüngsten Äußerungen von Thilo Sarrazin schon groß genug, aber weil das Thema Demografie eins meiner Lieblingsthemen ist, möchte ich nun noch ein paar Anmerkungen hinzufügen. Sarrazin, Bundesbank-Vorstand und SPD-Politiker, hat Zeitungsmeldungen zufolge gesagt, „die Deutschen“ würden „verdummen“, weil Kinder von „aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika“ eingewanderten Familien weniger Bildung hätten als bio-deutsche und diese Familien zudem überdurchschnittlich viele Kinder bekämen. Es geht dabei weniger um Rassismus (er hat ja nicht gesagt, dass es an ihren Genen liegt, zumindest könnte er ebenso gut die kulturellen Hintergründe gemeint haben), sondern um Demografie – nämlich um die Zusammensetzung der Bevölkerung und ihren Einfluss auf die zukünftige gesellschaftliche Entwicklung. Dass Demografie in Deutschland überhaupt ein Thema ist, ist ein relativ junges Phänomen. Nach der rassistischen Selektionspolitik der Nazis – Menschen „jüdischer“ Herkunft umbringen, Menschen „arischer“ Herkunft zum Kinderkriegen animieren – hat man das Thema in den Nachkriegsjahrzehnten vorsichtshalber links liegen lassen. Erst

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