Diese leidige Sache mit Adam

Wie Ihr vielleicht wisst, schreibe ich neben diesem hier ja noch einen Gott-Blog, in dem es um theologische und religiöse Themen geht, von denen ich vermute, dass sie viele von euch nicht interessieren. Mein letzter Post dort, „Diese leidige Sache mit Adam“, hat jedoch ziemlich viele Reaktionen bekommen und wurde oft geteilt, deshalb will ich euch hier auch kurz darauf hinwesien. Es geht um die Auslegung der jüdischen Schöpfungsgeschichte und die Erkenntnis, dass Adam kein Mann ist.

Diese leidige Sache mit Adam.

„Zerstört die Werke der Weiblichkeit!“ (nicht)

Maria Magdalena belehrt die Apostel. Englische Buchmalerei aus dem 12. Jahrhundert, heute in der Dombibliothek in Hildesheim.

Für Maria Magdalena interessiere ich mich schon länger. Jetzt hat Silke Petersen ein wahrhaft fantastisches Buch über sie geschrieben, das keine Fragen offen lässt (außer denen, die sich heute nicht mehr beantworten lassen, was natürlich viele sind).

Sehr detailliert, aber trotzdem gut lesbar und auch für theologisch Unbewanderte verständlich, stellt sie die verschiedenen Texte vor, in denen Maria Magdalena vorkommt – angefangen bei den Evangelien und anderen antiken Texten, über mittelalterliche und neuzeitliche Magdalenen-Legenden bis hin zu heutigen Filmen und Büchern, etwa „Der letzten Versuchung“ oder Dan Browns Sakrileg-Spekuliererei. Ganz wundervoll erklärt sie, was man aus alten Texten ableiten kann und was nicht – liefert also wie nebenbei eine Einführung in die historische Methodenlehre, was auch für diejenigen interessant sein dürfte, die sich nicht speziell für das Christentum interessieren.

Als Politikwissenschaftlerin, die sich für die weibliche Differenz interessiert, fand ich vor allem eine Debatte interessant, die im 2. und 3. Jahrhundert geführt wurde. Denn sie hat teilweise verblüffende Parallelen zu heute. In diesem Zeitraum wurde eine ganze Reihe von Schriften und „Evangelien“ verfasst, in denen Maria Magdalena eine deutlich größere Rolle spielt als in den vier Evangelien, die ins Neue Testament aufgenommen worden sind. Sie führt zum Beispiel lange Dialoge mit Jesus, sie ist es, die seine Lehren am besten versteht (besser als Petrus zum Beispiel, zu dem es eine gewisse Konkurrenz gibt), sie ist die Jüngerin, die Jesus mehr liebte als die anderen Jünger, und diejenige, die nach Jesu Tod seine desillusionierte Anhänger_innenschaft zusammenhält und zum Weitermachen ermuntert.

Auch wenn in diesen Texten vielleicht noch die ein oder andere historische Erinnerung durchscheinen könnte, so lässt sich aus ihnen nicht herauslesen, was zur Zeit Jesu „wirklich geschah“. Vielmehr spiegeln sie eine Debatte wieder, die zu ihrer Entstehungszeit, also hundert bis zweihundert Jahre nach den historischen Ereignissen, geführt wurde. Es ging damals offenbar wesentlich um die Frage, welche Rolle Frauen in den Gemeinden spielen und ob sie Ämter inne haben und lehren dürfen. Was ja ebenfalls ein höchst interessantes Thema ist.

Die Verfasser und Verfasserinnen dieser antiken Texte vertraten die Meinung, dass Frauen Ämter in der Kirche innehaben können und sollen – ganz offensichtlich in Auseinandersetzung mit anderen Strömungen, die da anderer Ansicht waren. Dabei beriefen sie sich naheliegenderwiese auf Maria Magdalena, die ja (auch nach den Bibel-Evangelien) von Jesus den Auftrag zur Verkündigung bekommen hatte.

Interessant ist aber nun, mit welchen Argumenten sie diese „frauenfreundliche“ Ansicht vertraten. Als Hauptwidersacher wird meistens Petrus dargestellt (der ja dann auch nicht zufällig der oberste „Fels“ der römisch-katholischen Kirche wurde). Im Thomasevangelium heißt es zum Beispiel:

Simon Petrus sagte zu ihnen: Maria soll von uns weggehen, denn die Frauen sind des Lebens nicht würdig. Jesus sagte: Siehe, ich werde sie führen, auf dass ich sie männlich mache, damit auch sie ein lebendiger, euch gleichender, männlicher Geist wird. Denn: Jede Frau, wenn sie sich männlich macht, wird in das Reich der Himmel eingehen. (S. 156)

Ein Schelm, wem dabei die Logik der modernen Gleichstellungspolitik einfällt. Interessanterweise ist diese „Vermännlichung“, die von Frauen gefordert wird, schon damals synonym mit einer Argumentationsfigur, indem die „Minderwertigkeit“ der Frauen durch eine Vermischung bzw. Aufhebung der Geschlechtsrollen quasi ausgeglichen wird. Origines von Alexandrien etwa (gest. 254) schreibt:

Denn es gibt bei Gott keine Unterscheidung des Geschlechts, sondern durch die Unterschiedlichkeit des Geistes wird jemand entweder als ein Mann oder als eine Frau bezeichnet. Wie viele Frauen gibt es nicht, die bei Gott zu den starken Männern gezählt werden, und wie viele Männer müssen nicht den schwachen und trägen Frauen zugeordnet werden? (S. 163)

Ich (eine Frau) weiß bei solchen Texten nicht, ob ich lachen oder heulen soll: Ein Konzept der Aufwertung von Frauen, das gleichzeitig auf der systematischen Abwertung von Weiblichkeit beruht. In einer anderen Schrift aus dieser Zeit, die „Dialog des Erlösers“ heißt, macht Jesus genau diese Unterscheidung explizit: „Was aus der Wahrheit ist, stirbt nicht; was aus der Frau ist, stirbt.“ (S. 110) und es wird ausgeführt: „Zerstört die Werke der Weiblichkeit“. Dass der angeblich geschlechtslose Mensch in Wahrheit ein männlicher Mensch ist, wird schließlich besonders deutlich in einer Formulierung von Clemens von Alexandrien:

Denn an und für sich sind die Seelen selbst in gleicher Weise Seelen und keines von beidem, weder männlich noch weiblich, da sie weder heiraten noch sich heiraten lassen. Möglicherweise wird so auch die Frau verwandelt zum Mann, indem sie in gleicher Weise das Weibliche ablegt und männlich und vollkommen wird. (S. 175)

Das „weder männlich noch weiblich“ im ersten Teil des Zitats – also die Aufhebung der Geschlechterdifferenz – interpretiert Clemens im zweiten Teil als „Verwandlung“ der Frau, die das Weibliche ablegt und männlich wird. Diese Formulierung „weder männlich noch weiblich“ scheint im Übrigen fast eine Art frühchristlicher Formel gewesen zu sein, jedenfalls kommt sie auch in der Bibel, nämlich im Galaterbrief des Paulus vor (Gal 3,28):

Da sind nicht mehr Juden noch Griechen, nicht mehr Sklaven noch Freie, nicht mehr männlich noch weiblich; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.

Die Stelle ist unter Theologinnen natürlich heiß diskutiert, den meisten Frauen gefällt sie gut, weil es so aussieht, als würden hier Nationalismus, Rassismus und Sexismus gleichzeitig kritisiert. Bei mir gehen bei der genannten Stelle immer alle Alarmglocken an, weil ich finde, dass diese drei Kategorien nicht vergleichbar sind. Man kann nämlich Grenzen zwischen Völkern auflösen (dann sind da nicht mehr Franzosen und Deutsche, sondern nur noch Europäer), und man kann nicht nur, sondern muss sogar ganz unbedingt die Sklaverei abschaffen (und zwar nicht nur innerhalb der christlichen Gemeinde, sondern generell), aber: Man sollte nicht die Frauen abschaffen. Meine ich jedenfalls.

Als ich neulich wieder einmal in einer Veranstaltung über diese Stelle lamentierte, wies mich eine Theologin, die das mitbekam, darauf hin, dass man das auch anders übersetzen könne (und sogar muss, meinte sie). Denn im Originaltext stehe an dieser Stelle:

Da sind nicht mehr Juden noch Griechen, nicht mehr Sklaven noch Freie, nicht mehr männlich und weiblich…

Beim dritten Differenzpaar, dem der Geschlechter, stehe also nicht ein „weder… noch“, sondern ein „und“. Sie interpretierte das so, dass nicht die Geschlechter an sich abgeschafft würden (analog zu den Grenzen zwischen Nationen und sozialen Ständen), sondern lediglich die heteronormative Kombination „männlich und weiblich“. Also nicht die Männer und die Frauen, sondern ihre symbolische Zueinanderordnung als Paar, das genau aus diesen zweien und nichts anderem besteht. Meine Angst vor einer Abschaffung der Weiblichkeit bzw. einer Zwangsvermännlichung der Frauen sei also unbegründet; abgeschafft würde lediglich das symbolisch zwangsweise aufeinander bezogene Mann-Frau-Paar.

Eine interessante These finde ich, der ich uneingeschränkt applaudiere. Ob sie für diesen alten Bibeltext zutrifft, weiß ich nicht (mein Griechisch ist auch zu eingerostet, um die Übersetzung zu prüfen), und wenn, dann haben zumindest Clemens und auch die Verfasser und Verfasserinnen der Maria-Magdalena-Texte aus dem 2. und 3. Jahrhundert das falsch verstanden.

Aber das ist vielleicht auch egal. Wichtig ist ja nicht, was zu diesem Thema in der Bibel steht, sondern was wir heute dazu denken.

Silke Petersen: Maria aus Magdala. Die Jüngerin, die Jesus liebte. EVA Leipzig, 2011, 18,80 Euro.


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Sex, wie er Gott gefällt…

© olly – Fotolia.com

Kürzlich besuchte ich eine Veranstaltung in der Evangelischen Stadtakademie in Frankfurt, bei der eine Jüdin (Hanna Liss), eine Christin (Susanna Hrasova) und eine Muslimin (Naime Cakir) über das Thema „Lieben, wie es Gott gefällt“ diskutierten. In Wirklichkeit ging es vor allem um das Thema „Sex, wie er Gott gefällt“ beziehungsweise noch genauer um „Sex, wie er nach den Mainstream-Theologen Gott angeblich gefällt bzw. vor allem auch nicht gefällt.“

Nun stehen die monotheistischen Religionen allgemein nicht in dem Ruf, der Sexualität gegenüber besonders positiv eingestellt zu sein, und schon gar nicht der weiblichen Sexualität gegenüber. Und mit gutem Grund. Aber insgesamt wird diese Kritik doch immer recht allgemein-pauschal in den Raum gestellt.

Deshalb poste ich hier einige Dinge und Aspekte, die ich an diesem Abend gehört habe, die mir neu waren, und die vielleicht helfen, die Hintergründe dieser sexualfeindlichen Entwicklungen zu verstehen. Diese Punkte liste ich hier einfach mal auf, zum einen, um sie selber nicht zu vergessen, weil ich an der einen oder anderen Stelle noch Nachdenkensbedarf sehe, und zum anderen, weil sie ja vielleicht auch noch andere interessant finden könnten. Es ist eine sehr subjektive Auswahl, bei der sich zudem meine eigenen Gedanken mit dem von den Rednerinnen Gesagten vermischt haben, sodass ich sie nicht mehr auseinander dröseln kann. Deshalb ordne ich sie auch nicht im Einzelnen den Referentinnen zu.

* In der Bibel (Tora und Neues Testament) sowie im Koran wird Sexualität tendenziell weniger negativ dargestellt als später in den Auslegungen dieser Schriften. Der gemeinsame Nenner ist, grob gesagt: Sexualität an sich ist durchaus in Ordnung, aber nicht zu jeder Zeit, nicht mit jedem und nicht überall.

* In allen Religionen ist Homosexualität verboten. Ebenso Inzest und Sex mit Tieren. In Judentum und Islam ist Sex auch zu bestimmten Zeiten verboten, etwa während der Fastenzeit oder wenn die Frau menstruiert.

*„Guter“ Sex hat in der Ehe stattzufinden. Allerdings ist die Frage, was genau mit „Ehe“ gemeint ist. Sicher nicht die kleine Familienzelle, die wir heute damit assoziieren. Im Islam etwa ist die Ehe kaum formal geregelt, sie ist ein privater Rechtsvertrag: Man übernimmt füreinander Verantwortung, macht das öffentlich, und dann ist das eine Ehe. Entsprechend kann man sich auch wieder scheiden lassen.

* Eine sozialhistorische Begründung für diese Beschränkung von Sex auf die Ehe, also eine rechtlich verbindliche Beziehung, kann in dem Versuch gesehen werden, die Verantwortlichkeit des Mannes für die Folgen von Sex zu gewährleisten, also konkret: Im Fall, dass die Frau schwanger wird, ihre wirtschaftliche Versorgung (und die ihrer Kinder) sicherzustellen. In patriarchalen Gesellschaften wie denen von damals, in denen Frauen vieles verboten war, vielleicht keine ganz unwichtige Sache.

* Judentum und Islam lassen auch „Nebenfrauen“ zu, kennen also eine gewisse Bandbreite von Beziehungsformen, nicht nur das Mann-Frau-Paar. Berühmtes Beispiel ist die Liebesgeschichte von Jakob und Rahel aus der Tora: Sieben Jahre arbeitete er für ihre Familie, bevor er sie heiraten durfte. Dann schob sie ihm mit einem Trick in der Hochzeitsnacht ihre Schwester Lea unter (interessante Frage, wie das praktisch funktionieren konnte…). Er musste dann noch mal sieben Jahre arbeiten, bevor er auch Rahel heiraten konnte. Menage a trois. Geht allerdings nicht mit einer Frau und mehreren Männern.

* Das Christentum ist die einzige der drei Religionen, in der Sexualität generell als problematisch angesehen wird (also auch dann, wenn sie innerhalb des erlaubten Rahmens stattfindet). Paulus war der erste, der die Ehelosigkeit lobte, aber noch nicht in einem prinzipiellen Sinn, sondern eher pragmatisch: Wer eine Familie hat, ist tendenziell weniger bereit, alles für die „Sache“ zu geben. So ähnlich, wie das auch in den K-Gruppen der 68er-Bewegung gesehen wurde: Familiäre Bindungen als kleinbürgerliche Ablenkung von der Revolution. Oder wie heute bei Managern ungebundene Singles beliebt sind, weil die mobiler einsetzbar sind und die nicht etwa abends zum Elternabend müssen. Paulus hielt es einfach für vorteilhaft, wenn die christlichen Missionare und Missionarinnen nicht von Liebesgeschichten abgelenkt wurden.

* Die speziell christliche Sexfeindlichkeit entstand erst ab dem 2. Jahrhundert, und dann vor allem bei Augustinus, der der Meinung war, Sex sei nie gut, auch in der Ehe nicht. Weil er es als Ideal ansah, dass der Geist über dem Körper steht und diesen kontrolliert, was bei gutem Sex bekanntlich normalerweise nicht der Fall ist. Hintergrund dieser Idee war die Verdrehung einer Metapher, die damals über Jesus zirkulierte: Dieser habe die Kirche so geliebt wie ein Mann eine Frau, hieß es. Das drehten die Kirchenväter dann um und machten daraus: Ein Mann soll seine Frau lieben wie Jesus die Kirche. Also gewissermaßen „sakramental“.

* Daraus wiederum entstand dann die Vorstellung, die Ehe sei ein Sakrament, etwas Heiliges – also nicht mehr, wie im Judentum und später im Islam ein rechtlicher, weltlicher Vertrag, der mit Gott erstmal nichts zu tun hat. Mit der „Verheiligung“ der Ehe bekamen die „Übertretungen“ beim Sexleben eine ganz andere Bedeutung. Sie waren nun keine Angelegenheit mehr, die Menschen untereinander zu regeln hatten (etwa wirtschaftliche Versorgung), sondern sie berührten das Verhältnis der Menschen zum Göttlichen. Als umso schlimmer wurden daher die die Übertretungen dieser Regeln gewertet.

* Martin Luther hat das allerdings wieder rückgängig gemacht, für ihn war die Ehe wieder „ein weltlich Ding“. Deshalb dürfen sich Evangelische auch scheiden lassen und erneut heiraten, Katholische nicht. Allerdings ist auch in protestantischen Milieus der Spaß, den man beim Sex haben kann, nicht wirklich wichtig und wird tendenziell skeptisch beäugt.

* Die „Weltlichkeit“ der Ehe in Judentum, Islam und evangelischem Christentum ist der Grund, warum hier die Möglichkeiten besser sind, auch andere Beziehungsformen zu legitimieren. So ist Homosexualität zwar im Islam verboten, um sie tatsächlich zu verfolgen, muss es aber mehrere Zeugen geben, die den Geschlechtsakt unabhängig voneinander gesehen haben. Was in der Praxis nicht so oft vorkommen dürfte. Wenn Homosexualität hingegen als Sünde gegen Gott angesehen wird, ist die Möglichkeit verstellt, sie wenigstens heimlich zu praktizieren: Gott sieht alles!

* Die Sakralität der Ehe nach katholisch-christlichem Verständnis bedeutete auch, dass Sex keinen Spaß machen soll (weil dann der geistige Kontrollverlust droht), sondern nur zu dem Zweck erlaubt ist, Kinder zu zeugen. Daher die katholische Abneigung gegen Verhütungsmittel. Deshalb ist auch eine Ehe, in der Frau oder Mann nicht zum Vollzug des Geschlechtsverkehrs in der Lage ist, nach katholischer Vorstellung ungültig. Nicht ungültig hingegen ist eine katholische Ehe bei Unfruchtbarkeit (da wird die Möglichkeit eingeräumt, dass Gott ein Wunder tut). Erst in den 1960er Jahren, beim 2. Vatikanischen Konzil, kam als ein zweiter Ehegrund neben dem Kindermachen das „Wohl der Ehepartner“ hinzu.

* Dass das Kinderzeugen in christlich-katholischer Sicht die einzige Legitimation für Sexualität war, führte dann zum kategorischen Verbot jeder Sexualpraxis, die nicht zur Zeugung führen kann, also Analverkehr oder Onanieren. Es hatte dann auch so merkwürdige Vorstellungen zur Folge wie die, dass eine Vergewaltigung weniger schlimm sei als Onanieren – weil ja bei einer Vergewaltigung ein Kind gezeugt werden kann, beim Onanieren nicht.

* Sowohl im Islam als auch im Judentum ist Sex nicht nur erlaubt, er ist – innerhalb der Ehe – sogar religiöse Pflicht. Es gibt auch keine Vorstellung von Zölibat, im Gegenteil: Mohammed soll gesagt haben, wer sexuell enthaltsam lebt, könne nicht zu seiner Gemeinde gehören.

* Im Islam dient Sexualität nicht vorrangig dem Zweck, Kinder zu zeugen, sondern als Vorgeschmack auf das Paradies. Die sexuelle Lust ist quasi ein „Trick“ Gottes, um Menschen zum Vögeln zu bringen. Dass dabei Kinder entstehen, ist aber ein erfreulicher Nebeneffekt. Die beim Sex empfundene Lust lässt uns erahnen, wie toll es im Paradies sein wird – mit der Folge, dass wir uns dann anstrengen, dort hin zu kommen und entsprechend gottesfürchtig leben. Auf muslimischen Internetseiten wird das Thema, welche Sexualpraktiken erlaubt oder besonders anzuraten sind, offen diskutiert. Im Islam ist auch Verhütung erlaubt, im 13. Jahrhundert wurde sogar die Abtreibung positiv diskutiert (heute im islamischen Mainstream wird sie verurteilt).

* Apropos Paradies. Zu dieser Sache mit den vielen Jungfrauen, die dort angeblich die Männer erwarten: Das Paradies ist nach islamischer Vorstellung ein Ort, wo es keine Differenz mehr gibt zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Von daher sagt diese konkrete Vorstellung vom Paradies vor allem etwas aus über die Wünsche der Männer, die sie formuliert haben.

* Im Judentum ist die Sache mit dem Zweck von Sex komplizierter. Interessant ist, dass der „Fruchtbarkeitsbefehl“ aus der Schöpfungsgeschichte („Seid fruchtbar und mehret euch“) grammatikalisch männlich formuliert ist. Manche schließen daraus, dass nur die Männer verpflichtet sind, Kinder zu zeugen. Verhütung ist daher auch nur für Männer verboten, für Frauen nicht.

* Ausdrücklich wichtig ist sowohl im Islam als auch im Judentum die sexuelle Befriedigung der Frau. Im Judentum gibt es etwa die Vorstellung, dass die Frau nur dann einen Sohn empfängt, wenn sie den Sex genossen hat. Das ist natürlich in sich auch schon wieder eine frauenfeindliche Denke, denn es ist ja nichts falsch an einem Mädchen. Andererseits gibt es Männern, die sich einen Sohn wünschen, durchaus gewisse „Anreize“, darauf zu achten, dass die Frau den Sex genießt.

* Im Talmud gibt es eine Stelle, wo es heißt, man soll nicht miteinander verkehren „wie die Perser“ (also die Kleider anlassen, einen Quicky sozusagen), sondern der Mann soll sich ausziehen (oder auch: es langsam angehen lassen). Tut er das nicht, hat die Frau das Recht, sich scheiden zu lassen.

* In der Tora kommen sehr viele Mann-Frau-Paare vor. Demgegenüber ist es auffällig, dass im Neuen Testament nur zwei Mann-Frau-Paare namentlich erwähnt werden: Maria und Josef und Priscilla und Aquila (ein Missionarspaar). Den Koran kann man damit nicht vergleichen, weil darin eher allgemeine philosophische Betrachtungen stehen und keine Geschichten erzählt werden.

* In jüdischer Vorstellung hatten Adam und Eva erst nach dem Essen der Frucht vom „Baum der Erkenntnis“ sexuelles Lustempfinden (Sex hatten sie vorher schon). Sexuelle Lust und Erkenntnis hängen also eng zusammen. Deshalb wird es in den Torageschichten auch als Synonym genutzt: „Er erkannte sie“ heißt soviel wie „er hatte Sex mit ihr“. Erst in christlicher Theologie wurde die Geschichte von der „Erkenntnis“ interpretiert als „Sündenfall“.

 

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Der Mythos von Maria Magdalena

Diese Woche habe ich an einer Podiumsdiskussion teilgenommen, bei der es um drei wichtige Frauen in den monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam ging. Mein Part war es, Maria Magdalena vorzustellen – neben der jüdischen Prophetin Hulda und Aischa, die als Ehefrau Mohammeds eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Islam hatte.

Dabei war ich wieder einmal überrascht, wie viele Leute aus dem Publikum Maria Magdalena immer noch wie selbstverständlich mit der „Sünderin“ oder der „Prostituierten“ gleichsetzten. Offenbar sind die entsprechenden Bilder noch immer sehr präsent, obwohl der Vatikan in den 1960er Jahren klar gestellt hat, dass es sich bei der Jüngerin Maria Magdalena und der „Ehebrecherin“, die von Jesus vor der Steinigung bewahrt wird, um zwei verschiedene Frauen handelt. Die Vermischung der beiden Figuren geht auf Papst Gregor zurück, der im 6. Jahrhundert vier biblische Frauen – Maria Magdalena, die Ehebrecherin, die Frau, die Jesus salbte und Maria, die Schwester Marthas – zu einer vermengt hatte.

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Maria Magdalena begegnet dem Auferstandenen: Abbildung aus dem Buch "Legende von den lieben Heiligen Gottes" (1863).

In Wirklichkeit war Maria Magdalena einfach eine Jüngerin Jesu, und zwar eine sehr wichtige, denn sie war diejenige, die als erste dem Auferstandenen begegnete. Alle vier Evangelien (und es gibt nicht viele Dinge, bei denen sich alle Evangelien einig sind) nennen Maria Magdalena namentlich als eine der Frauen, die nicht nur während der Kreuzigung dabei waren, sondern auch an Jesu Grab um ihn trauerten. Maria Magdalena hat dort eine Gottesbegegnung, sie bekommt vom auferstandenen Jesus den Auftrag, diese Botschaft (dass der Tod nicht das Ende sei) den anderen Jüngern und Jüngerinnen weiterzusagen. Daher gilt sie in der christlichen Tradition auch als die Apostelin der Apostel – diejenige „Gesandte“, die den anderen erst ihren Auftrag gibt.

Anders als etwa Paulus (der Jesus zu Lebzeiten gar nicht kannte) verbindet Maria Magdalena somit zwei wichtige Phasen in der Entstehung des Christentums: Die Lehre von Jesus selbst, wonach das „Reich Gottes“ bereits auf der Erde verwirklicht werden kann (die noch eine innerjüdische Position ist) und dann die speziell christliche Glaubenslehre, die sich erst nach Jesu Tod in kontroversen Diskussionen der „Hinterbliebenen“ herausbildet.

Vermutlich gab es dabei sehr unterschiedliche Richtungen, und im Prozess der Kanonisierung (also der Diskussion und Entscheidung darüber, welche Positionen verbindlich für das Christentum werden sollen, das heißt, welche Texte in die Bibel aufgenommen werden und welche nicht) hat sich die paulinische Richtung durchgesetzt. Paulus jedoch kennt Maria Magdalena entweder nicht oder er verschweigt sie absichtlich, das lässt sich heute nicht mehr feststellen.

Allerdings wird Maria Magdalena noch einmal wichtig, als im frühen Christentum über die Frage diskutiert wird, ob Frauen kirchliche Ämter übernehmen können oder nicht. Bekanntlich wird dieser Streit gegen die Frauen entschieden, aber es gab eine starke Gegenbewegung, die sich explizit auf Maria Magdalena beruft. So gibt es etwa ein Evangelium der Maria, in dem sie als diejenige vorgestellt wird, die als erste und schon zu Lebzeiten Jesu die eigentliche Tragweite seiner Botschaft verstanden habe und nach der Kreuzigung die anderen in der christlichen Lehre unterweist.

Im Lauf der Kirchengeschichte haben sich immer wieder Frauen auf Maria Magdalena berufen, zum Beispiel im 14. Jahrhundert Christine de Pizan in ihrem feministischen „Buch von der Stadt der Frauen“, aber auch viele Mystikerinnen und Beginen. Auch für die feministische Theologie in den 1980er Jahren spielte Maria Magdalena eine wichtige Rolle.

Doch außerhalb eines feministischen Kontextes hat das Bild der lasziven, erotischen „Magdalena“ einen sehr dominanten Platz eingenommen. Wobei auch diese Gleichsetzung, so falsch sie ist, durchaus kirchenkritische Impulse haben konnte. Im Mittelalter etwa, als zahlreiche Maria-Magdalena-Legenden entstanden sind, wurde das Bild der Sünderin, die umkehrt und auf den rechten Weg findet, auch als Kritik an einer korrupten Kirche verstanden und als Aufforderung an feiste und sündigende Priester, sich an Maria Magdalena ein Beispiel zu nehmen. Und so gut es ist, dass heute auch kirchenoffiziell die Jüngerin Maria Magdalena und die Ex-Prostituierte nicht mehr in eins fallen, so hatte es auch durchaus einen gewissen Charme, dass lange Zeit eine Prostituierte im Heiligenkalender war.

Bezeichnend ist es aber, dass das Frauenbild der weltlichen Kirchenkritiker bis heute dem Klischeebild von Maria Magdalena verhaftet bleibt. Sowohl Martin Scorsese in seinem Film „Die letzte Versuchung“ als auch Dan Brown in seinem (ebenfalls verfilmten) Bestseller „Sakrileg“ fällt nichts besseres ein, als Maria Magdalena als Geliebte Jesu zu phantasieren. (darüber habe ich hier schon einmal was geschrieben) Sie verstehen das als Gott weiß wie kritisch, in Wirklichkeit sind sie im Bezug auf ihr Frauenbild aber rückständiger als die Kirche, denn sie können sich eine wichtige und bedeutende Frau offenbar nicht anders als in sexueller Beziehung zu einem Mann vorstellen.

Das ist überhaupt das große Dilemma im Christentum gewesen: Dass aufgrund der Gleichsetzung von Jesus (also einem Mann) und Gott sich Patriarchat und Glaube auf ganz ungute Weise miteinander vermengt haben. Die Philosophin Luisa Muraro hat das einmal gut auf den Punkt gebracht: „Die größte Sünde der Männer war es, dass sie sich den Frauen gegenüber an die Stelle Gottes gesetzt haben. Und die größte Sünde der Frauen war es, dass sie das  zugelassen haben.“

Dieses Dilemma wurde auch auf der Podiumsdiskussion thematisiert, nämlich in einer Frage der Rabbinerin Elisa Klapheck an mich und an die muslimische Mitdiskutantin Amina Luise Becker: Sie kritisierte, dass „unsere“ Frauen sich nur über einen Mann definiert hätten, Maria Magdalena über Jesus und Aischa über Mohammed.

Doch genau das ist der Knackpunkt: Wenn Maria Magdalena dem Auferstanden begegnet, dann begegnet sie Gott – und nicht einem Mann. (Ganz abgesehen davon, dass natürlich auch Beckers Einwand stimmt, dass nämlich allein die Tatsache, dass eine Frau mit einem Mann verheiratet ist, sie noch nicht als eigenständige Denkerin disqualifiziert).

Für die christlichen Frauen aber ist genau das die Herausforderung: Immer wieder klar zu machen (sich selbst und anderen), dass es um ihre Beziehung zu Gott geht und nicht um ihre Beziehung zu dem Mann Jesus oder gar zu seinen selbsternannten männlichen Stellvertretern auf Erden. Keine leichte Aufgabe freilich angesichts einer Geschichte, in der die Männer es immer wieder versucht haben, aus der (im Prinzip völlig zufälligen) Tatsache, dass Jesus ein Mann war, einen Herrschaftsanspruch für sich selbst abzuleiten. Die einzige richtige Anwort darauf ist freilich (und kluge Frauen geben sie nun schon seit 2000 Jahren, oft unter Berufung auf Maria von Magdala): So eine Argumentation ist der Gipfel der Gotteslästerung.

Wer noch mehr wissen möchte, hier ist mein Manuskript zum Statement bei der Podiumsdiskussion.

Das Scherflein der Witwe

Die Themen „Armut“ und „Frauen“ zusammen zu denken ist eine komplexe Angelegenheit. Als ich gebeten wurde, in der Reihe „Feministische Theologie und Ethik“ dazu einen Artikel für die „Mitteilungen“ der Evangelischen Frauen in Deutschland e.V. zu schreiben, fiel mir spontan das Gleichnis vom Scherflein der Witwe ein. Und ich stellte fest, dass es sich auch anders interpretieren lässt als mit dem moralisch-erhobenen Zeigefinger, der damals im Kindergottesdienst so schrecklich war…

Link: www.antjeschrupp.de/das_scherflein_der_witwe.htm