Refugees, Gutes tun, Facebook, Rassismus, Identitäten und Angst

Refugees, Gutes tun, Facebook, Rassismus, Identitäten und Angst – die Themen von benni_b und mir in der neuen Episode unseres Podcasts “Besondere Umstände”: http://besondereumstaende.podcaster.de/bu/besondere-umstaende-episode-18 

„Alle Frauen werden gebeten, sich von der Front zurückzuziehen“

Übermorgen läuft im Kino der Dokumentarfilm „Maidan“ von Sergei Loznitsa an (eine niederländisch-ukrainische Koproduktion), der sich mit den Protesten in Kiew im Winter 2013/2014 beschäftigt, die schließlich zum Sturz des damaligen Präsidenten führten.

839239Ich habe den Film schon vor einigen Wochen gesehen, und er hat mich ein bisschen ratlos zurückgelassen, was den Stand revolutionärer Bewegungen im 21. Jahrhundert angeht. Dabei ist er interessant gemacht, nämlich so, dass man den Eindruck hat, dabei zu sein. Es gibt keine großartige Dramaturgie oder Kameraführung, sondern die Kamera steht immer für längere Zeit fix an einem Punkt und filmt ab, was vor ihr passiert: Leute, die vorbeilaufen und irgendwelche Dinge tun. Es sind verschiedene Stellen am Maidan-Platz, von denen gefilmt wird, die Bühne natürlich, aber auch Nebenstraßen, Schulen, in denen Aktivist_innen sich versammeln, die Küche, und so weiter. An verschiedenen Tagen über den ganzen Zeitraum der dortigen Proteste.

Ist es ein nationalistischer Propagandafilm oder ein Dokument sozialrevolutionärer Proteste? Das lässt sich erstaunlicherweise nicht so richtig sagen, denn die Symbolik vermischt und überlappt sich. Revolutionsansagen gegen „die da oben“, solidarische Proteste und Blockaden sowie eine Ästhetik, wie man sie auch bei Blockupy sieht, stehen neben strammstehendem Absingen der ukrainischen Nationalhymne (man hört sie im Film satte vier Mal in voller Länge, sie hat übrigens eine schöne Melodie), redenschwingenden Popen und einem Präsidenten in Spe, der auf der Bühne Kinder herzt.

Es gab einen Punkt in dem Film, wo diese Anspannung des „Wie soll ich das denn jetzt finden?“ von mir abfiel, und zwar, als es zum gewalttätigen Aufeinandertreffen zwischen Polizei und Protestierenden kommt und aus den Maidan-Lautsprechern die Aufforderung erfolgt: „Alle Frauen werden gebeten, sich von der Front zurückzuziehen.“ Ja, das machte ich dann mal und sank etwas entspannter in meinen Kinosessel.

Gewissermaßen von außen betrachtend, als eine, die ohnehin nur so halb beteiligt sein kann_soll_will_darf, kam ich zu dem Schluss, dass es wahrscheinlich einfach keine eindeutige Weise gibt, diesen Film zu lesen: Er ist tatsächlich gleichzeitig ein Lob auf revolutionäre Proteste und eine Karikatur davon. Jedenfalls mit meinen Augen betrachtet ist das so. Ich weiß nicht, ob ich diese revoltierenden Leute, die da zu sehen sind, für ihren Mut und ihre Beharrlichkeit bewundern oder wegen ihrer Lächerlichkeit auslachen soll. Ich weiß nicht, ob eine solche „revolutionäre Dynamik“ mir Hoffnung macht oder Angst.

Letzten Endes weiß ich nicht, ob der Film ironisch gemeint ist oder ernst. Und damit ist er eigentlich sehr typisch für einen Großteil dessen, was heutzutage unter dem Label „Politik“ geschieht. Ob revolutionär oder nicht.

Im Trailer kommt übrigens ganz gut rüber, was ich meine. Interessanterweise haben sie sogar das Zitat mit den Frauen rausgesucht, obwohl es im Film selber nur eine ziemliche Nebensächlichkeit ist. Ich habe aber den Eindruck, es soll im Trailer etwas anderes belegen als bei mir, nämlich nicht die latente Männlichkeit des Geschehens, sondern die wirklich Ernsthaftigkeit der Sache. Das wissen wir ja, nech: So richtig zur Sache gehen kann es erst, wenn die Frauen weg sind. (Ihr könnt ja mal raten, ob ich das jetzt ironisch meine oder nicht.)

Die Wellen der Mutterschaftsdiskurse

Gestern Abend ist im 10 nach 8-Blog auf Zeit-Online ein Text von mir erschienen, der ursprünglich den Titel hatte “Warum ich keine Kinder habe”. Seither habe ich auf den unterschiedlichsten Kanälen, im Internet, via Mails, Face to Face, weiter über das Thema diskutiert und entwickle gerade eine Wellentheorie in Bezug auf Mutterschaftsdiskurse. Denn je nach Alter der Frauen, die auf meinen Text reagiert haben, glaube ich eine unterschiedliche symbolische Einbettung der Frage “Will ich Kinder haben?” in ein gesellschaftliches Narrativ zu erkennen.

Meine eigene Generation (Mitte der 1960er geboren, also vor allem zwischen 1990 und 2000 mit der Frage des Kinderhabens konfrontiert) war dabei von den Narrativen geprägt, die ich in dem Artikel schildere: Muttersein und ambitioniertes (Berufs-)leben schließen sich gegenseitig aus, dafür gibt es keine ausreichende Infrastruktur. Väter fühlen sich nicht zuständig. Familien sind nur im klassisch heteronormativen Sinne denkbar, alle Frauen, die das nicht wollen, müssen bitte kinderlos bleiben. Gleiches predigte auch der damalige Feminismus, jedenfalls der bekanntere à la Emma und Simone de Beauvoir. Viele dieser Frauen haben, so wie ich, keine Kinder bekommen.

Die nächste “Welle” der Mitte der 1970er Geborenen, die zwischen 2000 und 2010 entscheiden mussten, ob sie Kinder haben wollen, hatten schon ein neues Narrativ zur Verfügung, nämlich das der “Vereinbarkeit von Beruf und Familie”. Sie hatten teilweise schon selbst feministische Mütter, die aus der klassischen Ehefrauen-Rolle ausgebrochen waren, oder sie hatten in Medien und im realen Leben schon eine ganze Reihe von Vorbildern für neue Formen der Mutterschaft. Die Gleichstellungspolitik hatte bereits Erfolge verzeichnet, es gab mehr Infrastruktur für Kinderbetreuung und eine hoffnungsvolle Grundstimmung, dass beides möglich ist. Väter würden sich zur Hälfte an der anfallenden Arbeit beteiligen, das geht schon. Viele dieser Frauen waren dann überrascht, dass sie es mit Kindern doch schwerer hatten als gedacht.

Die dann folgende Welle, die heute noch anhält, betrifft die Mitte der 1980er Geborenen, die also erst seit etwa 2010 über die Frage des Kinderhabens nachdenken. Sie sind heute mit einem Narrativ konfrontiert, das die Sache mit der “Vereinbarkeit” deutlich verhaltener sieht. Es wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Bücher darüber geschrieben, dass das alles doch nicht so easy-peasy geht, statt der Hoffnungen auf “Vereinbarkeit” sind die Probleme und uneingelösten Versprechungen Thema. Ihre Mütter sind oft selbst zwischen Berufsarbeit und Familienarbeit zerrissen, hatten wenig Zeit. Vielleicht kein Wunder, dass manche dieser Frauen wieder von alten Hausfrauenzeiten träumen, in der sich Mütter ganz ganz auf das Basteln von Schultüten konzentrieren konnten statt ins Büro hetzen zu müssen. Manchmal scheint es deshalb so, als wäre seit 1990 gar nichts vorangegangen und als würden Frauen heute wieder vor denselben Hürden stehen, wie wir damals in den 1980ern.

Aber keine Sorge, es ist vorangegangen. Dass es eine gute öffentliche Infrastruktur für Kindererziehung braucht, wird nicht mehr in Frage gestellt (das war in den 1980ern in Westdeutschland noch ganz anders), andere Familienformen als die Vater-Mutter-Kind-Familie sind öffentlich sichtbar, und dass Frauen berufstätig sein sollen, wird nicht mehr ernsthaft bezweifelt. Und auch mehr Väter als früher fühlen sich für die Kinderversorgung und die “Vereinbarkeit” zuständig. Das alles wird auch nicht mehr zurückgedreht.

Es stellt sich halt nur heraus, dass das nicht so einfach zu realisieren ist und wir wahrscheinlich doch eher eine Care Revolution brauchen als hier und da ein paar kleine Reförmchen. Aber auch das realistischere Erkennen einer Situation ist ein Fortschritt. Und dieser Realismus bedeutet ja nicht, die besser gewordenen Gelegenheiten zu ergreifen, wo immer sie sich bieten.

 

Diese leidige Sache mit Adam

Wie Ihr vielleicht wisst, schreibe ich neben diesem hier ja noch einen Gott-Blog, in dem es um theologische und religiöse Themen geht, von denen ich vermute, dass sie viele von euch nicht interessieren. Mein letzter Post dort, “Diese leidige Sache mit Adam”, hat jedoch ziemlich viele Reaktionen bekommen und wurde oft geteilt, deshalb will ich euch hier auch kurz darauf hinwesien. Es geht um die Auslegung der jüdischen Schöpfungsgeschichte und die Erkenntnis, dass Adam kein Mann ist.

Diese leidige Sache mit Adam.

Wer trägt die Lasten der Austeritätspolitik?

Mein letzter Workshop der bei der Konferenz der International Association for Feminist Economics in Berlin (vgl. die vorherigen Posts hier im Blog) hatte  den Titel „Austerity Measures in Europe: Who Bears the Burden?“.

Dabei stellte Maria Laura di Tommaso eine Studie vor, wonach sich der Gender Pay Gap seit 2008 in Italien verdoppelt hat, und zwar seit 2010 vor allem in den höheren Einkommensgruppen. Leider habe ich ganz hinten gesessen und sie hat so leise gesprochen, dass ich die Details ihrer Analyse schlichtweg nicht mitbekommen habe.

Anschließend berichtete Yolanda Inbeto von Versuchen der linken Provinzregierung in der baskischen Provinz Gipuzkoa, trotz Austeritätsvorgaben aus Madrid nicht an sozialen Ausgaben zu sparen und dennoch Maßnahmen zu mehr Geschlechtergerechtigkeit einzuführen. Da das alles noch sehr jung ist, ist es noch zu früh, daraus eine Bilanz zu ziehen bzw. zu wissen, wie erfolgreich es ist. Aber schön, zu wissen, dass es in Europa noch Ecken gibt, in denen sowas ausprobiert wird.

Dann sprach Diane Perrons über „Gender, Poverty and Work in post-crisis Europe“: Der Anteil der Armen stieg generell, aber der von Männern stieg höher als der bei Frauen. Auch sie plädierte, wie viele, dafür, den Finanzmarkt endlich als soziales Phänomen zu betrachten (und damit unter anderem auch als „gegendertes“ Phänomen). Sie definierte „Ökonomie“ als „inhärent redistributive“, es gehe dabei nicht nur um die Schaffung von Wohlstand, sondern auch um den Ausgleich. Die Gegenüberstellung von „Wirtschaftswachstum“ versus „Sozialausgaben“ sei falsch, da auch Sozialausgaben „produktiv“ sein können.

Susan Himmelweit stellte schließlich die in Westeuropa in den vergangenen Jahrzehnten erheblich angestiegene Erwerbsbeteiligung von Frauen in einen Zusammenhang mit der Finanzkrise: Die durch die Aktivierung des weiblichen Arbeitskraftreservoirs erzielten Gewinne seien nicht in die Gesellschaft reinvestiert, sondern zur Gewinnsteigerung und Reichtumsvermehrung genutzt worden. Daher rührt das jetzige Care-Dilemma, weil das Finanzkaptial eben keinerlei Interesse an „sozialer Reproduktion“ hat oder daran, wie die Lebensumstände normaler Menschen sind. Hier interessieren nur die Kosten. Die stärksten Lasten der Austeritätspolitik zwischen 2010 und 2015 hätten alleinerziehende Eltern (Einkommensrückgang von 15,1 Prozent) und alleinstehende Rentner_innen zu tragen (11,6 Prozent) – zwei Gruppen, in denen Frauen deutlich die Mehrheit stellen.

Das langfristige kulturelle Problem dabei sei, dass durch die Sparpolitik der Anspruch an die Erwartungen an „Care Norms“, also an die Qualität von Care Arbeit, schon deutlich zurück gegangen seien. Es wäre dringend ein neuer „Plan F“ zur Investitionen ins soziale Infrastruktur notwendig.

 

Die Care-Debatte in einem globalen Kontext

Es folgt ein weiterer Blogpost zur Konferenz der International Association for Feminist Economics in Berlin (vgl. die vorherigen Posts hier im Blog). Bei diesem Roundtable bei der IAFFE-Konferenz ging es um „Unpaid Work and the New Development Agenda“. Zunächst gab Valeria Esquivel (UN Research Institute for Social Development) einen Überblick über den Stand der Care-Debatte in einem globalen Kontext. Je nachdem kann der Kontext sehr unterschiedlich sein, und dabei besteht immer auch die Gefahr, aneinander vorbei zu reden.

Im Westen ist zum Beispiel manchmal von einem ein „Recht auf Care“ die Rede, und damit ist nicht nur das Recht gemeint, bei Hilfsbedürftigkeit versorgt zu werden, sondern auch das Recht darauf, Care-Arbeit an Freund_innen und Familienangehörigen zu leisten, ohne dass ein Zwang, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen und nach Bedarf Erwerbsarbeit zu leisten, das unmöglich macht. Dieses „Recht auf Care“ ist jedoch in Kontexten, wo von Frauen ganz selbstverständlich erwartet wird, dass sie die Care-Arbeit leisten, nicht unbedingt einsichtig, weil Care dort noch viel mehr eine Folge von „social obligations“ ist. Frauen haben gar nicht die Möglichkeit, diese Arbeit abzulehnen. In solchen Kontexten stünde daher eher das Recht, „not to care“ auf der Agenda.

Ein weiteres Problem ist, dass der Begriff Care sich zwar im feministisch-ökonomisch-aktivistischen Kontext inzwischen etabliert hat, aber noch nicht generell geläufig ist. Gleichzeitig ist es aber kein Fremdwort, sondern ein Wort aus der Alltagssprache, was für die Vermittlung der politischen Bedeutung dahinter gleichzeitig eine Stärke wie auch eine Schwäche ist. Viele Frauen, die Care-Arbeit leisten, würden das selbst nicht so bezeichnen, und sie würden sich auch in dem ökonomischen Konzept nicht unbedingt wiedererkennen. Gleichzeitig gibt es Arbeiten, die eindeutig von allen spontan als „Care“ erkannt werden – etwa die von Krankenschwestern –, aber dadurch entsteht dann wiederum ein recht enges Verständnis von dem, was das Konzept „Care“ umfasst. Allerdings ermöglicht der Begriff durchaus in den unterschiedlichsten Kontexten „cross-reference conversations“.

Für den internationalen Diskurs identifizierte Esquivel drei Aspekte: Recognition, Reduction und Redistribution. Es müsse dafür gesorgt werden, dass Care Arbeit als zentraler Bestandteil von Ökonomie zunächst einmal erkannt und anerkannt werde. Dann sei zu überlegen, wo diese Arbeit reduziert werden kann (In vielen Bereichen fehlt es dabei an Infrastruktur und Technologie, zum Beispiel wenn Wäsche mit der Hand gewaschen werden muss oder wenn es keine angemessene Ausstattung von Krankenbetten gibt usw.). Und schließlich gehe es um die Umverteilung, und zwar nicht nur von Frauen zu Männern, sondern auch zwischen privaten Haushalten und öffentlichen Einrichtungen und vor allem zwischen Arm und Reich.

Auch in diesem Panel war Corina Rodgriguez-Enriquez dabei (vgl. voriger Blogpost), die bei der FFD3-Konferenz in Addis Abeba für eine feministische entwicklungspolitische NGO Lobbyarbeit geleistet hatte. Leider sei in dem Abschlusspapier dort keinerlei Bezugnahme auf unbezahlte Care-Arbeit aufgenommen worden, in puncto „Recognition“ sei also nichts erreicht worden. Allerdings sei das Thema indirekt verhandelt worden, etwa wo es um die (zu steigernde) Erwerbsbeteiligung von Frauen ging. Es gebe jedoch einen Trend in der Entwicklungspolitik, Lösungen nicht mehr von Staaten, sondern von der Privatwirtschaft zu erwarten. Auch die „Frauenfrage“ werde heute nicht mehr unter „Menschenrechte“, sondern unter „smart Economics“ subsumiert, und das betreffe auch Care.

Genau das wiederum fand aber die dritte Panelistin, Xiao-Yuan Dong von der Universität Winnipeg, gar nicht schlecht. Sie verwies darauf, dass zum Beispiel bei der chinesischen Regierung alles, was unter dem Label „Menschenrechte“ läuft, aufgrund der dauernden Kritik des Westens von vorneherein auf Misstrauen stößt. Wenn hingegen die Förderung und Einbeziehung von Frauen und das ungelöste Problem der Care-Arbeit als ein Aspekt von „Smart Economics“ klassifiziert werden, erhöhe das die Wahrscheinlichkeit, bei maßgeblichen Akteuren in China auf offene Ohren zu stoßen.

Eine typisch westliche Gewohnheit sei es auch, Abschlussdokumente internationaler Gremien und Konferenzen immer sehr kritisch daraufhin abzuklopfen, was nicht darin steht, so Dong. Das liege wahrscheinlich auch daran, dass es in westlichen Demokratien sehr leicht ist, als NGO alles Mögliche zu fordern und die Regierungen scharf für ihre Versäumnisse zu kritisieren.

Unter den politischen Bedingungen einer Diktatur wie in China sehe politischer Aktivismus aber anders aus: Hier sei es wichtig, sich auf die in solchen Dokumenten festgehaltenen (und von der Regierung unterschriebenen) Passsagen zu beziehen, denn dann hat die eigene Intervention nicht die Form einer „Kritik an der Regierung“ (was in Diktaturen problematisch ist), sondern die Form eines Engagements, das die Regierung dabei unterstützt, ihre eigenen Ziele zu erreichen.

Feminismus und Finanzpolitik

Mit etwas Verspätung fahre ich fort mit dem Verbloggen meiner Erlebnisse bei der Konferenz der International Association for Feminist Economics in Berlin (vgl. auch  meinen Bericht dazu im 10nach8 Blog auf Zeit Online sowie die vorherigen Posts hier im Blog).

Mein zweiter Workshop hieß „Engendering Economic Policy“ und nahm den Appell von Silvia Walby aus dem Eröffnungspanel auf, dass Feministische Ökonomie sich mehr mit Finanzpolitik beschäftigen soll. Den Auftakt machte Brigitte Young, die ein Forschungsprojekt vorstellte, mit dem sie die „Black Box Finance“ knacken will.

Zunächst identifizierte sie drei Aspekte, unter denen Finanzpolitik wirkt, nämlich als „Risk bias“ (Wer trägt die Risiken des Finanzkapitalismus bzw. muss dessen Folgen ausbaden), als „Credit bias“ (Welche neuen Machtverhältnisse zwischen Schuldnern und Gläubigern entstehen? Geld als Form sozialer Beziehungen…) und schließlich als „Asset Bias“.

Alle diese drei Punkte haben offenbar klare Gender-Implikationen, obwohl immer behauptet wird, „Finance“ wäre geschlechterneutral, weshalb sich auch Genderstudies vorwiegend auf Themen wir Arbeitsmarkt oder Sozialstaat bezogen haben. Doch das verschleiert, wie gravierend sich der Finanzmarkt und Finanzpolitik mit Geschlechterverhältnissen verwoben sind.

Als Schuldnerinnen sind Frauen inzwischen in den Finanzmarkt integriert, allerdings nicht als Kreditgeberinnen. Das Vermögen konzentriert sich vorwiegend in der Hand von Männern, was bedeutet, dass Männer häufiger von Finanzmarktspekulationen profitieren. Diejenigen, die die Verluste ausbaden (zum Beispiel durch Wertverlust von Lebensversicherungen) sind hingegen in größerem Maße auch Frauen. Diese genauen Zusammenhänge sind aber noch nie systematisch erforscht worden.

Als zweite sprach Elisabeth Klatzer von Attac Österreich und präsentierte eine interessante Studie über die Empfehlungen der Europäischen Kommission an die EU-Mitgliedsländer, die – sofern sie Schuldendefizite vorweisen – ihre Haushalte der EU-Kommission vorlegen müssen. Klatzer hatte die verschiedenen Vorschläge gruppiert nach solchen, die schlecht für Frauen sind, solchen, die gut für Frauen sind, und solche, bei denen sich das nicht sagen lässt. Dieser mittlere Bereich war der größte, aber doch auch ein erklecklicher Anteil von Vorschlägen war zum Nachteil für Frauen, während es kaum Vorschläge gab, die zum Vorteil für Frauen sind. Die einzigen, die hier signifikant auftraten, betrafen Verbesserungen in der Kinderbetreuung (haha) beziehungsweise solche, die die „Employability“ von Frauen verbessern, davon aber nur wenige. „Nicht mal der kleinste Versuch, Themen der Geschlechtergerechtigkeit anzusprechen“, so Klatzers Fazit.

Danach berichtete Corina Rodgriguez-Enriquez über die gerade beendete FFD3-Konferenz in Addis Abeba, bei der es um Möglichkeiten der Finanzierung von Entwicklungspolitik ging. Bezugnahmen auf Geschlechtergerechtigkeit habe es dort nur selten gegeben, im Schlussdokument werde auf Frauen nur Bezug genommen, indem ihre Förderung gleichzeitig auch Wachstum und Entwicklung fördern würde – ein typischer Fall von „Womenomics“ also.

Einen theoretischen Überblick zur „Lage der Dinge“ gab dann Jill Rubery. Sie appellierte daran, nicht zu viel Vertrauen in den Staat zu habe und stattdessen wieder mehr konkrete „klassenkämpferische Aktionen“, wenn man so will, vorzunehmen beziehungsweise auch direkt mit Unternehmern zu verhandeln.