Markt und Staat reichen nicht für gutes Wirtschaften

Steile These: M

Steile These: Mit einem Grundeinkommen gäbe es mehr öffentliche Toiletten. Foto: Flickr.com/buck82 cc-by-nc

Anknüpfend an die Debatten über ein Bedingungsloses Grundeinkommen, die sich in den Kommentaren zu meinem neulichen Blogpost entsponnen, kam gerade ein neuer Text der Grundeinkommens-Gegnerin Friederike Spiecker herein. Sie problematisiert darin, dass bei einem Grundeinkommen wahrscheinlich zahlreiche Arbeiten nicht mehr über den Markt oder den Staat vermittelt würden. Interessant fand ich zunächst mal diesen Absatz:

Den Geg­nern des Grund­ein­kom­mens wird meist unter­stellt, sie gin­gen davon aus, dass Men­schen in der Regel faul seien und nicht frei­wil­lig arbei­ten wür­den und daher ein Grund­ein­kom­mens­sys­tem nicht funk­tio­nie­ren könne, weil die (trotz­dem) Arbei­ten­den auf Dauer nicht bereit seien, andere mit durch­zu­zie­hen, wenn die im Prin­zip arbei­ten könn­ten. Das ist aber kei­nes­falls der Kern unse­rer Kri­tik am Grund­ein­kom­men, son­dern nur ein Neben­as­pekt.

Bilde ich mir das ein, oder hat hier bereits ein Umdenken stattgefunden? Wenn ich an die Debatten denke, die vor einigen Jahren zu dem Thema geführt wurden, dann war eigentlich immer die Befürchtung, Menschen mit einem Grundeinkommen würden eher nichts mehr arbeiten, im Vordergrund. Friederike Spiecker schreibt weiter:

Auch die Geg­ner des Grund­ein­kom­mens kön­nen sich gut vor­stel­len, dass die meis­ten Emp­fän­ger von Grund­ein­kom­men, die nichts oder nur sehr wenig zu dem Trans­fer hin­zu­ver­die­nen wür­den, trotz­dem Arbeit leis­ten, eben unent­gelt­li­che. Das heißt, sie leis­ten etwas, was sie an kei­nem Markt abset­zen könn­ten, was aber ihrer eige­nen Ansicht nach gebraucht wird.

Und genau das ist der Kri­tik­punkt: Wenn es keine oder keine genü­gende Markt­nach­frage gibt für bestimmte Tätig­kei­ten, dann müsste eigent­lich die Gesell­schaft (z.B. durch ihre gewähl­ten Volks­ver­tre­ter) dar­über ent­schei­den, ob und wie viel sie von die­sen Tätig­kei­ten den­noch nach­fra­gen und ent­spre­chend mit Ein­kom­men ent­loh­nen möchte. Im Fall von Grund­ein­kom­men wird die Gesell­schaft aber gar nicht mehr im ein­zel­nen gefragt, was sie für nach­fra­gens­wert hält, son­dern der ein­zelne Grund­ein­kom­mens­be­zie­her ent­schei­det selbst, was er für nütz­lich hält und bekommt ganz auto­ma­tisch einen Lohn dafür, näm­lich das Grundeinkommen.

Der Einwand ist durchaus interessant, aber er zeigt gerade die Vorteile des Grundeinkommens. Mal ganz abgesehen davon, dass manche Menschen vielleicht auch deshalb unbezahlt arbeiten würden, weil sie das, was sie tun nicht am Markt absetzen wollen (obwohl sie es vielleicht könnten), werden hier genau zwei Möglichkeiten fixiert, wie sich die Notwendigkeit einer Arbeit (und damit ihr Anspruch auf Bezahlung) feststellen lässt: der Markt oder der Staat.

Aber beides hat eben so seine Nachteile. Der Markt ist nicht in der Lage, bestimmte notwendige Arbeiten sicherzustellen, zum Bespiel gibt es keine betriebswirtschaftlichen Gründe dafür, alte Menschen zu pflegen, außer es sind sehr wohlhabende Menschen, die sich gute Pflege „leisten“ können. Generell verzerrt der Markt das Angebot dessen, was gearbeitet wird, auf eine bestimmte Art und Weise: Wer viel Geld hat, kann mehr darüber bestimmen, was getan wird, als wer wenig oder kein Geld hat. Deshalb bringt der Markt Luxusjachten hervor, aber nicht Toiletten auf kleinen Bahnhöfen.

Nun könnte man sagen: Das soll dann eben der Staat vorgeben, allein, so wirklich gut funktioniert das in der Praxis auch nicht. Das wissen wir einerseits aus den Erfahrungen mit Planwirtschaften, andererseits aber kommen hier auch parlamentarische Verfahrensweisen an ihre Grenzen. Zum Beispiel wissen alle, dass die hunderte verschiedener Maßnahmen zur Kinder- und Familienförderung, die wir in Deutschland momentan haben, ganz und gar unsinnig sind, dass sie sich gegenseitig sogar widersprechen und aufheben. Aber es ist dem Parlament schier unmöglich, das sinnvoll neu zu ordnen: Gerade weil Regierungen wiedergewählt werden müssen, haben sie große Schwierigkeiten damit, unsinnige und nutzlose Begünstigungen zu streichen, wenn sie erst einmal da sind (siehe Ehegattensplitting).

Beim Grundeinkommen ginge es ja nicht darum, Markt und Staat völlig abzuschaffen, sondern es käme lediglich ein drittes Element hinzu. Es wäre sozusagen ein weiteres Spielbein neben diesen beiden Säulen, und wer weiß, vielleicht betrieben dann mehr Leute aus reiner Menschenfreude Toiletten an kleinen Bahnhöfen (was übrigens kein Witz ist: Eine solche aus Privatinitiative entstandene Toilette, die zwar Geld kostet, aber sich garantiert nicht betriebswirtschaftlich rechnet, hat mir kürzlich am Bahnhof von Kaub am Rhein eine sehr dringende Erleichterung verschafft).

Was mich in dem Zusammenhang übrigens immer unglaublich nervt, ist das Beispiel vom Künstler, der Bilder malt, die kein Mensch kaufen will, und das auch in dem Text von Friederike Spiecker wieder mal nicht fehlt.

Es kommt in die­sem Zusam­men­hang nicht dar­auf an, dass die Menge der ins­ge­samt in der Gesell­schaft her­ge­stell­ten Güter und Dienst­leis­tun­gen even­tu­ell nicht zurück­geht dank vie­ler außer­halb von Märk­ten erle­dig­ter Tätig­kei­ten. Son­dern es kommt dar­auf an, dass die Menge der besteu­er­ba­ren Güter und Dienst­leis­tun­gen (bzw. der für sie ein­ge­setz­ten Arbeit) zurück­geht. Denn alles außer­halb von Märk­ten Bereit­ge­stellte kann der Staat nicht fair besteu­ern, weil es keine mone­täre Bewer­tung dafür gibt. Wie­viel Steu­ern sollte der Staat z.B. für das Bild eines Malers kas­sie­ren, das der an irgend­je­man­den ver­schenkt oder bei sich zu Hause aus­stellt? Solange das Bild kei­nen Käu­fer fin­det, kann der Staat dar­auf bzw. auf die Arbeit des Malers keine Steu­ern erhe­ben. Das gilt natür­lich auch für alle Arbei­ten, die jemand für sich selbst erle­digt, die sozu­sa­gen weg von der Arbeits­tei­lung und hin in Rich­tung Aut­ar­kie gehen. Lasse ich meine Woh­nung put­zen und bezahle dafür, kann der Staat diese Akti­vi­tät besteu­ern. Mache ich selbst sau­ber, kann der Staat meine Arbeit nicht besteuern.

Das erinnerte mich an einen Vortrag, den ich mal hörte von einer Ökonomin (leider erinnere ich mich gerade nicht an den Namen), die vorrechnete, dass deutsche Frauen, weil sie partout nicht Vollzeit arbeiten wollen und sich stattdessen selbst um Haushalt, Kinder und Alte kümmern, dem Staat mutwillig Steuereinnahmen und Sozialabgaben vorenthalten. Haha. Hausfrauen als passionierte Steuerhinterzieherinnen, das finde ich geradezu mal lustig.

An einem Punkt hat Friederike Spiecker aber recht: Was die Sozialsysteme betrifft, so müssen wir deutlich wegkommen von der Fixierung auf die Erwerbsarbeit – denn, ja: Vermutlich geht die Gesamtsumme der geleisteten Erwerbsarbeitsstunden mit einem Grundeinkommen zurück, und entsprechend auch die dadurch zu generierenden Einkommenssteuern.

Mit den Konsumsteuern sieht es schon etwas anders aus, denn auch die Grundeinkommen würden ja wieder in den Konsum fließen – und sie hätten den positiven Impuls für den Markt, dass mehr Leute darüber mitbestimmen könnten, was „der Markt“ an Produkten und Dienstleistungen hervorbringt. Aber es stimmt, dass das auch nicht ausreicht.

Zusätzlich brauchen wir deshalb weitere Einkommensquellen, die von der Erwerbsarbeit unabhängig sind, und es ist ja nicht so, dass es da nicht die ein oder andere Idee gäbe: Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer (ich bin dafür, das Erbrecht ganz abzuschaffen, wie es schon die Anarchisten im 19. Jahrhundert forderten), Kapitalertragssteuer, Finanztransaktionssteuer.

Ein vorletzter Punkt: Wenn wir einen Teil unseres Wohlstands nicht mehr über den Markt oder durch staatliche Subventionen erwirtschaften, sondern durch direkten Tausch, Kooperation, Eigenarbeit, wenn wir also Teile unserer Wirtschaft dem Geldsystem entziehen, dann würde das unterm Strich natürlich auch bedeuten, dass wir weniger Geld zum Leben brauchen: Wenn ich meine Wohnung selber putze, muss ich logischerweise das Geld, was eine Putzfrau kosten würde, gar nicht erst verdienen (oder über ein Grundeinkommen beziehen).

Das wirft allerdings noch einen letzten Punkt auf: Auch dieses System birgt Potenzial für Ungerechtigkeit in sich. Einmal die Gefahr der geschlechterspezifischen Arbeitsteilung, die ich hier im Blog ja schon öfter angesprochen habe (hier und hier zum Beispiel). Zum zweiten aber die Gefahr, dass hier natürlich auch wiederum diejenigen bevorteilt sind, die über die Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Eigenarbeit verfügen. Nicht jede kann putzen, manche sind zu krank oder zu alt dazu.

Mein Vorschlag ist, dass wir hier eine Kultur brauchen, die Tätigsein wieder in Zusammenhang mit Notwendigkeit bringt. Also dass bei der Frage, was wir arbeiten, nicht mehr nur zählt: Wofür gibt es Geld? oder Was macht mir Spaß? sondern auch: Was ist notwendig?

Genauer ausgeführt habe ich das in einem Beitrag zu diesem neuen Buch über das Grundeinkommen, das allerdings noch nicht erschienen ist, aber noch diesen Sommer kommen soll.

Frauenbratwurst, Männerbratwurst: OMG, Edeka!

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Bei Edeka gibt es neuerdings (Update: schon seit letztem Jahr) „Frauenbratwurst“ und „Männerbratwurst“, und weil das so bescheuert ist, hat Susanne Enz an die Verantwortlichen dort einen Brief geschrieben.

Weil sie darin sehr gut argumentativ begründet, was genau an der derzeitigen grassierenden Mode, die ganze Welt in „weibliche“ und „männliche“ Bestandteile zu sortieren, so problematisch ist, veröffentliche ich diesen Brief – mit ihrer Erlaubnis – auch hier im Blog.

Falls jemand sich fragen mag, warum ich als „Differenzfeministin“ solche Art von Marketing überhaupt problematisch finde, denn schließlich bin ich doch ein Fan der Differenz, so antworte ich: eben deshalb. Ich will die realen, konkreten Unterschiede, die sich zwischen Frauen und Männern zeigen, zum Gegenstand politischer Konflikte machen. Meiner Ansicht nach ist die Dynamik der Geschlechterdifferenz etwas sehr Fruchtbares. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir das Reale an diesen Differenzen sehen (oder uns zumindest darum bemühen, hundertprozentig ist das vermutlich nicht möglich) und nicht überall willentlich Schein-Differenzen herbeikonstruieren, die dann nämlich genau dies immer schwieriger machen.

So, und hier ist der Brief von Susanne Enz:

Sehr geehrter Herr Ehret,
sehr geehrter Herr Poell,
sehr geehrter Herr Sebastian,
sehr geehrter Herr Mosa,
sehr geehrte Damen und Herren,

in mehreren Prospekten der Edeka-Gruppe sowie auf rasting.de werden derzeit die Produkte „Männer-Bratwurst“ und „Frauen-Bratwurst“ der Edeka-eigenen Fleischerei Rasting beworben. (Siehe Foto im Anhang). Die Wurst, die Männer ansprechen soll, wird mit Adjektiven zu ihrem Geschmack beschrieben („deftig, kräftig gewürzt“), die „Frauen-Bratwurst“ mit einem Hinweis auf den Fettgehalt („besonders mager“). Die Packung der „Männer-Bratwurst“ hat doppelt so viel Inhalt wie die der „Frauen-Brawurst“.

Sehr offen zeigt sich darin zunächst ein dumpfer Sexismus.
Männer essen viel und herzhaft, während Frauen vor allem dünn sein wollen –  diese Annahmen über geschlechtsspezifische Eigenarten klingen durch.
Männer sind so, Frauen sind anders. Unterschiede sind in Stein gemeißelt.
Frauen sollen gefallen, Männer dürfen genießen.
Eine hierarchische Rollenverteilung zugunsten der Männer ist darin deutlich eingeschrieben.
So weit, so äußerst unerfreulich.

Fraglich ist darüber hinaus aber, warum in aller Welt überhaupt das Geschlecht beim Essen eine thematische Rolle spielen soll.
Ich nehme mal an, dass Sie die Produkte am Ergebnis irgendeiner Marktforschung ausgerichtet haben, die unterschiedliche Bratwurst-Vorlieben bei Frauen und Männern ergeben hat. Selbstverständlich sind Sie bemüht, mit Ihrem Sortiment die breitesten Geschmäcker zu treffen. Dass Sie deshalb zwei unterschiedliche Produkte kreieren, von denen Sie sich jeweils große Resonanz bei einem der Geschlechter versprechen, verstehe ich. Aber warum müssen Sie die auch geschlechterspezifisch benennen?

Denn wenn Frauen magere Wurst mit Gemüsefüllung tatsächlich so gern mögen, dann werden sie sie auch kaufen, wenn sie nicht als „für Frauen“ gekennzeichnet ist. Durch die geschlechtsbezogene Bennennung aber agieren Sie normativ: Sie bestimmen, dass diese Wurst zu mögen, mithin auch magere Produkte zu bevorzugen, ein Zeichen von Frausein ist. Frauen mögen diese Wurst. Weil Frauen ja dünn sein wollen. Frauen sind so.

Wenn eine Frau nun lieber die „Männer-Bratwurst“ mag, dann kann sie die natürlich essen. Aber damit wird ihre simple Grill-Mahlzeit zum Überschreiten einer – von Ihnen willkürlich gezogenen – Grenze ihrer Geschlechterrolle. Die Frau muss sich plötzlich zu ihrem Frausein verhalten, nur weil sie kräftig gewürzte Wurst mag. Sie tut etwas, dass „Frauen eigentlich nicht tun“. Ihre Produktbenennung setzt eine – vollkommen sinnlose – Norm, gegen die eine Frau verstößt, die den Fettgehalt von Speisen nicht zum primären Auswahlkriterium für ihre Ernährung macht.
Ebenso übrigens wird dank Ihrer Namenswahl auch für jeden Mann sein Mannsein zum Thema, der lieber die „eigentlich für Frauen gedachte“ magere Wurst mit Gemüsefüllung mag. Er verhält sich dann nicht „richtig“ im Sinne der von Ihnen willkürlich gesetzten Norm für Mannsein – in der Logik der oben erwähnten Hierarchie ist dieser Schritt hin zur „Frauenrolle“ für ihn ein Abstieg. Und Ihre provokative Benennung lädt die fröhliche Runde jeder Grillparty ein, solche Grenzüberschreitungen auch ausdrücklich zu thematisieren.

Natürlich geht davon das Abendland nicht unter, es ist ja nur Bratwurst. Natürlich kann man damit spielerisch umgehen, und vermutlich werden die meisten Wurstkäufer das auch tun. Aber Ihre Namenswahl und die begleitenden Werbetexte bleiben dennoch Ausdruck und Beförderer eines – bestenfalls gedankenlosen – normativen Sexismus, der jedem Geschlecht eine „richtige“ Rolle zuweist, Hierarchie inklusive. Und der prägt auch im kleinen, scheinbar belanglos-spielerischen Rahmen die Wahrnehmung der Menschen und steht der Gleichberechtigung der Geschlechter hartnäckig und nachhaltig im Weg.

Eine Frage habe ich zum Schluss: Warum ist eigentlich die „Frauen-Bratwurst“ pro Kilogramm 2,02 Euro teurer als die „Männer-Bratwurst“?

Ich freue mich auf Ihre Antwort und habe mir die Freiheit genommen, diese Mail in Kopie auch an einige weitere, an dem Thema möglicherweise interessierte Empfänger_innen zu senden.

Mit freundlichen Grüßen
Susanne Enz

Zwischenzeitlich hat Susanne auch bereits zwei Antworten bekommen.

Ein Verantwortlicher von Rasting dankt ihr für ihre „Informationen“ und will „auf das, was ich verstanden habe“ , gerne antworten. Das ist aber lediglich die Frage nach dem Preisunterschied: In der Frauen-Bratwurst sei mehr besonders mageres Fleisch, außerdem hochwertiges Gemüse, und das Ganze sei in einen besonders zarten Saitling eingepackt, was die Herstellung dieser Wurst teurer mache als die der Männer-Bratwurst.

Edeka schreibt, das Anliegen sei nun an den „zuständigen regionalen Ansprechpartner weitergeleitet“. Vielleicht gibt es ja dann von dort noch eine Antwort, ich bin gespannt.

Update (29.6.2013):

Der Vollständigkeit halber sammle ich hier mal die Links zu Medien, die das Thema aufgegriffen haben, von denen es aber, da keine Blogs, keine Pingbacks gibt.

http://m.thelocal.de/society/20130627-50525.html

http://www.huffingtonpost.co.uk/2013/06/28/sexist-sausages-germany_n_3514727.html

http://www.huffingtonpost.com/2013/06/28/sexist-sausages_n_3511915.html?ir=Women

http://www.sueddeutsche.de/stil/genderspezifische-werbung-fleischgewordener-sexismus-1.1707863

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-06/frauen-bratwurst

http://www.stern.de/lifestyle/grillgut-bei-edeka-wurst-fuer-machos-wurst-fuer-tussen-2030648.html

http://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft.html?&news%5Baction%5D=detail&news%5Bid%5D=6799

http://www.dailymail.co.uk/news/article-2349806/Fury-German-supermarkets-Sexist-sausages.html

http://www.inquisitr.com/819046/sexist-sausages/

http://sausagefans.co.uk/sexist-sausages-german-supermarket-chain-sells-male-and-female-bratwurst/

http://www.thepostonline.nl/2013/06/27/braadworst-nu-ook-al-seksistisch/

http://www.repubblica.it/esteri/2013/06/29/foto/germania_la_salsiccia_sessista_bufera_sul_supermercato-62057125/1/?ref=twhr&utm_source=dlvr.it&utm_medium=twitter

http://hvg.hu/gasztronomia/20130628_ferfi_kolbasz_noi_kolbasz

http://www.balsas.lt/naujiena/740526/vokietijoje-pardavinejamos-desreles-skirtos-skirtingoms-lytims

http://www.npr.org/blogs/thesalt/2013/06/28/196640183/bikini-baristas-and-sexist-sausages-food-marketing-gone-wrong

http://www.supermarktblog.com/2013/07/01/die-wurstgewordene-vitamintablette-edekas-eigenmarken-aus-dem-lebensmittellabor/

http://www.bust.com/his-and-hers-sausages-are-the-wurst.html

http://weblog.medienwissenschaft.de/archives/15932

FAZlern dabei zuschauen, wie sie über das Ende des Kapitalismus diskutieren

Rainer Hank und Frank Schirrmacher beim "Bürgergespräch" in der Oper.

Rainer Hank und Frank Schirrmacher beim „Bürgergespräch“ in der Oper.

Zum Thema „Kapitalismus am Ende?“ besuchte ich gestern ein „Bürgergespräch“ in der Oper, zu dem die FAZ eingeladen hatte. Diskutiert haben Rainer Hank, Ressortleiter Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, und Frank Schirrmacher, FAZ-Herausgeber und Autor des Buches „Ego“. Ihr (ja, ich muss das so sagen) wahrhaft männlich-eloquenter Schlagabtausch war tatsächlich unterhaltsam. Wie zwei Wettstreiter um die Gunst des Publikums zelebrierten sie ihre unterschiedlichen Positionen, und hatten merklich Spaß dabei.

Hank vertrat dabei die lupenreine Position eines Kapitalismus-Fans alter Schule (Kapitalismus macht uns frei und fördert Demokratie und Wohlstand in der Welt), wobei ich bei seiner Schilderung tatsächlich nachvollziehen konnte, woher der Charme dieser Position kommt. Frei macht uns der Kapitalismus deshalb, weil durch das nutzenmaximierende Wirtschaften aller Individuen am Ende die Sicherheit für alle herauskommt, dass – wenn sie nur arbeiten – sie für sich selbst sorgen können. Niemand ist mehr auf Barmherzigkeit und Fürsorge anderer angewiesen, sondern wir können uns darauf verlassen, dass sie uns alles, was wir brauchen, verkaufen, solange wir nur den Preis dafür bezahlen können. Ich finde es nachvollziehbar, dass Menschen so etwas glauben wollen, angesichts der Unwägbarkeiten des Lebens und der prinzipiellen Bedürftigkeit aller Menschen. Hank vertrat diese Position eines sich als autonom imaginierenden Mannes, der sich einredet, er könne zur Not auch ohne das Wohlwollen und die Hilfe anderer Menschen überleben, in einer Klarheit, wie sie heutzutage nur noch selten anzutreffen ist (jedenfalls dort, wo ich mich bewege).

Es wurde völlig klar, dass es sich hierbei um einen Glauben handelt, eine Religion in gewisser Weise. Kapitalismus-Fandom ist weniger eine rationale Sichtweise als vielmehr eine Entscheidung, nämlich die, auf die heilsstiftende Funktionsweise des Marktes zu vertrauen. Und wenn was nicht funktioniert, wie es soll, ist der Staat dran schuld, der immer hineinregiert. Da es sich um eine Glaubensentscheidung handelt, ist ihr auch mit dem Verweis auf Fakten schwer beizukommen. Kein Wort fiel daher über die Grenzen des Wachstums, die Ressourcenverschwendung, die ökologischen Gefahren, und natürlich erst recht nicht über den ungeschriebenen Geschlechtervertrag, der den gesamten Care- und Fürsorgebereich in die „weibliche Sphäre“ ausgelagert hatte, die natürlich nach ganz anderen Prinzipien funktionieren sollte als der Markt. Allein schon weil dieser Geschlechtervertrag von den Frauen aufgekündigt wurde, kann das System Kapitalismus so wie bisher nicht mehr weiter bestehen.

Frank Schirrmacher hingegen trat als einer auf, der vom Glauben abgefallen ist. Er befürchtet, dass die bürgerlichen Freiheiten (Autonomie, Individualität, Freiheit, Demokratie) durch die jüngsten Entwicklungen des Kapitalismus gerade verloren gehen. Der Hauptgrund sei die Ausbreitung ökonomischer Denkweisen auf sämtliche Lebensbereiche, inklusive Literatur, Philosophie und Politik. Dies werde befördert durch Computer, Internet und Algorithmen, die immer mehr an die Stelle der Realität treten: Je mehr „Big Data“ verfügbar und auswertbar ist, desto mehr lässt sich ein Mensch durch die statistische Auswertung der über ihn verfügbaren Informationen zutreffender beschreiben als durch die direkte Analyse seiner Person. Entscheidungen werden von Algorithmen getroffen und nicht mehr von Menschen, politisches Handeln findet praktisch nicht mehr statt, die Zukunft wird nicht mehr gestaltet, sondern „ausgerechnet“.

Als Ausweg aus dem Dilemma forderte Schirrmacher ein stärkeres Handeln der Politik und verwies auf das Gewaltmonopol des Staates, das in Punkto Gesellschaftsgestaltung der Vorherrschaft des Ökonomischen entgegen treten müsse, während Hank davor warnte, den Staaten dabei zu viel zuzutrauen. Er wies darauf hin, dass die letztlich gefährlicher seien (gerade auch was die Beschneidung von Freiheiten betrifft) als große Konzerne. Allerdings zweifelte Schirrmacher selbst daran, ob „die Politik“ dazu heute überhaupt noch in der Lage wäre. Kurz gesagt: Er weiß eigentlich keinen Ausweg.

Und was meine ich von dem allen? Ich denke, dass Hank mit seiner Warnung vor dem Staat durchaus einen Punkt hat, denn wenn man die neuen Bespitzelungs-Skandale anschaut, ist ja ganz deutlich, dass das Interesse an Überwachung seitens der politisch Regierenden sehr groß ist, während Facebook, Google, Amazon und Co. immerhin nur Geld verdienen wollen. Allerdings ist es natürlich eine Illusion, zu glauben, der Staat würde, wenn er sich mit Regulierungspolitik zurück hält, für den Kapitalismus keine Rolle spielen.

Man muss doch einmal klar sehen, dass „der Kapitalismus“ sich niemals so furchterregend entwickeln könnte, wenn er nicht den Schutz des Staates genießen würde. Wohin wäre denn die Macht von Monsanto, wenn es kein Patentrecht gäbe, zum Beispiel? Wo generell die Macht der großen Konzerne, wenn der Staat nicht ihre Eigentumsrechte schützen und garantieren würde? Die Gegenüberstellung der vermeintlichen Kontrahenten „Markt“ und „Staat“ ist für sich schon eine Fiktion, und vielleicht würde es ja reichen, wenn der Staat sich etwas mehr damit zurückhielte, die Interessen „der Wirtschaft“ zu schützen und ihre Durchsetzung zu garantieren.

Ein Hauptpunkt, an dem der Staat mit seiner derzeitigen Sozialpolitik den Interessen der Wirtschaft in die Hände spielt, ist die Aufrechterhaltung des Zwangs zur Erwerbsarbeit. Einerseits verhindern Gesetze (wie zum Beispiel das Leistungsschutzrecht, aber nicht nur das) das freie Wirtschaften der Einzelnen, gleichzeitig sind alle dazu gezwungen, ihre Arbeitskraft den Unternehmen zu den allerlächerlichsten Preisen zur Verfügung zu stellen, weil soziale Absicherung nach wie vor an Erwerbsarbeit gekoppelt ist. Alle anderen Arten des Arbeitens, zum Beispiel ehrenamtliche, werden durch diesen Zwang behindert, obwohl sie das Potenzial hätten, Erhebliches zum allgemeinen Wohlstand beizutragen.

Je länger desto mehr glaube ich, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen unumgänglich ist. Nicht als Lösung aller Probleme, sondern um uns – den einzelnen Menschen wie auch der Gesellschaft insgesamt und „der Politik“, was immer genau das sein soll – die notwendige Atempause zu verschaffen, um über Auswege aus der „Krise des Kapitalismus“ ernsthaft nachzudenken und mit Alternativen zu experimentieren.

Dazu sprach ich auch vor zwei Wochen auch mit Elke Brüns, die mich für ihren sehr empfehlenswerten Blog „Gespenst der Armut“ auf ihre Besuchercouch eingeladen hat:

#Aufschrei – analog und politisch

Meine Grimme Urkunde hängt jetzt im Büro.

Meine Grimme Urkunde hängt jetzt im Büro.

Gerade habe ich mir, wie von Nicole von Horst mehrfach (zum Beispiel auch bei dieser Veranstaltung) empfohlen, meine Grimme-Urkunde zu #Aufschrei ausgedruckt und ins Büro gehängt. Der zweite Ausdruck kommt später noch zuhause in den Flur.

Die Idee ist erstens ein symbolischer Akt, um deutlich zu machen, dass hier nicht ein einzigartiges originäres Masterhirn sich in seiner Genialität die ultimative Internetkampagne ausgedacht hat, sondern dass es um ein Hasthag geht, das eben, wie es in der Natur der Sache liegt, aus einem Zusammenspiel der Vielen besteht (was die Verdienste der Initiatorinnen ja auch überhaupt nicht schmälert).

Aber zweitens ist die auf Papier ausgedruckte Grimme-Urkunde da an der Schrankwand auch sehr real vorhanden, sozusagen zum Anfassen, und gerade in ihrer Materialität bietet sie tolle Möglichkeiten: Zum Beispiel erfahren Menschen, die in mein Büro kommen, dadurch vom Grimmepreis und von #Aufschrei, und vielleicht kommen wir ins Gespräch, je nachdem über Alltagssexismus oder über das Internet oder über die Zukunft des Journalismus, und das sind ja alles drei interessante Themen.

Und wie geht es jetzt noch weiter mit Aufschrei?

Mein Eindruck ist, dass wir dringend darauf drängen sollten, die Diskussion stärker zu einer politischen zu machen. Für meinen Geschmack wird nach wie vor zu viel individualistisch darüber gesprochen: Wie kann/soll eine Frau auf Alltagssexismus reagieren? Was kann ein Mann machen, der das beobachtet? Wie können betroffene Frauen Unterstützung bekommen und wie wecken wir Sensibilität für das Thema?

Alles gute und wichtige Fragen, aber die Debatte um eine Energiewende zum Beispiel erschöpft sich ja auch nicht darin, dass wir uns gegenseitig über die Probleme austauschen, die wir dabei haben, die Heizung niedriger zu stellen.

Alltagssexismus ist nicht in erster Linie ein persönliches Problem der davon betroffenen Frauen, es ist ein gesellschaftlich-strukturelles Problem. Die „betroffenen“ Frauen haben damit sozusagen nur insofern etwas zu tun, als sie es sind, die die Gesellschaft mit Aktionen wie #Aufschrei immer wieder darauf aufmerksam machen. Aber das Problem ist nicht (in erster Linie) ihres, sondern das der Gesellschaft.

Die angemessene Reaktion der Gesellschaft wäre also, das Thema nun politisch zu debattieren, und nicht, gönnerhaft zu überlegen, wie den armen „betroffenen“ Frauen nun zu helfen wäre oder das Ganze immer noch unter „Frauenrechte“ einzusortieren, wie etwa die Zeit in ihrem Bericht über den Grimmepreis schreibt. (Über das unsägliche Wort „Frauenrechte“ habe ich hier schon mal geschimpft)

Alltagssexismus ist nicht (nur) ein individuelles oder psychologisches Thema der beteiligten Frauen und Männer, sondern ein politisches, strukturelles. Es lässt sich nicht dadurch beheben, dass Frauen sich bessere Taktiken überlegen, wie sie damit umgehen, und dass wir über die sexistisch handelnden Männer psychologisieren (A la: „Der hat sicher Minderwertigkeitskomplexe“). Es geht um soziale Codes, um Strukturen der Macht, um ein Zusammenspiel aus vielen Puzzleteilchen.

Niemand ist vom Alltagssexismus nicht betroffen. Auch deshalb finde ich analog ausgedruckte Grimmeurkunden so toll, weil sie hoffentlich Gespräche über dieses Thema anstoßen, die losgelöst sind von einem konkreten „Vorfall“. Über die Energiewende sprechen wir ja auch nicht nur, wenn wir bemerken, dass irgendwo die Heizung zu sehr aufgedreht ist.

Mehr zum Thema:

#Aufschrei hat gezeigt, wie Internet geht

Wie Lappalien relevant werden

Sichtbarkeit im Netz, nächstes Level

Letzte Woche wunderte ich mich darüber, dass mein Blogpost über das Sichdickfühlen fast keinen Traffic von Rivva bekam. Rivva ist eine Seite, bei der viel diskutierte und weiterempfohle Artikel aus dem Netz aufgelistet sind. Das geschieht automatisch, über Algorithmen. Man kann sich dort also schnell darüber informieren, was gerade so „los“ ist im Internet, und was sich vielleicht zu lesen lohnt, weil alle es gerade lesen.

Ich habe mich inzwischen darauf eingestellt, dass wenn ein Artikel hier viel kommentiert und verbreitet wird, irgendwann auch über Rivva Leute auf diesen Blog kommen. Das freut mich natürlich, denn es ist eine schöne Möglichkeit, die eigenen Themen Menschen außerhalb der eigenen Filterbubble bekannt zu machen.

Und deshalb fiel mir auf, dass es beim letzten Blogpost, obwohl er viel gelesen, kommentiert und weiterverbreitet wurde, keinen Traffic von dort gab. Hatte Rivva mich etwa vergessen? War der Algorithmus kaputt? Wurde ich etwa ZENSIERT?

Nein, bei Rivva war alles in Ordnung, wie sich schnell zeigte, der Algorithmus ist tatsächlich unbestechlich. Es gab auch ein bisschen Traffic von dort, bloß eben so wenig, dass er nicht in den Top-Ten-Referrern auftauchte und ich ihn deshalb nicht wahrgenommen hatte.

Aber interessant ist das: Offenbar waren die Leute, die Rivva als Empfehlungstool nutzen, am Thema „Körpernormen“ so uninteressiert, dass sie den Empfehlungen von Rivva an diesem Punkt nicht gefolgt sind. Darin zeigt sich eine Diskrepanz zwischen dem, was die Menschen im Internet durchschnittlich interessant finden (die dem Blogpost ja viel Resonanz bescherten) und dem, was Leser_innen von Rivva interessant finden (die ihn nicht beachteten).

Hieraus wiederum lässt sich auf eine gewisse Milieuverengung der „Netzgemeinde“ (gibt es dafür eigentlich inzwischen ein besseres Wort?) auf ihre Lieblingsthemen Technik, Internet und (Netz)politik schließen: Sie gehen nicht zu Rivva, um zu erfahren, was gerade im Internet relevant ist, sondern sie gehen zu Rivva, um zu erfahren, welche Texte zu ihren drei Lieblingsthemen gerade relevant sind.

Das ist natürlich ihr gutes Recht, aber es bedeutet auch, dass wir die Debatten, die in den vergangenen Jahren über die Sichtbarkeit feministischer Blogs und Themen im Netz geführt wurden, weitertreiben müssen.

Level 1 war sozusagen gewesen, dass „wir“ (also die feministischen Bloggerinnen, die hier mal stellvertretend stehen für alle Blogger_innen, deren Themen nicht zu den drei Lieblingsthemen der Netzgemeinde gehören) lernen sollten, uns den Logiken der Aggregations-Algorithmen anzupassen.

„Ihr seid nicht in all diesen Blogrankings drin, weil ihr falsch bloggt, weil ihr nicht aufeinander verlinkt, weil ihr euch gegenseitig nicht retweetet, likt und so weiter“, wurde uns gesagt. Und wir haben brav unsere Hausaufgaben gemacht, und zwar mit Erfolg, denn inzwischen finden sich durchaus auch Blogposts zu „unseren“ Themen in den einschlägigen Rankings.

Aber jetzt stellen wir fest, dass uns das gar nicht so sehr viel bringt in Bezug auf Traffic und Aufmerksamkeit (und das ist es doch, worum es letztlich geht): Selbst wenn wir mit „unseren“ Themen auf diesen Rankings stehen, ändert das halt wenig an der Tatsache, dass „die Leute da“ uns uninteressant finden. Was also tun?

Drei Vorschläge liegen spontan nahe:

1. Feministische Bloggerinnen sollten sich gegenseitig ruhig weiter verlinken und retweeten, wenn es sich ergibt, denn offensichtlich funktioniert es ja durchaus. Die pure Sichtbarkeit „unserer Themen“ erhöht sich, und ein bisschen Transfer-Traffic ist ja schonmal besser als gar keiner.

2. Rivva-Leser_innen könnten sich vielleicht mal überlegen, ob sie nicht auch ab und zu auf Links zu Themen klicken wollen, deren Relevanz ihnen nicht unmittelbar einleuchtet. Denn – das ist ja grade der Witz – wenn das Zeug auf Rivva steht, heißt das doch, dass andere es durchaus interessant finden. Open you horizons.

3. Leute, die Rivva bisher nicht (mehr) nutzen, könnten wiederum durchaus mal dort hingehen, denn es geht dort nicht mehr ausschließlich Tech, Internet und (Netz)politik.

Allerdings verhält es sich mit diesen Vorschlägen so ähnlich wie mit Appellen, es sollten doch mehr Frauen auf Wikipedia schreiben oder mehr Unternehmen Frauen zu Chefinnen machen: So lässt sich vielleicht die Krassheit der Situation etwas abmildern, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass das „Umgebungsdesign“ nicht für uns passt.

Deshalb hier noch zwei weitere Punkte.

4. Nicht zu viel von dem Bestehenden erwarten: Die „Internetbasiskultur“ ist (ebenso wie die „parteipolitische Basiskultur“ oder die „akademische Basiskultur“) von einer bestimmte Menschengruppe entlang ihrer Bedürfnisse entworfen worden und entsprechend nicht geeignet, um die Wünsche, Verhaltensweisen, Relevanzkriterien (und so weiter und so fort) aller Menschen abzubilden. Deswegen ist Wikipedia auch prinzipiell (also aufgrund seines Designs und seiner Struktur und nicht nur aufgrund individuellen Verhaltens dieser oder jener Menschen) nicht in der Lage, das gesamte Wissen der Menschheit abzubilden, und sind politische Parteien prinzipiell nicht in der Lage, die Politik der Frauen organisatorisch abzubilden. Und genauso ist Rivva prinzipiell nicht geeignet, die Relevanz von Themen im Internet abzubilden (und ich meine hier nur die quantitative Relevanz, von der qualitativen will ich gar nicht erst reden).

5. Das Internet nicht überschätzen: Um Aufmerksamkeit für „unsere“ Themen zu generieren, brauchen wir die „Netzgemeinde“ nicht. Wichtiger ist es, über das Netz hinaus zu wirken, so wie es zum Beispiel bei #Aufschrei gelungen ist. Die Aktion ist ja gestern mit dem Grimmepreis ausgezeichnet worden, während der männliche Teil der Netzgemeinde das Thema damals eher verschlafen hat und die Relevanz des Hashtags zunächst nicht erkannte. Von daher: Es ist ziemlich egal, ob wir Traffic von Rivva und Co. bekommen, ich behaupte, wie können ihn von anderswoher genauso, wenn nicht besser bekommen. Rund um das Internet herum gibt es nämlich noch jede Menge Neuland zu entdecken, das voller Menschen ist, die wir für unsere eigenen Netz-Themen begeistern können.

PS: Mich würde trotzdem mal das Ausmaß der Milieuverengung bei Rivva interessieren. Vielleicht liege ich mit meinen Vermutungen hier ja auch total schief. Aber das müsste sich doch relativ einfach berechnen lassen, indem man die Anzahl der Verweise (also letztlich das Rivva-Ranking selbst) in Relation setzt zur Anzahl der Klicks, die durch das Rivva-Posting generiert werden.

PPS: Zusätzlich könnte man eine Liste machen, wo die verschiedenen bei Rivva verlinkten Seiten im Spektrum angeordnet sind: Auf der einen Seite die mit sehr gutem Verweis/Klick-Verhältnis (also Artikel, die im Verhältnis zu ihrem Ranking bei Rivva sehr häufig geklickt wurden) und auf der anderen Seite die mit sehr niedrigem Verweis/Klick-Verhältnis (zu denen dann halt mein Dicksein-Blogpost gehören würde). Es wäre sicher spannend zu sehen, welche Auffälligkeiten und Themenverläufe sich dabei zeigen würden.

PPPS: Auch interessant zu wissen wäre, welchen Erfolg bestimmte Maßnahmen männlicher Blogger hatten, das Aufmerksamkeit-Ungleichgewicht abzumildern, wie zum Beispiel die 50-Prozent-Blogroll-Quote von Sascha Lobo. Bringt das den dort verlinkten Frauen auch tatsächlich mehr Aufmerksamkeit – und wie viel im Verhältnis zu den dort verlinkten Männern?

Bevor mir die Ps ausgehen, höre ich jetzt lieber mal auf 🙂

Ich finde mich auch zu dick, aber das ist mir egal.

speckollenMaike sagt auf kleinerdrei ihrer Waage Adieu, gleichzeitig wird unter #waagnis ein neues Twitter-Hashtag gestartet, damit alle sich an der Debatte beteiligen, Leah ärgert sich, weil sie vermisst, dass sich bei all dem auf längst zum Thema Gesagtes und Gedachtes bezogen wird und liefert gleich als Service auch eine Linkliste mit.

Ich selbst beobachte die Debatten über Dicksein, Lookism (also Diskriminierung aufgrund des Aussehens) und all das schon seit ich bei Twitter bin mit etwas Verwunderung, denn natürlich sind Körperformen und Schönheitsideale ein uraltes Thema des Feminismus, aber für mich persönlich war das vor dem Internet irgendwie keines.

Heute morgen hatte ich nun die Idee, dass das vielleicht damit zu tun haben könnte, dass mir nicht nur ein feministisch geschult kritisches Verhältnis zu Körpernormen nach jahrzehntelangem Training quasi in Fleisch und Blut übergegangen ist. Sondern dass vielleicht ein weiterer Grund ist, dass ich auch ein unverkrampftes Verhältnis zu der Tatsache habe, dass ich mich selbst – natürlich – zu dick finde. Ich habe sozusagen Frieden damit geschlossen, was mir wiederum den Raum verschafft, meine Aufmerksamkeit anderen Dingen zuzuwenden.

Manchmal, wenn ich mich mal wieder zu dick finde, denke ich zum Beispiel: Ha! Wenigstens etwas, das ich mit anderen Frauen gemeinsam habe. Irgendwie mache ich mich so über mein eigenes Mich-zu-dick-Finden  lustig. Ich habe also kapituliert, kämpfe nicht mehr dagegen an, ich fühle mich halt zu dick, auch wenn ich weiß, dass das totaler Blödsinn ist, aber so bin ich nun mal und so ist die Welt, in der ich lebe.

Das Fiese ist nämlich, dass eine Sache, gegen die man kämpft,  gerade deshalb, weil man dagegen kämpft, nur umso wichtiger wird. Und das ist es auch, was mir an der Aktion des Waage-Wegschmeißens ein paar Fragezeichen verursacht. Möglicherweise könnte nämlich die – völlig richtige – Kritik an Schönheitsnormen dahin umschlagen, dass Frauen sich wieder mal selber schuldig fühlen, diesmal darüber, dass sie das mit dem Sichzudickfühlen einfach nicht lassen können.

Wie gesagt, ich mache ganz gute Erfahrungen damit, mich selber gut zu finden, obwohl ich mich dauernd zu dick finde.

Allerdings weiß ich nicht, ob meine Situation mit der einer Dreißigjährigen von heute vergleichbar ist (ich werde nächstes Jahr fünfzig). Dass es da eine Generationendifferenz geben könnte, wurde mir klar, als ich vor ein, zwei Jahren mal was von irgendeiner Ernährungsberatung gelesen hatte, bei der von Eiweiß die Rede war, und ich fragte auf Twitter kurz in die Runde, ob denn in Eigelb auch Eiweiß drin sei. Eine Endzwanzigerin antwortete mir sinngemäß: Natürlich, sowas wissen junge Frauen heutzutage auswendig.

Also, als ich Endzwanzigerin war, wussten wir sowas nicht auswendig. Wir haben uns in meiner Erinnerung überhaupt sowieso nicht um unser Essen gesorgt, wir haben einfach gegessen, was es gab. Außer denen, die morgens Körner fürs Müsli einweichten. Schon damals fühlte ich mich, wie es eben so Frauenschicksal ist, zu dick (obwohl ich viel dünner war als heute), aber ich wäre nicht auf die Idee gekommen, mich deshalb genauer mit meinem Essen zu beschäftigen. Für sowas hatten wir gar keine Zeit, wir machten Politik und Revolution!

So ist das bei mir bis heute, das Michdickfühlen hat schlicht keine großartigen weiteren Konsequenzen für mein Leben. Ich habe zwar eine Waage, aber ich stelle mich ungefähr einmal im Jahr drauf. In meiner unmittelbaren Umgebung ist niemand, der es wagen würde, mir zu sagen, dass ich zu dick bin. Manchmal finde ich mich im Fitnessstudio beim Umziehen zu dick, und dann denke ich, ist doch klasse, damit gebe ich den jungen Frauen hier wenigstens ein gutes Beispiel. Aber natürlich wäre ich trotzdem lieber dünner.

Manchmal denke ich, ich könnte gesünder essen, ganz manchmal probiere ich das sogar mal für zwei, drei Tage aus, aber dann habe ich einfach keine Zeit mehr, mich damit intensiv zu befassen, weil ich soviel anderes lieber machen will. Ja, ich fühle mich dick, aber das war’s dann auch. Ich habe nicht mal Lust dazu, mich darüber zu ärgern, dass ich mich dick fühle, und schon gar nicht will ich mich anstrengen, um daran was zu ändern. Und das ist eigentlich mein größtes Erstaunen, wenn ich Texte im im Netz darüber, wie etwa den von Maike, lese: Nicht, dass so viele Frauen sich dick fühlen, sondern wie wichtig das Thema offenbar tatsächlich in ihrem Alltag ist.

Natürlich sind Auseinandersetzungen über die Funktionsweisen von Abwertung und Diskriminierung gegenüber Menschen, die aus der Körpernorm fallen, sehr wichtig. Aber ob es wirklich gut ist, dass sich jetzt jede einzelne Frau mit ihrem Sichzudickfühlen auseinandersetzt? Ich weiß nicht.

Sue Reindke hat einen interessanten Text darüber geschrieben, wie es häufig schon die kleinen Bemerkungen sind, mit denen Frauen sich gegenseitig das Leben schwer machen. Das ist es, was wir tun müssen: Solche Bemerkungen nicht mehr machen und auch nicht mehr akzeptieren, wenn sie in unserer Gegenwart gemacht werden.

Aus meiner Sicht stellt sich jedenfalls die  Frage: Ist wirklich das Sichdickfühlen als solches das Problem, oder dass das Thema im Vergleich zu anderen Dingen so eine Bedeutung im Alltag bekommt? Liegt nicht darin, dass man das dauernd reflektiert, wenn auch in kritischer Absicht, vielleicht die Gefahr, dass das Thema Körpernormen noch mehr Bedeutung bekommt? Weil man sich zwar kritisch, aber eben dennoch dauernd mit dem eigenen Körper und seinem Verhältnis zu gesellschaftlichen Blicken beschäftigt – anstatt eben mit etwas anderem?

Das sind keine rhetorischen, sondern wirkliche Fragen.

Blockupy revisited im Podcast

960218_10200113405182000_1779620688_nHeute Morgen haben Benni und ich wieder eine Folge von unserem Podcast „Besondere Umstände“ aufgenommen, und Thema war diesmal weitgehend Blockupy. Wir hatten uns ja neulich auf Twitter schon ein bisschen darüber unterhalten, ob die verhinderte erste Demo, die von der Polizei gestoppt worden war und bei der hunderte von Leuten stundenlang eingekesselt waren, nun eine „Niederlage“ für die Bewegung gewesen sei, wie Benni meinte, oder ob das eine falsche Kategorie ist. Naja, die zweite Demo wäre dann analog jedenfalls ein „Sieg“ gewesen.

Davon ausgehend sind wir ausnahmsweise mal zum Thema Unterschied zwischen Macht und Politik gekommen (Räusper, ich hoffe, ich gehe euch damit noch nicht auf den Wecker), wir haben über den Unterschied zwischen „Symbolpolitik“ und „richtiger Politik“ geredet (ich meine, den gibts nicht, Benni meint, den gibts schon), und dann auch noch ein bisschen über die Bedeutung, die Gefühle für die Politik haben.

Danach waren schon Dreiviertel unserer Zeit um (ihr wisst: Wir beschränken uns immer strikt auf eine Stunde), und wir haben dann nochmal Iain Banks gewürdigt, der Science Fiction-Autor, der vergangene Woche gestorben ist und dem unser Podcast ja seinen Namen verdankt.

Dann ging es kurz noch darum, ob es unter Umständen sinnvoll ist, andere Meinungen als “Unfug” zu bezeichnen? Wann ja? Wann nicht? Das war vor ein paar Tagen auch kurz Twittergespräch.

Und ganz zum Schluss spreche ich noch ein Thema an, das mir derzeit im Kopf rumgeht, weil ich gerade eine neue Biografie über Alexander Berkmann und Emma Goldmann lese und kürzlich Luisa Muraro ein neues Buch darüber geschrieben hat: Nämlich über Gewalt. Das Gespräch darüber wurde dann aber vom Wecker rüde unterbrochen und muss beim nächsten Mal wieder aufs Tapet.

Listen and have fun!