Trinkgeld für die Toilettensaubermacherin – gewusst wie!

Heute bemerkte ich auf der Toilette beim Karstadt neben dem Teller für den Obolus ein recht großes Schild, auf dem so in etwa stand, man würde sich bemühen, den Kunden doch immer schöne saubere Toiletten zur Verfügung zu stellen und empfehle daher, dass diese pro Besuch etwa 50 Cent dafür geben.

Aha, dachte ich, offenbar versucht hier jemand, sich juristisch abzusichern, damit nicht wieder eine Reinigungsfrau auf die Idee kommt, das Geld, das die Kundinnen hier ablegen, sei ihr Trinkgeld. Ich selbst wäre freilich auch nie auf die Idee gekommen, das Geld, das ich hier ablege, könnte eventuell etwas anderes sein als Trinkgeld. Aber die Kaufhäuser, bzw. die von ihnen als Subunternehmen beauftragten Reinigungsfirmen, finden, das Geld gehört in ihre Kassen und nicht in die Taschen der Putzfrauen, denn es sei eine “freiwillige Nutzungsgebühr”. Und dieses Schild ist offensichtlich dazu da, den Sachverhalt zu klären und diese Sicht der Dinge gerichtsfest zu machen.

Nun nehme ich das mit der Freiwilligkeit relativ ernst, und freiwillig möchte ich kein Nutzungsentgeld für Toiletten in Kaufhäusern bezahlen, weil ich finde, die Bereitstellung selbiger sollte zum Service eines Kaufhauses oder einer Shoppingmall dazugehören. Meiner Meinung nach verhält sich der Grad der Zivilisation einer Kultur analog zur Verfügbarkeit kostenloser sauberer Toiletten.

Sehr wohl möchte ich aber den Reinigungskräften ein Trinkgeld geben, damit sie am Ende des Tages etwas mehr in der Tasche haben als ihren kargen Stundenlohn. Ich habe also die Frau neben dem Teller gefragt, ob sie denn das Geld, das ich ihr eventuell gebe, abgeben muss oder behalten kann. Ihre Antwort: “Das kommt darauf an, was Sie wollen.”

Ich hab ihr dann 50 Cent gegeben und dazu gesagt, dass das keine freiwillige Nutzungsgebühr ist, sondern ein Trinkgeld für sie und dass ich will, dass Sie es behält. So müsste nun alles seine juristische Richtigkeit gehabt haben.

Ich werde zukünftig mal auch an anderen Örtlichkeiten die Augen nach solchen Beschilderungen aufhalten.

Ein paar Jahrtausende auf 88 Seiten

In diesem Jahr hat mich ein Projekt beschäftigt, das jetzt kurz vor der Vollendung steht: Zusammen mit der Zeichnerin Patu habe ich einen Comic zur Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext gemacht.

Von Adam und Eva bis fast heute auf 88 Seiten dieses Thema abzuhandeln (und das auch noch mit lauter Bildern dazwischen, hehe), ist natürlich ein bisschen wahnsinnig. Aber es hat ungeheuren Spaß gemacht. Hier ist schonmal ein Coverentwurf:

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Ich freue mich darauf, wenn das Buch erscheint, was wahrscheinlich im Frühjahr ist.

Beim Auswählen dessen, was in der reichhaltigen Geschichte des Feminismus wichtig und unwichtig ist, was in so einem Buch erwähnt werden soll und was nicht, war mir ständig präsent, dass das, was ich da mache, letztlich frustrierend ist, weil das allermeiste nicht vorkommt. Das was wichtig ist, ist nicht unbedingt dasselbe wie das, was bekannt ist (und daher in so einem Buch erwartet wird). Natürlich habe ich versucht, nach bestem Wissen und Gewissen zu entscheiden, aber die Auswahl ist mindestens so subjektiv wie objektiv, und jede andere hätte da wahrscheinlich andere Entscheidungen getroffen.

Das Problem, dass komplexe historische Entwicklungen immer verflacht und verfälscht werden, wenn sie auf eine bestimmte Menge Platz kondensiert werden, ist unlösbar. Umso wichtiger ist, sich das klarzumachen, wenn man so ein Projekt in Angriff nimmt – oder eben dann später auch das Buch liest.

In der männlichen, sich selbst für universal haltenden Geschichtsschreibung wird das normalerweise nicht reflektiert. Normalerweise fehlen da zum Beispiel die Frauen, und es wird so getan, als wäre das ganz normal und logisch. In dem fünfbändigen „Handbuch der politischen Ideen“ zum Beispiel, mit dem ich vor dreißig Jahren Politologie studierte, waren gerade mal zwei Prozent der referenzierten Namen weiblich. Frauen haben offensichtlich nach Ansicht der Herausgeber keine politischen Ideen. Und es fehlen in diesen Geschichtsbüchern natürlich auch noch viele andere „andere“, zum Beispiel Schwarze oder proletarische Kulturproduktion.

Leider geht das „Herausignorieren“ von Frauen, und gar Feministinnen, aus der männlichen Erinnerungskultur auch heute, trotz Emanzipation und Gleichstellungsgedöns, fröhlich weiter. Jutta Pivecka hat das kürzlich am Beispiel der Feiern zum 25-jährigen Mauerfall gezeigt. Anne Roth hat bei Twitter auf ein Buch hingewiesen, wo auf 700 Seiten die Geschichte der sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1989 erzählt wird, der Feminismus kommt darin laut Inhaltsverzeichnis nicht vor (Das Buch ist auch im Unrast-Verlag erschienen, genau wie unser Comic). Da ich das Buch nicht gelesen habe, besteht natürlich die Möglichkeit, dass der Feminismus dort als Querschnittsthema in allen anderen Kapiteln ausführlich behandelt wird. Hinweise dieser Art bitte in die Kommentare. In einem anderen Projekt soll die Frage, welche am 1. Januar 2015 gemeinfrei werdenden Bücher als E-Book verfügbar gemacht werden (und welche nicht), anhand eines Algorithmus beantwortet werden, der seine Relevanzkriterien ausgerechnet aus Wikipedia bezieht. Die extrem männliche Schlagseite des Internetlexikons wird sich auf diese Weise also direkt in eine männliche Schlagseite des gratis E-Book-Bestandes fortpflanzen.

Was an diesen Beispielen auch deutlich wird: Es steckt nicht bewusster Antifeminismus dahinter, wenn Frauen und vor allem Feministinnen, aus der Erinnerung „herausgeschrieben“ werden. Sondern das geschieht aufgrund der gegebenen Parameter unserer Kultur quasi wie nebenbei, fast wie zwangsläufig. Ohne böse Absicht. (Deshalb reagieren manche Männer oft so – ehm – aufgeregt, wenn man das kritisiert).

Also, keine böse Absicht (jedenfalls größtenteils), sondern es ist eher so: Das weiß-bürgerlich-männliche Bewusstsein scheint Frauen – und andere „andere“ – einfach zu „vergessen“, wenn es sich an Vergangenes erinnert. Es hat Algorithmen und Verfahrensweisen etabliert, in denen dieses Vergessen als ganz natürlicher, logischer und unausweichlicher Vorgang erscheint, gegen den man nur unter Verrat an der objektiven universalen Objektivität etwas unternehmen kann. (Auf Twitter schrieb mir jemand: Jedes andere Verfahren, Bücher zum E-Bookisierien, auszuwählen, wäre noch schlechter, weil eben noch weniger objektiv).

Früher dachten wir, die Krux liege darin, dass die von Männern gemachte Geschichtsschreibung zu sehr auf institutionelle Faktoren abzielt – Ämter, Positionen, Rankings, Ehrungen und so weiter – weshalb Frauen (und andere dort ehemals Ausgeschlossene) logischerweise unterrepräsentiert sind. Heute zeigt sich, dass Frauen auch dann nicht erinnert werden, wenn sie „objektiv“, also selbst nach den problematischen Relevanzkriterien, die in der Männergeschichtsschreibung gelten, eine wichtige Rolle gespielt haben. (Schade, dass ich nicht mitbekommen werde, wie man sich in hundert oder zweihundert Jahren an Angela Merkel erinnern wird, das würde mich wirklich interessieren!)

Was können wir tun? Beim Machen des Comics haben wir gemerkt, wie groß die Versuchung ist, eine Geschichte des Feminismus als Kampf gegen die Männer zu erzählen, und die Frauen als unterdrückte Opfergruppe darzustellen, deren interne Differenzen angesichts dieser Gruppenidentität verschwinden. Zum Beispiel etwa die politischen Ideen von Frauen vor allem als Reaktion auf männliche Frauenfeindlichkeit darzustellen – und dann am Ende doch wieder lauter Männer in Szene zu setzen.

Ich glaube, es ist uns aber jetzt ganz gut gelungen, die Geschichte des Feminismus nicht als weiblichen Gegenentwurf zum Patriarchat zu erzählen, sondern als die einer in sich heterogenen Bewegung, der die Freiheit der Frauen und das gute Zusammenleben der Menschen auf dieser Welt am Herzen liegt – und zwar Differenzen inklusive, gerade auch der Frauen untereinander.

Denn wie Audre Lorde es schrieb: „Difference is that raw and powerful connection from which our personal power is forged.“

Was wirklich an Hartz IV falsch war

Es scheint meiner Timeline zufolge irgendein Hartz IV-Jubiläum zu geben, jedenfalls häufen sich gerade die Texte darüber, warum dessen Einführung falsch war. Bei den vielen Argumenten fehlt mir jedoch eines, und meiner Ansicht nach das wichtigste, weshalb ich das an dieser Stelle mal kurz verblogge.

Das Schlimmste an Hartz IV, so meine ich, ist nicht seine absolute (zu geringe) Höhe, sondern die hinter dem Systemwechsel von dem alten Arbeitslosen-/Sozialhilfe-System zu Hartz IV stehende Logik des „Nur wer wirklich Hilfe braucht, soll welche bekommen.“

Ich erinnere mich mit an eine Diskussion, die ich damals mit einer den Grünen nahe stehenden Freundin hatte (nicht die böse CDU hat Hartz IV eingeführt, sondern das waren SPD und Grüne), die darin gerade einen Vorteil sah. Sie argumentierte ungefähr: Das alte System des Wohlfahrtsstaates ist zu teuer, wir müssen sparen, und deshalb soll das Geld, das wir haben, nicht mehr an Leute aus dem Mittelstand gehen, sondern konsequent nur an die Armen.

Das klingt auf den ersten Blick ja gut. Tatsächlich ging vor Hartz IV ein Gutteil der Gelder aus den Sozialkassen nicht an ganz Arme. Sondern wer arbeitslos wurde, bekam über die Arbeitslosenversicherung drei Jahre lang ein relativ okayes Leben weiterfinanziert – ich glaube, es waren ein Jahr lang 75 Prozent und weitere zwei Jahre 60 Prozent des letzten Nettoeinkommens. Und das alles ohne irgendeine Bedürftigkeitskontrolle.

Das heißt: Drei Jahre lang konnte der eigene Lebensstandard halbwegs gehalten werden, drei Jahre lang floss Geld, ohne dass man das, was man besaß – Haus, Auto, Zeugs generell – antasten musste.

Meine Freundin argumentierte nun so, dass damit viel Geld aus den Sozialversicherungen an Leute ging, die es „eigentlich gar nicht so dringend brauchen.“ Und in der Tat hat Hartz IV – jedenfalls zunächst mal – gerade die untere Mittelschicht getroffen. Die ganz Armen wurden im Vergleich zur alten Sozialhilfe sogar leicht besser gestellt. Ist das nicht Umverteilung von oben nach unten? Fragte mich meine Freundin.

Ja, auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick war es aber eine bedeutsame Verschiebung in der symbolischen Ordnung. Die Symbolik des alten Systems lautete: „Alle kann es mal treffen, und wenn es dich trifft, wirst du erstmal eine ganze lange Weile aufgefangen.“ Die Symbolik des neuen Systems aber lautete: „Es gibt welche, die Hartz IV brauchen, und welche die es nicht brauchen.“

Das hat das Lebensgefühl vor allem der Mittelschicht verändert. Denn die weiß jetzt ganz genau, dass sie niemals etwas aus den Sozialkassen bekommen wird. Weil sie nämlich erstmal Haus, Erspartes und so weiter aufbrauchen müsste, um Anspruch auf Hartz IV zu haben. Und wessen Lebenspartner_Lebenspartnerin Geld verdient, kriegt auch nix. Selbst das eine Jahr, für das es heute noch Arbeitslosengeld ohne Einkommenskontrolle gibt, ist inzwischen für Menschen mit halbwegs Qualifikation praktisch außer Reichweite: Irgendein Job findet das Arbeitsamt immer.

Was auf den ersten Blick gut klingt – dem Mittelstand Geld wegnehmen, den Armen geben – führte schleichend zu einer gesellschaftlichen Entsolidarisierung und zu einer Aushöhlung der Bereitschaft, in die Sozialkassen einzuzahlen. Die Sozialabgaben sind heute für breite Teile des Mittelstands nicht mehr eine Art „Versicherung“, in die sie einbezahlen in dem Wissen, dass sie im Fall des Falles davon aufgefangen werden. Sondern es wird empfunden als eine Abgabe „für die anderen da“, zu denen man selber aber ganz bestimmt nicht gehört.

Das Schlimme an Hartz IV ist also nicht, dass es so wenig ist, sondern das Schlimme ist, dass es Bedürftigkeit als Ausnahmefall definiert hat. Als etwas, das nicht alle Menschen betrifft (oder betreffen könnte), sondern nur spezielle Menschen, „die da“ eben, diese Hartzler. Die Einführung von Hartz IV hat einen Graben gezogen zwischen den „nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft“ (die ordentlich arbeiten und in die Sozialkassen einzahlen) und die „Überflüssigen“ (die man durchfüttern muss).

Dieser zunächst nur symbolische Graben hat im Lauf der vergangenen Jahre reale Ausformungen angenommen. Auf der einen Seite diejenigen, die wissen, dass es keine sozialen Netze mehr gibt, die ihren Lebensstandard im Falle des Falles wenigstens für eine Weile stützen würden. Auf auf der anderen Seite diejenigen, die keine Hoffnung mehr haben, jemals aus Hartz IV raus zu kommen (auch nicht für ihre Kinder). Und in der Mitte, und sie sind vielleicht am Schlimmsten dran, diejenigen, die auf der Kippe zwischen beidem stehen, und die bei ihrem Struggle keine solidarische Hilfe mehr bekommen, solange sie nicht beweisen können, dass sie nun wirklich „ganz unten“ angekommen sind.

In dem Zusammenhang leg ich euch gerne nochmal mein Küchengespräch mit Michaela Moser über Bedürftigkeit ans Herz.

Und auch unseren Artikel Bedürftigkeit aus dem ABC des guten Lebens.

„Jede macht was sie will“ ist noch nicht alles

In den letzten Tagen habe ich nur eher nebenbei Diskussionen auf Twitter unter dem Hasthag #EMMAistfuermich mitverfolgt – für alle, die nicht bei Twitter sind: Unter diesem Schlagwort hat die Zeitschrift Emma Leserinnen aufgefordert, etwas Positives über Emma zu schreiben, aber recht schnell wurde dabei vor allem Kritik geäußert.

Unter den kritischen Tweets ist mir vor allem ein Tenor aufgefallen, den ich anfangs gut fand, zu dem mir im Lauf der Zeit aber dann doch Bedenken kamen: nämlich die Kritik an feministischem Paternalismus und „Eine gute Feministin ist so und so“, verbunden mit dem Plädoyer für die individuelle Freiheit jeder Frau, sich und ihren Feminismus so oder so zu definieren, wie sie eben will.

Es stimmt: An EMMA war schon immer problematisch, dass Alice Schwarzer sehr klar definiert, was ihrer Ansicht nach feministisch ist und was nicht, und dass sie Frauen mit anderen Ansichten als quasi vom Patriarchat gekauft diffamiert anstatt sie einer ernsthaften Auseinandersetzung würdig zu erweisen.

Aber die Haltung „Soll halt jede machen und meinen was sie will“ ist nicht das Ziel feministischer Politik, sondern lediglich ihr Anfang.

Ihr Anfang deshalb, weil die Vorstellung, dass Frauen machen, was sie wollen – und nicht, was sie nach Ansicht von Männern oder aufgrund der Natur oder laut dem Willen Gottes tun sollen – tatsächlich die symbolische Revolution ist, die der Feminismus gebracht hat. Weibliche Souveränität und weibliche Subjektivität war in Zeiten vor der Frauenbewegung nicht vorgesehen, nicht einmal denkbar. Frauen, die damals (was natürlich vorkam) souverän waren und ihren Subjektstatus behaupteten, taten das der herrschenden symbolischen Ordnung zufolge obwohl sie Frauen waren, markierten also sozusagen die Ausnahme, die die Regel bestätigte.

Heute nicht mehr. Dass Frauen als souveräne Subjekte und Individuen gelten und nicht als Repräsentantinnen ihres Geschlechts, dass sie also für ihr Handeln keine anderen Begründungen brauchen als „Weil ich das so will“, wird von immer mehr Frauen eingefordert, und zwar – wie die aktuelle Debatte zeigt – auch gegen einen „paternalistischen“ Feminismus, der zwar die Inhalte dessen, was Frauen sollen, verändert hat, aber eben nicht die Struktur des Arguments, wonach Frauen eben doch irgendetwas sollen, nur eben was anderes als das Patriarchat sagt.

Aber dieses Verständnis von Frausein hat sich noch nicht überall durchgesetzt, sitzt noch etwas unsicher im Sattel. Nicht nur die Emma ist dieser alten symbolischen Ordnung noch verhaftet, wonach Frauen eine spezielle Kategorie Menschsein mit gemeinsamen Interessen, Ansichten, Erfordernissen sind, die sich objektiv – also ohne konkrete weibliche Subjekte dazu befragen zu müssen – deduzieren lassen. Die alte Ordnung zeigt sich auch weiterhin in Form von gesellschaftlichen Ansprüchen an Frauen, sich irgendwie für die Allgemeinheit nützlich zu machen (sie sollen Kinder kriegen, sie sollen ihre Arbeitskraft dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen und so weiter). Und auch in anderen feministischen Diskursen ist diese Rhetorik noch vorzufinden, zum Beispiel in dem Argument, mehr Frauen in Führungspositionen seien gut für den Unternehmenserfolg. Das Argument „Ich will mehr Frauen in Entscheidungspositionen“ scheint für sich genommen („Weil ich das will“) noch nicht ausreichend legitimiert, es muss noch eine Begründung dazu, die die Nützlichkeit dieses weiblichen Wollens für die Allgemeinheit beweist.

Insofern ist es gut, wenn Frauen ihre Souveränität und Subjektivität gegen sämtliche Sollens-Ansprüche behaupten, egal von wem sie kommen. Ja, jede soll machen, was sie will. Frauen können sich nicht gegenseitig repräsentieren und vertreten, weil sie Unterschiedliches wollen und sind, und weil sich aus der Tatsache ihres Frauseins keine Normen und Ansprüche an eine einzelne Frau ableiten lassen: Das ist der Kern der weiblichen Freiheit.

Aber, wie gesagt, damit fängt der Feminismus erst an. Weibliche Souveränität ist nicht der Zweck, dem der Feminismus dient, sondern die Vorbedingung dafür, dass es eine feministische Bewegung überhaupt geben kann als politische Bewegung. Die Haltung des „Ich tue das, was ich will“ ist der Ausgangspunkt für eine Politik der Frauen, nicht ihr Ziel. Ihr Ziel ist die Gestaltung der Welt.

Zur Politik und zur Weltgestaltung aber gehört der Austausch über unterschiedliche Ansichten, Differenzen und Meinungen zwingend dazu. Also konkret: Freie und souveräne weibliche Subjekte reden miteinander, sie streiten, sie argumentieren, sie teilen Erfahrungen, bringen Argumente, versuchen die andere zu überzeugen und lernen von der anderen.

Es ist deshalb auch (und gerade) unter den Bedingungen weiblicher Freiheit notwendig und sogar wünschenswert, dass Frauen sich gegenseitig kritisieren, dass sie aussprechen, wenn sie die Lebensentwürfe und Ansichten anderer Frauen problematisch oder rundheraus falsch finden, ja, dass sie Urteile fällen, auch über das Handeln anderer. Wenn dieser Austausch auf der Ebene der Begegnung zweier freier Subjekte stattfindet, ist Kritik nicht paternalistisch oder bevormundend, sondern schlicht und einfach ganz normale politische Debatte.

Aber weil wir uns momentan in einer Übergangszeit befinden, in der freie weibliche Subjektivität zwar schon vorhanden ist, aber noch nicht selbstverständlich, sondern immer wieder auch gefährdet ist, geschieht es oft, dass die Szenarien verwechselt werden. Wenn eine Frau das Handeln einer anderen beurteilt – zum Beispiel sagt: Ich finde es nicht richtig, was du machst – dann kann das in der alten Ordnung als Bevormundung gelesen werden, während es in der neuen Ordnung eine politische Auseinandersetzung ist. Zu sagen „Ich finde es nicht richtig, was du machst“, wird in der alten Ordnung übersetzt mit „Du darfst das nicht machen, du sollst etwas anderes machen.“ In der neuen Ordnung bedeutet es aber: „Es gibt einen Konflikt zwischen dir und mir in Bezug darauf, wie wir die gemeinsame Welt gestalten.“

Dass Menschen darüber streiten, wie die Welt sein soll, welche ethischen Maßstäbe gelten sollen, welche Übereinkünfte sie treffen, welche Handlungsweisen akzeptabel sind und welche nicht, ist Bestandteil jeder Kultur. Es gibt keine Kultur, in der alle alles machen dürfen. Eine Welt, in der sich über solche Themen nicht ausgetauscht würde, in der Menschen also nicht ihr jeweiliges Handeln gegenseitig beurteilen, wäre eine diktatorische Welt.

Deshalb kann weibliche Subjektivität und Souveränität sich nicht damit begnügen, ihre eigene Anerkennung einzuklagen. Sondern sobald sie existiert, ist ihr Urteil über die Welt gefordert, und damit wird sie unweigerlich in Konflikt mit anderen weiblichen Subjekten geraten.

Denn worum es dem Feminismus geht ist nicht das Verhältnis von Frauen und Männern (oder sonstigen Genders). Der Kern des Feminismus ist das Verhältnis der Frauen zur Welt.

Care-Revolution is coming…

Vielleicht ist euch schon aufgefallen, dass neuerdings dieses pinke Banner der Care-Revolution auf meinem Blog steht. Der Grund ist, dass wir als Autorinnenkollektiv des ABC des guten Lebens auch Mitglied in diesem Netzwerk sind. Denn darauf läuft vieles, worum es uns und auch hier im Blog immer wieder geht, hinaus: Dass das gute Leben mit den Beziehungen anfängt, dass gutes Leben erfordert, dass für alles Notwendige gesorgt ist, auch für körperliche Bedürfnisse derer, die sich nicht selbst versorgen können zum Beispiel.

Da aber unsere Ökonomie die unbezahlte Haus- und Fürsorgearbeit (Care) lange ausgeblendet hat und teilweise bis heute, was natürlich eng mit Geschlechterrollen zusammenhängt (Frauen arbeiten für Liebe, Männer für Geld), ist für das gute Leben aller oft nicht gesorgt, weil “die Wirtschaft” andere Prioritäten setzt.

Das Thema ist im Feminismus natürlich nicht neu, aber neu ist, dass sich jetzt ein wirklich breites Netzwerk gegründet hat, das Care explizit als die zentrale Kategorie denkt. Hier arbeiten also sowohl welche mit, die von der “unbezahlten” Seite herkommen, also auch Menschen, die Carearbeit als Beruf haben. Und das Thema wird sowohl pragmatisch und konkret, als auch grundlegend, also kapitalismuskritisch gefasst – daher Revolution. Angestoßen hat das Ganze maßgeblich Gabriele Winker vom Feministischen Institut Hamburg, zusammen mit vielen anderen engagierten Menschen, Frauen und Männern.

Wie brisant das Thema ist, hat sich im März gezeigt, als zu einem Care-Kongress nach Berlin 500 Leute kamen, viel mehr als von den Initiatorinnen erwartet. Von uns ABC-Autorinnen war Ina Praetorius da und hat hier einen Bericht darüber geschrieben.

Um die Zusammenarbeit zu systematisieren, gab es im Mai ein Vernetzungstreffen in Hannover, bei dem ich war, und aus dem ein Koordinierungskreis hervorgegangen ist, in dem ich mitarbeite. Dort haben wir nun für den 1. November in Frankfurt einen weiteren Aktionstag geplant, zu dem wieder alle eingeladen sind, die sich hier anschließen und für das Thema engagieren möchten (ich selbst kann leider nicht kommen…)

Ich kann euch das alles nur ans Herz legen, macht diese Bewegung bekannt, kommt nach Frankfurt, schließt euch an. Oder engagiert euch regional. Das war nämlich ein Thema unserer Diskussionen im Koordinierungskreis: Dass bundesweite Treffen und Kongresse wichtig sind, dass aber das Thema Care konkret eigentlich regional verankert sein muss. In einigen Städten gab es schon Versuche, unterschiedliche Akteurinnen und Akteure dazu an einen Tisch zu holen, Beziehungen aufzubauen, gemeinsame Aktionen zu planen.

Eine gute Gelegenheit wäre zum Beispiel der 1. Mai 2015, den einige zum “Tag der unbezahlten Arbeit” deklarieren. Auch dazu werden sicher am 1. November in Frankfurt Ideen ausgetauscht und Pläne geschmiedet. Hier die Infos zum 1. November.

Zum Weiterlesen jetzt noch zwei Links:

Hier hat die Frankfurter Rundschau etwas über die Care-Revolution geschrieben

Und hier Alex vom AK Reproduktion in Berlin, die auch im Ko-Kreis mitarbeitet

Frauen sind auch nicht von Natur aus Feministinnen

Ich komme in die Küche und da läuft im Radio ein Schlager. Eine Art Liebeslied soll das wohl sein, gesungen von einem Er, adressiert an eine Sie. Die Refrainzeile: „Du machst mich zu einem besseren Mann“.

Mich gruselt. Und zwar nicht so sehr, weil hier das alte Geschlechterarrangement abgefeiert wird, wonach Frauen in einer heterosexuellen Beziehung die Aufgabe haben, die Qualität des Mannes sicherzustellen. Es ist ja normal, dass der Mainstream bestehende Geschlechterarrangements bekräftigt, das ist sozusagen sein Job.

Das wirklich Gruselige an dieser Liedzeile ist, dass vermutlich vielen Frauen dieser Schlager gefällt. Weil viele sich gerne in dieser Rolle sehen: Den Mann zu einem besseren Mann zu machen. Das ist ein Teil der patriarchalen romantischen Liebeserzählung, und sie wird von Frauen genauso abgefeiert wie von Männern (nicht von allen natürlich).

Später lese ich einen Artikel über die brutale Herrschaft des „Islamischen Staats“, in dem steht, dass es dort Frauen sind, die die Aufgabe übernehmen, andere Frauen zu disziplinieren. Das ist ja kaum zu glauben, denn noch frauenverachtender als beim IS kann ein Patriarchat doch gar nicht aussehen.

Es ist aber die traurige Wahrheit: Das Patriarchat ist nie einfach die Herrschaft von Männern über Frauen. Sondern überall dort, wo es existiert, kann es auf die Unterstützung von Frauen zählen. Viele Frauen akzeptieren die ihnen zugewiesene Rolle einer Existenz zweiter Ordnung. Einer Existenz, die vom Mann abgeleitet ist. Sie akzeptieren die ihnen zugewiesenen Aufgaben, mehr noch, sie machen sie sich zu Eigen. Und: Sie sind es, die diese Ordnung anderen Frauen gegenüber vertreten, oft unbarmherzig.

Frauen sind nicht von Natur aus Feministinnen, sie müssen es werden, in einem bewussten Akt der Entscheidung, die alte symbolische Ordnung der Vorherrschaft des Männlichen nicht mehr zu akzeptieren. Ob es wahrscheinlicher ist, dass eine Frau diese Entscheidung trifft als ein Mann? Vielleicht, weil der Leidensdruck höher ist, weil sie mehr zu gewinnen hat. Vielleicht aber auch nicht, weil auch der Preis höher ist, den sie bezahlt. Eine Frau hat oft auch mehr zu verlieren.

Dass es beim Feminismus nicht um einen Kampf von Frauen gegen Männer geht, wird oft gesagt, aber diese Aussage ist zwiespältig. Einerseits ist es natürlich auf eine banale Weise wahr. Trotzdem habe ich dabei ein leichtes Unbehagen, weil dieses „Es geht nicht gegen Männer“ leicht so verstanden werden kann, als sollten wir unsere Radikalität im Zaum halten, um die Männer nicht vor den Kopf zu stoßen, sie einzubeziehen, sie „abzuholen“.

Aber das ist nicht der Punkt. Beim Feminismus geht es aus einem viel schlichteren Grund nicht um einen Kampf von Frauen gegen Männer: Weil viele Frauen einen solchen Kampf gar nicht kämpfen, sondern sich mit dem Bestehenden arrangieren oder es sogar gut finden. Oder weil sie schlicht noch gar nicht auf die Idee gekommen sind, dass sie es überhaupt in Frage stellen könnten. Weil sie, die ja genauso wie die Männer in der herkömmlichen symbolischen Ordnung aufgewachsen und sozialisiert worden sind, vielleicht zwar ein diffuses Unbehagen verspüren, aber dafür bisher keinen politischen Ausdruck gefunden haben.

Feminismus ist die Weigerung, eine gesellschaftliche und kulturelle Ordnung anzuerkennen, die Frauen als vom Mann abgeleitete Wesen versteht. Als Wesen, die nicht ihre eigenen Ziele verfolgen, sondern sozusagen nur über Bande mitspielen: Die die Welt verbessern, indem sie die Männer verbessern, die sich in der Welt behaupten, indem sie Männer imitieren, oder die die Gesetze der Männer anderen Frauen gegenüber exekutieren.

Eine Feministin erkennt man nicht an den Inhalten ihrer politischen Forderungen und Ansichten, sondern daran, ob sie aufgehört hat, ihr eigenes Leben (und das Leben anderer Frauen) als eines zweiter Ordnung zu verstehen. Daran, ob sie direkt in der Welt wirken möchte, oder ob sie Männer verbessern möchte, in der Hoffnung, dass die es dann regeln. Daran, ob sie ihre eigenen Gesetze aufstellt und ihnen entsprechend lebt, oder ob sie die Gesetze der Männer exekutiert, speziell anderen Frauen gegenüber.

Ja, und auch Männer können feministisch sein. Solche Männer erkennt man daran, dass sie sich vorzugsweise in der Gesellschaft von Feministinnen bewegen. Weil sie Frauen als souveränes Gegenüber schätzen und nicht als Spiegel ihres Selbst.

Die schmerzhaften Debatten unter Feministinnen

Feministische Debatten sind oft schmerzhaft für die Beteiligten. Momentan zum Beispiel gibt es heftige Debatten um einen Blogpost von Chris Köver im Missy Magazine, die einen sarkastischen Text über eine Künstlerin geschrieben hatte, die ihr kein Face-to-face-Interview gegeben hat. Sie wurde daraufhin scharf kritisiert – wie ich finde, zu recht – und hat sich jetzt entschuldigt, aber, wie andere finden, zu halbherzig.

Die Debatte dreht sich um eine so genannte “Call-Out-Culture”, also darum, wie wir intern aneinander Kritik äußern und uns gegenseitig auf diskriminerendes oder sonstwie falsches Verhalten hinweisen. Das Thema ist auch unabhängig von dem konkreten Fall virulent. Viele meinen zum Beispiel, dass innerhalb des Feminismus zu viel und zu unbarmherzig kritisiert würde, sodass man ständig Angst haben müsste, irgend etwas falsch zu machen.

Aber dieses Problem ist ja keines, das speziell Feministinnen trifft. Sondern diese Probleme entstehen deshalb, weil wir generell in einer Kultur leben, die keinen guten Umgang mit Fehlern hat. Diese innerfeministischen Auseinandersetzungen sind deshalb so schmerzhaft, weil wir hier Neuland betreten. Weil wir hier schon längst auf Terrain sind, von dem der Rest der Gesellschaft noch weit entfernt ist. Wo wir Verfahren, Reaktionen, Diskussionsstile und so weiter erst noch erfinden müssen. Das ist schwierig, deshalb die vielen Schmerzen.

Vor einigen Wochen hielt ich beim Jahreskongress der “Redenschreiber in deutscher Sprache” (sic) einen Vortrag über Political Correctness. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion kam die Frage auf, was jemand tun kann, der sich wegen einer “falschen” Äußerung in einem Kritiksturm wiederfindet. Die anderen Diskutanten schlugen Sachen vor wie Zurückschlagen oder Aussitzen, jedenfalls könne man da sowieso nichts machen.

Ich schlug dann vor, man könne sich doch entschuldigen und sagen, das habe man bisher nicht gewusst oder nicht bedacht, sich für die Kritik bedanken und versprechen, sich genauer mit dem Thema zu beschäftigen und die eigene Praxis gegebenenfalls zu überdenken.

Die Reaktion war sozusagen vereintes Lachen. Das wäre ja eine sehr ehrenwerte Sichtweise, wurde mir gesagt, aber im öffentlichen Leben leider ganz und gar unmöglich zu verwirklichen. Jeder Politiker, der einen Fehler eingesteht, würde sich selber ins Aus katapultieren. Aus Fehlern lernen? Das können vielleicht Betschwestern, aber die derzeit gängigen Regeln des öffentlichen Diskurses würden so etwas leider nicht vorsehen.

Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber die Zustimmung der anderen Referenten und des Publikums war jedenfalls so einmütig, dass ich mal annehme, da ist etwas dran. Oder zumindest ist die allgemeine Meinung, die herrschende symbolische Ordnung diesbezüglich eindeutig. Wer Fehler zugibt, ist schwach, wer öffentlich zugibt, etwas noch nicht zu wissen, etwas nicht bedacht zu haben oder etwas erst noch lernen zu müssen, hat sich disqualifiziert.

Das ist natürlich schockierend, aber es erklärt auch vieles. Wir leben in einer Kultur, in der die übliche Reaktion auf Kritik ist, erstmal alles abzustreiten und nur ja keine Zugeständnisse zu machen (eventuell landet man ja auch noch vor Gericht, und da wäre das ganz schlecht, wenn man vorher schon Zweifel an der eigenen Unschuld geäußert hätte). Die übliche Reaktion auf Kritik ist, die Schuld der Gegenseite zuzuweisen, entrüstet zu tun, die Muskeln spielen zu lassen. Erst mal sehen, wer der Stärkere ist.

Auch wir Feministinnen sind von dieser Kultur geprägt, auch wir haben die Regeln der herrschenden symbolischen Ordnung internalisiert, sie ist auch ein Teil unserer Routine.

Doch diese Ordnung, diese Kultur ist schlecht. Sie verhindert, dass Menschen etwas dazu lernen. Sie verhindert, dass neue Ideen sich verbreiten, selbst wenn sie gut sind. Sie führt dazu, dass Kritik allzu häufig eine Spirale aus Rechtfertigungen und Schuldzuweisungen auslöst, die sich immer weiter aufschaukelt.

Und das ist eben schmerzhaft. Weil wir die Regeln der alten Ordnung nicht mehr akzeptieren, aber noch keine neuen haben, die uns in Fleisch und Blut übergegangen wären. Ich fürchte, da müssen wir durch.

Aber die Chance, dass sich dadurch etwas verändert, besteht. Ich erinnere mich zum Beispiel an heftige Debatten in der feministischen Theologie, als in den 1980er Jahren jüdische Theologinnen den christlichen Theologinnen vorgeworfen haben, antijudaistische Stereotype zu verbreiten – zum Beispiel indem sie Jesus als “neuen Mann” feierten, der sich gegen das alte jüdische Patriarchat abgrenzte.

Auch damals waren die Abwehrreaktionen heftig, haben sich die christlichen Theologinnen gegen solche Kritik verwahrt, hat sich die Spirale an gegenseitigen Vorwürfen aufgeschaukelt, sind Tränen geflossen.

Inzwischen wissen wir, dass diese innerfeministischen Debatten Avantgarde waren. Die Feministinnen stritten sich schon über christlichen Antijudaismus, als das in der Mainstreamtheologie noch überhaupt kein Thema war. Inzwischen ist der Sachverhalt weitgehend anerkannt, hat ein Umdenken auf Seiten der christlichen Theologie stattgefunden, zumindest in Teilen, auch unter Männern.

Die Schmerzen, so meine Hoffnung jedenfalls, sind also wenigstens nicht umsonst.