Mein Sabbat-Experiment, erster Teil

Vor zweieinhalb Jahren bloggte ich hier, dass ich nie arbeite. Die Unterscheidung zwischen Arbeiten und Leben überzeugt mich in der Tat nicht mehr. Trotzdem hatte ich irgendwann das Bedürfnis, den ständigen alltäglichen Ablauf des Lebens mit seinen vielen Notwendigkeiten, Dringlichkeiten, Kleinigkeiten, Ablenkungen und so weiter irgendwie zu unterbrechen. Denn eine negative Seite hat das ständige Tätigsein durchaus, nämlich die, dass man immer etwas zu tun hat. Natürlich tue ich nicht ständig was, sondern tue manchmal auch nichts, aber das Nichtstun ist doch ständig mit der Möglichkeit behaftet, etwas tun zu können.

Eine heute beliebte Methode, mit diesem Trott umzugehen, ist, es auf die ständige Verfügbarkeit von Kontakten und Informationen zu schieben, die „das Internet“ mit sich bringt. Daher wohl die ganzen Experimente, „das Internet“ oder „das Handy“ oder „den Computer“ zu bestimmten Zeiten auszuschalten. Aber das finde ich zu kurz gedacht, oder zumindest funktioniert es bei mir nicht. Ich fühle mich nicht wohl, wenn „das Internet“ ausgeschaltet ist. Und ich sehe auch keinen Sinn darin, die inhaltliche Frage nach der Art und Weise, wie wir bestimmte Zeiten unterscheiden, zu einer Frage zu verkürzen, welche Geräte wir benutzen oder nicht.

Bei meinen Überlegungen landete ich dann beim Sabbatgebot oder in seiner christlichen Variante, der Sonntagsruhe. Man muss sich ja vielleicht nicht alles selber ausdenken und kann mal nachprüfen, was andere sich früher zu dem Thema gedacht haben. Wie könnte also das Gebot „Du sollst den Feiertag heiligen“ heute Sinn machen?

Die traditionelle Variante von „Du sollst am Sonntag nicht arbeiten“ kam für mich nicht in Frage, da ich ja eben sowieso nie arbeite. Ich musste also ein anderes Kriterium finden und landete bei dem Wort „heiligen“. Heilig ist das Gegenteil von profan, weltlich also. Wäre es möglich, an einem Tag in der Woche nichts „Weltliches“ zu tun? Und was könnte das bedeuten?

Ich bin dabei auf Folgendes gekommen. Ganz klar als „weltlich“ habe ich alle Tätigkeiten einsortiert, die irgendwie mit „Geld verdienen“ zu tun haben. Also: Alles was meine Erwerbsarbeit betrifft, alles, wofür ich bezahlt werde, auch alle damit zusammen hängenden Orga-Sachen. Die wollte ich an einem Tag in der Woche völlig sein lassen.

Schwieriger war es schon bei den unbezahlten Arbeiten. Da habe ich alles ausgeschlossen, was mit alltäglichen Notwendigkeiten zu tun hat, also Putzen, Einkaufen, Aufräumen, Reparieren, zur Ärztin gehen usw. Ausgeschlossen habe ich auch alles, was mit politischem Engagement zu tun hat:  Bloggen (und Kommentare moderieren), Sachbücher lesen, Nachrichten scannen, Veranstaltungen planen oder daran teilnehmen, zu Demos gehen….

Ein bisschen unentschieden war ich bei Dingen wie Kochen zum Beispiel. Aber gerade da hat mir die Unterscheidung von „profan“ versus „heilig“ weiter geholfen: Kochen ist okay, aber nicht bloß, damit es was zu essen gibt – dann lieber ins Restaurant gehen oder Reste von gestern warmmachen. Hingegen sich Zeit nehmen, um ein tolles Abendessen für Freundinnen und Freunde zuzubereiten, das ist ja alles andere als profan. Ähnlich beim Sport: Kein Fitness-Studio, kein Workout, aber gerne eine Wanderung zusammen mit anderen, ein einsamer Spaziergang oder eine gemütliche Runde Radeln. Oder Spaß haben im Schwimmbad (aber keine Bahnen schwimmen!).

Diese Unterscheidung zwischen „profan“ und „heilig“ hat mir sehr eingeleuchtet. Ich nahm mir vor, an einem Tag in der Woche nur noch Dinge zu tun, die „heilig“ sind, also wichtig für das gute Leben, aber nicht effizient. Nicht dringend. Nicht notwendig. Sondern einfach nur schön. Manchmal auch nichts, einfach herumliegen. In Ausstellungen oder Museen gehen. Freund_innen besuchen. Alte Fotos sortieren. Spielen. Filme gucken.

Aus Praktikabilitätsgründen habe ich mir dafür den Sonntag ausgesucht, weil da eh vieles zu hat und man also sowieso manches Alltägliche gar nicht machen kann.

Das Gute an so einem Vorsatz – zumindest für „fromme“ Leute wie mich – ist, dass der Bezug auf ein Sabbatgebot oder die Sonntagsruhe bedeutet, dass ich mich nicht einfach individualistisch für sowas entscheide, sondern in eine Tradition stelle. Damit ist im konkreten Fall der Rechtfertigungsdruck weg: Gott will das ja so, dass ich jetzt diesen dringenden Text nicht mehr fertig schreibe oder mein Zimmer aufräume. Ich darf das ja garnicht, es ist ja Sonntag.

Denn natürlich ist der Sonntag nicht der einzige Tag, an dem ich diese „heiligen“ Dinge tun kann. Ich kann auch an jedem anderen Tag der Woche schön Kochen, einen Roman lesen, mich mit Freundinnen treffen, Nichtstun. Der Punkt ist: Am Sonntag MUSS ich jetzt sowas tun, denn ich DARF gar nichts anderes tun. Während ich Alltags natürlich schon darauf achten muss, dass die alltäglichen Notwendigkeiten auch erledigt werden.

So, das waren meine Überlegungen vor einigen Monaten. Seither habe ich das ausprobiert. Jetzt, weil ich wegmuss, der Cliffhanger: Ihr dürft raten, was dabei rausgekommen ist. Hat es funktioniert? Hat es was gebracht?

(Hier geht’s zur Fortsetzung)

(Foto: Roberto Verzo/Flickr.com)

39 Gedanken zu „Mein Sabbat-Experiment, erster Teil

  1. Raten will ich nicht, nur einen Punkt „verschieben“.
    „Ich nahm mir vor, an einem Tag in der Woche nur noch Dinge zu tun, die […] wichtig für das gute Leben, aber nicht effizient. Nicht dringend. Nicht notwendig.“

    Doch, eben genau das ist NOTWENDIG (ist Care – oder von mir aus heilig.)
    Die letzten beiden Wörter in dieser Sequenz – „nicht notwendig“ – gehören da m.E. nicht hin.

  2. Interessante Idee. Schöner Kommentar von Silke, seh ich genauso. Und ich tippe darauf, dass du es nicht 100% eingehalten hast, aber weiterhin versuchst, und dir das Ganze auch in seiner 75%-igkeit sehr gut tut.

  3. @Silke – Ja, in einer weiteren dialektischen Drehung könnte man natürlich sagen, dass es notwendig ist, auch mal nichts Notwendiges zu tun, aber diese Drehung möchte ich hier bewusst nicht nachvollziehen. Kennst du meinen Text über Notwendigkeit aus dem neuen Grundeinkommensbuch?

    Ich möchte das „Heilige“ (blödes Wort, aber mir fällt grade noch kein besseres ein) genau von dieser Art des „Notwendigen“ unterscheiden, weil mir gerade in der derzeitigen „linken“ Debatte rund um das Grundeinkommen manchmal vorschnell alles Mögliche als „notwendig“ bezeichnet wird, sodass die Sorge für für das „wirklich Notwendige“ manchmal auf der Strecke zu bleiben droht. Einen Roman lesen oder Nichtstun ist jedenfalls auf eine ganz andere Art notwendig, als einem hungrigen Kind etwas zu essen machen. Mir ist diese Unterscheidung wichtig.

  4. Ich möchte jetzt nicht spekulieren wie das Experiment ausgegangen ist. Der Ansatz gefällt mir auf jeden Fall sehr gut. Im Begriff „heilig“ steckt auch das Wort „heilen“ mit drin.

  5. „Das Bedürfnis, den ständigen alltäglichen Ablauf des Lebens mit seinen vielen Notwendigkeiten, Dringlichkeiten, Kleinigkeiten, Ablenkungen und so weiter irgendwie zu unterbrechen“ – dieses Gefühl kenne ich sehr gut, es gipfelt bei mir im Ausruf: Wir müssen mal wieder einen Ausflug machen! Zur Zeit träume ich von einer herbstlichen Wanderung z.B. über die Weinberge der Hessischen Bergstraße und dem weiten Blick über die Landschaft, der durchaus „heilige“ Gefühle auslösen kann.

    Allerdings komme ich meistens nicht über die Phantasie hinaus…

  6. Da ich das selber so handhabe hoffe ich mal, dass es bei Dir auch so erfolgreich war 😉
    Bei mir hat das Ganze vielleicht einen anderen Hintergrund, wegen einer langen psychischen Krankheitsgeschichte, aber dieser „heilige Sonntag“ (Anmerkung: ich bin nicht gläubig) hat mich doch sehr weitergebracht. Ich hatte eben früher auch oft das Gefühl, wenn ich „frei“ hatte, dass ich ja doch aber etwas tun könnte oder müsste für die Uni oder Arbeit. Und am Anfang war das auch nciht immer angenehm nichts zu tun an einem Tag, wenn der Schreibtisch voll ist. Aber irgendwann gewöhnt man sich daran, dieser Tag ist einfach frei von Verpflichtungen, komme was wolle und es fühlt sich sehr gut an. Ich glaube schon, dass es mich dem Ziel ein ausgeglichener und gesunder Menschen zu sein sehr viel nähergebracht hat, aus dem einfach Grund weil ich mir damit einen Raum geschaffen habe, in dem es in Ordnung ist nichts zu tun, völlig ohne Schuldgefühle.

  7. Vielleicht ist es müßig, unter den Tätigkeiten und Nichttätigkeiten unterscheiden zu wollen. Notwendig sind sie alle. Aber sie alle brauchen ihren Platz im Gefüge. Es kommt also gar nicht darauf an, was getan wird, sondern in welchem Verhältnis es steht zu den anderen Tätigkeiten (und Nichttätigkeiten). Wenn alles ausgeglichen ist, jedes seinen Anteil bekommt, dann sind wir es auch. Sonst nicht.

  8. Sehe es auch so wie @Suedelbien –
    Das ‚Profane‘ tun und das ‚Heilige‘ nicht lassen, Leib und Seele nähren, weil alles seine Zeit hat:-)

    @Antje – das ‚Heilige‘ , ist es nicht auch das, was Du als Unverfügbares benennen würdest?
    Für mich gibt es auch im Profanen heilige Augenblicke, die ich als tiefe Lebendigkeit, Dankbarkeit, Wachheit
    erlebe. Solche Momente erfahre ich in bestimmten Begegnungen mit Menschen, in der Musik, in der Natur… Damit sich das so ereignen kann, braucht es wohl das, was du hier beschreibst: Die Unterbrechung des Alltäglichen, Gewohnten um dem Nichtalltäglichen, Ungewohnten (Heiligen?)
    Raum zu geben. Heilige Momente bedürfen der Frei-Räume. Ob der traditionelle Sonntag ein solcher sein kann oder andere bewusst gehaltene Zeiten ist dann vermutlich nicht entscheidend – oder?

  9. Spannend!
    Irgendwie hänge ich ja an diesem „Sonntags-ist-zu“ Ding oder einfach an der Tatsache, dass man sonntags eben nicht alles machen kann und der ganze Wahn mal kurz etwas runtergefahren wird.
    Und zwar mehr oder weniger kollektiv. Ich glaube, das ist auch das, was mich so am Sonntag hängen lässt, obwohl ich keinen religiösen Bezug dazu habe.
    Natürlich hat man auf der anderen Seite die Wochenend-Bespaßungs-Parallelwelt wo eben genau nicht „nichts“ getan wird sondern z.B. in der Gastronomie die Serviecekräfte flitzen müssen, damit die anderen sich erholen können 😉

    Was @Suedelbien schreibt, also dass man nicht unbedingt zwischen notwendig oder nicht-notwendigen Tätigkeiten unterscheiden muss, sondern für alles einen Platz im Gefüge finden sollte – ja, das ist ein guter Gedanke, finde ich.
    Ich arbeite oft am Wochenende incl. Sonntag, und habe dann Montags frei. Das habe ich mir als Freiberuflerin auch selbst so ausgesucht, und doch musste ich mir diesen freien Tag recht mühsam zu dem machen, was er sein soll: Ein Pausen-Tag zum Ausruhen.
    Das ist (mir erscheint es jedenfalls so) an einem Montag nicht so ganz selbstverständlich möglich wie an einem Sonntag, weil schon wieder die ganz normale Alltagshektik um einen herum statt findet.
    Man muss sich schon irgendwie bewusster „runterfahren“ als am Sonntag, wo (mehr oder weniger) alle das tun.
    Und da finde ich es wirklich spannend, zu lesen, wie andere das so für sich erleben, die auch nicht auf einen Pausen-Sonntag (heilig oder nicht…) festgelegt sind!
    Im Sommer habe ich im Ausland erlebt, wie es in Städten zugeht, wo jeden Tag rund um die Uhr alles auf und verfügbar ist. Das hat mich unheimlich gestresst. Und man verlor sich irgendwie in einer Beliebigkeit, einer Art Gleichgültigkeit. Es fehlte die Zäsur eines gemeinsamen „Ruhetages“ (mit allen Ausnahmen die wir hier natürlich auch haben, s.o.). Das mag aber auch alles Gewöhnungssache sein

  10. @Antje – „Hingegen sich Zeit nehmen, um ein tolles Abendessen für Freundinnen und Freunde zuzubereiten, das ist ja alles andere als profan.“

    Ja, weil es ein Dienst am anderen ist. Denn mit dieser Begründung hat Jesus selbst das strenge Feiertagsgebot seiner Religion gebrochen, gegen alle Vorschriften am Sabbat einen Kranken geheilt und erklärt:

    „Der Sabbat ist um des Menschen willen geschaffen worden und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (siehe Mk 2,23-Mk 3,6).

    Darin beteht das Revolutionäre des Christentums: die vermeintliche Opposition zwischen „heilig“ und „profan“ aufzubrechen. Der Dienst am anderen macht das profan erscheinende heilig. Sich daran am Sonntag – und vielleicht auch an allen anderen Tagen der Woche – zu erinnern, das wäre doch ein guter Gottesdienst…

  11. @dasrettende: Das finde ich (die am Sonntag über genau diese Stelle predigen muß) eine problematische Definition. Denn das könnte ja heißen, dass die, die karitativ arbeiten (erwerbs-arbeiten oder ehrenamtlich oder wie auch immer) nie eine Pause, einen Sabbat im jüdisch verstandenen Sinne haben.

  12. @Frau Auge – ja, das sehe ich auch so wie du. Das Brechen des Sabbats im Dienst des Menschen bedeutet Imho auch etwas anderes, nämlich dass man im fall des Falles die konkrete Situation wichtiger nehmen sollte als das abstrakte Gebot.

    Ich finde es aber interessant, das jetzt schon viele Kommentierende hier die Trennung zwischen „profan“ und „heilig“ aufheben möchten, zumal bei den „guten“ profanen Dingen wie eben Care oder andersrum, die das „heilige“ (Nichtstun) als notwendig betonen und damit letztlich „profanisieren“.

    Ich denke aber, es ist wichtig, beides zu unterscheiden (zu können), auch wenn man sie nie klar definitorisch voneinander abgrenzen kann.

  13. @Frau Auge

    Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, welche „Definition“ Sie meinen. Die von Jesus? Vielleicht können Sie das kurz ausführen.

    Ich verstehe auch nicht, wie das, was ich geschrieben habe, heissen könnte, dass karitativ Arbeitende nie eine Pause haben. Jesus sagt einfach nur (und das meiste, was Jesus sagt, ist einfach), dass der Dienst am anderen über der Einhaltung sakraler Vorschriften steht, und fragt an derselben Stelle rhetorisch: „Soll man am Sabbat Gutes tun oder Böses tun, das Leben erhalten oder töten?“

    Vgl. dazu auch, was Jesus zur Opferpflicht sagt: „Wenn du nun deine Gabe darbringst zu dem Altar und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh vorher hin, versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und bring deine Gabe dar!“ (Mt 5,23-24)

    Menschlichkeit geht vor Frömmelei, das ist alles.

    @Antje – „@Frau Auge – ja, das sehe ich auch so wie du.“

    Wie gesagt, mir ist nicht ganz klar, worin Frau Auges Kritik an meiner Aussage besteht.

    „Das Brechen des Sabbats im Dienst des Menschen bedeutet Imho auch etwas anderes, nämlich dass man im fall des Falles die konkrete Situation wichtiger nehmen sollte als das abstrakte Gebot.“

    Das ist ungefähr das, was ich gemeint habe. Nur dass ich „konkrete Situation“ etwas zu vage bzw. neutral finde, wenn Jesus explizit vom „Guten“ spricht. Es geht darum, Gutes zu tun, und das Gute und das Vorgeschriebene vertragen sich manchmal nicht so gut.

  14. @Frau Auge:
    Wenn diejenigen, die die karitativen Arbeiten machen, genügend Anerkennung, Erholung und Ausgleich zu ihrer Tätigkeit bekommen, fände ich das recht unproblematisch, ganz egal an welchem Wochentag sie die Pause haben (Wunschdenken…ich weiss!).
    Es ist vielleicht auch ein Unterschied, ob jemand in der Freizeit ehrenamtlich in der Pflege hilft und darin eine persönliche Erfüllung, vielleicht sogar etwas „heiliges“ findet, oder ob jemand unter härtesten Bedingungen diesen Job permanent machen muss. Was nicht automatisch heisst dass dieser Mensch nicht trotzdem hingebungsvoll und mit Liebe die „Care“ verrichtet.
    Also kann „Care“ auf der einen Seite purer Streß, Ausbeutung und somit „nicht gut“ (damit beziehe ich mich auf Antje`s Hinweise auf die „gute“ Care) und ggf. „profan“ sein – auf der anderen Seite der „gute“, ggf. „profane“ aber vielleicht auch „heilige“ Dienst am Menschen?
    Ich finde diese Unterscheidungen von „profan“ vs. „heilig“ wirklich schwierig, weil so schnell auch Wertungen hinein fliessen können.
    Mir kommt es so vor, dass man immer noch dazu neigt, bestimmte Tätigkeiten mit bestimmten Wertungen und Attributionen zu versehen – und dann daraus Generalisierungen abzuleiten oder eben „abstrakte Gebote“, die dann diese oder jene Ausnahmen erlauben oder eben auch nicht.
    Vielleicht stellt man immer häufiger diese „Gebote“ (egal ob weltlich oder kirchlich-religiös) in Frage, weil sie einfach nicht mehr passen, nicht mehr den individuellen Bedürfnissen der Menschen entsprechen?
    Tätigkeiten, eigentlich egal welche (und auch das nichts-tun), können für den einen Menschen entspannend sein, für andere sind sie lästig oder gar unangenehmer Zwang und negative Belastung.

  15. @Sternenguckerin – „Tätigkeiten, eigentlich egal welche (und auch das nichts-tun), können für den einen Menschen entspannend sein, für andere sind sie lästig oder gar unangenehmer Zwang und negative Belastung.“ – Ja, aber das hat, glaube ich, nichts mit der von mir gemeinten Unterscheidung zu tun. Eher wäre ein Ziel, dass alle Menschen ihre alltägliche und notwendige Arbeit als angenehm empfinden, also sich eine Arbeit wählen können, die ihren Neigungen entspricht, die sie bewältigen können udn sinnvoll finden etc. Aber auch wenn all das gegeben ist, bleibt es „Profane“, also auf die „Welt“ bezogene Arbeit. Also bei mir jedenfalls ist es so, dass die Dinge, die ich „Alltags“ tue, mich nicht belasten oder mir unangenehm sind. Und trotzdem habe ich das Bedürfnis einer Pause davon.

  16. @dasrettende – Die Gegenüberstellung von „Gut“ und „Vorgeschrieben“ überzeugt mich nicht, weil Vorschriften ja „Gutes“ wollen, und wenn sie schlecht sind, sollte man imho gleich die ganze Vorschrift ändern anstatt sich einfach nicht dran zu halten. An der Stelle kommt für mich die konkrete Situation ins Spiel, denn dann kann eben ein Vorschrift, die „eigentlich“ gut ist, in der konkreten Situation sich kontraproduktiv auswirken. Dann bleibt es in der Entscheidung derjenigen, der mit der konkreten Situation konfrontiert ist, zu entscheiden, ob die Vorschrift in diesem Fall mal nicht gelten soll.

    Was den Einwand von @frauauge betrifft: Ich hatte es so gelesen, dass die Gegenüberstellung von „Arbeit“ (am Sabbat nicht) und „Dienst am Nächsten“ (am Sabbat doch) problematisch ist, weil eben viele Leute im Bereich „Dienst am Nächsten“ arbeiten. Ich verstehe die Stelle auch eben nicht so, dass der Fokus auf dem DIenst am Nächsten liegt, denn es geht um den Sabbat: DER ist es, der dem Menschen dienen soll und nicht andersrum. Also die Frage, die zu stellen wäre: Nützt das Sabbatgebot, so wie ich es auslege, den Menschen oder nützt es ihnen nichts oder schadet ihnen vielleicht sogar?

    Aber darüber wird in Folge zwei noch die Rede sein :))

  17. @Antje – „Die Gegenüberstellung von “Gut” und “Vorgeschrieben” überzeugt mich nicht, weil Vorschriften ja “Gutes” wollen, und wenn sie schlecht sind, sollte man imho gleich die ganze Vorschrift ändern anstatt sich einfach nicht dran zu halten.“

    Ja, klar sollte man das. Aber Jesus hat eben nicht gewartet oder einen Gesetzentwurf eingebracht, sondern den Kranken zum Entsetzen der religiösen Nomenklatura am Sabbat geheilt und damit Barmherzigkeit walten lassen. Heute sind wir so weit, dass selbstverständlich alle für das Wohl des Menschen unentbehrlichen Institutionen an allen Tagen geöffnet sind. Somit ist das individuelle Handeln Jesu quasi institutionalisiert worden. Das wohl berühmteste Krankenhaus Deutschlands, die Charité, trägt noch heute die Barmherzigkeit im Namen, wie auch eine angesehene Wohltätigkeitsorganisation, die Caritas.

    „Ich verstehe die Stelle auch eben nicht so, dass der Fokus auf dem DIenst am Nächsten liegt“

    Wie soll man die Heilung eines Kranken anders verstehen als einen Dienst am Nächsten?

    „Also die Frage, die zu stellen wäre: Nützt das Sabbatgebot, so wie ich es auslege, den Menschen oder nützt es ihnen nichts oder schadet ihnen vielleicht sogar?“

    Ja, das ist die Frage, die Jesus stellt. Und seine Antwort lautet: Der Sabbat schadet, wenn er dazu führt, das Menschen leiden.

    Abgesehen davon wollte ich Sie ja nur loben, weil Sie am Sonntag Essen für Ihre Freunde kochen. Denn das ist doch eine gute Tat.

  18. @Antje – „..Aber auch wenn all das gegeben ist, bleibt es “Profane”, also auf die “Welt” bezogene Arbeit.
    Das würde ich gerne besser verstehen.
    Auf was soll und kann sich unser Tun denn sonst beziehen als auf die „Welt“?
    Gibt es denn ein anderes Tun und Arbeiten, welches über ‚diese Welt‘ hinaus geht?

    Bedarf es nicht zuallererst des Profanen wie eben des Dienstes am Nächsten, damit , wie @dasrettende und @sternenguckerin auch sagen, ‚das Heilige‘ darüber erfahrbar werden kann ? Also über das in-Beziehung- sein mit Mensch und Natur?

  19. @dasrettende – „……Und seine Antwort lautet: Der Sabbat schadet, wenn er dazu führt, das Menschen leiden.“ Nein, nicht der Sabbat schadet, sondern die Auslegung zum Sabbat ist es, was Schaden anrichten kann. Meine Auslegung geht dahin, dass alles, was wir an Regeln und Ordnungen ersinnen dem guten Leben aller dienlich sein sollte. So wie ich deine Ausführungen verstehe, siehst du das nicht anders.
    Mir ist dieses: „Der Sabbat ist für den Menschen da“ zu einer Art von Lebensgeländer geworden, und ich bin auf Antjes Fortsetzung gespannt. 🙂

  20. @Ute Plass

    Ja, so sehe ich das auch. Es geht natürlich um die Auslegung des Sabbat. Jesus will die Gebote nicht abschaffen, sondern ruft im Gegenteil in Erinnerung, dass sie dazu da sind, dem Guten zu dienen anstatt dem Bösen. Und die Nächstenliebe ist aus der christlichen Perspektive das Höchste der Gebote, wie es, falls noch ein Zitat benötigt wird, bei Markus heisst (übrigens unter Berufung auf das Alte Testament, also die jüdische Tradition):

    »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als dieses.“ (Mk 12,31)

  21. @dasrettende – ob Jesus Gebote abschaffen wollte oder nicht, weiß ich nicht. Das ist aber für mich nicht der Punkt, sondern, die von mir aus dem sog. Sabbatgebot herausgelesene Erkenntnis, dass, wie du sagst, dieser jesuanische Ausspruch darauf hinweist, dass ‚der Sabbat für den Menschen da ist und nicht umgekehrt‘. Da ist die konkrete Utopie, der ich gerne Folge leisten will.:-)

  22. @uteplass – ja, das ist dann eben die Frage nach der Transzendenz, oder nach Gott. Ich nenne das so, meine damit aber vielleicht gar nichts „Jenseitiges“, sondern es ist vielleicht vergleichbar mit der Unterscheidung zwischen „Realität“ und „Realem“ bei den Italienerinnen. Die Realtiät, so wie wir sie in den gegebenen Verhältnissen nun mal vorfinden, und das „Reale“ dahinter, das was „eigentlich“ oder „wirklich echt“ ist.

  23. @Antje -bedeutet die Unterscheidung, wie sie die italienischen Philosophinnen zu ‚Realität und Realem‘ treffen, dass die vorgefundenen realen Verhältnisse dazu herausfordern, das dahinter sich verbergende Reale, Eigentliche, Wesentliche mit zu ergründen um damit die Realität für’s gute Leben aller mitgestalten
    zu helfen? So weit weg wäre das dann wohl nicht von dem, was hier bereits in einigen Kommentaren
    zum Profanen und Heiligen und seiner gegenseitigen Bedingtheit gesagt wurde.

    Du schreibst: „ja, das ist dann eben die Frage nach der Transzendenz, oder nach Gott.“
    Das brachte mich auf den Gedanken nochmal in deinen Blog hier reinzuschauen:
    https://antjeschrupp.com/2013/01/01/nachklapp-zum-thema-gott-oder-was-auch-immer/
    in dem du erklärst, warum du das Wort „Gott“ für dich weiterhin gut gebrauchen kannst.
    Immer noch spannend zu lesen, da es darin auch um die Suche nach neuen Wortschöpfungen
    zum Thema ‚Gott‘ geht.

  24. @Ute – Ja, so in etwa. Die Realität ist auch oft voller Fiktion und Illusionen, die das Reale verschleiern können. Von daher stimmt das mit der gegenseitigen Bedingtheit natürlich, aber die Notwendigkeit der Unterscheidung bleibt. Gegenseitige Bedingtheit ist ja etwas anderes als Eins-Sein.

  25. @Antje:
    Du schreibst: „Eher wäre ein Ziel, dass alle Menschen ihre alltägliche und notwendige Arbeit als angenehm empfinden, also sich eine Arbeit wählen können, die ihren Neigungen entspricht, die sie bewältigen können und sinnvoll finden etc.“
    Oh ja, das wäre schön!

    Nochmal was von Dir:
    „Also bei mir jedenfalls ist es so, dass die Dinge, die ich “Alltags” tue, mich nicht belasten oder mir unangenehm sind. Und trotzdem habe ich das Bedürfnis einer Pause davon.“
    Das ist toll! Das kann ich nicht so ohne weiteres von mir sagen.
    Mal sehen was für eine Pause es bei Dir wird!

    zu „profan“ vs. „heilig“:
    Als nicht-religiöser Mensch benutze ich Begriffe wie „profan“ oder „heilig“ vielleicht auch mit einer anderen Konnotation wie jemand, der aus religiöser Tradition heraus diese Worte benutzt.
    Für mich liegen beide Begriffe als Möglichkeit in jeder Tätigkeit.
    So etwas „profanes“ wie Putzen kann mich, weil ich gerne in Stille vor mich hin wurschtele, tief „zu mir“ oder überhaupt in tiefe innere Versenkung führen, die mich „pausieren“ lässt von allem anderen. Dadurch wird die Tätigkeit an sich natürlich nicht „heilig“, aber sie gibt mir Raum für Gedanken – was mich entspannt und ruhig werden lässt.

  26. Nur noch schnell ich: Ja, ich hatte es so gemeint, wie Antje schrieb: wenn am Sabbat der Dienst am Nächsten unbedingt geboten ist, dann haben die Karitativen nie Pause – weil es in unserem Bereich IMMER etwas zu tun gibt, was der_die Nächste braucht.
    Das kann Jesus nicht gewollt haben, schließlich zog auch er sich regelmäßig in die Wüste zurück und war dort wochenlang – obwohl er in der Zeit ja wohl viel nutzbringender hätte heilen, predigen und Brot vermehren können. Bedarf hatte es sicher genug.

  27. @Frau Auge – „…-weil es in unserem Bereich IMMER etwas zu tun gibt, was der_die Nächste braucht.“
    Ja, wie wahr. Die Frage ist auch immer, was als nächst‘ Notwendiges und Wichtiges getan werden muss?
    Hierzu passt Antjes Beitrag in: http://www.bzw-weiterdenken.de/2013/10/entscheidungen-treffen-verantwortung-uebernehmen/
    Im Moment ist es bei mir, das sich Mitkümmern für eine Mahnwache gegen die unmenschliche Abschottungspolitik der EU-Staaten. http://www.proasyl.de/

  28. Sehr aufschlussreich die Bibelstelle zum Sabbatgebot:
    2.Mose 20,8-11 Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.
    Diesen Text im Kontext seiner Entstehung zu interpretieren, macht deutlich, wie sinnvoll ein solches Sabbatgebot gewesen ist und seine Gültigkeit bis heute nicht verloren hat, weil es sich um Schutzrechte ‚für abhängig Beschäftigte‘ (Mensch und Tier) handelt(e).
    „Gott“- Vorkämpferin und erste GewerkschafterIn für Arbeiter_innen-Rechte!?:-)

  29. Pingback: Woanders – diesmal mit einem fetten Plus, Kraków, Spielregeln und anderem | Herzdamengeschichten

  30. Als Jüdin kann ich aus der Praxis ein paar Worte zu unserem Schabbatgebot bringen: wir halten Schabbat und das bedeutet, daß dann wirklich NICHTS gemacht wird – ausser mit Menschen zusammen zu sein, Freunde, Bekannte, Fremde zum Essen einzuladen (das vor Schabbat vorbereitet wird), zu reden, zu singen, zu relaxen, spazierenzugehen, zu lesen, zu schlafen. Kein Handy, kein Telefon, kein Computer, kein Radio, kein Wäschwaschen, bügeln, staubsauben, rumkramen, sortieren, Gedanken machen über was morgen… einfach „Auszeit“.
    Und das ist in unserer Welt, die so dominiert wird von dem emphatiearmen männlichen Prinzip des „Dauerjagens“, an dem am liebsten rund um die Uhr ohne Pause gearbeitet werden soll, ein absolut aussergewöhnlicher und wichtiger Tag. Und ja, im Text (2.Mose 20,8-11) wird der Knecht und die Magd, und der, der auf der Durchreise ist und vielleicht nicht einmal zum „Stamm“ gehört, mit einbezogen – damit ja keiner auf die Idee kommt, andere an dem Tag für sich arbeiten zu lassen. Der Mensch ist ja erfindungsreich ;). Das Gebot ist also umfassend und bezieht immer den Anderen mit ein, weist also über mich ich ich hinaus…

    LG
    Judith

  31. @Frau Auge

    Was würden Sie mit einem Verletzten tun, den Sie am Sonntag auf der Strasse finden? Sicher nicht liegen und sterben lassen, um das Sabbatgebot zu befolgen. In diesem Sinne ist der Dienst am Nächsten immer geboten, also auch am Sabbat. Damit hat Jesus selbstverständlich nicht gemeint, dass karitativ arbeitende Menschen ununterbrochen schuften müssen. Das habe ich auch gar nicht behauptet, sondern lediglich gesagt, dass es des Sonntags würdig wäre, sich an diesem Tag – wie bestenfalls auch an allen anderen Tagen – daran zu erinnern, dass es nichts „heiligeres“ als den Dienst am Nächsten gibt.

  32. @Judith:
    Ich hatte es schon an anderer Stelle geschrieben – ich bin nicht religiös und kann, wenn vor religiösem Hintergrund argumentiert wird, nicht wirklich „qualifiziert“ mitreden, da mir das ganze Regelwerk nicht vertraut ist.
    Dennoch kennt (so empfinde ich das jedenfalls) jeder Mensch für sich persönlich gewisse Dinge/Tätigkeiten, die ihm „heilig“ sind – die also einen hohen Stellenwert geniessen – aber eben auch immer nur im jeweiligen individuellen Kontext.
    Dagegen gibt es gesellschaftlich reglementierte Hierarchien/Wertungen von Tätigkeiten, egal ob weltlicher oder religiöser Natur.
    Und mit dieser Einteilung, der „Hierarchisierung“ und Wertung dieser Tätigkeiten habe ich manchmal Probleme, weil sie (m. Mng. nach) die Individualität übergehen oder faktisch an der Lebensrealität vieler Leute vorbei gehen.
    Vielleicht ist es banal, aber was, wenn man nun perfekt beim Bügeln entspannt? Oder mit Sport?
    Kriegt man dann mit dem Schabbat-Gebot ein Problem?
    Wie gesagt, ich bin da ein totaler Laie.

    Ich denke, man ist sich weitestgehend einig darüber, dass man hilft, wenn es um die Rettung verletzter Mitbürger geht, die man an einem „heiligen“ Tag auf der Straße findet 😉

    Aber es ging ja um die Auszeiten, um das „Aussteigen“ und eine Pause finden von dem, was man sonst so tut. Ich frage mich einfach, ob es nicht schöner wäre, wenn jedem selbst überlassen bleibt, wie, wann und womit „pausiert“ wird. Religiöse Gebote und „heilige“ Tage können ja auch in einer Auszeit berücksichtigt werden, es sei denn, man möchte vielleicht sogar bewusst aus diesen Geboten ausbrechen und ausprobieren, wie sich ein Leben ohne sie anfühlt – oder auch umgekehrt!

  33. Pingback: Mein Sabbat-Experiment, zweiter Teil | Aus Liebe zur Freiheit - Notizen zur Arbeit der sexuellen Differenz

  34. @Sternenguckerin

    Zuerst einmal ist es jedem Juden, wie religiös auch immer, erlaubt, im Ernstfall – bei Notfällen, Unfällen, Geburten etc. – das Schabbatgebot zu brechen. Man wird keinen Menschen, der sich ein Bein gebrochen hat, ein Kind, das beunruhigende Symptome zeigt, oder eine Frau, deren Wehen einsetzen, bis nach Schabbat warten lassen, um diese ins Krankenhaus zu bringen. Dann kann man alle Verbote aussetzen, telefonieren, Auto fahren etc.
    Das Judentum ist FÜR den Menschen, nicht gegen ihn ;).

    Das mit dem selbst überlassen ist so eine Sache, so wie Individualität so eine Sache ist – wir haben eine extrem individualisierte Gesellschaft in Westeuropa und Nordamerika, die ihre guten und schlechten Seiten hat. Natürlich ist es einerseits sehr attraktiv, alles für sich selbst entscheiden zu können, wann man will und was man will, aber andererseits führt dies natürlich auch zu neuen Konflikten.
    Wir dürfen nicht vergessen, wie die Individualisierung, auf welchem Hintergrund, sie entstanden ist – auf dem Hintergrund einer autoritären Gesellschaft, in der kaum jemand Mitspracherecht hatte und etwas für sich entscheiden konnte – ob er/ sie heiraten wollte oder nicht, Kinder haben oder nicht, wie, wo, was arbeiten usw. Da war die gesamte Liberalisierung zunächst ein immenser Befreiungschlag. Andererseits müssen wir auch zugeben, dass die Individualisierung wohl auch zu viel Einsamkeit führt.

    Was nun das Judentum angeht, so ist es heute ja so, dass wir sehr viele unterschiedliche Strömungen haben, und so auch Strömungen, für die es kein Übertreten des Schabbatgebotes bedeutet, am Schabbat Sport zu machen u.ä., also Dinge zu tun, die für orthodoxe Juden eher nicht vorstellbar sind. Aber das Judentum heute ist ja ein „freiwilliges“ Judentum, denn wir haben zum Glück keine Getthos mehr, in die man uns einsperrt und wir können, wenn wir wollen, dem religiösen Judentum sogar ade sagen und uns vollkommen in der säkularen Gesellschaft auflösen. Auch das ist möglich.

    Für mich persönlich ist der Schabbat eher ein Tag, an dem ich eben die Dinge nicht tue, die ich ansonsten tue, sondern das, was „klassisch“ ist. Und für mich fühlt sich das gut an. Ich möchte eben an diesem Tag nicht bügeln (müssen), das tue ich doch schon an den anderen. Es ist ein Tag, an dem all diese banaleren Tätigkeiten beiseite gelegt werden um Platz zu machen für anderes. Hätte ich den Schabbat nicht, würde ich vermutlich keine Pause machen, denn ich habe immer viel zu viel zu tun.
    Diese Art des Schabbathaltens ist zudem auch gruppenbildend, identitätstiftend und das ist etwas sehr Schönes. Es gibt das Sprichwort: „Mehr als das Judentum den Schabbat bewahrt hat, hat der Schabbat das Judentum bewahrt“.

    Ich würde aber anderen meine Meinung nicht aufdrängen, jeder muß eben auch hier heute für sich entscheiden und das finde ich auch sinnvoll, denn sonst ist es lediglich eine Bürde.

  35. @Judith:
    Vielen Dank für die ausführliche Antwort!
    Ich hatte aus Neugierde auch schonmal ein bisschen zu Sport und Sabbat gelesen, und von den verschiedenen Auslegungen und Strömungen gelesen. Spannend!
    Ich hatte ja selbst auch schon geschrieben, dass sicher ein Konsens herrscht, wenn es um Hilfe in Notsituationen gibt (=haben Prioriät), da stimmen ja eigentlich alle überein, die hier kommentiert haben.

    Du schreibst zum Thema selbst entscheiden dürfen und Individualität:
    „Da war die gesamte Liberalisierung zunächst ein immenser Befreiungschlag. Andererseits müssen wir auch zugeben, dass die Individualisierung wohl auch zu viel Einsamkeit führt.“
    Dazu denke ich:
    Menschen können überall einsam sein.
    Individualismus kann zu Einsamkeit führen, da stimme ich zu. Genauso wie man in einer Gruppe einsam sein kann, wenn man innerlich nicht wirklich verbunden ist.
    Ich kann nicht wissen oder gar beurteilen, ob mehr Menschen durch steigenden Individualismus einsamer sind.

    „Hätte ich den Schabbat nicht, würde ich vermutlich keine Pause machen, denn ich habe immer viel zu viel zu tun.“
    Ja, so geht es mir ja mit dem Sonntag, auch wenn der für mich oft aus beruflichen Gründen nicht existiert und oft auf andere Wochentage verschoben wird.
    Ohne einen „fixierten Sonntag“ ist es manchmal schwieriger, es erfordert eine gewisse Disziplin, Pausen auch ohne äusseren Rahmen oder ein Gebot zu machen.
    Aber man kann dran arbeiten und eigene Rhythmen suchen, die einem gut tun, und je älter ich werde, umso mehr merke ich, dass ich besser auf meine Pausen achten muss 😉

    Natürlich ist auch das nur meine ganz eigene Variante, und das tolle, wie Du es ja auch schreibst:
    Heute darf man mehr und mehr selbst entscheiden, wie man es halten will.
    Eine echte Errungenschaft, finde ich jedenfalls.

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