Gestern berichtet die Nachrichtenagentur idea, ich würde eine Kampagne zur Wiederwahl von Margot Käßmann starten. Allerdings hat man dazu nicht mich gefragt (obwohl ich ja nun wirklich nicht schwer aufzufinden bin) sondern das einfach aus der AZ abgeschrieben, die über einen Vortrag von mir in Bad Kreuznach berichtet hatte.
Update 3.3., 11.10 Uhr: Soeben schreibt mir die idea-Redaktion, dass die Meldung inzwischen gelöscht und richtiggestellt wurde und dass man bedauert, das veröffentlicht zu haben, ohne vorher mit mir zu sprechen.
Wie auch immer, die Meldung zieht inzwischen Kreise. Als erster hat interessanterweisender Atheist Media Blog sie aufgegriffen. (Bei der Gelegenheit fiel mir auf, dass dort Unmengen von idea-Meldungen ungeprüft weiter verbreitet werden. Naja, so viel zum Thema „Das Gegenteil ist genauso falsch”)
Aber jetzt zur eigentlich interessanten Frage: Warum starte ich keine Kampagne zur Wiederwahl von Margot Käßmann? Schließlich hatte ich diese Idee ja in der Tat am Tag ihres Rücktritts hier zur Diskussion gestellt.
Seither habe ich mit vielen Frauen und auch Männern darüber geredet, viele Kommentare sind eingegangen. Und dabei ist mir etwas Interessantes aufgefallen.
Die allermeisten Frauen und auch viele Männer finden es richtig, dass Käßmann zurückgetreten ist, und zwar nicht nur aus strategischen Gründen (nach dem Motto: Sie wäre nicht mehr glaubwürdig gewesen), sondern einfach deshalb, weil sie finden, dieser Rücktritt ist eine richtige und notwendige Reaktion gewesen, die Übernahme der Verantwortung für einen schweren Fehler, den sie gemacht hat. Aber gleichzeitig finden fast alle Frauen und auch einige Männer diesen Rücktritt schade und hätten Käßmann gerne weiter als ihre Repräsentantin. Wäre da eine erneute Wahl nicht die logische Konsequenz? Und wieso erscheint uns das so unmöglich?
Unser eigentliches Thema letzten Freitag in Bad Kreuznach war meine These gewesen, dass es eine gewisse Antipathie oder Inkompatibilität zwischen dem Begehren von Frauen und der Logik der (von und für Männer entwickelten) bürgerlichen Institutionen gibt. Zwei Tage nach dem Rücktritt Käßmanns war es naheliegend, das anhand dieses Beispiels zu diskutieren. Was eigentlich hindert uns daran, Margot Käßmann wieder zu wählen, wenn es doch das ist, was wir wollen? (Oder, meinetwegen, solange wir in der Minderheit sind, eine Kampagne dafür zu starten?) Wieso scheint es einen Widerspruch zu geben zwischen dem, was viele Frauen sich wünschen und dem, was die innere Logik der Institutionen hergibt?
In der Tat waren die Frauen in Bad Kreuznach, wie die AZ richtig schreibt, gleich Feuer und Flamme für die Idee, Käßmann erneut die Ratspräsidentschaft anzuvertrauen. Indes: Eine Kampagne hat keine von ihnen gestartet. Auch keine von den vielen anderen, die die Idee der Wiederwahl ebenfalls klasse fanden, hat etwas in dieser Richtung unternommen. Ich selber ja auch nicht. Warum nicht? Hat unser Zögern, etwas in dieser Richtung zu unternehmen, eine Bedeutung? Ist an dem Gedanken etwas falsch? Wenn ja, was?
Der häufigste Einwand, der von Frauen dagegen vorbracht wurde, war interessanterweise folgender: Eine solche Kampagne sollte man nur starten, wenn man Käßmann vorher gefragt hat, ob sie damit einverstanden ist. Schließlich würde das nur weiteren Druck bedeuten. Ich finde das interessant: Vermuten wir etwa schon selbst, dass Margot Käßmann vielleicht gar nicht unbedingt diese Spitzenamt haben will? Selbst dann nicht, wenn man es ihr anträgt?
Wohlgemerkt, es geht mir hier überhaupt nicht um die Motive und Absichten von Margot Käßmann selbst, über die ich nichts weiß und vermutlich die Frauen, die diesen Einwand vorbrachten, auch nicht. Dieser Einwand spiegelt vielmehr unser eigenes Verhältnis zu diesen Ämtern wieder: Empfinden wir, wenn wir uns in die Lage Käßmanns versetzen, nicht selber genau so ein Gefühl der Erleichterung: Endlich ist der Druck weg? Endlich bin ich wieder – frei? Dabei sind wir genau wieder bei diesem Thema der Antipathie: Nein, wir starten keine Kampagne zur Wiederwahl von Margot Käßmann, weil, irgendwie, die Vermutung im Raum steht, dass dies der weiblichen Freiheit entgegen stünde.
Damit sind wir aber nicht aus dem Schneider. Ich bin der Meinung, wenn wir also keine Kampagne zur Käßmanns erneuter Wahl machen wollen, dann müssen wir zumindest weiter über dieses Thema nachdenken und diskutieren, und das Ganze nicht vorschnell als die skurrile Episode „Frau an Kirchenspitze” in den Annalen verschwinden lassen.
Ein Ausgangspunkt dafür könnte jene Idee sein, die ein Kollege ins Gespräch brachte. Er sagt voraus, dass Margot Käßmann der Kirche erhalten bleiben wird (er teilt meine These, dass die Kirche Käßmann mehr braucht als andersrum), und dass sie vielleicht sogar jetzt, in der „Freiheit der Amtslosigkeit”, mehr bewirken kann als vorher. Sie wird weiterhin zu Talkshows und Vorträgen eingeladen, sie wird weiterhin Bücher schreiben. Und: Hat nicht in der Tat eine Dorothee Sölle, die nie ein kirchliches Amt oder einen universitären Lehrstuhl hatte, das Gesicht des deutschen Protestantismus mehr geprägt als alle bisherigen EKD-Ratsvorsitzenden zusammen?
Ich finde das ist eine tröstliche Situation. Nur das Problem mit der Inkompatibilität und Antipathie zwischen Frauen und institutionellen Ämtern – das besteht halt eben weiterhin. Und das kann nicht einfach so bleiben.
Was meinst du?