Männer und Feminismus

Das Internet war heute voll von Emma Watsons Rede, in der sie darüber spricht, wie wichtig es sei, auch Männer von den Vorzügen des Feminismus zu überzeugen.

Meine Timeline ist gespalten darüber, was sie von dieser Rede halten soll. Die einen jubeln: Toll, eine nette Feministin, die nicht über die Männer schimpft, sondern sie ins Boot holen will. Die anderen sind genervt: Feminismus ist schließlich nicht dafür da, von Männern toll gefunden zu werden, denn um deren Urteil geht es hier doch ausnahmsweise mal gerade nicht.

Auch in diesem Fall – wie so oft – geht es meiner Meinung nach nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.

Meiner Meinung nach geht es im Feminismus ja nicht um Gender Equality (wie Emma Watson in ihrer Rede behauptet), sondern um weibliche Freiheit, also um die Subjektivität von Frauen gerade ohne den Maßstab einer männlichen Norm. Die Emanzipation, also die Gleichheit der Frauen mit den Männern, war, wie Luisa Muraro es einmal formulierte, gänzlich vorhersehbar in einer (männlichen) Kultur, die die Gleichheit der Menschen seit über 200 Jahren zu ihrem Leitbild erkoren hat. Dass die Frauen so lange von dieser Gleichheit ausgenommen waren, ändert nichts an der Tatsache, dass die Gleichheit der Frauen eine logische und unausweichliche Folge der männlichen Gleichheitsidee war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie drauf kommen mussten.

Die Freiheit der Frauen, die weibliche Subjektivität hingegen ist in dieser symbolischen Ordnung nicht vorgesehen. Sie ist tatsächlich etwas Unvorhergesehenes, das erst mit der Frauenbewegung ans Licht kam. Und diese Freiheit zeichnet sich gerade NICHT durch die Gleichheit der Frauen mit den Männern aus, sondern im Gegenteil dadurch, dass Frauen ihren eigenen Wünschen, Vorstellungen und Ideen folgen und sie ernst nehmen, ganz unabhängig davon, ob sie mit der Weltsicht und den Ideen von Männern kompatibel sind oder nicht. Wenn sie es sind, umso besser, kann man zusammenarbeiten. Sind sie es nicht, gibt es eben politische Konflikte auszutragen.

Soweit haben also die Kritikerinnen der „Männer für den Feminismus gewinnen“-Kampagne recht.

Andererseits sind Bündnisse mit Männern trotzdem sinnvoll und notwendig. Denn tatsächlich sind ja auch viele Männer mit der patriarchalen symbolischen Ordnung unzufrieden, weil sie in vielerlei Hinsicht dem guten Leben aller Menschen nicht zuträglich ist. Damit meine ich nicht nur, dass auch Männer unter Geschlechtsstereotypen leiden, also etwas „vom Feminismus haben“. Das stimmt auch, ist aber nur ein kleiner Teil der Wahrheit, denn in vielerlei anderer Hinsicht profitieren sie ja auch von den Stereotypen, das heißt, Feminismus läuft ihren Interessen zuwider.

Aber Politik ist doch die Suche nach einem guten Zusammenleben aller Menschen und nicht einfach Lobbyismus für die eigenen Interessen. Menschen mit einem politischen Bewusstsein, mit Liebe zur Welt also und mit einem Gespür für Gerechtigkeit, geben sich nicht damit zufrieden, auf dieser Welt nur ihre eigenen Vorteile zu verfolgen. Sondern sie suchen nach einem Sinn in dem Ganzen, der über ihre eigene kleine Nasenspitze hinausreicht.

Und in diesem Sinne können Männer von feministischen Analysen profitieren, weil diese ihnen Aspekte und Sichtweisen eröffnen und zugänglich machen, die sich aus sich selbst heraus nicht haben können. Ich kenne nicht gerade massenweise, aber durchaus zahlreiche Männer, die aus diesem Grund gerne mit Feministinnen diskutieren, die feministische Texte lesen, die sich für die Sichtweisen und Analysen von Frauen interessieren, die an einem Austausch wirklich interessiert sind.

Und diese Männer sind durchaus wichtige Verbündete der Frauenbewegung, weil sie – einfach aufgrund ihres Mannseins – Möglichkeiten haben, die ich nicht habe, weil ich eine Frau bin. Das kann so etwas Banales sein wie die Tatsache, dass andere Männer ihnen eher zuhören als mir. Das ist natürlich ungerecht, aber das zu beklagen ändert ja nichts an den Verhältnissen, die nun einmal sind, wie sie sind. Solange diese feministisch denkenden Männer für ihr Engagement von mir keine Kekse verlangen, freue ich mich darüber, wenn sie irgendwo Gehör finden, wo es mir nicht gelingt.

Es ist aber nicht nur das. Es gibt auch Situationen, in denen mir Männer zwar zuhören, ich mich ihnen aber nicht verständlich machen kann. Zum Beispiel, weil ich mich in sie tatsächlich nicht hineinversetzen kann, weil ich nicht verstehe, wo ihr Problem ist. Und damit meine ich nicht Antifeministen, die mich aus ideologischen Gründen nicht verstehen wollen, sondern ich meine solche, bei denen ich ein wirkliches Interesse sehe, aber ich kann ihnen einfach nicht vermitteln, was ich sagen will, es fehlt eine gemeinsame Ebene der Verständigung.

In solchen Fällen bin ich froh, wenn Männer diese Vermittlungsarbeit übernehmen, denn ich habe schon oft beobachtet, dass sie dann Worte und Beispiele und Argumente finden, die wirken, und die mir schlicht nicht eingefallen wären. Solche „Allies“ zu haben, ist eine gute Sache.

Kleine Trollologie

Heute war in der FAZ eine Innenansichtsstudie eines Trolls. Ich fand die einerseits interessant, andererseits ist das aber natürlich nur eine Sorte von Trollen. Bestimmt gibt es von dieser Sorte viele, zumal sie ja auch so ungeheuer viele Kommentare schreiben. Und vermutlich sind sie auf den großen Nachrichtenseiten auch stark präsent. Aber man darf das Phänomen nicht darauf begrenzen.

Deshalb hier mal eine kleine Trollologie, gründend auf der inzwischen durchaus reichhaltigen Erfahrung in diesem Blog (Triggerwarnung: Die Kategorien kommen mit Beispielen!):

1. Der aggressive Frauenhasser
Er hasst Frauen und macht das in seinen Kommentaren ganz unmissverständlich klar: Er schreibt zum Beispiel, ich sei eine “Fotzenkuh”, die es nicht besser verdient hat, als ermordet und vergewaltigt zu werden. Zumal ich ja auch mit ihm ganz genau dasselbe vorhabe: “Wenn das so ist, dann komm doch her und töte mich. Ich bin ja scheinbar nichts wert weil ich rein zufällig mit einem Penis geboren wurde.”

2. Der Die-ganze-Welt-Hasser
Der klassische Troll – sozusagen der aus dem oben verlinkten Artikel – ist ganz ähnlich wie der Frauenhasser, aber seine Motivation ist nicht einfach nur Hass auf Frauen, sondern generell Hass auf alles, was seinem Weltbild widerspricht: Ausländer, Linke, Homos, aber gerne auch Politiker_innen, Zeitungen, Universitäten, egal.

3. Der missonarische Maskulinist
Er hasst Frauen nicht einfach nur, sondern er ist mit einer Mission unterwegs: Die unterdrückten Männer vor den Feminazis zu retten. Wir, die Feministinnen, haben ja bekanntlich längst die Weltherrschaft übernommen, unterstützt von einer “feministisch korrekten Journaille”. Klar, jeder rational denkende Mensch weiß, dass “dieser ganze Genderquatsch im Grunde absurd ist, aber der passt halt so schön zur feministischen Philosophie.” Anders als Typ 1 und 2 wird Typ 3 auch von manchen Frauen unterstützt.

4. Der Herrklärer
Er meint es gut mit mir. Er ist nämlich eigentlich selber ein Feminist und will mich davor bewahren, dumm zu sterben. Es ist daher seine Pflicht, mir mitzuteilen: “Letztendlich halte ich ihre ganze Argumentation(skette) für abwegig bis hirnrissig, Frau Schrupp” oder auch: “Frau Schrupp, Sie nehmen an (hier beliebige Sache einfügen): Mich würde interessieren, welche Belege Sie für diese These ins Feld führen”… “Ich sehe das nämlich skeptischer. Empirisch betrachtet …”.

5. Der normale Mann
Der normale Mann hat mit all dem gar nichts zu tun, denn “die Vergewaltigung von Frauen ist nicht mein Problem. Ich tu es nicht und rechtfertige es nicht. Das muss genügen.”

Natürlich gibt es zwischen den Typologien Überschneidungen, aber die Typen sind nicht gleichzusetzten. Typ 1 und Typ 2 sind vor allem für die Mainstreammedien ein Problem, denn sie zerstören jede Debatte – daher sind sie auch die Trolls, über die überhaupt nachgedacht wird. Nur: Wer Kommentare von Typ 1 und 2 freischaltet, wird niemals eine interessante Diskussion zustandebringen. Wie die meisten feministischen Blogs lösche ich die sofort weg.

Mit Typ 3, 4 und 5 liegt der Fall etwas komplizierter. Denn sie sind nicht diese skurrilen Figuren wie der aus dem Portrait, über den jeder vernünftige Mensch den Kopf schüttelt. Sondern sie repräsentieren einen Großteil des Mainstreams. Natürlich kann man auch sie einfach weglöschen, und oft tue ich das. Aber die Haltung, die in diesen Typen zum Ausdruck kommt, ist gesellschaftlich relevant und einflussreich.

Deshalb sehe ich diese Trolle manchmal auch als Chance. Gerade deshalb, weil sie den Mainstream so schön anschaulich machen, können sie auch eine Vorlage sein, um die dahinter stehende Haltung zu analysieren und ihr etwas zu entgegnen. Sozusagen mit Blick auf diesen Mainstream, der ja möglicherweise mitliest. Das kostet natürlich Zeit und Energie, die erst einmal da sein muss, aber manchmal hat man die ja.

Jedenfalls sollten wir nicht denken, das Thema Trolle wäre so eindeutig gelagert, wie der FAZ-Artikel es suggeriert.

(In dem Zusammenhang noch eine Anmerkung: Ich finde es schade, dass WordPress die in den Papierkorb verschobenen Kommentare nach einer Weile löscht. Ansonsten hätte ich noch viel schönere Perlen finden können. Andererseits: Die Grundmuster kommen sowieso immer wieder.)

PS: Ergänzungen sind in den Kommentaren natürlich sehr willkommen!

PPS: Gerade wurde ich auf Twitter gefragt, ob es auch weibliche Trolle gibt. Ja, die gibt es, aber die passen nicht in diese Typologien. Es sind auch sehr, sehr viel weniger (zumindest in diesem Blog), weshalb ich jetzt in meinem derzeitigen Papierkorb keine einzige gefunden habe. Vielleicht behalte ich das Thema mal im Hinterkopf und greife das nochmal auf, wenn ich Beispiele und eine Idee habe.

Warum Mehrheitsentscheidungen oft undemokratisch sind

Vielleicht habt ihr auch von dem Ansinnen der AfD gelesen, einen Volksentscheid über das deutsche Abtreibungsrecht abzuhalten mit dem Ziel, Abtreibung schärfer zu verbieten. Die Spitzenkandidatin in Sachsen, Frauke Petry, begründete das mit dem angeblich gefährdeten Überleben des deutschen Volkes, in dem bitteschön jede Frau drei Kinder kriegen soll (ich habe mal im Zuge meiner Beschäftigung mit dem demografischen Wandel in einem nationalsozialistischen Buch gelesen, dass deutsche Frauen eigentlich vier Kinder haben müssten, um den Bestand zu erhalten).

Mich hat das ganze nochmal zu ein paar demokratietheoretischen Überlegungen gebracht, weil an diesem Beispiel ein grundlegendes Problem des Mehrheitsprinzips deutlich wird: Was ist mit Beschlüssen, die von ihrer Logik her nur bestimmte Menschen betreffen, und andere aber nicht? Ein Verbot der Abtreibung zum Beispiel würde ja nur Menschen betreffen, die schwanger werden können, also praktisch Frauen* unter fünfzig. Sie aber wären bei einer solchen Abstimmung auf jeden Fall in der Minderheit.

Ich habe auf die Schnelle keine genauen Zahlen gefunden, aber das Durchschnittsalter in Deutschland liegt ungefähr bei 43 Jahren, ich würde großzügig gerechnet schätzen, dass höchstens zwei Drittel aller Menschen jünger als 50 sind (bis 49 Jahre werden Frauen in demografischen Berechnungen als “gebärfähig” eingestuft). Wenn davon die Hälfte Frauen sind, so bedeutet das, dass im Falle eines solchen Volksentscheides etwas verboten würde, das nur ein Drittel aller Menschen potenziell tun könnten.

Wenn es tatsächlich so wäre, dass die Gesamtheit der Deutschen aus bevölkerungspolitischen Gründen ein Interesse daran hätte, Abtreibungen zu verbieten (das ist nicht so, aber mal angenommen), aber zwei Drittel aller Abstimmungsberechtigten sicher sein könnten, dass sie selbst niemals in die Lage geraten werden, eine Abtreibung in Erwägung zu ziehen – weil sie schlicht und ergreifend nicht schwanger werden können: Wäre eine solche Abstimmung demokratisch?

Mit derselben Logik könnte man ja auch über ein Gesetz nachdenken, das alle Menschen, die kleiner sind als 1,50 Meter, dazu verpflichtet, Toiletten in Grundschulen zu putzen. Auch daran gibt es ein öffentliches Interesse (ein deutlich größeres als daran, Abtreibungen zu verhindern), und auch dazu fehlt es an anderen gesellschaftlichen Lösungen.

Die Unterscheidung in Menschen nach Größenkategorien ist in unserer Kultur allerdings nicht üblich, daher finden wir diese Vorstellung spontan absurd. Die Unterscheidung in Menschen nach Gebärfähigkeit hingegen ist kulturell in der Geschlechterdifferenz so tief verankert, dass sie vielen “natürlich” erscheint. Tatsächlich sind beides “natürliche” Phänomene – dass manche Menschen kleiner sind als 1,50 Meter und manche größer ist ebenso natürlich wie dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht.

“Natürlich” heißt in diesem Fall auch, dass diese Seinsbedingungen nicht oder nicht standardmäßig individuell veränderbar sind. Sicher kann eine Frau sich sterilisieren lassen, so wie ein kleiner Mensch sich vielleicht die Beine verlängern lassen kann. Aber sie sind nicht individuell gewählt wie andere Interessenskonflikte. Wenn zum Beispiel darüber abgestimmt würde, ob man Autobahnen privatisieren und ihre Nutzung kostenpflichtig machen soll, dann stehen sich ebenfalls Interessen gegenüber – ich zum Beispiel, die nie Auto fahre, hätte nicht unbedingt was dagegen. Aber ich könnte jederzeit in die andere Kategorie wechseln, also mit dem Autofahren anfangen, so wie andere damit aufhören könnten.

Der eigene Körper ist aber nicht auf diese Weise veränderbar. Faktoren wie Schwangerwerdenkönnen oder Körpergröße haben Auswirkungen auf das Leben der jeweilgen Individuen, es sind gegebene Bedingungen ihrer jeweiligen Existenz. Man kann diese Bedingungen kulturell gestalten, aber nur in bestimmten Grenzen. Wer 1,50 ist wird es immer schwerer haben, im Konzert die Bühne zu sehen als jemand mit 1,80. Und wer schwanger werden kann, muss sich zu dieser Möglichkeit irgendwie verhalten, und wer nicht schwanger werden kann, auch, und diese beiden Gegebenheiten sind niemals “gleich”.

Darüber, dass beim eigenen Körper der Arm des Gesetzes endet, habe ich schon einmal gebloggt. Gesetze, die auf Mehrheitsentscheidungen beruhen, dürfen (und können) nicht eingreifen in die Körper der Einzelnen, denn damit greifen sie direkt in den Kern einer Person ein: Menschen haben ihre Körper nicht, sie sind ihre Körper. Das ist die Natur des Menschseins, unsere “conditio humana”.

Demokratie hingegen ist nicht natürlich, sondern künstlich, sie basiert auf der Idee der Gleichheit, und Gleichheit ist niemals ein Fakt, sondern immer eine Betrachtungsweise. Jede Kultur beruht auf Entscheidungen, bestimmte Phänomene als “gleich” zu betrachten und andere als “ungleich”, und nichts davon ist “naturgegeben”.

Damit Mehrheitsentscheidungen gerecht sind, muss daher immer die Frage gestellt werden, ob diejenigen, die entscheiden, und diejenigen, die von Entscheidungen betroffen sind, auf einer angemessenen Ebene wirklich als “Gleiche” betrachtet werden können.

Im Fall von Abtreibungen (und vielen anderen körperpolitischen Entscheidungen auch, besonders eben wenn sie das Schwangerwerdenkönnen betreffen) ist diese Gleichheit grundsätzlich nicht gegeben, weil nunmal nur die eine Hälfte der Bevölkerung schwanger werden kann und die andere nicht. Die demografische Entwicklung verschärft dieses Problem noch einmal, weil es durch die Veralterung der Gesellschaft heute so viele ältere Frauen gibt wie noch nie, und damit auch auch eine relevant große Zahl von Frauen, die ebenfalls nicht (mehr) schwanger werden können.

Dieser grundlegende Bug im Prinzip der Mehrheitsdemokratie betrifft natürlich nicht nur die Geschlechterdifferenz, aber sie in besonderem Maße. Er tritt deshalb umso offener zutage, als die heteronormative Paarbildung an Bedeutung verliert – denn die “Gleichheit”, die in der Demokratie behauptet wird, war halbwegs plausibel, solange man die Menschheit nicht in Individuen dachte, sondern in Mann-Frau-Paaren. Denn in diesen Paaren ist die Geschlechterdifferenz gewissermaßen “aufgehoben”.

Wenn aber nicht mehr, wie früher, Mann-Frau-Paare (repräsentiert durch den Mann) die politischen Subjekte sind, sondern Individuen, so tritt die Geschlechterdifferenz in den Fokus der Politik. Und verursacht Probleme, die nach und nach immer deutlicher zutage treten.

Was immer man skeptisch über das Instrument des Gender-Mainstreamings denken mag, es ist immerhin ein Versuch, dieses Dilemma anzugehen. Also zu überprüfen, welche Menschen von welchen Gesetzen auf welche Weise betroffen sind und dies in die Verfahren irgendwie einzubeziehen.

Ein Volksentscheid über eine Verschärfung des Abtreibungsverbot jedenfalls wäre ganz und gar undemokratisch, wenn dieses Wort denn überhaupt noch irgendeinen positiven Sinn haben soll.

Ein Hoch auf aufdringliche und vorverurteilende K.O.-Tropfen-Tests

Heute über einen Artikel in der FAZ gestolpert, in dem es um eine neue Erfindung geht: Nagellack, mit dem Frauen feststellen können, ob ihnen jemand K.O.-Tropfen in den Drink geschüttet hat. Denn es ist ja nicht so leicht, eine Frau zu vergewaltigen, wenn sie im Vollbesitz ihrer Kräfte ist. Deshalb gibt es Typen, die ihre Opfer vorher mit Betäubungsmitteln vergiften. Und wo Not ist, da ist halt auch eine Geschäftsidee. So weit, so gruslig der Zustand unserer Zivilisation.

In dem Artikel geht es auch darum, dass einige feministische Stimmen sich kritisch zu diesem Projekt geäußert haben. Sie bemängeln, dass so die Verantwortung wieder mal den Frauen zugeschoben wird, anstatt die jungen Männer dazu zu erziehen, keine Frauen zu vergewaltigen. Allerdings: Eine Frau, die heute auf einer Party etwas trinkt, kann ja damit nicht warten, bis das Phänomen der Vergewaltigung aus der Welt geschafft wurde. Natürlich ist K.O.-Tropfen-indizierender Nagellack keine gesellschaftliche Lösung für das Leben in einer Vergewaltigungskultur. Aber möglicherweise ist er in der Zwischenzeit ja nützlich und praktisch.

Mich hat etwas anderes an diesem Artikel geärgert, das ich viel gravierender finde, und zwar ein harmlos daherkommender Nebensatz ganz am Ende. Da schreibt der Autor, dass die Erfindung nicht so ganz neu sei, denn es gebe bereits Tester, die ähnlich funktionieren, also sich verfärben, wenn man sie in eine Flüssigkeit hält, der K.O.-Tropfen beigemischt wurden, nur eben nicht als Nagellack, sondern als Teststreifen in Visitenkartenformat. Aber, so der Artikel:

Kurz den Finger ins Glas zu halten, mag zwar etwas gewöhnungsbedürftig sein, ist aber deutlich weniger aufdringlich und vorverurteilend, als auf einer Party mit einem Tester herumzulaufen.

Soso, einen Drink auf K.O.-Tropfen zu testen, ist also “vorverurteilend”. Damit übernimmt der Autor ein maskulinistisches Wording, das seit einiger Zeit die Runde macht, nämlich das Herumgejammere darüber, dass ständig unschuldige Männer zu Unrecht beschuldigt würden, Frauen etwas Böses zu wollen. Gilt denn für sie nicht die Unschuldsvermutung?

Nein, gilt sie nicht. Denn Vergewaltiger sehen von außen betrachtet genauso aus wie alle anderen Männer auch.

Dass es Männer gibt, die Frauen vergewaltigen, ist halt nicht nur ein Problem von Frauen allein, es ist ein Problem aller, der ganzen Gesellschaft, und es betrifft logischerweise Männer ebenfalls, nur halt auf andere Weise als Frauen. Solange es Männer gibt, die so etwas tun, muss jede Frau damit rechnen, ihr Opfer zu werden. Und jeder Mann muss damit rechnen, verdächtigt zu werden.

Einen Drink auf KO-Tropfen zu testen, ob mit Nagellack oder mit sonst etwas, ist jedenfalls keine Vorverurteilung der anwesenden Männer, sondern eine ganz normale Vorsichtsmaßnahme. Und deshalb bin ich unterm Strich doch für die Visitenkartentester, denn auf diese Weise wird der Skandal sichtbar und nicht verschleiert, indem Frauen verschämt und heimlich ihren Finger ins Glas stecken, damit sich nur ja kein anwesender Mann vorverurteilt fühlt. Solange wir in einer Vergewaltigungskultur leben, tun Frauen in bestimmten Situationen gut daran, ihre Drinks auf Betäubungsmittel zu testen. So ist das nunmal. Und meiner Meinung nach sollten sie das ruhig ganz aufdringlich und vorverurteilend tun.

Wenn euch das nicht gefällt, liebe Männer, dann müsst ihr eben eure Geschlechtsgenossen davon abhalten, Frauen KO-Tropfen in den Drink zu schütten. Denn erst, wenn es keine Vergewaltigungen mehr gibt, ist auch keiner von euch mehr verdächtig. Deal with that.

Vergrößert die Professionalisierung von Care das Gender Pay Gap?

Vielleicht habt ihr auch den Artikel kürzlich in der FAZ gelesen, der unter dem etwas reißerischen Titel “Die Mär von den ungerechten Frauenlöhnen” noch mal das Thema Gender Pay Gap aufmacht. Die Beschreibung des Dilemmas in dem Artikel ist richtig, nur der Einstiegduktus polemisch, denn natürlich geht es bei der Kritik am Gender Pay Gap nicht nur um die direkte ungleiche Bezahlung bei vergleichbarer Arbeit (die es allerdings auch immer noch gibt), sondern um die Verteilung von Arbeit und Einkommen zwischen Frauen und Männern generell.

Oder: Wenn Frauen weniger verdienen, weil die Einkommen in “Frauenberufen” niedriger sind als in “Männerberufen”, dann ist das ja auch ein “Gap”. Oder wenn sehr viel mehr Frauen als Männer wegen Kindern in Teilzeit gehen. Unter’m Strich heißt das nämlich: Frauen haben weniger Geld als Männer in einer Kultur, in der sich alles ums Geldhaben dreht. That is the point.

Kleiner Einschub: Es fällt mir häufig auf, dass feministische Strukturanalysen (wie etwa der Hinweis auf den Gender Pay Gap) verstanden werden als moralische Anschuldigung einzelnen Männern gegenüber. Deshalb kommen dann Reaktionen wie “Das ist keine Diskriminierung, wir machen nichts falsch, wir sind unschuldig!” – die aber am Punkt des Anliegens ganz vorbei gehen. Einschub Ende.

Über den Gender Pay Gap und dass ich die Art, wie der Tag promotet wird, auch teilweise problematisch finde, habe ich ja schonmal gebloggt.

Gerade kam mir über diesen Link der Heinrich Böll Stiftung noch ein anderes Argument in die Timeline, das von Emilia Roig vorgebracht wurde, und das ich bedenkenswert finde:

Sie sagt nämlich, dass die frauenpolitischen Strategien der vergangenen Jahrzehnte, eine höhere “Erwerbsbeteiligung” von Frauen durch die Professionalisierung häuslicher Dienstleistungen zu erreichen – Putzfrauen für Privathaushalte, institutionalisierte Kinderbetreuung, Outsourcen von Pflege, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern sollen – genau mitverantwortlich für den Gender Pay Gap ist.

Denn wenn nicht direkte ungleiche Bezahlung, sondern die “Geschlechtssegegation der Berufe” der Hauptgrund für den Gender Pay Gap ist, dann trägt genau dieser Prozess ja dazu bei. Denn es entsteht ein größer werdender Sektor von schlecht bezahlten Berufen, in denen eben ganz überwiegend Frauen, und überproportional viele Migrantinnen, tätig sind.

Deshalb finde ich es gut, dass in dem Netzwerk Care-Revolution, in dem wir als Autorinnen des ABC des guten Lebens auch mitarbeiten, versucht wird, nicht entlang der Trennung von professionalisierter und privater Care-Arbeit zu denken, sondern beides zusammen zu denken. Der Kern des Problems liegt in der kulturellen Bewertung von Care. Mit Veränderungen und Verschiebereien innerhalb einer Logik, die Care im Vergleich zu anderen ökonomischen Tätigkeiten für weniger wichtig und wertvoll hält, ist letzten Endes nichts zu gewinnen.

In dem Zusammenhang schonmal ein Termin-Hinweis: Am 1. November wird es in Frankfurt das nächste größere Netzwerk-Treffen der Care-Revolution geben, von 12-18 Uhr in den Uni-Räumen an der Bockenheimer Warte. Details folgen.

Weil es passt verweise ich auch nochmal auf Alison Wolfs Buch über den XX-Faktor.

 

 

Sexismus und Regen. Oder: Drei Gedanken zu Fappygate

Ich habe nur nebenbei die Geschehnisse rund um #fappygate mitbekommen, weil ich die Tage viel unterwegs war. Im Kern ist wieder mal etwas passiert, das im Netz (und sonstwo auch) ja eigentlich dauernd passiert: Ein reichweitenstarker und gut vernetzter Mann bemerkt irgendwo eine Feministin, deren Äußerungen seiner Ansicht nach unwahr, überzogen, zu radial oder undiplomatisch sind, und bloggt darüber, wo seiner Ansicht nach die Grenze zwischen richtigem und falschem Feminismus verläuft. Anschließend schaut er genüsslich dabei zu, wie seine Follower und Fans über die besagte Feministin herfallen, bis die dann ihren Account schließt oder auf privat setzt. Die Mehrzahl der Männer und auch eine ganze Reihe von Frauen machen Popcorn auf und verfolgen die Auseinandersetzung auf dem Sofa. Viele Frauen und einige Männer versuchen zu erklären, was da grade passiert, der Betroffenen Unterstützung zu geben, lassen sich auf Debatten ein, bloggen selber darüber (hier zum Beispiel Helga).

Ich verfolge diese Debatten meist mit Schmerz. Ich leide mit denen, die da in Debatten verwickelt werden, die sie gar nicht gewinnen können. Ich beobachte, wie ungleich Genuss und Triumph und Rechthabgefühl auf der einen Seite, und Ärger, Leid und das Gefühl der Ohnmacht auf der anderen Seite verteilt sind. Und ich habe den Impuls, so was zu rufen wie: Geht nicht raus in den Regen, ihr werdet doch nass bis auf die Knochen! Oder, wenn ihr versehentlich in den Regen geraten seid: Bleibt doch nicht da stehen, lauft weg und stellt euch irgendwo unter!

Gestern habe ich mich gefragt, ob ich vielleicht nur einfach zu alt und abgebrüht und desillusioniert bin für solche Formen der Auseinandersetzung. Über Nacht hat es in mir noch mal nachgedacht, und ich glaube eigentlich, dass das nicht der Hauptgrund ist (obwohl es natürlich einen Unterschied macht, ob eine diese Dynamik schon hundertmal oder erst wenige Male erlebt hat).

Ich glaube, es geht hier um die Frage, wer was von wem erwartet. Bei manchen feministischen Aktivistinnen höre ich in solchen Debatten manchmal so etwas wie Ungläubigkeit heraus darüber, dass andere die sexistische Struktur, die sie kritisieren, tatsächlich nicht sehen. Als glaubten sie, wenn sie nur klar und eindeutig nachweisen könnten, was hier passiert, dann müsste die Welt doch verstehen, was läuft. Nicht die Honks natürlich, aber doch die große Masse drumherum!

Sie versuchen die Beweisführung also nochmal so herum und dann nochmal anders herum, und die Verzweiflung wächst, weil sie, egal wie logisch die Argumentation, eben doch nicht verstanden werden. Ganz im Gegenteil sogar: Die anderen werden immer selbstgerechter. Sie versichern sich gegenseitig, dass sie natürlich keine Sexisten sind, weit davon entfernt, sie sind in Wirklichkeit nämlich selber Feministen oder zumindest sind sie für Gleichberechtigung und über jeden Verdacht erhaben, weil sie doch sogar Frauen in ihre Teams einladen. Und auf keinen Fall werden sie sich von irgendwelchen wildgewordenen FemiTrollNazis was erklären lassen.

Sexismus ist wie Regen. Er ist einfach da, manchmal schwächer, manchmal stärker. Manchmal können wir uns irgendwo unterstellen, manchmal hört er vielleicht sogar für ne Weile auf. Manchmal kommt er aus heiterem Himmel und mit einer Gewalt, mit der wir nicht rechnen konnten. Aber, und das ist mein Punkt: Wenn es regnet, können wir nichts dagegen unternehmen. Jedenfalls nicht hier und jetzt, nicht in dieser Situation. Es ist schlichtweg nicht möglich. Wenn es regnet, dann regnet es.

Sexismus strukturiert die symbolische Ordnung, die uns umgibt, er lässt sich durch Argumentationen nicht wegkriegen. Sexismus ist eine Tatsache, keine Meinung. Feminismus bedeutet die Arbeit an dieser symbolischen Ordnung, und das funktioniert in der Tat hauptsächlich durch Sprache. Aber auf sehr vielen verschiedenen Ebenen, und es ist kompliziert. Es ist keine Frage der Logik, sondern eine der Kultur, tief verwurzelt, unsichtbar, normal. Es funktioniert nicht so, dass wir die sexistische Struktur unserer symbolischen Ordnung nur erst einmal lückenlos beweisen müssten, und dann geht sie weg. Für öffentliche Debatten über den Feminismus ist es wichtig, sich das ganz klar zu machen und sich jederzeit darüber bewusst zu sein. Und nicht, auch nicht ganz insgeheim in einem hinteren Winkel des Herzens, mit der Erwartung hineinzugehen, doch vielleicht überzeugende Argumente zu finden. Denn das führt unausweichlich zu der ohnmächtigen Erkenntnis, dass es hier halt nicht um Argumente geht, sondern um Macht.

Das ist einfach Realismus: Zu wissen, dass ich jederzeit in den Regen geraten kann. Wenn es draußen bereits in Strömen regnet, existiert die Option, rauszugehen und nicht nass zu werden, nicht. Muss ich also wirklich jetzt gehen oder warte ich lieber auf später, wenn es nachgelassen hat? Und wenn ich raus muss oder will, habe ich einen Regenschirm dabei? Wähle ich eine Route, wo ich mich schnell unterstellen kann, wenn es zu heftig wird? Ganz wichtig ist natürlich auch, dass wir einander nicht im Regen stehen lassen. Und wir können natürlich auch sagen: Scheiß drauf, dann werde ich halt nass. Wir sind nicht hilflos, wir sind nicht einfach nur Opfer, wir haben eine Vielzahl von Handlungsoptionen. Aber für das feministische Wohlbefinden ganz entscheidend ist, nicht zu erwarten, dass wir irgendetwas dafür tun können, dass der Regen aufhört. Und schon gar nicht darauf zu hoffen, dass der Regen uns zuliebe ein Einsehen hat.

(Jedenfalls nicht hier und in dieser Situation, langfristig ist natürlich eine andere Sache. Die Analogie des Regens funktioniert nur begrenzt.)

Vielleicht sollte ich noch einen Satz zum Thema „Victim Blaming“ anschließen, das man mir wegen des Rats „Geh nicht raus, wenn es regnet“, vielleicht vorwerfen könnte. Das Konzept ist wichtig, wird aber meiner Ansicht nach manchmal falsch oder kontraproduktiv angewendet. Es geht ja darum, den Opfern keine Mitschuld an ihrer Situation zuzuweisen, so wie: „Was muss sie in einem Minirock rausgehen, kein Wunder, wenn sie vergewaltigt wird.“ Victim Blaming zu problematisieren ist deshalb ein gutes Tool in Situationen, in denen es einen Konsens über die in Frage stehenden Sachverhalte gibt und auch Gesetze oder andere effektive Mittel, um die Täter zur Strecke zu bringen. In diesen Situationen ist es natürlich wichtig, festzustellen, wer Schuld hat und wer nicht.

Aber wenn dieser Konsens nicht besteht, dann hilft es nichts, die Frage nach der Schuld zu klären. Wir können nämlich nicht eine sexistische Ordnung zu Hilfe rufen, um diese Ordnung zu bekämpfen. Denn diese Ordnung findet sich selbst ja gar nicht falsch, sondern richtig und normal. Wir wissen zwar, dass die Opfer nicht Schuld sind, und es ist auch wichtig, sich das immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Es nützt aber in der konkreten Situation nichts.

Natürlich stimmt es: Wenn ich raus in den Regen laufe, dann werde ich nass, weil es regnet. Der Regen ist schuld daran, dass ich nass werde, nicht ich. Aber dem Regen ist das ganz egal, sein Wesen ist es, zu regnen, und deshalb findet er überhaupt nichts dabei, mich nass zu machen. Deshalb nehme ich besser einen Schirm mit. Oder stelle mich unter. Oder laufe nur schnell durch, bis ich wieder in Sicherheit bin. Oder ich stelle mich drauf ein, nass zu werden, tanze im Regen und rufe den Wolken zu, sie können mich mal.

PS: Ich schalte nur Kommentare frei, die sich mit dem Thema dieses Blogposts beschäftigen und keine, die sich auf die ursprüngliche #flappygate-Debatte beziehen.

PPS: Drüben auf Tumblr noch eine Ergänzung notiert: Fappst du dir einen?

Was verlorengeht, wenn das Internet normal wird

Wenn ich Freundinnen, die nicht dort sind, in den vergangenen Jahren von Twitter und von Facebook erzählt habe und davon, warum ich dort so gerne bin, habe ich immer gesagt, dass man dort interessante Leute treffen kann, außerhalb der eigenen „Filterbubble“. Andere Strömungen des Feminismus zum Beispiel. Leute mit anderen Interessen, aus anderen Szenen, mit anderen Zugängen zu Themen, aus anderen Kulturen. Dass die Hürden, mit „anderen“ in Kontakt und Austausch zu kommen, nicht so hoch sind wie im Meatspace.

Aber ich bin mir nicht mehr so sicher, ob das noch stimmt. Ich beobachte in letzter Zeit, dass sich die Szenen wieder mehr separieren. Das ist ja auch schon verschiedentlich von anderen diskutiert worden – ich habe mir die Links nicht gemerkt, aber das Thema ist jedenfalls schon länger virulent: Dass sich um Blogs engere Communities bilden, dass der Austausch doch wieder mehr unter „Gleichgesinnten“ geschieht, dass sich die Kommunikation ausdifferenziert, dass das Interesse an „anderen“, die Bereitschaft, sich auf deren Sichtweisen einzulassen, und das Interesse für das, was sie zu sagen haben, nachlässt.

Ich bedaure das, aber ich glaube, es ist einfach eine Konsequenz davon, dass das Internet und vor allem die sozialen Medien normaler werden.

Als ich mich Anfang 2009 auf Twitter und Facebook anmeldete, kannte ich da praktisch niemanden. Ich war neugierig, suchte Anschluss an Debatten und Szenen, und lernte ziemlich schnell interessante Leute kennen – Leute, die ich außerhalb des Internet vermutlich nie kennengelernt hätte. Eine kleine Gemeinsamkeit (wie zum Beispiel „Feministin sein“) genügte schon, um das Interesse aneinander zu wecken und einen Austausch in Gang zu bringen.

Wer sich heute auf Facebook anmeldet – und eingeschränkt stimmt das, glaube ich, auch für Twitter und andere Plattformen – trifft da hingegen gleich einen ganzen Haufen von Leuten aus dem eigenen Leben, aus der eigenen politischen Szene, aus dem eigenen Arbeitsumfeld. Die Notwendigkeit, sich auf die Suche nach „anderen“ zu machen, ist nicht mehr gegeben. Und entsprechend geringer ist auch die Bereitschaft, Leuten, die nicht genau auf die eigene Linie passen, überhaupt großartig Aufmerksamkeit zu widmen oder gar Kompromisse zu machen.

Ich merke das an mir selber: War es 2009 noch so, dass es fast keine Überschneidungen gab zwischen den Menschen, mit denen ich außerhalb des Internet zu tun hatte, und denen, mit denen ich im Internet kommunizierte, so sind die Mehrheitsverhältnisse inzwischen ganz anders. Vor allem wenn ich Facebook aufmache, sind da heute dieselben Leute, die ich auch treffe, wenn ich ins Büro gehe oder auf ein Treffen mit meinen feministischen Freundinnen. Aber auch auf Twitter sind inzwischen viel mehr aus meinen „Szenen“ – es sind zwar immer noch die meisten Menschen, die ich kenne, nicht auf Twitter, aber inzwischen sind genügend Menschen dort, die die meisten Dinge so ähnlich sehen wie ich, die in ähnlichen Kontexten zuhause sind und so weiter.

Und einerseits freut mich das, ich habe ja selber dauernd mir den Mund fusselig geredet, dass sie doch bitte hierherkommen sollen. Aber andererseits ist es eben auch schade.

Ich selber habe eine ganze Reihe von Blogs inzwischen wieder aus meinem Feedreader geschmissen, weil sie thematisch zu weit von meinem Interesse weg sind oder weil ich keine Geduld mehr habe, mich auf Standpunkte einzulassen, die ich kritisch sehe – es sind eben heute genügend andere Blogs da, die mir näher liegen. Hätte ich 2009 meine Internetlektüre so rigide ausgewählt, wie ich es heute tue, hätte ich nicht viel zum Lesen gehabt.

Vermutlich ist diese Entwicklung unausweichlich – das Internet ist ja letztlich nur ein Medium, und Medien nutzen wir, um mit Menschen zu kommunizieren, mit denen wir kommunizieren wollen. Außer eben wenn ein Medium sehr neu ist, dann nimmt man, wen man kriegen kann.

Die frühen Jahre der sozialen Medien waren wohl eine außergewöhnliche Sondersituation: Da trafen sich Menschen, die Lust hatten auf dieses Medium, das Medium als solches war schon etwas Verbindendes. Man kommunizierte mit denen, die eben da waren, mit anderen ging es ja nicht. Daher kam diese anfängliche Offenheit, diese szeneübergreifenden Kontakte und Beziehungen. Ich bin extrem dankbar dafür, dass ich das miterlebt habe, denn manche, nein: viele dieser Menschen sind mir inzwischen sehr wichtig geworden, und ich glaube (hoffe jedenfalls), dass ein Großteil dieser Beziehungen auch über die Normalisierung des Internet hinaus erhalten bleiben.

Aber ich vermute, dass da nicht viele mehr dazukommen werden. Das Internet sortiert sich gerade, we are going back to normal. Und das finde ich durchaus schade, aber ich fürchte, es ist nicht zu ändern. Ich habe mir allerdings vorgenommen, diesen Spirit aus der Erinnerung an „damals“ noch so lange wie möglich am Leben zu halten.