Sex, wie er Gott gefällt…

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Kürzlich besuchte ich eine Veranstaltung in der Evangelischen Stadtakademie in Frankfurt, bei der eine Jüdin (Hanna Liss), eine Christin (Susanna Hrasova) und eine Muslimin (Naime Cakir) über das Thema „Lieben, wie es Gott gefällt“ diskutierten. In Wirklichkeit ging es vor allem um das Thema „Sex, wie er Gott gefällt“ beziehungsweise noch genauer um „Sex, wie er nach den Mainstream-Theologen Gott angeblich gefällt bzw. vor allem auch nicht gefällt.“

Nun stehen die monotheistischen Religionen allgemein nicht in dem Ruf, der Sexualität gegenüber besonders positiv eingestellt zu sein, und schon gar nicht der weiblichen Sexualität gegenüber. Und mit gutem Grund. Aber insgesamt wird diese Kritik doch immer recht allgemein-pauschal in den Raum gestellt.

Deshalb poste ich hier einige Dinge und Aspekte, die ich an diesem Abend gehört habe, die mir neu waren, und die vielleicht helfen, die Hintergründe dieser sexualfeindlichen Entwicklungen zu verstehen. Diese Punkte liste ich hier einfach mal auf, zum einen, um sie selber nicht zu vergessen, weil ich an der einen oder anderen Stelle noch Nachdenkensbedarf sehe, und zum anderen, weil sie ja vielleicht auch noch andere interessant finden könnten. Es ist eine sehr subjektive Auswahl, bei der sich zudem meine eigenen Gedanken mit dem von den Rednerinnen Gesagten vermischt haben, sodass ich sie nicht mehr auseinander dröseln kann. Deshalb ordne ich sie auch nicht im Einzelnen den Referentinnen zu.

* In der Bibel (Tora und Neues Testament) sowie im Koran wird Sexualität tendenziell weniger negativ dargestellt als später in den Auslegungen dieser Schriften. Der gemeinsame Nenner ist, grob gesagt: Sexualität an sich ist durchaus in Ordnung, aber nicht zu jeder Zeit, nicht mit jedem und nicht überall.

* In allen Religionen ist Homosexualität verboten. Ebenso Inzest und Sex mit Tieren. In Judentum und Islam ist Sex auch zu bestimmten Zeiten verboten, etwa während der Fastenzeit oder wenn die Frau menstruiert.

*„Guter“ Sex hat in der Ehe stattzufinden. Allerdings ist die Frage, was genau mit „Ehe“ gemeint ist. Sicher nicht die kleine Familienzelle, die wir heute damit assoziieren. Im Islam etwa ist die Ehe kaum formal geregelt, sie ist ein privater Rechtsvertrag: Man übernimmt füreinander Verantwortung, macht das öffentlich, und dann ist das eine Ehe. Entsprechend kann man sich auch wieder scheiden lassen.

* Eine sozialhistorische Begründung für diese Beschränkung von Sex auf die Ehe, also eine rechtlich verbindliche Beziehung, kann in dem Versuch gesehen werden, die Verantwortlichkeit des Mannes für die Folgen von Sex zu gewährleisten, also konkret: Im Fall, dass die Frau schwanger wird, ihre wirtschaftliche Versorgung (und die ihrer Kinder) sicherzustellen. In patriarchalen Gesellschaften wie denen von damals, in denen Frauen vieles verboten war, vielleicht keine ganz unwichtige Sache.

* Judentum und Islam lassen auch „Nebenfrauen“ zu, kennen also eine gewisse Bandbreite von Beziehungsformen, nicht nur das Mann-Frau-Paar. Berühmtes Beispiel ist die Liebesgeschichte von Jakob und Rahel aus der Tora: Sieben Jahre arbeitete er für ihre Familie, bevor er sie heiraten durfte. Dann schob sie ihm mit einem Trick in der Hochzeitsnacht ihre Schwester Lea unter (interessante Frage, wie das praktisch funktionieren konnte…). Er musste dann noch mal sieben Jahre arbeiten, bevor er auch Rahel heiraten konnte. Menage a trois. Geht allerdings nicht mit einer Frau und mehreren Männern.

* Das Christentum ist die einzige der drei Religionen, in der Sexualität generell als problematisch angesehen wird (also auch dann, wenn sie innerhalb des erlaubten Rahmens stattfindet). Paulus war der erste, der die Ehelosigkeit lobte, aber noch nicht in einem prinzipiellen Sinn, sondern eher pragmatisch: Wer eine Familie hat, ist tendenziell weniger bereit, alles für die „Sache“ zu geben. So ähnlich, wie das auch in den K-Gruppen der 68er-Bewegung gesehen wurde: Familiäre Bindungen als kleinbürgerliche Ablenkung von der Revolution. Oder wie heute bei Managern ungebundene Singles beliebt sind, weil die mobiler einsetzbar sind und die nicht etwa abends zum Elternabend müssen. Paulus hielt es einfach für vorteilhaft, wenn die christlichen Missionare und Missionarinnen nicht von Liebesgeschichten abgelenkt wurden.

* Die speziell christliche Sexfeindlichkeit entstand erst ab dem 2. Jahrhundert, und dann vor allem bei Augustinus, der der Meinung war, Sex sei nie gut, auch in der Ehe nicht. Weil er es als Ideal ansah, dass der Geist über dem Körper steht und diesen kontrolliert, was bei gutem Sex bekanntlich normalerweise nicht der Fall ist. Hintergrund dieser Idee war die Verdrehung einer Metapher, die damals über Jesus zirkulierte: Dieser habe die Kirche so geliebt wie ein Mann eine Frau, hieß es. Das drehten die Kirchenväter dann um und machten daraus: Ein Mann soll seine Frau lieben wie Jesus die Kirche. Also gewissermaßen „sakramental“.

* Daraus wiederum entstand dann die Vorstellung, die Ehe sei ein Sakrament, etwas Heiliges – also nicht mehr, wie im Judentum und später im Islam ein rechtlicher, weltlicher Vertrag, der mit Gott erstmal nichts zu tun hat. Mit der „Verheiligung“ der Ehe bekamen die „Übertretungen“ beim Sexleben eine ganz andere Bedeutung. Sie waren nun keine Angelegenheit mehr, die Menschen untereinander zu regeln hatten (etwa wirtschaftliche Versorgung), sondern sie berührten das Verhältnis der Menschen zum Göttlichen. Als umso schlimmer wurden daher die die Übertretungen dieser Regeln gewertet.

* Martin Luther hat das allerdings wieder rückgängig gemacht, für ihn war die Ehe wieder „ein weltlich Ding“. Deshalb dürfen sich Evangelische auch scheiden lassen und erneut heiraten, Katholische nicht. Allerdings ist auch in protestantischen Milieus der Spaß, den man beim Sex haben kann, nicht wirklich wichtig und wird tendenziell skeptisch beäugt.

* Die „Weltlichkeit“ der Ehe in Judentum, Islam und evangelischem Christentum ist der Grund, warum hier die Möglichkeiten besser sind, auch andere Beziehungsformen zu legitimieren. So ist Homosexualität zwar im Islam verboten, um sie tatsächlich zu verfolgen, muss es aber mehrere Zeugen geben, die den Geschlechtsakt unabhängig voneinander gesehen haben. Was in der Praxis nicht so oft vorkommen dürfte. Wenn Homosexualität hingegen als Sünde gegen Gott angesehen wird, ist die Möglichkeit verstellt, sie wenigstens heimlich zu praktizieren: Gott sieht alles!

* Die Sakralität der Ehe nach katholisch-christlichem Verständnis bedeutete auch, dass Sex keinen Spaß machen soll (weil dann der geistige Kontrollverlust droht), sondern nur zu dem Zweck erlaubt ist, Kinder zu zeugen. Daher die katholische Abneigung gegen Verhütungsmittel. Deshalb ist auch eine Ehe, in der Frau oder Mann nicht zum Vollzug des Geschlechtsverkehrs in der Lage ist, nach katholischer Vorstellung ungültig. Nicht ungültig hingegen ist eine katholische Ehe bei Unfruchtbarkeit (da wird die Möglichkeit eingeräumt, dass Gott ein Wunder tut). Erst in den 1960er Jahren, beim 2. Vatikanischen Konzil, kam als ein zweiter Ehegrund neben dem Kindermachen das „Wohl der Ehepartner“ hinzu.

* Dass das Kinderzeugen in christlich-katholischer Sicht die einzige Legitimation für Sexualität war, führte dann zum kategorischen Verbot jeder Sexualpraxis, die nicht zur Zeugung führen kann, also Analverkehr oder Onanieren. Es hatte dann auch so merkwürdige Vorstellungen zur Folge wie die, dass eine Vergewaltigung weniger schlimm sei als Onanieren – weil ja bei einer Vergewaltigung ein Kind gezeugt werden kann, beim Onanieren nicht.

* Sowohl im Islam als auch im Judentum ist Sex nicht nur erlaubt, er ist – innerhalb der Ehe – sogar religiöse Pflicht. Es gibt auch keine Vorstellung von Zölibat, im Gegenteil: Mohammed soll gesagt haben, wer sexuell enthaltsam lebt, könne nicht zu seiner Gemeinde gehören.

* Im Islam dient Sexualität nicht vorrangig dem Zweck, Kinder zu zeugen, sondern als Vorgeschmack auf das Paradies. Die sexuelle Lust ist quasi ein „Trick“ Gottes, um Menschen zum Vögeln zu bringen. Dass dabei Kinder entstehen, ist aber ein erfreulicher Nebeneffekt. Die beim Sex empfundene Lust lässt uns erahnen, wie toll es im Paradies sein wird – mit der Folge, dass wir uns dann anstrengen, dort hin zu kommen und entsprechend gottesfürchtig leben. Auf muslimischen Internetseiten wird das Thema, welche Sexualpraktiken erlaubt oder besonders anzuraten sind, offen diskutiert. Im Islam ist auch Verhütung erlaubt, im 13. Jahrhundert wurde sogar die Abtreibung positiv diskutiert (heute im islamischen Mainstream wird sie verurteilt).

* Apropos Paradies. Zu dieser Sache mit den vielen Jungfrauen, die dort angeblich die Männer erwarten: Das Paradies ist nach islamischer Vorstellung ein Ort, wo es keine Differenz mehr gibt zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Von daher sagt diese konkrete Vorstellung vom Paradies vor allem etwas aus über die Wünsche der Männer, die sie formuliert haben.

* Im Judentum ist die Sache mit dem Zweck von Sex komplizierter. Interessant ist, dass der „Fruchtbarkeitsbefehl“ aus der Schöpfungsgeschichte („Seid fruchtbar und mehret euch“) grammatikalisch männlich formuliert ist. Manche schließen daraus, dass nur die Männer verpflichtet sind, Kinder zu zeugen. Verhütung ist daher auch nur für Männer verboten, für Frauen nicht.

* Ausdrücklich wichtig ist sowohl im Islam als auch im Judentum die sexuelle Befriedigung der Frau. Im Judentum gibt es etwa die Vorstellung, dass die Frau nur dann einen Sohn empfängt, wenn sie den Sex genossen hat. Das ist natürlich in sich auch schon wieder eine frauenfeindliche Denke, denn es ist ja nichts falsch an einem Mädchen. Andererseits gibt es Männern, die sich einen Sohn wünschen, durchaus gewisse „Anreize“, darauf zu achten, dass die Frau den Sex genießt.

* Im Talmud gibt es eine Stelle, wo es heißt, man soll nicht miteinander verkehren „wie die Perser“ (also die Kleider anlassen, einen Quicky sozusagen), sondern der Mann soll sich ausziehen (oder auch: es langsam angehen lassen). Tut er das nicht, hat die Frau das Recht, sich scheiden zu lassen.

* In der Tora kommen sehr viele Mann-Frau-Paare vor. Demgegenüber ist es auffällig, dass im Neuen Testament nur zwei Mann-Frau-Paare namentlich erwähnt werden: Maria und Josef und Priscilla und Aquila (ein Missionarspaar). Den Koran kann man damit nicht vergleichen, weil darin eher allgemeine philosophische Betrachtungen stehen und keine Geschichten erzählt werden.

* In jüdischer Vorstellung hatten Adam und Eva erst nach dem Essen der Frucht vom „Baum der Erkenntnis“ sexuelles Lustempfinden (Sex hatten sie vorher schon). Sexuelle Lust und Erkenntnis hängen also eng zusammen. Deshalb wird es in den Torageschichten auch als Synonym genutzt: „Er erkannte sie“ heißt soviel wie „er hatte Sex mit ihr“. Erst in christlicher Theologie wurde die Geschichte von der „Erkenntnis“ interpretiert als „Sündenfall“.

 

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26 Gedanken zu „Sex, wie er Gott gefällt…

  1. Warum wurde zu diesem Treffen keine humanistische Atheistin eingeladen? Ca. 35%
    der deutschen Bevölkerung sind konfessionsfrei/Atheisten und vertreten eine freie, kultivierte Ansicht über Sex / Liebe. Es muß offen darüber gesprochen werden, mit einem anspruchsvollen Niveau. Unsere Kinder haben ein Recht auf offene Aufklärung,
    auf das offene Gespräch mit ihren Eltern – zumal sie durch den Akt der Liebe gezeugt wurden.
    Gruss von Adiposine

  2. „So ist Homosexualität zwar im Islam verboten, um sie tatsächlich zu verfolgen, muss es aber mehrere Zeugen geben, die den Geschlechtsakt unabhängig voneinander gesehen haben. Was in der Praxis nicht so oft vorkommen dürfte.“
    Von rechts wird aber immer wieder gegen den Islam ins Feld geführt, dass in islamischen Gesellschaften Homosexuelle sehr wohl verfolgt würden. Die Islamfeinde hoffen damit, eher linksliberal Gesinnte auf ihre Seite zu ziehen. Für mich erscheint hier ein Widerspruch: Wie kann Homosexualität z.B. im Iran verfolgt werden, wenn es diese Zeugen bracht? Und die Verfolgung findet ja statt. Oder nicht?

  3. Ich erinnere mich noch gegen den Prozess gegen einen Deutschen im Iran, der Sex mit einer Muslimin hatte und dafür zum Tode verurteilt werden sollte. Da habe ich auch gelernt, dass es nach islamischen Recht zu einer Verurteilung mehrerer Zeugen bedarf: Vier Männer, oder drei Männer und zwei Frauen, die die Liebenden in Flagranti beobachten. Ich fragte mich schon damals, ob eine – schwer erfüllbare – solche Bedingung nicht vor allem dazu dient, die Liebenden zu schützen, ohne die Tugendwächter allzu sehr zu verärgern. Schade, dass in der Praxis dann doch oft auf die Augenzeugen verzichtet wird…

  4. „So ist Homosexualität zwar im Islam verboten, um sie tatsächlich zu verfolgen, muss es aber mehrere Zeugen geben, die den Geschlechtsakt unabhängig voneinander gesehen haben. Was in der Praxis nicht so oft vorkommen dürfte.“

    Das ist eine Verharmlosung der Todesstrafe und der realen Situation.

  5. @Irene – Es ging in dem Artikel über theologische und religiöse Begründungen für/gegen bestimmte Formen von Sexualität bzw. um ihre innere Logik und ihre Zusammenhänge. Es ging nicht um Sexualpolitik in bestimmten Ländern. Von daher finde ich es ziemlich daneben, mir eine Verharmlosung der Todesstrafe zu unterstellen. Wie in dem Beispiel von @Susanna ja auch schon deutlich wurde, spielen die unterschiedlichen religiösen Herleitungen durchaus eine Rolle in der alltäglichen Situation. Und ich finde, gerade wenn man hier politisch engagieren möchte, ist es wichtig, solche Überlegungen und Begründungen zu kennen und innerhalb des kulturellen Settings zu argumentieren (oder zumindest in der Lage zu sein, woher bestimmte Argumentationslinien kommen).

  6. Die sexuellen religiösen Gesetze sind immer wieder interessant. Ich sehe sie auch unter dem Gesichtspunkt fehlender Verhütungsmöglichkeiten und dem Umgang damit in der jeweiligen Gesellschaft. Die Regelungen waren denke ich für die damalige Zeit durchaus nicht verkehrt und ich denke wir würden unsere sexuellen Regeln bei Vernichtung aller Möglichkeiten zu einer Verhütung auch wieder stark verändern. Schade ist, dass religiöse Regeln so selten auf eine zeitliche Komponente überprüft werden.

  7. Antje, ich habe das erst gar nicht als Verharmlosung der Todesstrafe gelesen, auch nicht als Verständigungsbasis für den Umgang mit Moslems im Jahr 2010, sondern als allgemeinen, eher historisch gehalten Abriss. Dass das nicht wirklich geht, habe ich erst gemerkt, als ich Zahnwarts Kommentar gelesen habe – er hat ja fast versucht, seine Wahrnehmung und sein Wissen über die Todesstrafe in islamischen Staaten zu Deinem Beitrag passend zu machen. (Wie kann es sein, dass Schwule und Lesben im Iran verfolgt werden, wenn der Islam doch seine Verfolgung von Homosexualität mit Perwoll gespült hat?) Solche Verrenkungen sind doch ein Zeichen, dass was schief gelaufen ist.

    Und ich finde, gerade wenn man hier politisch engagieren möchte, ist es wichtig, solche Überlegungen und Begründungen zu kennen und innerhalb des kulturellen Settings zu argumentieren

    Ist das nicht sehr unterschiedlich, je nachdem wo die Leute herkommen?

    Ein aus Palästina oder dem Iran abgenauener Schwuler würde sich wahrscheinlich durch den Satz „Was in der Praxis nicht so oft vorkommen dürfte.“ ziemlich verschaukelt fühlen. Auf welchen Kontext bezieht er sich, wo ergibt er Sinn?

    Und ganz praktisch: Man kann durchaus zu Mehreren schwule Männer beim Sex beobachten, wenn man einschlägige Treffpunkte in irgendwelchen Parks aufsucht. Und da kommt es manchmal zu Übergriffen, ich habe da auch mal was über Araber in Frankfurt gelesen, weiß aber nicht mehr wo (ich glaube, es war nur ein Blogeintrag, in dem es drum ging, ob es rassistisch ist, die Nationalität oder Herkunft solcher Straftäter zu sammeln und öffentlich zu machen). Wenn es Dich genauer interessiert, kannst Du ja bei der Polizei oder bei einer schwulen Beratungsstelle nachfragen.

  8. und innerhalb des kulturellen Settings zu argumentieren

    Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass das wirklich geht und notwendig ist. Anderen zuhören und sie verstehen wollen wäre schon sehr viel.

    In eine andere Kultur oder eher in mein Bild von ihr reinschlüpfen, um besser argumentieren zu können, das geht leicht in Richtung Manipulation. Naja, vielleicht auch in Richtung Sozialpädagogik 😉

  9. Korrektur: Es geht, wenn ich lange genug mit den Leuten gelebt habe und mich reingedacht habe. Ich kann einigermaßen innerhalb des kulturellen Settings der Protestantinnen oder der Österreicher argumentieren, oder auch feministischer Lesben, obwohl ich da nirgends dazu gehöre.

    Aber innerhalb eines kulturellen Settings, in dem die Bestafung von Lesben und Schwulen verhandelt wird, WILL ich gar nicht argumentieren. Die können meinetwegen alle miteinander in den Iran auswandern.

  10. @Irene – Etwas zu verstehen ist ja nicht dasselbe, wie etwas zu rechtfertigen. Und es ergeben sich dann eben andere Argumentationslinien. Also: Wenn im Iran oder von der Hamas Homosexuelle ermordet werden, kann man entweder sagen: Kennen wir doch, die Muslime und ihre Homofeindlichkeit, muss uns also nicht wundern. Oder man kann sagen: Ist das überhaupt wirklich islamisch, was die da machen, oder ignorieren sie nicht diese Koranvorschrift mit den Zeugen? So in die Richtung. Also dieser Satz „Was in der Praxis nicht oft vorkommen dürfte“ bezog sich auf die Erfüllung der Koranvorschrift, dass es Zeugen geben muss. Wenn es trotzdem „oft vorkommt“ dass Homosexuelle verurteilt werden, muss man wohl daraus schließen, dass diese Koranvorschrift nicht angewendet wird, die entsprechenden Urteile also „unislamisch“ sind. Was ist falsch an dieser Argumentation? Warum meinst du, ein palästinensischer Schwuler würde sich dadurch verschaukelt fühlen?

    Dein letzter Einwand ist interessant: „Innerhalb eines kulturellen Settings, in dem die Bestrafung von Lesben und Schwulen verhandelt wird, WILL ich gar nicht argumentieren“. Ich auch nicht. Aber die Entscheidung darüber habe ich nur von einer Position der Macht aus: Ich MUSS mit denen nicht argumentieren, weil ich sie einfach zwingen kann. Das ist ja die Haltung, die wir uns in Deutschland gegenüber anderen Kulturen allgemein zugelegt haben: Wir sind die Mehrheit, also machen die, was wir richtig finden, und basta. Ich halte das für problematisch und auch für gefährlich. Denn unsere freiheitlichen Werte, zum Beispiel die Akzeptanz von nicht-hetero-pärchenweisen Lebensformen, werden wir nur dann langfristig gewährleisten können, wenn wir mehrheitlich weiterhin dafür sind. Dazu müssen wir also immer genug Leute davon überzeugen, dass das tolle Werte sind. Diese Überzeugungsarbeit verträgt sich aber nicht mit Zwang: Leute, die ich mit Macht zu etwas zwinge, stellen sich im allgemeinen bockig. Und was passieren kann, wenn man Sachen zwar mit Mehrheit beschließt, aber nicht daran arbeitet, dann auch die Minderheit wirklich vom Sinn dieses Beschlusses zu überzeugen, haben wir ja jetzt gerade an dem UNO-Beschluss gesehen, wo Todesstrafe wegen Homosexualität nicht mehr geächtet wird, was es aber vorher war. Das ist eben das Problematische an Mehrheits-Demokratien: Sie gelten auch, wenn die Mehrheit die falsche Meinung hat. Der einzige Ausweg ist nicht Zwang, sondern das Überzeugen der anderen von meiner Meinung. Von daher: Ich WILL zwar vielleicht mit denen reden, sollte es aber aus Gründen dennoch tun, imho.

  11. Aber die Entscheidung darüber habe ich nur von einer Position der Macht aus: Ich MUSS mit denen nicht argumentieren, weil ich sie einfach zwingen kann.

    Das stimmt vielleicht für den Staat oder die Gesellschaft als Ganzes, aber nicht für mich persönlich. Denn ich kann ja andere nicht groß zu irgendwas zwingen. Und ich brauche auch nicht möglicherweise künftigem staatlichem Zwang dadurch vorbeugen, dass ich dauernd mit irgendwem argumentiere, weil ich nicht für alles verantwortlich bin. Ich darf auswählen.

    Überzeugungsarbeit verträgt sich aber nicht mit Zwang: Leute, die ich mit Macht zu etwas zwinge, stellen sich im allgemeinen bockig.

    Das kannst Du gerne autoritären und sadistischen Vätern mit auf den Weg geben (falls die sich was von Dir sagen lassen), oder der islamischen Religionspolizei, aber was hat das mit mir oder auch mit Dir zu tun?

    Ich glaube übrigens nicht daran, dass man jedem irgendwelche liberalen Werte an die Backe labern kann (und dann findet die Freiheit eben ohne sie statt oder wird notfalls gegen sie verteidigt). Ich denke, Fundamentalisten aller Weltanschauungen werden mehr durch ihre Kinder verändert als durch Diskussionen. Ja, auch und gerade durch bockige Kinder.

  12. Nachtrag: Der Gedanke, dass Kinder ihre Eltern mehr verändern als umgekehrt, ist nicht von mir. Den hab ich neulich auf Twitter aufgeschnappt 🙂

  13. Pingback: Tolle Blogs – Part 1 « Afrika Wissen Schaft

  14. Pingback: Homosexualität _und islamisch geprägtes Umfeld : geht das zusammen? « Ffduseh's Weblog DSE

  15. Sehr guter Artikel! Nur ein paar Ergänzungen: Die Haltung der katholischen Kirche ist haarsträubend ambivalent. Die Ehe ist ein Sakrament, aber vollzogen und gültig wird sie erst im Bett. Die „ehelichen Pflichten“ dürfen gar nicht verweigert werden. Und der Orgasmus ist auch katholisch ein Vorgeschmack des Himmels (aus einer Predigt im Wiener Stephansdom).
    Und zum geistigen Kontrollverlust: Ich denke, das ist die übliche Verwirrung der Terminologie. Man verliert in der Liebe und beim Sex den Verstand – aber nicht den Geist! Guter Sex ist es dann, wenn der ganze Mensch dabei ist, mit Körper, Seele und Geist. Ist das der Fall, dann wird nicht der Spaß unterdrückt, sondern auch das Körperliche wird sich geradezu potenzieren. Daher auch das biblische „Erkennen“. Im sexuellen Akt sind Körper, Seele und Geist Eins und auch Eins mit dem/der Partner/in. Das ist Erkennen der ganzen Person.

  16. Danke für die „Mischung“. Das ist eine sehr sehr interessante, wertvolle und hilfreiche Liste. Nochmals vielen Dank für die Veröffentlichung ihrer Gedanken und dem, was die Rednerinnen gesagt haben – Wolfgang.

  17. als ich las „Liebesgeschichte von Josef und Rahel aus der Tora:“
    war schon klar dass dies hier brilliant recberchiert sein muss. Ironie aus.

  18. @Tobias – Ups, Jakob, sorry. Ich habs im Text korrigiert. Allerdings gibt es schon einen Unterschied zwischen offensichtlichen Flüchtigkeitsfehlern und schlechter Recherche, finden Sie nicht?

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