Geschlechterdifferenz, reloaded

Taelon, geschlechtslos (allerdings nur theoretisch).

Einer der interessantesten Befunde im „post-biologistischen“ Zeitalter ist wohl der, dass die Geschlechterdifferenz, die früher so eng mit dem Körper und der Biologie verknüpft zu sein schien, keineswegs untergegangen ist, sondern so fit und lebendig ist wie eh und je. Georg Seeßlen hat jetzt zwei fleißige Bücher geschrieben (ein dritter Band soll noch folgen), in denen er das aufdröselt.

Die Ablösung der Bedeutung von „Geschlecht“ von den biologischen Phänomenen, aus denen man das ehemals hergeleitet hat, vollzieht sich auf vielen Ebenen und von unterschiedlichen Richtungen her. Was Judith Butler und andere erkenntnistheoretisch analysiert haben, hat längst augenfällige Entsprechungen in der Realität ebenso wie in der Kulturproduktion:

Medizintechnik macht es möglich, sekundäre biologische Geschlechtsmerkmale zu verändern, Penisse, Brüste und Vaginas können entfernt und angefertigt werden. Biologische menschliche Körper können mit technischen Mitteln ergänzt und verändert werden. Sogar der Vorgang des Gebärens – der im Zentrum der früheren biologischen Unterscheidung von „weiblich“ und „männlich“ stand – wird vom Frauenkörper gelöst.

Von der anderen Seite kommend werden Roboter und Künstliche Intelligenzen erfunden und schon längst eingesetzt, irgendwo trifft sich das dann in der Mitte, wo es schwer wird, zu unterscheiden, ob man es mit einer menschlichen Maschine oder mit einem kybernetisch aufgerüsteten Menschen zu tun hat. Kulturtheoretisch verhandelt wird das in „Postgender-Diskursen“ oder in queeren Selbstverständnissen, utopisch (oder dystopisch) ausformuliert im Science Fiction, in der Werbung, in der Popkultur. Das Internet als neuerdings vorwiegendes Kommunikationsmedium schließlich ermöglicht es (und verlangt) von uns allen, Geschlecht bewusst zu „performen“, niemand ist mehr gezwungen, in der Öffentlichkeit mit dem Geschlecht in Erscheinung zu treten, das das angeborene ist. Nie war es so leicht, ein transsexuelles Eichhörnchen zu sein.

Man hätte ja meinen können (und viele meinten das), dass diese technisch-medizinisch-kulturell ermöglichte Trennung zwischen Geschlechterperformanz und biologischem Körper dazu führen würde, die Kategorien „weiblich“ und „männlich“ ins Wanken zu bringen. Aber weit gefehlt. Fast niemand, die oder der im Internet unterwegs ist, tritt dort mit einem anderen Geschlecht auf, als dem angeborenen. Und auch im Feld der Kybernetik und des Science Fiction sind bislang keine „Post-Gender“-Wesen entstanden, das genaue Gegenteil ist der Fall: Die Aliens, Cyborgs, Roboter, die uns da begegnen, sind in der Regel sehr viel krasser und eindeutiger geschlechtlich konnotiert, als es bei biologischen Körpern jemals der Fall war.

Georg Seeßlen macht das zum Beispiel an Robotern deutlich: Sie werden von den Menschen (also den anvisierten Konsument_innen) nur akzeptiert, wenn sie eine eindeutige geschlechtliche Zuordnung haben, und mehr noch: Wenn diese Zuordnung auch klar den eingefahrenen Geschlechterstereotypen entpricht. Pflegeroboter müssen weiblich aussehen, Arbeitsroboter männlich, sonst traut man ihnen nichts zu.

Was für Roboter gilt, gilt ebenso für die Darstellung von Außerirdischen im Science Fiction. Noch nie ist es gelungen, eine wirklich geschlechtsneutrale, humanoide Gesellschaft zu entwerfen. Geschlechtslosigkeit lässt sich offenbar nur darstellen, wenn es um Kinder oder Tiere, um Geistwesen oder Glibbermasse oder Ähnliches geht. Sobald die Wesen erwachsene „humanoide“ Formen annehmen, brauchen sie ein Geschlecht.

Man könnte nun meinen, dies alles liege an der Phantasielosigkeit der Autor_innen, oder an der Unflexibilität des Publikums, das aus purer Gewohnheit keine post-gender-Humanoiden akzeptiert. Das spielt wohl sicher eine Rolle, kann es aber meines Erachtens nicht erklären. Ein Hauptgrund ist vielmehr, dass wir „Geschlechtsneutralität“ auch deshalb nicht denken (und damit wahrnehmen) können, weil wir alles Eingeschlechtliche unweigerlich als „Männlich“ identifizieren, einfach deshalb, weil wir Jahrhunderte Patriarchat auf dem Buckel haben, also eine symbolische Ordnung, die keineswegs von Zweigeschlechtlichkeit, sondern vom Sich-zur-Norm-Setzen des Männlichen charakterisiert war.

Der Versuch, eine „geschlechtslose“ Kultur zu beschreiben, geht deshalb sogar dann schief, wenn die Autorinnen sich dieser Gefahr bewusst sind, wie zum Beispiel bei Ursula K. Le Guins „Winterplanet“ oder der auf einer Idee von Gene Roddenberry basierten Science Fiction Serie „Earth: Final Conflict“ (deutsch: Mission Erde).

Hier haben sich Außerirdische auf der Erde angesiedelt, die Taelons, die keine Geschlechterdifferenz kennen. Um zu vermeiden, dass sie sofort als „männlich“ einsortiert werden, haben die Macherinnen ganz dezidiert versucht, gegenzusteuern. (Unter ihnen Majel Barrett-Roddenberry, die sich mit dem Thema auskennt, denn sie war in der Original Series von Star Trek eigentlich als weibliche erste Offizierin vorgesehen, musste dann aber die Brücke für den Außerirdischen Spock räumen, da die Produktionsfirma nur entweder Frauen oder Aliens dort haben wollte und wurde dann zur Krankenschwester degradiert).

Die Taelons werden von weiblichen Schauspielerinnen verkörpert, zum Beispiel, sie treten „sanft“ auf, haben nichts Kriegerisches an sich. Aber es nutzte alles nichts. Unweigerlich werden die Taelons als männlich wahrgenommen, und spätestens in der fünften Staffel kommt das dann raus, als einer von ihnen nach seinem Tod als „Frau“ wieder zum Leben erweckt wird und das von allen Beteiligten diskussionslos als „in einem anderen Geschlecht“ interpretiert wird. Womit bewiesen wäre, dass er vorher nur scheinbar „geschlechtsneutral“, faktisch aber männlich gewesen war.

Auch Seeßlen zeigt an sehr, sehr vielen Beispielen, dass die Beharrung auf geschlechtlicher Konnotation nicht einfach nur eine Folge von Jahrhunderte langer Indoktrination ist. Denn der Körper und seine „natürlichen“ biologischen Grenzen sind kein Argument mehr, und es geht bei der Erfindung oder Konstruktion von Mensch-Maschinen-Wesen überhaupt nicht darum, sich an einem „natürlichen“ Ideal von Männlichkeit und Weiblichkeit zu orientieren.

Ganz im Gegenteil sind allerlei Mischformen denkbar, Menschen mit Brüsten und Penissen gleichzeitig zum Beispiel, oder Frauen mit sehr „weiblichem“ Aussehen, denen Maschinengewehre an den Arm gewachsen sind. Das Überschreiten biologischer „Geschlechtergrenzen“ ist keineswegs negativ konnotiert, sondern macht im Gegenteil den Reiz des Geschehens aus, nur dass das Ergebnis eben nicht das ist, dass die Geschlechterdifferenz bedeutungsloser wird, sondern dass sie im Gegenteil in Unendliche, Monströse, aufgeblasen wird: Nie waren die Penisse so lang, die Brüste so groß, die Unterschiede im Erscheinungsbild von „Männlichem“ und „Weiblichem“ augenfälliger als im Computerspiel, im Science Fiction, in der Robotik.

Ich denke, der Grund liegt darin, dass wir bei der Geschlechterdifferenz viel mehr verhandeln als bloß die Bedeutung von Frausein und Mannsein. Was hier verhandelt wird, ist vielmehr die Gesellschaft insgesamt und alle ihre Themen. Die Geschlechterdifferenz betrifft nicht Männer und Frauen, sie betrifft alles, die Politik, die Lebensformen, die Ernährung, die Wissenschaft, den Straßenbau, die Landwirtschaft, die Raumfahrt, die Medizin und so weiter und so weiter. Das ist auch der Grund, warum Geschichten mit „Humanoiden“ ohne Verhandeln der Geschlechterdifferenz nicht möglich sind: Würden wir alles außen vor lassen, was mit der Geschlechterdifferenz verwoben ist, blieben schlicht keine Themen mehr übrig, die verhandelt werden könnten, und damit keine Geschichten, die erzählt werden könnten.

„Ihr werdet euch noch wünschen, die Geschlechtsdifferenz wäre an den biologischen Körper gebunden“, könnte ein Fazit der Lektüre dieser Bücher sein. Denn immerhin hält der biologische Körper Defekte bereit, Uneindeutigkeiten, kennt winzige Penisse und riesige Klitorisse, kennt Intersexualität, kennt breite Interpretationsspielräume im Hinblick auf die Bedeutung von Männlichkeit und Weiblichkeit.

Die Loslösung der Geschlechterdifferenz vom biologischen Körper hingegen birgt in sich die Tendenz zur Vereindeutigung. Gerade weil die Biologie uns nicht mehr determiniert, können sich Klischees und Stereotype ungehindert verbreiten, und da ist keine Natur weit und breit, die sich ihnen in den Weg stellen und ihre „Reinheit“ unterminieren könnte.

So gesehen könnte die Natur, die Biologie, fast schon wieder so etwas wie ein realer Anhaltspunkt sein, um sich zu vergewissern, was mich, eine Frau, wirklich ausmacht: Keine riesigen Brüste und schmale Taille jedenfalls, keine Sexyness, sondern normale Uneindeutigkeit. Ein Blick in den Spiegel, auf meinen Bauch, meine Beine, in mein Gesicht (und auf die realen Körper anderer Frauen und Männer) ist vielleicht heutzutage der beste Weg, um Geschlechterstereotype wieder grade zu rücken.

Aber das wird natürlich nicht reichen, ein „zurück zur Natur“ gibt es nicht. Der Weg kann nur der sein, sich der Mühe zu unterziehen, die unserer gesamten gesellschaftlichen und kulturellen Produktion unterliegenden Geschlechterdifferenzen zu analysieren, sich ihrer bewusst zu sein und sie frei zu gestalten. Damit wir die Definitionshoheit darüber, was „Weiblich“ ist, nicht irgendwann gänzlich an Lara Croft und ihre Gefährtinnen abtreten.

Georg Seeßlen: Träumen Androiden von elektronischen Orgasmen? und Der virtuelle Garten der Lüste. Sex-Fantasien in der Hightech-Welt, Bände I und II (Band III folgt noch), Bertz + Fischer, Berlin 2011.

Das queere Universum ist ein Männerclub

Enttäuschende Urlaubslektüre: In dem Sci-Fi-Sammelband "Queer Dimensions" bleiben die Männer weitestgehend unter sich.

Eigentlich sollten Queer und Sci Fi gut zusammen: Wer im Weltall herumschwebt oder in die Zukunft reist, könnte da schließlich auf Lebensformen treffen, die die Normalität des heterosexistischen Erdenlebens in Frage stellen. Das jedenfalls war meine Hoffnung, als ich mir dieses – bisher nur in Englisch vorhandene – Buch bestellte. Schließlich bin ich ein großer SciFi-Fan und kaum ein anderes Genre ist so geeignet, um die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und die dazugehörigen terranischen Rollenklischees zu hinterfragen, und die interessante Beziehung zwischen Frauen und Aliens beschäftigt mich schon eine ganze Weile.

Umso enttäuschter war ich darüber, dass die hier versammelten Geschichten vollkommen konventioneller Natur sind. Piefkelig wie ich in diesen Dingen nunmal bin (und weil ich im Urlaub war und viel Zeit hatte), hab ich das mal durchgezählt: Von 17 Geschichten haben 14 eine männliche Hauptfigur. Soviel Männerüberschuss findet man heutzutage sogar in der heterosexistischen Mainstreamwelt nur noch selten. Von den restlichen drei Geschichten, die weibliche Protagonistinnen haben, entfaltet eine zudem eine Schreckensvision von einer totalitär-matriarchalen Zukunftswelt, die der Feministin in mir auch keine rechte Freude bereitet hat.

Und dabei hatte es so viel versprechend begonnen: Immerhin sieben Geschichten sind nämlich von Frauen geschrieben worden. Doch auch sie wählten – mit einer Ausnahme – männliche Protagonisten. Vielleicht ein Zugeständnis an das generell eher männliche Sci-Fi- Publikum? Das könnte eine Erklärung sein. Bekanntlich fällt es Männern ja schwer, sich mit Heldinnen zu identifizieren.

Aber die Frage der Hauptperson ist nur das eine. Nur in ganz wenigen Geschichten wird die Geschlechterdifferenz überhaupt auch nur am Rande thematisiert. Sieben Geschichten haben nicht einmal als Nebenfigur eine Frau, die Männer kommen hier völlig autark mit sich alleine aus. Und in fünf weiteren kommen Frauen zwar vor, aber bloß in der Rolle von Prostituierten, Bösewichten oder als Maschine – das queere Universum scheint eines zu sein, in dem Frauen als ganz real menschliche Gegenüber so gut wie ausgerottet sind.

Das Projekt „Queer“ scheint jedenfalls weitgehend in „Schwul“ aufzugehen. 13 der 14 männlichen Protagonisten lieben andere Männer, wobei die Geschichten in zwei Kategorien auseinanderfallen: Sechs davon sind ganz normale Sci-Fi-Geschichten, wo die Helden mehr oder weniger zufällig Liebesbeziehungen zu Männern unterhalten, wären sie hetero, könnte die Handlung ganz genauso ablaufen. Sechs andere feiern dezidiert das Gelingen von Männerbeziehungen und dekorieren das mit ein paar Sci-Fi-Versatzstücken: Ein altes Paar, das sich auseinander gebt hatte, findet nach einer außerirdischen Intervention wieder zusammen, zwei junge Männer entdecken mithilfe von Aliens, dass sie sich gegenseitig attraktiv finden, zwei Raumfahrer überwinden den Verlust eines dritten gemeinsamen Ehemannes, die Affäre eines jungen Rebellen mit einem Zeitreisenden macht aus diesem einen erfolgreichen Freiheitskämpfer und so weiter.

Jede einzelne dieser Geschichten feiert die Liebe unter Männern als eine gelungene – Happy End ist hier Pflicht. Nun ist gegen Erzahlungen über das Glück schwuler Liebe im Prinzip ja auch nichts einzuwenden (außer vielleicht, dass die ausführlichen Schilderungen muskulöser Männertorsos und praller Penisse auf die Dauer für die an Männersex nicht interessierte Leserin etwas langweilig ist). Ärgerlich ist aber, dass im Gegenzug in dem ganzen Buch nicht eine einzige gelingende lesbische Beziehung geschildert wird. Die gerade mal zwei Frauenbeziehungen, die überhaupt vorkommen, verlaufen unglücklich: Die eine Protagonistin kann ihre Geliebte nicht vor dem Suizid retten, die andere scheitert, weil die Geliebte sich als unbekehrbare Hetera entpuppt.

Krasser kann das Missverhältnis nun wirklich nicht ausfallen. Noch etwas fand ich im Übrigen sehr aufschlussreich: Queer hin oder her, offenbar ist das Bedürfnis, die klare Aufteilung von Menschen in „männlich“ oder „weiblich“ aufzubrechen, keineswegs so groß, wie immer behauptet wird. Obwohl sich die Idee, androgyne Wesen oder weitere dritte, vierte oder fünfte Geschlechter zu erfinden, in einem Genre wie diesem eigentlich geradezu aufdrängt, fehlt davon in den Geschichten jede Spur. Gerade mal zwei geschlechtlich nicht eindeutige Figuren kommen in dem gesamten Buch vor, in ganz unwichtigen Nebenrollen.

Klar ist, dass sich dieses vernichtende Urteil natürlich nur aus dem Gesamtbild der Sammlung ergibt. Was die einzelnen Geschichten angeht, so sind durchaus interessante darunter – die einzelnen Autorinnen und Autoren können ja gewissermaßen nichts für den Kontext, in dem ihre Erzählungen erscheinen. Vielleicht ist das Angebot an „queeren“ Geschichten auch so gering, dass der Herausgeber einfach nichts Besseres auftreiben konnte. Dann aber hätte er auf das Label „Queer“ im Titel doch besser verzichtet. Eine Sammlung schwuler SciFi-Geschichten wäre ja auch ganz nett gewesen, und ich hätte das dann ja nicht lesen müssen.

So aber muss die Feministin resumieren, dass das Label „Queer“ nicht unbedingt ein Gütesiegel ist, im Gegenteil. Es dient nur allzu leicht als Rechtfertigung, um die Dominanz des Männlichen im Mantel der eigenen angeblichen sexuellen Fortschrittlichkeit umso mehr zu zementieren.

Oder besteht die „queere“ Hoffnung vielleicht tatsächlich bloß darin, dass man sich mit diesen lästigen Frauen erst gar nicht mehr auseinandersetzen muss?

James EM Rasmussen (Hg): Queer Dimensions. QueeredFiction 2009, 12,99 Euro. www.queeredfiction.com