
Gerade ist mir folgender Text von Hannah Arendt wieder in die Hand gefallen, in dem sie sich mit der Unterscheidung zwischen Ehe, Liebe und Freundschaft auseinander setzt und analysiert, wie Frauen und Männer mit dem Thema umgehen. Den Gedankenschnipsel schrieb sie im Dezember 1950 in ihr Notizbuch.
Liebe ist ein Ereignis, aus dem eine Geschichte werden kann oder ein Geschick. Die Ehe als Institution der Gesellschaft zerreibt dies Ereignis, wie alle Institutionen die Ereignisse aufzehren, auf denen sie gegründet waren. Institutionen, die sich auf Ereignisse gründen, halten der Zeit so lange stand, als die Ereignisse nicht völlig aufgezehrt sind. Vor solchem Verzehrt-werden sind nur Institutionen sicher, die auf Gesetzen basieren. Solange die Ehe, immer zweideutig in dieser Hinsicht, als unscheidbar galt, war sie doch wesentlich auf dem Gesetz, nicht auf dem Ereignis der Liebe gegründet und damit eine echte Institution. inzwischen ist die Ehe zur Institution der Liebe geworden und als solche ist sie noch um ein weniges hinfälliger als die meisten Institutionen der Zeit. Die Liebe wiederum ist seit ihrer Institutionalisierung ganz und gar heimat- und schutzlos geworden.
Dagegen protestieren Männer wie Frauen, jeder auf seine Weise. Beide versuchen, die zunehmende Flüchtigkeit der Liebe, ihre zunehmende Substanzlosigkeit zu verhindern. Die Frauen, indem sie aus der Liebe, die ein Ereignis ist, ein Gefühl machen, was nicht nur die Liebe degradiert, weil ein Göttliches zu einem Menschlichen gemacht wird, sondern auch alle Gefühle degradiert, weil sie offenbar dem Feuer der Liebe, an dem sie gemessen werden, nicht standhalten.
Der Irrtum kommt daher, dass die Liebe sich im Herzen des Menschen einnistet; das menschliche Herz ist die Wohnung, aber nicht die Heimat! der Liebe; das Missverständnis ist zu glauben, die Liebe entspringe dem Herzen und sei daher, mit einem weiteren Missverständnis, vom Herzen wie ein Gefühl hervorgebracht. Diesem Gefühl geben die Frauen – die besten gerade, die die Institutionalisierung der Liebe durch die Ehe mit Recht fürchten – sich hin, mit dem Erfolg, dass die Liebe im Gefühl und von ihm verzehrt wird, dass der dazugehörende Mann sich so schnell wie möglich retten muss, denn es geht im wirklich ans Leben!, und dass die Frauen, meist nur gelinde enttäuscht über die Flucht des für das Gefühl eher störenden Mannes, aus der „Liebe“ ihren Lebensunterhalt machen. Inhalt eines Lebens kann die Liebe aber nur werden, wenn sie mindestens ein halb Dutzend Kinder hervorgebracht hat, zwecks täglicher Beschäftigung. Dann aber geht der ganze Humbug in der entstehenden ernsten Arbeit ohnehin zum Teufel. Die Frauen, deren Lebensinhalt die Liebe als solche ist, gehen meist an Tagträumerei oder, in selteneren Fällen, an Langeweile zugrunde.
Der Protest der Männer führt zu dem Umdenken der Liebe in Freundschaft. Zu diesen gehören wesentlich Kants Definition der Ehe, deren Gegenseitigkeit ein Kontrakt der Freundschaft verbürgt; dieser Kontrakt hat nur leider zum Inhalt, was keine Freundschaft schon rein physisch je zu leisten vermag. Auch Nietzsches Bemerkung, dass der größte Teil der Ehe der Unterhaltung gilt, weist in diese Richtung: Sie schlägt vor, Kriterien der Freundschaft zu Kriterien der Ehe zu machen. Keine Freundschaft aber kann tragen, was eine Ehe zumutet. Die Liebe kann es ertragen, wenn die Ehe als Institution durch freien Entschluss zweier Menschen vernichtet wird; dies heißt aber, dass das Zusammen der beiden Menschen die Geschichte und das Geschick des Ereignisse frei entwickelt, ohne alle Garantien und treu nur in dem Nicht-vergessen des Ereigneten und Geschickten. Und es heißt weiter, dass Freundschaft gerade nicht anerkannt wird, denn in der Freundschaft gilt die Treue zum Freunde als das Höchste, sie ist der Freiheit der Liebe also gerade entgegengesetzt. Wenn der Freundschaft zugemutet wird das tägliche Zusammen der Ehe oder der Liebe, geht sie zugrunde. – Die Ehe als reine, legal gesicherte Institution kann das Zusammen mühelos ertragen, nicht nur um der Kinder willen, sondern weil ein solches Tragen oder Ertragen gar nicht zum Problem wird. Sie wahrt ja immer die absolute Distanz der Partner, die in der Liebe durchbrannt wird und in der Freundschaft dauernd überbrückt.
Zur Abgrenzung: Gefühle habe ich; die Liebe hat mich. Freundschaft ist wesensmäßig abhängig von ihrer Dauer – eine zwei Wochen alte Freundschaft existiert nicht; die Liebe ist immer ein „coup de foudre“.
aus: Hannah Arendt: Denktagebuch, Dezember 1950.
Seit Ingeborg Nordmann und Ursula Ludz die zwei Bände „Denktagebuch“ mit den Notizen Arendts 2002 herausgegeben haben (Piper Verlag) sind sie für mich ohnehin eine ständige Quelle der Inspiration. Der Neupreis von 118 Euro ist natürlich krass, aber dem Aufwand, der nötig war, um diese Dokumente zugänglich zu machen, durchaus angemessen. Immerhin bekommt man dafür 1200 Seiten ungeschminktes Philosophieren – denn beim Niederschreiben dachte Arendt sicher nicht daran, dass jemand das mal so unbearbeitet lesen würde. Von daher ist es auch ein bisschen wie durchs Schlüsselloch gucken. Inzwischen bekommt man die Bücher gebraucht immerhin schon für um die 60 Euro.


Was meinst du?