Die Feministin und ihre patriarchalen Traditionen

Wie gehen wir als Feministinnen mit den patriarchalen Traditionen und Kulturen um, in denen wir (fast alle) aufgewachsen sind? Diese Frage stellt sich immer wieder mal. Mir wurde sie explizit bei einer Veranstaltung kürzlich gestellt, bei der es um Geschlechtergerechtigkeit in Christentum und Buddhismus ging, wobei ich den christlichen Part auf dem Podium übernommen hatte. Vermutlich weil ich recht harsch über die frauenfeindlichen Anteile meiner Religion gesprochen hatte, fragte mich der Moderator an einer Stelle, warum ich denn überhaupt christlich sei, und spontan antwortete ich mit zwei Bedingungen, die dafür entscheidend sind. Im Nachhinein glaube ich, dass es tatsächlich die zwei entscheidenden Bedingungen dafür sind, wie man sich als Feministin in einer patriarchalen Tradition verorten kann, das heißt, ihre positiven und inspirierenden Anteile aufgreifen ohne ihre frauenverachtenden Anteile kleinzureden oder zu verharmlosen. Bedingung 1: Ich brauche weibliche „Zeuginnen“, das heißt, ich orientiere mich bei meiner Annäherung an anderen Frauen, an der Art und Weise, wie sie sie verstanden, ausgelegt und

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Islamfeindlichkeit in Deutschland wissenschaftlich durchleuchtet

Dass sich in Deutschland zunehmend Islamfeindlichkeit breitmacht, dürfte nicht mehr zu übersehen sein – und sie ist im übrigen deutlich ausgeprägter als in anderen europäischen Ländern, selbst wenn es dort, wie etwa in Frankreich, sogar mehr reale soziale Konflikte gibt, die sich „islambezogen“ interpretieren ließen. Hier zum Beispiel eine aktuelle Studie darüber, wie sich Muslim_innen immer mehr in Deutschland integrieren, während unter Deutschen die Vorurteile wachsen. Die Frankfurter Soziologin Naime Cakir hat die Entstehungsgeschichte des „Feindbild Islam“ jetzt wissenschaftlich untersucht und nachgezeichnet. Dabei macht sie sich auch über die Terminologie Gedanken. Handelt es sich bei antimuslimischen Ressentiments um „Rassismus“? Diese Frage haben Benni und ich ja auch in unserem letzten Podcast diskutiert. Um Rassismus im klassischen – biologischen – Sinn handelt es sich nicht, auch nicht um „Islamophobie“ (denn es ist keine Krankheit, sondern eine politische Position), auch nicht um „Fremdenfeindlichkeit“, denn es geht ja gerade nicht um „Fremde“, sondern um Konflikte innerhalb der deutschen Gesellschaft. Cakir sieht einen wichtigen Grund für die aktuelle

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Freiheit unterm Schleier? Hm, so eher nicht

Mit dem muslimischen Kopftuch geht es mir ein bisschen wie mit der Prostitution: Ich bin unbedingt dagegen, es zu verbieten oder Frauen, die sich dafür entscheiden, zu stigmatisieren, zu diskriminieren oder für willenlose Opfer zu halten. Aber ich bin gleichzeitig der Ansicht, dass es sich dabei um eine Praxis handelt, die nur innerhalb von patriarchalen Kulturen Sinn ergibt und die ich daher nicht wirklich gut finden kann. Leider ist aber auch beim „Kopftuchthema“ die Debatte völlig verengt auf die Frage, ob und wie es gesetzlich geregelt gehört. Auf der Contra-Seite werden die unterschiedlichsten und oft abenteuerliche Dinge hineininterpretiert, die Pro-Seite beschränkt sich meistens darauf, es zu einer individuellen Angelegenheit der betreffenden Frauen zu erklären, die niemanden sonst etwas angehe. Mit beidem bin ich nicht einverstanden. Ich bin der Ansicht, dass eine Debatte über dieses Thema nur möglich ist, indem man die Gründe und Argumente von Frauen, die das Kopftuch tragen, hört und ernst nimmt. Ich bin aber auch der Ansicht, dass ein solches sichtbares

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Zwischen Kulturen. Ein Gespräch mit Safeta Obhodjas.

In meinem Podcast gibt es jetzt ein Gespräch, das ich letzte Woche mit Safeta Obhodjas geführt habe. Sie ist eine Freundin von mir, und eines unserer Dauer-Streitthemen ist die Integrationsdebatte, wo sie – anders als ich – eine „multikulti-kritische“ Position hat. Ich dachte mir, es ist interessant, das mal mitzuschneiden. Es geht um ihre Erfahrungen mit multikulturellem Zusammenleben im früheren Jugoslawien, die Schwierigkeit, Kritik an der (eigenen) muslimischen Community zu üben und ihre Eindrücke vom Stand der Integrationsdebatte in Deutschland.Das Gespräch dauert eine knappe Stunde. Direkt zum Podcast hier. Hier noch die Links zu den Texten, die wir dabei ansprechen: Safetas Erzählung „Dzammilas Vorbild“ Ihr Essay über die Frauenbewegung in Jugoslawien Weitere Texte von ihr auf bzw-weiterdenken.de Ihre Homepage Danke für die Spende!

Identität und Zugehörigkeit. Zur Debatte, ob der Islam zu Deutschland gehört

Der alberne Streit über die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, überdeckt ein aus meiner Sicht noch problematischeres Thema im Hintergrund. Denn schon diese Frage geht implizit davon aus, dass es eine fest bestimmbare „Identität“ geben könnte. Ich habe ja kürzlich schon einmal an dieser Stelle gegen „Gleichheit“ als politisch sinnvollen Begriff argumentiert, und dies knüpft daran an. „Identität“ bedeutet nämlich im Wortsinn „Gleichheit“, und zu diesem Phänomen gehört es, dass Identität daran bemessen wird, wer dazu gehört und wer nicht. Gleichheit, Identität ist nur zu haben um den Preis des Ausschlusses von anderen. Allein schon die Frage zu stellen, was zu Deutschland gehört und was nicht (egal, wie man das dann beantwortet), bedeutet, sich dem Phänomen „deutsch“ letztlich in den Kategorien der Parteipolitik anzunähern. Also so, wie sich Männer das Politische vorgestellt haben (und damit das funktionieren konnte, mussten sie die Frauen als „andere“ ausschließen): als Parteien. Politische Einheiten verstanden als Gruppe, die sich um ein

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Die Politik der Macht und die Notwendigkeit der Vermittlung

Zu den aktuellen Diskussionen um ein Burka-Verbot möchte ich keinen umfassenden Blogpost schreiben, sondern nur auf einen Punkt hinweisen, der mir in den Debatten zu kurz kommt. Er betrifft eine Gefahr, die mit allen Versuchen, eine „richtige“ Meinung (in dem Fall die, dass es – wie ich finde – Ausdruck einer frauenfeindlichen Kultur ist, wenn Frauen ihre körperliche Erscheinung in der Öffentlichkeit unsichtbar machen) durch staatliche Verbote durchzusetzen. Diese Gefahr besteht darin, zu glauben, dass es mit diesem Gesetz dann getan ist und dass es nicht mehr notwendig sei, über den Inhalt des Gesetzes (das Tragen der Burka in diesem Fall) zu verhandeln und zu diskutieren. Ich muss andere nicht mehr überzeugen, wenn es mir möglich ist, sie mit Hilfe der Polizei zu zwingen. Luisa Muraro hat das in dem neuen Buch der Diotima-Philosophinnen „Macht und Politik sind nicht dasselbe“ (zusammengefasst von Dorothee Markert) so gesagt: Politik kippt dann in Macht um, „wenn aufgehört wird, nach Vermittlungen zu suchen oder

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Mihriban pfeift auf Gott

Mihriban ist 32, lebt in Berlin, und sieht sich selbst als „Nichtskönnerin auf allerhöchstem Niveau“. Ihr Leben plätschert eigentlich ganz gemütlich vor sich hin, der Job als Mädchen für alles in einem Kinderhort fordert sie nur mäßig, und dass in Liebesdingen nicht allzu viel läuft, bereitet ihr keine größeren Kopfschmerzen: Immerhin hat sie Familienanschluss, sie lebt mit ihrem „kleinen“ Bruder Mesut und dessen Tochter Suna zusammen. Soweit könnte das Buch ein gewöhnlicher Hauptstadt-Roman mit Multikulti-Einschlag werden (und das ist es in gewisser Weise auch), aber Hilal Sezgin verfolgt noch eine andere Absicht: Sie will die Klischees und Denkmuster entlarven, in denen sich weite Teile des öffentlichen Diskurses inzwischen eingerichtet haben. Speziell im Bezug auf die so genannten „Migrationshintergründe“, das moderne Frauenbild und das, was man sich im Allgemeinen so unter dem „Islam“ vorstellt. Machen wir uns also zusammen mit Mihriban Gedanken darüber, was sie wohl davon halten soll, dass Mesut seit einiger Zeit „fromm“ geworden ist. Regelmäßig setzt er sich

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Safeta, Helene und Antje streiten sich

Letzte Woche traf ich mich zum Mittagessen mit Safeta Obhodjas, einer aus Bosnien stammenden muslimischen Schriftstellerin, die 1992 aus Pale flüchten musste und seither in Wuppertal lebt. Safeta habe ich vor gut zwei Jahren kennengelernt, denn ich war beim Stöbern im Internet auf ihre wunderbare Erzählung „Dzamillas Vorbild“ gestoßen und habe mit ihr Kontakt aufgenommen, um sie als Autorin für unser Forum Beziehungsweise Weiterdenken zu gewinnen, was glücklicherweise geklappt hat 🙂 Seither haben wir viel gemailt und uns auch schon einige Male getroffen, und meistens sind wir dabei heftig ins Diskutieren geraten. So auch diesmal wieder. Eines unserer liebsten Streitthemen ist der Islam. Safeta engagiert sich nämlich sehr für die Bildungs- und Entwicklungschancen von Mädchen aus Migrationsfamilien und legt den Finger dabei gerne in die Wunden patriarchaler muslimischer Strukturen. Ich hingegen bin besorgt über die zunehmende Islamfeindlichkeit in Deutschland und finde ihren Enthusiasmus für die emanzipatorischen Errungenschaften der westlichen Moderne manchmal etwas übertrieben. Jedenfalls vergehen auf diese Weise die Stunden

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