Ich finde mich auch zu dick, aber das ist mir egal.

speckollenMaike sagt auf kleinerdrei ihrer Waage Adieu, gleichzeitig wird unter #waagnis ein neues Twitter-Hashtag gestartet, damit alle sich an der Debatte beteiligen, Leah ärgert sich, weil sie vermisst, dass sich bei all dem auf längst zum Thema Gesagtes und Gedachtes bezogen wird und liefert gleich als Service auch eine Linkliste mit.

Ich selbst beobachte die Debatten über Dicksein, Lookism (also Diskriminierung aufgrund des Aussehens) und all das schon seit ich bei Twitter bin mit etwas Verwunderung, denn natürlich sind Körperformen und Schönheitsideale ein uraltes Thema des Feminismus, aber für mich persönlich war das vor dem Internet irgendwie keines.

Heute morgen hatte ich nun die Idee, dass das vielleicht damit zu tun haben könnte, dass mir nicht nur ein feministisch geschult kritisches Verhältnis zu Körpernormen nach jahrzehntelangem Training quasi in Fleisch und Blut übergegangen ist. Sondern dass vielleicht ein weiterer Grund ist, dass ich auch ein unverkrampftes Verhältnis zu der Tatsache habe, dass ich mich selbst – natürlich – zu dick finde. Ich habe sozusagen Frieden damit geschlossen, was mir wiederum den Raum verschafft, meine Aufmerksamkeit anderen Dingen zuzuwenden.

Manchmal, wenn ich mich mal wieder zu dick finde, denke ich zum Beispiel: Ha! Wenigstens etwas, das ich mit anderen Frauen gemeinsam habe. Irgendwie mache ich mich so über mein eigenes Mich-zu-dick-Finden  lustig. Ich habe also kapituliert, kämpfe nicht mehr dagegen an, ich fühle mich halt zu dick, auch wenn ich weiß, dass das totaler Blödsinn ist, aber so bin ich nun mal und so ist die Welt, in der ich lebe.

Das Fiese ist nämlich, dass eine Sache, gegen die man kämpft,  gerade deshalb, weil man dagegen kämpft, nur umso wichtiger wird. Und das ist es auch, was mir an der Aktion des Waage-Wegschmeißens ein paar Fragezeichen verursacht. Möglicherweise könnte nämlich die – völlig richtige – Kritik an Schönheitsnormen dahin umschlagen, dass Frauen sich wieder mal selber schuldig fühlen, diesmal darüber, dass sie das mit dem Sichzudickfühlen einfach nicht lassen können.

Wie gesagt, ich mache ganz gute Erfahrungen damit, mich selber gut zu finden, obwohl ich mich dauernd zu dick finde.

Allerdings weiß ich nicht, ob meine Situation mit der einer Dreißigjährigen von heute vergleichbar ist (ich werde nächstes Jahr fünfzig). Dass es da eine Generationendifferenz geben könnte, wurde mir klar, als ich vor ein, zwei Jahren mal was von irgendeiner Ernährungsberatung gelesen hatte, bei der von Eiweiß die Rede war, und ich fragte auf Twitter kurz in die Runde, ob denn in Eigelb auch Eiweiß drin sei. Eine Endzwanzigerin antwortete mir sinngemäß: Natürlich, sowas wissen junge Frauen heutzutage auswendig.

Also, als ich Endzwanzigerin war, wussten wir sowas nicht auswendig. Wir haben uns in meiner Erinnerung überhaupt sowieso nicht um unser Essen gesorgt, wir haben einfach gegessen, was es gab. Außer denen, die morgens Körner fürs Müsli einweichten. Schon damals fühlte ich mich, wie es eben so Frauenschicksal ist, zu dick (obwohl ich viel dünner war als heute), aber ich wäre nicht auf die Idee gekommen, mich deshalb genauer mit meinem Essen zu beschäftigen. Für sowas hatten wir gar keine Zeit, wir machten Politik und Revolution!

So ist das bei mir bis heute, das Michdickfühlen hat schlicht keine großartigen weiteren Konsequenzen für mein Leben. Ich habe zwar eine Waage, aber ich stelle mich ungefähr einmal im Jahr drauf. In meiner unmittelbaren Umgebung ist niemand, der es wagen würde, mir zu sagen, dass ich zu dick bin. Manchmal finde ich mich im Fitnessstudio beim Umziehen zu dick, und dann denke ich, ist doch klasse, damit gebe ich den jungen Frauen hier wenigstens ein gutes Beispiel. Aber natürlich wäre ich trotzdem lieber dünner.

Manchmal denke ich, ich könnte gesünder essen, ganz manchmal probiere ich das sogar mal für zwei, drei Tage aus, aber dann habe ich einfach keine Zeit mehr, mich damit intensiv zu befassen, weil ich soviel anderes lieber machen will. Ja, ich fühle mich dick, aber das war’s dann auch. Ich habe nicht mal Lust dazu, mich darüber zu ärgern, dass ich mich dick fühle, und schon gar nicht will ich mich anstrengen, um daran was zu ändern. Und das ist eigentlich mein größtes Erstaunen, wenn ich Texte im im Netz darüber, wie etwa den von Maike, lese: Nicht, dass so viele Frauen sich dick fühlen, sondern wie wichtig das Thema offenbar tatsächlich in ihrem Alltag ist.

Natürlich sind Auseinandersetzungen über die Funktionsweisen von Abwertung und Diskriminierung gegenüber Menschen, die aus der Körpernorm fallen, sehr wichtig. Aber ob es wirklich gut ist, dass sich jetzt jede einzelne Frau mit ihrem Sichzudickfühlen auseinandersetzt? Ich weiß nicht.

Sue Reindke hat einen interessanten Text darüber geschrieben, wie es häufig schon die kleinen Bemerkungen sind, mit denen Frauen sich gegenseitig das Leben schwer machen. Das ist es, was wir tun müssen: Solche Bemerkungen nicht mehr machen und auch nicht mehr akzeptieren, wenn sie in unserer Gegenwart gemacht werden.

Aus meiner Sicht stellt sich jedenfalls die  Frage: Ist wirklich das Sichdickfühlen als solches das Problem, oder dass das Thema im Vergleich zu anderen Dingen so eine Bedeutung im Alltag bekommt? Liegt nicht darin, dass man das dauernd reflektiert, wenn auch in kritischer Absicht, vielleicht die Gefahr, dass das Thema Körpernormen noch mehr Bedeutung bekommt? Weil man sich zwar kritisch, aber eben dennoch dauernd mit dem eigenen Körper und seinem Verhältnis zu gesellschaftlichen Blicken beschäftigt – anstatt eben mit etwas anderem?

Das sind keine rhetorischen, sondern wirkliche Fragen.

120 Gedanken zu „Ich finde mich auch zu dick, aber das ist mir egal.

  1. Ich habe mal irgendwo die These aufgeschnappt, dass Körpernormen und die damit verbundenen Verhaltensweisen und Störungen Frauen signifikant davon abhalten, die Welt mit zu gestalten. Wenn ich den Begriff von Clay Shirky „Cognitive Surplus“ aufgreife, hieße das, dass freie geistige Kapazitäten dafür verwendet werden, sich über Essen Gedanken zu machen, Kalorien auswendig zu lernen, Sportpläne zu machen oder eben zu hungern. Ich würde aus einer persönlichen Erfahrung diese These so unterstreichen, und finde es umso bemerkenswerter, was die Generation Frauen leistet, die eine Esssttörung quasi mit in die Wiege gelegt bekommen haben. Ich war selbst lange betroffen und ich habe es als „Behinderung“ wahrgenommen, die nicht nur Beziehungen belastet und meinem Körper geschadet, aber mich eben auch vom Lernen und Arbeiten in einem hohen Maß abgehalten haben. Ich bin in den 80ern geboren und in meiner Schulzeit waren etwa 70 Prozent der Mädchen in meinem Jahrgang von sichtbaren Essstörungen betroffen, heute habe ich keine enge Freundin, die nicht mehrere Jahre in ihrem Leben eine behandlungsbedürftige Essstörung gehabt hat, die zum Teil Brüche im Lebenslauf hervorgerufen hat.
    Von daher würde ich formulieren: Die Strukturen, die dazu führen, dass Frauen ihre Körper schwächen und geistige Ressourcen übermäßig für Körperbilder aufwenden, tragen dazu bei, dass die weibliche Freiheit und Geschlechtergerechtigkeit noch ein ganzes Stück entfernt sind.

  2. Doch, die Auseinandersetzung damit ist äußerst wichtig, weil gerade die letzten Jahre für Frauen speziell U30 ein ungeheurer Druck aufgebaut wurde, der überhaupt keine Grundlage mehr hat und nur noch dazu dient, dass Frauen medial terrorisiert werden und sich selbst terrorisieren. Ich bekomme das wirklich dauernd mit, auch wie in der U-Bahn völlig normale Frauen „fett“ genannt werden usw., das kann nicht so stehen bleiben. Die Auseinandersetzung damit ist vielmehr Teil des aktuellen Feminismus.

  3. „Für sowas hatten wir gar keine Zeit, wir machten Politik und Revolution!“ – Na, das mit der Revolution hat ja ganz toll geklappt … Aber ernsthaft: Schöner, kluger Text. Und, ja, vielleicht gibt es da wirklich einen Generationenbruch, über den man noch einmal gesondert nachdenken sollte. Womöglich hat der auch wieder mit Politik zu tun.

  4. Ich frage mich das auch schon länger. Ich habe kein Problem damit, wie andere Leute aussehen, es ist mir schlicht egal. Und ich finde das Medienbild problematisch, das an jeder Ecke suggeriert, wie man auszusehen hätte, erst recht, wenn man weiß, wie viel daran mit Photoshop rumgedoktort wird.

    Ich möchte nicht dauernd irgendwas von Diäten erzählt bekommen. Gleichzeitig möchte ich aber selbst entscheiden können, ob ich möglicherweise abnehmen möchte oder eben nicht. Ich möchte mich zu dick fühlen dürfen, ohne dass mir jemand einen Vorwurf daraus machen kann und mir sagt, dass ich mich nicht zu dick zu fühlen habe. Ob ich jetzt weniger oder gesünder esse, um vielleicht ein bisschen weniger zu wiegen, ist meine Sache, und solange ich dabei kein weltfremdes Schönheitsbild predige oder anderen Leuten erzähle, was sie zu tun hätten, muss das auch in Ordnung sein.

    Das ist ein bisschen so, als würden wir uns verbieten, uns die Haare zu färben, weil man doch gefälligst seine Haarfarbe so gut zu finden hätte, wie sie ist und die grauen Haare zu akzeptieren hätten.

    Im Endeffekt habe ich dann gleich zwei Mal ein schlechtes Gefühl. Einmal, weil ich mich zu dick fühle und dann noch, weil ich denke, ich dürfe mich nicht zu dick fühlen.

    Statt dessen sage ich: Ja, manchmal denke ich, ich bin zu dick und dann denke ich, dass das aber gar nicht so schlimm ist. Und dann ist gut.

  5. @ennomane @tessa – Einverstanden, aber mein Post bezog sich ja auf die Frage, wie man mit dem Thema umgeht. Jede Frau, die ihre Waage wegschmeißt – Applaus. Aber kein Appell an Frauen, ihre Waage wegzuschmeißen, solange die Verhältnisse nicht so sind, dass Gewicht eben nicht egal egal geworden ist. Also kurz zusammengefasst: Auf der politische Ebene feministische Kritik an Körpernormen, Lookism und so weiter, auf der individuellen Ebene aber gerade nicht, sondern Suchen und Finden von anderen Themenbereichen, die aufgrund ihrer Attraktivität die Aufmerksamkeit vom Körperthema wegziehen.

  6. Hallo,
    ich finde die Fragen gut und berechtigt- aber auch ein bisschen…[Bewertung zum Selbstaussuchen] … Es klingt nach: „Habt ihr nichts Besseres zu tun?“ oder auch: „Habt ihr so viel Zeit übrig, dass ihr euch das auch noch aufbinden müsst/ könnt/ wollt?“
    So wie ich manche der Texte verstanden und aufgenommen habe, liegt aber ein zum Teil enormer Leidendruck hinter. So sehe ich das regelmäßige Aufkommen der Themen „Körpernorm“,“dick vs. dünn“ und „Ich selbst entscheiden, wie ich mich finde“, immer eher als Versuch etwas aufzugreifen, das weh tut. Ein Bearbeitungsversuch. Vielleicht in Richtung: Ich will mich gut in meinem Körper fühlen- aber nicht weil mir die Normen oder die Ordnung in „dick“ und „dünn“ egal sind, sondern weil ich mich einfach gut fühlen will. Einfach so.

    Ich leide und lebe seit über 13 Jahren mit meiner Essstörung und meiner verqueren Körperwahrnehmung. Da geht es nicht um die Waage oder die Körpernorm, sondern um mich im Ganzen.
    Und natürlich kann ich auch losziehen und Revolution machen, das kann ich alles- auch mit dem negativen Grundgefühl. Aber die Selbstakzeptanz fehlt und wird von außen immer wieder untergraben, wenn sie sich gerade ein bisschen aufgebaut hat. Sowas tut weh. Echt 😉
    Und so ist die Auseinandersetzung damit einfach immer da.
    NIemand würde einen einwachsenden Fußnagel auf Dauer ignorieren können- auch wenn er gerade Schilder schwenkend demonstrieren geht oder wer weiß wieviel Bürokram erledigen muss.

    Viele Grüße

  7. @ C.Rosenblatt – Ich wollte das Problem mit den Ess-Störungen ja auch nicht kleinreden, sondern darauf hinweisen, dass zu viel Beschäftigung mit dem Problem vielleicht gerade nicht zur Lösung beiträgt. Dass die Dinge, die ich schreibe, leicht moralisch misszuverstehen sind, ist mir bewusst, aber mir ist noch nichts Gescheites eingefallen, wie ich das vermeiden kann. Also natürlich wollte ich nicht an Leute mit Essstörungen appellieren: Macht doch lieber Revolution! Sondern die Frage, die mich beschäftigt ist, ob man was dagegen unternehmen kann, dass das Thema „Ich fühle mich dick“ so eine große Bedeutung annimmt. Meine Vermutung ist, diese Bedeutung wird nicht kleiner, wenn Frauen jetzt auch noch damit beschäftigt sind, sich nicht mehr Dickfühlen zu sollen. Mein Vorschlag war, zu überlegen, ob es vielleicht hilft, das Thema einfach mal „neben“ sich liegen zu lassen und stattdessen anderen Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, die man gern macht und die einer wichtig sind.

  8. Ja, so habe ich das auch verstanden- deshalb die Methaper mit dem Zehnagel: Den kann man eben leider nicht neben sich legen, bevor er nicht verarztet ist.
    So denke ich wäre es vielleicht hilfeich erst einmal zu schauen, wie es Usus sein kann, einander die Zehennägel zu verarzten und passenderes Schuhwerk zu finden 😉
    Für mich persönlich zum Beispiel ist diese „Fatacceptance“ noch gar nicht möglich- ein Schuh der mir nicht passt, genauso wenig wie Pro-Ana und Consorten.
    Will meinen: obwohl schon viel dazu gebracht wurde und das „Endziel“ eigentlich ein anderes ist- nämlich das, was du vorschlägst, ist es einfach noch nicht genug, denke ich.

    Viele Grüße

  9. Sie apellieren also dafür, auf persönlicher Ebene gegenüber der empfundenen Unzulänglichkeit gleichgültig, aber ohne zugleich auch gegenüber deren gesellschaftlichen Ursachen politisch indifferent zu werden. Ich kann mir vorstellen, dass es eine ganz schöne psychologische Herausforderung ist, beides zusammenzubringen. Ob das möglich ist, hängt vermutlich vom individuellen Leidungsdruck ab.

  10. „Wir waren früher mit Rebellion beschäftigt, wir hatten keine Zeit für so oberflächliches Zeug.“

    So kann man das natürlich auch sehen. Aber dadurch, dass man selber kein Problem mit einem Thema hat, geht das Thema ja nicht weg. Ich fühle mich auch gar nicht diskriminiert aufgrund meines Geschlechts, aber ich weiß, dass es vorkommt – und dass es ein wichtiges Thema ist.

  11. @diandralinnemann – Hab ich gesagt, dass ich das Problem nicht habe? Hab ich gesagt, dass das Thema unwichtig ist? Ich gelte als zu dick und ich fühle mich zu dick, darum geht es ja in meinem Blogpost. Ich will mir nur keinen Stress damit machen, dass ich mich jetzt nicht mehr dick fühlen dürfen soll.

    Das Thema „Kritik an Körpernormen“ ist wichtig, aber das Problem dieses Problems besteht ja gerade darin, dass die einzelnen Frauen durch diese Normen dazu angehalten werden, dauernd über ihren Körper nachzudenken. Das heißt, gerade weil ich Wichtigkeit dieser Konditionierung als politisches Problem sehe, schlage ich vor, dem Thema Körper im persönlichen Alltag möglichst wenig Wichtigkeit zuzumessen, und ich verweise auf die Gefahr, dass auch das Wegschmeißen der Waage UNTER UMSTÄNDEN mehr Aufmerksamkeit bindet, als sich quasi nebenher immer mal zu dick zu fühlen und das halt hinzunehmen.

  12. @C. Rosenblatt – Ah okay, das verstehe ich besser. Aber vielleicht hilft die Metapher dann doch: Vielleicht ist der Weg von deiner Situation (Zehennagel) hin zu dem Punkt, „Es“ auch mal ne Weile nebenhin legen zu können, einfacher als der Weg zu vollumfänglicher Fat-Acceptance? Denn, wie gesagt, Fat-Acceptance schaffe ich selber auch nicht, aber mit „Nebenhinlegen“ ist im Vergleich zum Zehennagel imho schon viel gewonnen.

  13. Ich finde diesen Text großartig und befreiend.
    Ich würde mir auch gerne keine Gedanken drüber machen, dass ich zu dick bin und was ich dagegen tun kann/soll/muss/darf. Aber das geht nicht. Nicht mit 25. Nicht, wenn man mit anderen Menschen (Frauen) täglich in Kontakt tritt (->Selbstbewusstsein, Fremdmeinungen.) Nicht, wenn man nicht total abgeschottet ist (-> Medien, Werbung.)

    Bisher habe ich gar nicht darüber nachgedacht, NICHT darüber nachzudenken. Das ist für mich gar nicht möglich. Seit ich die Welt mit meinen eigenen, offenen Augen erlebe, denke ich über (mein) Gewicht und Aussehen nach. Ich richte mich danach aus. (Eigentlich traurig.) Nun stellt sich mir aber die Frage, ob das nur von außen so kommt, oder auch von mir selbst. (Kann man heutzutage eigentlich noch von sich selbst aus Meinungen über solche Gegenstände bilden – oder ist nicht alles irgendwo schon vorgegeben bzw. schonmal dagewesen?)

    Und selbst wenn es einem -angeblich- egal ist, muss man sich ja trotzdem irgendwie damit auseinandersetzen. Das fängt beim EInkaufsbummel, bei dem man sich nach den lächerlichen Größen im Laden richten muss, an und erstreckt sich über Werbeterror bis hin zu (teils wirklich fiesen) Kommentaren und Bemerkungen anderer.

    Und wenn man einmal angefangen hat, sich über sein Aussehen (die Figur) Gedanken zu machen, dann kommt man da nie wieder -oder zumindest ganz schwer- wieder heraus.

    Dass das Thema Sichdickfühlen aber so wichtig im Alltag ist, sehe ich eher pragmatisch: Wenn man den Gedanken hat, dass man zu dick ist und etwas dagegen tun möchte (egal ob das legitim ist oder nicht), muss man daran einfach denken, um seine Selbstdisziplin zu wahren. Nicht, dass man aus Versehen Sahnetorte isst und einem später einfällt, dass man doch abnehmen wollte. 😉

  14. mh, muss die Frage nicht auch lauten zu dick zu was? also zu dick um was zu tun, bzw. was nicht zu tun? Ich bin (wirklich) dick, aber nicht zu dick zu denken, zu schreiben, lesen, guten Sex zu haben, um Fahrrad zu fahren, Sport zu treiben, mit dem Kind im Schwimmbad abzuhängen und auf die höchste Rutschbahn zu klettern. Also zu was bin ich zu dick?
    Die Gleichsetzung mit dick = schwach, unsportlich, labil ist das eine. Wenn man aber übermittelt bekommt ein ästhetisches Problem für die anderen darzustellen ist das schon härter – das zu akzeptieren ist schon schwieriger. Nie würde das jemand direkt zu mir sagen – aber das ist doch die Aussage, wenn „Normalos und Normalas“ zu mir sagen, dass sie sich nicht mehr ins Schwimmbad trauen – weil zu dick.
    Die Erfahrung dass ein dicker Körper auch Spaß machen und haben kann, ist da unglaublich viel wert – und die bekommt man nur, wenn man das zu dick sein einfach mal als gegeben akzeptiert und trotzdem tut was einem Spaß macht.
    Ich fühle mich zu dick gilt dann wirklich nur noch in Bezug auf eine Normgröße/ Ideal.
    Oft funktioniert das – nicht immer.

  15. @AntjeSchrupp:

    „Für sowas hatten wir gar keine Zeit, wir machten Politik und Revolution!“

    Das wäre dann um 1990 gewesen, mitten in der Kohl-Ära. Schade, dass man zu der Zeit von den ganzen Revolutionen eher wenig gehört hat, aber wie Du ja beim Dicksein richtig anmerkst: Hauptsache, man fühlt sich gut, sei es als Revoluzzerin oder als Dicke oder als dicke Revoluzzerin.

    Die Einbildung wird halt einfach unterschätzt!

  16. PS. Die Tatsache, dass Männer angeblich im Schnitt glücklicher als Frauen sind, wird ja auch von manchen Experten auf eine gewisse Unbelecktheit der überaus positiven Eigenwahrnehmung durch Realitäten zurückgeführt.

    Schön zu hören, dass Frauen sich da endlich annähern, anstatt ihre Zeit damit zu verschwenden, diese Eigenwahrnehmung zu Fall zu bringen ( Marke Pissnelke etc. ).

  17. Mutiger Text! Wenn das mal keine Watsche von den Feminitinnen gibt für Kleinreden und Victim-Blaiming.
    Ich fand den Text von Sue Reindke auch sehr erfrischend, denn entgegen dem meisten was im Feminismus-Kontext so durch’s Internet wabert, deckt sich das mit meinen persönlichen Erfahrung und zwar ausnahmslos mit allen Frauinnen, die mir je wichtig waren. Die härtesten Kritikerinnen sind sie selbst und Geschlechstgenossinnen und natürlich sind es vor allem Frauinnen, die die ganze Hochglanzpropaganda produzieren und konsumieren.

  18. Ich bin auch dick. Ob „zu“ kann sich ja jeder selber aussuchen. Meine Klamotten kaufe ich im Internet oder bei Ulla Popken. Es gibt schöne Sachen für große Größen, flott, locker und außergewöhnlich. Mein „großes“ rotes Abendkleid für große Auftritte kaufte ich in einem Paradies für Abendmode und Brautkleider, da findet garantiert jede Frau was passendes. Ja, ich stelle mich damit sogar vor ein Publikum, und niemand lacht mich aus. Meine ausgeprägte Mitte ist ohnehin nicht zu übersehen, aber ich betone sie auch nicht. Wer meint, mich bashen zu müssen, der soll das ruhig tun.

    Das war durchaus nicht immer so. Mein Gewicht schwankt im Laufe meines Lebens wie das Wetterbarometer. Ich weiß, wie es sich anfühlt, schlank zu sein und wie es sich anfühlt, dick zu sein. Und soll ich mal was verraten? So riesig ist der Unterschied gar nicht. Eigentlich ist gar keiner da. Ob mit viel Kilos oder mit wenig Kilos, beweglich bin ich immer noch, ich kann alles machen, was ich mir vornehme, ich bin in keiner Weise eingeschränkt. Die Einschränkung, das Defizit, das Gewichtige angeblich haben sollen, sitzt ausschließlich in Köpfen, auch natürlich im eigenen. Leider gibt es sogar Psychotherapeuten, die uns ein Defizit anhängen wollen. Bei der letzten Therapeutin, die ich aufgesucht habe, um meine traumatischen Erlebnisse nach Jobverlust, Trennung und Scheidung aufzuarbeiten, musste ich mir anhören, ich würde meine Gefühle nicht spüren wollen, die ich mit Essen einfach wegkompensiere. Ich sei doch eine sensible Frau, und dieses Gewicht passe doch gar nicht zu mir. Nach dieser (ersten und einzigen!) Sitzung fühlte ich mich den ganzen Tag bis in meine Knochen erschüttert, weil meine gesamte Persönlichkeit in Frage gestellt worden ist, und das auch noch aufgrund der Beurteilung meines Äußeren. Mein Körper signalisiert nach dieser Diagnose also nach außen: Seht her, eigentlich bin ich total schlank, aber weil ich meine Gefühle nicht spüren will, muss ich die leider mit Essen wegdrücken. Ich bin also psychisch krank, mich braucht man nicht ernst nehmen und eigentlich gehöre ich in eine geschlossene Anstalt.

    Nach ein paar Tagen ging es mir wieder gut, aber noch immer überkommt mich die Wut ob der Verantwortungslosigkeit dieser Therapeutin, der man die Zulassung entziehen sollte.

  19. Antje, das ist soweit verständlich; trotzdem ist ja unleugbar ein modisches (Schlankheits-)Ideal des Frauenkörpers omnipräsent. Manchen (wie dir) ist es möglich, das zu ignorieren, aber anderen gelingt das weniger gut.
    Es gibt auch Frauen, die mit dieser Haltung den ganzen Feminismus ablehnen oder ihm mindestens skeptisch gegenüberstehen – „was ist das Problem, ich finde, ich kann heutzutage tun und lassen was ich will“, oder bei #aufschrei sagen, „ignoriert doch einfach den Männer-Scheiß“.
    Du leugnest das Problem des Sich-zu-dick-fühlens“ nicht, aber postulierst die Ignorieren-Methode. Würdest du diese Methode dann auch für andere Probleme gutheißen? Oder betrifft das nur speziell das Sich-zu-dick-fühlen?

  20. Ich hab gerade was getweetet und finde es als Überlegung wichtig:

    »Wenn Schönheit Macht ist oder als eine Form von Kapital verstanden werden kann, wird es nur umso verständlicher wieso 1.Working Class Menschen eher Wert auf ihr Äußeres legen und 2. linke bürgerliche Frauen* es sich leisten können, es nicht so wichtig zu finden.
    D.h. die Frage ist, ob die Art wie Lookism gerade gedacht wird, per se klassistisch ist. *grübel*«

    Also auch im Hinblick darauf: Wer hat die Strategien? Wem kanns egal sein? Du sprichst von Generationenunterschieden, aber meine Tante (Working Class Türkin) ist in deinem Alter und redet nur von Abnehmen.

  21. Ich möchte dir darin zustimmen, dass die Akzeptanz für die Tatsache „sch*** Körpernormen und ich bin auch davon betroffen“ nicht so richtig da ist. Bzw. viele Feministinnen in meinem Alter (in ihren 20ern) kommen nicht auf die Idee, dass der ganze patriarchale Shit vielleicht tatsächlich so tief in uns allen sitzt, dass wir ihn nicht mal eben qua Beschluss abschaffen können. So wie es bei einer Sucht nicht reicht, zu sagen: „Ich habe erkannt und verstanden, dass ich süchtig bin, und höre jetzt damit auf“.

  22. Pingback: Lookism | Bruellmausblog

  23. @Bäumchen – Hm, die Frage ist, ob deine Tante auch in den Achtziger Jahren schon nur vom Abnehmen geredet hat, aber an dem Punkt sehe ich nicht per se einen Klassenunterschiede, denn es gibt auch sehr viele bürgerlich-weiß-deutsche Frauen meines Alters, die „nur vom Abnehmen reden“. Und ich selber komme aus keinem bürgerlichen Haushalt, sondern bin dahin quasi „aufgestiegen“. Ich denke, da spielt eher schon eine Rolle, dass ich diese ganzen feministischen Diskussionen über Körpernormen die Jahrzehnte über mitverfolgt und mitgeführt habe, was natürlich das Problem nicht löst, aber schon ziemlich viel hilft, weil man Mechanismen besser durchschaut und reflektiert, zum Beispiel die Darstellung von Frauenkörpern in den Medien.

    @Enrico – Ich habe keine Angst, von Feministinnen Victim Blaming vorgeworfen zu kriegen, weil das, was ich schreibe, keines ist. Aber das wäre mal ein anderer Blogpost.

    @Suedelbien – Ja, solche Therapeut_innen sind schrecklich. Ich könnte da auch einige Geschichten von Ärzt_innen erzählen 🙂 –

  24. Was mir im Zusammenhang mit diesem, Du mußt dünn sein und am besten immer hungern aufgefallen ist, es ist noch nicht sehr lange her da hielt mann Frauen für unfähigt zu höheren geistigen Leistung, weil sie ja ständig in Ohnmacht fielen.
    Und warum kippten dieses Frauen um? weil sie enge Korsetts trugen.
    Wenn man jetzt bedenkt wie sich ständiger Hunger auf die Denkleistungen auswirkt, kommt mir das fast geplant vor…

  25. Pingback: » wanted: fat positive debatten riotmango

  26. Ich verfolge vor allem mal wieder, wie solche Diskussionen ablaufen. Kleinerdrei postet etwas, und sofort gibt es Protest von Leuten, die sich angegriffen fühlen (nein, nicht von dir.) Anscheinend ist es für sie ein guter Schritt, die Waage loszuwerden: Er bedeutet den Abschied von einer Zwangshandlung. Vielleicht sollte dieser Schritt einfach als etwas betrachtet werden, was für sie gut ist und noch für ein paar andere Frauen, aber nicht für alle Frauen.
    Wenn Frauen nun ein Schuldbewusstsein bekommen, weil sie sich zu dick fühlen, wäre das wirklich kontraproduktiv. Aber eben auch nicht für die Maßnahmen, die sie treffen, um dem zu entkommen. Jede findet ihren Weg.

  27. Hm, Antje, Du stoesst mich ein bisschen auf etwas, worueber ich schon eine Weile unbewusst nachdenke.
    Ich fuehle mich oft zu dick. Ich habe keine Essstoerung und ich bin ueberhaupt nicht dick. Trotzdem fuehle ich mich „zu dick“. Und es kann mich richtig runterreissen und viel meiner Zeit in Anspruch nehmen, darueber nachzudenken.
    Es betrifft dann alles moegliche in meinem Leben, ich kann nur schwer Sex haben, nicht tanzen, keine huebsche Kleidung tragen, schwer daran glauben dass Menschen mich moegen. Ich mache lieber Winter- als Sommerurlaub weil ich dann keine kurze Kleidung tragen muss und staendig drueber nachdenken muss, wie andere sehen wo ich dick bin.
    Es geht also gar nicht direkt ums dick- oder duenn sein sondern um das Lebensglueck, dass ich mir enthalte wenn ich mich dick fuehle. Warum dass bei mir so absurd verknuepft ist – gute Frage, ich habe keine Ahnung – aber ich bin definitiv nicht die einzige, der das so geht.

    Lustigerweise ist dein Vorschlag, einfach etwas anderes zu machen, bisher meine einzige Loesung. Trotzdem wuerde ich mich sehr freuen, eine bessere Loesung zu finden. Ich wuerde mich viel lieber einfach moegen.

    Ich finde uebrigens nur mich zu dick, niemals andere.
    Oben hat Frieda geschrieben:
    „aber das ist doch die Aussage, wenn “Normalos und Normalas” zu mir sagen, dass sie sich nicht mehr ins Schwimmbad trauen – weil zu dick“ – So eine Aussage habe ich auch schonmal geaussert, und ich habe eingesehen, dass es verletzend ist, so etwas zu sagen. Aber ich habe in dem Moment ueberhaupt nicht daran gedacht, dass mein Gegenueber sich dadurch herabgesetzt fuehlen wuerde, ich finde es bei anderen Menschen absolut nebensaechlich wie dick sie sind, oft finde ich dickere Menschen als mich sehr huebsch. (Ich achte aber jetzt drauf, so etwas nicht mehr zu sagen).

  28. @Charlotte – Hm, das ist interessant, weil der Unterschied zwischen uns ja offenbar nicht im „Sich dick fühlen“ liegt, sondern darin, dass es bei dir solche Auswirkungen auf das gesamte Leben hat und bei mir in dem kleinen Kästchen „Sich dick fühlen“ bleibt. Ich will jetzt hier nicht rumpsycholgieren, zumal ich dich ja gar nicht kenne, aber ich habe gerade die Idee, dass das eine allgemeine Spur sein könnte und vielleicht ein Schlüssel zu dieser „Generationendifferenz“, von der ich oben sprach: Kann es sein, dass viele Menschen, vor allem jüngere, die noch im Druck stehen, „etwas werden zu müssen“, sich generell ungenügend fühlen und glauben, nicht „gut genug“ oder liebenswert zu sein, und das wird dann einfach auf das (vermeintliche) Dicksein übertragen? Also dass die vermeintliche Körpernorm eigentlich nur das Ventil für etwas ganz anderes ist? Während es bei mir (bzw. eben damals in den Achtzigern/Neunzigern) dieses Gefühl allgemeiner Ungenügendheit noch nicht so gab (das natürlich gesellschaftlich erzeugt ist, Neoliberalismus und so), und deshalb das Problem mit dem Sichdickfühlen auch keine Folie dafür werden konnte, sondern einfach nur diese eine kleine Sache blieb? Ist jetzt ein long shot, kam mir aber grade so in den Kopf.

  29. ich hab in den letzten 2 Jahren auf Grund von Antidepressiva 15 kg zugenommen. Das Schlimme ist allerdings, ich fühle mich genauso fett, ekelig, häßlich wie noch mit 28, als ich 72 kg wog, oder mit 18, als ich 55 kg wog.
    Schaue ich mir Fotos von mir als 28jährige an, denke ich: wie bescheut war ich, dass ich mich nicht schön fand…
    doch ich weiß ganz genau, dass ich, wenn ich wieder abnehme mich weiterhin zu dick finden würde…

  30. Natürlich, Antje, ist das „sich-dick-fühlen“ ein Synonym für sich generell ungenügend finden. Ich schrieb weiter oben, dass ich mich aufgrund der Bewertung meines Äußeren bei der Therapeutin in meiner ganzen Person in Frage gestellt fühlte, und genau so ist es auch gemeint. Da ich so ziemlich zu deiner Generation gehöre, Antje, kann ich sagen, dass es dieses Gefühl damals sehr wohl schon gab, aber hallo! Es ist kein Generationenproblem.

  31. Was für ein wundervoller Artikel zu diesem leidigen Thema!

    Nun: ich fühle mich NICHT MEHR ZU DICK! Ich bin 165 groß, wiege knapp 80 Kilo, trage seit ca. 5 Jahren unten rum Größe 44, oben manchmal noch 42 – und bin bald 59 Jahre alt.

    Klar weiß ich, dass ich dem Schönheitsideal nicht entspreche (das im Übrigen keinerlei Differenzierungen in Sachen Alter kennt) und sehe das auch, wenn ich mal die Gelegenheit habe, irgendwo in den Ganzkörper-Spiegel zu schauen.

    Was ich sehe, finde ich DESHALB nicht weiter schlimm, weil ich niemals irgend ein Defizit, eine schlimme Diskriminierung, ein abgelehnt- oder nicht-genügend-begehrt-werden erlebt habe. PERSÖNLICH meine ich das, nicht gesellschaftlich. Da sehe ich natürlich das zerstörerische Wirken dieses markt-getriebenen Schönheitswahns…

    und verstehe einerseits all die Mädels, die so sehr im Kampf um ihre Optik begriffen sind, andrerseits ärgere ich mich, wenn ich all das lese und möchte sie umarmen, um sie dann richtig schütteln zu dürfen: Hey, die Welt braucht DICH!!! Nicht als marktförmig gestalteten Konsum-Artikel bzw. Status-Symbol für dich potenziell begehrende Männer, sondern als kreative Mitgestalterin und Mitkämperin an den leider real existierenden „Fronten“ dieser Welt!

  32. @Suedelbien – das ist aber andersrum, was du schilderst und was ich auch kenne: Dass Bewertung des Äußeren übertragen wird oder interpretiert wird als Abwertung der ganzen Person. Meine jetztige Idee war aber, dass es heute genau andersrum sein könnte: Dass das Sich ungenügend-Finden übertragen wird auf den Körper, also das Sich-Ungenügend-Fühlen generell unter „ich bin zu dick“ verbalisiert wird.

  33. Ach so, ich begreife langsam… obwohl… ist das nicht ein und dasselbe? Vielleicht wurde ich auch erst dann dick, als ich mich insgesamt abgewertet fühlte, und damit begann ein Teufelskreis. Ich war, bevor ich zur Schule ging, spindeldürr. Erst dann fing ich an, zuzunehmen.

  34. Aus meinem obigen Kommentar ging nicht wirklich hervor, warum ich mich nicht mehr „zu dick“ fühle. Es ist nicht nur die Erfahrung der Akzeptanz meiner Person abseits des jeweiligen Bauchumfangs im Lauf des Lebens, sondern auch ein selber-erleben einer UMWERTUNG.
    Ich bin seit etlichen Jahren mit einem „wohl beleibten“ Mann zusammen, durch dessen physisches So-Sein ich endlich erkannte: die Werte des Auges (medial rund ums Schönheitsideal gesteuert) sind das eine – allerdings nur eins der fünf/sechs Sinne. Die anderen sind – speziell auch beim Sex – sehr viel RELEVANTER!

    Das nur mal so am Rande…

  35. Noch ein Hinweis: Ich fühlte ich ebenfalls, genau wie die jungen Frauen heute, früher zu dick, obwohl ich es gar nicht war. Später war ich es sehr wohl, und auch heute bin ich eher übergewichtig als untergewichtig. Es gibt doch dieses tolle geflügelte Wort (wer hat das bloß erfunden?): Ab 40 muss Frau sich entscheiden: Entweder Kuh oder Ziege. Nagut, habe ich mich eben für Kuh entschieden, was solls. Heute kann ich das gelassen sehen. Als 17jährige war das noch kein Thema, doch der Körper ist ja gerade in der Pubertät ein ganz empfindliches Teil, sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen. Da verändert sich plötzlich so viel in so kurzer Zeit, der Körper wird mächtig wichtig, denn er entwickelt sich möglicherweise nicht analog zum Geist. In der Pubertät finden sich viele Jugendliche ungenügend, auch und gerade über ihre Körper. Wenn der dann nicht irgend einem tollen Ideal entspricht, ist er minderwertig, also auch die ganze Person. Das eine bedingt also das andere. Fatal ist deshalb, wenn von außerhalb Ideale gesetzt werden wie in GNTM. Ich glaube, dass diese Gehirnwäsche viel wirksamer ist als ein wie auch immer geartetes Gefühl des Ungenügendsein, das sich dann als einen zu dicken Körper verbalisiert. Es läuft eben immer wieder genau darauf hinaus.

  36. @Antje Re: Generationendifferenz: von den drei Menschen in meiner erweiterten Familie für die Dicksein ein Thema ist (für die Diätmachen ein wichtiger Teil vom Leben ist) ist eine so alt wie ich, die anderen beiden sind über 50. Kann ich anekdotisch also nicht bestätigen.

  37. @suedelbien – „Wenn der Körper nicht irgend einem tollen Ideal entspricht, ist er minderwertig, also auch die ganze Person.“ – diesen Zusammenhang zwischen Körper und ganzer Person finde ich eben nicht zwangsläufig, und vor allem ist er nicht bei allen Leuten gegeben, und ich glaube, es ist lohnend, dem nachzugehen. und wenn wir verstehen, woher die Verbindung kommt, dann kann man sie vielleicht auch kappen.

  38. Ich kann den Kommentar von Anne Schuessler gut nachvollziehen. Anderen Leuten aus politischem Übereifer ihre Selbsteinschätzung auszureden, halte ich aus diversen Gründen auch für falsch. Außerdem gibt es Leute, deren Gewichtszunahme (oder -abnahme) ein Symptom einer körperlichen Erkrankung ist. Wer immer weniger isst und dabei immer dicker wird (oder das Gegenteil), braucht gute Diagnostiker und keine Ideologie, dass jedes Gewicht und jeder Stoffwechsel irgendwie okay ist und abweichende Meinungen ein Verrat an der Sache.

  39. Ich denke genauso: Ich bin dick, aber es ist okay. Mit 30 glaube ich nicht mehr dem Teenagerideal von herausstehenden Knochen und flachem Bauch entsprechen zu müssen. Meine letzte Waage habe ich vor 8 Jahren entsorgt. Diese Woche musste ich wieder eine kaufen. Ich heirate im September. Das wäre an sich kein Grund, abzunehmen. Überflüssiger Beisatz: mein Mann liebt mich wie ich bin, ich mich sowieso. Das Problem ist: Ich habe im Februar ein Brautkleid gekauft, das im Juni nun keinen Platz mehr zum Atmen lässt. Ein zweiwöchiger Italienurlaub hat den 3-Kilo-Puffer zunichte gemacht. Also bin ich jetzt auf eiweißreiche Nahrung, viel Obst und Gemüse umgestiegen. Wenn die 3 Kilo wieder runter sind und die Hochzeit vorbei, werd ich weiterhin gesuünder essen als vorher, aber dann sind auch wieder Pizza und Kuchen am Start. Ich sage nicht erlaubt, denn das kann ich nicht leiden, nicht meine Waage erlaubt mir was, sondern ich. Mein bestes Argument ist immer meine Schwester, die 30 Kilo weniger wiegt als ich und grundsätzlich fragt: „Hast du abgenommen?“ Sie verwechselt meine fröhliche Ausstrahlung nämlich gerne mit schlankerem Aussehen 😉

  40. „Die Einschränkung, das Defizit, das Gewichtige angeblich haben sollen, sitzt ausschließlich in Köpfen, auch natürlich im eigenen.“

    Also, das halte ich nun allerdings auch wieder für Schönrederei – bin selber im Laufe meines Lebens auch schon ziemlich dick gewesen und muss sagen, dass das in der Tat vorhandene Gefühl, es sei keine Einschränkung dabei, eigentlich auf einer Selbstlüge beruht; man unternimmt nämlich einfach nicht mehr die Dinge, bei denen man spüren würde, wie eingeschränkt man in Wirklichkeit ist.

    Das ist ja auch für viele der Haupthindernisgrund beim Erreichen eines gesundheitlich förderlicheren Gewichtes: Im Grunde sind es ja gerade die Dinge, bei denen einem selber und der Umgebung ins Auge springt, dass man Defizite hat, und die deswegen erstmal überhaupt keinen Spass machen, die man unternehmen muss, um wieder dünner zu werden: Schwimmen, Laufen, Radfahren, Bergsteigen, Wandern, mit den Kindern rumtollen, einfach nur zu Fuss gehen, selber Kochen statt Restaurant etc. pp.

    Und wenn man sie dann trotzdem unternimmt, erlebt man auch das Dünnerwerden absolut als langsamen Kapazitätsgewinn, auch mental, weil das Gehirn besser durchblutet ist, man wacher ist, mit weniger Schlaf auskommt etc.

  41. @Lena – ja, es gibt viele 50-Jährige im Diätwahn, aber vielleicht sind die ja nur „mit der Zeit gegangen.“ Die Frage wäre, ob sie auch vor 20 Jahren schon gediätet haben und aus welchen Gründen…

    @Andreas – das ist eine Möglichkeit. Genauso ist es möglich, dass Leute wegen Diäten dauernd schwächeln. Man muss den Einzelfall sehen, nicht generalisieren.

  42. Liebe Antje,

    ich finde es klasse, dass dieses Thema hier zur Sprache gebracht und diskutiert wird. Alleine die Anzahl der bisherigen Kommentare zeigt, dass es ein Thema ist, dass viele Frauen (und auch Männer) bewegt.

    Ich selbst hatte zehn Jahre lang Essstörungen und bin seit 15 Jahren völlig gesund. Da ich sehr sensibilisiert bin für dieses Thema, ist mir schon lange bewusst, dass kaum eine Frau noch „normal“ mit dem was sie isst und wie sie aussieht umgeht.

    Essstörungen – und hier meine ich nicht nur Bulimie, Magersucht und Binge Eating, denn dass ist nur das Ende der Fahnenstange – beginnen im Kopf. Menschen mit Essstörungen kreisen ständig gedanklich um das Thema Essen und Gewicht. Und die Waage ist meist ihr „Stimmungsbarometer“. „Habe ich 500 g abgenommen, finde ich mich und das Leben toll, ist es umgekehrt,…“

    Es ist schon so, wie du schreibst, man kämpft gegen etwas und es kämpft zurück. Nur ist das keine bewusste Entscheidung. Man rutscht – meist durch eine oder viele Diäten – in eine Essstörung rein und wenn man drin ist, ist einem (zunächst) gar nicht bewusst, dass das Problem im Kopf sitzt.

    Essstörungen sind für mich Beziehungsstörungen. Die Beziehung zu sich selbst ist gestört, es ist kaum Selbst-Bewusst-Sein vorhanden. Dementsprechend fällt es diesen Frauen sehr schwer, sich andere Themenbereiche zu suchen und zu finden, denn sie haben jeglichen Kontakt zu ihrem Innenleben verloren.

    Ich habe durch meine Website lebenshungrig.de täglich mit hunderten von diesen Frauen zu tun. Die meisten „funktionieren“ nach Außen, aber in ihrem inneren tobt ein Krieg. Und so lange sie glauben, dass „alles gut sein wird“, wenn sie nur endlich ihr Traumgewicht erreicht haben, bleiben sie weiter in ihrem Teufelskreis gefangen. Außerdem werden die „Folgekosten“ für unsere Gesellschaft enorm sein…

    Natürlich gibt es nicht DIE eine Ursache dafür. Aber der Schönheitswahn, der uns tagtäglich vorgelebt wird, trägt sicher einen erheblichen Anteil daran. Schauen wir uns doch die „Katzenbergers“ etc. an. Da lässt sich ein Mädchen runderneuern und bekommt eine eigene Fernsehsendung dafür. Dass sind doch die Botschaften, die heutige Teenager bekommen. Und dagegen müssen wir etwas unternehmen!

    Ich stimme @Tessa zu. Denn wer gedanklich hauptsächlich von Essen und Gewicht besessen ist, dem bleibt nicht viel Raum für andere Dinge. Und dabei geht eine Menge (weiblichen) Potentials verloren.

    LG Simone

  43. Pingback: Kein Waagnis | CLEAN RECORD

  44. @Andreas: Danke, dass du mich zitiert, mir aber damit gleich „Schönrederei“ unterstellst. Unterstellungen lasse ich nicht mehr unkommentiert, deshalb von mir: Frechheit, das. Hinterfrage erst deine eigenen Ansichten, bevor du von diesen auf andere schließt und die Standpunkte anderer abwertest.

    @Antje, zu der wirklich interessanten Frage, woher die Verbindung zwischen Körper und Person kommt: Ich glaube in der Tat, dass die Definition des eigenen Selbst sehr stark vom Körper abhängt und wie dieser erlebt wird, und zwar bei der einen Person mehr, bei der anderen weniger, vielleicht bei einigen negativ (ich glaube, bei vielen), bei anderen positiv. Ich habe weiter oben ja nicht geschrieben, dass es bei jedem so sei (ich schrieb „viele“), aber bei denen, wo es so ist, ist dieser Zusammenhang durchaus gegeben, das sehe ich schon so. Ich selbst kann mir aber ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, denen ihr Körper völlig egal ist.

    Die Frage ist ja eigentlich eine ganz andere: Was macht eine Persönlichkeit aus? Eine Person ist ja nicht nur Körper, sie ist auch Geist und Seele. Möglicherweise sitzt das wahre Selbst in der Seele, der Körper ist nur eine Hülle, in die sich die Seele häuslich niedergelassen hat. Doch das Leben kann dann ja nur mit diesem einen Körper funktionieren, und dieser ist, entgegen des heutigen Mantras, nur äußerst wenig beeinflussbar. Man kann ihn natürlich trainieren, man kann seine Fingerfertigkeit entwickeln oder bestimmte Muskeln oder was auch immer. Die Frage, ob er „zu“ dick und damit minderwertig oder dick und nicht minderwertig oder einfach nur funktionell ist und das macht, was sich die Person von ihm erwünscht, muss letztendlich jeder für sich selbst beantworten. Aber äußerliche Konventionen führen sicher dazu, dass sich viele Menschen in ihren Körpern nicht wohl fühlen und deshalb versuchen, ihn in diese Richtung zu verändern (z. B. durch Diäten). Diese Konventionen gilt es zu hinterfragen, sie sind mit dafür verantwortlich, dass sich so viele wegen ihres Körpers minderwertig fühlen.

  45. Zu Andreas‘ Aufzählung zum gesunden Lebensstil fehlt mir noch ein Thema ein, das in Diskussionen über Diäten nur selten vorkommt: Alkohol. Es wird oft so getan, als sei das Gewicht nur ein Resultat der Ernährung, und dieser Effekt wird dann je nach Einstellung dazu problematisiert oder normalisiert. Andere Einflussfaktoren auf das Gewicht werden ignoriert – dadurch tragen auch manche Diätkritikerinnen versehentlich dazu bei, dass das Thema Essen überhöht wird.

    (Ich will übrigens nicht darauf hinaus, dass alle, die nicht als normalgewichtig gelten, irgendwie krank sind. Ich denke, das trifft eher für eine Minderheit zu.)

  46. @AntjeSchrupp:

    Na ja, wenn es zur Pest im Mittelalter leider auch nur Medikamente gab, deren Auswirkungen nicht viel besser als die Pest waren, wirst Du nun auch nicht den Schluss ziehen, besser nicht auf Medikamente zu hoffen, die eben funktionieren.

    Das „Schwächeln wegen Diäten“ ist in meinen Augen Geschichte – die Ernährungswissenschaft ist heute weiter, unter anderem ist bekannt, dass Diäten mehr Schaden anrichten als Gutes tun.

  47. Ehrlichkeit pur…darf ich auch ehrlich sein?

    Grundsätzlich: „dick“ sein, was auch immer man darunter versteht, liegt ganz bestimmt nicht in der Natur des Menschen. Punkt.

    Das sage ich als Mensch mit schlechter Genetik. Mit Veranlagung zum Dicksein.
    Und ich WAR dick.

    Aber jetzt..mit 57 gertenschlank mit Topfigur…deshalb darf ich auch das Maul etwas weiter aufreissen:-)

    Ich kenne einige Dicke…und natürlich auch den Ausdruck: „ich fühle mich wohl in meiner Haut“. Ob das nur Resignation ist oder wirklich die Wahrheit.

    Wer ist schon berechtigt, solche Aussagen zu hinterfragen?

    Ehrlichkeit-mit sich selbst ist das Thema..

    Waagen wegwerfen find ich absolut sinnvoll. Denn „wirklich“ abnehmen hat nichts mit der Waage zu tun.

    Was nehmen die meisten schon ab mit ihren Diäten? Wasser und Muskeln. Was müsste man abnehmen? FETT.

    Diäten sind grundsätzlich Schrott.Reduktionsdiäten mit weniger essen, sogar gefährlich!!!!

    Das Sinnvollste, wenn jemand etwas an seinen Körperkonturen ändern möchte ist das ändern von GEWOHNHEITEN…da ist der entscheidende Hebel anzusetzen.

    Schlechte gegen gute austauschen.

    Und das Verrückteste..beim Fett loswerden. Niemand muss auf Lieblingsmahlzeiten verzichten.oder gar hungern.

    Ja sogar Schokolade und Kuchen geht:-)

    Alles nur eine Frage von WAS, WANN, WIEVIEL und in welcher Kombination.

    Also, wer jetzt noch HOFFNUNG als letzten Funken verspürt…es nie zu spät..GAR NIE…

    Von Herzen

    Hugo

  48. Na, ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass mit der „ich bin dick und es ist mir egal“ Einstellung irgendwas tolles erreicht ist. Zu dick sein macht krank-das wissen wir mittlerweile alle. Will nun echt jemand hinstehen und sagen: mein Risiko an Diabetes zu erkranken oder an irgendwelchen Herz-Kreislauf Geschichten zu erkranken ist es mir Wert, meine Zeit mit wichtigerem als meiner Ernährung zu verbringen! Tatsächlich? Sind wir unseren Kindern dann ein gutes Vorbild? Meiner Meinung nach weiß ein Großteil der Bevölkerung einfach gar nicht, was gesunde Ernährung tatsächlich bedeutet. Und dass unser Körper ab Mitte 20 kontinuierlich Muskulatur abbaut, wenn wir nicht gegensteuern. Dass diese Muskulatur aber wichtig ist, damit wir nicht zu dick werden, keine Rücken- oder Gelenkprobleme bekommen-auch darüber machen sich die wenigsten Gedanken. Unsere Gesellschaft wird immer älter-aber auch immer kranker. Und da ist es Ihrer Meinung nach wichtiger „Politik zu machen“ als sich die Zeit für eine angemessene, gesunde Ernährung zu nehmen und sich Zeit für sich und seinen Körper zu nehmen? Ich denke, Essstörungen könnten-ich mag damit falsch liegen- bestimmt etwas eingeschränkt werden, durch die richtige Aufklärung zum Thema Ernährung und Sport. Und das vom Kindergarten ab.

  49. Pingback: Schwer beeindruckt | Woll!

  50. @Frieda – gefällt mir sehr gut, was Du schreibst. Besonders: „mh, muss die Frage nicht auch lauten zu dick zu was? also zu dick um was zu tun, bzw. was nicht zu tun? Ich bin (wirklich) dick, aber nicht zu dick zu denken, zu schreiben, lesen, guten Sex zu haben, um Fahrrad zu fahren, Sport zu treiben, mit dem Kind im Schwimmbad abzuhängen und auf die höchste Rutschbahn zu klettern. Also zu was bin ich zu dick?“
    Das erinnert mich an Susie Orbachs „Anti-Diät-Buch“ welches für nicht wenige Frauen Ende der Siebziger eine Offenbarung war. Orbach stellt u.a. die Frage: Was wäre anders, wenn ich nicht dick wäre / wenn ich mich schlank fühlte?
    Da ich selber nicht dick bin und es auch nie war (ausser in meinen Schwangerschaften), stellte ich mir diese Frage im Umkehrschluss und realisierte, dass ich ziemlich rasch bei einigen Klischees über’s Dicksein landete. Die Klischees verschwanden sofort, als mir meine dicken Freundinnen vor Augen kamen, die mir klar machten, welch‘ blödsinnigen Bildern und Mythen ich da immer noch aufgesessen war.
    Und so vermute ich, dass es nicht die Pfunde sind, an denen einige Frauen zu schwer tragen, sondern an dummen und vorurteilsbeladenen Bildern über sie.

  51. Also es nervt mich schon etwas, dieses „Man muss sich nur etwas anstrengen, dann geht das“ – Es gibt ausreichend Studien die besagen: Dauerhafter Gewichtsverlust, mehr als 10-15 Kilo, ueber mehr als 5 Jahre hinweg ist statistisch so selten, das es den praktisch nicht gibt. Ausnahmen kommen natuerlich vor, sind aber nicht die Regel. Und ein wichtiger Punkt ist auch: Ein Koerper, der grosse Mengen an Gewicht abgenommen hat ist eine ganz anderer als einer, der immer schon schlank war. Und ich sage das hier als jemand der nicht dick ist und nie dick war: Gesundheit hat mit Uebergewicht nicht notwendigerweise was zu tun. Nicht umsonst heisst es „Health at any size“. Manche Menschen koennen (aus was fuer Gruenden auch immer) viel schwerer abnehmen bzw zulegen als andere Leute. Das ist halt so. Statt sich hier rein auf das Gewicht einzuschiessen sollte man sich lieber um die Gesundheit der Leute kuemmern (egal wieviel sie wiegen) und die Leute nicht wegen dem was auf Ihrer Waage steht belaestigen.

    http://news.bbc.co.uk/1/hi/magazine/7838668.stm

  52. „Und so vermute ich, dass es nicht die Pfunde sind, an denen einige Frauen zu schwer tragen, sondern an dummen und vorurteilsbeladenen Bildern über sie.“

    Oh – glaube mal nicht, dass Vorurteile zum Dicksein Männer nicht treffen würde. Gibt ja auch einige Untersuchungen dazu, welche Figur man als Mann haben muss, um leicht Karriere zu machen etc.

    Und da ich selber mal ziemlich dick war, auch schon ziemlich schlank und momentan ein wenig zu dick aber auf dem absteigenden Ast, kann ich auch einfach nur feststellen, dass auch Frauen ziemlich extrem die Attraktivität eines Mannes anhand seines Umfangs messen, nicht nur umgekehrt.

  53. @Andreas – ja stimmt. Dicke Männer sind auch nicht von Vorurteilen verschont.
    Vermute mal, dass Vorurteils-Begründungen für deren Dicksein sich von den Begründungs-Klischees gegenüber dicken Frauen unterscheidet – oder?

  54. „Gewichtsdiskriminierung hat viele Gesichter. Von der dicken Frau, die wegen ihres Gewichts nicht in einen Chor aufgenommen wurde, von dem dicken Paar, das wegen seines Gewichts kein Kind adoptieren durfte bis hin zu dem dicken Mann, der seine Fitnessstudio-Mitgliedschaft gekündigt bekam, weil Kunden sich beschwert hatten, dass sie seinen Körper abstoßend fänden.“

    http://www.gewichtsdiskriminierung.de/faq.html#Durchschnittsgewicht

  55. Ein paar Überlegungen dazu –

    Ein Moment, der mich selbst sehr schockiert hat:

    In einem Blog las ich einen Kommentar mit der ungefähren Aussage: „Auch mit Größe 36 kann man unglücklich sein.“

    Ich las das und dachte mir – ernsthaft – WAS? Größe 36 und NICHT glücklich? Aber…das gibt’s ja gar nicht!

    die Idee, dass man schlank sein könnte und unglücklich, die erschien mir als völlig abwegig.

    Die Idee, dass man schlank sein MUSS, um glücklich zu sein, die sitzt verdammt tief.

    Weitere Erlebnisse, die mich sehr getroffen haben:

    Ich nahm 10 kg ab. Worauf Kolleginnen, die ich vielleicht 1x im Monat sehe, mich mit Komplimenten und Begeisterung überschütteten, als hätte ich eigenhändig den Syrienkonflikt beigelegt. Dass ich ein summa cum laude-Studium hatte, Keats auswendig konnte, ehrenamtlich in der Flüchtlingsbetreuung tätig war, ein Kind allein zu einem ordentlichen Menschen erzog, jeden Tag hilfsbereit, motiviert und tüchtig war…völlig schnuppe. Hat keinen interessiert. Aber 10 kg weniger, das fanden alle toll, das ist ne Leistung, die zählt.

    Und wer mich angeredet hat, das waren nur und ausschließlich Frauen.

    Die Sozialkontrolle unter Frauen ist ziemlich unerbittlich und gnadenlos, und sie dreht sich wahrscheinlich zu 50% um’s Aussehen und Gewicht.

    Und noch was:

    Der Kampf gegen das Zunehmen (oder für das Abnehmen), der bindet so viel Energie. Ich muss aufpassen, was ich esse, ich muss 3x in der Woche Sport machen…und im Prinzip ist das auch bis jetzt kein riesiges Problem für mich, denn ich hab keine Lust darauf, wieder dick zu werden. Das perfide ist ja nur, wie schwierig es ist, Gewichtsverluste zu halten – viele schaffen das einfach gar nicht, selbst, wenn sie sehr darum kämpfen, ihr Gewicht zu stabilisieren. Der Frust muss unendlich sein, ständige Selbstkasteiung, die nichts nutzt, und trotzdem von der Umgebung für undizipliniert gehalten und verachtet zu werden.

    Ich werde sicherlich meine Waage nicht rausschmeißen – das ist für mich nur Symptombekämpfung. Völlig egal,ob ich eine Waage habe oder nicht, ich werde mein Gewicht belauern wie eine Katze das Mauseloch. Und wenn ich nicht auf der Waage stehe, werde ich aufpassen, ob der Hosenbund zwickt oder die Hose am Hintern spannt…es ist egal, ob eine Waage in meiner Wohnung steht oder nicht, mein Gewicht ist mir wichtig – weil ich mir besser gefalle, wenn ich weniger wiege.

    Aber worauf ich sehr achten werde, ist, niemandem das Gefühl zu geben, dass dünne Menschen in irgendeiner Weise „besser“ sind und mehr Liebe und Respekt verdienen als dicke.

  56. Das Leben wird sich niemals sinnvoll dem Verstand erschließen. Dieser ganze Scheiß, den wir erleben, ob dick oder dünn oder krank oder gesund und die ganzen Diskriminierungen auf dieser Grundlage ist völlig egal. Wir haben null Einfluss darauf. Es passiert einfach.

    Deal with it.

  57. Ich kann mich deinem Artikel nur anschließen liebe Antje.

    Ich empfinde das selbstbewusste Auftreten derer, die sich als dick empfinden (oder aber diese Ansicht von außen gewonnen haben) zwar als angenehm und empowernd, aber ich würde mir wünschen dass GAR NICHT MEHR über Aussehen geredet wird. Oder anders: Dass die positive Auseinandersetzung mit überdurchschnittlicher Körpergröße in dieser Gesellschaft notwendig ist, um ein Gegengewicht zu normideellen Körpern zu schaffen, verstehe ich, aber in einer perfekten Gesellschaft gäbe es das Thema „Look“ NICHT.

    Das ist sicherlich sehr radikal gedacht. Und sicherlich auch ein spezieller Wunsch von jemandem der mit Mode nichts anfangen kann und seine Kleidung eher Klischees-vermeidend wählt, als nach eigenem Geschmack. Aber was bringt jegliche Thematisierung von Look und Körperform positives?

    Mir ist klar, dass ich damit vielen Leuten ins Zentrum ihres Freizeitlebens schlage, die sich wahnsinnig viel und auch wahnsinnig gern Gedanken über Aussehen und Diäten machen, aber: Euer Hobby ist schlicht ausschließend. Für Leute, die modische Codes nicht verstehen, für Leute die erst nachdem sie zwanzig mal seltsam beäugt wurden, merken dass ihre Oberarme offenbar zu dick sind als dass die meisten Leute diese öffentlich zeigen würden – und lieber schwitzen.

    Selbst Tipps und Moden in Übergrößen (übrigens lasse ich diesen ganzen Wahnsinn mit der ausbeuterischen Modeindustrie jetzt nur außen vor um meine Botschaft nicht zu zerstreuen) schließen die aus, die sich diese Moden nicht leisten können oder aber diese einfach nicht verstehen und später dann zur Abgrenzung für jene herhalten die „richtig“ kaschiert haben („Wenigstens laufe ich nicht SO herum“).

    Ich wiederhole mich: Mode(-brüche) haben sicherlich auch das Potential Positives zu bewirken; zu empowern oder einer Minderheit Zusammenhalt zu verleihen, sich abzugrenzen. Aber jeweils nur als Gegenbewegung gegen schon vorhandene Mode.

    Wenn sich jetzt eine_r beschwert ich führe zu weit vom Thema weg: Die meisten Moden können dicke Menschen nicht tragen. Wer sich zu dick oder dünn fühlt, wie Antje, soll das doch ruhig tun, ABER DANN DOCH BITTE FÜR SICH BEHALTEN (damit meine ich jetzt nicht Antje, is klar). Jedes Gespräch über Aussehen normiert, und das lehne ich ab.

  58. Übrigens vielleich noch ein Aspekt, der hier, glaube ich, noch nicht angesprochen wurde, weil die meisten, die hier schreiben, anscheinend so im mittleren Alter sind – in einem Alter also, in welchem der Körper noch genügend regenerative Fähigkeiten hat, um mit dem Dicksein fertig zu werden, solange man auf bestimmte Tätigkeiten verzichtet: Das Dicksein im Alter scheint mir jedenfalls noch einmal eine ganz andere Qualität zu haben – dann wird es nämlich oft zur Ursache dafür, dass die Leute ihr Leben kaum noch geniessen können, weil mittlerweile irreparable Schäden im Körper hausen.

    Die Frage, ob das Dünnsein oder Dicksein einem Modediktat gehorcht oder nicht finde ich daneben eher unwichtig.

  59. Es ist schade, dass die Waagen weggeworfen werden. Ursprünglich symbolisierte die Waage ein Gleichgewicht. Die innere Waage des Menschen sollte das Gleichgewicht zwischen Essen und Bewegung anzeigen – oder anders ausgedrückt: zwischen Energieaufnahme und Energieabgabe.

    Dabei geht es mir überhaupt nicht um das Aussehen, sondern um die Gesundheit. Ich meine die vom Arzt fachkundig, nach bestem Gewissen und im Interesse des Patienten diagnostizierte Gesundheit. Ich meine nicht die »gefühlte Gesundheit«.

    Diese Gesundheit ist gefährdet, wenn der Körper aus dem Gleichgewicht kommt und unkontrolliert zunimmt. Ich muss die Krankheiten hier nicht alle aufzählen, die durch Übergewicht verursacht werden können. Es sind sehr schwere und sehr teure Krankheiten darunter.

    Ich verstehe viele Beiträge dieses Blogs so: Es sei sozial, dass jeder Mensch etwas zur solidarischen Gemeinschaft beiträgt. Ich habe hier den Begriff Care-Arbeit kennen und verstehen gelernt.

    Zu der Gesamtbilanz einer Solidargemeinschaft gehören aber Geben und Nehmen. Ich kann der Gesellschaft auch helfen, wenn ich die solidarisch finanzierten Gesundheitskosten minimiere. In diesem Zusammenhang ist also zu hinterfragen, welche Auswirkungen das Übergewicht auf die Gemeinschaft hat.

    Wen das nicht überzeugt hat: Es gibt noch ein weiteres Argument für die Waagen und für inneres Gleichgewicht.

    Viele Menschen sorgen sich darum, dass durch unsere Nahrungsmittelproduktion und vor allem durch unseren Fleischkonsum die Umwelt beschädigt und belastet wird. Den Menschen in armen Ländern fehlen diese Ressourcen. Bei uns hier geht’s in der Diskussion um das Aussehen, um gefühltes Dicksein und um die Kosten für das Gesundheitswesen. Dort geht es um das Überleben.

    Wenn ich in Maßen esse und wenn ich dick machende Nahrung vermeide, tue ich also direkt etwas für die Welt, denn dann sinkt die Nachfrage und es muss weniger produziert werden. Und ich kann den weltweiten Ressourcenverbrauch ein klein wenig ins Gleichgewicht bringen. Diesen Effekt kann man wirklich in Kilojoule oder Kilokalorien messen – bei 80 Millionen Menschen in Deutschland käme einiges zusammen.

    Wir müssen uns hier nur ein wenig beherrschen: Nicht zu viel essen, auf Fleisch weitgehend verzichten, nicht rauchen etc. Vor allem darf Essen kein Spielzeug, keine Belohnung und keine Bestrafung sein.

    Wir können damit uns selbst und die Welt ein klein wenig wieder ins Gleichgewicht bringen. Wir müssen hier in Deutschland nicht übermäßig dick sein. Das ist keine Frage der Optik, sondern eine Frage der Ethik.

  60. Pingback: Meinem Körper und mir, uns geht’s eigentlich ganz gut | futblog.at

  61. @ Stefanolix:

    Dabei geht es mir überhaupt nicht um das Aussehen, sondern um die Gesundheit. Ich meine die vom Arzt fachkundig, nach bestem Gewissen und im Interesse des Patienten diagnostizierte Gesundheit. Ich meine nicht die »gefühlte Gesundheit«.

    Auch Ärzte pflegen gefühlte Wahrheiten.

    Ich kenne das Thema Abnehmen überwiegend aus dem Internet von Schilddrüsenpatientinnen, die ihrer Krankheit einige zusätzliche Kilos verdanken und diese wieder loswerden wollen (weswegen ich nichts davon halte, Abnehmwillige pauschal für Opfer eines gesellschaftlichen Diktats zu halten und Diskussionen übers Gewicht für böse zu erklären).

    Allerdings kommt es auch nicht selten vor, dass dicke Patientinnen, die eigentlich eine Behandlung bräuchten, von ignoranten Ärzten abgewimmelt werden. Manchen unterstellt, dass all ihre Beschwerden vom Übergewicht kommen und sie erst mal abnehmen sollten – was mit einem verlangsamten Stoffwechsel besonders schwer ist.

    Weniger Fleisch essen ist eine gute Idee, aber wenn daraus sozialer Druck wird und Fleischkonsum die neue Sünde, oder fleischlos leben ein neuer Mittelschichtshabitus zur Abgrenzung nach unten, dann taugt das auch nichts. Ich vertrage dermaßen viele Lebensmittel nicht, dass ich nicht auch noch auf Fleisch verzichten will. Und ich verzichte schon gar nicht auf irgendwas, damit irgendwelche missionarischen Grün-Wähler durch die Bekehrung anderer ihr Vielflieger-Gewissen sanieren können.

  62. Pingback: Werft Eure Waagen nicht weg | stefanolix

  63. @stefanolix

    Also mit dem Fleischessen stimme ich dir voll zu. Sollte man eigentlich ganz drauf verzichten.

    Das davor finde ich offen gestanden ziemlich menschenfeindlich: Menschen quasi in Kostenklassen einzuteilen. Dann verlang ich dass die Leute keinen Sport mehr machen außer Schwimmen und Fahrradfahren… und vor allem dass sie nicht mehr so alt werden. DAS KOSTET, oweieiei ist das teuer (bin Altenpfleger).

  64. Also, Stefanolix, ich finde, bei dieser Argumentation Übergewicht/Gesundheit muss man SEHR aufpassen.
    Sehr hohes Übergewicht – okay, geschenkt. Das macht meines Wissens nach wirklich krank. Aber die meisten Leute, die ICH kenne, und die den Tanz um die Goldene Waage aufführen, sind nicht sehr übergewichtig. Die sind zum Teil nicht einmal wirklich übergewichtig, sondern haben halt einen Körper, der nicht der gewünschten Form entspricht. Die haben halt keinen ganz flachen Bauch oder leicht wabbelige Oberarme oder so was.
    Ich bin bekennende Fitnessstudiokundin und weiß, dass 95% der Mitsportlerinnen NICHT der medial verbreiteten Norm entsprechen, ABER nicht oder kaum übergewichtig sind, ihr Gewicht aber für sie in Problem darstellt.
    D. h. Leute, die NICHT durch ihr Gewicht gefährdet oder krank sind, aber die sich für übergewichtig halten oder nur leicht übergewichtig sind, werden hier als unsolidarisch und egoistisch gezeichnet, denn

    – sie nehmen die Solidargemeinschaft in Anspruch und
    – sie tragen zu Umweltverschmutzung bei, indem sie mehr essen, als sie unbedingt brauchen.

    Zu 1) Solidargemeinschaft nennt sich so, weil eine Solidarität herrscht, und zwar eine, die nicht gewichtet oder nach Schuld und Ursache sucht. Wer Hilfe braucht, dem wird geholfen. Punkt. Egal, ob es ein junger Autofahrer ist, der durch risikoreichse Fahren einen Unfall hat, eine Bergsteigerin, die sich durch eigenes Verschuldenn verirrt und dann unterkühlt ist und gerettet und behandelt werden muss, ein Raucher oder jemand, der übergewchtig ist – wir ALLE verhalten uns in irgendeiner Hinsicht risikoreich, da bin ich sicher. Wer soll denn da rechten, wem Solidarität zusteht? Dem Dicken nicht? Dem Autofahrer nicht? Der Bergsteigerin nicht? Entweder wir haben eine Solidargemeinschaft, die bei Bedarf hilft, oder wir lassen’s bleiben, lösen alle Töpfe auf und jeder lebt auf eigenes Risiko. Und wenn er halt einen Unfall hat und nicht genug Erspartes auf der hohen Kante, tja, Pech.
    Abgesehen davon – ein übergewichtiger Mensch, der Steuern und Abgaben zahlt, trägt zur Solidargemeinschaft bei – und obwohl er eingezahlt hat, soll er nun nicht selbst die gleiche Solidarität erfahren, nur weil er dick ist? Aha.Faschistoid, würdeich sagen.

    Zu 2) anecdotal evidence, but still. Die beiden Frauen, die von meinen Bekannten am meisten essen, sind dünn, um nicht zu sagen mager. Und die essen wie die Scheunendrescher. Da kann ich mit meinem BMI von 27,2 absolut nicht mithalten. Man möge also nicht in moralisierende Kategorien verfallen, die auf falschen Annahmen beruhen: Wer dick ist, ist zwangsläufig über seinen Konsum ein tierquälerischer Umweltverschmutzer. Wer dünn ist ist zwangsläufig lieb und nachhaltig. So läuft’s nicht.
    Zu sagen: wir sollten alle darauf achten, uns vor Gier zu hüten – fein. Aber zu sagen: die Dicken sollen sich vor Gier hüten, und die Dünnen sind offensichtlich eh nicht gierig – das beruht einfach auf falschen Prämissen.

    That said – aufpassen, warum, was und wieviel man isst, sehen, dass man für sich eine gesunde Balance findet – da, finde ich, hat Stefanolix absolut recht. Aber das ist keine Bringschuld allein der Übergewichtigen, das geht uns alle an.

  65. „Solidargemeinschaft nennt sich so, weil eine Solidarität herrscht, und zwar eine, die nicht gewichtet oder nach Schuld und Ursache sucht.“

    „Entweder wir haben eine Solidargemeinschaft, die bei Bedarf hilft, oder wir lassen’s bleiben, lösen alle Töpfe auf und jeder lebt auf eigenes Risiko.“

    Die vernünftige Alternative zur Solidargemeinschaft ist natürlich eine Versicherungsgemeinschaft und die will jemand, der explizit daran arbeitet, niedrige Risiken zu haben, in der Regel kaum mit jemanden eingehen, der sich darum nicht bemüht, wenn eben nicht Risikoklassen gebildet werden.

    Ich als Mann habe z.B. seit dem europäischen Urteil ein Interesse an Frauenfreien Renten- und Krankenversicherungen, viele Frauen fluchen über Autoversicherungen etc.

    Das hat ja auch nichts mit Solidarität zur tun, sondern ist einfach eine sehr einseitige Umverteilung, was Du forderst.

  66. Ich finde die Spannweite der Antworten auf meinen Kommentar sehr interessant: Ein Aufruf zum Maßhalten und Gleichgewichthalten wird einerseits als missionarisch-grün und andererseits als faschistoid eingestuft. Menschenfeindlich sei er auch noch, meint jemand …

    All das liegt mir fern: Ich wähle nicht die Grünen. Ich bin nicht faschistoid und nicht menschenfeindlich. Ich wehre mich ausdrücklich und überall dagegen, dass derartige Vorwürfe in Diskursen als Totschlagargument eingesetzt werden.

    Es ist keine Erfindung der Grünen oder der Linken, die Probleme mit der Verteilung der Nahrungsressourcen auf dieser Welt zu thematisieren. Ich sehe das als marktwirtschaftlich und liberal orientierter Mensch genauso. Diese Probleme sind dringlich und für manche Menschen auf dieser Erde tödlich. Jeder von uns kann als Nachfrager dafür sorgen, dass sich daran etwas ändert. Auch wenn das nicht jeder gern hört: Die Lösung ist Maßhalten. Selbstverständlich gilt das für jeden Menschen.

    Vor dem nächsten Argument eine Erklärung: Ich bin kein Kirchenchrist und argumentiere nicht als solcher. Aber es hat schon seinen tieferen Sinn (im Sinne einer Regel für das Zusammenleben von Menschen), dass die Völlerei in früherer Zeit zu einer Todsünde erklärt wurde. Man muss es ja nicht an dem Begriff Todsünde festmachen.

    Zum Problem Übergewicht und Sozialversicherung: Selbstverständlich soll die Krankenversicherung jedem helfen, der medizinische Hilfe benötigt. Aber es darf hinterfragt werden, ob z. B. zwei Schachteln Zigaretten pro Tag oder massives Übergewicht nicht doch vermeidbar sind. In beiden Fällen helfen Selbstdisziplin und entsprechende Therapien. Es ist ja nicht so, dass man nichts dagegen tun könnte.

    Ich habe in meinem ersten Kommentar den üblichen Begriff Solidargemeinschaft verwendet, obwohl Solidarität eigentlich freiwillig und nicht erzwungen ist. Die Vorläufer der heutigen Krankenversicherung beruhten tatsächlich noch auf Freiwilligkeit und Gegenseitigkeit. Die Menschen wussten damals (ohne den Begriff zu kennen): Wenn der »moral hazard« um sich greift, bricht das System zwangsläufig zusammen.

    Ganz am Ende noch ein Absatz gegen die Schubladisierung. Ich bin von vielen Einflüssen geprägt, ich habe viele Erfahrungen gemacht, und ich lasse mich mit Mitte 40 nicht so einfach in Schubladen einordnen. Um es an einigen konkreten Punkten zu erklären: Ich bin kein »Vielflieger« – allenfalls lege ich jährlich viele tausend Kilometer im ICE zurück. Ich habe kein Auto – aber eine Jahreskarte für den ÖPNV meiner Großstadt. Somit muss ich mit meinem Kommentar auch kein »Gewissen sanieren«. Ich mache manche Dinge richtig und manche Dinge falsch – aber das wird mich nicht davon abhalten, meine Meinung zu bilden und zu sagen.

  67. @stefanolix

    Der Punkt ist halt der- niemand kann voraussagen, ob jemand, der risikoarm lebt, geringere Kosten für die Solidargemeinschaft generiert als jemand, der weniger risikoarm lebt. Vielleicht lebt eine ein superbescheiden-nachhaltig-veganes Leben und hat dann Drillinge, die als Frühgeburten besondere ärztliche Betreuung brauchen (generiert Kosten), von denen eines eine Behinderung hat (generiert Kosten). Vielleicht lebt einer superungesund und wird von einem Bus überfahren, und zwar nachdem er 20 Jahre lang in die Krankenversicherung eingezahlt hat und außer 3x Schnupfen keine Kosten generiert hat. Die Kombination Kretadiät-tägliches Yoga-Leberkrebs gibt es genauso wie die Kombination Fetter Schweinebauch-Bier-stirbt mit 80 weitgehend gesund.

    Also, es gibt keine realistische Möglichkeit einzuschätzen, wie viele Kosten einer TATSÄCHLICH generieren wird und ob er oder sie mehr einzahlen wird als rausbekommen. Insofern ziehe ich persönlich ein System der Solidarität vor – der blinden Solidarität, wenn Du so möchtest (und das sage ich als eine, die nicht auf besondere Leistungen angewiesen ist, sondern eher andere mitfinanziert). Ich glaube, es tut der Gesellschaft nicht besonders gut, zu entsolidarisieren und mit Argusaugen darüber zu wachen, ob nicht der Nachbar 50 Euro mehr rauskriegt als ich. Es führt nicht zu mehr Gerechtigkeit, fürchte ich, nurzu mehr Mißgunst und Mißtrauen.

  68. Pingback: Waagenweitwurf « mädchenblog

  69. @Teresa: Hier ist noch ein Nachtrag zu meiner ausführlichen Antwort von gestern. Mir ist das gerade beim morgendlichen Laufen eingefallen.

    Sie schrieben, dass Ihre beiden dünnen Bekannten auffällig viel essen. Das kann einfach daran liegen, dass diese beiden Personen auch mehr Energiezufuhr brauchen. Jeder Mensch verarbeitet doch die Nahrung anders und jeder Mensch verbraucht unterschiedlich viel Energie (Arbeit, Sport, Bewegung, Denken …).

    Darin sehe ich also keinen Widerspruch zu meinem Appell, die gesunde Balance zu wahren.

  70. 1.Danke, Antje Schrupp, für Ihren Text, in dem ich mich sehr wiedergefunden habe.

    2. Dass ein Text, der seinen Ausgang auf der Selbstwahrnehmung, „Ich fühle mich zu dick” nimmt, im Verlauf der Diskussion zu Kommentaren führt, die das Thema „Gesundheitsschädigende Fettleibigkeit” in den Mittelpunkt stellen, finde ich absolut symptomatisch: Darum ging es doch gar nicht!
    Es ging um die subjektive Wahrnehmung, einem Ideal nicht zu genügen – und den Umgang mit diesem Gefühl. Aber so ist es oft, meiner Wahrnehmung nach: Die Kritik an einem (weiblichen) Schönheitsideal, das Bekenntnis dazu, sich diesem Ideal zu verweigern, provoziert früher oder später das Schwingen der Gesundheits-Keule: Keule deshalb, weil die Aussage „Gesundsein ist besser/billiger/erstrebenswerter als Kranksein” schlecht widerlegt werden kann. Dabei wird „Gesundsein” definiert als „Schlanksein”, angeblich ein sichtbarer Ausdruck von Verantwortungsbewusstsein für sich selbst und die Gesellschaft – woraus man im Gegenzug zu schließen hat, dass Menschen, die nicht schlank sind, verantwortungslos sein müssen.
    Dass Gesundheit nicht nur ein körperlicher Zustand ist, sondern maßgeblich vom Zustand der Seele bestimmt wird, wird bewusst vernachlässigt. Drastisches Übergewicht ist ungesund. Besessenheit in Sachen „Schlankseinwollen” ist es auch.

    3. Beispiel: War gestern Abend mit einer gut 50-Jährigen im Restaurant, die nur Salat aß und Wasser trank, auf das dazu gereichte Brot verzichtete, und sehr ausführlich und stolz berichtete, dass sie 8 Kilo abgenommen habe, seit sie abends auf jegliche Kohlenhydrate verzichte. Tut mir Leid, dieser Preis für ein paar Kilo weniger ist mir zu hoch. Auch ich achte auf eine gesunde Ernährung und stopfe mir abends ungern den Bauch voll. Aber wenn ich mal ausgehe, dann will ich lecker essen, worauf ich gerade Appetit habe, und ordentlich Bier oder Wein dazu trinken können – ohne das hinterher als „Man muss auch mal ausflippen können”-Aktion rechtfertigen und mit drei Tagen Diät oder drei Stunden Bauch-Beine-Po bezahlen zu müssen. Ich glaube fest daran: Genussfähigkeit ist ein zentraler Bestandteil eines guten, seelisch gesunden Lebens.

    4. Worüber selten offen gesprochen wird: Wie viel Zeit kostet es eigentlich wirklich, dem Idealkörper nachzueifern – und für welche geistigen und emotionalen Aufgaben bleibt dann keine oder deutlich weniger Zeit? Wie ich es als berufstätige Mutter schaffen soll, zwei oder drei Mal pro Woche Sport zu treiben (und das müsste ich, wie die meisten Menschen, tun, um dem Ideal näher zu kommen), ist mir schleierhaft. Ich müsste dazu weniger arbeiten, noch weniger Zeit mit meinen Kindern und meinem Mann verbringen, noch weniger Zeitung und Bücher lesen oder noch seltener Freunde treffen, um mich mit ihnen auszutauschen. Meine Arbeit und meine Beziehungen sind mir aber viel wichtiger als Dünnsein. Also muss es mir reichen, mit dem Rad ins Büro zu fahren, mit dem Hund spazieren zu gehen und ab und zu mal eine kurze Runde zu joggen: Ein solch alltagstaugliches Bewegungspensum gilt allerdings heutzutage schon als eher unsportlich.

    5. Anders als ich treibt meine Tochter drei Mal pro Woche Leistungssport, seit ihrem sechsten Lebensjahr. Trotzdem wurde ihr von einer Klassenkameradin in der dritten Klasse attestiert, ihre Oberschenkel seien zu dick: Die Mädchen hatten in der Pause „Germany’s Next Topmodel” auf dem Schulhof gespielt, die Klassenkameradin hatte die Rolle von „Heidi Klum” übernommen und damit die Lizenz zur schonungslosen Körperkritik. Die Mädchen waren acht damals. Inzwischen ist sie Dreizehn, als sie neulich beim Beißen in ihr Schulbrot seufzte „Hm, ich liebe Käseschwarzbrot!”, da rief ein anderes Mädchen: „Das sieht man!” Solche Situationen machen mich rasend vor Wut.
    Klar, es gibt gesellschaftliche Schichten, in denen kindliches Übergewicht, das ja zumeist auf Armut, Bildungsferne und Vernachlässigung beruht, ein wachsendes Problem darstellen. In dem Umfeld aber, in dem meine Tochter aufwächst, müssen Mädchen und junge Frauen nicht vor Übergewicht geschützt werden müssen, sondern vor Selbsthass. Ich werde weiter alles tun, was in meiner Macht steht, um sie davor zu schützen, und meine wichtigste Waffe dabei ist die Haltung, die Antje Schrupps ähnelt: „Du hast nun mal keinen ganz flachen Bauch und keine dünnen Arme und kräftige Beine, aber erstens bist du trotzdem wunderschön – und zweitens ist das egal: Dein Verstand und dein Herz sind tausend Mal wichtiger als dein BMI!”

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  74. Es sind hier mehrere Dinge aufzuklären. Zuerst: Ich habe für ein gesundes Gleichgewicht plädiert, nicht für Abmagerung! Aus dem körperlichen Gleichgewicht ist sowohl eine viel zu dünne Person, als auch eine viel zu dicke Person geraten.

    Verantwortungsbewusste Ärztinnen und Ärzte können uns für das gesundheitlich vertretbare Gewicht eines jeden Menschen sicher eine obere und eine untere Grenze nennen. Klar ist: Erschreckend viele Menschen in diesem Land liegen darüber.

    Es ist auch ein offensichtliches Missverständnis, wenn man aus meinen Beiträgen liest: dabei wird „Gesundsein” definiert als „Schlanksein” Ich definiere das überhaupt nicht so. Ich bin lediglich der Meinung, dass selbst verantwortetes Übergewicht (Adipositas) nicht gesund sein kann. Und füge hinzu: Selbst verantwortetes Abmagern unter eine bestimmte Grenze ist genauso ungesund.

    Niemand bestreitet, dass es gesundheitliche Risiken gibt, die eine soziale Krankenversicherung tragen muss. Aber man muss doch unterscheiden, ob sie vermeidbar oder unvermeidbar sind. Selbstverständlich hat ein behindertes Kind das Recht auf ein möglichst selbstbestimmtes Leben, ohne dass wir nach den Kosten für seine Therapie fragen – weil weder das Kind noch die Eltern dafür verantwortlich sind. Aber wenn Menschen durch extremes Übergewicht oder extremes Rauchen in gesundheitliche Not kommen, sind sie definitiv selbst verantwortlich dafür. Das nennt man moral hazard.

    Die Hinweise auf die sozialen Aspekte und auf den Umweltaspekt des Übergewichts sollten zeigen, dass es einfach wichtigere Dinge auf dieser Welt gibt als die Frage, ob sich ein gesunder Mensch etwas zu dick oder etwas zu dünn fühlt. Und wenn man diese wichtigeren Dinge betrachtet, kommt man automatisch zum Maßhalten.

    Es gibt dieses Plakat von »Brot für die Welt«: Es zeigt eine Reisschüssel mit ein paar Körnern und den Slogan: »Weniger ist leer.« Denkt mal an dieses Plakat, wenn Ihr über Befindlichkeiten diskutiert.

    Maßhalten und Genuss widersprechen einander übrigens in keiner Weise. Man schaue in die vielen Kochblogs: Oft sind dort Rezepte zu finden, die wunderbaren Genuss bieten und trotzdem zum Maßhalten passen. Diese Rezepte sind nicht deshalb lecker, weil teures Material verwendet wird oder weil sie viele Kilokalorien enthalten – sondern weil der Kochblogger oder die Kochbloggerin mit Geschick an die Arbeit gehen und sich Zeit nehmen. Ein Leben ist zu kurz, um sie alle nachzukochen …

    Lasst uns mit Genuss und Eigenverantwortung Maß halten. Alles andere kommt von selbst.

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  76. Ein Aufruf zum Maßhalten und Gleichgewichthalten wird einerseits als missionarisch-grün und andererseits als faschistoid eingestuft.

    Stefanolix, das war von meiner Seite überhaupt nicht auf dich persönlich bezogen und ich finde Maßhalten doch gar nicht schlecht. Aber bei dem Thema trifft man halt auch auf willkürliche Heuchelei und protestantischen Eifer. Und die unangenehmste Begegnung hatte ich tatsächlich bei den Grünen.

    Früher war der Sex die Sünde, heute ist es das Essen – mal wegen der Kalorien und der Figur, mal wegen der Umwelt. Und die Peer Group oder die Nachbarschaft kontrolliert dich, damit du es nicht zu bunt treibst.

  77. @Teresa
    Selbstverständlich existieren statistische Aussagen darüber, um wie viel höher die Wahrscheinlichkeit ist, als Übergewichtige oder Übergewichtiger gewisse Krankheiten zu bekommen. Statistiken haben für den Einzelfall natürlich nur begrenzte Aussagekraft: man setzt sich höheren, vermeidbaren Risiken aus, aber man kann nicht vorhersagen, ob ein Krankheitsfall eintreten wird oder nicht. Um aber durch beispielsweise Rauchen oder Übergewicht verursachte Kosten zu berechnen sind Statistiken aber genau das Richtige und man erhält exakte, quantitative Aussagen über die Mehrkosten.

    Ich bin definitiv nicht für ein Ende der Solidarität, aber ich finde schon, dass man ähnlich wie beim Rauchen Bewusstsein geschaffen wird, wie man Übergewicht am besten gleich ganz vermeiden kann oder durch gesünderes Leben sein Gewicht auf ein medizinisch-indiziertes (!) gesundes Normalmaß reduzieren kann. Es bestünde natürlich die Gefahr, dass Kampagnen gegen Übergewicht ein verzerrtes Körperbild propagiert (also unrealistisch zu dünn), aber ich glaube, dass man das durch sorgfältige Vorbereitung lösen kann.

    Ich gebe Dir nämlich recht, wenn Du sagst, dass hier zwei Probleme vermischt werden. Wenn zum Beispiel Julias Tochter für vermeintliches ungesundes Übergewicht (Muskeln sind dichter als Fett) von Klassenkameradinnen gehänselt wird, ist das ein Problem, das vor allem medizinisch-betrachtet Normalgewichtige betrifft: sie haben eine falsche Vorstellung von Normalgewicht.

    Für medizinisch Übergewichtige kommen beide Punkte zusammen: einerseits sind sie objektiv gesehen zu schwer, und andererseits ist das Ideal, nach dem sie beurteilt werden, für sie noch viel schwerer zu erreichen als für eine(n) Normalgewichtigen.

  78. Pingback: Aus dem Gleichgewicht | stefanolix

  79. Eines meiner Schlüsselerlebnisse in der Zeit der DDR-Wende war ein Treffen zwischen den ESG aus Weimar und Karlsruhe in Ost- und West-Berlin. Dort haben wir mit wenig Geld indisch-vegetarisch gekocht. Weil es an Besteck fehlte, haben wir den Reis und die anderen Speisen zum Teil aus der hohlen Hand gegessen. Investiert haben wir vor allem Arbeit und Kreativität. Von diesem Essen und dieser Atmosphäre schwärme ich heute noch.

    Noch niemals zuvor war es hierzulande so einfach, sich mit Maß und Genuss ausgewogen zu ernähren. Es ist selbst mit einem schmalen Geldbeutel eine ausgewogene Ernährung möglich. Wir leiden wirklich nicht unter Mangel.

    Wenn man sich mit anderen Menschen zusammentut, wenn man Zeit und etwas Energie investiert, kann man die Qualität seiner Ernährung sogar drastisch verbessern. Wir leben in einem privilegierten Land und müssen uns dazu nur einen Ruck geben. Klagen und das Einfordern von Akzeptanz für Übergewicht können also nicht die Lösung sein – sondern man muss die Probleme anpacken und sich gegenseitig Unterstützung geben.

    Wenn man aber die Qualität seiner Ernährung bewusst verbessert, wird man auch kein Übergewicht ansetzen und man wird ins natürliche Gleichgewicht kommen.

    Ich habe im Zusammenhang mit #waagnis in dieser feministischen Community viele Artikel gelesen. Ich habe in der Diskussion eine Menge gelernt und ich hoffe natürlich, dass die Gäste dieses Blogs auch von mir den einen oder anderen Impuls bekommen haben. Man wächst ja nicht an der Zustimmung, sondern am Widerstand 😉

    Einige Artikel und Äußerungen haben mich fassungslos zurückgelassen – vor allem die Triggerwarnungen, die nach meinen Kommentaren auf diese Diskussion gerichtet wurden, aber auch die Beiträge mit Bezug zum »Klassismus«.

    Ich verabschiede mich jetzt aus dieser Diskussion und danke unserer Gastgeberin herzlich für ihre Geduld mit meinen Kommentaren.

  80. Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Ich leugne natürlich nicht die Risiken einer ungesunden, zu extremem Übergewicht führenden Ernährung. Nur: Beim Lesen von Antje Schrupps Text ist mir eben überhaupt nicht in den Sinn gekommen, dass er als Aufruf zum ungesunden Leben, zu Maß- und Bewegungslosigkeit – oder auch nur als Verharmlosung dieses Themas – verstanden und entsprechend diskutiert werden könnte. Schließlich hat Antje eben nicht geschrieben: „Ich BIN zu dick, aber das ist mir egal!” Sondern: „Ich FÜHLE mich zu dick, aber das ist mir egal!”

    Ich glaube, dass bei Diskussionen über dieses Thema – ganz ohne böse Absicht – fast zwangsläufig zwei Welten aufeinander prallen, zwischen denen Verständigung nur sehr mühsam, wenn überhaupt möglich ist:

    Meine engste Freundin litt lange Jahre unter einer Essstörung. Wir haben sehr oft und sehr ehrlich über das Thema „Gewicht” und „Essen” gesprochen, weil ich ihre hyperkritische Haltung zu ihrem eigenen Körper und dieses ständige „Oh-Gott-ich-habe-wieder-gesündigt-und-viel-zu-viel-gegessen” irgendwann nicht nur nervig, sondern verletzend fand. Sie ist viel schlanker als ich, und es stellte sich mir irgendwann die Frage: Wenn sie sich selbst für maßlos und zu dick hält, was bin denn dann in den Augen meiner besten Freundin? Eine verfressene Qualle?

    Es hat eine Weile gedauert, bis wir beide begriffen haben: Wir können einander nicht, bzw. nicht wirklich verstehen, so sehr wir uns auch bemühen. Ich höre mir an, wie sich meine Freundin vor sich selbst ekelt, wenn sie sich für zu dick hält, was für ein kompliziertes Verhältnis sie zum Essen hat, das sie zugleich liebt und hasst, wie sie sich und ihren Körper sieht und bewertet und unter ihm leidet, wie Gewicht und Selbstwertgefühl und Glück emotional bei ihr zusammenhängen. Ich weiß nach unzähligen Gesprächen theoretisch, wie sie fühlt und denkt – und das ist sehr gut so, nämlich besser als nichts. Aber letztendlich kann ich sie praktisch nicht verstehen: Ihr Selbsterleben ist mir in dieser Hinsicht so fremd, wie mir die Mentalität eines Menschen aus einer völlig anderen Kultur ist oder die Situation eines Todkranken. Ich ahne bestenfalls vage, wie es ihr geht, aber mehr auch nicht.

    Umgekehrt kann sie nicht fassen, wie sorglos – aus ihrer Sicht wohlmöglich fahrlässig – ich mit dem Thema „Gewicht” umgehe, dass das tatsächlich keine große Rolle spielt in meinem Leben, dass ich mir kaum Gedanken darüber mache – und wenn, dann ohne Konsequenzen. Ich besitze gar keine Waage, die ich wegschmeißen könnte …

    Ja, auch ich fühle mich ein bisschen zu dick, und wenn ich nackt in den Spiegel schaue, denke ich: Hm, na ja, geht so. Ich finde meinen Körper nicht toll – eine Haltung, die ja als Gegenbewegung zum Schlankheitswahn auch oft gefordert wird von uns Frauen: „Ich bin (zu) dick, finde mich aber trotzdem total schön!” Nö, finde ich nicht. Ich finde mich okay. Ansonsten finde ich mein Aussehen schlicht und einfach nicht so wichtig. Es reicht mir, dass es gut genug ist, um bei anderen keine Abscheu hervor zu rufen.

    Zwischen Gewicht/perfektem Körper/überdurchschnittlicher Attraktivität und Glücklichsein gibt es schließlich keinerlei Zusammenhang – um das festzustellen, reicht ja ein kurzer Blick in die Gala oder in den Freundes- und Bekanntenkreis: Aber dass dieses Argument nicht einschlägt bei Frauen wie meiner Freundin, das habe ich inzwischen auch verstanden.

  81. Pingback: Wer ist hier dick? | Suedelbien

  82. „3. Beispiel: War gestern Abend mit einer gut 50-Jährigen im Restaurant, die nur Salat aß und Wasser trank, auf das dazu gereichte Brot verzichtete, und sehr ausführlich und stolz berichtete, dass sie 8 Kilo abgenommen habe, seit sie abends auf jegliche Kohlenhydrate verzichte. Tut mir Leid, dieser Preis für ein paar Kilo weniger ist mir zu hoch.“

    wenn eine frau etwas tut, ist das kein imperativ, es ihr nachzumachen.

  83. So, heute habe ich eine Szene erlebt, aus der ich gerne lernen würde, aber ich weiß nicht, was.

    Ich stand an der Garderobe, um meine Tasche umzupacken. Die Garderobieren waren in eine hitzige Diskussion verwickelt. Zwei der Damen waren dick, eine davon ziemlich dick, die andere etwas weniger. Eine der Damen war dünn.
    Die Dünne war nun dabei, mit missionarischem Eier der Dickeren zu erzählen, dass sie unbedingt Sport machen soll. Die weniger Dicke stimmte lustig mit ein. Die Dickere versuchte, sich zu wehren, hatte aber eigentlich keine Chance gegen die miteinander verbündeten Sportbefürworterinnen. Gelegentlich fiel die weniger dicke Sportbefürworterin aus der Rolle und sagte der Dünnen: „Du weißt ja nicht, wie das ist, wenn man dick ist.“, sprang ihr dann aber sofort wieder zur Seite: „Du musst dich halt einfach aufraffen, hopp hopp, auf ins Fitnessstudio, und dann wird das schon.“ Die beiden haben die Dicke für mein Gefühl ziemlich drangsaliert, die tatsächlich sich auf eine letzte Verteidigungslinie zurückzog: „Ich sag halt immer, wenn ich einen Sport mache, dann muss mir der auch Spaß machen, und Sport macht mir halt keinen Spaß.“ und die Schotten dichtmachte.
    Ich habe überlegt, ob ich mich einmischen soll, hätte das aber, wäre ich in de Situation der drangsalierten Frau gewesen, sicher nicht goutiert, wenn mir wildfremde Personen nun auch noch ins Handgemenge springen.
    Der zweite Grund war: die beiden Sportbefürworterinnen hatten einfach recht. Ihre Kollegin war viel zu dick, und sollte dringend gegensteuern – ich weiß das, weil ich selbst ziemlich viel abgenommen habe, und weil sich für mich normalgewichtig definitiv besser anfühlt als dick. Sorry, fat acceptance people everywhere. Natürlich macht Sport keinen Spaß, wenn man nie Sport gemocht hat und wenn man auf der Basis von 20 kg Übergewicht damit anfängt. Aber das wird besser, und worauf will sie denn warten? Auf 30 kg Übergewicht? Ihre Kolleginnen hatten einfach recht, aus jedem erdenklichen Blickwinkel abgesehen von der Null-Bock-Position der Sporthasserin wäre es für sie besser, mit Sport anzufangen und abzunehmen.

    Was ich aber so abstoßend fand,war dieser selbstgerecht-evangelisierend-missionarisch-übereifrige Tenor der Sportbefürworterinnen. Es gab in deren ganzem Ausdruck und Reden keine Zehntelsekunde des Zögerns oder des Zweifelns – die waren enfach im Recht, und das wussten sie mit derselben Sicherheit, mit der ein Fundamentalist weiß, dass alle anderen in der Hölle schmoen werden, wenn sie nicht sofort den Weg des Heils beschreiten wie er selber. Mir lief es echt kalt den Rücken runter angesichts dieses Spektakels von wildem Fanatismus und ich fragte mich, was passieren muss, damit die Steine auf die arme Sporthasserin werfen. Ich weiß nicht ob da noch viel fehlt.

    Vielleicht sollte ich einfach daraus lernen: in der Bibel kommt Gott nicht im Sturm, und nicht im Gewitter, sondern im Windhauch. Vielleiht ist er einzige Weg, jemanden zu einer Verhaltensänderung zu bewegen, das sanfte und unverbindliche Angebot: Komm, wir gehen spazieren. Hast Du Lust, ich nehm Dich mit ins Fitnesscenter.
    Aber wer kann sich schon soweit zurücknehmen und gelassen zusehen und abwarten, wenn ein lieber Mensch – und sei es “ nur“ eine Kollegin – sich mit seinem Verhalten nichts Gutes tut?

    Was meint Ihr?

  84. @japanjedi

    Ich bin echt nicht der Expertenchecker zu dem Thema, aber ein Gang durch die Regale meiner Bibliothek macht einen relativ sicher, dass keiner so recht Bescheid weiß. Es gibt hunderte Bücher und Artikel zum Thema „Welche FOlgen hat Übergewicht“ und von „So schlimm wie die Zombie-Apokalypse“ bis zu „Leichtes Übergewicht macht gar nix“ finden sich gar viele widersprüchliche Ergebnisse. Basierend auf widersprüchlichen Studienergebnissen. Die, das wollen wir nicht vergessen, ja auch von irgendjemandem finanziert werden, der möglicherweise seine eigene, uns nicht vorliegende Agenda verfolgt. Und „common sense“ und „common wisdom“ sind auch keine unfehlbaren Indikatoren der Wahrheit. Es galt mal als „common wisdom“, dass Rothaarige wahrscheinlich Hexen sind und sich das weibliche Gehirn bei intellektueller Anstrengung leicht überhitzt. (Und seit der Ampelzeichnung von Lebensmittel in Schweden hat sich das Land nicht in einen Staat der Supernormalgewichtigen verwandelt. Dies nur nebenbei.) Also – da sind mehr Hypothesen als unwiederlegbare Wahrheiten unterwegs, soweit ich das beurteilen kann.
    Ich gehe mit Dir konform, dass man durchaus ein Bewußtsein schaffen kann und soll, was Gesundheit (!) betrifft, ABER man muss sich hüten vor „dünn“ = „gesund“ und „dick“ = „ungesund“. Und genau in diese Kerbe schlägt gar vieles, was als Prävention gedacht wäre.
    Vielleicht schafft eine klitzekleine staatlich finanzierte Kampagne sogar, nicht auf das Feindbild „Dicke“ einzudreschen und den gesund = dünn-Trugschluss nicht weiterzuverbreiten. Aber hey, im Vergleich zu den mächtigen medialen Bildern in den Medien geht so eine kleine staatliche Kampagne sowieso unter.

    NB: Könnte es eventuell sein, dass es eben NICHT so superleicht ist, sich auf ein Normmaß runterzuhungern, wie die diversen Ratgeberbücher suggerieren („Mehr verbrauchen als zu sich nehmen“, „Mehr Sport verbrennt Fett“ usw.)? Schließlich hat der Nichtnormierte Mensch ja durchaus mit Nachteilen zu rechnen, vom mangelndem Spaß beim Hosenkauf bis hin zu gehässigen Bemerkungen bis hin zur offenen Diskriminierung. Vielleicht wäre es lohnend, mal zu sehen, was überhaupt geht – anscheinend (und das macht mir wirklich Angst) – schaffen nur ganz wenige Leute, dauerhaft abzunehmen.

  85. @Teresa – Das ist ein interessantes Beispiel. Ich denke, der Fehler in der Argumentation der „Dünneren“ ist, dass sie mit allgemeinen, universalen Behauptungen kommen und die dem Gegenüber aufdrücken wollen. Das ist es, was einfach nie sinnvoll ist und auch nie funktioniert. Wir alle machen Dinge, die von außen betrachtet, unvernünftig sind, aber jede macht das aus den unterschiedlichsten Gründen, und alles ist miteinander verwoben. Möglicherweise ist die „Sehr Dicke“ mit noch ganz anderen Problemen beschäftigt, die sie vielleicht mit zu viel essen kompensiert. Vielleicht ist sie als Kind sexuell missbraucht worden und mag ihren Körper nicht oder will sich absichtlich unattraktiv machen. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass sie sich in der Umgebung von „Sport“ nicht wohlfühlt.
    Wenn man anderen Menschen Ratschläge geben will (und ich bin der Meinung, dass das durchaus okay ist, je nachdem wie die Beziehung ist), dann geht das nie, indem man das, was man für sich selbst als gut erlebt hat, einfach auf die andere Person überträgt.
    Mein Ausgangspunkt ist dabei immer, dass ich versuche, das Begehren der anderen Frau zu verstehen. Will sie abnehmen oder nicht? Wenn ja, warum? (weil sie sich mit ihrem Körper unwohl fühlt, oder weil sie von der Gesellschaft eingeredet kriegt, ihr Körper wäre doof?) Wenn nein, warum ist ihr ihre Gesundheit eigentlich egal?
    Und wenn meine Ratschläge auf Widerspruch oder Abwehr stoßen, dann kann ich mich selbst auch mal fragen: Warum ist es mir jetzt so wichtig, die andere zu überzeugen? Geht es mir wirklich um ihr Wohl oder darum, meinen eigenen Lebensentwurf zu rechtfertigen?
    Also die Grundfrage bei solchen Begegnungen ist eigentlich immer: Was ist mein Begehren? Was ist ihr Begehren? Und wie können wir uns in unserer Unterschiedlichkeit jeweils dabei helfen, dem eigenen Begehren zu folgen oder ihm überhaupt erstmal auf die Spur zu kommen??

  86. Ich meine: Jede Veränderung bei sich selbst ist ausschließlich die Erwägung und Entscheidung des Menschen, der die Veränderung will oder nicht will. Jemanden zu einer Verhaltensänderung bewegen klappt nicht. Er muss es selbst wollen.

    Also zieht endlich Leine, ihr abartigen Gesundesser, Sportfanatiker und Gesundheitsapostel. Jeder hat für sein Leben selbst die Verantwortung, und jeder kann sie auch wahrnehmen. Hört auf so zu tun, als ob manche Menschen erst mal betüdelt werden müssen, damit sie das tun, was IHR für sie für richtig haltet, ihr unter dem Helfersyndrom Leidende!

  87. @Theresa
    Du findest, das bei dem Thema keiner so recht bescheid weiß? Oder gar dass es Leute mit einer »Agenda« gibt, die die Benachteiligung von übergewichtigen Menschen mit gefälschten wissenschaftlichen Erkenntnissen untermauern möchten. Du gehst sogar noch einen Schritt weiter und vergleichst das auch noch mit mittelalterlichem Aberglaube (Hexen, Frauenhirne). Das ist gefährliche Schönfärberei.

    Ich habe auch in meinem Post nicht pauschal »dünn« mit »gesund« oder »dick« mit »ungesund« gleichgesetzt, ganz im Gegenteil. Aber wenn ein Mann, der 1,80 m groß ist, 39 kg oder 239 kg wiegt, weiß man, dass er objektiv gesehen nicht gesund sein kann. Ich glaube, dass gerade ein klares Herausarbeiten, was medizinisch gesehen normal ist, und was beispielsweise von der Modeindustrie mit Magermodels als normal vermittelt wird, dazu beitragen kann, ein realistischeres Verhältnis zum Körper zu entwickeln.

    Ich verstehe auch Deine Nebenbemerkung nicht: inwiefern ist es relevant, dass es nicht leicht ist, sein (starkes?!?) Übergewicht auf Normalgewicht zu reduzieren? Das ändert ja nichts daran, dass es erstrebenswert ist, das Körpergewicht auf ein Normalmaß zu reduzieren. Und wer sagt etwas von Hungern?

    @Antje
    Ich finde, Du machst es Dir da zu leicht. Nicht nur weil Du schreibst, dass es sich um eine »Argumentation der ›Dünneren‹« handelt (das ist ein ad hominem), sondern Du vermischt »Behauptung« (bzw. Meinung) mit fundierten wissenschaftlichen Fakten. Gibt es Zweifel daran, dass Übergewicht negative Folgen auf die Gesundheit hat und die Risiken für diverse Leiden erhöht?

    Und ja, natürlich kann (extremes) Übergewicht Ausdruck einer seelischen Krankheit sein, genau wie Alkoholismus, Drogen- oder Magersucht das auch sein können. Aber das ändert ja nichts an der Tatsache, dass der Betroffene im Eigeninteresse dieses »Symptom« als Problem erkennt und versucht, dem entgegenzuwirken. Ein depressiver Alkoholiker soll ja auch nicht erst dann mit dem Trinken aufhören, wenn man seine Schwermütigkeit erfolgreich behandelt hat. Deshalb finde ich sollte man unter Freunden genauso umgehen, wenn sie nicht auffällig stark zur Flasche greifen sondern sich ihr Gewicht stark verändert: man sollte sie darauf ansprechen und versuchen zu ergründen, was dahinter steckt!

    Abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass starkes Übergewicht bei den meisten ein seelisches Trauma zu Grunde liegt.

  88. @AntjeSchrupp:

    Solche Fragestellungen können in der Form doch kaum zum Ziel führen, weil es ja schliesslich das „Begehren“ selber ist, welches „verrückt“ ist – es gibt da nicht einen inneren Kompass, der einem schon das Richtige zeigen wird, wenn er nur genügend beschworen wird.

    Manchmal heisst es auch einfach, mit dem Verstand zu arbeiten, eine klare Bestandsaufnahme des Für und Wider zu machen, und dann, wenn die Gefühle und lieben Gewohnheiten nicht folgen wollen, eben einfach mal an den Gefühlen und lieben Gewohnheiten zu arbeiten, so mühsam das ist.

    Veränderungen gehen vom Kopf aus. Und wenn jemand keine Vorteile im Schlanksein erkennen kann, die ihm die Mühe der Veränderung schmackhaft machen, soll er es halt lassen, finde ich.

  89. PS. Wenn ich mich z.B. dazu entschliessen würde, dass Dicksein für mich ok wäre, gingen mir Menschen, die Fragen stellen, eher auf den Keks, muss ich sagen – und ich würde die sehr wohl in ihre Schranken bitten, statt mir irgendwelches Psychogelabber anzuhören.

  90. „Was meint Ihr?“

    Ich meine, dass man sich nicht in die Angelegenheiten andere Leute einzumischen hat. Es sei denn, sie sind in akuter Gefahr.

  91. @Sabine Horst

    „wenn eine frau etwas tut, ist das kein imperativ, es ihr nachzumachen.”

    Nein, wenn eine Frau etwas tut, dann ist das kein Imperativ.

    Aber wenn sie sehr viel redet über ihr Tun, ohne zu diesem Thema befragt worden zu sein – und es mit der von Teresa geschilderten missionarischen Euphorie anderen zum Nachahmen empfiehlt, dann hat ihr Tun eben doch etwas Imperatives.

    Ich persönlich vermeide es, unaufgefordert Ratschläge zur privaten Lebensführung zu äußern, außer beim Menschen, die mir wirklich sehr, sehr nahe stehen und für die ich mich damit in besonderem Maße verantwortlich fühle. Habe allerdings den Eindruck, dass all jene Frauen, die einem nicht erbetene Abnehm-Tipps geben, glauben, dieses Thema sei eben kein privates, sondern ein Quasi-Öffentliches – bzw. eines, das ganz selbstverständlich jede Frau, die nicht gertenschlank ist, brennend interessieren muss.

  92. Das was mir ein bisschen sauer aufstoesst bei Teresa ist dieser Teil:

    „Ihre Kollegin war viel zu dick, und sollte dringend gegensteuern – ich weiß das, weil ich selbst ziemlich viel abgenommen habe, und weil sich für mich normalgewichtig definitiv besser anfühlt als dick. Sorry, fat acceptance people everywhere.“

    Da ist wieder das von sich auf andere schliessen. „definitiv besser“? Das, bei allem Respekt, weisst du nicht. Das kann alles noch so plausibel sein – man steckt halt nicht drin. Wie Antje schon gesagt hat: Das ist alles kompliziert. Es gibt viele Dinge die ich tun koennte um noch attraktiver zu sein – und ich tu schon einiges – aber ab einem bestimmten Punkt ist der Aufwand in keinem Verhaeltnis mehr zum Nutzen. Wo dieser Punkt ist, ist bei allen Menschen verschieden. Wahrscheinlich ist er bei den drei Frauen jeweils woanders. Warum man die Leute nicht einfach in Ruhe lassen kann, ist mir ein Raetsel.

  93. @Antje: Ich bin dir überhaupt nicht böse, wenn du meinen letzten Kommentar löscht. Obwohl ich dennoch jedes Wort genau so auch heute wieder ins Internet schreiben würde. Aber vielleicht ist es für eine einigermaßen konfliktfreie Diskussion kontraproduktiv, weil doch zu provokant.

    Zum Begehren möchte ich noch kurz was sagen: Dieses Wort ist mit Gier verwandt. Das Letzte, was uns Menschen zusammen bringt, ist die Gier, im Gegenteil, sie trennt uns. Ich sehe an allen Ecken und Enden, wie die Gier nach Geld und Macht diese Erde zerstört, genau wie die Gier nach dem, was die Menschen als Defizite erleben (weil in der Kindheit ihnen wichtige Bedürfnisse nicht befriedigt wurden, da ihnen das, was sie zum Leben brauchten, wie Zuwendung, Anteilnahme, Liebe, verwehrt wurde), die Beziehungen zerstören. Gier entspringt immer dem Mangel und dient dazu, diesen auszugleichen, und zwar immer auf Kosten anderer. Das Gegenteil von Gier ist Liebe. Mit ihr braucht man keinen Mangel beheben. Mit ihr braucht man auch andere Menschen nicht eines besseren belehren. Man kann sie nämlich genau so lassen wie sie sind. Das ist die Grundlage für ein guten Zusammenleben.

    Und Ratschläge akzeptiere ich nur noch, wenn ich sie mir ausdrücklich erbete. Für ungebetene Ratschläge bin ich nicht mehr offen, es sei denn, ich will etwas lernen und mein_e LehrerIn gibt mir in diesem Rahmen Ratschläge. Aber auch da kann es mir schon zuviel sein. Dann sage ich es aber auch. Grundsätzlich halte ich ungebetene Ratschläge für eines der übergriffigsten Verhalten, die Menschen anderen antun können. Fast kein Mensch, der ungebetene Ratschläge gibt, reflektiert, dass er sie aus reiner Eigenmotivation heraus gibt: Weil er meint, die andere Person müsse nach seinem Ermessen irgendwie korrigiert werden. Das ist aus einem Defizit heraus motiviert und geht auf Kosten des anderen. Siehe mein erster Absatz.

  94. @Suedelbien – nein, ich bin nur nicht zum moderieren gekommen.

    Zum anderen: Gier ist eine mögliche Reaktion auf Mangel, Begehren eine andere. Wenn ein Mangel real ist, lässt er sich auch nicht mit Liebe übertünchen, sondern verlangt nach Abhilfe, und dafür ist das Begehren wichtig! Nur weil es in bestimmten Umständen Ähnlichkeit mit der Gier hat, ist beides noch lange nicht dasselbe.

  95. „Aber wenn sie sehr viel redet über ihr Tun, (…) dann hat ihr Tun eben doch etwas Imperatives.“

    Aber nur wenn du den Leuten das Recht einräumst, dir explizit oder implizit Vorschriften zu machen.
    Freiheit geht u.U. damit einher, sich von der Meinung Anderer frei zu machen.

  96. @FeathersMcGraw:

    „Es gibt viele Dinge die ich tun koennte um noch attraktiver zu sein – und ich tu schon einiges – aber ab einem bestimmten Punkt ist der Aufwand in keinem Verhaeltnis mehr zum Nutzen. Wo dieser Punkt ist, ist bei allen Menschen verschieden.“

    Natürlich – aber das ist ja nicht nur subjektive Sauce.

    Wenn jemand z.B. nicht abnimmt, weil er keine Lust auf die schlechte Laune bei Diäten hat, den Jojo-Effekt schon ein oder zweimal hinter mir sich hat, bestimmte Bewegungen zu vermeiden anfängt etc., dann steht für diesen – in meinen Augen sehr vernünftigen – Menschen zwar der Nutzen in keinem Verhältnis zum Aufwand, den er treiben müßte.

    Aber diesem Jemand fehlt dann auch einfach ganz real Wissen darum, wie man den Nutzen – also Beweglichkeit, Durchblutung, Mobilität im Alter usw. – mit geringerem Aufwand, also ohne Diäten, JoJo-Effekt, schlechte Laune etc. pp. oder sogar mit Verbesserung der Lebensqualität durch Stressabbau, Nahrungsqualität usw. usf. erreichen kann.

    Kann natürlich immer noch sein, dass der Betreffende subjektiv keinen Grund sieht, abzunehmen. Das ist dessen Sache.

    Aber es muss ja wohl möglich sein, auf einem generellem Level zu sagen, dies und sies sind mögliche oder sogar wahrscheinliche Folgen des Dick- und/oder Schlankseins, mit diesen oder jenen Methoden kannst Du das eine oder andere erreichen.

    Das hat nichts mit Besserwisserei oder ungebetene Ratschlägen zu tun.

  97. @Antje: Begehren – Begierde – Gier: Die Worte sind eng verwandt. Einem Mangel Abhilfe verschaffen ist nicht dasselbe wie der Gier nachzugeben, denn die Gier ist unersättlich; ihr Rachen ist niemals gestopft. Ich würde statt „Begehren“ eher „Bedürfnis“ sagen. Ein Bedürfnis befriedigen ist sogar lebensnotwendig, gerade dann, wenn es um Grundbedürfnisse geht. Zu ihnen gehören auch emotionale Bedürfnisse, und gerade sie werden oft nicht befriedigt. Wenn aber ein Bedürfnis befriedigt wurde, dann ist der Mangel beseitigt und das Bedürfnis verschwunden. Wird es das nicht und vielleicht lange Zeit nicht oder vielleicht nie, dann kann sich daraus Gier entwickeln. Muss aber nicht. Gier aber wird niemals satt, auch wenn der Mangel längst beseitigt wurde. Das ist der Unterschied.

  98. Japanjedi:

    Ich finde, Du machst es Dir da zu leicht. Nicht nur weil Du schreibst, dass es sich um eine »Argumentation der ›Dünneren‹« handelt

    So läuft der Hase bei diesem Thema seit einigen Jahren: Die Dünnen sollen dran schuld sein, dass sich die Dicken unwohl fühlen. Früher war mehr Lametta.

  99. @Suedelbien

    Begehren ist zur Zeit ein Modebegriff und ein Zugehörigkeitsmarker.

  100. Andreas hat geschrieben, es müsse möglich sein, auf einem generellen Level über das Thema zu sprechen. Auch meine Argumentation ist überhaupt kein persönlich zu nehmender Ratschlag. Ich denke nur über eine Art Leitbild des Maßhaltens und des Gleichgewichts nach und beschreibe meine eigenen Konsequenzen.

    Wir sind alle in ein soziales System eingebunden. Darin zahlen wir hohe Abgaben und Beiträge. Die daraus resultierenden Leistungen müssen heute schon rationiert werden und die Notwendigkeit der Rationierung wird sich verstärken. Weitere Beitragserhöhungen sind keine Option, weil sie das Problem definitiv nicht lösen werden.

    Also steht für mich außer Frage, dass ich als verantwortungsbewusster Mensch bestimmte Verhaltensweisen vermeide, die zwangsläufig zu einer höheren Belastung des Gesundheitssystems führen.

    Ich wundere mich sehr, dass ein Leitbild des Maßhaltens hier auf so starke Ablehnung stößt. Wenn ich mir die Berichte von den Evangelischen Kirchentagen in Dresden und Hamburg ansehe, ist Maßhalten dort immer ein zentrales Thema gewesen.

    Kirchentage zeigen (unter anderem), welche Themen einem breiten Querschnitt der Bevölkerung wichtig sind. Ich bin ja wie gesagt kein Kirchgänger, aber ich hatte in Dresden persönlich auf mehreren Veranstaltungen den Eindruck, dass dieses Thema recht breit wahrgenommen wurde. Übrigens: Auch mit einer Verpflegung »in Maßen« machten die Teilnehmer einen sehr zufriedenen Eindruck.

    Ich will mit dem Verweis auf die Kirchentage und (oben) mit dem Beispiel des Treffens der Evangelischen Studentengemeinden zeigen, dass verantwortungsbewusstes Maßhalten eben nicht mit einem Verlust an Lebensqualität einhergehen muss.

    Früher wurde Maßhalten mit dem Verzicht auf Genuss gleichgesetzt. Heute entscheiden sich viele Menschen aus Eigenverantwortung für eine vegane, vegetarische oder fleischarme Lebensweise und gewinnen dabei an Genuss.

    Manche Politiker und Bürger wollen das Maßhalten mit Zwang durchsetzen: Da ist z. B. von zwangsweisen vegetarischen Tagen in öffentlichen Einrichtungen die Rede. Das will ich nicht. Vor solchen Zwangsmaßnahmen gruselt es mich.

    Ich will nur darauf hinweisen, dass Maßhalten keinen Verlust bedeutet, sondern dass es mehrfachen Gewinn bringen kann: Genuss, Gesundheit, Lebensqualität, verantwortungsbewusstes Handeln. Wenn man es richtig macht 😉

  101. @Anreas: Aber diesem Jemand fehlt dann auch einfach ganz real Wissen darum, wie man den Nutzen – also Beweglichkeit, Durchblutung, Mobilität im Alter usw. – mit geringerem Aufwand, also ohne Diäten, JoJo-Effekt, schlechte Laune etc. pp. oder sogar mit Verbesserung der Lebensqualität durch Stressabbau, Nahrungsqualität usw. usf. erreichen kann.

    Cool! Würde ich mir echt patentieren lassen, dieses Wissen, damit ist ein Riesenreibach zu machen! Ist also alles ganz leicht, (Über)gewichtige sind nur einfach zu doof und ungebildet, wenn sie es nicht schaffen, schlank zu sein. Mensch, ne, is klar, das ist die Lösung!

    Und außerdem schieben die Dicken die Schuld den Dünnen in die Schuhe dafür, dass sie sich unwohl fühlen. Jawollja. Früher war mehr Lametta.

    @horst sabine: Aha.

    So, dann geh ich mal die Benachrichtigungen abschalten. Kommt nichts mehr rum hier.

  102. (Dieses WordPress.com kostet Nerven… „E-Autorin“ war ich, hatte mich gestern aus anderen Gründen eingeloggt, um bei einem neuen, externen Blog auf eine Funktion von WordPress.com zuzugreifen. Wusste gar nicht, dass ich den Nickname mal hatte. Wenn man wie hier auf einem Blog kommentiert, das auf WordPress.com läuft, muss man sich als WordPress-User entweder einloggen, oder eine andere Mailadresse verwenden als auf WordPress.com.)

  103. @Stefanolix

    Maßhalten halte ich tatsächlich für eine Tugend, mit der ich mich identifizieren kann. Das Leben ist, zumindest für mich, schöner, wenn ich darauf achte, was mir gut tut – in jeder Beziehung -, und dabei ist weniger oft mehr.

    Was mich aber stört, ist

    a) dieser implizite Vorwurf, dass die Dicken NICHT maßhalten. So generell und allgemein. Und das wissen wir nicht. Wie gesagt, meine dünnen Freundinnen, die wie die Scheunendrescher essen, so richtig nach Maßhalten sieht das bei denen nicht aus. Allerdings würde sie niemand ansehen und sich denken: „Du unsoziales, unbeherrschtes, maßloses Wesen.“ Weil sie dünn sind. Und bei Dünnen denkt man das nicht. Natürlich gibt’s Dicke, die dick sind, weil sie NICHT maßhalten beim Essen. Aber das sind nicht alle. (Es sind auch nicht alle Grünen kleine Ex-Maoisten, nur weil sie Grüne sind.). Und vielleicht sind die in anderer Beziehung die vollen Maßhalter-Checker, z. B. bei als Fahrrad-statt-Auto-Nutzer oder sie leben vegan. Man kann auch ein dicker Veganer sein, you know.

    b) eine gewisse Übersimplifizierung des Themas. Wer dick ist, soll halt maßhalten, dann passt das schon. Wer sich auch nur ein bisschen mit dem Thema beschäftigt, der weiß, dass eine langfristige Reduktion des Körpergewichts echt schwierig zu schaffen ist, das setzt massive Selbstdisziplin, ständige Selbstkontrolle und auch intensive Beschäftigung mit sich selbst und dem Essen voraus. Vielleicht ist all das zusammen für Sie ja „Maßhalten“, aber für mich ist das eine Kunst. „Maßhalten“ klingt leicht, aber für einen dicken Menschen dauerhaft abzunehmen, das ist alles andere als leicht. Ich finde, diese Schwierigkeit muss man auch sehen und nicht abtun mit „muss ja einfach nur maßhalten“. Einfach ist da gar nichts.

    Ich war übrigens eine dicke Vegetarierin und bin jetzt eine wesentlich dünnere Fleischesserin, das Leben ist nicht immer schwarz-und-weiß und der richtige Weg für mich, um dünner zu werden, ist ethisch, was den Verzehr von Tierprodukten betrifft, alles andere als einwandfrei. Seufz.

  104. Wisst ihr was? Dieses krankhafte Maßhalten ist was für Anfänger. Die wahren Lebenskünstler kosten das Leben voll aus, versteht ihr? Voll! Bunt, fett, üppig, vielfältig, spielerisch, kreativ, genießerisch! Aber nicht maßlos. Denn das Leben gibt ohnehin das Maß vor und sagt schon ganz von allein, wann es voll ist. Da braucht es keine aufgeblasenen Wichtigtuer und Erklärbären. Die haben ohnehin ihr eigenes Maß beim Belehren ihrer Mitmenschen, was ihrer Ansicht nach für sie richtig sein soll, völlig aus den Augen verloren.

  105. @suedelbien:

    Wie ich schon geschrieben habe, war ich selber mal sehr dick. In meiner ganzen Familie ( vorherige Generation ) gibt es überhaupt sehr gute „Futterverwerter“, alle mit Jobs, die nicht allzuviel Bewegung bringen, alle mit einem gesunden Appetit und Freude am Essen ausgestattet. Und die meisten haben sich schlicht das Alter ruiniert – Schmerzen wegen Gelenkschäden, die umso schlimmer sind bei dicken Menschen, Herzinfarkte mit dauerhaften Lähmungen und Sprachverlust usw. usf.

    Mein Dicksein lag zum Teil auch in einer sehr stressigen Lebensphase begründet – Scheidung, ein Job, den ich gehasst habe, etc., dazu die genetische Veranlagung. Mit 35 ist das noch OK, mit 40 kommen die ersten Einschränkungen – man merkt, dass man in dem Alter schon manches nicht mehr kann, wie etwa mal eben ein Becken durchkraulen etc. Also dachte ich mir, ich nehme besser mal ab.

    Ich habe zwei Jahre damit verbracht, abzunehmen mit den üblichen Methoden wie Diäten etc. – ich kenne also Jojo-Effekt auswendig, weiss, welche Scheiss-Disziplin man aufbringen muss, um eine Diät durchzuhalten, usw. usf. Das brachte alles gar nichts.

    Also habe ich mir mal die neuere Ernährungswissenschaft reingezogen, soweit interessant – und dort wirklich viele sehr gute Tipps bekommen, auch wenn sicher immer noch nicht alles in Stein gemeisselt ist.

    So seit ungefähr anderhalb Jahren nehme ich kontinuerlich ab, ohne jeden Stress und ohne es überhaupt zu merken – ich geniesse weiterhin Essen, finde es absolut super, immer sportlicher zu werden und gegen die zunehmende Attraktivität fürs andere Geschlecht habe ich auch nichts.

    Es geht allerdings sehr langsam, ich brauche wohl noch ein Jahr, um wieder vollschlank zu sein – macht aber nichts, ist ok für mich.

  106. „Ich will nur darauf hinweisen, dass Maßhalten keinen Verlust bedeutet, sondern dass es mehrfachen Gewinn bringen kann: Genuss, Gesundheit, Lebensqualität, verantwortungsbewusstes Handeln. Wenn man es richtig macht “

    Die Frage, welches die rechte, maßvolle Lebensweise ist, beschäftigt die Menschen seit Jahrtausenden. Foucault hat sich auf angemessene Art mit den Begründungen auseinandergesetzt mit denen bestimmte Kategorien des maßvollen Lebens aufgestellt und wirksam wurden.

    Sexualität war lange Zeit ein Bereich, in dem zur (Selbst-)Beobachtung und zum Maßhalten angehalten wurde (Foucault, Sexualität und Wahrheit). Wie oft, wann, mit wem? Was darf vorher gegessen werden? Was darf nachher auf keinen Fall gegessen werden? Was muss danach geschehen? Worauf muss ich achten?

    Diese Fragen zu klären wurde man angehalten. Die Ergebnisse dieser Klärung zu berücksichtigen wurde man angehalten. Die Kirche galt lange Zeit als kontrollierende Institution. Später die Analytiker. „Maßhalten“ ist eine gouvernementale Strategie. „Maßhalten“ sucks.

  107. Und überhaupt! Ich dachte es geht bei dem Waagen-Verschrotten um eine Kritik an der Annahme dass Quantität gleich Qualität ist. Tut es aber nicht, oder?

  108. @Theresa: Ich hatte oben schon mal etwas zu den beiden schlanken Freundinnen gesagt. Wenn diese beiden Frauen genau so viel essen, wie sie brauchen, dann ist das Maßhalten. Es kommt doch nicht auf die absolute Menge an, sondern auf das gesunde Verhältnis zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch.

    Natürlich setzt Maßhalten voraus, dass man sich intensiv mit sich selbst und mit seiner Nahrung beschäftigt. Das wollte ich nie in Abrede stellen. Aber sollte ich mir das nicht wert sein? Überall geht’s heute um Nachhaltigkeit, da kann man doch (gleichzeitig altruistisch und egoistisch) bei sich selbst beginnen. Tut man doch im geistigen Sinne auch.

    Die Voraussetzungen sind jedenfalls so gut wie nie. Die Ernährungslehre hat große Fortschritte gemacht. Im Netz findet man unerschöpflich viele Informationen. Die Interessengruppen können sich vernetzen. Es gibt in den Communities jede erdenkliche fachliche und moralische Hilfe [mit einer Ausnahme: natürlich sollte man medizinische Fragen mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen]. Natürlich bin ich auf mich gestellt, wenn ich mich in der konkreten Situation für Sport oder eine Tafel Schokolade entscheiden muss.

    Ich selbst hatte noch keine allzu großen Gewichtsveränderungen. Ich habe 2005 zehn Kilogramm mehr gewogen als heute, aber das ließ sich durch Schwimmen, später auch Laufen ganz gut abbauen. Vorbild war übrigens die Bloggerin Kaltmamsell mit ihren 3.000-Meter-Schwimmeinheiten. Ich habe es im Sommer 2006 zuletzt auf 4.000 Meter auf einer 25-Meter-Bahn gebracht. Nach diesem Tag hatte ich es aber gründlich satt und bin dann zum Langstreckenlauf und zum Kieser-Training gewechselt 😉

  109. Pingback: Sichtbarkeit im Netz, nächstes Level | Aus Liebe zur Freiheit

  110. Hallo Antje,

    puh, das ist ja starker Tobak. Das mit mit dem Abnehmen und dem Gewicht halten ist doch eigentlich ’ne ganz einfache Sache.
    1. Gesamtenergieumsatz ermitteln
    2. Negative Energiebilanz über den Tag aufbauen, um abzunehmen, bzw. positive Energiebilanz, um Gewicht/Muskeln aufzubauen.
    3.Gesamtenergiebilanz ausgleichen um das Gewicht zu halten.

    Die meisten Menschen scheitern, weil die ihren Grund- und Gesamtenergieumsatz nicht kennen. In meinem Blog habe dafür alle notwendigen Tools hinterlegt.
    Dann gibt es die Menschen die zwar wissen, worauf es ankommt, aber nicht die notwendige Disziplin haben. Diese machen dann meist alle anderen und die Gesellschaft dafür verantwortlich. Quasi als Entschuldigung für ihr mickriges Ego.

    Wir alle sind Menschen und es liegt mir fern Übergewichtige zu diskrimineren, meine Frau ist selber stark übergewichtig, sie heißt übrigens auch Antje. Ich habe letztes Jahr mit dem notwendigen Wissen über 30 kg abgenommen und sogar Spaß dabei gehabt.

    Viele Grüße aus Dresden

    Sammy

  111. Ein wunderbarer Doku-Film, bei dem das ’sich zu dick fühlen‘ wohl in den Hintergrund treten dürfte:
    „Die mit dem Bauch tanzen“

  112. Pingback: Garbo statt Klum. Ein paar Gedanken zur Mittelmäßigkeit. | Aus Liebe zur Freiheit - Notizen zur Arbeit der sexuellen Differenz

  113. ich hab noch nicht mal alles gelesen (werde ich aber sicher noch tun), aber als erstes fällt mir da meine uralte gegenfrage ein: zu dick wofür jetzt genau?

    wenn ein mensch sich mit seinem gewicht mühelos bewegen kann ist selbiges extrem uninteressant für aussenstehende, also sich selbst bitte nicht so wichtig nehmen.
    ich kenne jede menge eigentlich emanzipierter und ansonsten selbstbewusster frauen, die mit linksgestrickten männern zusammen sind, die ich selbst nie als „dick“ bezeichnen würde (ihr jeweiliger lebenspartner macht das auch nicht). selbst wenn sie es in ausnahmen sogar sind, aber sogar das ist dann wg. deren persönlichkeit und ausstrahlung drittrangig.

    wenn ich höre dass z.b. ‚meine‘ vrouw, die auch von nichtinvolvierten als „lang und schlank“ bezeichnet werden würde, sich oft „zu dick“ findet (ich nicht!), obwohl sie früher als hardcore-emanze verschrien war, frage ich mich da schon was auch bei der selbst-sozialisation falsch gelaufen ist.
    ich hab als jugendlicher mit sicherheit mehr frauenzeitschriften als männer- oder motorsportmagazine gelesen, aber nie den scheiss geglaubt den die einem da indirekt eintrichtern wollen.

    dicke frauen sind entweder hübsch oder nicht (meist sogar eins von beidem oft nicht, nämlich DICK), aber immer noch interessanter für mich als jedes „tolle auto“ oder erfolgreiche playboys.

    hört doch einfach mal auf euch dauernd als zu dick zu empfinden, das nervt.

    und diskriminiert nebenbei auch wirklich übergewichtige frauen, die sich mit euch beneideten leichtgewichten vergleichen. wie sollen die sich denn fühlen wenn ihr schon angeblich zu dick seid?

    aber ich gebe zu, ich bin auch infiziert:
    ich selbst trage ein bierbauchimplantat aus silikon, um männlicher zu wirken.

  114. Viele Menschen finden sich „zu dick“, obwohl sie es eigentlich gar nicht sind… Ich dachte ewig, dass ich total übergewichtig bin und habe einen BMI Test gemacht und herausgefunden, dass ich noch Normalgewicht bin… Solche Tests dienen natürlich nur als Richtwerte (ich weiß) aber es hat mich trotzdem extrem motiviert! Toller Beitrag 🙂

  115. Der Artikel ist schon 4 Jahre alt, und ich verlinke ihn dennoch immer wieder, weil er so gut wiedergibt, wie ich über mein Zu-dick-sein und das ganze „Du musst dich schön finden“ denke.

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