
Ich bin auf einer Mottoparty zum Thema „Raumstation“. In einer Privatwohnung, drei Zimmer, Flur, Bad, alle phantasievoll dekoriert. Ein Raum ganz dunkel zum Chillen, mit leuchtenden Planeten am Himmel, einer metallisch-silbern verkleidet, einer mit grünem Dschungel. Eine Woche Urlaub haben sich die Gastgeber genommen, um das so hinzukriegen, monatelang Ebay durchstöbert.
Ich kann mich nicht beherrschen und schicke Bilder auf Instagram. Es ist einfach zu schade, dass nur wir paar Partygäste dieses grandiose Kunstwerk sehen dürfen. Und dann kommt mir dieser bescheuerte Gedanke: Wenn es einen Wettbewerb für die am besten dekorierte Partywohnung gäbe, dann würden die hier gewinnen.
Und sofort weiß ich auch: Wenn es einen solchen Wettbewerb gäbe, dann wäre das ganze Schöne futsch. Dann kämen nämlich die Mikrofone, die Reporterinnen, die Dekorationsexperten. Die objektiven Maßstäbe. Dann würden auf einmal die unwahrscheinlichsten Leute anfangen, dekorierte Parties zu veranstalten, nicht für sich und ihre Gäste, sondern für den Preis, den Ruhm, das Rampenlicht. Es wäre Mist.
Das Schöne und Erstaunliche an unseren Gastgebern ist aber gerade, dass sie es einfach so machen. Weil es ihnen Freude bereitet, weil es uns Freude bereitet. Weil die Welt ein bisschen schöner und besser wird dadurch. Sie haben es nicht auf Reichweite abgesehen, sondern auf das gute Leben. Es geht ihnen nicht um Effizienz, sondern um Sinn.
Mir kommt eine Passage aus dem wmr-Podcast in den Sinn, wo Johnny Haeusler über die Reichweite von Blogs und Podcasts spricht. 3000 Leute, die den Podcast hören, das sei doch keine Reichweite. 100000 Leute, das wäre Reichweite. Ich höre raus: Drunter ist es doch nichts.
Ich bin nicht überzeugt. Denn Reichweite an Zahlen zu bemessen, das ist irgendwie 20. Jahrhundert. Wenn man sich bei dem, was man tut, an der Quantität orientiert, also an den Zahlen, hat man unweigerlich für das, was man tut, einen gefährlichen Maßstab eingeführt: den der messbaren Resonanz von anderen.
Ich bezweifle stark, dass jemand, der die Relevanz des eigenen Handelns daran misst, wie viele Leute „draufklicken“, sich der Versuchung erwehren kann, das eigene Tun entsprechend zu modellieren. Das traurige Extrem sind dann diese aus Keywords zusammengerotzten Texte, die für Werbekram Klickzahlen generieren sollen. Sie haben ganz offensichtlich überhaupt keine Relevanz, sie sind nämlich komplett sinnfrei. Aber sie haben Reichweite. Reichweite zu haben, ist ihr einziger Zweck.
Relevanz ist ja eine relative Angelegenheit. Sie ist keine objektive Eigenschaft einer Information, sondern ergibt sich erst aus der Wechselbeziehung zwischen einer Information und den Interessen und Wünschen anderer: Was für mich relevant ist, muss für jemand anderen nicht auch relevant sein.
Wahre Relevanz bemisst sich also nicht an Zahlen, sondern an der Passgenauigkeit dieses Scharniers: Ein Blogpost, der zwei Leute zum Umdenken anregt, ist objektiv „relevanter“ als einer, der zwanzigtausend in ihrer Meinung bestätigt.
Reichweite in Quantität zu messen ist 20. Jahrhundert. Aufgrund der physikalischen Knappheit von Verteilungsressourcen gab es ja vor dem Internet keine andere Möglichkeit für eine Idee, zu diesem Scharnier vorzudringen, als die der massenhaften Verbreitung. Je höher die Auflage, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass jemand es findet. Bekanntlich wurde diese Chance aber permanent durch den redaktionellen Zwang zum Konformismus unterlaufen.
Heute ist das anders. Was für mich wichtig ist, wird mich finden. Auch wenn ich möglicherweise die einzige Person auf dieser Welt bin, für die das wichtig ist.
Das ist im Übrigen ja auch schon eine einfache mathematische Gleichung. Wenn alle Menschen publizieren können, dann können die quantitativen Reichweiten nicht mehr so sein wie in Zeiten, wo Publizieren ein Privileg von wenigen war. Wenn alle Blogs die Reichweite der Bildzeitung hätten, würde niemand mehr ihnen Aufmerksamkeit widmen können, denn wir müssten alle nur ständig klicken. Zum Lesen hätten wir gar keine Zeit mehr.
Ich schreibe meinen Blog deshalb nicht für euch. Aber auch nicht nur für mich. Sondern ich schreibe meinen Blog, weil ich der Meinung bin, dass das, was ich hier schreibe, geschrieben werden muss, weil ich glaube, dass die Welt das braucht. Ob das auch noch andere so sehen, ist für mich kein Kriterium. Natürlich freue ich mich, wenn das so ist. Aber ich habe es halt nun mal nicht in der Hand. That’s life.
Das Wichtige am Bloggen ist nicht die quantitative Verbreitung, sondern diese Qualität: Ich muss meine Ideen und Gedanken bloggen, denn nur so können diejenigen, für die das eventuell relevant ist, sie auch finden (das geht nämlich nicht, wenn ich es in meinem Kopf oder auf meiner Festplatte lasse). Deshalb bemühe ich mich auch, diesen Prozess des „Scharnierfindens“ zu befördern: Ich verlinke, ich vernetze, ich mische mich in Debatten ein, ich formuliere (hoffentlich) halbwegs verständlich etcetera. Aber erhöhen will ich damit nicht die Klickzahlen, sondern die „Scharnierfindungswahrscheinlichkeit“.
Darin liegt nämlich die wirkliche wahre Qualität jeder Sache, die getan wird – sei es die Dekoration einer Wohnung zu Partyzwecken oder das Schreiben eines Blogposts oder was sonst auch immer: Dass jemand etwas tut, weil er oder sie findet, dass das getan, gesagt, gemacht werden muss. Jeder schöpferische Prozess ist sozusagen eine Wechselwirkung zwischen dem Subjekt und der Welt, die gegenseitig aufeinander antworten. Es ist das Ergebnis einer Notwendigkeit, eines inneren Drangs, eines Wunsches, es möge so sein (oder es möge anders werden) – und genau nicht das Ergebnis einer Konkurrenz um Preise, Anerkennung des Mainstreams, Reichweiten und so weiter.
Benchmarking und Klickzahlenmessung ist bullshit. Weil Benchmarking und Klickzahlenmessung implementierter Konformismus sind, die Neues per default ausschließen.
Update 1: Lest als Ergänzung bitte unbedingt auch diesen Blogpost von das Nuf über „Relevanz und Firlefanz“
Update 2: Und bitte auch den von Journelle über Kleinstädtische Relevanz

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