„Das Leben hier ist wie Himmel und Hölle“

Wie gleichberechtigt, wie feministisch, wie gut für Frauen ist das Leben in einer Kommune? So wenig man diese Frage eindeutig beantworten kann, so uneindeutig ist auch dieses Buch. Fast zehn Jahre lang haben sich die sechs Herausgeberinnen – anfangs war die Gruppe größer – regelmäßig getroffen, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. Sie haben Erlebnisse, Erinnerungen und Gedanken aufgeschrieben, miteinander über die fertigen Texte diskutiert, andere Frauen (und auch Kinder) befragt.

Herausgekommen ist ein dickes Buch, das auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium wirkt, auf den zweiten Blick aber ein Ergebnis bester frauenbewegter Tradition darstellt: Von sich selbst ausgehend und im Austausch mit anderen Frauen die Welt zu verstehen, den eigenen Standort darin zu bestimmen, und zwar ohne sich von gegebenen und vorgefundenen Interpretationsmustern in eine bestimmte Richtung drängen zu lassen.

Diese vorgefundenen Interpretationsmuster wären im vorliegenden Fall entweder: Nirgendwo sonst in dieser bürgerlich-spießigen Welt geht es so frei, emanzipiert und gleichberechtigt zu, wie in einer Kommune, also soll man (bzw. frau) sich doch bitte nicht so anstellen und aus einer Mücke einen Elefanten machen, wenn doch mal was nicht perfekt ist. Oder aber: In einer Kommune sind die Männer natürlich ganz genauso große Machos wie anderswo, das war doch schon immer klar. Die Antwort liegt, so wird beim Lesen dieses Buches deutlich, keineswegs irgendwo in der Mitte. Vielmehr ist beides gleichzeitig wahr, und eine Menge anderes auch noch.

Persönliche Erlebnisberichte, die interpretiert und aus denen Schlussfolgerungen abgeleitet werden, machen den Hauptteil der hier versammelten Texte aus. Manchmal sind sie sogar sehr persönlich, und man muss die Offenheit bewundern, mit der einige der Autorinnen Einblick in Privates geben (das aber, wie wir ja wissen, politisch ist) und dabei auch über eigene Schwächen und Selbstzweifel sprechen. Diese Erlebnisberichte werden ergänzt durch Gedichte, Interviews, programmatische Texte, Selbstdarstellungen einiger Kommunen sowie ein Glossar.

Die Autorinnen sind zwischen 35 und 50 Jahre alt und leben überwiegend schon lange, teilweise schon Jahrzehnte in verschiedenen Kommunen, also in Gemeinschaften, die gemeinsam leben und wirtschaften mit dem Anspruch auf politisches Engagement und ein hierarchiefreies Neuorganisieren privater Lebensverhältnisse.

Den Großteil der Beiträge haben die Herausgeberinnen selbst verfasst, ergänzt haben sie ihre eigenen Erfahrungen und Analysen durch Interviews mit anderen Kommunardinnen, die teilweise anonymisiert sind. Dabei sind die Artikel in Themenbereiche geordnet: Mütter, Kinder, Lesben, Kommunikation, Anarchie und Hierarchie, (strukturelle) Gewalt, Geld und Arbeit, Sexualität und Liebe, Sterben, Frauenräume, Träume und Wünsche.

Da es darum geht, die eigenen Kommuneerfahrungen kritisch aus einer feministischen Perspektive unter die Lupe zu nehmen, liegt der Schwerpunkt der Berichte auf negativen Erfahrungen und Kritik. Vieles ist spannend zu lesen ist und lädt zur Identifikation ein, manches ist aber durch den sehr persönlichen Zugang für Außenstehende nicht immer leicht zu verstehen. Gerade durch die Radikalität der Positionen kommt aber indirekt auch die Stärke des Kommunelebens heraus. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wenn unter „strukturelle Gewalt“ betont wird, dass dazu auch gehört, wenn Väter gelobt werden, weil sie sich um ihre Kinder kümmern, dann wird immerhin auch deutlich, dass Väter sich hier in der Regel um ihre Kinder kümmern.

Das Hauptthema des Buches bildet ganz klar die Schwierigkeit, ein Leben mit Kindern und den herrschaftsfreien Anspruch in einer Kommune miteinander zu vereinbaren. Hier wird deutlich, dass ein Konzept von Freiheit und Selbstbestimmung dort an Grenzen stößt, wo Autonomie schlicht und ergreifend nicht funktioniert – wie im Fall von Kindern. Diejenigen, die sich um die Kinder kümmern, sind dann sozusagen co-abhängig. Hier sind die Erfahrungen, die die Mütter schildern, in der Tendenz ähnlich: Zwar finden sich in einer Kommune leichter als anderswo Menschen, die die Kinder mal eine Weile „übernehmen“. Doch nur schwer finden sich andere, die wirklich verbindlich Verantwortung für Kinder übernehmen, was bedeutet, dass das Organisieren meist doch allein an der Mutter hängen bleibt.

Ein anderes Thema, das am deutlichsten von den befragten Kindern aufgegriffen wird, ist die Frage nach der Sauberkeit: „Also, viele ‚VERGESSEN’ ja den Tisch ab zu reumen. Besonders im Sommer wo man andere Sachen zu tun hat. Das ist ja o.k., aber wenn die Milch offen im Milchkrug steht und tote Fliegen drin schwimmen, ist das schon eklich“, drückt es drastisch die 8-jährige Anaya aus. Oder: „Jetzt kommt eine WARNUNG: wer uns mal besuchen kommt, sollte sich einen Staublappen mitbringen, denn wenn er oder sie sich hinsetzt, egal wo, hat er eine zwei Meter dicke Staubschicht am Arsch hängen“, geben zwei elfjährige Kommunardinnen von der Burg Lutter zu Protokoll.

Dass Putzen nicht gerade zu den Lieblingsaufgaben der meisten Menschen gehört und die Standards sehr tief sinken können, wird niemanden überraschen, der oder die mal in einer WG gelebt hat. Ebenso wenig überraschend – wenn auch durchaus erschütternd – sind die Berichte über gewaltförmige Kommunikationsstrukturen unter dem Deckmantel eine behaupteten Gleichheit, die wahrscheinlich jede Frau kennt, die schon mal in gemischten Gruppen mit Männern gearbeitet hat. Man kann es aber natürlich nicht oft genug aufschreiben und analysieren.

Was mich aber wirklich überrascht hat, das war der wiederholt vorgebrachte Wunsch nach tieferen persönlichen Beziehungen. Offenbar bleibt das Zusammenleben in einer Kommune, selbst wenn die Beteiligten viel von sich ab- und hergeben müssen, letzten Endes doch oft relativ oberflächlich, ist die Verbindlichkeit nicht tief genug, um ein wirklicher und dauerhafter Ersatz für die traditionelle Kleinfamilie zu sein. Offenbar reicht es nicht, bloß gemeinsam zu arbeiten und zu wirtschaften. Jedenfalls war bei vielen Texten der Wunsch nach tieferen Beziehungen spürbar, sowohl was das gemeinsame Sorgen für Kinder betrifft, aber auch im Zusammenleben generell.

Hier scheint mir jedenfalls der interessanteste Erkenntnisgewinn des Buches für die Kommunen selbst zu liegen: Vielleicht ist es so, dass diese Sehnsucht von Frauen nach intensiveren und verbindlicheren Beziehungen der Menschen größer ist als die von Männern (im Schnitt), vielleicht sollte man im Hinblick auf zukünftige Perspektiven weniger an den Regularien und Abläufen feilen als vielmehr die Aufmerksamkeit stärker auf die Frage legen, wie und warum Beziehungen gelingen und Verbindlichkeit bieten – und wie und warum nicht.

Auf jeden Fall ist das Buch sehr lesenswert für alle, die in Kommunen leben oder sich für diese Lebensform interessieren. Allerdings ist manchmal implizites „Insiderwissen“ nötig, um alles zu verstehen – in dieser Hinsicht wären ein weiterer Redaktionsgang und zusätzliche Erläuterungen an der einen oder anderen Stelle vielleicht hilfreich gewesen. Etwas schwierig ist es auch, die einzelnen Autorinnen durch die jeweiligen Lebensgeschichten hinweg vor Augen zu behalten, das macht die Lektüre manchmal etwas verwirrend. Aber eine gewisse Verwirrung kann ja letzten Endes durchaus auch produktiv sein.

Astrid Glenk, Britta Hapke-Kerwien, Karin Hartrampf, Anja Kraus, Doris Krutisch, Heike Richards (Hg): Das Kommunefrauenbuch. Alltag zwischen Patriarchat und Utopie. Edition AV, Lich 2010, 437 Seiten, 24,50 Euro.

Dieser Artikel wurde auch abgedruckt in: Graswurzelrevolution Mai 2010, S. 17, und in Junge Welt v. 23.7.2010, S. 15.

Ein Gedanke zu „„Das Leben hier ist wie Himmel und Hölle“

  1. Toll, du schreibst in meiner Zeitung und ich überseh das. Aber ist auch nicht mein aktives Thema, das Gemeinschaftsleben. Also, ich finde das gut und wichtig, aber ich gehör da nicht selber hin und deshalb kümmer ich mich nicht mehr so drum.
    Wichtig, weil das ja Labore sind, wo wir testen, was von unseren schönen Vorstellungen überhaupt praktikabel ist. Deshalb auch die Frage nach dem Buch (Habenichtse): seit ich das gelesen habe (erst vor 3 Jahren), glaube ich im Herzen daran, daß eine solche Gesellschaft möglich ist. Und bin sehr glücklich darüber, und noch mehr sehr traurig, daß kaum etwas auf eine Änderung der Dinge hindeutet. Aber irgendwann kommt sie doch.

    Na, ich glaub, ich bestell mir das Buch sogar mal. Sozusagen als Wiedersehen mit Leuten, die man mal getroffen hat.

    (Im IE funktioniert’s mit den Kommentaren. )

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