Beim eigenen Körper endet der Arm des Gesetzes


Dass Menschen über ihren eigenen Körper verfügen können, liegt in der Natur der Sache. Denn Mensch und Körper sind nicht zu trennen. Mensch_Körper sind allein miteinander, oder können es zumindest sein. Mensch ist Körper.

Ob Menschen über ihren eigenen Körper verfügen (dürfen), ist deshalb keine offene Frage, über die gesellschaftlich zu entscheiden wäre, sondern eine Tatsache, die bei politischen Entscheidungen berücksichtigt werden muss. Keine Ordnungsmacht der Welt kann Menschen zum Beispiel daran hindern, Sex gegen Geld zu tauschen, Abtreibungen vorzunehmen oder das eigene Leben zu beenden. Kein Polizist kann sich zwischen einen Menschen und ihren Körper stellen.

Wer die Eigenverfügung über den menschlichen Körper gesetzlich kontrollieren will, muss zu krassen Maßnahmen greifen, die auf eine Weise in das Persönlichkeitsrecht eingreifen, die heute nicht mehr als akzeptabel gilt: Man kann natürlich Ehefrauen dazu zwingen, einen „Keuschheitsgürtel“ zu tragen, damit kein unbefugter Penis in ihre Vagina eingeführt wird. Man kann auch Schwangere oder Menschen, die man für suizidgefährdet hält, rund um die Uhr überwachen. Man kann, kurz gesagt, aufs Gröbste die Intimsphäre von Menschen beeinträchtigen.

Aber man kann nicht in den menschlichen Körper hineinregieren, wie sich zum Beispiel der Verkehr oder die Eigentumsrechte gesetzlich regeln lassen. Da kann man Schranken bauen, Ampeln aufstellen, Sicherheitspersonal postieren. Das alles wird zwar nicht in jedem Fall verhindern, dass zu schnell gefahren oder eingebrochen wird. Aber der Versuch, es zu erschweren, beeinträchtigt nicht unmittelbar die Menschenwürde. Denn hier befinden wir uns im Bereich des öffentlichen Lebens, also an Orten, wo Menschen zueinander in Beziehung treten oder miteinander interagieren. Um Orte, an denen etwas „Dazwischen“ ist, zwischen den Beteiligten. Deshalb ist es prinzipiell möglich, dass auch Polizisten dort mitmischen.

Was ich hingegen tue, wenn ich allein bin, also ich, als körperlicher Mensch, ist der Öffentlichkeit zunächst entzogen. Niemand kriegt es mit. Um die Selbstverfügung der Menschen über sich, also ihre Körper, zu kontrollieren, müssen sie gewaltsam in die Öffentlichkeit gezogen werden.

Das Einzige, was Gesetze auf diesem Gebiet bewirken, ist, dass sie die Bedingungen verschlechtern, unter denen Menschen über ihre Körper, also sich selbst, verfügen. Unter Prostitutionsverboten leiden die Prostituierten, unter Abtreibungsverboten leiden Schwangere, die abtreiben möchten, unter Sterbehilfeverboten leiden Menschen, die ihr Leben beenden möchten. Trotzdem werden sie es tun, wenn sie es für notwendig halten. Das ist eine Tatsache. (Beim Thema Sterbehilfe ist das noch einmal komplizierter, weil eine andere Person involviert ist, das wäre einen eigenen Blogpost wert. Hier nur soviel: Ich glaube, wenn eine sehr gute Freundin mich darum bitten würde, würde ich ihr beistehen, auch wenn es gesetzlich verboten wäre. Sozusagen als „verlängerter Arm“ ihrer selbst.)

Die grassierende Engführung biopolitischer Debatten auf Gesetze (Prostitution, Sterbehilfe, Abtreibung VERBIETEN!) ist so fatal, weil sie geradezu verhindert, dass die eigentlich wichtigen Fragen diskutiert werden. Nämlich: Wie und wann und warum entscheiden sich Menschen für Abtreibung, Prostitution, Leihmutterschaft, Suizid? Welche sozialen Umstände befördern das? Welche Probleme enstehen dadurch (möglicherweise)? Welche gesellschaftlichen Veränderungen wären wünschenswert, um diese ja oft existenziellen und belastenden Situationen für die Betroffenen zu erleichtern?

Das Thema Abtreibung ist ein gutes Beispiel dafür, wie schief die Debatten laufen. Es ist ja die Geschichte eines großen Missverständnisses. Es ging den Frauen, die für eine Abschaffung des Abtreibungsparagrafen kämpften, nämlich nie darum, für ein „Recht auf Abtreibung“ zu streiten. Es ging ganz im Gegenteil darum, das Phänomen gerade dem rechtlichen Zugriff zu entziehen. Es ging genau NICHT darum, „ob Abtreibung erlaubt oder verboten sein soll“. Sondern darum, wer darüber entscheidet, ob eine Schwangerschaft ausgetragen wird oder nicht – die Schwangere selbst, oder jemand anderes (die Kirche, die Ärtze, der Mann, mit dem sie geschlafen hat, irgendwelche Gerichte…).

Abtreibungen hat es immer gegeben und wird es immer geben, ganz egal, wie die Gesetzeslage ist. Das liegt, tatsächlich, in der Natur der Sache. Die Schwangere ist mit ihrem Körper allein, niemand kann sie daran hindern, alles Mögliche damit anzustellen, um eine Fehlgeburt herbeizuführen. Alles, was wir als Gesellschaft diesbezüglich zu entscheiden haben ist: Welche Umstände schaffen wir, in denen Schwangere über die Fortsetzung der Schwangerschaft entscheiden?

Vermutlich ist es so ähnlich mit Suizid und mit Sex ohne Begehren: Vermutlich gibt es immer Menschen, die ihr Leben beenden, und vermutlich gibt es immer Menschen, die mit anderen Sex haben, obwohl sie selbst keine Lust dazu haben, sondern sich davon irgendwelche anderen Vorteile erhoffen. Und genau wie bei Abtreibungen wird es immer eine schwierige Entscheidung sein, die individuell getroffen wird und bei der eine ungeheuer komplexe Mischung aus äußeren Umständen, sozialen Normen und individuellen Befindlichkeiten zusammenwirken.

Es wäre so wichtig, eine Kultur zu haben, in denen wir uns über die Schwierigkeiten, solche Entscheidungen zu treffen, offen austauschen und uns gegenseitig dabei unterstützen. Anstatt immer wieder auf die bescheuerte Alternative: „Verbieten oder Erlauben“ zurückzufallen.

Im Fall der Abtreibung übrigens hat sich das Gesetz ja selbst bereits ad absurdum geführt. Da ist inzwischen offiziell festgelegt, dass Abtreibung zwar verboten ist, aber nicht strafrechtlich verfolgt wird. Ein Verbot, das nicht verfolgt wird, ist aber kein Verbot mehr. Wer kann so ein Rechtssystem noch ernst nehmen? Es sind genau diese Einmischungen in Dinge, die es nichts angehen, die unser Rechtssystem untergraben und unglaubwürdig machen.

 

Ohne jede Moral: Was Frauen Sex bedeutet

Frauen und Sex ist ein mühsames Thema, vor allem weil es normalerweise nie diskutiert wird, ohne die Antwort mit den Männern zu vergleichen: Wollen Frauen seltener Sex oder genauso oft? Wollen sie „kuscheligeren“ Sex oder ist das nur anerzogen?

Wunderbar anders geht Barbara Sichtermann an das Thema heran. Sie lässt sieben Frauen ihre Geschichte erzählen und verpackt das Ganze in Romanform: Ihre fiktive Ich-Erzählerin soll Frauen für eine sozialwissenschaftliche Studie zum Thema Sex befragen und gibt dabei nichts vor, sondern lässt die Interviewpartnerinnen einfach frei erzählen, was ihnen dazu einfällt.

Ich vermute, dass dem Ganzen wirkliche Gespräche zugrunde liegen, die Barbara Sichtermann selbst geführt hat, die sie aber aus (nachvollziehbaren) Gründen vor der Veröffentlichung verfremden wollte. Eine kurze Runde bei Google konnte mir diese Frage nicht beantworten, und auch das Buch selbst lässt die Leserin in Bezug auf seine Entstehungsgeschichte im Dunkeln, was auch sein einziges Manko ist. Denn die Geschichten sind so spannend, interessant, aufschlussreich, dass ich einfach gerne gewusst hätte, welche Mischung von Authentizität und Fiktion dahinter steht.

(Update: Ein_e Blogleser_in hat bei Barbara Sichtermann nachgefragt und eine ausführliche Antwort bekommen, die unten in den Kommentaren steht)

Aber gut: Die Geschichten sind individuelle Geschichten, die Ansichten und Erfahrungen der Frauen unterscheiden sich stark, widersprechen sich teilweise krass, Gemeinsamkeiten finden sich eigentlich kaum, wenn man die äußeren Fakten ihres Umgangs mit Sexualität betrachtet oder ihre Einstellungen dazu.

Aber gerade deshalb tritt das, was sie gemeinsam haben, umso frappierender zu Tage: Und das ist die vollständige Abwesenheit jeglicher Moral. Das ist ein sehr interessanter Befund, denn schließlich hat man das den Frauen doch lange zugeschrieben – dass sie moralisch wären, gerade im Bezug auf Sexualität. Doch das sexuelle Begehren scheint sich, auch wenn es sich bei jeder Frau völlig anders äußert, genau nicht in konventionelle Beziehungsformen leiten zu lassen, selbst bei den Frauen nicht, die dieses Bild nach außen aufrechterhalten. Das Begehren folgt einer anderen Logik, es überwältigt, schmeißt Konventionen um, ist unverfügbar, bringt Dinge durcheinander.

Gleiches gilt im Übrigen von der biologischen Folge der Sexualität: dem Mutterwerden. Auch hierzu nehmen die Frauen eine erstaunlich selbstbestimmte Haltung an. Insofern ist das Buch auch eines über das weibliche Begehren in einem weiteren Sinn, das sich – gerade in der Sexualität, aber ich meine, das Prinzip ließe sich auch darüber hinaus ausweiten – einen Weg in die Welt bahnt, die nicht immer erfreulich ist, sondern von komplizierten Beziehungen, von Gewalt, von Zwängen, von ungleichen Chancen geprägt.

Barbara Sichtermann: Was Frauen Sex bedeutet. 183 S., Brandes & Apsel, Frankfurt 2012, 17,90 Euro.

Sex, wie er Gott gefällt…

© olly – Fotolia.com

Kürzlich besuchte ich eine Veranstaltung in der Evangelischen Stadtakademie in Frankfurt, bei der eine Jüdin (Hanna Liss), eine Christin (Susanna Hrasova) und eine Muslimin (Naime Cakir) über das Thema „Lieben, wie es Gott gefällt“ diskutierten. In Wirklichkeit ging es vor allem um das Thema „Sex, wie er Gott gefällt“ beziehungsweise noch genauer um „Sex, wie er nach den Mainstream-Theologen Gott angeblich gefällt bzw. vor allem auch nicht gefällt.“

Nun stehen die monotheistischen Religionen allgemein nicht in dem Ruf, der Sexualität gegenüber besonders positiv eingestellt zu sein, und schon gar nicht der weiblichen Sexualität gegenüber. Und mit gutem Grund. Aber insgesamt wird diese Kritik doch immer recht allgemein-pauschal in den Raum gestellt.

Deshalb poste ich hier einige Dinge und Aspekte, die ich an diesem Abend gehört habe, die mir neu waren, und die vielleicht helfen, die Hintergründe dieser sexualfeindlichen Entwicklungen zu verstehen. Diese Punkte liste ich hier einfach mal auf, zum einen, um sie selber nicht zu vergessen, weil ich an der einen oder anderen Stelle noch Nachdenkensbedarf sehe, und zum anderen, weil sie ja vielleicht auch noch andere interessant finden könnten. Es ist eine sehr subjektive Auswahl, bei der sich zudem meine eigenen Gedanken mit dem von den Rednerinnen Gesagten vermischt haben, sodass ich sie nicht mehr auseinander dröseln kann. Deshalb ordne ich sie auch nicht im Einzelnen den Referentinnen zu.

* In der Bibel (Tora und Neues Testament) sowie im Koran wird Sexualität tendenziell weniger negativ dargestellt als später in den Auslegungen dieser Schriften. Der gemeinsame Nenner ist, grob gesagt: Sexualität an sich ist durchaus in Ordnung, aber nicht zu jeder Zeit, nicht mit jedem und nicht überall.

* In allen Religionen ist Homosexualität verboten. Ebenso Inzest und Sex mit Tieren. In Judentum und Islam ist Sex auch zu bestimmten Zeiten verboten, etwa während der Fastenzeit oder wenn die Frau menstruiert.

*„Guter“ Sex hat in der Ehe stattzufinden. Allerdings ist die Frage, was genau mit „Ehe“ gemeint ist. Sicher nicht die kleine Familienzelle, die wir heute damit assoziieren. Im Islam etwa ist die Ehe kaum formal geregelt, sie ist ein privater Rechtsvertrag: Man übernimmt füreinander Verantwortung, macht das öffentlich, und dann ist das eine Ehe. Entsprechend kann man sich auch wieder scheiden lassen.

* Eine sozialhistorische Begründung für diese Beschränkung von Sex auf die Ehe, also eine rechtlich verbindliche Beziehung, kann in dem Versuch gesehen werden, die Verantwortlichkeit des Mannes für die Folgen von Sex zu gewährleisten, also konkret: Im Fall, dass die Frau schwanger wird, ihre wirtschaftliche Versorgung (und die ihrer Kinder) sicherzustellen. In patriarchalen Gesellschaften wie denen von damals, in denen Frauen vieles verboten war, vielleicht keine ganz unwichtige Sache.

* Judentum und Islam lassen auch „Nebenfrauen“ zu, kennen also eine gewisse Bandbreite von Beziehungsformen, nicht nur das Mann-Frau-Paar. Berühmtes Beispiel ist die Liebesgeschichte von Jakob und Rahel aus der Tora: Sieben Jahre arbeitete er für ihre Familie, bevor er sie heiraten durfte. Dann schob sie ihm mit einem Trick in der Hochzeitsnacht ihre Schwester Lea unter (interessante Frage, wie das praktisch funktionieren konnte…). Er musste dann noch mal sieben Jahre arbeiten, bevor er auch Rahel heiraten konnte. Menage a trois. Geht allerdings nicht mit einer Frau und mehreren Männern.

* Das Christentum ist die einzige der drei Religionen, in der Sexualität generell als problematisch angesehen wird (also auch dann, wenn sie innerhalb des erlaubten Rahmens stattfindet). Paulus war der erste, der die Ehelosigkeit lobte, aber noch nicht in einem prinzipiellen Sinn, sondern eher pragmatisch: Wer eine Familie hat, ist tendenziell weniger bereit, alles für die „Sache“ zu geben. So ähnlich, wie das auch in den K-Gruppen der 68er-Bewegung gesehen wurde: Familiäre Bindungen als kleinbürgerliche Ablenkung von der Revolution. Oder wie heute bei Managern ungebundene Singles beliebt sind, weil die mobiler einsetzbar sind und die nicht etwa abends zum Elternabend müssen. Paulus hielt es einfach für vorteilhaft, wenn die christlichen Missionare und Missionarinnen nicht von Liebesgeschichten abgelenkt wurden.

* Die speziell christliche Sexfeindlichkeit entstand erst ab dem 2. Jahrhundert, und dann vor allem bei Augustinus, der der Meinung war, Sex sei nie gut, auch in der Ehe nicht. Weil er es als Ideal ansah, dass der Geist über dem Körper steht und diesen kontrolliert, was bei gutem Sex bekanntlich normalerweise nicht der Fall ist. Hintergrund dieser Idee war die Verdrehung einer Metapher, die damals über Jesus zirkulierte: Dieser habe die Kirche so geliebt wie ein Mann eine Frau, hieß es. Das drehten die Kirchenväter dann um und machten daraus: Ein Mann soll seine Frau lieben wie Jesus die Kirche. Also gewissermaßen „sakramental“.

* Daraus wiederum entstand dann die Vorstellung, die Ehe sei ein Sakrament, etwas Heiliges – also nicht mehr, wie im Judentum und später im Islam ein rechtlicher, weltlicher Vertrag, der mit Gott erstmal nichts zu tun hat. Mit der „Verheiligung“ der Ehe bekamen die „Übertretungen“ beim Sexleben eine ganz andere Bedeutung. Sie waren nun keine Angelegenheit mehr, die Menschen untereinander zu regeln hatten (etwa wirtschaftliche Versorgung), sondern sie berührten das Verhältnis der Menschen zum Göttlichen. Als umso schlimmer wurden daher die die Übertretungen dieser Regeln gewertet.

* Martin Luther hat das allerdings wieder rückgängig gemacht, für ihn war die Ehe wieder „ein weltlich Ding“. Deshalb dürfen sich Evangelische auch scheiden lassen und erneut heiraten, Katholische nicht. Allerdings ist auch in protestantischen Milieus der Spaß, den man beim Sex haben kann, nicht wirklich wichtig und wird tendenziell skeptisch beäugt.

* Die „Weltlichkeit“ der Ehe in Judentum, Islam und evangelischem Christentum ist der Grund, warum hier die Möglichkeiten besser sind, auch andere Beziehungsformen zu legitimieren. So ist Homosexualität zwar im Islam verboten, um sie tatsächlich zu verfolgen, muss es aber mehrere Zeugen geben, die den Geschlechtsakt unabhängig voneinander gesehen haben. Was in der Praxis nicht so oft vorkommen dürfte. Wenn Homosexualität hingegen als Sünde gegen Gott angesehen wird, ist die Möglichkeit verstellt, sie wenigstens heimlich zu praktizieren: Gott sieht alles!

* Die Sakralität der Ehe nach katholisch-christlichem Verständnis bedeutete auch, dass Sex keinen Spaß machen soll (weil dann der geistige Kontrollverlust droht), sondern nur zu dem Zweck erlaubt ist, Kinder zu zeugen. Daher die katholische Abneigung gegen Verhütungsmittel. Deshalb ist auch eine Ehe, in der Frau oder Mann nicht zum Vollzug des Geschlechtsverkehrs in der Lage ist, nach katholischer Vorstellung ungültig. Nicht ungültig hingegen ist eine katholische Ehe bei Unfruchtbarkeit (da wird die Möglichkeit eingeräumt, dass Gott ein Wunder tut). Erst in den 1960er Jahren, beim 2. Vatikanischen Konzil, kam als ein zweiter Ehegrund neben dem Kindermachen das „Wohl der Ehepartner“ hinzu.

* Dass das Kinderzeugen in christlich-katholischer Sicht die einzige Legitimation für Sexualität war, führte dann zum kategorischen Verbot jeder Sexualpraxis, die nicht zur Zeugung führen kann, also Analverkehr oder Onanieren. Es hatte dann auch so merkwürdige Vorstellungen zur Folge wie die, dass eine Vergewaltigung weniger schlimm sei als Onanieren – weil ja bei einer Vergewaltigung ein Kind gezeugt werden kann, beim Onanieren nicht.

* Sowohl im Islam als auch im Judentum ist Sex nicht nur erlaubt, er ist – innerhalb der Ehe – sogar religiöse Pflicht. Es gibt auch keine Vorstellung von Zölibat, im Gegenteil: Mohammed soll gesagt haben, wer sexuell enthaltsam lebt, könne nicht zu seiner Gemeinde gehören.

* Im Islam dient Sexualität nicht vorrangig dem Zweck, Kinder zu zeugen, sondern als Vorgeschmack auf das Paradies. Die sexuelle Lust ist quasi ein „Trick“ Gottes, um Menschen zum Vögeln zu bringen. Dass dabei Kinder entstehen, ist aber ein erfreulicher Nebeneffekt. Die beim Sex empfundene Lust lässt uns erahnen, wie toll es im Paradies sein wird – mit der Folge, dass wir uns dann anstrengen, dort hin zu kommen und entsprechend gottesfürchtig leben. Auf muslimischen Internetseiten wird das Thema, welche Sexualpraktiken erlaubt oder besonders anzuraten sind, offen diskutiert. Im Islam ist auch Verhütung erlaubt, im 13. Jahrhundert wurde sogar die Abtreibung positiv diskutiert (heute im islamischen Mainstream wird sie verurteilt).

* Apropos Paradies. Zu dieser Sache mit den vielen Jungfrauen, die dort angeblich die Männer erwarten: Das Paradies ist nach islamischer Vorstellung ein Ort, wo es keine Differenz mehr gibt zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Von daher sagt diese konkrete Vorstellung vom Paradies vor allem etwas aus über die Wünsche der Männer, die sie formuliert haben.

* Im Judentum ist die Sache mit dem Zweck von Sex komplizierter. Interessant ist, dass der „Fruchtbarkeitsbefehl“ aus der Schöpfungsgeschichte („Seid fruchtbar und mehret euch“) grammatikalisch männlich formuliert ist. Manche schließen daraus, dass nur die Männer verpflichtet sind, Kinder zu zeugen. Verhütung ist daher auch nur für Männer verboten, für Frauen nicht.

* Ausdrücklich wichtig ist sowohl im Islam als auch im Judentum die sexuelle Befriedigung der Frau. Im Judentum gibt es etwa die Vorstellung, dass die Frau nur dann einen Sohn empfängt, wenn sie den Sex genossen hat. Das ist natürlich in sich auch schon wieder eine frauenfeindliche Denke, denn es ist ja nichts falsch an einem Mädchen. Andererseits gibt es Männern, die sich einen Sohn wünschen, durchaus gewisse „Anreize“, darauf zu achten, dass die Frau den Sex genießt.

* Im Talmud gibt es eine Stelle, wo es heißt, man soll nicht miteinander verkehren „wie die Perser“ (also die Kleider anlassen, einen Quicky sozusagen), sondern der Mann soll sich ausziehen (oder auch: es langsam angehen lassen). Tut er das nicht, hat die Frau das Recht, sich scheiden zu lassen.

* In der Tora kommen sehr viele Mann-Frau-Paare vor. Demgegenüber ist es auffällig, dass im Neuen Testament nur zwei Mann-Frau-Paare namentlich erwähnt werden: Maria und Josef und Priscilla und Aquila (ein Missionarspaar). Den Koran kann man damit nicht vergleichen, weil darin eher allgemeine philosophische Betrachtungen stehen und keine Geschichten erzählt werden.

* In jüdischer Vorstellung hatten Adam und Eva erst nach dem Essen der Frucht vom „Baum der Erkenntnis“ sexuelles Lustempfinden (Sex hatten sie vorher schon). Sexuelle Lust und Erkenntnis hängen also eng zusammen. Deshalb wird es in den Torageschichten auch als Synonym genutzt: „Er erkannte sie“ heißt soviel wie „er hatte Sex mit ihr“. Erst in christlicher Theologie wurde die Geschichte von der „Erkenntnis“ interpretiert als „Sündenfall“.

 

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Sexualität und Freiheit

Sexualpolitik ist ein in letzter Zeit ziemlich vernachlässigtes Thema, wie ich finde. Zwar wird in akademischen Kreisen viel darüber geschrieben, dass es eigentlich gar keine Geschlechter gibt, aber in der Realität gibt es sie eben doch. Auf diesem Weg kommen wir nicht wirklich weiter. Außerdem ist dieser Diskurs reichlich westlich-aufgeklärt dominiert. In dem Zusammenhang hat Angelika Hassani einen schönen Artikel darüber, dass „queer“ auch einer der vielen schönen Namen Gottes im Islam ist: http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-8-92.htm
Und es gibt zwei neue Bücher, die daran erinnern, dass freiheitliche Sexualpolitik eine Geschichte hat. Sie zu lesen ist interessant, aber auch ein bisschen traurig, weil es uns daran erinnert, dass die Geschichte nicht immer hin zu mehr Freiheit verläuft, sondern manches Mal auch rückwärts: http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-7-97.htm

Die 17er-Beziehung

Neulich las ich in der bunten Presse eine Notiz, über die ich schmunzeln musste: Ein Mann aus Saudi-Arabien hielt um die Hand einer Frau an, einer Lehrerin – die jedoch wollte nur unter der Bedingung in die Ehe einwilligen, dass er gleichzeitig auch ihre beiden liebsten Kolleginnen und Freundinnen heiratet. Ich weiß natürlich nicht, ob das stimmt oder nur eine Ente war, aber die Idee erinnerte mich irgendwie an die Zeiten in meiner eigenen Jugend, als wir die 17-er-Beziehung propagierten. Wo sind sie eigentlich hin, die Zeiten, in denen wir noch in Frage stellten, dass das zweisame, monogame Paar die einzig mögliche verlässliche Beziehungsform ist? Müssen uns hier nun schon die Saudi-Arabierinnen auf die Sprünge helfen?

Sex Wars – der neue Roman von Marge Piercy

Marge Piercy hat in ihrem neuen Roman „Sex Wars“ (leider bisher nur auf Englisch) das Leben der Victoria Woodhull fulminant erzählt und verwoben mit der Geschichte der amerikanischen Frauenbewegung (und ihrer Protagonistin Elizabeth Cady-Stanton), dem fanatischen Anti-Sex-Warrior Anthony Comstock und einer (fiktiven) jüdischen Einwanderin, die sich tapfer durch das New York des 19. Jahrhundert schlägt. Ein echter Lesetipp!