Dann bist du eben gefickt. Über Sexualität und Gewalt

Dass es in der westlichen Ideengeschichte eine ziemliche Konfusion im Bezug auf das Verhältnis von Sexualität und Gewalt gibt, und zwar bis heute, ist in der Berichterstattung über die Anklage gegen Dominique Strauss-Kahn erneut deutlich geworden. Ein Großteil der medialen Berichterstattung von taz bis Spiegel hat den Vorwurf, er habe eine Hotelangestellte vergewaltigt, unter die Rubrik „Sexaffäre“ einsortiert (hier eine interessante Zitatensammlung), was zu Recht bei vielen für Empörung sorgte.

Aber der Vorwurf, hier würden Sexualität und Gewalt illegitimerweise miteinander vermengt, ist mehr als eine moralische Bemerkung. Er geht von einem historisch relativ neuen Verständnis von Sexualität aus – nämlich dass das eine Sache sei, die zwei Menschen gemeinsam miteinander tun. Das erscheint uns heute ganz selbstverständlich. Ist es aber nicht. Und die Gründe dafür erschöpfen sich nicht nur in individuellem Versagen einzelner Männer oder Medienleute.

Über Jahrhunderte hinweg ist Sexualität nämlich als Handlung verstanden worden, die ein Mensch mit einem anderen tut, die also per Definition zwischen Ungleichen stattfindet, und zwar genauer noch: zwischen zweien, die in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen. Zwischen einem Aktiven und einer Passiven. Dem „Liebhaber“ und der „Geliebten“.

So zeigt Ruth Mazo Karras in ihrer Studie über Sexualität im Mittelalter, dass vieles von dem, was heute unbestritten dem Bereich des Erotischen zugeordnet wird, damals gar nicht als Sexualität galt: Lesbischer Sex, weibliche Masturbation, Händchenhalten und Küssen unter Mönchen und Nonnen, feurige und tiefgehende Liebeserklärungen, die Männer einander häufig in Briefen (und vermutlich auch in Gesprächen) zukommen ließen. Nach mittelalterlicher Vorstellung hatte all dies nichts mit Sexualität zu tun, weil das zentrale Instrument der Zeugung, nämlich der erigierte Penis, dabei keine Rolle spielte. Und die Zeugung von Nachwuchs war aus kirchlicher Sicht der einzig legitime Zweck des Geschlechtsverkehrs. Nicht Erotik, Erregung und Lust bildeten das Zentrum der Sexualität, sondern das „Reinstecken“ und „Reingesteckt bekommen“, also die beiden ganz eindeutig als aktiv und passiv voneinander abgegrenzten Rollen des Geschlechtsaktes.

Deshalb galt es auch nicht als Sünde, wenn zwei Frauen sich gegenseitig erotisch stimulierten, sondern nur wenn sie sich dabei mit einem Gegenstand penetrierten – denn dies bedeutete, dass sie eine verbotene „aktive“ Rolle simulierten. Auch die Sündhaftigkeit männlicher Homosexualität, damals in der Regel als „Sodomie“ bezeichnet, hing in ihrer sozialen und moralischen Relevanz vom jeweiligen Part ab: Wenn ein Mann einen anderen Mann penetrierte, war das nicht schlimmer, als wenn er mit einer Frau schlief, die nicht die eigene Ehefrau war. Wenn ein Mann es aber zuließ, von einem anderen penetriert zu werden, dann verdrehte er die zugewiesenen Geschlechtsrollen, und sein Vergehen war um ein Vielfaches größer.

Dass Frauen trotz ihrer Passivität und auch, wenn sie vergewaltigt wurden, für sexuelle Vergehen verurteilt werden konnten, zum Beispiel als Ehebrecherinnen, zeigt nur an, dass gleichzeitig auch ein anderes Verständnis von Schuld herrschte: Es ging dabei nicht um individuelle, moralische Verantwortung, die bestraft werden sollte, sondern vielmehr um die Verstrickung in „widernatürliche“ Verhältnisse.

Die strikte Unterscheidung von aktiver und passiver Rolle beim Geschlechtsverkehr bedeutet auch, dass der Akt der Vergewaltigung anders als heute bewertet wurde: Die passive Rolle einzunehmen, bedeutete ja bereits per Definition, Gewalt zu erleiden. Die tatsächliche Gewaltausübung stellte daher keinen großen Skandal dar. Die Frage nach der Zustimmung der Frau wurde schlicht nicht gestellt, denn sie galt als irrelevant – was erklärt, warum es so lange gedauert hat, bis Vergewaltigung (auch in der Ehe) als Straftat angesehen wurde.

Schon immer vermischte sich diese Hierarchisierung zwischen „aktiver“ Männer- und „passiver“ Frauenrolle mit sozialen Hierarchien. So war für Andreas Capellanus, der im 12. Jahrhundert ein Ratgeber-Buch „Über die Liebe“ schrieb, das für die westliche Ideengeschichte überaus wirkmächtig war, völlig klar, dass ein Mann höherstehende „Damen“ keineswegs vergewaltigen darf, „Bauernmädchen“ aber schon: „Versäume nicht, dir sofort zu nehmen, was du wolltest, und mit ihnen unter Gewaltanwendung den Beischlaf zu vollziehen.“ (S. 163) Interessant ist, wie er das begründet, nämlich keineswegs mit der aus den sozialen Hierarchien folgenden puren Macht, sondern mit dem „Argument“, dass Frauen aus unteren Schichten für die ausgefeilten Wendungen der Minne-Werbung ohnehin unempfänglich seien: „Du wirst sie in ihrer Grobheit nämlich von außen kaum so gefügig machen können, dass sie sich damit einverstanden erklären.“ (ebd)

Die Vorstellung, dass die „unteren“ Schichten (Arbeiter_innen, Sklav_innen, „Wilde“ in den Kolonien) für die subtilen Formen „wahrer“ Liebe ohnehin nicht empfänglich seien und sich ihr Geschlechtsleben auf puren, quasi animalischen Sex beschränke, war die traditionelle Legitimation dafür, dass Frauen aus diesen Gruppen weitgehend straflos vergewaltigt und Männer aus diesen Gruppen ohne große Beweisführung der Vergewaltigung „höherstehender“ Frauen beschuldigt und dafür verurteilt werden konnten.

Diese Denkfigur ist durch die rechtliche Emanzipation dieser Bevölkerungsgruppen im Übrigen keineswegs aufgelöst worden. Denn der Preis dafür, dass sie nicht mehr in die Kategorie „Ohnehin nicht liebesfähig“ einsortiert werden, ist die vollständige Anpassung an eine bürgerlich-heterosexuelle Liebesordnung. Das zeigt sich immer wieder – und auch im aktuellen Fall der Hotelangestellten, die Strauss-Kahn vorwirft, sie vergewaltigt zu haben – daran, dass sie ihr Privatleben auf „bürgerliche Wohlanständigkeit“ hin durchforschen lassen müssen, wenn sie ihre Rechte formal durchsetzen wollen. Noch immer wirkt sich ein promiskes Liebesleben negativ auf die Prozesschancen von Vergewaltigungsopfern aus – wofür es aber keinen vernünftigen Grund gäbe, wenn Sexualität tatsächlich als wesentlich gewaltfreie Angelegenheit verstanden würde, also als etwas, das Menschen miteinander tun und nicht einander „antun“.

Für mich stellt sich bei all dem die Frage, warum eigentlich diese alte und längst für überholt gehaltene Vorstellung von Sexualität als Gewalt, als Vorgang, bei dem aktiver und passiver Part klar unterschieden sind, so langlebig ist. Manche mögen beim Lesen dieses Textes gedacht haben: Was soll dieses Gerede über das Mittelalter, die Zeiten haben sich doch längst geändert!

Und in der Tat, sie haben sich geändert! Dank der Frauenbewegung haben wir heute ganz andere Gesetze, in unseren Regalen stehen haufenweise Bücher, in denen Sexualität als egalitärer, lustvoller Akt zwischen Menschen beschrieben wird, die Zeitschriften und Kinos sind voll von Geschichten über Menschen, die sich lieben und einander als Gleichwertige begegnen. Warum eigentlich kommen diese ollen Kamellen trotzdem immer wieder an die Oberfläche – gegen unseren kollektiven Willen sozusagen? Warum gelingt es uns nicht, unsere kulturellen Bilder endlich in neue Bahnen zu lenken, obwohl wir uns doch wirklich Mühe geben?

Vielleicht liegt es daran, dass wir den Zusammenhang von Macht und sexueller Gewalt bislang immer nur in eine Richtung gedacht haben – nämlich so, dass sich politische und gesellschaftliche Macht in Form von sexueller Gewalt manifestieren kann und dadurch gewissermaßen befestigt und bestätigt.

Die italienische Philosophin Diana Sartori hat aber kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass es hier auch darum geht, was wir eigentlich unter Macht verstehen. Sie schreibt: „Die Macht trieft nur so von Bildern männlicher und sogar reaktionärer männlicher Sexualität. Herrschaft und Unterordnung sind symbolische Synonyme der aktiv/männlichen und der passiv/weiblichen sexuellen Rolle: Wer befiehlt, ist der aktive Mann, und wer keine Macht hat, ist ‚gefickt’, also passiv-weiblich, selbst wenn es sich um einen Mann handelt. Der Macht ausgeliefert zu sein, macht weiblich, und Macht auszuüben macht männlich. Ein italienisches Sprichwort lautet ‚Befehlen ist besser als Ficken’, und es ist wirklich nicht leicht zu sagen, ob hier die Macht als Ersatz für Sex vorgeschlagen wird, oder ob der Sex als Machtausübung ausgemalt wird. Beides geht Hand in Hand, und nicht nur im Sinne einer Analogie, sondern im Sinne einer viel direkteren Verknüpfung.“

Mich brachte das auf die Idee, dass darin vielleicht eine Erklärung liegen könnte für diese merkwürdige Langlebigkeit der Vorstellung, Sexualität sei ein hierarchischer Vorgang mit aktiv-passiver Rollenaufteilung und daher letztlich immer tendenziell mit Gewalt behaftet: Weil wir genau so Macht definieren. Und weil wir zwar alle (oder doch die meisten von uns) inzwischen der Auffassung sein mögen, dass Gewalt und Hierarchien im Intimleben der Menschen nichts verloren haben – aber gleichzeitig ganz selbstverständlich akzeptieren, dass es ansonsten natürlich „Macht“ geben muss. Eine Macht, die zwar eingehegt ist durch Gesetze, die aber gleichzeitig durch Institutionen und Verhältnisse ständig neu hervorgebracht wird.

Sexualität jedoch ist von ihrer Natur her mit Verletzlichkeit verbunden, mit Hingabe und Sich Ausliefern, mit Kontrollverlust und eingeschränkter Rationalität, mit der Überschreitung von Grenzen, mit der Öffnung hin zu sehr großer Intimität, mit Durchlässigkeit. Mit Konstellationen also, die sich der Logik der Gleichheit und der Rechte letztlich nicht fassen lassen.

Meine These ist: Solange große gesellschaftliche Bereiche nach dem Muster von Befehl und Gehorsam organisiert sind, solange ist auch „gefickt sein“ eine mögliche, aber fatale Metapher für menschliche Beziehungen. Oder anders gesagt: Solange es „Machthaber“ gibt in dem Sinne, wie Dominique Strauss-Kahn ganz unbestreitbar einer war, solange es also Positionen gibt, die Menschen in die Lage versetzen, anderen „einen reinzuwürgen“ – solange wird auch unsere Sexualität nicht frei sein von der Gefahr, mit eben solchen Bedeutungsebenen überlagert zu werden.

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

Ein Gedanke zu “Dann bist du eben gefickt. Über Sexualität und Gewalt

  1. Las gerade mit großem Interesse Deine Analyse (die ich teile) und habe heute morgen diesen Artikel in Le Monde gefunden. Ich weiss nicht, ob Du die Rubrik von Maia Mazaurette kennst…. Heute geht es darum, dass Männer eine sehr phallozentrierte Sexualität leben… und sich darum um vieles bringen. Sie beschreibt hier wie die Massage der Prostata (die beim Orgasmus mit bebt) gelernt werden kann, wobei eben die von Dir beschriebene Hierarchie überwunden werden muss….. Spaß beim Lesen… https://www.lemonde.fr/m-le-mag/article/2019/05/19/comment-initier-un-homme-au-massage-prostatique_5464055_4500055.html

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