Ich bin ziemlich überwältigt von der zahlreichen Resonanz auf meine Frage nach dem Atheismus und danke allen, die kommentiert haben. Mir ist beim Lesen eurer Schilderungen und Berichte vieles durch den Kopf gegangen, und einiges davon möchte ich hier schonmal festhalten.
Einige Punkte sind ja häufiger gesagt worden, zum Beispiel, dass der Atheismus oder das Nicht-Glauben eigentlich der „Normalzustand“ bei der Geburt ist und der Glaube an irgendwas erst durch die Erziehung oder „Indoktrination“ von Eltern und Umwelt implementiert wird. Das sehe ich auch so, wobei ich allerdings glaube, dass „Indoktrination“ (ich würde eher sagen: das Vermitteln von kulturellem Wissen oder persönlichen wie gesellschaftlichen Wertvorstellungen) im Moment der Geburt unweigerlich losgeht. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, aufzuwachsen, ohne „indoktriniert“ zu werden. Die spannende Frage ist, ob das auf eine freiheitliche oder unfreiheitliche Weise passiert, wobei das in der Realität wohl meistens ein Mix von beidem ist. Aber ich halte es für unmöglich, dass Menschen bis zu dem Zeitpunkt, wo sie eigene Überzeugungen entwickeln können, „unindoktriniert“ bleiben. Einfach deshalb, weil alle Erwachsenen, mit denen sie zu tun haben, bereits eigene Überzeugungen ausgebildet haben, und Lernen nur zu einem kleinen Teil über bewusste Reflektion und zu einem größeren Teil über Nachahmung und Imitation vonstatten geht.
Interessant fand ich den häufigen Verweis auf „Märchen und Sagen“, so als wäre das ein Argument gegen Religion – ich nehme an, der Grund war, dass innerhalb von Religionen oft behauptet wird, ihre Geschichten wären etwas völlig anderes als Märchen und Sagen, nämlich „wahr“? Das werde ich mal im Hinterkopf behalten.
Ich denke eigentlich auch, dass die Bibel oder auch allgemein religiöse Erzählungen und Gleichnisse über Gott im Prinzip so etwas sind wie Märchen und Sagen, aber ich finde nicht, dass das gegen sie spricht. Auch Märchen und Sagen sind ja nicht zu Unterhaltungszwecken erfunden worden, sondern weil damit Erkenntnisse und Ansichten über Gut und Böse und das Zusammenleben der Menschen transportiert werden sollten. Nehmen wir zum Beispiel das Märchen von „Hans im Glück“ – darin steckt eine Botschaft, eine Wertüberzeugung über den Umgang mit materiellem Reichtum, und diese Botschaft ist doch das Zentrale und nicht, ob es einen solchen Hans „wirklich“ gegeben hat.
Biblische Geschichten sind von der Gattung her nicht etwas prinzipiell anderes als „Märchen und Sagen“, nur dass ihr Thema eben „Gott“ ist. Ein Hauptmissverständnis liegt glaube ich darin, dass zu der Zeit, in der sie entstanden sind, die Frage „ob es Gott gibt oder nicht“ niemand ernsthaft gestellt hat. Bis zur Neuzeit haben sich die Leute nicht darüber gestritten, ob es Gott gibt (davon sind sie als selbstverständlich ausgegangen), sondern darüber, was genau man sich unter „Gott“ vorstellen soll.
Eine Erzählung wie die von den „Arbeitern im Weinberg“ zum Beispiel vertritt die Ansicht, Gott würde allen Menschen dasselbe geben, unabhängig von ihrer Leistung (in dem Gleichnis bekommen die Arbeiter, die nur eine Stunde arbeiten, denselben Lohn wie die, die den ganzen Tag gearbeitet haben). Wenn man davon ausgeht, dass es Gott eventuell gar nicht gibt, ergibt die Erzählung logischerweise gar keinen Sinn. Sie ist nur sinnvoll innerhalb einer Debatte, in der zwar alle davon ausgehen, dass es Gott gibt, aber nicht darüber einig sind, wie Gott agiert (vermutlich waren damals viele der Ansicht, Gott würde die Menschen eher „leistungsbezogen“ aka „gerecht“ belohnen, und denen widerspricht dieses „Märchen“).
Von daher ist es heute tatsächlich schwierig bis unmöglich, solche Geschichten einfach weiter eins zu eins zu erzählen. Das Missverständnis ist sozusagen schon einprogrammiert. Ich selber kam als Jugendliche auch irgendwann an den Punkt, wo ich „das alles, was mir da erzählt wurde“ nicht mehr geglaubt habe, und ich habe auch keine befriedigenden Antworten von Kirchenleuten darauf gefunden. Meine Reaktion war dann aber nicht, Atheistin zu werden, sondern Theologie zu studieren, und ich bin heute an einem Punkt, wo mir die Rede von Gott nicht sinnlos erscheint sondern sinnvoll. Aber ich habe gleichzeitig gemerkt, dass ich überhaupt keine Lust habe, andere diesbezüglich zu überzeugen.
Um bei dem Beispiel mit den Arbeitern im Weinberg zu bleiben: Ich habe durchaus einen „missionarischen Eifer“, wenn es darum geht, dafür einzutreten, dass es falsch ist, Geld rein entlang von Leistungskriterien zu verteilen, weswegen ich etwa für ein bedingungsloses Grundeinkommen bin. Aber dafür brauche ich die Denkfigur „Gott“ nicht unbedingt (was ich allerdings hin und wieder mache, ist, Argumente wie das von den Arbeitern im Weinberg in Diskussionen mit „Leistungsfetischisten“ anzubringen, die von sich selbst sagen, wie wären Christ_innen).
Überhaupt finde ich – und eure Kommentare haben mich in dieser Ansicht bestärkt – dass die entscheidenden Wertedebatten und -kontroversen heute nicht entlang der Frage verlaufen, ob Menschen das Wort „Gott“ benutzen, um bestimmte Phänomene des Lebens zu beschreiben, sondern entlang ganz anderer Kontroversen (Umgang mit sozialer Ungleichheit, Anerkennung weiblicher Freiheit, Wertschätzung von Pluralität usw.). Weshalb ich auch den Ärger gut verstehen kann, wenn behauptet wird, außerhalb von Religion gäbe es keine Moral und Ethik. Das ist natürlich falsch, logisch wie empirisch.
Für mich selbst kann ich das Wort „Gott“ jedoch weiterhin gut gebrauchen. Eine jüngst erlebte Geschichte dazu: Ich war im Urlaub, und bei der Abreise aus einer Pension, in der es mir gut gefallen hat, verabschiedete ich mich von der Köchin, indem ich zu ihr sagte: „Ich komme sicher nochmal wieder her.“ Woraufhin sie mir entgegnete: „So Gott will“. Und da war ich tatsächlich ein bisschen beschämt, weil meine Behauptung ohne einen Zusatz dieser Art natürlich leicht größenwahnsinnig gewesen war. Ich kann ja nicht wissen, ob ich nochmal wieder komme, denn das hängt nicht nur von mir ab, sondern von allem Möglichen, worauf ich keinerlei Einfluss habe. Ich fand es gut, dass sie mich darauf hingewiesen hat (und damit vielleicht auch darauf, dass ich selbst schon eine halbe Atheistin geworden bin).
Natürlich ist dieser „Gott“, der eventuell verhindert (oder es ermöglicht?), dass ich noch einmal in diese Pension fahre, kein Oberzampano, der das nach irgendwelchen mysteriösen Prinzipien entscheidet, sondern jeder einzelne dieser eventuellen Hinderungsgründe wird irgendwas innerweltlich vollkommen Logisches sein. Aber ich finde es durchaus praktisch, dieses „große Umunsherum“ (das ist ein Ausdruck von Ina Praetorius), worauf ich keinen Einfluss habe, das aber mein Leben und seine Entwicklungen prägt und beeinflusst, einfach „Gott“ zu nennen. Ich sehe darin nichts Einhorn- oder Elfenmäßiges.
Dieses Wissen und die Berücksichtigung des Faktes, dass nicht alles von uns selbst abhängt, sondern dass wir mit allem, was wir tun, eingespannt sind in ein Geflecht von allem Möglichen – dem, was andere Menschen machen, dem Zufall, guten oder schlechten Gelegenheiten, Glück und Pech, Trallala und so weiter – das ist mir allerdings in der Tat auch gesamtgesellschaftlich wichtig und erscheint mir momentan kulturell etwas unterentwickelt zu sein.
Es wird doch ziemlich oft so getan, als könnte man Sachen „im Griff haben“, es werden „sichere Lösungen“ angeboten für Sachen, für die es rational betrachtet keine sicheren Lösungen geben kann. Jüngstes Negativbeispiel ist ein Plakat der Deutschen Krebshilfe, auf dem ein kleiner Junge zu sehen ist mit dem Spruch „Jan, 8, hat erfolgreich seine Leukämie bekämpft.“ Ich frage mich, wie so ein Bild auf Menschen wirkt, denen es nicht gelingt, ihre Krankheit „erfolgreich zu bekämpfen“, oder auf Eltern, deren Kinder an Leukämie gestorben sind. Hätten die sich nur ein bisschen mehr anstrengen müssen? So ein altmodischer Zusatz wie „mit Gottes Hilfe“ würde mir da ganz gut gefallen.
Oder wie auch immer wir das heute ausdrücken wollen würden, wenn uns das G-Wort nicht mehr brauchbar erscheint.
Was meinst du?