Frauen sind auch nicht von Natur aus Feministinnen

Ich komme in die Küche und da läuft im Radio ein Schlager. Eine Art Liebeslied soll das wohl sein, gesungen von einem Er, adressiert an eine Sie. Die Refrainzeile: „Du machst mich zu einem besseren Mann“.

Mich gruselt. Und zwar nicht so sehr, weil hier das alte Geschlechterarrangement abgefeiert wird, wonach Frauen in einer heterosexuellen Beziehung die Aufgabe haben, die Qualität des Mannes sicherzustellen. Es ist ja normal, dass der Mainstream bestehende Geschlechterarrangements bekräftigt, das ist sozusagen sein Job.

Das wirklich Gruselige an dieser Liedzeile ist, dass vermutlich vielen Frauen dieser Schlager gefällt. Weil viele sich gerne in dieser Rolle sehen: Den Mann zu einem besseren Mann zu machen. Das ist ein Teil der patriarchalen romantischen Liebeserzählung, und sie wird von Frauen genauso abgefeiert wie von Männern (nicht von allen natürlich).

Später lese ich einen Artikel über die brutale Herrschaft des „Islamischen Staats“, in dem steht, dass es dort Frauen sind, die die Aufgabe übernehmen, andere Frauen zu disziplinieren. Das ist ja kaum zu glauben, denn noch frauenverachtender als beim IS kann ein Patriarchat doch gar nicht aussehen.

Es ist aber die traurige Wahrheit: Das Patriarchat ist nie einfach die Herrschaft von Männern über Frauen. Sondern überall dort, wo es existiert, kann es auf die Unterstützung von Frauen zählen. Viele Frauen akzeptieren die ihnen zugewiesene Rolle einer Existenz zweiter Ordnung. Einer Existenz, die vom Mann abgeleitet ist. Sie akzeptieren die ihnen zugewiesenen Aufgaben, mehr noch, sie machen sie sich zu Eigen. Und: Sie sind es, die diese Ordnung anderen Frauen gegenüber vertreten, oft unbarmherzig.

Frauen sind nicht von Natur aus Feministinnen, sie müssen es werden, in einem bewussten Akt der Entscheidung, die alte symbolische Ordnung der Vorherrschaft des Männlichen nicht mehr zu akzeptieren. Ob es wahrscheinlicher ist, dass eine Frau diese Entscheidung trifft als ein Mann? Vielleicht, weil der Leidensdruck höher ist, weil sie mehr zu gewinnen hat. Vielleicht aber auch nicht, weil auch der Preis höher ist, den sie bezahlt. Eine Frau hat oft auch mehr zu verlieren.

Dass es beim Feminismus nicht um einen Kampf von Frauen gegen Männer geht, wird oft gesagt, aber diese Aussage ist zwiespältig. Einerseits ist es natürlich auf eine banale Weise wahr. Trotzdem habe ich dabei ein leichtes Unbehagen, weil dieses „Es geht nicht gegen Männer“ leicht so verstanden werden kann, als sollten wir unsere Radikalität im Zaum halten, um die Männer nicht vor den Kopf zu stoßen, sie einzubeziehen, sie „abzuholen“.

Aber das ist nicht der Punkt. Beim Feminismus geht es aus einem viel schlichteren Grund nicht um einen Kampf von Frauen gegen Männer: Weil viele Frauen einen solchen Kampf gar nicht kämpfen, sondern sich mit dem Bestehenden arrangieren oder es sogar gut finden. Oder weil sie schlicht noch gar nicht auf die Idee gekommen sind, dass sie es überhaupt in Frage stellen könnten. Weil sie, die ja genauso wie die Männer in der herkömmlichen symbolischen Ordnung aufgewachsen und sozialisiert worden sind, vielleicht zwar ein diffuses Unbehagen verspüren, aber dafür bisher keinen politischen Ausdruck gefunden haben.

Feminismus ist die Weigerung, eine gesellschaftliche und kulturelle Ordnung anzuerkennen, die Frauen als vom Mann abgeleitete Wesen versteht. Als Wesen, die nicht ihre eigenen Ziele verfolgen, sondern sozusagen nur über Bande mitspielen: Die die Welt verbessern, indem sie die Männer verbessern, die sich in der Welt behaupten, indem sie Männer imitieren, oder die die Gesetze der Männer anderen Frauen gegenüber exekutieren.

Eine Feministin erkennt man nicht an den Inhalten ihrer politischen Forderungen und Ansichten, sondern daran, ob sie aufgehört hat, ihr eigenes Leben (und das Leben anderer Frauen) als eines zweiter Ordnung zu verstehen. Daran, ob sie direkt in der Welt wirken möchte, oder ob sie Männer verbessern möchte, in der Hoffnung, dass die es dann regeln. Daran, ob sie ihre eigenen Gesetze aufstellt und ihnen entsprechend lebt, oder ob sie die Gesetze der Männer exekutiert, speziell anderen Frauen gegenüber.

Ja, und auch Männer können feministisch sein. Solche Männer erkennt man daran, dass sie sich vorzugsweise in der Gesellschaft von Feministinnen bewegen. Weil sie Frauen als souveränes Gegenüber schätzen und nicht als Spiegel ihres Selbst.

Die schmerzhaften Debatten unter Feministinnen

Feministische Debatten sind oft schmerzhaft für die Beteiligten. Momentan zum Beispiel gibt es heftige Debatten um einen Blogpost von Chris Köver im Missy Magazine, die einen sarkastischen Text über eine Künstlerin geschrieben hatte, die ihr kein Face-to-face-Interview gegeben hat. Sie wurde daraufhin scharf kritisiert – wie ich finde, zu recht – und hat sich jetzt entschuldigt, aber, wie andere finden, zu halbherzig.

Die Debatte dreht sich um eine so genannte “Call-Out-Culture”, also darum, wie wir intern aneinander Kritik äußern und uns gegenseitig auf diskriminerendes oder sonstwie falsches Verhalten hinweisen. Das Thema ist auch unabhängig von dem konkreten Fall virulent. Viele meinen zum Beispiel, dass innerhalb des Feminismus zu viel und zu unbarmherzig kritisiert würde, sodass man ständig Angst haben müsste, irgend etwas falsch zu machen.

Aber dieses Problem ist ja keines, das speziell Feministinnen trifft. Sondern diese Probleme entstehen deshalb, weil wir generell in einer Kultur leben, die keinen guten Umgang mit Fehlern hat. Diese innerfeministischen Auseinandersetzungen sind deshalb so schmerzhaft, weil wir hier Neuland betreten. Weil wir hier schon längst auf Terrain sind, von dem der Rest der Gesellschaft noch weit entfernt ist. Wo wir Verfahren, Reaktionen, Diskussionsstile und so weiter erst noch erfinden müssen. Das ist schwierig, deshalb die vielen Schmerzen.

Vor einigen Wochen hielt ich beim Jahreskongress der “Redenschreiber in deutscher Sprache” (sic) einen Vortrag über Political Correctness. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion kam die Frage auf, was jemand tun kann, der sich wegen einer “falschen” Äußerung in einem Kritiksturm wiederfindet. Die anderen Diskutanten schlugen Sachen vor wie Zurückschlagen oder Aussitzen, jedenfalls könne man da sowieso nichts machen.

Ich schlug dann vor, man könne sich doch entschuldigen und sagen, das habe man bisher nicht gewusst oder nicht bedacht, sich für die Kritik bedanken und versprechen, sich genauer mit dem Thema zu beschäftigen und die eigene Praxis gegebenenfalls zu überdenken.

Die Reaktion war sozusagen vereintes Lachen. Das wäre ja eine sehr ehrenwerte Sichtweise, wurde mir gesagt, aber im öffentlichen Leben leider ganz und gar unmöglich zu verwirklichen. Jeder Politiker, der einen Fehler eingesteht, würde sich selber ins Aus katapultieren. Aus Fehlern lernen? Das können vielleicht Betschwestern, aber die derzeit gängigen Regeln des öffentlichen Diskurses würden so etwas leider nicht vorsehen.

Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber die Zustimmung der anderen Referenten und des Publikums war jedenfalls so einmütig, dass ich mal annehme, da ist etwas dran. Oder zumindest ist die allgemeine Meinung, die herrschende symbolische Ordnung diesbezüglich eindeutig. Wer Fehler zugibt, ist schwach, wer öffentlich zugibt, etwas noch nicht zu wissen, etwas nicht bedacht zu haben oder etwas erst noch lernen zu müssen, hat sich disqualifiziert.

Das ist natürlich schockierend, aber es erklärt auch vieles. Wir leben in einer Kultur, in der die übliche Reaktion auf Kritik ist, erstmal alles abzustreiten und nur ja keine Zugeständnisse zu machen (eventuell landet man ja auch noch vor Gericht, und da wäre das ganz schlecht, wenn man vorher schon Zweifel an der eigenen Unschuld geäußert hätte). Die übliche Reaktion auf Kritik ist, die Schuld der Gegenseite zuzuweisen, entrüstet zu tun, die Muskeln spielen zu lassen. Erst mal sehen, wer der Stärkere ist.

Auch wir Feministinnen sind von dieser Kultur geprägt, auch wir haben die Regeln der herrschenden symbolischen Ordnung internalisiert, sie ist auch ein Teil unserer Routine.

Doch diese Ordnung, diese Kultur ist schlecht. Sie verhindert, dass Menschen etwas dazu lernen. Sie verhindert, dass neue Ideen sich verbreiten, selbst wenn sie gut sind. Sie führt dazu, dass Kritik allzu häufig eine Spirale aus Rechtfertigungen und Schuldzuweisungen auslöst, die sich immer weiter aufschaukelt.

Und das ist eben schmerzhaft. Weil wir die Regeln der alten Ordnung nicht mehr akzeptieren, aber noch keine neuen haben, die uns in Fleisch und Blut übergegangen wären. Ich fürchte, da müssen wir durch.

Aber die Chance, dass sich dadurch etwas verändert, besteht. Ich erinnere mich zum Beispiel an heftige Debatten in der feministischen Theologie, als in den 1980er Jahren jüdische Theologinnen den christlichen Theologinnen vorgeworfen haben, antijudaistische Stereotype zu verbreiten – zum Beispiel indem sie Jesus als “neuen Mann” feierten, der sich gegen das alte jüdische Patriarchat abgrenzte.

Auch damals waren die Abwehrreaktionen heftig, haben sich die christlichen Theologinnen gegen solche Kritik verwahrt, hat sich die Spirale an gegenseitigen Vorwürfen aufgeschaukelt, sind Tränen geflossen.

Inzwischen wissen wir, dass diese innerfeministischen Debatten Avantgarde waren. Die Feministinnen stritten sich schon über christlichen Antijudaismus, als das in der Mainstreamtheologie noch überhaupt kein Thema war. Inzwischen ist der Sachverhalt weitgehend anerkannt, hat ein Umdenken auf Seiten der christlichen Theologie stattgefunden, zumindest in Teilen, auch unter Männern.

Die Schmerzen, so meine Hoffnung jedenfalls, sind also wenigstens nicht umsonst.

Männer und Feminismus

Das Internet war heute voll von Emma Watsons Rede, in der sie darüber spricht, wie wichtig es sei, auch Männer von den Vorzügen des Feminismus zu überzeugen.

Meine Timeline ist gespalten darüber, was sie von dieser Rede halten soll. Die einen jubeln: Toll, eine nette Feministin, die nicht über die Männer schimpft, sondern sie ins Boot holen will. Die anderen sind genervt: Feminismus ist schließlich nicht dafür da, von Männern toll gefunden zu werden, denn um deren Urteil geht es hier doch ausnahmsweise mal gerade nicht.

Auch in diesem Fall – wie so oft – geht es meiner Meinung nach nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.

Meiner Meinung nach geht es im Feminismus ja nicht um Gender Equality (wie Emma Watson in ihrer Rede behauptet), sondern um weibliche Freiheit, also um die Subjektivität von Frauen gerade ohne den Maßstab einer männlichen Norm. Die Emanzipation, also die Gleichheit der Frauen mit den Männern, war, wie Luisa Muraro es einmal formulierte, gänzlich vorhersehbar in einer (männlichen) Kultur, die die Gleichheit der Menschen seit über 200 Jahren zu ihrem Leitbild erkoren hat. Dass die Frauen so lange von dieser Gleichheit ausgenommen waren, ändert nichts an der Tatsache, dass die Gleichheit der Frauen eine logische und unausweichliche Folge der männlichen Gleichheitsidee war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie drauf kommen mussten.

Die Freiheit der Frauen, die weibliche Subjektivität hingegen ist in dieser symbolischen Ordnung nicht vorgesehen. Sie ist tatsächlich etwas Unvorhergesehenes, das erst mit der Frauenbewegung ans Licht kam. Und diese Freiheit zeichnet sich gerade NICHT durch die Gleichheit der Frauen mit den Männern aus, sondern im Gegenteil dadurch, dass Frauen ihren eigenen Wünschen, Vorstellungen und Ideen folgen und sie ernst nehmen, ganz unabhängig davon, ob sie mit der Weltsicht und den Ideen von Männern kompatibel sind oder nicht. Wenn sie es sind, umso besser, kann man zusammenarbeiten. Sind sie es nicht, gibt es eben politische Konflikte auszutragen.

Soweit haben also die Kritikerinnen der „Männer für den Feminismus gewinnen“-Kampagne recht.

Andererseits sind Bündnisse mit Männern trotzdem sinnvoll und notwendig. Denn tatsächlich sind ja auch viele Männer mit der patriarchalen symbolischen Ordnung unzufrieden, weil sie in vielerlei Hinsicht dem guten Leben aller Menschen nicht zuträglich ist. Damit meine ich nicht nur, dass auch Männer unter Geschlechtsstereotypen leiden, also etwas „vom Feminismus haben“. Das stimmt auch, ist aber nur ein kleiner Teil der Wahrheit, denn in vielerlei anderer Hinsicht profitieren sie ja auch von den Stereotypen, das heißt, Feminismus läuft ihren Interessen zuwider.

Aber Politik ist doch die Suche nach einem guten Zusammenleben aller Menschen und nicht einfach Lobbyismus für die eigenen Interessen. Menschen mit einem politischen Bewusstsein, mit Liebe zur Welt also und mit einem Gespür für Gerechtigkeit, geben sich nicht damit zufrieden, auf dieser Welt nur ihre eigenen Vorteile zu verfolgen. Sondern sie suchen nach einem Sinn in dem Ganzen, der über ihre eigene kleine Nasenspitze hinausreicht.

Und in diesem Sinne können Männer von feministischen Analysen profitieren, weil diese ihnen Aspekte und Sichtweisen eröffnen und zugänglich machen, die sich aus sich selbst heraus nicht haben können. Ich kenne nicht gerade massenweise, aber durchaus zahlreiche Männer, die aus diesem Grund gerne mit Feministinnen diskutieren, die feministische Texte lesen, die sich für die Sichtweisen und Analysen von Frauen interessieren, die an einem Austausch wirklich interessiert sind.

Und diese Männer sind durchaus wichtige Verbündete der Frauenbewegung, weil sie – einfach aufgrund ihres Mannseins – Möglichkeiten haben, die ich nicht habe, weil ich eine Frau bin. Das kann so etwas Banales sein wie die Tatsache, dass andere Männer ihnen eher zuhören als mir. Das ist natürlich ungerecht, aber das zu beklagen ändert ja nichts an den Verhältnissen, die nun einmal sind, wie sie sind. Solange diese feministisch denkenden Männer für ihr Engagement von mir keine Kekse verlangen, freue ich mich darüber, wenn sie irgendwo Gehör finden, wo es mir nicht gelingt.

Es ist aber nicht nur das. Es gibt auch Situationen, in denen mir Männer zwar zuhören, ich mich ihnen aber nicht verständlich machen kann. Zum Beispiel, weil ich mich in sie tatsächlich nicht hineinversetzen kann, weil ich nicht verstehe, wo ihr Problem ist. Und damit meine ich nicht Antifeministen, die mich aus ideologischen Gründen nicht verstehen wollen, sondern ich meine solche, bei denen ich ein wirkliches Interesse sehe, aber ich kann ihnen einfach nicht vermitteln, was ich sagen will, es fehlt eine gemeinsame Ebene der Verständigung.

In solchen Fällen bin ich froh, wenn Männer diese Vermittlungsarbeit übernehmen, denn ich habe schon oft beobachtet, dass sie dann Worte und Beispiele und Argumente finden, die wirken, und die mir schlicht nicht eingefallen wären. Solche „Allies“ zu haben, ist eine gute Sache.

Kleine Trollologie

Heute war in der FAZ eine Innenansichtsstudie eines Trolls. Ich fand die einerseits interessant, andererseits ist das aber natürlich nur eine Sorte von Trollen. Bestimmt gibt es von dieser Sorte viele, zumal sie ja auch so ungeheuer viele Kommentare schreiben. Und vermutlich sind sie auf den großen Nachrichtenseiten auch stark präsent. Aber man darf das Phänomen nicht darauf begrenzen.

Deshalb hier mal eine kleine Trollologie, gründend auf der inzwischen durchaus reichhaltigen Erfahrung in diesem Blog (Triggerwarnung: Die Kategorien kommen mit Beispielen!):

1. Der aggressive Frauenhasser
Er hasst Frauen und macht das in seinen Kommentaren ganz unmissverständlich klar: Er schreibt zum Beispiel, ich sei eine “Fotzenkuh”, die es nicht besser verdient hat, als ermordet und vergewaltigt zu werden. Zumal ich ja auch mit ihm ganz genau dasselbe vorhabe: “Wenn das so ist, dann komm doch her und töte mich. Ich bin ja scheinbar nichts wert weil ich rein zufällig mit einem Penis geboren wurde.”

2. Der Die-ganze-Welt-Hasser
Der klassische Troll – sozusagen der aus dem oben verlinkten Artikel – ist ganz ähnlich wie der Frauenhasser, aber seine Motivation ist nicht einfach nur Hass auf Frauen, sondern generell Hass auf alles, was seinem Weltbild widerspricht: Ausländer, Linke, Homos, aber gerne auch Politiker_innen, Zeitungen, Universitäten, egal.

3. Der missonarische Maskulinist
Er hasst Frauen nicht einfach nur, sondern er ist mit einer Mission unterwegs: Die unterdrückten Männer vor den Feminazis zu retten. Wir, die Feministinnen, haben ja bekanntlich längst die Weltherrschaft übernommen, unterstützt von einer “feministisch korrekten Journaille”. Klar, jeder rational denkende Mensch weiß, dass “dieser ganze Genderquatsch im Grunde absurd ist, aber der passt halt so schön zur feministischen Philosophie.” Anders als Typ 1 und 2 wird Typ 3 auch von manchen Frauen unterstützt.

4. Der Herrklärer
Er meint es gut mit mir. Er ist nämlich eigentlich selber ein Feminist und will mich davor bewahren, dumm zu sterben. Es ist daher seine Pflicht, mir mitzuteilen: “Letztendlich halte ich ihre ganze Argumentation(skette) für abwegig bis hirnrissig, Frau Schrupp” oder auch: “Frau Schrupp, Sie nehmen an (hier beliebige Sache einfügen): Mich würde interessieren, welche Belege Sie für diese These ins Feld führen”… “Ich sehe das nämlich skeptischer. Empirisch betrachtet …”.

5. Der normale Mann
Der normale Mann hat mit all dem gar nichts zu tun, denn “die Vergewaltigung von Frauen ist nicht mein Problem. Ich tu es nicht und rechtfertige es nicht. Das muss genügen.”

Natürlich gibt es zwischen den Typologien Überschneidungen, aber die Typen sind nicht gleichzusetzten. Typ 1 und Typ 2 sind vor allem für die Mainstreammedien ein Problem, denn sie zerstören jede Debatte – daher sind sie auch die Trolls, über die überhaupt nachgedacht wird. Nur: Wer Kommentare von Typ 1 und 2 freischaltet, wird niemals eine interessante Diskussion zustandebringen. Wie die meisten feministischen Blogs lösche ich die sofort weg.

Mit Typ 3, 4 und 5 liegt der Fall etwas komplizierter. Denn sie sind nicht diese skurrilen Figuren wie der aus dem Portrait, über den jeder vernünftige Mensch den Kopf schüttelt. Sondern sie repräsentieren einen Großteil des Mainstreams. Natürlich kann man auch sie einfach weglöschen, und oft tue ich das. Aber die Haltung, die in diesen Typen zum Ausdruck kommt, ist gesellschaftlich relevant und einflussreich.

Deshalb sehe ich diese Trolle manchmal auch als Chance. Gerade deshalb, weil sie den Mainstream so schön anschaulich machen, können sie auch eine Vorlage sein, um die dahinter stehende Haltung zu analysieren und ihr etwas zu entgegnen. Sozusagen mit Blick auf diesen Mainstream, der ja möglicherweise mitliest. Das kostet natürlich Zeit und Energie, die erst einmal da sein muss, aber manchmal hat man die ja.

Jedenfalls sollten wir nicht denken, das Thema Trolle wäre so eindeutig gelagert, wie der FAZ-Artikel es suggeriert.

(In dem Zusammenhang noch eine Anmerkung: Ich finde es schade, dass WordPress die in den Papierkorb verschobenen Kommentare nach einer Weile löscht. Ansonsten hätte ich noch viel schönere Perlen finden können. Andererseits: Die Grundmuster kommen sowieso immer wieder.)

PS: Ergänzungen sind in den Kommentaren natürlich sehr willkommen!

PPS: Gerade wurde ich auf Twitter gefragt, ob es auch weibliche Trolle gibt. Ja, die gibt es, aber die passen nicht in diese Typologien. Es sind auch sehr, sehr viel weniger (zumindest in diesem Blog), weshalb ich jetzt in meinem derzeitigen Papierkorb keine einzige gefunden habe. Vielleicht behalte ich das Thema mal im Hinterkopf und greife das nochmal auf, wenn ich Beispiele und eine Idee habe.

Warum Mehrheitsentscheidungen oft undemokratisch sind

Vielleicht habt ihr auch von dem Ansinnen der AfD gelesen, einen Volksentscheid über das deutsche Abtreibungsrecht abzuhalten mit dem Ziel, Abtreibung schärfer zu verbieten. Die Spitzenkandidatin in Sachsen, Frauke Petry, begründete das mit dem angeblich gefährdeten Überleben des deutschen Volkes, in dem bitteschön jede Frau drei Kinder kriegen soll (ich habe mal im Zuge meiner Beschäftigung mit dem demografischen Wandel in einem nationalsozialistischen Buch gelesen, dass deutsche Frauen eigentlich vier Kinder haben müssten, um den Bestand zu erhalten).

Mich hat das ganze nochmal zu ein paar demokratietheoretischen Überlegungen gebracht, weil an diesem Beispiel ein grundlegendes Problem des Mehrheitsprinzips deutlich wird: Was ist mit Beschlüssen, die von ihrer Logik her nur bestimmte Menschen betreffen, und andere aber nicht? Ein Verbot der Abtreibung zum Beispiel würde ja nur Menschen betreffen, die schwanger werden können, also praktisch Frauen* unter fünfzig. Sie aber wären bei einer solchen Abstimmung auf jeden Fall in der Minderheit.

Ich habe auf die Schnelle keine genauen Zahlen gefunden, aber das Durchschnittsalter in Deutschland liegt ungefähr bei 43 Jahren, ich würde großzügig gerechnet schätzen, dass höchstens zwei Drittel aller Menschen jünger als 50 sind (bis 49 Jahre werden Frauen in demografischen Berechnungen als “gebärfähig” eingestuft). Wenn davon die Hälfte Frauen sind, so bedeutet das, dass im Falle eines solchen Volksentscheides etwas verboten würde, das nur ein Drittel aller Menschen potenziell tun könnten.

Wenn es tatsächlich so wäre, dass die Gesamtheit der Deutschen aus bevölkerungspolitischen Gründen ein Interesse daran hätte, Abtreibungen zu verbieten (das ist nicht so, aber mal angenommen), aber zwei Drittel aller Abstimmungsberechtigten sicher sein könnten, dass sie selbst niemals in die Lage geraten werden, eine Abtreibung in Erwägung zu ziehen – weil sie schlicht und ergreifend nicht schwanger werden können: Wäre eine solche Abstimmung demokratisch?

Mit derselben Logik könnte man ja auch über ein Gesetz nachdenken, das alle Menschen, die kleiner sind als 1,50 Meter, dazu verpflichtet, Toiletten in Grundschulen zu putzen. Auch daran gibt es ein öffentliches Interesse (ein deutlich größeres als daran, Abtreibungen zu verhindern), und auch dazu fehlt es an anderen gesellschaftlichen Lösungen.

Die Unterscheidung in Menschen nach Größenkategorien ist in unserer Kultur allerdings nicht üblich, daher finden wir diese Vorstellung spontan absurd. Die Unterscheidung in Menschen nach Gebärfähigkeit hingegen ist kulturell in der Geschlechterdifferenz so tief verankert, dass sie vielen “natürlich” erscheint. Tatsächlich sind beides “natürliche” Phänomene – dass manche Menschen kleiner sind als 1,50 Meter und manche größer ist ebenso natürlich wie dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht.

“Natürlich” heißt in diesem Fall auch, dass diese Seinsbedingungen nicht oder nicht standardmäßig individuell veränderbar sind. Sicher kann eine Frau sich sterilisieren lassen, so wie ein kleiner Mensch sich vielleicht die Beine verlängern lassen kann. Aber sie sind nicht individuell gewählt wie andere Interessenskonflikte. Wenn zum Beispiel darüber abgestimmt würde, ob man Autobahnen privatisieren und ihre Nutzung kostenpflichtig machen soll, dann stehen sich ebenfalls Interessen gegenüber – ich zum Beispiel, die nie Auto fahre, hätte nicht unbedingt was dagegen. Aber ich könnte jederzeit in die andere Kategorie wechseln, also mit dem Autofahren anfangen, so wie andere damit aufhören könnten.

Der eigene Körper ist aber nicht auf diese Weise veränderbar. Faktoren wie Schwangerwerdenkönnen oder Körpergröße haben Auswirkungen auf das Leben der jeweilgen Individuen, es sind gegebene Bedingungen ihrer jeweiligen Existenz. Man kann diese Bedingungen kulturell gestalten, aber nur in bestimmten Grenzen. Wer 1,50 ist wird es immer schwerer haben, im Konzert die Bühne zu sehen als jemand mit 1,80. Und wer schwanger werden kann, muss sich zu dieser Möglichkeit irgendwie verhalten, und wer nicht schwanger werden kann, auch, und diese beiden Gegebenheiten sind niemals “gleich”.

Darüber, dass beim eigenen Körper der Arm des Gesetzes endet, habe ich schon einmal gebloggt. Gesetze, die auf Mehrheitsentscheidungen beruhen, dürfen (und können) nicht eingreifen in die Körper der Einzelnen, denn damit greifen sie direkt in den Kern einer Person ein: Menschen haben ihre Körper nicht, sie sind ihre Körper. Das ist die Natur des Menschseins, unsere “conditio humana”.

Demokratie hingegen ist nicht natürlich, sondern künstlich, sie basiert auf der Idee der Gleichheit, und Gleichheit ist niemals ein Fakt, sondern immer eine Betrachtungsweise. Jede Kultur beruht auf Entscheidungen, bestimmte Phänomene als “gleich” zu betrachten und andere als “ungleich”, und nichts davon ist “naturgegeben”.

Damit Mehrheitsentscheidungen gerecht sind, muss daher immer die Frage gestellt werden, ob diejenigen, die entscheiden, und diejenigen, die von Entscheidungen betroffen sind, auf einer angemessenen Ebene wirklich als “Gleiche” betrachtet werden können.

Im Fall von Abtreibungen (und vielen anderen körperpolitischen Entscheidungen auch, besonders eben wenn sie das Schwangerwerdenkönnen betreffen) ist diese Gleichheit grundsätzlich nicht gegeben, weil nunmal nur die eine Hälfte der Bevölkerung schwanger werden kann und die andere nicht. Die demografische Entwicklung verschärft dieses Problem noch einmal, weil es durch die Veralterung der Gesellschaft heute so viele ältere Frauen gibt wie noch nie, und damit auch auch eine relevant große Zahl von Frauen, die ebenfalls nicht (mehr) schwanger werden können.

Dieser grundlegende Bug im Prinzip der Mehrheitsdemokratie betrifft natürlich nicht nur die Geschlechterdifferenz, aber sie in besonderem Maße. Er tritt deshalb umso offener zutage, als die heteronormative Paarbildung an Bedeutung verliert – denn die “Gleichheit”, die in der Demokratie behauptet wird, war halbwegs plausibel, solange man die Menschheit nicht in Individuen dachte, sondern in Mann-Frau-Paaren. Denn in diesen Paaren ist die Geschlechterdifferenz gewissermaßen “aufgehoben”.

Wenn aber nicht mehr, wie früher, Mann-Frau-Paare (repräsentiert durch den Mann) die politischen Subjekte sind, sondern Individuen, so tritt die Geschlechterdifferenz in den Fokus der Politik. Und verursacht Probleme, die nach und nach immer deutlicher zutage treten.

Was immer man skeptisch über das Instrument des Gender-Mainstreamings denken mag, es ist immerhin ein Versuch, dieses Dilemma anzugehen. Also zu überprüfen, welche Menschen von welchen Gesetzen auf welche Weise betroffen sind und dies in die Verfahren irgendwie einzubeziehen.

Ein Volksentscheid über eine Verschärfung des Abtreibungsverbot jedenfalls wäre ganz und gar undemokratisch, wenn dieses Wort denn überhaupt noch irgendeinen positiven Sinn haben soll.

Ein Hoch auf aufdringliche und vorverurteilende K.O.-Tropfen-Tests

Heute über einen Artikel in der FAZ gestolpert, in dem es um eine neue Erfindung geht: Nagellack, mit dem Frauen feststellen können, ob ihnen jemand K.O.-Tropfen in den Drink geschüttet hat. Denn es ist ja nicht so leicht, eine Frau zu vergewaltigen, wenn sie im Vollbesitz ihrer Kräfte ist. Deshalb gibt es Typen, die ihre Opfer vorher mit Betäubungsmitteln vergiften. Und wo Not ist, da ist halt auch eine Geschäftsidee. So weit, so gruslig der Zustand unserer Zivilisation.

In dem Artikel geht es auch darum, dass einige feministische Stimmen sich kritisch zu diesem Projekt geäußert haben. Sie bemängeln, dass so die Verantwortung wieder mal den Frauen zugeschoben wird, anstatt die jungen Männer dazu zu erziehen, keine Frauen zu vergewaltigen. Allerdings: Eine Frau, die heute auf einer Party etwas trinkt, kann ja damit nicht warten, bis das Phänomen der Vergewaltigung aus der Welt geschafft wurde. Natürlich ist K.O.-Tropfen-indizierender Nagellack keine gesellschaftliche Lösung für das Leben in einer Vergewaltigungskultur. Aber möglicherweise ist er in der Zwischenzeit ja nützlich und praktisch.

Mich hat etwas anderes an diesem Artikel geärgert, das ich viel gravierender finde, und zwar ein harmlos daherkommender Nebensatz ganz am Ende. Da schreibt der Autor, dass die Erfindung nicht so ganz neu sei, denn es gebe bereits Tester, die ähnlich funktionieren, also sich verfärben, wenn man sie in eine Flüssigkeit hält, der K.O.-Tropfen beigemischt wurden, nur eben nicht als Nagellack, sondern als Teststreifen in Visitenkartenformat. Aber, so der Artikel:

Kurz den Finger ins Glas zu halten, mag zwar etwas gewöhnungsbedürftig sein, ist aber deutlich weniger aufdringlich und vorverurteilend, als auf einer Party mit einem Tester herumzulaufen.

Soso, einen Drink auf K.O.-Tropfen zu testen, ist also “vorverurteilend”. Damit übernimmt der Autor ein maskulinistisches Wording, das seit einiger Zeit die Runde macht, nämlich das Herumgejammere darüber, dass ständig unschuldige Männer zu Unrecht beschuldigt würden, Frauen etwas Böses zu wollen. Gilt denn für sie nicht die Unschuldsvermutung?

Nein, gilt sie nicht. Denn Vergewaltiger sehen von außen betrachtet genauso aus wie alle anderen Männer auch.

Dass es Männer gibt, die Frauen vergewaltigen, ist halt nicht nur ein Problem von Frauen allein, es ist ein Problem aller, der ganzen Gesellschaft, und es betrifft logischerweise Männer ebenfalls, nur halt auf andere Weise als Frauen. Solange es Männer gibt, die so etwas tun, muss jede Frau damit rechnen, ihr Opfer zu werden. Und jeder Mann muss damit rechnen, verdächtigt zu werden.

Einen Drink auf KO-Tropfen zu testen, ob mit Nagellack oder mit sonst etwas, ist jedenfalls keine Vorverurteilung der anwesenden Männer, sondern eine ganz normale Vorsichtsmaßnahme. Und deshalb bin ich unterm Strich doch für die Visitenkartentester, denn auf diese Weise wird der Skandal sichtbar und nicht verschleiert, indem Frauen verschämt und heimlich ihren Finger ins Glas stecken, damit sich nur ja kein anwesender Mann vorverurteilt fühlt. Solange wir in einer Vergewaltigungskultur leben, tun Frauen in bestimmten Situationen gut daran, ihre Drinks auf Betäubungsmittel zu testen. So ist das nunmal. Und meiner Meinung nach sollten sie das ruhig ganz aufdringlich und vorverurteilend tun.

Wenn euch das nicht gefällt, liebe Männer, dann müsst ihr eben eure Geschlechtsgenossen davon abhalten, Frauen KO-Tropfen in den Drink zu schütten. Denn erst, wenn es keine Vergewaltigungen mehr gibt, ist auch keiner von euch mehr verdächtig. Deal with that.