
Dass der Feminismus an allem Möglichen Schuld ist, an der Verlotterung der Sitten, der Verwahrlosung der Kinder, der sozialen Kälte, dem Verschwinden der Weiblichkeit, dem Ende der Liebe, schlechten Arbeitsbedingungen, der Ermordung unschuldiger Kinder und wahrscheinlich auch am schlechten Wetter, das wissen wir schon lange.
Wann immer mal wieder so ein Vorwurf vorgetragen wird – aktuell zum Beispiel vom britischen Wissenschaftsminister David Willetts, der dem Feminismus zuschreibt, Schuld an der Chancenlosigkeit männlicher Arbeiter zu sein – wird von feministischer Seite Protest laut. Nein, nicht der Feminismus sei schuld, sondern der Kapitalismus, die Männer, die Kirche, die Machthaber und die Schlechtigkeit der Welt generell. (Ähnlich argumentierten auch manche in den Kommentaren zu meinem Blogpost: Gleich und Gleich ergibt Arm und Reich)
Ich habe in letzter Zeit den starken Impuls, diese defensive Haltung aufzugeben und stattdessen offensiv zu entgegnen: Ja, so ist es! Der Feminismus ist an all dem Schuld, und was ist das für ein Glück! Denn die verklärte gute alte Zeit hatte eine große Schattenseite, nämlich die Verleugnung weiblicher Freiheit. Damit ist jetzt aber Schluss. Frauen haben aufgehört, in erster Linie nützlich für die Allgemeinheit zu sein, und angefangen, ihre eigenen Visionen, Ideen und Ziele zu verfolgen. Alle Probleme, die sich daraus eventuell ergeben, müssen heute also auf einer neuen Grundlage gelöst werden. Besser, wir fangen möglichst schnell damit an.
Hinter der defensiven Haltung, die bestreitet, dass der Feminismus irgendwelche problematischen oder zumindest klärungsbedürftigen Nebeneffekte hat, steckt, so glaube ich, eine falsche Vorstellung. Und zwar die, dass sich die Frauen einfach so als Gleiche in die Welt der Männer integrieren ließen und ansonsten alles beim Alten bleiben könnte. Ziemlich oft wird so über die Emanzipation der Frauen gesprochen: Als wären wir damals bei der Erfindung von Gleichheit und Demokratie quasi „vergessen“ worden, und jetzt, wo das aufgefallen ist, werden wir eben gleichgestellt und damit hat es sich. So als wäre die Freiheit der Frauen bloß eine kleine Fußnote der Geschichte, die das Große und Ganze nicht weiter betrifft.
Tatsächlich glauben ja viele Männer und auch viele jüngere Frauen, das Ganze gehe sie eigentlich nichts an. Den Feministinnen wird ein bisschen applaudiert, klar, es war ja richtig, dafür zu sorgen, dass die offensichtlich undemokratische Diskriminierung von Frauen abgeschafft wird. Aber jetzt ist dann auch mal gut. Schnee von gestern, das alles.
Dabei wird schlicht übersehen, dass die Frauenbewegung eine sehr erfolgreiche soziale und politische Bewegung war, vielleicht die erfolgreichste überhaupt, die die westliche Welt je erlebt hat. Wo sonst ist denn gesellschaftlich so viel umgewälzt worden wie beim Verhältnis der Geschlechter? Noch vor wenigen Jahrzehnten war es ein Skandal, dass eine Frau im Bundestag Hosen trug. Noch vor einer Generation war die Erwerbstätigkeit von Frauen alles andere als selbstverständlich. Noch vor zwei Generationen war die Mädchenbildung in einem katastrophalen Zustand und glaubten die meisten Frauen selbst, sie wären auf Grund ihres Geschlechtes von Natur aus weniger wert als Männer.
Ein Hauptgrund dafür, warum die Frauenbewegung nicht als relevante politische Bewegung wahrgenommen wird, liegt wahrscheinlich darin, dass sie sich nicht der üblichen Formen politischer Instrumentarien bedient hat. Keine Parteien, keine Statuten, keine Ämter und nur ganz wenig Institutionalisierung. Die politische Praxis der Frauen war und ist eine andere: Persönliche Bewusstseinsarbeit, eine Politik der Beziehungen zu anderen Frauen, daraus resultierende andere Verhaltensweisen. Politik im Alltag, in erster Person, im Konkreten.
Das alles war zwar ziemlich effektiv, gilt aber im allgemeinen Bewusstsein gar nicht als Politik. Wer keinen Präsidenten gestürzt hat, wird nicht ernst genommen, nicht einmal wahrgenommen. Es ist kein Zufall, dass der Männer-Mainstream das Thema erst bemerkt hat, als Angela Merkel Kanzlerin wurde. Und dass es erst eine Quotendebatte brauchte, um die Frauenfrage talkshowkompatibel zu machen. Ups, so geht jetzt plötzlich ein Raunen durch die erregte Öffentlichkeit, die Frauen sind ja nicht einfach nur da, sie wollen ja sogar Sachen verändern!
Das Missverständnis, die Frauenbewegung betreffe nur die Frauen selbst und nicht die Welt insgesamt, wurde historisch gesehen allerdings zuweilen auch von Feministinnen bedient. Keine Sorge, argumentierten sie zum Beispiel vor hundert Jahren, ihr könnt uns ruhig das Wahlrecht geben, wir werden weiter kochen, waschen, putzen und Kinder erziehen.
Einerseits war es vielleicht strategisches Argumentieren. Die Frauenrechtsbewegung wäre schließlich kaum erfolgreich gewesen, wenn sie von Anfang an gesagt hätte: Ja, wenn ihr uns das Wahlrecht gebt und wenn wir erstmal gleichberechtigt sind, dann werden wir dafür sorgen, dass ihr Männer einen Teil der Hausarbeit übernehmen müsst, dass ihr euch um eure Kinder kümmern müsst, dass ihr eure Geschäfte nicht mehr nach Dienstschluss im Puff verhandeln dürft, dass ihr euch andere Kommunikationsstile angewöhnen müsst und noch tausend andere Sachen mehr. Vielleicht war es klug, zu beschwichtigen und zu sagen: Nein, macht euch mal keine Sorgen, auch wenn wir gleiche Rechte haben, sind wir brav und es wird sich für euch dadurch erstmal kaum etwas verändern.
Vielleicht war es damals aber auch tatsächlich unvorstellbar, wie weitreichende Veränderungen in allen Lebensbereichen es nach sich ziehen würde, wenn Frauen den alten „Geschlechtervertrag“ (so ein Ausdruck von Carol Pateman) aufkündigen würden. Immerhin hatte die Gesellschaft samt männlicher Philosophie, Religion und Wissenschaft, jahrhundertelang ganz selbstverständlich geglaubt, dass Frau sein und frei sein sich gegenseitig ausschließt. Von einzelnen exorbitanten Ausnahmefrauen vielleicht mal abgesehen, die dafür dann zu Männern ehrenhalber ernannt wurden.
Wie krass verankert dieser Irrglaube war, begegnete mir kürzlich in einem historischen Rückblick auf die Einführung der Frauenordination in der evangelischen Kirche. Als die hessen-nassauische Kirchensynode im April 1959 über eine entsprechende Gesetzesänderung diskutierte, sagte ein Synodaler, der die Zulassung von Frauen zum Pfarramt unterstützte: „Was ist denn zu fürchten? Wieviel gibt es denn? Vielleicht fünf oder acht oder neun, die werden doch nicht das ganze Kirchengebiet überschwemmen.“
So schief kann man liegen! Heute beträgt der Anteil der Frauen in der evangelischen Pfarrerschaft über dreißig Prozent, Tendenz weiter steigend. Manche Herren befürchten längst eine „Feminisierung der Kirche“ – wie schrecklich! Welch ein Ansehensverlust! Da lohnt es sich ja gar nicht mehr, Herr Pfarrer zu werden, wenn das letztlich nichts Besseres mehr ist als eine über Gott redende Krankenschwester! (In der Tat habe ich auch den Begriff „Krankenschwesterisierung“ schon gehört).
Über diese Debatte empören sich logischerweise viele Theologinnen und wenden zum Beispiel ein, dass die katholische Kirche ja ansehensmäßig auch nicht besser da steht, obwohl sie doch dieses feministischen Zeitgeistgedöns nicht mitmacht. Oder sie betonen, dass Frauen genauso amtsmäßig hoheitsvoll Pfarrer sein können, wie man es sonst nur Männern zutraut.
Ich sage: Bullshit. Selbstverständlich bringt die Beteiligung von Frauen am Pfarramt eine „Feminisierung“ der Kirche mit. Und dasselbe gilt – hoffentlich! – auch für alle anderen ehemals den Männern vorbehaltenen Vereine und Institutionen, zu denen sie inzwischen „zugelassen“ sind. Natürlich kann nicht alles beim Alten bleiben, wenn Frauen frei sind, wenn sie mitmischen, wenn sie etwas zu sagen haben. Und natürlich geraten dabei auch ein paar Dinge durcheinander, tun sich neue Probleme auf. Es wird höchste Zeit, dass wir die gemeinsam angehen – freie Frauen und freie Männer mit ihren jeweiligen Wünschen, Absichten, Ideen und Visionen. Aber bitteschön ohne jede Debatte darüber, wie sich Frauen am besten für die Allgemeinheit nützlich machen sollen.
Ja, ich bekenne es: Der Feminismus ist schuld daran, dass alle Männer und auch Männer in Machtfunktionen sich dieser Debatte jetzt langsam mal stellen müssen. Gern geschehen.


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