Feminismus und Finanzpolitik

Mit etwas Verspätung fahre ich fort mit dem Verbloggen meiner Erlebnisse bei der Konferenz der International Association for Feminist Economics in Berlin (vgl. auch  meinen Bericht dazu im 10nach8 Blog auf Zeit Online sowie die vorherigen Posts hier im Blog).

Mein zweiter Workshop hieß „Engendering Economic Policy“ und nahm den Appell von Silvia Walby aus dem Eröffnungspanel auf, dass Feministische Ökonomie sich mehr mit Finanzpolitik beschäftigen soll. Den Auftakt machte Brigitte Young, die ein Forschungsprojekt vorstellte, mit dem sie die „Black Box Finance“ knacken will.

Zunächst identifizierte sie drei Aspekte, unter denen Finanzpolitik wirkt, nämlich als „Risk bias“ (Wer trägt die Risiken des Finanzkapitalismus bzw. muss dessen Folgen ausbaden), als „Credit bias“ (Welche neuen Machtverhältnisse zwischen Schuldnern und Gläubigern entstehen? Geld als Form sozialer Beziehungen…) und schließlich als „Asset Bias“.

Alle diese drei Punkte haben offenbar klare Gender-Implikationen, obwohl immer behauptet wird, „Finance“ wäre geschlechterneutral, weshalb sich auch Genderstudies vorwiegend auf Themen wir Arbeitsmarkt oder Sozialstaat bezogen haben. Doch das verschleiert, wie gravierend sich der Finanzmarkt und Finanzpolitik mit Geschlechterverhältnissen verwoben sind.

Als Schuldnerinnen sind Frauen inzwischen in den Finanzmarkt integriert, allerdings nicht als Kreditgeberinnen. Das Vermögen konzentriert sich vorwiegend in der Hand von Männern, was bedeutet, dass Männer häufiger von Finanzmarktspekulationen profitieren. Diejenigen, die die Verluste ausbaden (zum Beispiel durch Wertverlust von Lebensversicherungen) sind hingegen in größerem Maße auch Frauen. Diese genauen Zusammenhänge sind aber noch nie systematisch erforscht worden.

Als zweite sprach Elisabeth Klatzer von Attac Österreich und präsentierte eine interessante Studie über die Empfehlungen der Europäischen Kommission an die EU-Mitgliedsländer, die – sofern sie Schuldendefizite vorweisen – ihre Haushalte der EU-Kommission vorlegen müssen. Klatzer hatte die verschiedenen Vorschläge gruppiert nach solchen, die schlecht für Frauen sind, solchen, die gut für Frauen sind, und solche, bei denen sich das nicht sagen lässt. Dieser mittlere Bereich war der größte, aber doch auch ein erklecklicher Anteil von Vorschlägen war zum Nachteil für Frauen, während es kaum Vorschläge gab, die zum Vorteil für Frauen sind. Die einzigen, die hier signifikant auftraten, betrafen Verbesserungen in der Kinderbetreuung (haha) beziehungsweise solche, die die „Employability“ von Frauen verbessern, davon aber nur wenige. „Nicht mal der kleinste Versuch, Themen der Geschlechtergerechtigkeit anzusprechen“, so Klatzers Fazit.

Danach berichtete Corina Rodgriguez-Enriquez über die gerade beendete FFD3-Konferenz in Addis Abeba, bei der es um Möglichkeiten der Finanzierung von Entwicklungspolitik ging. Bezugnahmen auf Geschlechtergerechtigkeit habe es dort nur selten gegeben, im Schlussdokument werde auf Frauen nur Bezug genommen, indem ihre Förderung gleichzeitig auch Wachstum und Entwicklung fördern würde – ein typischer Fall von „Womenomics“ also.

Einen theoretischen Überblick zur „Lage der Dinge“ gab dann Jill Rubery. Sie appellierte daran, nicht zu viel Vertrauen in den Staat zu habe und stattdessen wieder mehr konkrete „klassenkämpferische Aktionen“, wenn man so will, vorzunehmen beziehungsweise auch direkt mit Unternehmern zu verhandeln.

Mit Katrin Rönicke und Carmen Amicitiae über Sexarbeit gepodcastet

Hier kommt noch ein Hinweis für euch (urlaubsbedingt mit ein paar Tagen Verspätung): Katrin Rönicke hatte mich und die Sexarbeits-Aktivistin Carmen Amicitiae im Juli zu einem Gespräch über Sexarbeit und Prostitution eingeladen. Es erschien jetzt in ihrem Podcast “Erscheinungsraum” unter dem schönen Titel “Es gibt keine Notwendigkeit, dass mit allen Männern geschlafen wird” –

hier ist der Link.

metrnicke-1Zum Abschied bekam ich Katrin Rönickes neues Buch “Bitte freimachen. Eine Anleitung zur Emanzipation” geschenkt. Ich hab es gleich im Zug in den Urlaub gelesen. Es ist ein schönes, sehr persönlich gehaltenes Einführungsbuch, das die derzeit wichtigen Feminismusthemen (Körer, Sex, Kinder, Pink, Equal Pay, Armut, Netz undsoweiter) anhand der eigenen subjektiven Erfahrungen der Autorin entfaltet.

Katrin Rönicke: Bitte Freimachen. Metrolit, Berlin 2015, 22 Euro (Print), 16,99 Euro (E-Book).

 

 

 

Arendt, Eigentum, Austerity – neue Episode von “Besondere Umstände”

Benni und ich haben heute morgen wieder gepodcastet.  Endlich haben wir dabei mal Hannah Arendts Vita Activa abgehandelt, dann über Eigentum und Besitz gesprochen, über #merkelstreichelt und über den IAFFE-Kongress feministischer Ökonominnen in Berlin und Austeritätspolitik.

Eingestiegen sind wir aber mit einer Idee, die uns kürzlich kam: Dass es eigentlich schön wäre, wenn es die Podcasts auch als Buch geben würde. Vielleicht hilft uns jemand beim transkribieren? Über die Idee reden wir ganz am Anfang – sozusagen “Crowd-doing” statt “Crowd-funding” :))

Hier gehts zum Podcast

Ehe nach Bedarf

Editorial: Diesen Text schrieb ich für die aktuelle Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik, wo er jedoch im bezahlpflichtigen Teil steht. Ich darf ihn aber auch hier veröffentlichen, was außerdem den Charme hat, dass Ihr kommentieren könnt! Voilà!

Die Öffnung der Ehe für schwule und lesbische Paare hat in den letzten Wochen starken Aufwind bekommen: Zuerst stimmten Ende Mai bei einem Referendum 62 Prozent der Irinnen und Iren für die sogenannte Homo-Ehe, kaum einen Monat später entschied der Oberste Gerichtshof der USA, dass jene Bundesstaaten verfassungswidrig handeln, die gleichgeschlechtlichen Paaren die Ehe verweigern.

Es ist unübersehbar, dass die Zustimmung zur „Ehe für alle“ – ein Ausdruck, der vielerorts die marginalisierende Bezeichnung „Homo-Ehe“ ersetzt hat – inzwischen weitgehend Mainstream ist. Unmittelbar nach der Entscheidung des Supreme Court schaltete Facebook ein Regenbogen-Feature frei: Mit nur einem Klick konnten Nutzerinnen und Nutzer ihre Profilbilder mit einem Regenbogenverlauf unterlegen und damit symbolisch ihrer Freude Ausdruck verleihen. Ganze Timelines verwandelten sich in regelrechte „Gay-Marriage“-Manifestationen.

Ein weiteres Symbolbild, das in den vergangenen Wochen durch die sozialen Netzwerke gereicht wurde, war ein Postkartenspruch: „Was wird sich für heterosexuelle Paare ändern, wenn Homosexuelle heiraten dürfen?“ Antwort: „Nichts!“ Seine Beliebtheit erklärt, warum die Zustimmung in der Bevölkerung zur Gleichstellung schwuler und lesbischer Paare so groß ist: Sie ist nicht revolutionär gemeint, sondern versteht sich als antidiskriminierende Maßnahme, durch die sich buchstäblich „nichts“ ändert. Aber ist das wirklich so? Und vor allem: Ist das gut oder schlecht?

Wenn man sich die historische Entwicklung des Konstrukts „Ehe“ anschaut, wird deutlich, dass die jetzige Öffnung für gleichgeschlechtliche Paare mit einer Veränderung zusammenhängt, die nicht politischer, sondern technologischer Natur ist: die Erfindung der In-Vitro-Fertilisation, also der Möglichkeit, ohne Geschlechtsverkehr Schwangerschaften zu erzeugen. Die In-Vitro-Fertilisation ermöglicht es lesbischen Frauen, schwanger zu werden, ohne mit einem Mann zu schlafen. Und sie ermöglicht es schwulen Männern in vielen Ländern der Welt, ihren Kinderwunsch mit sogenannten Leihmüttern auf vertraglicher Basis – oft gegen Geld – zu verwirklichen. Kinderhaben ist heute nicht mehr an Sex gebunden.

Die Geschichte der Ehe

Historisch betrachtet regelt die Institution Ehe die Verantwortlichkeiten im Fall von Elternschaft. Vor der Erfindung der In-Vitro-Fertilisation war sie daher logischerweise heterosexuell ausgelegt: Geschlechtsverkehr zwischen einer Frau und einem Mann war lange Zeit die einzige Möglichkeit, eine Schwangerschaft hervorzubringen. Kurz gefasst stellte die Ehe sicher, dass Männer die Frauen, die von ihnen schwanger wurden, mit der Versorgung des Kindes nicht allein lassen. Gleichzeitig bekamen Ehemänner für diese Verantwortungsübernahme in patriarchalen Kulturen zahlreiche Privilegien zugestanden. Wenn sich Elternschaft heute aber nicht mehr notwendigerweise durch gemeinsamen Sex konstituiert, dann gibt es auch keinen Grund, warum die Ehe auf heterosexuelle Paare beschränkt bleiben sollte.

Dass die Ehe vom Prinzip her kein Institut zur Regelung von Sexualität und romantischer Liebe ist, sondern das regeln sollte, was heute Care-Arbeit genannt wird – also die private, nicht erwerbsmäßige Versorgung hilfsbedürftiger Menschen (in diesem Fall von Kindern) –, wird auch darin deutlich, dass sie in vielen Kulturen weder monogam angelegt war noch auf individueller Zuneigung oder gar „Liebe“ gründete. Die Ehe hat fast überall auf der Welt in erster Linie rechtliche und ökonomische Aspekte. Dass vor allem an Ehefrauen der Anspruch gestellt wurde, sexuell nur mit ihrem Ehemann zu verkehren, hatte weniger mit Vorstellungen von Treue und Hingabe zu tun, sondern sollte sicherstellen, dass Männer nicht für die Kinder anderer Männer aufkommen müssen.

Die Vorstellung, dass Eheleute einander wechselseitig als Individuen mögen, sich sogar lieben, ihre Beziehung als lebenslang und exklusiv verstehen, ist stark vom Christentum geprägt. Als solche hat sie vor allem in Europa und den USA die ideologischen Grundlagen geschaffen, auf denen bis heute über das Thema diskutiert wird. Funktioniert hat das in der Realität meist nur so mittelgut. Auch in Europa war es weithin üblich, dass Ehen nicht aus Liebe, sondern aus politischem Kalkül geschlossen wurden. Die gesamte Minnetradition lebt von der Unterscheidung zwischen Ehe und Liebe: In der europäischen Liebesliteratur gilt beides bis zur Romantik als zweierlei, eben genau deshalb, weil sich in der Ehe politische und ökonomische Interessen ausdrücken, die mit „wahrer Liebe“ zumeist unvereinbar sind.

Erst die Romantik hat der Idee der gefühlsbetonten und lebenslangen Zweierbeziehung Auftrieb gegeben und das Bild des idealen, zu einer Einheit verschmolzenen Paares entworfen. Es sollte alles in sich vereinen: Freundschaft, sexuelle Leidenschaft, gemeinsame Interessen, Kinder, lebenslange Verbundenheit. Das Ideal ist bis heute höchst wirksam und gibt neuerdings eben nicht nur für heterosexuelle Paare die Maßstäbe vor, sondern auch für homosexuelle.

Dabei hätte es auch anders kommen können. Viele schwule Männer aus der Beatnik-Bewegung der 1950er Jahre verbanden mit ihrem selbstbewussten Bekenntnis zum Spaß am Sex mit anderen Männern keineswegs die Idee, diese deshalb heiraten zu wollen. Sie waren vielmehr recht zufrieden damit, gleichzeitig auch Ehefrauen zu haben, die die Kinder versorgten und für die sie – mehr oder weniger zuverlässig – finanziell aufkamen.[1] Eigentlich naheliegend, denn schwuler Sex hat ja eben mit Schwangerwerdenkönnen nichts zu tun.

Sex und Ehe voneinander zu trennen, ist weder absurd noch originell. Es gibt durchaus Kulturen, die es traditionell so handhaben, zum Beispiel die Mosuo in China: Frauen und ihre Kinder leben dort in mütterlichen Clans, während die männlichen Sexualpartner nur „zu Besuch“ kommen. Auch dort haben Kinder männliche Bezugspersonen, allerdings nicht ihre biologischen Väter, sondern ihre Onkel, die im selben Haushalt mit ihnen und ihren Müttern leben.[2]

»Ehe für alle« stärkt die Institution Ehe an sich

Dass sich die Schwulen- und Lesbenbewegung mehrheitlich für die Übernahme des heterosexuellen Ehemodells entschieden hat, war also keineswegs zwangsläufig und lässt sich ohne die nach wie vor starke Verankerung des christlich inspirierten romantischen Zweisamkeitsideals kaum erklären. Das könnte auch ein Grund dafür sein, warum der Aktivismus für „Homo-Ehen“ in vielen anderen Regionen der Welt nur sehr zögerlich Zustimmung findet. Doch auch im christlich geprägten Westen ist die Begeisterung über den Zugang zur Ehe nicht ungeteilt. Es gibt – neben jenen Kritikern, die auf das christliche Familienbild, bestehend aus Mann und Frau, verweisen – zahlreiche Aktivisten und noch mehr Aktivistinnen, die den Kampf für eine „Ehe für alle“ als stabilisierende Anpassung kritisieren. Er würde nicht von gesellschaftskritischen Impulsen getragen, sondern reklamiere lediglich unberechtigte Privilegien auch für sich selbst.[3]

Dass die Ausweitung der traditionellen christlich-romantischen Ehe auf schwule und lesbische Paare die Institution Ehe symbolisch stärkt und stabilisiert, ist offensichtlich. Fraglich ist aber, ob dies langfristig funktionieren wird. Und zwar nicht in erster Linie deshalb, weil Ehen häufig scheitern, sobald Trennungen nicht mehr mit einem starken sozialen Stigma belegt sind. Sondern weil sich längst neue Formen des gemeinsamen Lebens und Wirtschaftens herausbilden, die für viele Menschen attraktiver sind.

Unter dem Stichwort „Co-Parenting“ wird etwa das Phänomen diskutiert, dass Menschen sich auch außerhalb von romantischen Zweierbeziehungen dazu entscheiden, gemeinsam für Kinder Verantwortung zu übernehmen.[4] Das können zum Beispiel Singles sein, die zwar Eltern sein möchten, aber keine Liebesbeziehung führen wollen. Oder auch lesbische und schwule Paare, die gemeinsam Kinder zeugen und die Elternschaft als Gruppe leben.[5] Oder „normale“ heterosexuelle Elternpaare, die die Verantwortung für ihre Kinder mit anderen befreundeten Menschen auf eine verbindliche Weise teilen.[6] Oder polyamore Beziehungsgruppen, also Menschen, die nicht zu zweit, sondern zu mehreren eine Liebesbeziehung führen und in dieser Konstellation Eltern werden.[7] Inzwischen gibt es sogar mit „Familyship.org“ eine Art Kontaktbörse für „Menschen, die auf freundschaftlicher Basis eine Familie gründen“ wollen. Diese Lebensformen sind auch eine Folge davon, dass zahlreiche Scheidungen längst solche „Patchworkfamilien“ hervorgebracht haben. Heute „überspringen“ manche eben gleich das Stadium der Ehe davor.

Während einerseits neue Familienformen rund um das Leben mit Kindern entstehen, nimmt andererseits das Bedürfnis ab, eine simple Zweierbeziehung durch eine Eheschließung zu bekräftigen. Dass Menschen Sex miteinander haben oder zusammenleben, ohne verheiratet zu sein, ist heute völlig normal. In Frankreich wählen zahlreiche Paare, die ihre Beziehung vertraglich regeln wollen, nicht die Ehe, sondern einen abgespeckten Pacte civil de solidarité, der ursprünglich für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt wurde, aber inzwischen auch bei Heterosexuellen sehr beliebt ist.[8]

Wenn heutzutage traditionell geheiratet wird, dann steht oft das Ereignis als solches, die schöne Feier im Vordergrund und nicht ein Bekenntnis zu lebenslanger Treue oder der Wunsch nach gemeinsamen Kindern. Längst sind auch hier Eheverträge Standard, die die rechtlichen Implikationen einer Ehe teilweise wieder aufheben – etwa die Gütergemeinschaft. Auch von politischer Seite werden die klassischen Verbindlichkeiten einer Ehe sukzessive relativiert, etwa mit der Abschaffung des Unterhaltsanspruchs für ehemalige Ehepartnerinnen, sofern sie nicht gemeinsame Kleinkinder versorgen.

Sorgegemeinschaften sind die zeitgemäßen Ehemodelle

Die gegenwärtige Ehe entfernt sich somit zunehmend von ihrem ursprünglichen Sinn: Viele Familienkonstellationen, die verbindliche Sorgegemeinschaften mit Kindern bilden, bleiben vom Genuss ehelicher Privilegien ausgeschlossen, während andererseits der Wunsch zu heiraten nicht unbedingt mit dem Bedürfnis einhergeht, Kinder zu haben und langfristig eine echte Wirtschaftsgemeinschaft zu bilden.

Das Thema wird noch komplexer, wenn man sich klarmacht, dass die traditionelle Aufgabe von Ehen, nämlich Care-Arbeit in nahen Beziehungsstrukturen zu ermöglichen und dafür rechtliche, finanzielle und soziale Rahmenbedingungen zu schaffen, sich nicht nur auf die Versorgung von Kindern beschränkt. Angesichts des demographischen Wandels gewinnen auch andere Bereiche, etwa die gegenseitige Unterstützung bei Krankheit oder Pflegebedürftigkeit, an Bedeutung.

Wenn konservative Gegnerinnen der „Homo-Ehe“ wie die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer daher einwenden, dann könne man ja gleich auch Inzest und Polygamie erlauben, besteht eigentlich wenig Anlass, dieses Szenario als propagandistisch und absurd zurückzuweisen. Vielmehr könnte man zurückfragen: Warum eigentlich nicht?

Das wird besonders deutlich am deutschen Ehegattensplitting. Es wird von kritischen Stimmen in der Regel mit dem Argument abgelehnt, es gebe keinen Grund, kinderlose Ehepaare finanziell zu fördern, zumal damit ein Anreiz für Frauen verbunden ist, auf Erwerbsarbeit zu verzichten. Aber aufgrund der Notwendigkeit von Care-Arbeit ist es wichtig, dass Menschen die Möglichkeit haben, auf Erwerbsarbeit zu verzichten, wenn sie Zeit brauchen, um für Andere Sorgearbeit zu leisten – seien es Kinder, Kranke oder Pflegebedürftige. Das wirtschaftsliberale Credo, dass alle „für sich selbst sorgen“ müssen, bedeutet konkret den Zwang zur Erwerbsarbeit für alle und lässt die Frage offen, wer dann unter welchen Bedingungen die notwendige unbezahlte Care-Arbeit erledigen soll.[9]

Insofern wären Überlegungen zu einer „Ehe für wirklich alle“ durchaus sinnvoll. Sie können sich aber nicht länger an der Frage festmachen, wer mit wem Sex hat oder wer mit wem eine romantische Liebesbeziehung führt. Beim heutigen Stand von Geburtenkontrolle und Reproduktionstechnologie ist die Frage, wer mit wem schläft und wer wen liebt, tatsächlich Privatsache, die die Gesellschaft und den Staat nichts angeht. Mit der Frage, wer für wen sorgt und wer mit wem eine verantwortliche – auch ökonomische – Lebensgemeinschaft eingeht, hat sie nicht mehr notwendigerweise etwas zu tun.[10]

Genau an dieser Frage aber haben sich zeitgemäße „Ehemodelle“ – inklusive finanzieller Vergünstigungen und rechtlicher Sicherheit für diese Modelle – zu orientieren: Sie müssen generationenübergreifende Gemeinschaften fördern, in denen Menschen verbindlich füreinander sorgen und sich langfristig für andere verantwortlich fühlen, auch ökonomisch. Wenn man die historischen Wurzeln der Ehe berücksichtigt, dann ist das auch kein so neuer Gedanke – im Gegenteil.

 

[1] Vgl. Brenda Knight, Women of the Beat Generation, Newburyport 1998, insbesondere S. 62 ff.

[2] Vgl. Lugu Lake Mosuo Cultural Development Association, www.mosuoproject.org.

[3] Vgl. z.B. Nadine Lantzsch, Ehe abschaffen! Und bis dahin Eheprivilegien umverteilen, www.maedchenmannschaft.net, 1.7.2015.

[4] Vgl. Louise Carpenter: Echte Wunschkinder, in: „der Freitag“, 29.1.2014.

[5] Vgl. Ute Zauft, Der Traum vom Kind, in: „Der Tagesspiegel“, 30.6.2015.

[6] Vgl. zum Beispiel das Blog „Gemeinsam Eltern“, http://gemeinsameltern.blogsport.de.

[7] Vgl. Lisa Seelig, Vater, Vater, Mutter, Kind, www.zeit.de, 7.12.2010.

[8] Vgl. Katrin Rönicke, Lass uns einen Pakt schließen, in: „der Freitag“, 18.6.2015.

[9] Auch wenn es möglich ist, Teile der ehemals von „Hausfrauen“ unbezahlt geleisteten Arbeit in Erwerbsarbeit zu überführen, so ist das aus verschiedenen Gründen nicht für das gesamte Volumen der notwendigen Care-Arbeit eine Lösung. Vgl. dazu Ina Praetorius, Wirtschaft ist Care, Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2015 (kostenloser Download unter www.boell.de) sowie Gabriele Winker, Care Revolution, Bielefeld 2015.

[10] Vgl. dazu Or Kasthi, Elderly sisters fight to be legally recognized as a „couple“, in: „Haaretz“, 3.7.2015.

(aus: »Blätter« 8/2015, Seite 9-12)

 

Der (zweifelhafte) Nutzen von Statistik

Der erste Workshop, den ich bei der IAFFE-Konferenz besuchte, hatte das Thema „Gendered Fields: Women’s Labor in Agriculture“ und bestand vor allem daraus, dass Feldstudien vorgestellt wurden: Els Lecoutere sprach über den Zusammenhang zwischen veränderten Geschlechterrollen und einer Intensivierung der Kaffeeproduktion in einem kleinen Dorf in Uganda, Jing Liu hatte die Versuche der chinesischen Kommunisten untersucht, unter der Landbevölkerung mehr Gleichberechtigung einzuführen (am Beispiel einer Landkommune in den 1970er Jahren). Billy Nyagaya stellte eine Studie vor über die geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen Mangoproduzentinnen und Mangoproduzenten in einem Dorf in Kenia, und Jennifer Twyman hatte untersucht, welchen Anteil das Einkommen auf die Entscheidung von Frauen und Männern in einer bestimmten Region Kolumbiens hat, in Haushalten oder auf dem Feld zu arbeiten.

Die Kurzvorträge waren alle sehr statistisch basiert, und da ich mich mit Statistik nicht sonderlich auskenne, hab ich nicht so wirklich alles im Detail verstanden. Interessant war aber anschließend die Diskussion darüber, wie solche Interviews vor Ort organisiert werden. Sollen Männer Männer und Frauen Frauen interviewen? Oder führt das zu „gender conforming“ Antworten? Sollen die Leute aus derselben Community kommen sie die Interviewer_innen (eher nicht, weil man dem Nachbarn ja über persönliche Dinge nichts erzählen will, andererseits müssen sie aber die Sprache können)…. Und so weiter. Feldforschung ist wirklich sehr komplex…

Ich habe mich allerdings gefragt, wozu solche Studien eigentlich gut sind. Denn in keinem Fall waren die Ergebnisse großartig überraschend. Solche Zahlen sind doch immer nur ein kleiner Baustein in einem sehr komplexen Gefüge. Dass zum Beispiel kolumbianische Männer mehr Geld angeboten kriegen müssen, um von der Feldarbeit zur Hausarbeit zu wechseln als Frauen ist doch keine Überraschung (überraschend höchstens für Leute, die an den Homo Oeconomicus glauben, denn kolumbianische Männer entscheiden über ihre Erwerbsorientierung offenbar höchst irrational: Selbst wenn sie dort ein Vielfaches verdienen würden, würden sie nicht von der Feldarbeit zur Hausarbeit wechseln).

Interessant fand ich auch die Mango-Studie aus Kenia. Denn einerseits gab es das erwartbare Ergebnis, dass Frauen, die Mangos produzieren, nicht so gute Preise erzielen wie die Männer und häufiger von Zwischenhändlern abgezockt werden. Und natürlich ist es gut, wenn so eine Studie dazu dient, Programme anzustoßen, die Frauen besser über Marktpreise und Absatzmöglichkeiten informieren und so weiter. Andererseits fand ich die Unterschiede nun auch wieder nicht so dramatisch groß, vor allem angesichts der Tatsache, dass laut Billy Nyagaya die Mangoproduktion in dieser Region eine historisch männliche Tätigkeit ist.

Whatever: Ich bleibe bei meiner Meinung, dass Studien und statistische Untersuchungen überbewertet werden. Und dass es durchaus ein Problem ist, dass solche „empirische“ Forschung mit viel mehr Geld gepampert wird als analytische, spekulative, ideenproduzierende Arbeiten.

 

Vom Kolonialismus zur Care-Migration – Keynote von Joan Tronto

Hier Teil 2 meiner Notizen zum IAFFE-Kongress in Berlin: Über die Keynote von Joan Tronto über die globalen Aspekte von Care. Tronto ist Professorin an der University of Minnesota und eine Pionierin der feministischen Forschung zum Thema Care. Dabei besonders interessant für mich, weil sie dabei ökonomische und politische  Fäden zusammenbringt (ihr jüngstes Buch heißt zum Beispiel „Caring Democracy“ und ich habe es unverzeihlicherweise noch nicht gelesen).

In ihrer Keynote stellte sie die Frage, die hier im Blog auch schon vorkam, nämlich: Wer macht die unbeliebten Arbeiten? Dabei zog sie eine Linie von der Kolonialisierung zur heutigen Care-Arbeits-Migration. Erstmal in Zahlen: 300 Millionen „zählbare“ globale Care Workers gibt es weltweit, dabei sind aber noch nicht mitgezählt Flüchtlinge, die teilweise ebenfalls Care Arbeit leisten (aber eben nicht speziell zu diesem Zweck migriert sind), sowie inländische Care-Migrant_innen, wenn also zum Beispiel Care Workers aus ländlichen Bereichen Chinas in chinesische Städte gehen.

IMG_5382Zur Theorie: Tronto verfolgte die Wurzeln der heutigen Care Thematik zu den Anfängen der Moderne zurück, erstmal zu „Utopia“ von Thomas Morus. In seinem Entwurf für eine egalitäre, utopische Gesellschaft beantwortete er die Frage, wer denn dort die unbeliebten Arbeiten macht, mit: Sklaven. Aber die Sklaven kämen eben ja freiwillig nach Utopia, weil in ihren Herkunftsländern so schlechte Lebensbedingungen wären, dass es ihnen selbst als Sklaven in Utopia noch besser gehe als zuhause. Ring some bells!

Zweite Wurzel: Der westliche Diskurs über Arbeitsteilung. Die Kolonialisierung wurde häufig damit gerechtfertigt, dass der Westen den „Wilden“ die Zivilisation bringe. Gleichzeitig waren westliche Ökonomen der Ansicht, eine fortgeschrittene Arbeitsteilung sei ein Zeichen für Zivilisation (Adam Smith’s famous pin factory, vor allem aber vertrat Durkheim diese Auffassung). Und natürlich ist es eine tolle Arbeitsteilung, wenn die die einen Bücher schreiben und die anderen den Dreck wegputzen. „Zivilisatorischer Fortschritt“ und die Auslagerung von Care-Arbeit an „tieferstehende“ Menschen haben also eine logische gemeinsame Wurzel in einer verqueren westlichen Vorstellung von Ökonomie. Somit ist die Versklavung anderer Menschen auch eigentlich keine Verirrung der europäischen Moderne, sondern hängt mit ihr logisch zusammen.

Die heute übliche Rede von den „Globalen Care Ketten“ kritisierte Tronto ein bisschen, weil dabei oft die Vorstellung mitschwinge, dass der „richtige“ Platz einer Mutter bei ihren Kindern sei – das ist natürlich auch das Argument, mit dem sich am Mainstreamdiskurs am besten anschließen lässt. Aber der entscheidende Punkt ist natürlich nicht die Frage, wo der „richtige“ Ort einer Frau ist, sondern wo der Ort ist, an dem sie selbst sein möchte. Ein Kriterium, so Tronto, sei es, zu untersuchen, ob Menschen freiwillig und in Kenntnis aller Umstände migrieren, oder ob sie dazu gezwungen sind. Und zwar nicht nur gezwungen durch Armut und politische Umstände, sondern es müsste auch untersucht werden, wer in den betreffenden Familien eigentlich die Entscheidung trifft, ob eine Frau ins Ausland geht (zum Beispiel eine Tochter).

Und, wie eine Teilnehmerin aus Uganda anfügte, ob die Vermittlungsagenturen mit offenen Karten spielen. Viele junge Leute würden aus Afrika mit falschen Versprechungen abgeworben, aber wenn ihnen dann klar wird, dass sie in Europa nicht das vorfinden, was sie erhofft hatten, könnten sie oft nicht mehr zurück, weil sie all ihren Besitz verkauft und Beziehungen abgebrochen hätten.

Aber auch für die „Importeure“ von Care-Arbeit in Europa und USA sieht Tronto Gefahr: „Was wird aus Kindern, die in dem Bewusstsein aufwachsen, dass sie ein Recht darauf haben, von anderen versorgt zu haben?“ Sie gewöhnen sich daran, dass es eine „minderwertige“ Sorte von Menschen gibt, die nur teilweise politische und soziale Rechte haben, was die demokratische Grundbasis zerstört.

Neben der Antwort „Sklaven“ hat die westliche Philosophie freilich noch zwei andere Antworten auf die Frage gegeben, wer denn die unbeliebten Arbeiten tun soll, nämlich „Technologie“ (John Stuart Mill) oder „Vergesellschaften und Industrialisieren“ (Engels, aber auch z.B. Angela Davis). Beide Antworten erfreuen sich bis heute unter Linken recht großer Beliebtheit. Joan Tronto fragt was anderes: Ist Effizienz wirklich der richtige Maßstab, um Care Arbeit zu organisieren?

Sie fordert stattdessen eine demokratische Care-Politik, was bedeutet: Zuständigkeiten für Care-Arbeit zuweisen und die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die Menschen diesen Verantwortlichkeiten auch nachkommen können. Sie meine damit nicht eine vollständige Gleichverteilung (sondern? Ich vermute: Eine sinnvolle, da könnte ich mit leben). Kurzfristige politische Ziele könnten sein: Arbeitsrechte für Care-Arbeiterinnen installieren, keine Formen von „teilweiser“ Citizenship dulden, neue Arten entwickeln, um ökonomischen Gewinn und Wohlstand zu definieren.

Ich fand den Vortrag sehr gut, würde allerdings anmerken, dass das System der „Abwälzung“ der Care Arbeit auf „Andere“ deutlich älter ist als der Kolonialismus. Sklaverei gab es ja auch schon in der Antike, und auch im Mittelalter haben nicht alle Leute ihre Dreck selber weggeputzt. Just saying…