Die Feministin und ihre patriarchalen Traditionen

Wie gehen wir als Feministinnen mit den patriarchalen Traditionen und Kulturen um, in denen wir (fast alle) aufgewachsen sind? Diese Frage stellt sich immer wieder mal. Mir wurde sie explizit bei einer Veranstaltung kürzlich gestellt, bei der es um Geschlechtergerechtigkeit in Christentum und Buddhismus ging, wobei ich den christlichen Part auf dem Podium übernommen hatte.

Konfuzius. Foto: Antje Schrupp

Einer von den ganz Schlimmen: Konfuzius. Beachtet die Fingernägel! Foto: Antje Schrupp

Vermutlich weil ich recht harsch über die frauenfeindlichen Anteile meiner Religion gesprochen hatte, fragte mich der Moderator an einer Stelle, warum ich denn überhaupt christlich sei, und spontan antwortete ich mit zwei Bedingungen, die dafür entscheidend sind.

Im Nachhinein glaube ich, dass es tatsächlich die zwei entscheidenden Bedingungen dafür sind, wie man sich als Feministin in einer patriarchalen Tradition verorten kann, das heißt, ihre positiven und inspirierenden Anteile aufgreifen ohne ihre frauenverachtenden Anteile kleinzureden oder zu verharmlosen.

Bedingung 1: Ich brauche weibliche „Zeuginnen“, das heißt, ich orientiere mich bei meiner Annäherung an anderen Frauen, an der Art und Weise, wie sie sie verstanden, ausgelegt und ausgelebt haben. Konkret: Wenn nur Männer das Christentum verteidigen würden, wäre es für mich uninteressant. Da es aber auch sehr viele Frauen gibt und gab – angefangen von den ersten Auferstehungszeuginnen über die vielen Theologinnen durch die Jahrhunderte hinweg bis zu interessanten Christinnen heute – denke ich mal, dass nicht alles am Christentum schlecht sein kann. (Aus ähnlichen Gründen beachte ich auch rein männlich besetzte Podien oder Veranstaltungen nicht. Mir fehlt die weibliche Zeuginnenschaft dafür, dass es sich lohnt, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken).

Bedingung 2: Die weibliche Freiheit zählt mehr als Loyalität zur Religion. Das heißt, meine Bereitschaft, mich für die Antworten einer Religion oder Philosophie zu interessieren und mich ernsthaft mit ihnen auseinander zu setzen, auch und gerade meiner eigenen, endet da, wo sie die Freiheit der Frauen negiert. Wenn religiöse Regeln/Thesen auf der einen Seite und die Freiheit der Frauen miteinander in Konflikt kommen, dann zählt für mich die weibliche Freiheit mehr. Bei der Veranstaltung sagte ich das so: „Ich glaube an Jesus Christus, wenn das mit der Freiheit der Frauen vereinbar ist. Wenn nicht, dann glaube ich nicht an ihn.“

Das Gute an diesem Perspektivenwechsel ist, dass ich mich mit Argumenten wie: „Aber die Frauen müssen das und das, das steht doch in der Bibel“ nicht mehr beschäftigen muss, denn im Zweifelsfall ist eben das, was in der Bibel steht, falsch. Was nicht heißt, dass ich nicht drüber nachdenken würde, zumal wenn es Frauen gibt, die das, was da in der Bibel steht, verteidigen und gut finden. Aber falls ich zu dem Schluss komme, dass es mit der weiblichen Freiheit nicht vereinbar ist, sticht dieses Argument eben das andere.

Gleichzeitig bin ich von der Verpflichtung befreit, mich im Detail und intensiv mit den männlichen Texten dieser Tradition zu beschäftigen. Ich kann, wenn ich will, aber es ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich die Frauen lese. Ich muss mir auch nicht überlegen oder die Frage beantworten, ob das, was ich dann daraus mache, nun noch „christlich“ ist oder nicht. Das ist mir nämlich egal. Das ist eine ziemlich befreiende und im übrigen auch kreative und fruchtbare Herangehensweise an eine Tradition, jedenfalls ist das meine Erfahrung.

Zufälligerweise habe ich parallel zu diesen Überlegungen und aus ganz anderen Gründen zwei Bücher gelesen, die sich ebenfalls mit stark patriarchalen Weltanschauungen auseinandersetzen, und zwar Sineb El Masrar: „Emanzipation im Islam – eine Abrechnung mit ihren Feinden“ sowie Michael Schuman: „Konfuzius. Der Mann und die Welt, die er schuf“.

Beide gehen mit den frauenfeindlichen Anteilen der von ihnen analysierten Weltanschauungen sehr unterschiedlich, fast entgegengesetzt um: Sineb El Masrar argumentiert, dass der Islam nicht zu gebrauchen ist, solange es in ihm frauenfeindliche Anteile gibt, weshalb es ihrer Ansicht nach die Hauptaufgabe von Muslimen und vor allem Musliminnen sein muss, seine frauenfeindlichen Anteile zu bekämpfen. Michael Schuman will hingegen den Nachweis erbringen, dass die inhärente Frauenfeindlichkeit im Konfuzianismus (der er, immerhin, ein eigenes Kapitel widmet) eigentlich nebensächlich ist angesichts des vielen Guten und Nützlichen, das diese Weltanschauung zu bieten hat.

Entsprechend selektiv gehen beide mit den Quellen und den Äußerungen konfuzianischer beziehungsweise islamischer Denker um. Man könnte etwas vereinfachend sagen, dass El Masrar frauenfeindliche Aussagen und Textpassagen dramatisiert, während Schuman sie bagatellisiert.

Es ist klar, dass ich für El Masrars Vorgehen mehr Sympathie habe als für Schumans. Ich habe früher auch mit großem Genuss und vor allem mit großer Empörung meine eigene Tradition – nicht nur das Christentum, sondern auch den Humanismus und die europäischen Philosophen generell – nach ihren „frauenfeindlichen Stellen“ durchforstet. Ich fand es wichtig, zu beweisen und zu belegen, wo sie überall schlecht über Frauen geschrieben haben, wo sie ihre männliche Überlegenheit behaupteten und all das – und genau solch eine Empörung über die ganzen unsäglichen Stellen und Aussagen islamischer Theologen spricht auch aus El Masrars Buch.

Inzwischen langweilt mich das aber, es kommt mir ein bisschen wie vergeudete Energie vor. Ich habe keine Lust, den Nachweis führen zu sollen, ob und inwiefern Religion X und Weltanschauung Y patriarchal sind, weil mich Leute, die das tatsächlich immer noch bestreiten, schlicht nicht interessieren. Gleichzeitig ist es aber nicht so, dass eine Weltanschauung, die auch frauenfeindlich ist, gar nichts Interessantes und Nützliches mehr enthalten würde. Ich sehe es nicht (mehr) als meine Aufgabe an, das Christentum zum Beispiel von frauenfeindlichen Anteilen zu reinigen – das sollen bitte schön diejenigen machen, die es offiziell vertreten wollen.

Eine Schwäche beider Bücher ist, finde ich, dass sie der weltanschaulichen Analyse eine viel zu große Bedeutung geben. Sicher werden sowohl islamische als auch konfuzianische Versatzstücke heute benutzt, um Politik zu machen, und im Fall des Islam leider auch oft eine krass frauenfeindliche Politik. Aber ich glaube nicht, dass man diesen Entwicklungen mit einer ideengeschichtlichen Analyse beikommt. Wer Frauen unterdrücken will, findet dafür immer irgendwelche Argumente, es ist fast schon zu viel der Ehre, diese Argumente auch nur zu widerlegen.

Weltanschauungen, die so alt und so weit verbreitet sind (der Islam ist fast 1500, das Christentum 2000, der Konfuzianismus sogar 2500 Jahre alt) lassen sich sowieso nicht auf einen Nenner bringen. Dass Islam, Konfuzianismus, Christentum und alle anderen auch frauenfeindlich sind, ist klar. In allen gab gibt und wird es geben Strömungen und Positionen, die meinem Anliegen, der Beförderung der Freiheit der Frauen, zuträglich sind, und andere, die ihm entgegen wirken. Es interessiert mich nicht, zu beurteilen, welche Weltanschauung in Punkto weiblicher Freiheit besser oder schlechter ist als die andere. Und deshalb bringt es auch nichts, die einschlägigen „Stellen“ herauszusuchen und als Belege wahlweise pro und kontra Frauenfeindlichkeit aneinander zu reihen.

Denn bei aller Unterschiedlichkeit im Detail ist jede Kultur und Weltanschauung, die wir kennen, sowieso Lichtjahre von dem entfernt, was ich mit weiblicher Freiheit meine. Ob sie sich dabei zwei Kilometer mehr oder weniger geben, ist wirklich total egal. Wir müssen es schlicht akzeptieren, dass auch die Kultur, die Religion, die Weltanschauung, die auch uns geprägt hat, patriarchal ist. Da gibt es weder was zu beweisen noch was zu rechtfertigen.

Viel sinnvoller ist, von dieser Diagnose ausgehend weiterzudenken, was wir nun tun wollen. Und dabei könnten wir uns eben an den beiden oben genannten Kriterien orientieren, und daraus ableiten, wie wir uns in einer konkreten Situation oder einer konkreten Person gegenüber verhalten: Wir schenken vor allem dem Aufmerksamkeit, was Frauen über diese Religion bzw. Weltanschauung sagen und denken (und zwar auch dann, wenn es mit unserer eigenen Ansicht nicht übereinstimmt), und wir sehen zweitens unsere Loyalitäten klar auf Seiten der weiblichen Freiheit.

Sineb El Masrar: Emanzipation im Islam – eine Abrechnung mit ihren Feinden. Herder 2016, 24,99 Euro.

Michael Schuman: Konfuzius. Der Mann und die Welt, die er schuf. Kösel 2016, 24,99 Euro.

Islamfeindlichkeit in Deutschland wissenschaftlich durchleuchtet

Dass sich in Deutschland zunehmend Islamfeindlichkeit breitmacht, dürfte nicht mehr zu übersehen sein – und sie ist im übrigen deutlich ausgeprägter als in anderen europäischen Ländern, selbst wenn es dort, wie etwa in Frankreich, sogar mehr reale soziale Konflikte gibt, die sich „islambezogen“ interpretieren ließen. Hier zum Beispiel eine aktuelle Studie darüber, wie sich Muslim_innen immer mehr in Deutschland integrieren, während unter Deutschen die Vorurteile wachsen.

9783837626612_720x720Die Frankfurter Soziologin Naime Cakir hat die Entstehungsgeschichte des „Feindbild Islam“ jetzt wissenschaftlich untersucht und nachgezeichnet. Dabei macht sie sich auch über die Terminologie Gedanken. Handelt es sich bei antimuslimischen Ressentiments um „Rassismus“? Diese Frage haben Benni und ich ja auch in unserem letzten Podcast diskutiert. Um Rassismus im klassischen – biologischen – Sinn handelt es sich nicht, auch nicht um „Islamophobie“ (denn es ist keine Krankheit, sondern eine politische Position), auch nicht um „Fremdenfeindlichkeit“, denn es geht ja gerade nicht um „Fremde“, sondern um Konflikte innerhalb der deutschen Gesellschaft.

Cakir sieht einen wichtigen Grund für die aktuelle Abwehrhaltung gegenüber allem, was als „muslimisch“ markiert wird, darin, dass die Kinder und Enkel der ehemaligen „Gastarbeiter_innen“ sich selbst gerade eben nicht mehr als fremd verstehen, sondern als Teil der deutschen Gesellschaft. Dass sie sich nicht mehr mit den angewiesenen Plätzen marginalisierter Niedriglöhner_innen zufrieden geben, sondern Anspruch auf Mitsprache, qualifizierte Berufe und Selbstorganisation erheben. Sie nennt das (unter Rückgriff auf bereits eingeführte soziologische Terminologien) das „Fremde im Eigenen“.

In einem plakativen Bild: Die Putzfrau mit Kopftuch gilt nicht als Problem, die Ärztin oder Lehrerin mit Kopftuch schon. Solange die Muslim_innen in Deutschland an den gesellschaftlichen Rändern blieben, in „unsichtbaren“ Berufen und Hinterhofmoscheen, hat sich niemand über „den Islam“ Gedanken gemacht, man konnte die Menschen und auch ihre Religion einfach ignorieren. Jetzt, wo sie ihren gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft beanspruchen, wo sie repräsentative Moscheen bauen und sich in der Mitte der Gesellschaft behaupten, nicht mehr.

Zur Terminologie schlägt Cakir vor, von „islambezogenem Ethnizismus“ und von „antiislamischem Ethnizismus“ zu sprechen. Sie zeichnet nach, wie im deutschen Diskurs die islamische Religion mit ethnisch-kulturellen Zuschreibungen verschmolzen wurde (das ist der „islambezogene Ethnizismus“), was wiederum eine Voraussetzung dafür darstellt, dass man sich von dieser so konstruierte Gruppe auch in feindlicher Absicht abgrenzen kann (das ist der antiislamische Ethnizismus). Nicht alle, die den Islam ethnizistisch und kulturell interpretieren, sind also auch islamfeindlich, aber durch diese Verknüpfung legen sie mit die Grundlage dafür, dass sich Islamfeindlichkeit etablieren kann.

Das Buch ist seinem akademischen Duktus entsprechend etwas mühsam zu lesen, liefert aber viel Hintergrundmaterial und wichtige Analysen für alle, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Naime Cakir: Islamfeindlichkeit. Anatomie eines Feindbildes in Deutschland. Transcript, Bielefeld 2014, 27,99 Euro.

Hier auch ein Interview mit Cakir: http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/islamfeindlichkeit

Freiheit unterm Schleier? Hm, so eher nicht

Mit dem muslimischen Kopftuch geht es mir ein bisschen wie mit der Prostitution: Ich bin unbedingt dagegen, es zu verbieten oder Frauen, die sich dafür entscheiden, zu stigmatisieren, zu diskriminieren oder für willenlose Opfer zu halten. Aber ich bin gleichzeitig der Ansicht, dass es sich dabei um eine Praxis handelt, die nur innerhalb von patriarchalen Kulturen Sinn ergibt und die ich daher nicht wirklich gut finden kann.

Leider ist aber auch beim „Kopftuchthema“ die Debatte völlig verengt auf die Frage, ob und wie es gesetzlich geregelt gehört. Auf der Contra-Seite werden die unterschiedlichsten und oft abenteuerliche Dinge hineininterpretiert, die Pro-Seite beschränkt sich meistens darauf, es zu einer individuellen Angelegenheit der betreffenden Frauen zu erklären, die niemanden sonst etwas angehe. Mit beidem bin ich nicht einverstanden.

Ich bin der Ansicht, dass eine Debatte über dieses Thema nur möglich ist, indem man die Gründe und Argumente von Frauen, die das Kopftuch tragen, hört und ernst nimmt. Ich bin aber auch der Ansicht, dass ein solches sichtbares Symbol, das die Erscheinungsweise von Frauen in der Öffentlichkeit prägt  – und es gibt ja in Deutschland schon längst mehr nur als eine Handvoll von Kopftuchträgerinnen – nicht einfach nur Privatsache ist, sondern etwas, das uns alle betrifft. Zumindest betrifft es auch mich, die ich ja auch eine Frau bin.

Natürlich gibt es unzählige unterschiedliche Gründe, warum eine Frau das muslimische Kopftuch trägt (es gibt ja auch andere Kopftücher). Manche tun es aus Tradition oder Gewohnheit, manche als sichtbares Zeichen ihrer Frömmigkeit oder ihrer Zugehörigkeit zum Islam, manche vielleicht auch einfach nur als Mode oder um ihre Eltern zu ärgern oder um ihren Eltern einen Gefallen zu tun.

Eine feministische Aktivistin hat mal gesagt, sie trägt es, um keine Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass sie eine lupenreine Muslimin ist, aber sie trägt es auf eine untypische Weise, um gleichzeitig deutlich zu machen, dass sie sich nicht der üblichen patriachalen Tradition ihrer Religion verpflichtet fühlt, was eine Begründung war, die mir besonders gut gefiel.

Das alles sind aber sozusagen, wie man auf philosophisch sagen würde, „kontingente“ Gründe, das heißt, sie hängen nicht wesentlich mit dem Kopftuch zusammen, sondern sind dem Zufall der historischen oder persönliche Umstände geschuldet. Das bedeutet nicht, dass sie unwichtig sind, ganz im Gegenteil, das Kontingente ist meist viel wichtiger als Prinzipien oder Theorien. Aber an dieser Stelle interessiert es mich mal nicht.

schleierWas soll also das Kopftuch, eigentlich? „Unter dem Schleier die Freiheit. Was der Islam zu einem wirklich emanzipierten Frauenbild beitragen kann“ – unter diesem Titel hat Khola Maryam Hübsch jetzt eine Antwort auf diese Frage versucht. Und mit dieser Antwort möchte ich mich hier auseinandersetzen, weil ich mit ihr nicht einverstanden bin.

Wobei ich vorausschicken muss, dass ich mit dem Allermeisten, was sie schreibt, durchaus einverstanden bin. Ein großer Teil des Buches besteht in der Zurückweisung unangemessener und klischeehafter Zuschreibungen an das Kopftuch und aus einem Plädoyer gegen jegliche Verbote, und das sehe ich alles, wie gesagt, ganz genauso.

Der zweite Argumentationsstrang handelt von der Liebe, und zwar von der heterosexuellen Ehe zwischen einer Frau und einem Mann. Ihre Kritik wendet sich, wenig überraschend, gegen die Sexualisierung des weiblichen Körpers, gegen die romantischen Liebesklischees, die allzu oft ins Unglück führen und dergleichen. Ihre Hauptreferenz ist dabei die Studie „Warum Liebe wehtut“ von Eva Illouz, über die ich ja auch schon gebloggt habe. Auch dieser Analyse kann ich weitgehend zustimmen, das ist alles nicht schön.

Aber. Ist das Kopftuch, beziehungsweise die Art von Geschlechterbeziehungen, für die es (laut Hübsch) im Islam steht, eine Lösung für all das? Ein Wort, das sie in dem Zusammenhang oft verwendet, ist „reizarm“. Ihre Argumentation ist letztlich: Eine Kleidung, die den Körper „reizarm“ verhüllt, bewirkt, dass Männer und Frauen füreinander sexuell nicht so anziehend sind, und das wiederum hat zur Folge, dass es weniger Fremdgehen und damit stabilere Ehen gibt, was das Leben für alle, die sich dauerhafte Paarbeziehungen wünschen, leichter macht. Wobei Hübsch betont, dass „Reizarmut“ ein Gebot für Frauen und für Männer sei.

Mal ganz abgesehen davon, dass Homosexualität in diesem Modell als Möglichkeit gar nicht vorkommt, bezweifle ich sehr, dass das so funktioniert. Ich selbst habe einige Erfahrung mit „reizarmer“ Kleidung, sie ist nämlich das, was ich schon immer trage. „Sexy“ kommt in meinem Kleiderschrank nicht vor – aber das hat keineswegs verhindert, dass ich mich permanent in jemanden verliebt habe und alle möglichen Leute sich in mich verliebt haben.

Möglicherweise hat die Art der Kleidung eine Auswirkung auf spontane körperliche Geilheitsanfälle, aber das, was für monogame Beziehungen die viel größere „Gefahr“ ist (wenn man dem Konzept denn mal folgen will), nämlich die Attraktivität einer Person, das Interesse an jemand, das Herzklopfen macht und den Wunsch hervorruft, diese Person wiederzusehen und Zeit mit ihr zu verbringen, das ist von „reizhafter“ Kleidung meiner Erfahrung nach ziemlich unabhängig.

Deshalb zweifle ich auch an Hübschs These, dass gerade das „Kopftuch“ – nicht als isoliertes Kleidungsstück sondern als Ausdruck von „reizarmer“ Kleidung generell – den Nutzen hat, öffentliches Wirken von Frauen leichter zu ermöglichen, weil es sozusagen verhindert, dass sich das öffentliche Wirken mit emotionalem und potenziell ehezerstörendem Beziehungskuddelmuddel vermengt.

Meine Gegenthese gegen diese Begründung für das Kopftuch wäre: Überall dort, wo Frauen mit Männern zusammentreffen (und, im Fall dass sie lesbisch sind, auch dort, wo sie mit Frauen zusammentreffen), besteht die „Gefahr“, dass sie diese anderen Männer_Frauen attraktiv und interessant finden oder von diesen attraktiv und interessant gefunden werden. Kein Kopftuch der Welt kann diese „Gefahr“ auch nur um ein Minimum reduzieren. Mit dieser „Gefahr“ müssen wir alle – als Gesellschaft und als Einzelne – umgehen.

Dafür gibt es ja unendlich viele Möglichkeiten, von innerer Entschlossenheit aus dem festen Wille zu unbedingter „Treue“ auf der einen Seite bis hin zur gänzlichen Verabschiedung der Monogamie auf der anderen. Aber irgendwo auf dieser Skala müssen wir uns ansiedeln – jedenfalls alle diejenigen von uns, die draußen in der Welt aktiv sind und dort mit anderen Menschen als unserem Ehemann oder unserer Ehefrau zu tun haben oder (möglicherweise sogar eng) zusammenarbeiten.

Die einzige Möglichkeit, dieser Problematik aus dem Weg zu gehen, ist es, gar keine außerehelichen Beziehungen zu anderen Menschen zu haben. Oder, wenn man in Hübschs strikt heterosexuellem Kosmos bleibt: Keine außerehelichen Beziehungen zu anderen Männern. Und leider ist das ja eine Interpretation, die dem real existierenden Islam nicht ganz fremd ist.

Natürlich grenzt sich Hübsch von solchen frauenfeindlichen Ideologien klar ab. Aber sie selbst schreibt auch nichts über das öffentliche Wirken von Frauen. Unter weiblicher Freiheit scheint sie nur die Freiheit zu verstehen, einen guten Mann zu finden und mit ihm eine stabile dauerhafte Ehe zu führen. Und das Kopftuch soll dabei helfen, weil es (angeblich) verhindert, dass andere Männer sie attraktiv finden.

Aber eine Frau, die klug und stark in der Welt wirkt, ist nunmal attraktiv. Auch wenn sie ein Kopftuch trägt. Let’s deal with that.

Khola Maryam Hübsch: Unter dem Schleier die Freiheit. Patmos 2014, 192 Seiten, 16,99 Euro.

Zwischen Kulturen. Ein Gespräch mit Safeta Obhodjas.

In meinem Podcast gibt es jetzt ein Gespräch, das ich letzte Woche mit Safeta Obhodjas geführt habe. Sie ist eine Freundin von mir, und eines unserer Dauer-Streitthemen ist die Integrationsdebatte, wo sie – anders als ich – eine „multikulti-kritische“ Position hat. Ich dachte mir, es ist interessant, das mal mitzuschneiden. Es geht um ihre Erfahrungen mit multikulturellem Zusammenleben im früheren Jugoslawien, die Schwierigkeit, Kritik an der (eigenen) muslimischen Community zu üben und ihre Eindrücke vom Stand der Integrationsdebatte in Deutschland.Das Gespräch dauert eine knappe Stunde. Direkt zum Podcast hier.

Hier noch die Links zu den Texten, die wir dabei ansprechen:

Safetas Erzählung „Dzammilas Vorbild“
Ihr Essay über die Frauenbewegung in Jugoslawien
Weitere Texte von ihr auf bzw-weiterdenken.de
Ihre Homepage


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Identität und Zugehörigkeit. Zur Debatte, ob der Islam zu Deutschland gehört

Der alberne Streit über die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, überdeckt ein aus meiner Sicht noch problematischeres Thema im Hintergrund. Denn schon diese Frage geht implizit davon aus, dass es eine fest bestimmbare „Identität“ geben könnte.

Ich habe ja kürzlich schon einmal an dieser Stelle gegen „Gleichheit“ als politisch sinnvollen Begriff argumentiert, und dies knüpft daran an. „Identität“ bedeutet nämlich im Wortsinn „Gleichheit“, und zu diesem Phänomen gehört es, dass Identität daran bemessen wird, wer dazu gehört und wer nicht. Gleichheit, Identität ist nur zu haben um den Preis des Ausschlusses von anderen.

Allein schon die Frage zu stellen, was zu Deutschland gehört und was nicht (egal, wie man das dann beantwortet), bedeutet, sich dem Phänomen „deutsch“ letztlich in den Kategorien der Parteipolitik anzunähern. Also so, wie sich Männer das Politische vorgestellt haben (und damit das funktionieren konnte, mussten sie die Frauen als „andere“ ausschließen): als Parteien. Politische Einheiten verstanden als Gruppe, die sich um ein bestimmtes „Programm“ formiert, die einheitlich-gleich diese Positionen oder bestimmte partikulare Interessen vertritt, und zwar gegen die anderen, die eben andere Meinungen und Interessen haben. Zu denen man einzelne zulassen und aus dem man andere ausschließen kann. Und in diesem Kontext steht eben jetzt die Debatte zum Islam: Sortieren wir ihn ein als „zu uns gehörig“ oder als „fremd“? Und es ist kein Zufall, dass die Antwort auf diese Frage daran geknüpft wird, ob sich „der Islam“ zu „unserem“ Parteiprogramm bekennt.

Dieses Verständnis von Politik als Interessens- oder Identitätspolitik müsste dringend überdacht werden. Das habe ich in der Frauenbewegung gelernt. Die Frauenbewegung hat ja nie ein „Programm“ zustande gebracht (zum Glück), und obwohl auch hier anfangs die eigene Position unter „Fraueninteressen“ in der Logik der Parteipolitik zu denken versucht wurde, ist die „Identität“ der Frauen doch schnell hinterfragt und kritisiert worden. Die Frauenbewegung, so zeigte sich, braucht kein identitäres Subjekt, um handlungsfähig zu sein.

Die alte, von den männlichen „Gleichheits“-Vertretern hervorgebrachte Aufteilung der Welt in eine angeblich „öffentliche“ und eine angeblich „private“ Sphäre verweist dabei auf eine mögliche Auflösung, und zwar in Form der Familie, die als Gegenmodell zur Partei fungiert. Zu einer Familie gehört man nämlich gerade nicht, indem man sich zu einem bestimmten Programm bekennt, sondern einfach so, qua Geburt. Es ist eine Tatsache, dass ich zu einer bestimmten Familie gehöre, eine Tatsache, auf die ich keinen Einfluss habe. Und diese Tatsache wird auch nicht dadurch hinfällig, dass ich mich eventuell an bestimmte Familientraditionen nicht halte oder diese verändern will. Ich bin dann möglicherweise ein „schwarzes Schaf“, aber ich gehöre dennoch dazu.

Ebenso ist meine Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht nichts, was ich durch „unweibliches“ Verhalten aufs Spiel setzen könnte. Egal, was ich tue, ich bin eine Frau. An dieser Stelle könnten wir ansetzen, um auch andere „Identitätspolitiken“ zu hinterfragen. Was Deutschsein ausmacht, das ergibt sich nicht aus der Zustimmung und Anerkennung eines „deutschen Parteiprogramms“, sondern aus der schlichten Tatsache, in Deutschland zu leben oder einen deutschen Pass zu haben und sich selbst zugehörig zu fühlen. Und jede Definition von „Deutschsein“ ist nichts anderes als eine aktuelle Bestandsaufnahme all dessen, was „Deutsche“ tun oder nicht. Deutschsein ist kein „Programm“, sondern eine Tatsache.

Neben Nationalitäten oder politischen Bewegungen (wie der Frauenbewegung) könnte dieses Prinzip der Zugehörigkeit statt Identität auch auf andere Gruppierungen übertragen werden, zum Beispiel auf Religionen. Was etwa „das Christentum“ oder „der Islam“ ist, lässt sich nämlich ebenfalls nicht aus irgendwelchen Jahrhunderte alten Schriften oder Dogmen ableiten (auch wenn die alten Männer, die diese Programme und Dogmen verwalten, das gerne so hätten), sondern aus dem, was diejenigen, die sich zu einer Religion zugehörig erklären, jeweils tun oder lassen.

Dies ermöglicht ein anderes Verständnis von Freiheit: Ebenso wie ich meine Zugehörigkeit zu einer Familie nicht dadurch verliere, dass ich ihre Traditionen verlasse, dass ich dissident bin, ebenso wenig verliere ich meine Zugehörigkeit zur Frauenbewegung, bloß weil ich anderer Meinung bin wie Simone de Beauvoir, oder meine Zugehörigkeit zu Deutschland nicht dadurch, dass ich etwas anderes tue als das, was historisch die „deutsche Leitkultur“ gewesen ist oder mein Christinsein nicht dadurch, dass ich irgendwelche Verlautbarungen der Kirchenspitzen falsch finde.

Ich schlage also vor, politische und weltanschauliche Debatten nicht länger entlang der Bestimmung einer „Identität“ zu diskutieren, sondern entlang der Bestimmung von „Zugehörigkeit“. Beziehungsweise den Zusammenhang umzudrehen: Nicht die Identität, die Gleichheit, die Übereinstimmung mit einem Programm oder einer Leitkultur ist die Grundlage für Zugehörigkeit, sondern andersrum: Die Zugehörigkeit entscheidet darüber, wie das „Programm“ oder die „Leitkultur“ aussieht, weil dies nur die Summe dessen ist, was alle „Zugehörigen“ tun oder lassen.

Das hat auch den großen Vorteil, dass Differenz dabei denkbar wird, dass inhaltliche Konflikte und Kontroversen fruchtbar gemacht werden können, zum Nutzen des Ganzen. Und es zeigt auch, was hinter islamfeindlichen Einstellungen wirklich steckt: Nämlich nicht etwa eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Ansichten, die man selbst falsch findet, sondern gerade die Abwehr und Verweigerung solcher inhaltlichen Auseinandersetzungen.

Oder anders gesagt: Mit Leuten, von denen ich behaupte, dass sie ohnehin nicht dazu gehören, brauche ich ja nicht diskutieren. Ich kann sie einfach vor die Tür setzen.

 

Update: Christoph Fleischer hat diese Gedanken in einem eigenen Blogpost weitergedacht


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Sex, wie er Gott gefällt…

© olly – Fotolia.com

Kürzlich besuchte ich eine Veranstaltung in der Evangelischen Stadtakademie in Frankfurt, bei der eine Jüdin (Hanna Liss), eine Christin (Susanna Hrasova) und eine Muslimin (Naime Cakir) über das Thema „Lieben, wie es Gott gefällt“ diskutierten. In Wirklichkeit ging es vor allem um das Thema „Sex, wie er Gott gefällt“ beziehungsweise noch genauer um „Sex, wie er nach den Mainstream-Theologen Gott angeblich gefällt bzw. vor allem auch nicht gefällt.“

Nun stehen die monotheistischen Religionen allgemein nicht in dem Ruf, der Sexualität gegenüber besonders positiv eingestellt zu sein, und schon gar nicht der weiblichen Sexualität gegenüber. Und mit gutem Grund. Aber insgesamt wird diese Kritik doch immer recht allgemein-pauschal in den Raum gestellt.

Deshalb poste ich hier einige Dinge und Aspekte, die ich an diesem Abend gehört habe, die mir neu waren, und die vielleicht helfen, die Hintergründe dieser sexualfeindlichen Entwicklungen zu verstehen. Diese Punkte liste ich hier einfach mal auf, zum einen, um sie selber nicht zu vergessen, weil ich an der einen oder anderen Stelle noch Nachdenkensbedarf sehe, und zum anderen, weil sie ja vielleicht auch noch andere interessant finden könnten. Es ist eine sehr subjektive Auswahl, bei der sich zudem meine eigenen Gedanken mit dem von den Rednerinnen Gesagten vermischt haben, sodass ich sie nicht mehr auseinander dröseln kann. Deshalb ordne ich sie auch nicht im Einzelnen den Referentinnen zu.

* In der Bibel (Tora und Neues Testament) sowie im Koran wird Sexualität tendenziell weniger negativ dargestellt als später in den Auslegungen dieser Schriften. Der gemeinsame Nenner ist, grob gesagt: Sexualität an sich ist durchaus in Ordnung, aber nicht zu jeder Zeit, nicht mit jedem und nicht überall.

* In allen Religionen ist Homosexualität verboten. Ebenso Inzest und Sex mit Tieren. In Judentum und Islam ist Sex auch zu bestimmten Zeiten verboten, etwa während der Fastenzeit oder wenn die Frau menstruiert.

*„Guter“ Sex hat in der Ehe stattzufinden. Allerdings ist die Frage, was genau mit „Ehe“ gemeint ist. Sicher nicht die kleine Familienzelle, die wir heute damit assoziieren. Im Islam etwa ist die Ehe kaum formal geregelt, sie ist ein privater Rechtsvertrag: Man übernimmt füreinander Verantwortung, macht das öffentlich, und dann ist das eine Ehe. Entsprechend kann man sich auch wieder scheiden lassen.

* Eine sozialhistorische Begründung für diese Beschränkung von Sex auf die Ehe, also eine rechtlich verbindliche Beziehung, kann in dem Versuch gesehen werden, die Verantwortlichkeit des Mannes für die Folgen von Sex zu gewährleisten, also konkret: Im Fall, dass die Frau schwanger wird, ihre wirtschaftliche Versorgung (und die ihrer Kinder) sicherzustellen. In patriarchalen Gesellschaften wie denen von damals, in denen Frauen vieles verboten war, vielleicht keine ganz unwichtige Sache.

* Judentum und Islam lassen auch „Nebenfrauen“ zu, kennen also eine gewisse Bandbreite von Beziehungsformen, nicht nur das Mann-Frau-Paar. Berühmtes Beispiel ist die Liebesgeschichte von Jakob und Rahel aus der Tora: Sieben Jahre arbeitete er für ihre Familie, bevor er sie heiraten durfte. Dann schob sie ihm mit einem Trick in der Hochzeitsnacht ihre Schwester Lea unter (interessante Frage, wie das praktisch funktionieren konnte…). Er musste dann noch mal sieben Jahre arbeiten, bevor er auch Rahel heiraten konnte. Menage a trois. Geht allerdings nicht mit einer Frau und mehreren Männern.

* Das Christentum ist die einzige der drei Religionen, in der Sexualität generell als problematisch angesehen wird (also auch dann, wenn sie innerhalb des erlaubten Rahmens stattfindet). Paulus war der erste, der die Ehelosigkeit lobte, aber noch nicht in einem prinzipiellen Sinn, sondern eher pragmatisch: Wer eine Familie hat, ist tendenziell weniger bereit, alles für die „Sache“ zu geben. So ähnlich, wie das auch in den K-Gruppen der 68er-Bewegung gesehen wurde: Familiäre Bindungen als kleinbürgerliche Ablenkung von der Revolution. Oder wie heute bei Managern ungebundene Singles beliebt sind, weil die mobiler einsetzbar sind und die nicht etwa abends zum Elternabend müssen. Paulus hielt es einfach für vorteilhaft, wenn die christlichen Missionare und Missionarinnen nicht von Liebesgeschichten abgelenkt wurden.

* Die speziell christliche Sexfeindlichkeit entstand erst ab dem 2. Jahrhundert, und dann vor allem bei Augustinus, der der Meinung war, Sex sei nie gut, auch in der Ehe nicht. Weil er es als Ideal ansah, dass der Geist über dem Körper steht und diesen kontrolliert, was bei gutem Sex bekanntlich normalerweise nicht der Fall ist. Hintergrund dieser Idee war die Verdrehung einer Metapher, die damals über Jesus zirkulierte: Dieser habe die Kirche so geliebt wie ein Mann eine Frau, hieß es. Das drehten die Kirchenväter dann um und machten daraus: Ein Mann soll seine Frau lieben wie Jesus die Kirche. Also gewissermaßen „sakramental“.

* Daraus wiederum entstand dann die Vorstellung, die Ehe sei ein Sakrament, etwas Heiliges – also nicht mehr, wie im Judentum und später im Islam ein rechtlicher, weltlicher Vertrag, der mit Gott erstmal nichts zu tun hat. Mit der „Verheiligung“ der Ehe bekamen die „Übertretungen“ beim Sexleben eine ganz andere Bedeutung. Sie waren nun keine Angelegenheit mehr, die Menschen untereinander zu regeln hatten (etwa wirtschaftliche Versorgung), sondern sie berührten das Verhältnis der Menschen zum Göttlichen. Als umso schlimmer wurden daher die die Übertretungen dieser Regeln gewertet.

* Martin Luther hat das allerdings wieder rückgängig gemacht, für ihn war die Ehe wieder „ein weltlich Ding“. Deshalb dürfen sich Evangelische auch scheiden lassen und erneut heiraten, Katholische nicht. Allerdings ist auch in protestantischen Milieus der Spaß, den man beim Sex haben kann, nicht wirklich wichtig und wird tendenziell skeptisch beäugt.

* Die „Weltlichkeit“ der Ehe in Judentum, Islam und evangelischem Christentum ist der Grund, warum hier die Möglichkeiten besser sind, auch andere Beziehungsformen zu legitimieren. So ist Homosexualität zwar im Islam verboten, um sie tatsächlich zu verfolgen, muss es aber mehrere Zeugen geben, die den Geschlechtsakt unabhängig voneinander gesehen haben. Was in der Praxis nicht so oft vorkommen dürfte. Wenn Homosexualität hingegen als Sünde gegen Gott angesehen wird, ist die Möglichkeit verstellt, sie wenigstens heimlich zu praktizieren: Gott sieht alles!

* Die Sakralität der Ehe nach katholisch-christlichem Verständnis bedeutete auch, dass Sex keinen Spaß machen soll (weil dann der geistige Kontrollverlust droht), sondern nur zu dem Zweck erlaubt ist, Kinder zu zeugen. Daher die katholische Abneigung gegen Verhütungsmittel. Deshalb ist auch eine Ehe, in der Frau oder Mann nicht zum Vollzug des Geschlechtsverkehrs in der Lage ist, nach katholischer Vorstellung ungültig. Nicht ungültig hingegen ist eine katholische Ehe bei Unfruchtbarkeit (da wird die Möglichkeit eingeräumt, dass Gott ein Wunder tut). Erst in den 1960er Jahren, beim 2. Vatikanischen Konzil, kam als ein zweiter Ehegrund neben dem Kindermachen das „Wohl der Ehepartner“ hinzu.

* Dass das Kinderzeugen in christlich-katholischer Sicht die einzige Legitimation für Sexualität war, führte dann zum kategorischen Verbot jeder Sexualpraxis, die nicht zur Zeugung führen kann, also Analverkehr oder Onanieren. Es hatte dann auch so merkwürdige Vorstellungen zur Folge wie die, dass eine Vergewaltigung weniger schlimm sei als Onanieren – weil ja bei einer Vergewaltigung ein Kind gezeugt werden kann, beim Onanieren nicht.

* Sowohl im Islam als auch im Judentum ist Sex nicht nur erlaubt, er ist – innerhalb der Ehe – sogar religiöse Pflicht. Es gibt auch keine Vorstellung von Zölibat, im Gegenteil: Mohammed soll gesagt haben, wer sexuell enthaltsam lebt, könne nicht zu seiner Gemeinde gehören.

* Im Islam dient Sexualität nicht vorrangig dem Zweck, Kinder zu zeugen, sondern als Vorgeschmack auf das Paradies. Die sexuelle Lust ist quasi ein „Trick“ Gottes, um Menschen zum Vögeln zu bringen. Dass dabei Kinder entstehen, ist aber ein erfreulicher Nebeneffekt. Die beim Sex empfundene Lust lässt uns erahnen, wie toll es im Paradies sein wird – mit der Folge, dass wir uns dann anstrengen, dort hin zu kommen und entsprechend gottesfürchtig leben. Auf muslimischen Internetseiten wird das Thema, welche Sexualpraktiken erlaubt oder besonders anzuraten sind, offen diskutiert. Im Islam ist auch Verhütung erlaubt, im 13. Jahrhundert wurde sogar die Abtreibung positiv diskutiert (heute im islamischen Mainstream wird sie verurteilt).

* Apropos Paradies. Zu dieser Sache mit den vielen Jungfrauen, die dort angeblich die Männer erwarten: Das Paradies ist nach islamischer Vorstellung ein Ort, wo es keine Differenz mehr gibt zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Von daher sagt diese konkrete Vorstellung vom Paradies vor allem etwas aus über die Wünsche der Männer, die sie formuliert haben.

* Im Judentum ist die Sache mit dem Zweck von Sex komplizierter. Interessant ist, dass der „Fruchtbarkeitsbefehl“ aus der Schöpfungsgeschichte („Seid fruchtbar und mehret euch“) grammatikalisch männlich formuliert ist. Manche schließen daraus, dass nur die Männer verpflichtet sind, Kinder zu zeugen. Verhütung ist daher auch nur für Männer verboten, für Frauen nicht.

* Ausdrücklich wichtig ist sowohl im Islam als auch im Judentum die sexuelle Befriedigung der Frau. Im Judentum gibt es etwa die Vorstellung, dass die Frau nur dann einen Sohn empfängt, wenn sie den Sex genossen hat. Das ist natürlich in sich auch schon wieder eine frauenfeindliche Denke, denn es ist ja nichts falsch an einem Mädchen. Andererseits gibt es Männern, die sich einen Sohn wünschen, durchaus gewisse „Anreize“, darauf zu achten, dass die Frau den Sex genießt.

* Im Talmud gibt es eine Stelle, wo es heißt, man soll nicht miteinander verkehren „wie die Perser“ (also die Kleider anlassen, einen Quicky sozusagen), sondern der Mann soll sich ausziehen (oder auch: es langsam angehen lassen). Tut er das nicht, hat die Frau das Recht, sich scheiden zu lassen.

* In der Tora kommen sehr viele Mann-Frau-Paare vor. Demgegenüber ist es auffällig, dass im Neuen Testament nur zwei Mann-Frau-Paare namentlich erwähnt werden: Maria und Josef und Priscilla und Aquila (ein Missionarspaar). Den Koran kann man damit nicht vergleichen, weil darin eher allgemeine philosophische Betrachtungen stehen und keine Geschichten erzählt werden.

* In jüdischer Vorstellung hatten Adam und Eva erst nach dem Essen der Frucht vom „Baum der Erkenntnis“ sexuelles Lustempfinden (Sex hatten sie vorher schon). Sexuelle Lust und Erkenntnis hängen also eng zusammen. Deshalb wird es in den Torageschichten auch als Synonym genutzt: „Er erkannte sie“ heißt soviel wie „er hatte Sex mit ihr“. Erst in christlicher Theologie wurde die Geschichte von der „Erkenntnis“ interpretiert als „Sündenfall“.

 

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Die Politik der Macht und die Notwendigkeit der Vermittlung

Zu den aktuellen Diskussionen um ein Burka-Verbot möchte ich keinen umfassenden Blogpost schreiben, sondern nur auf einen Punkt hinweisen, der mir in den Debatten zu kurz kommt. Er betrifft eine Gefahr, die mit allen Versuchen, eine „richtige“ Meinung (in dem Fall die, dass es – wie ich finde – Ausdruck einer frauenfeindlichen Kultur ist, wenn Frauen ihre körperliche Erscheinung in der Öffentlichkeit unsichtbar machen) durch staatliche Verbote durchzusetzen.

Diese Gefahr besteht darin, zu glauben, dass es mit diesem Gesetz dann getan ist und dass es nicht mehr notwendig sei, über den Inhalt des Gesetzes (das Tragen der Burka in diesem Fall) zu verhandeln und zu diskutieren. Ich muss andere nicht mehr überzeugen, wenn es mir möglich ist, sie mit Hilfe der Polizei zu zwingen.

Luisa Muraro hat das in dem neuen Buch der Diotima-Philosophinnen „Macht und Politik sind nicht dasselbe“ (zusammengefasst von Dorothee Markert) so gesagt: Politik kippt dann in Macht um, „wenn aufgehört wird, nach Vermittlungen zu suchen oder an besseren Vermittlungen zu arbeiten. Wer Machtmittel zur Verfügung hat, ist leichter verführbar, sich die Mühe zu ersparen, sich mit den jeweiligen anderen Beteiligten einer Situation in Beziehung zu setzen und nach Vermittlungen zu suchen, mit deren Hilfe die auftretenden Konflikte gelöst werden können oder auch Regeln zu finden, die dabei helfen können.“

Das Burkaverbot ist nur die Spitze des Eisberges. Das Problem besteht vielmehr darin, dass diese Haltung sehr weit verbreitet ist – und auf der Gegenseite dann einen kulturellen Relativismus hervorruft, der die Auseinandersetzung letztlich ebenfalls scheut. Jüngstes Beispiel ist die Auseinandersetzung zwischen Gentleman, der im Interview seine Freundschaft zu jamaikanischen Musikern verteidigt, die extrem homophobe Auffassungen vertreten, und Volker Beck, der in seiner Erwiderung darauf auf klare machtpolitische Gegenreaktionen setzt.

Auch hier sehe ich einen Fall von falschem Dualismus (wie übrigens in der Islam vs. Feminismus-Debatte schlechthin). Die Alternative ist nicht: Entweder Gesetze dagegen machen oder Verständnis zeigen. Sondern die eigentliche politische Frage ist: Wie können wir dieses Verhältnis so gestalten, dass sich wirklich eine nachhaltige Verbesserung im Sinne eines guten Lebens für alle entwickeln kann?

Das ist die Frage, an der sich auch jede Gesetzesinitiative messen lassen muss: Wird es dazu dienen, die Situation zu verbessern – oder vergrößert es die Gefahr, dass die anderen sich in ihrer Haltung erst recht verbarrikadieren? Der Sinn eines Gesetzes erweist sich nicht darin, dass sein Inhalt „richtig“ ist (im Sinne eines breiten gesellschaftlichen Konsenses), sondern daran, dass es den politischen Diskurs in eine sinnvolle Richtung bewegt.

Dies scheint mir im Falle des Burkaverbotes nicht so zu sein. Diese Verbote stehen ja in einem Zusammenhang mit zunehmendem antiislamischen Grundtenor in bestimmten Teilen der Bevölkerung. Sie verschärfen die Gräben zwischen „Kulturkämpfen“ auf beiden Seiten, und insofern richten sie einen Schaden an, der in keinem Verhältnis steht zu den wenigen Fällen, in denen sie greifen würden.

Jedenfalls gilt: Wenn wir den mehrheitspolitischen Konsens per Gesetz für alle verbindlich machen, müssen wir uns bewusst darüber sein, dass uns das nicht von der Notwendigkeit entbindet, den Inhalt dieser Gesetze immer wieder neu zu verhandeln, zu vermitteln, argumentativ zu begründen, in konkreten Situationen plausibel zu machen. Und wenn wir uns gegen ein Gesetz entscheiden, darf das nicht heißen, dass wir die Meinung der anderen kritiklos stehen lassen, dass wir ein desinteressiertes, relativistisches Nebeneinander pflegen, sondern damit einher gehen muss die Bereitschaft, in den konkreten Beziehungen Konflikte auszutragen.

Wegweisend für eine solche „Politik der Beziehungen“ finde ich dabei diese Unterscheidung von Luisa Muraro zwischen Relativität und Relativismus:

„Es ist äußerst notwendig, zwischen Relativismus und Relativität zu unterscheiden: Relativismus bedeutet, die Suche nach dem universalen Wahren und Richtigen aufzugeben, weil man glaubt, alle möglichen Antworten seien abhängig von Kulturen (oder Standpunkten oder Interessen), also historischer Natur und damit veränderbar, und keine könne sich als den anderen überlegen betrachten. Die Relativität hingegen, als Gedankengebäude und vor allem als geistige Einstellung, kann als ein unvorhergesehener Sieg über den Relativismus betrachtet werden. Dieser Sieg wird errungen und bildet sich heraus, indem man Vermittlungen sucht, um von dem einen zum anderen Standpunkt zu kommen. In der Praxis heißt das, Übersetzungen zu suchen zwischen dem, was ich in erster Person lebe, weiß, fühle in etwas, das der/die andere verstehen kann, weil es dem, was er oder sie weiß, fühlt, lebt ähnlich ist oder darauf eine Antwort bietet, indem ich zugehört habe, als er/sie versucht hat, mir die Bedeutung seiner/ihrer Erfahrungen zu erklären.“

Ein guter Artikel zum Thema auch von Felix Neumann: Die Burka der anderen.