Wahrheit jenseits von Fakten Fakten Fakten

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Bildnisse der Bettine von Arnim haben Schülerinnen und Schüler des Bettina-Gymnasiums zu der Ausstellung im Goethehaus beigesteuert.

Weil es heute regnete, aber ich doch mal raus wollte, habe ich mir die Ausstellung über Bettine von Arnim im Frankfurter Goethehaus anlässlich ihres 150. Todestages angeschaut. Diese Frauenleben der Romantik üben auf mich immer eine merkwürdige und politisch eher unkorrekte Faszination aus: Bettine von Arnim müsste frau sein, dachte ich mir, als ich mir so ihre Lebenszeugnisse anschaute, so ganz ohne Verpflichtungen, Geldnöte, Arbeitsdruck, mit Zeit genug, um Unmengen von Büchern zu lesen – eigentlich alle wichtigen, die es zu ihrer Zeit gibt (und mir kam der Gedanke, wie schön es gewesen sein muss, in einer Zeit zu leben, als die Menge der lieferbaren Bücher so ziemlich überschaubar war. Ich habe derzeit einen ungefähr meterhohen Stapel neuer Verlagskataloge auf dem Schreibtisch…)

Die Ausstellung ist nicht spektakulär – drei Räume mit Bildern von Bettine selbst und Personen aus ihrer Umgebung, ein bisschen aus dem Lebenslauf (sie hatte 19 (!) Geschwister und Halbgeschwister, der Vater war dreimal verheiratet) und ein großer Raum mit Glasvitrinen, unter denen hauptsächlich aufgeschlagene Bücher von Arnim selbst bzw. Texten, die sich auf sie beziehen, liegen.

Etwas neidisch schlenderte ich also da hindurch und dachte mir, wie schön es wäre, so eine Universalgelehrte zu sein. Zu dichten und zu komponieren, mich mit einem eigenen Entwurf an den Diskussionen um ein neues Goethedenkmal zu beteiligen, mit den Machthabern zu korrespondieren (und von ihnen Antwort zu bekommen), soziale Projekte für die Armen anzuleiern, zwischendurch mit Herder oder Goethe oder sonst welchen Berühmtheiten Kaffee zu trinken oder zu korrespondieren und dann wieder politische Pamphlete zu verfassen über die Revolution oder über Polen, die dann auch noch in wichtigen Zeitungen abgedruckt werden, medizinische Studien anzustellen (eine Lanze für die Homöopathie zu brechen)…

Sicher, das ist alles ziemlich „romantisch“. Bettine von Arnim führte ja keineswegs ein „normales“ Frauenleben zu ihrer Zeit sondern war in vielerlei Hinsicht ein Glückskind: Nicht nur stammte sie aus reicher Familie, sondern wuchs auch noch bei ihrer feministischen Großmutter Sophie de la Roche auf und war umgeben von Männern und Frauen, die auch ihre teilweise exzentrischen Ideen ernst nahmen. Wahrscheinlich hatte auch sie so ihre Probleme, allerdings hat die Ausstellung keine angesprochen und ich selbst bin nicht gerade eine Expertin für diese Zeit.

Interessant fand ich die Unerschrockenheit und fast schon Dreistigkeit, mit der Bettine von Arnim damals mit der so genannten „Wahrheit“ und mit dem „geistigem Eigentum“ anderer umgegangen ist. Eine Tafel zum Beispiel stellte einen original Goethe-Brief der von Arnim bearbeiteten Fassung aus „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ gegenüber. Fröhlich verändert und ergänzt hat sie da: Worauf es ihr ankam, war nicht die Fakten-Wahrheit, die heutzutage so verehrt wird, sondern die „innere“ Wahrheit dessen, was ihrer Ansicht nach zu sagen wäre, und zwar nicht nur von ihr selbst, sondern eben auch von anderen, und seien es auch solche Berühmtheiten wie Goethe. Das hat mich auch schon an Arnims Günderode-Buch so fasziniert (das einzige, was ich von ihr gelesen habe) in dem sie ihre Freundschaft zu der Schriftstellerin Karoline von Günderode, mit der sie sich inzwischen verkracht hatte, schildert – und eben auch nicht so, wie diese Beziehung war, sondern wie sie hätte sein können, sollen, müssen?

War das in ihrer Zeit normal? Hat sich da niemand drüber aufgeregt, ihr „Unwissenschaftlichkeit“ vorgeworfen und Unterlassungsklagen eingereicht oder Copyright-Prozesse angestrengt? Oder konnte Bettine von Arnim sich das leisten, weil sie eine Frau war, an deren literarische Produktion andere Maßstäbe angelegt wurden als an die von Männern? Oder weil sie so berühmt und in „kultivierten“ Kreisen bekannt war? Oder hat sie selbst sich diese Möglichkeit verschafft, indem sie von sich vorsorglich die Aura eines „Naturkindes“ erschaffen hatte, das gewissermaßen alles „aus dem Bauch heraus“ und mit naiv-kindlichem Blick beurteilt, ohne den Anspruch auf „Wissenschaftlichkeit“ zu erheben?

Und: Ist das vielleicht ein Vorbild für jene „weibliche Subjektivität“, die Ida Dominijanni kürzlich angemahnt hat? Jedenfalls wäre Bettine von Arnims außerordentlich selbstbewusste Annäherung an die „Fakten Fakten Fakten“ der Aspekt, der mich interessieren würde, hätte ich die Zeit, mich genauer mit ihrem Werk zu beschäftigen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 5. April zu sehen, mehr unter www.goethehaus-frankfurt.de

Ein Gedanke zu „Wahrheit jenseits von Fakten Fakten Fakten

  1. Hallo liebe Antje Schrupp,

    mit höchstem Genuss verfolge ich – wie stets von meinem Denkerinnen-Sofa aus – Ihre literarische Karriere und gelassenen Auges die Dinge, die da auf uns kommen. In der Vielzahl der durchaus entbehrlichen Ergüsse stellen Sie und Ihre Texte für mich eine wahre Enklave hochintelligenter Reminiszenzen auf den unvergleichlich weil unbändigen weiblichen Geist dar.
    Und der ist – wie könnte es post- und menopatriarchal anders sein – äußerst subjektiv. Denn sagen Sie, wer hät´s denn erfunde, de vermeintlische Objektiwiteet? Die Schweizer? Mitnichten. Ich denke da an so einen Großkotz mit Namen Aristoteles, seines Zeichen Göttergrieche, der schon damals vormachte, was später zur Grundausbildung jedes armen Hansels geriet, dessen Hormonaussutattung versehentlich einen Überschuß an Androgenen zeichnete: Ich (ICH!) weiß es besser! Denn schließlich bin ICH ein Männe, aus deren Köpfe ja bekanntlich Göttinnen komplett in Harnisch und mit Eulen auf dem Kopf entspringen. Das mache uns mal eine vor, deren Ringen und Wirken im Wesentlichen mit dem Stopfen von Löchern in Mägen oder wahlweise Tunikas beschäftigt ist.
    Nein, das WAHRE und EINZIGE schwebt abseits der anrüchigen Materie und ist den echten Meistern vorbehalten.
    Bettine von Armin, ihres Zeichens blaublütig (mütterlicherseits) aber keineswegs blauäugig, erkannte genau, das habe ich im Urin, dass soviel männlicher Ignoranz nur mit einem Mittel beizukommen ist: weibliche Ignoranz!
    Und insofern: Bedienen Sie sich nach Herzenslust. Im schlimmsten Falle berufen Sie sich auf weibliche Unpässlichkeiten, die noch jeden Richter von der Unzurechnungsfähigkeit der Delinquentin überzeugt haben. Und übermalen Sie in heiterer Gelassenheit Mona Lisen oder auch Herrn Schirrmacher, den Sie ja sowieso ins Eckchen stellen. Denn schließlich waren es doch die Herren der Schöpfung, die uns mit der Erfindung der Hysterie Tür und Tor für wirklich wirkungsvolle Anarchie öffneten. Hauen wir sie also in die Pfanne, die sie uns so bereitwillig in die Hände gespielt haben!
    Ergo – weiter so.
    In herzlichster Verbundenheit, Ihre Emma

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