Der Mythos von Maria Magdalena

Diese Woche habe ich an einer Podiumsdiskussion teilgenommen, bei der es um drei wichtige Frauen in den monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam ging. Mein Part war es, Maria Magdalena vorzustellen – neben der jüdischen Prophetin Hulda und Aischa, die als Ehefrau Mohammeds eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Islam hatte.

Dabei war ich wieder einmal überrascht, wie viele Leute aus dem Publikum Maria Magdalena immer noch wie selbstverständlich mit der „Sünderin“ oder der „Prostituierten“ gleichsetzten. Offenbar sind die entsprechenden Bilder noch immer sehr präsent, obwohl der Vatikan in den 1960er Jahren klar gestellt hat, dass es sich bei der Jüngerin Maria Magdalena und der „Ehebrecherin“, die von Jesus vor der Steinigung bewahrt wird, um zwei verschiedene Frauen handelt. Die Vermischung der beiden Figuren geht auf Papst Gregor zurück, der im 6. Jahrhundert vier biblische Frauen – Maria Magdalena, die Ehebrecherin, die Frau, die Jesus salbte und Maria, die Schwester Marthas – zu einer vermengt hatte.

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Maria Magdalena begegnet dem Auferstandenen: Abbildung aus dem Buch "Legende von den lieben Heiligen Gottes" (1863).

In Wirklichkeit war Maria Magdalena einfach eine Jüngerin Jesu, und zwar eine sehr wichtige, denn sie war diejenige, die als erste dem Auferstandenen begegnete. Alle vier Evangelien (und es gibt nicht viele Dinge, bei denen sich alle Evangelien einig sind) nennen Maria Magdalena namentlich als eine der Frauen, die nicht nur während der Kreuzigung dabei waren, sondern auch an Jesu Grab um ihn trauerten. Maria Magdalena hat dort eine Gottesbegegnung, sie bekommt vom auferstandenen Jesus den Auftrag, diese Botschaft (dass der Tod nicht das Ende sei) den anderen Jüngern und Jüngerinnen weiterzusagen. Daher gilt sie in der christlichen Tradition auch als die Apostelin der Apostel – diejenige „Gesandte“, die den anderen erst ihren Auftrag gibt.

Anders als etwa Paulus (der Jesus zu Lebzeiten gar nicht kannte) verbindet Maria Magdalena somit zwei wichtige Phasen in der Entstehung des Christentums: Die Lehre von Jesus selbst, wonach das „Reich Gottes“ bereits auf der Erde verwirklicht werden kann (die noch eine innerjüdische Position ist) und dann die speziell christliche Glaubenslehre, die sich erst nach Jesu Tod in kontroversen Diskussionen der „Hinterbliebenen“ herausbildet.

Vermutlich gab es dabei sehr unterschiedliche Richtungen, und im Prozess der Kanonisierung (also der Diskussion und Entscheidung darüber, welche Positionen verbindlich für das Christentum werden sollen, das heißt, welche Texte in die Bibel aufgenommen werden und welche nicht) hat sich die paulinische Richtung durchgesetzt. Paulus jedoch kennt Maria Magdalena entweder nicht oder er verschweigt sie absichtlich, das lässt sich heute nicht mehr feststellen.

Allerdings wird Maria Magdalena noch einmal wichtig, als im frühen Christentum über die Frage diskutiert wird, ob Frauen kirchliche Ämter übernehmen können oder nicht. Bekanntlich wird dieser Streit gegen die Frauen entschieden, aber es gab eine starke Gegenbewegung, die sich explizit auf Maria Magdalena beruft. So gibt es etwa ein Evangelium der Maria, in dem sie als diejenige vorgestellt wird, die als erste und schon zu Lebzeiten Jesu die eigentliche Tragweite seiner Botschaft verstanden habe und nach der Kreuzigung die anderen in der christlichen Lehre unterweist.

Im Lauf der Kirchengeschichte haben sich immer wieder Frauen auf Maria Magdalena berufen, zum Beispiel im 14. Jahrhundert Christine de Pizan in ihrem feministischen „Buch von der Stadt der Frauen“, aber auch viele Mystikerinnen und Beginen. Auch für die feministische Theologie in den 1980er Jahren spielte Maria Magdalena eine wichtige Rolle.

Doch außerhalb eines feministischen Kontextes hat das Bild der lasziven, erotischen „Magdalena“ einen sehr dominanten Platz eingenommen. Wobei auch diese Gleichsetzung, so falsch sie ist, durchaus kirchenkritische Impulse haben konnte. Im Mittelalter etwa, als zahlreiche Maria-Magdalena-Legenden entstanden sind, wurde das Bild der Sünderin, die umkehrt und auf den rechten Weg findet, auch als Kritik an einer korrupten Kirche verstanden und als Aufforderung an feiste und sündigende Priester, sich an Maria Magdalena ein Beispiel zu nehmen. Und so gut es ist, dass heute auch kirchenoffiziell die Jüngerin Maria Magdalena und die Ex-Prostituierte nicht mehr in eins fallen, so hatte es auch durchaus einen gewissen Charme, dass lange Zeit eine Prostituierte im Heiligenkalender war.

Bezeichnend ist es aber, dass das Frauenbild der weltlichen Kirchenkritiker bis heute dem Klischeebild von Maria Magdalena verhaftet bleibt. Sowohl Martin Scorsese in seinem Film „Die letzte Versuchung“ als auch Dan Brown in seinem (ebenfalls verfilmten) Bestseller „Sakrileg“ fällt nichts besseres ein, als Maria Magdalena als Geliebte Jesu zu phantasieren. (darüber habe ich hier schon einmal was geschrieben) Sie verstehen das als Gott weiß wie kritisch, in Wirklichkeit sind sie im Bezug auf ihr Frauenbild aber rückständiger als die Kirche, denn sie können sich eine wichtige und bedeutende Frau offenbar nicht anders als in sexueller Beziehung zu einem Mann vorstellen.

Das ist überhaupt das große Dilemma im Christentum gewesen: Dass aufgrund der Gleichsetzung von Jesus (also einem Mann) und Gott sich Patriarchat und Glaube auf ganz ungute Weise miteinander vermengt haben. Die Philosophin Luisa Muraro hat das einmal gut auf den Punkt gebracht: „Die größte Sünde der Männer war es, dass sie sich den Frauen gegenüber an die Stelle Gottes gesetzt haben. Und die größte Sünde der Frauen war es, dass sie das  zugelassen haben.“

Dieses Dilemma wurde auch auf der Podiumsdiskussion thematisiert, nämlich in einer Frage der Rabbinerin Elisa Klapheck an mich und an die muslimische Mitdiskutantin Amina Luise Becker: Sie kritisierte, dass „unsere“ Frauen sich nur über einen Mann definiert hätten, Maria Magdalena über Jesus und Aischa über Mohammed.

Doch genau das ist der Knackpunkt: Wenn Maria Magdalena dem Auferstanden begegnet, dann begegnet sie Gott – und nicht einem Mann. (Ganz abgesehen davon, dass natürlich auch Beckers Einwand stimmt, dass nämlich allein die Tatsache, dass eine Frau mit einem Mann verheiratet ist, sie noch nicht als eigenständige Denkerin disqualifiziert).

Für die christlichen Frauen aber ist genau das die Herausforderung: Immer wieder klar zu machen (sich selbst und anderen), dass es um ihre Beziehung zu Gott geht und nicht um ihre Beziehung zu dem Mann Jesus oder gar zu seinen selbsternannten männlichen Stellvertretern auf Erden. Keine leichte Aufgabe freilich angesichts einer Geschichte, in der die Männer es immer wieder versucht haben, aus der (im Prinzip völlig zufälligen) Tatsache, dass Jesus ein Mann war, einen Herrschaftsanspruch für sich selbst abzuleiten. Die einzige richtige Anwort darauf ist freilich (und kluge Frauen geben sie nun schon seit 2000 Jahren, oft unter Berufung auf Maria von Magdala): So eine Argumentation ist der Gipfel der Gotteslästerung.

Wer noch mehr wissen möchte, hier ist mein Manuskript zum Statement bei der Podiumsdiskussion.

7 Gedanken zu „Der Mythos von Maria Magdalena

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  2. Auch wenn ich mich jetzt der phantasielosen Männerdenke schuldig mache, so war mir die Geschichte, „in Wahrheit“ hätte es sich bei Maria Magdalena um die Geliebte Jesus gehandelt, niemals unsympathisch, im Gegenteil.

    Die Kunde kam auf mich aus tantrischer und frauenbewegter Richtung (ich erinnere die Quellen jetzt nicht im Detail), oft noch versehen mit der Info, Maria Magdalena sei nicht nur einfach Geliebte und wichtige Jüngerin gewesen, sondern auch die materielle Sponsorin der teils erwerbslos herum wandernden Jesus-Gruppe gewesen – keine Ahnung, ob da was dran ist, aber auch das fand ich „als Frau“ nicht schlecht! 🙂

    Sie als Geliebte zu sehen, ist eben nicht nur so motiviert, wie du es hier bestimmten Männern unterstellst. Es liegt einerseits sachlich nahe, eine solche Beziehung zu vermuten, wenn die historischen Geschlechter-Bedingungen eben so waren, dass Frauen im allgemeinen nicht viel zu melden hatten. Und DENNOCH war sie unter den Jüngern… (und TYPISCH, dass sie nicht „so richtig“ dazu gehörte, keine 13.Apostelin war).

    Zweitens dient die Geschichte in dieser Variante dem Protest gegen die Lustfeindlichkeit der Kirche: männliche Priester, die zölibatär leben, Sündhaftigkeit aller fleischlichen Lüste, das ganze Schuld&Angst-Konstrukt um Sexualität (Frau = Natur = Teufel), das jahrhundertelange „Züchten“ in dieser Hinsicht neurotischer Menschen, die Angst vor den eigenen „niederen“ Gelüsten haben – es ist eine leidvolle Horrorvorstellung, die diese Institution über die Zeiten in Sachen Sexualität und erotischer Liebe geboten hat!

    Dem allem verpasst man quais eine virtuelle Ohrfeige, indem man behauptet:
    Maria Magdalena und Jesus waren ein Liebespaar!

    Ich hoffe, es ist ok, dass ich diese „anderen Interpretationen“ hier ergänze.

    Lieben Gruß
    Claudia

  3. ich bin auf diese seite gesotzen da ich ein wenig über maria magdalena mehr erfahren will da ich einen film geshen habe( der Daini Code) und es da auch um maria Magdalena geht. In disem Film wird auch gesagt das sie die verlobte von jesus is und sogar beim Abendmahl von ihm schwanger ist und das es bis heute noch nachfahren von jesus gibt. Ich weiß nciht ob da was dran ist aber um erlich zu sein ich finde es schon das es wahr ist.

    Den die Kirche soll ein großes geheimnis hüten und wollen nicht das das grab der Maria Magdalena gefunden wird. weil mann dann nachweisen könnte das es noch nachfahren von jesus gibt und so sich herrausstellt das er nciht so göttlich war sondern einfach nur ein Mensch wie alle Jünger.
    Aber ich finde nur weil er ein Kind und Eine fast Ehe hatte heißt das noch lange nicht das er nicht göttlich ist. Ich frag mich darf jesus den kein „normales“ Leben fühen in dem e scih verliebt und Nach kommen zeugt? Er ist doch trotzdem jesus der sohn von gott….

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  6. Mehr Emanzipation war damals nicht möglich: Maria von Magdala trägt in ihrem Namen keinen Mann dessen Eigentum sie ist (Vater, Ehemann). Offensichtlich eine allein lebende Frau aus Magdala, damals galt so jemand schon als Sünderin. Dazu nahm sie noch Privatunterricht bei Jesus und Jesus übernachtete bei ihr und Marta in Betanien, damals ziemlich ein Skandal. Schließlich galt sie allgemein als Zeugin der Auferstehung, aber Frauen galten eigentlich nicht als Zeugen, schon gar nicht als Einzelperson. Selbst Jesus berief bei seiner Mission auf zwei Zeugen: auf den Täufer und auf die Stimme Gottes. Sie umarmte Jesus in der Öffentlichkeit und liebkoste ihn mit ihrem Haar – damals sehr unschicklich. Schließlcih kümmerte sie sich um seinen Leichnahm: Juden dürften eigentlich nicht Leichen berühren (Unreinheitsgesetze), einzige Ausnahme: Familienangehörige.

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