Aus dem Scheitern lernen, aber das Richtige

Die Tage gab es zwei Anlässe, um über ein Scheitern von Frauen an der Parteipolitik zu diskutieren. Susanne Gaschke ist als Oberbürgermeisterin von Kiel zurückgetreten (hier ist ihre Rücktrittsrede zum Nachlesen, hier spricht sie in einer Talkshow darüber), und Yasmina Banaszczuk ist aus der SPD ausgetreten (hier ihre Begründung).

Ich kenne in beiden Fällen die Hintergründe der Ereignisse nicht im einzelnen, was mich hieran jedoch interessiert, ist die Art und Weise, wie über diese Ereignisse diskutiert wurde. Denn es handelt sich keinesfalls um Einzelfälle. Ähnliche Geschichten habe ich schon vielfach gehört, wenn ich mit Frauen ins Gespräch kam, die parteipolitisch engagiert sind (oder waren).

Dass es ein weit verbreitetes Unbehagen über die Strukturen, die Gewohnheiten, die Verfahrensweisen und den Habitus in politischen Parteien gibt, vor allem (wenn auch natürlich nicht nur) unter Frauen, ist doch vollkommen offensichtlich. Aber offenbar gibt es ein Tabu, das auszusprechen und zum Thema zu machen. Es ist quasi so, als würde ein riesiger Elefant mitten im Zimmer stehen, aber alle schauen angestrengt links und rechts dran vorbei oder halten sich die Augen zu. Davon geht der Elefant aber nicht weg.

Wie sehr es tabuisiert ist, auszusprechen, dass die Krise der Parteipolitik auch Ausdruck eines Konfliktes zwischen Frauen und Männern über die Frage ist, wie Politik sein sollte, wurde an den geradezu panischen Reaktionen auf Gaschkes Rücktrittsbegründung deutlich. Die Tagesthemen nannten sie eine aggressive Abrechnung, der Focus schrieb von einer Krawallrede, landauf landab war man sich einig, dass das unmöglich war. Ich fand es eigentlich eine ganz normale Rede, wie gesagt, ähnliche Erfahrungen und Bewertungen habe ich schon von zig parteipolitisch aktiven Frauen gehört. Das Neue daran war nur, dass es diesmal eine Oberbürgermeisterin war, die es in einer öffentlichen Rede so deutlich formuliert hat.

Ein Grund für diese merkwürdige Wahrnehmungsstörung in der öffentlichen politischen Debatte scheint mir zu sein, dass Frauen in der Politik nach wie vor entweder als Neutren wahrgenommen werden oder aber – wenn ihr Frausein thematisiert wird – als Opfer. Aber vor dieser Folie lässt sich das Phänomen nicht greifen.

Wenn zum Beispiel Christiane Hoffmann im Spiegel Gaschke vorwirft: „Für die Sache der Frauen und die Diskussion um Frauen in Führungspositionen ist es nicht zuträglich, wenn Frauen wie Gaschke in einem wichtigen politischen Amt scheitern. Noch weniger zuträglich ist es, wenn sie ihr Scheitern auch noch damit begründen, dass sie Frauen sind.“ – dann bewegt sie sich noch tief in den 1980ern. Inzwischen sind wir längst über die Zeiten hinaus, in denen Frauen sich durch besonderes Wohlverhalten ihre Berechtigung, als politische Subjekte ernst genommen zu werden, erst verdienen mussten (und entsprechend Frauen, die sich „falsch“ verhalten, diese Berechtigung gefährden). Wir sind bereits in dem Stadium, wo die Parteien (und, btw., andere historisch exklusiv männliche Organisationen auch) zeigen müssen, dass sie auch für Frauen interessant sind. Ansonsten verlieren sie nämlich ihre Existenzberechtigung.

Ähnlich am Thema vorbei argumentiert Stefan Reinecke in der taz, der ebenfalls vehement verneint, dass Gaschke gescheitert wäre, weil sie eine Frau ist – schließlich würden Angela Merkel und Ursula von der Leyen ja auch nicht scheitern. Aber, kleiner Service, Frauen verhalten sich unterschiedlich, sie haben unterschiedliche Absichten und Ziele und auch unterschiedliche Strategien. Richtig ist, dass Gaschke nicht an voremanzipatorischer Frauenfeindlichkeit gescheitert ist, sie hätte sich auch anders verhalten können und wäre dann – möglicherweise – nicht gescheitert. Das bedeutet aber nicht, dass hier die Geschlechterdifferenz vollkommen unerheblich war.

Zumal Reineckes eigene Analyse praktisch eins zu eins wiedergibt, wo genau die Konfliktlinien verlaufen, wenn er schreibt: „Dieser Fall zeigt lehrbuchhaft, was PolitikerInnen in Krisen auf keinen Fall tun dürfen. Erstens: besser keine tränenreiche öffentliche Rede halten, denn das macht die Sache erst recht spektakulär. Zweitens: lieber nicht gegen die eigene Partei wüten, denn das wirkt, als wolle man die Schuld anderen aufhalsen. Drittens: besser nicht die Presse beschimpfen. Denn das ermuntert Journalisten erst recht, nachzulegen. … Wer keine höhnischen Zeitungskommentare über sich lesen will, wird besser nicht OberbürgermeisterIn.“

Was aber, wenn es unterschiedliche Ansichten darüber gibt, was „Politiker tun dürfen“ und was nicht? Was, wenn manche es vielleicht falsch finden, dass in der Politik keine Tränen erlaubt sind? Oder es überhaupt nicht normal finden, dass Journalisten unter der Gürtellinie „nachlegen“, wenn ihnen an einer Politikerin was nicht gefällt (oder sie glauben, dadurch Auflage und Klickzahlen zu machen)?

Mich erinnerte diese Passage an einen Einwand, den manche bürgerlichen Frauen im 19. Jahrhundert ihren Geschlechtsgenossinnen entgegen hielten, die für den Zugang von Frauen zur Parteipolitik kämpften. Zum Beispiel kritisierte Harriet Beecher Stowe im Jahr 1872 die Ankündigung von Victoria Woodhull, für die Präsidentschaft der USA zu kandidieren, mit folgenden Worten:

„Wer immer auch Präsident der Vereinigten Staaten werden will, muss sich darauf einstellen, dass sein Charakter in Stücke gerissen wird, dass er verletzt, geschlagen und mit Schmutz überzogen wird von jedem unflätigen Blättchen im ganzen Land. Keine Frau, die nicht wie ein alter Putzlumpen durch jede Gosse und jedes dreckige Wasserloch gezogen werden will, würde jemals einer Kandidatur zustimmen. Es ist eine Qual, die einen Mann umbringen kann. Was für ein unverschämtes Luder von einer Frau muss das sein, die so etwas aushält, ohne dass es sie umbringt?“

Damals waren Frauen noch explizit, also allein aufgrund ihres Frauseins, von Parteien und politischen Ämtern ausgeschlossen; sie konnten nicht wählen und auch nicht gewählt werden. Und zwar nicht einfach, weil die Männer, als sie für ihresgleichen die Demokratie erfanden, die Frauen quasi aus Unachtsamkeit vergessen hätten. Die meisten Menschen (auch die meisten Frauen) glaubten damals, dass Frauen sich mit diesem „schmutzigen Geschäft“ nicht einlassen sollten. Es ist schon erstaunlich, wie dieses Argument – die Politik ist eben so, damit muss eine Frau leben, wenn sie da mitspielen will – sich eins zu eins in gleichberechtigte Zeiten herübergerettet hat.

Nein, heute ist das Thema, dass wir genau das nicht länger akzeptieren wollen. Es geht darum, die Spielregeln zu ändern (genauer gesagt, ging es auch schon Frauen wie Victoria Woodhull darum, das ist nur im Zuge der Gleichstellungsfixiertheit im Emanzipationsfeminismus in Vergessenheit geraten). Wir wollen Präsidentin sein und Oberbürgermeisterin (naja, wenigstens einige von uns) ohne die Umstände, die bislang für diese Ämter galten, länger hinzunehmen. Wir wollen die Spielregeln ändern.

Die interessante Frage ist heute, wie das gehen kann. Gutmeinende Männer (und auch so manche Frau) geben uns den Ratschlag, das System quasi von innen heraus zu verändern. Zum Beispiel schrieb Nico Lumma in seiner Entgegnung auf den SPD-Austritt von Yasmina Banaszczuk, wer etwas ändern wolle, müsse „beim Organisieren von Mehrheiten und Aufmerksamkeit besser … werden. Das geht leider nur mit einem dicken Fell und Beharrlichkeit.“

Der Punkt ist nur, dass wir das jetzt schon seit dreißig, vierzig Jahren versuchen, mit sehr mäßigem Erfolg. Nicht einmal bei den Grünen, die seit Jahrzehnten eine 50-Prozent-Quote haben, hat sich wirklich etwas an den Mechanismen verändert. Und kulturell hat sich erst recht nichts geändert, wie man an dem desolaten Frauenanteil von Parteien sieht, die sich mit Postgender-Tomaten auf den Augen für „geschlechtneutral“ halten.

Nein, die Anpassung an die Spielregeln bringt uns nicht weiter, soviel ist klar.

Allerdings: Das Anklagen und Einfordern von Veränderungen an die Adresse von „denen da oben“ hilft uns genauso wenig weiter. Das hat Julia Seeliger in ihrer (wenn auch meiner Meinung nach unnötig polemischen) Erwiderung auf den Blogpost von Banasczuk durchaus richtig beobachtet. Wenn sie kritisiert, dass „diese jungen Menschen … anscheinend von Siggi gelobt werden wollen oder Juso-Vorsitzende werden oder von Andrea Nahles voll reformistisch und erlaubt irgendwelchen Genderquatsch geschenkt bekommen“ wollen, ist da ein Körnchen Wahrheit dran.

Sich darüber zu beklagen, dass „das System“ so ist, wie es ist, enthält immer noch eine Anerkennung der Autorität derer, die dort die Macht haben. Sie sollen offenbar überzeugt werden, es in Zukunft anders zu machen. Ja, das ist wohl etwas unbedarft. Vielleicht ist es aber auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass jüngere Frauen bereits mit dem Versprechen der Gleichberechtigung aufgewachsen sind. Viele glauben wirklich, was ihnen in der Schule und in den Medien über das System des Parlamentarismus erzählt wird – dass es da auf ihre Stimme ankommt, dass sie sich nur einbringen sollen, dass ihre Meinung etwas zählt. Anders lässt sich die Enttäuschung, die aus dem Blogpost von Banaszczuk spricht, ja nicht erklären.

Es gibt aber eine dritte Möglichkeit neben der Anpassung an die Spielregeln und der Forderung an die Mächtigen, die Spielregeln doch bitte zu ändern.

Diese dritte Möglichkeit liegt in dem, was die italienischen Diotima-Philosophinnen in ihrem Buch „Macht und Politik sind nicht dasselbe“ symbolische Unabhängigkeit nennen. Sie schlagen darin zum Beispiel die Praxis vor, selbst nach anderen Spielregeln zu spielen, aber auf demselben Spielfeld. Sie entwerfen die Idee einer „weiblichen Souveränität“, die sich über die in einem männlichen System geltenden Spielregeln stellt und schlicht das tut, was sie für richtig hält (so wie Victoria Woodhull eine Präsidentschaftskandidatur startete, obwohl sie offiziell gar nicht das Wahlrecht hatte). Auf diese Weise spricht man den Machthabenden keine Autorität mehr zu, sondern wählt für sich andere Maßstäbe, andere Autoritäten, um sich daran zu orientieren. Konkret: Man muss dahin kommen, dass man es völlig unwichtig findet, was Sigmar Gabriel sagt oder was in der Zeitung steht.

Das ist nicht leicht und wohl niemand wird das hundertprozentig und tagtäglich schaffen. Aber wenn man aus dieser Postition heraus handelt, dann ist es möglich, Dinge wirklich zu verändern. Natürlich wird man – nach den herkömmlichen Maßstäben – auch ziemlich oft scheitern, manchmal wird man aber auch überraschende Erfolge erzielen. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. Natürlich wird man oft nicht gewählt oder bekommt den Job oder den Posten nicht, wenn man nach anderen Regeln spielt, manchmal aber eben doch, und dann besteht zumindest die Chance, wirkliche Veränderungen anzustoßen, weil man niemandem in dem System etwas schuldet und weil es dann vielleicht doch andere Leute gibt, mit denen man sich verbünden kann. Oder man redet gegen Wände, die Wörter werden einer im Mund rumgedreht, aber dann passiert es doch mal, dass jemand zuhört und ein wirkliches Gespräch stattfindet. Dafür gibt es keine Garantie, aber die Chance besteht durchaus.

Und: Wenn man ein eventuelles Scheitern nicht als eigenes Versagen oder als Enttäuschung über die böse Welt interpretiert, sondern als Ergebnis eines Experimentes, bei dem man etwas riskiert und deshalb manchmal gewinnt, oft aber auch nicht – dann ist es auch nicht so niederschmetternd, man wusste ja vorher, dass dieses Risiko besteht. Und vielleicht lässt sich daraus ja etwas für zukünftige Aktionen lernen. Also: Aufstehen, Krone richten, weitergehen (und sich zwischendurch mit ein paar guten Freundinnen wieder Mut antrinken).

Zu diesem Thema hatten wir vor einigen Jahren mal eine Konferenz organisiert unter dem Titel „Sichtbar und einflussreich, ohne sich anzupassen“, ich hatte damals ein Tagungsprotokoll geschrieben, viele der Anregungen finde ich immer noch gut.

Wer Lust hat, das Thema intensiver zu diskutieren: Am 23. November gibt es ein Tagesseminar „Demokratie – aber wie?“ der Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg in Stuttgart, bei dem ich Referentin bin und genau darüber sprechen werde.

(Foto: Deutscher Bundestag/Marc-Steffen Unger)

40 Gedanken zu „Aus dem Scheitern lernen, aber das Richtige

  1. Das unterschreibe ich.

    Man/frau kann nicht erwarten, von Menschen anerkannt zu werden, die ein System vertreten, das man/frau selbst (zutiefst) ablehnt. Wenn das mal tatsächlich passiert, dann durch einen heftigen und langwierigen Denk- bzw. Lernprozess des ein oder anderen. Diesen Prozess kann man oft nicht beeinflussen, zumindest nicht als einzelner Mensch.

  2. Ich finde die beiden Fälle eben gerade nicht vergleichbar (und ja, auch Julia Seeligers Entgegnung wichtiger und richtiger als bspw Nico Lummas). Susanne Gaschke war ja eben keine Außenseiterin sondern lebenslang und fest verwurzelt in der SPD in Kiel. Und hat exakt so reagiert, wie sie auch als Journalistin vorher agiert hat. Denn selbstgerecht und von Kenntnissen nicht besonders angefochten hat sie ja auch in der Zeit überwiegend geschrieben. Abgesehen vom falschen Beispiel Gaschke (und nein, ich denke hier wirklich nicht, dass das Hauptproblem das Geschlecht war, Männer mit selbstgerechtem Arschlochverhalten, die sich für unverletzlich halten, scheitern ja auch)

  3. Ich habe den Kieler Konflikt ein bisschen besser verstanden, nachdem ich das hier gelesen habe: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/laenderreport/2310355/. Der Konflikt ist meiner Meinung nach komplexer als der zwischen Mann und Frau. Es geht auch um Juristen/Beamte versus Neulinge/Quereinsteiger – gewürzt mit ein paar alten Animositäten, die noch bis zu Barschel zurückreichen. Und einige Spielregeln (Steuerrecht, Kommunalrecht) gelten eben, egal, wer auf dem Bürgermeistersessel sitzt. Andere (wie gehen die gewählten Organe miteinander um?) sind sicherlich verhandelbar und veränderbar. Aber da waren wohl Gaschkes Gegener einfach gewiefter.

  4. Hmm, das Konzept erinnert mich ein bisschen an die innere Emigration (http://de.wikipedia.org/wiki/Innere_Emigration) und damit eher an einen (gesellschaftlichen) Rückzug. Klar, sein eigenes Ding machen ist eine gute Sache machen, aber Politik heißt ja auch einen Unterschied machen. Nicht nur für sich und seine Peers, sondern für die Gesellschaft.

    Gut, wenn es gelänge, eine kritische Masse zu aktivieren, die Parallelstrukturen zu den den verkrusteten Institutionen aufbaut, und sie so partiell ersetzt, könnte es klappen. Aber das ist sehr, sehr optimistisch.

  5. @mspro – Wieso innere Emigration? Ich meinte doch gerade „auf demselben Spielfeld“, damit wollte ich sagen: Genau an den Orten, in den Parteien, in den Organisationen, nur eben ohne deren innere Logik anzuerkennen. Also zum Beispiel mit dem eigenen Programm und den eigenen Vorhaben zu kandidieren und dann eben in Kauf zu nehmen, auch nicht gewählt zu werden. Oder Ämter zu übernehmen, die aber dann souverän so auszuüben, wie man das für richtig hält, egal ob das „immer schon anders gemacht wurde“. Damit riskiert man natürlich, auch wieder rauszufliegen, aber man hat die Chance, etwas zu bewegen.

    Danke für den Einwand, möglicherweise habe ich mich da missverständlich ausgedrückt.

  6. Als „politischer Dummy“ der ich bin, kann ich die rechtlichen Finessen und Tücken im Fall Gaschke nicht wirklich beurteilen.
    Aber wenn die Berichterstattung über den Steuerdeal nicht vollkommen erlogen und verdreht ist, dann hat sie es verbockt. Und sie hat – so jedenfalls wirkte es auf mich, keinerlei Anstalten gemacht, ein mögliches Fehlverhalten ihrerseits einzuräumen. Die „Tränenrede“ fand ich fast körperlich unangenehm und die Schuldzuweisungen in Richtung „Testosteron“ schwach und ad hominem. Da hat sie ein Genderproblem „kreiert“ wo eigentlich keins ist.
    Aber wie gesagt, ich verfüge nur über die ganz regulären Nachrichtenquellen.
    Ich schätze mal vieles von dem was Du, Antje, geschrieben hast, stimmt so.
    Aber ob Susanne Gaschke hier wirklich als Beispiel für das Fortdauern alter ungerechter Strukturen so passend ist…ich weiss es nicht.

  7. Ich mochte Susanne Gaschkes Artikel in der ZEIT nicht, insofern bin ich nicht traurig, dass sie nicht mehr Oberbürgermeisterin von Kiel ist, und insofern fällt es mir jetzt schwer, sie als Beispiel für Quereinsteigerinnen oder einen anderen, frauengemäßeren Politikansatz zu sehen.
    (Und ich bin neugierig auf die Kommentare.)

  8. Doch, es gibt sehr wohl Parallelen zwischen den Fällen Gaschke und Banasczuk. (Und man kann sie auch erkennen, wenn man, wie ich, Frau Gaschke als ZEIT-Kommentatorin nicht besonders geschätzt hat). Die Parallelen bestehen in der Art, wie deren Verhalten und Äußerungen öffentlich kommentiert wurden. Diese „Wenn-du-kein-beinhartes-Arschloch-bist-dann-hast-du-in-der-Politik-nichts-verloren-du-Heulsuse“-Haltung, die sowohl aus den FAZ-Berichten von Volker Zastrow et.al. in der FAZ wie aus dem Rant von Julia Seeliger spricht. Es ist dieselbe Haltung, mit der sich schon Wibke Bruhns in der #Aufschrei-Debatte so gründlich disqualifiziert hat.
    Mich nervt allein schon, dass das öffentliche Vergießen von Tränen so penetrant als „Heulen“ bezeichnet wird, und das auch in (dem Anspruch nach) neutralen, nachrichtlichen Hintergrundberichten zum Thema.

  9. So, habe jetzt den Talkshowbeitrag gesehen.
    Ich weiss irgendwie immer noch nicht, warum das ganze ein Gender-typisches Problem sein soll.
    Gut, sie hat wohl zugegeben, dass sie Fehler gemacht hat, sie zeigt sich ja geradezu reuevoll was manche ihrer früheren Aussagen betrifft und sie gesteht ein, dass sie „an sich arbeiten“ muss.
    Wie sie austeilen kann und konnte ist ja kein Geheimnis, das sehe ich auch ein bisschen als Grund für die harten Attacken gegen sie. Ganz platt gesagt nach dem Motto „wie ich in den Wald hinein rufe…“
    Ob es deshalb gerechtfertigt ist, sie so hart anzugehen, keine Ahnung.
    Wie gesagt, dafür fehlt mir sowohl Fachwissen als auch politischer Einblick in die tatsächlichen Hintergründe.

    Was mir in ihren Abtritts-Reden und den Attacken gegen ihre politischen Gegner so aufgestoßen ist, war das Rumreiten auf dieser Mann/Frau-Sache.
    Mal angenommen, ihre Gegner wären überwiegend Frauen gewesen.
    Dann hätte sie dieses Argument nicht verwenden können – wer weiss, vielleicht hätte es dann in der Presse ein paar Meldungen über „Zickenalarm“ im Kieler Rathaus gegeben…
    Ich kenne es aus dem Schulbetrieb (Grundschule) und aus KiTa`s, wo viele reine Frauen-Teams arbeiten.
    Ziemliche Hackerei gibt`s da, kann sehr, sehr unschön sein. Intrigen, Hetze, Petze, Machtspiele wo man hinschaut.

    Daher habe ich auch keine Vorstellung von einer „frauengerechten“ Politik oder einer „Frauenpolitik“, weil Frauen sich so stark in ihren Bedürfnissen von einander unterscheiden, wie sich eben überhaupt alle Menschen voneinander unterscheiden. Sie können machthungrig sein, zurückhaltend, ehrlich oder betrügerisch, knallhart, zaghaft, alles. Das ganze Spektrum ist da.

  10. Das Emotionenthema ist ja eigentlich keines mehr. McAllister hat geweint, als er abgewählt wurde, von Beust war emotional beim Outing und beim Rücktritt. In Kiel gibt es Gerüchte, der Steuersünder sei ein alter Schulfreund von Gaschkes Mutter (keine Ahnung ob das stimmt), heute stellt sich raus (NDR), dass Gaschke noch im Februar dem Deal aus juristischen Gründen nicht zugestimmt hat. Sie spielte seit mindestens zwei Jahrzehnten nach den Testosteron-Spielregeln der SPD Schleswig-Holstein, ist eben keine Quereinsteigerin gewesen sondern seit Jahren ein Machtfaktor in der Partei.
    Das einzige, was ich bei ihre sehe, ist, dass sie sehr geschickt Derailing betreibt, indem sie die Genderkarte spielt, die sie nach zwanzig Jahren auf einmal aus dem Hut zaubert.
    Banasczuk sehe ich wirklich ganz anders. Bei aller Kritik an ihren Ansprüchen und ihrem Verhalten sehe ich hier schon die Verletzung und das Zerbrechen am Arschlochverhalten der Jungs. und verachte die Besserwisser, die ihr ein dickeres Fell empfehlen. Wobei ich mir nicht so sicher bin, ob es (abgesehen von der Berichterstattung) wirklich ein Genderthema ist oder nicht eher ein Generationenthema, also dieses YOLO/GYPSY-Ding.

  11. @Sternenguckerin @Wolfgang Lünenburger – Inwieweit Gaschke tatsächlich versucht hat, „andere“ Politik zu machen und damit an männlichem Habitus gescheitert ist oder ob sie das nur behauptet, um von eigenen Bös- und Dummheiten abzulenken kann ich, wie gesagt, nicht beurteilen, weil ich die konkreten Verhältnisse vor Ort nicht kenne.

    Die Frage ist aber auch gar nicht entscheidend für mein Thema, nämlich die Art und Weise, wie öffentlich über den Fall verhandelt wurde. Nämlich so, als wäre ihr Vorwurf generell vollkommen absurd. Andernfalls hätten die Erwiderungen irgendwie darauf lauten müssen wie: „Ja, das stimmt, es gibt diese Probleme von Gaschke spricht, aber in ihrem Fall war das nicht das Entscheidende.“ Dass sie die „Genderkarte“ jetzt „plötzlich“ aus dem Hut zaubert, kann man ihr allerdings nicht vorwerfen, sie hat schon vor knapp zehn Jahren ein ganzes Buch über das Thema geschrieben.

    Ansonsten noch zum Weinen: Gaschke weinte ja nicht aus Trauer oder Rührung, sondern aus Zorn. Da hab ich vor jahrtrillionen mal was zu geschrieben. http://www.antjeschrupp.de/zorn

  12. Das Beispiel der Frauenteams von Sternenguckerin finde ich schon sehr bedenkenswert. Auch an Orten, an denen Frauen die Spielregeln von Kooperation und Konkurrenz bestimmen, scheint es nicht wirklich besser zuzugehen.

    Sozialhistorisch brauchte es Jahrhunderte, bis gesellschaftliche Spielregeln etwas ziviler und weniger brutal wurden – bis Eigennutz und Konkurrenz allmählicher legitimer wurden und sich im Selbstversuch dafür Spielregeln entwickelten. Heute fließt zwar hierzulande meist kein Blut mehr, aber psychisch brutal sind heutigen Spielregeln weiterhin – wie nicht nur das Beispiel Gaschke zeigt. Die Brutalität scheint vielleicht gerade deshalb so besonders unfassbar, weil es eben scheinbar so gesittet zugeht.

    Auch Männer haben sich damit lange schwer getan und es ist nur eine Minderheit der Männer, die es ‚geschafft‘ hat, sich diesen Habitus wirklich anzueigenen. Gleichwohl lernen Männer aber von klein auf, die ernsten Spiele des Wettbewerbs zu lieben, deren Gewinner zu achten und psychisch in Deckung zu gehen, während Frauen diesen Spielen eher aus dem Weg gehen – egal ob beim Monopoly-Spielen oder der Schulhofrauferei. Frauen bewegen sich auf sehr klar begrenzten Wettbewerbsfeldern wie Schönheit oder Kindererziehung. Gesellschaften achten sehr genau darauf, ob die weitreichenden Kooperations- und Konkurrenzgebote eingehalten werden – nicht nur unter den Geschlechtern.

    Für mich bleibt es eine offene Frage, wie sich die Balance von der Konkurrenz stärker zur Kooperation verschieben kann, ohne dass gleichzeitig der psychische Druck zunimmt und Menschen entsprechend (de)formiert. Im kleinen Kreis von Freunden ist das noch irgendwie vorstellbar, aber gerade in den komplexen Beziehungsgeflechten wird das doch psychisch ziemlich anspruchsvoll (Kiel 240.000 Einwohner; GER 80 Mio.; Europa 700 Mio.; weltweit 7 Mrd.).

  13. @Edita – Ich meine nicht, dass Frauen „besser“ sind, sie sind erst einmal „anders“ – aus einer Vielzahl von Gründen. Wie eine Gesellschaft aussehen würde, die nicht auf der jetzigen, allein von Männern erfundenen Ordnung beruht (in der auch die Frauen einen Platz zugewiesen bekommen haben und von der auch Frauen geprägt und beeinflusst sind), das wissen wir gar nicht.

    Ob die gesellschaftlichen Spielregeln heute weniger brutal sind als früher, ist auch noch so eine Frage. Eher ist es doch so, dass Verursacher von Leid und Opfer von Leid räumlich getrennt sind. Wenn an irgendeiner Börse oder in einem Multikonzernvorständen Entscheidungen getroffen werden, die dazu führen, dass andernorts massenweise Leute verhungern, dann sieht das nur zivilisierter aus, weil die ja weit weg sind und sich niemand mehr „die Finger schmutzig“ macht, wörtlich.

  14. @Edita:
    Warum findest Du das Beispiel von Konkurrenz und Machtkämpen in (manchen) Frauen-Teams bedenklich? Ist es so fremd?
    Man merkt es ja oft gar nicht bewusst, aber Wettbewerb und (zunächst) spielerischer Kampf fängt doch schon in der KiTa an.
    Und er ist völlig Gender-übergreifend.
    Mädchen raufen und kloppen sich auch (und entwickeln, so wie Jungen auch, zahllose weitere Taktiken, Verhandlungen z.B.), nur werden sie öfter daran gehindert als Jungen, wenn sie erwischt werden.
    Da beginnt ja schon die Zuweisung in „das machen Mädchen nicht“ oder „lass mal, Jungens brauchen das“ usw.

    @Antje:
    Es ging ja in Deinem Artikel auch um´s Scheitern und was man daraus lernen kann.
    Susanne Gaschke hat es ja sehr schön auf den Punkt gebracht im Interview, als sie sagte, dass sie als Journalistin geglaubt hat, tatsächlich zu wissen, was los ist, wenn sie über etwas geschrieben hat.
    Und dass sie das heute, wo sie auf der „anderen Seite“ gewesen ist, darüber komplett anders denkt.
    Das ist doch schon mal was.

  15. Sternenguckerin: Warum findest Du das Beispiel von Konkurrenz und Machtkämpen in (manchen) Frauen-Teams bedenklich? Ist es so fremd?

    Ich glaube dir, denke aber auch, dass es große Unterschiede gibt. Die so genannten Zickenkriege habe ich sporadisch erlebt, wenn Frauen vordergründig so ein nettes Wir-Mädels-Getue kultivierten und / oder schlecht mit Unterschieden zurecht kamen. Wenn andere Meinungen schon halbe Kränkungen auslösten. Wo Unterschiede und ein gewisser Individualismus toleriert werden und nicht der Anspruch besteht, aus ein paar Gemeinsamkeiten eine eingeschworene Gemeinschaft zu machen, erscheint es mir einfacher, mit Frauen auszukommen.

    Die Gaschke-Angelegenheit habe ich komplett ignoriert, weil ich ihre Zeit-Artikel in unangenehmer (streberhafter? verbissener?) Erinnerung hatte.

  16. @Edita:
    Ich hab nicht aufmerksam genug gelesen!
    Du schreibst „bedenkenswert“ und ich habe „bedenklich“ draus gemacht!
    So schnell kann’s gehen, sorry!

  17. @Irene

    „Wo Unterschiede und ein gewisser Individualismus toleriert werden und nicht der Anspruch besteht, aus ein paar Gemeinsamkeiten eine eingeschworene Gemeinschaft zu machen, erscheint es mir einfacher, mit Frauen auszukommen.“

    Ich würde aus dem vorletzten Wort einfach „Menschen“ machen 😉
    Dann stimmt es für mich auch.

  18. @Sternenguckerin: genau;-) ich finde Deinen Punkt wirklich sehr wichtig!

    @Antje: „besser“ meine ich in Hinblick auf die gesellschaftliche Intergrationsleistung: Wie viele Menschen schaffe ich mithilfe meiner Spielregeln zu integrieren, zu meinen ‚Gesellschaftern‘ zu machen und damit eine ‚Gesellschaft‘ zu formen? Auch wenn ich zustimme, dass die derzeit herrschenden Spielregeln nicht wirklich erfreulich sind (schon gar nicht für viele Frauen), so muss ich doch zugestehen, dass die männlich-hierarchischen Spielregeln eine vergleichsweise hohe Intergrationsleistung hinkriegen.

    Die Wirtschafts- und Politikgeschichte der letzten Jahrhunderte zeigt sehr klar, dass das auch den Männern nicht in den Schoß fiel und der Wandel ihres Gewissens in Punkto Kooperation und Konkurrenz lange dauerte. Wahrscheinlich brauchen Frauen da auch ein paar Generationen.

    Es ist schon auffällig, dass es Frauen bis heute weniger schaffen, sich in Großgruppen zu intergrieren und ihre Interessen zu bündeln. Warum gibt es solche Aktionen wie den „Care Mob“ nicht viel öfter und viel heftiger: https://blockupy-frankfurt.org/31-mai/queerfem/
    Warum klappern Frauen immer noch demütig 20 Kitas ab, um einen Halbtagesplatz zu ergattern? Warum nehmen Frauen hin, das schulische „Elternarbeit“ bis heute „Mütterarbeit“ ist und sie durch ihre unsichtbar-kindbezogene Arbeit den deutschen Sonderweg der Halbtagsschule erst ermöglichen? Warum schaffen es Frauen nicht, ihre Interessen wirksam zu integrieren, d.h. unter ihresgleichen zu vergesellschaften? Ich denke schon, dass das noch immer in der sozialhistorischen Entwicklung des Gewissens liegt. Für Frauen erscheint Konkurrenz um öffentliche Interessen weniger legitim und gerade in Hochrisikobereichen weniger spielerisch.

    Von der Leyen hat es mal so formuliert: „In meinen Jahren als Ministerin habe ich lernen müssen, dass man manchmal nur Projektionsfläche ist. Wenn man alles persönlich nimmt, geht man unter der hohen Emotionalisierung kaputt.“ Diese hohe Emotionalisierung scheint ja auch Gaschke (verständlicherweise) heftig zugesetzt zu haben.

  19. wenn stimmt was hier (http://www.danisch.de/blog/2013/10/19/aufschrei-die-doppelmoral-der-susanne-gaschke/) über Gaschke steht

    dann hat sie es mMn dann hat sie sich selbst das recht verwirkt sich später über journalisten zu beschweren die „unter der Gürtellinie “nachlegen”, wenn ihnen an einer Politikerin was nicht gefällt (oder sie glauben, dadurch Auflage und Klickzahlen zu machen)“


    „Damals waren Frauen noch explizit, also allein aufgrund ihres Frauseins, von Parteien und politischen Ämtern ausgeschlossen“
    zum wahlrecht allgemein (nicht USAspezifisch)
    1. teilweise war das wahlrecht an besitz gebunden (dh ein nicht unerheblicher teil der männer -je nach land- war zu zeiten wo frauen für ein wahlrecht für alle frauen kämpften selbst nicht wahlberechtigt)
    2. teilweise war es sozusagen auch sowas wie „haushaltswahlrecht“ und eine witwe bekam die stimme ihres verstorbenen mannes
    3. das wahlrecht war meist an die wehrpflicht gekoppelt (von der frauen entbunden waren mit der folge, dass sie eben kein recht zu wählen hatten – dh fehlendes wahlrecht nicht aufgrund ihres geschlechts sondern aufgrund weniger/anderer pflichten)


    „Die meisten Menschen (auch die meisten Frauen) glaubten damals, dass Frauen sich mit diesem “schmutzigen Geschäft” nicht einlassen sollten.“
    zur rhetorik
    außenwelt (dh auch politik) = mann = böse
    vs
    heim = frau = gut
    fand ich diesen artikel sehr interessant
    http://www.zeit.de/2012/16/DOS-Maenner

    denn normalerweise hört man bei texten über das geschlechterbild in der bügerlichen gesellschaft immer nur von der rhetorik
    frauen = unfähig = heim und herd ->negativ
    männer = intelligent (naturwissenschaften beweisen es) = arbeitswelt ->positiv
    die zeigt wie negativ die sicht auf frauen war

    dass jedoch ebenso die obige gegenstehende rhetorik gleichzeitig zu finden war (mit krass negativem männerbild vs positivem frauenbild) wusste ich bevor ich den artikel fand gar nicht. also dass man sozusagen auf der einen seite in der zeit der umbrüche die optimisten hatte (alles wird ganz toll und die männer die in die welt hinausziehen können was bewegen – frauen sind die heimchen so bestimmt es die natur) aber auf der anderen seite eben die leute mit pessimistischer sicht auf die welt nach abschaffung der ständegesellschaft (die welt ist verdorben und das einzige was die männer die dort wandeln als menschenähnliche kreaturen erhält sind die frauen im trauten heim – sozusagen als eine oase in der wüste)…

  20. „Wir wollen Präsidentin sein und Oberbürgermeisterin (naja, wenigstens einige von uns) ohne die Umstände, die bislang für diese Ämter galten, länger hinzunehmen. Wir wollen die Spielregeln ändern.“

    und das ist glaube was, woran sich einige männer stören.
    bisher war die situation nämlich für die männer: wenn man hoch will muss man sich durchbeißen alles andere hinten anstellen – dh es wird kein zuckerschlecken.

    und jetzt sehen diese männer wie frauen an ihnen vorbei-befördert werden um quoten zu erfüllen bzw chef posten in teilzeit bekommen wo bisher vollzeit + freiwillige überstunden mindestanforderung war
    =der bisherig geltende hard-mode für karriereerfolg für frauen umgestellt wird auf eine easy-player variante

    aber ich muss dazu sagen dass es sicher für allevon vorteil ist, wenn sich an einigen sachen mal was ändert – soweit dies ohne beeinträchtigung des geschäfts möglich ist…
    aktuelles problembeispiel viele weibliche ärzte [was bei uns ja glaube noch groß gefeiert wird]:
    http://www.businessweek.com/stories/2008-04-16/are-there-too-many-women-doctors
    http://www.forbes.com/sites/timworstall/2011/12/27/the-problem-with-female-doctors/)

  21. „…so muss ich doch zugestehen, dass die männlich-hierarchischen Spielregeln eine vergleichsweise hohe Intergrationsleistung hinkriegen.“

    Das liegt ja zum Teil auch einfach daran, dass es eben heutzutage nicht einfach hierarchische Spielregeln sind – dabei einher geht das Versprechen, den Platz finden zu können, der einen der eigenen Fähigkeiten wegen befriedigt. Dabei einher geht die Idee von Chancengleichheit usw. usf.

    Klar – in der Realität gibt es immer wieder Leute, die derartige Ideen zu konterkarieren versuchen, gerade ja auch in Deutschland mit seinem aussortierenden Schulsystem, der Schere zwischen Arm und Reich, der Oligarchie-artigen Aufteilung politischer Macht, der weitestgehenden Neutralisierung des Bundestages und was man da noch alles bemerken kann.

    Aber die Ideen sind wenigsten da, und beeinflussen Leute und ihr Handeln.

  22. @kokko – wenn es bei Danisch steht, ist es wahrscheinlich nicht valide, das ist ein bekannter antifeministischer agitator und aus meiner Sicht nicht ernst zu nehmen.

    Zum Wahlrecht: ja, so war es ursprünglich, also in vordemokratischen Zeiten, wo es ja auch schon Wählen zu bestimmen politischen Gremien gegeben hatte, der Punkt ist aber, dass gerade mit der französischen Revolution sukzessive das Prinzip geändert wurde dahingehend, dass alle Männer wählen durften (unabhängig von allem anderen) und alle Frauen nicht (auch unabhängig von allem anderen). Das heißt, mit Einführung der repräsentativen Demokratie war Geschlecht nicht mehr einer von vielen unterschieden, die für den Zugang zur Macht entscheidend waren (formal), sondern der einzige.

  23. @ Antje Schrupp: Du weisst aber schon, wann das allgmeine und gleiche Wahlrecht für Männer eingeführt wurde (nein, noch nicht im späten 18. Jh., eher 100 jahre später), und wann das Wahlrecht für Frauen? Je nach Land sind da nur 0 bis 50 Jahre zwischen (mit wenigen Ausnahmen). Forderungen nach dem Frauenwahlrecht gab es auch schon im Zuge der frz Revolution. Die Vorstellung, mit der frz Revolution sei plötzlich das „allgemeine Männerwahlrecht“ Normalität geworden, während es Frauen allgemein noch lange verweigert wurde, ist mE ziemlich falsch, zumindest wenn man sich die reale Entwicklung ansieht, also wer wann wo wen wählen konnte. In Frankreich, Deutschland und Großbritannien bspw gab es das allgemeine und gleiche Wahlrecht für Männer erst ab der zweite Hälfte des 19. Jh., in Preußen (für Landtagswahlen) erst ab 1918, also genauso lange, wie es das Frauenwahlrecht gibt; ist also ein bissel später als 1789…

    Die Idee des allgemeinen und gleichen Wahlrechts für Männer hat sich im Vorfeld der frz Revolution entwickelt, und sie war vermutlich weiter verbreitet als die (ebenfalls schon vorhandene) Vorstellung, dass Männer und Frauen hier gleichgestellt sein sollten. Die reale Umsetzung hat allerdings lange gedauert, denn Allgemeingut war der Wunsch nach einem gleichen Wahlrecht eben nicht, weder für Männer noch für Frauen. In der realen Umstellung schrumpfen dieser Unterschied erheblich.

    Eher würde ich sagen: Das Wahlrecht für manche Männer war der große gedankliche Türöffner (aber diese Vorstellung gab es mindestens seit der Antike). Die Ausweitung des Wahlrechts, einerseits auf nicht-vermögende Männer, andererseits auf Frauen, war der lange Kampf, der dann anstand.

  24. Antje Schrupp schreibt:
    10. November 2013 um 10:51

    „wenn es bei Danisch steht, ist es wahrscheinlich nicht valide, das ist ein bekannter antifeministischer agitator und aus meiner Sicht nicht ernst zu nehmen.“

    naja wenn die frau öffentlich über einen politiker herzieht und diesen beschimpft, werden dass ja vielleicht auch noch mehr leute, die dabei gewesen sind bestätigen können bzw dementieren können, wenn es nicht so war. und wenn man selbst ok damit ist, wenn auf anderen rumgehackt wird und sogar noch begeistert mitmacht, sich dann aber, wenn es einen selbst trifft über das system beschwert… naja

  25. Ich würde aus dem vorletzten Wort einfach “Menschen” machen

    Sternguckerin, ich hab nicht mit dem Frauenthema angefangen 🙂

    Zwischen Frauen und Männern gibt es nicht so hohe Erwartungen, dass alle die gleichen Empfindungen und Ansichten haben, von daher ist es eher kein Drama, wenn Unterschiede sichtbar werden. Im Gegenteil, die Unterschiede werden von manchen Leuten gern überbetont.

  26. Hatte gerade das Fenster weggeklickt, da fiel mir das Gegenbeispiel ein: Linksradikale Sekten haben auch einen hohen Anspruch an Homogenität, und wer den nicht einhält, ist Spalter 😀

  27. @Irene:
    ich habe das auch nicht so gemeint, dass Du mit dem „Frauenthema“ angefangen hast 😉
    Du hast geschrieben:
    „Wo Unterschiede und ein gewisser Individualismus toleriert werden und nicht der Anspruch besteht, aus ein paar Gemeinsamkeiten eine eingeschworene Gemeinschaft zu machen, erscheint es mir einfacher, mit Frauen auszukommen.“

    Der letzte Teil – also Dein Eindruck, unter den genannten Voraussetzungen ggf/eventuell einfacher mit Frauen auszukommen – das würde ich eben für mich nicht so sehen. Natürlich kann es so sein, aber es kann auch genauso gut anders sein.
    Ist einfach meiner persönlichen Erfahrung geschuldet, die mir gezeigt hat, dass überall dasselbe ablaufen *kann* in Sachen Machtkämpfe, Konkurrenz oder Intrigen.

    Die „Frauen-Karte“ hat Frau Gaschke auf den Tisch geworfen, weil sie sich ungerecht behandelt gefühlt hat.
    Ob sie damit recht hat, ob es wirklich eine Intrige gegen sie gegeben hat – keine Ahnung.
    Aber ich bin davon überzeugt, dass Männer und auch Frauen gleichermaßen dazu in der Lage sind, sich gegenseitig das (politische) Leben schwer zu machen.
    Machtstreben ist einfach ein Teil von uns (Menschen), bei einigen eben stark und bei anderen schwach oder fast gar nicht ausgeprägt – so wie alles andere auch. Familiensinn oder Kinderwunsch, Bindungswunsch…Egal welches biologische, „genderische“ oder was auch immer für ein Geschlecht man hat oder „fühlt“.

  28. @Sternenguckerin – Man kann die Frage nach dem „Machtstreben“ nicht nur psychologisch („einfach ein Teil von uns Menschen“) betrachten, da die Art und Weise, wie Macht kulturell definiert und beschrieben wird/wurde ganz eindeutig von der Geschlechterdifferenz geprägt ist. Wenn zum Beispiel ein Mann nach Macht strebt und große Macht erringt, gilt er als besonders „männlich“, eine Frau hingegen riskiert dadurch ihre „Weiblichkeit“. Das lässt sich an vielen z.B. philosophischen oder politischen Texten nachlesen, die unsere Kultur geprägt haben, und es ist auch nachweisbar in Bewertungen zum Beispiel in Bewerbungsgesprächen, wo Streben nach Macht unterschiedlich bewertet wird, je nachdem ob es eine Frau oder ein Mann ist. Von daher muss hier gar keine „Frauenkarte“ auf den Tisch geworfen werden, sie ist sowieso da, man kann das Thema ohne Berücksichtigung der Geschlechterdifferenz nicht angemessen diskutieren. Die Frage ist nur, wie wir diesen Zusammenhang diskutieren (wollen).

  29. Antje Schrupp schreibt:
    „Man kann die Frage nach dem “Machtstreben” nicht nur psychologisch (“einfach ein Teil von uns Menschen”) betrachten, da die Art und Weise, wie Macht kulturell definiert und beschrieben wird/wurde ganz eindeutig von der Geschlechterdifferenz geprägt ist.“

    dafür muss man nicht von der psychologie abgehen da diese ebenso untersuchungen zu kulturellen unterschieden als auch zu einschätzungen von anderen personen macht.
    so wird im durchschnitt männern mehr kompetenz/sachkenntnis zugeschrieben als frauen wenn sie von etwas reden/etwas behaupten (zumindest beim ersten eindruck). hatte auch einige weibliche chefs/kolleginnen: beruflich respekt bekamen alle (frauen) die was auf dem kasten haben und ihren job erledigen egal ob männl/weibl auftreten. und es gab einige die sehr weiblich auftraten aber in geschäftssachen knallhart waren und bei problemen durchgegriffen haben ohne dass dies irgendwie ihre weiblichkeit beeinträchtigt hätte… da wird dann wahrscheinlich schnell der erste eindruck durch den 2. überformt.

    was ich aber komisch finde: für eine gesellschaft in der behauptet wird frauen hätten die meiste reproduktionsarbeit an der backe (=auch kindererziehung) und in der viele lehrer (in grundschulen zumindest fast alle [gefühlte 99%]) eben lehrerinnen sind – dh frauen es sind, die für jahrzehnte und einen nicht unerheblichen teil des tages den geist und das denken von uns geformt haben und von unseren kinder formen und über unser handeln bestimmen (=was ich eigentlich schon „macht“ nennen würde) – für so eine doch rel stark frauengeprägte welt ignoriert man mMn ganz schön die macht, die diese frauen ausüben und sieht stattdessen nur die macht, die männer haben…

  30. @Antje:
    Ist mir vollkommen klar, dass „Macht“ immer vor dem jeweiligen kulturellen Hintergrund „gelesen“ oder interpretiert werden muss.
    Und auch alles andere, was wir so tun.
    Dennoch sehe ich es so (würde mir aber nie zutrauen, das zu einer allgemeingültigen Aussage zu machen!), dass das Streben nach Macht ein Teil des Mensch-Seins ist – mit allen Facetten, die es dabei geben kann. Macht ist ja nicht immer etwas negatives.
    Mir ist auch klar, dass die Bewertungs-Schemata, die wir aktuell für Männer/Frauen z.B. in Machtpositionen verwenden, höchst fragwürdig sind.
    Zum Glück wird ja kräftig daran gesägt…

    Mir kommt es manchmal so vor, dass es generell schwer vorstellbar zu sein scheint, dass Frauen Macht genauso anstreben können wie Männer, und dass sie auch bereit sind, dafür zu allen möglichen (auch fragwürdigen oder sogar kriminellen) Methoden zu greifen.
    Man unterstellt ja Frauen auch gerne, sie würden nur sogenanntes „männliches Verhalten“ imitieren, wenn sie offen ehrgeizig sind oder nach Machtpositionen greifen – oder diese mit Zähnen und Klauen verteidigen, wenn sie angegriffen werden. Sicher wird diese Imitation auch vorkommen, jedenfalls kann man den Eindruck bekommen, wenn es um Frauen geht, die beschreiben, dass sie „männlicher als Männer“ sein müssen, um etwas zu erreichen.
    In diesem Fall ist eine Schieflage vorhanden, die sich nur einseitig an einer bestimmten Definition orientiert.
    Das wird hoffentlich nicht ewig so bleiben, denn eins wird dabei vergessen:
    Nämlich dass diese sogenannten „männlichen Schemata“ oder Normen auch auf zigtausende Männer nicht zutreffen.
    Und da komme ich wieder zu meinem „Menschen“ – Ding: In meiner Vorstellung (und möglicherweise auch nur da?) ist es eigentlich erstmal unerheblich, ob Männer oder Frauen Macht haben.
    Die Frage ist vielmehr: Was tut man mit dieser Macht?
    Wie setzt man sie ein? Egozentrisch, rücksichtslos, oder verantwortungsvoll (auch) zum Wohle anderer Menschen?

  31. Pingback: Kinderlose deutsche Frauen, feministische Unterstützung & Bechdeltest in schwedischen Kinos « Reality Rags

  32. Mir ist noch was eingefallen.
    Ich zitiere mich mal selbst:
    „…Sicher wird diese Imitation auch vorkommen, jedenfalls kann man den Eindruck bekommen, wenn es um Frauen geht, die beschreiben, dass sie “männlicher als Männer” sein müssen, um etwas zu erreichen.“

    Das alles funktioniert ja nur vor dem Hintergrund einer allgemein gültigen Definition von „männlich/weiblich“.
    Wie wenig die uns geläufigen (und antrainierten) Definitionen (…Konstruktionen?) von männlich/weiblich tatsächlich mit der individuellen Lebensrealität (bzw. wie wenig die jeweiligen Eigenschaften trennscharf oder überwiegend nur einem Geschlecht zuordnungsfähig sind) zu tun haben, wird mir persönlich allerdings immer deutlicher.

    @Antje:
    Du verweist in Deinem Artikel auf mögliche neue Spielregeln, die man für sich selbst (oder für eine Gruppe von Leuten) aufstellen kann und dann danach handelt um damit die bestehende Autorität in Frage zu stellen.
    Ist das nicht auch etwas, was historisch betrachtet Kontinuität hat?
    Frauen haben z.B. immer schon lernen wollen und haben, auch wenn man es ihnen verboten hat, trotzdem Wege gefunden, sich zu bilden. Sie haben sich selbst etwas erlaubt, sich quasi eigene Regeln erschaffen und danach gehandelt und sind hohe Risiken dafür eingegangen.
    Irgendwann konnte es nicht mehr unterdrückt werden und die alte Regel wurde gekippt.

    Susanne Gaschke sagte ja auch in mehreren Auftritten und Interviews, dass sie gemerkt hat, dass „ihre neuen Spielregeln“ nicht angenommen wurden, dass sie nicht gewünscht würden vom etablierten System.
    Mir ist nur nicht klar, welche neuen Regeln sie konkret meint, was sie anders machen wollte und was nicht geklappt hat – denn das schien ja ein genereller Frust bei ihr zu sein, der weit über das hinaus geht, was die Steuer-Sache betrifft.
    Hat da jemand mehr Info, wenn es um den „neuen Politikstil“ geht, den sie sich gewünscht hat?
    Habe dazu noch nicht so richtig was gefunden.

  33. „Hat da jemand mehr Info, wenn es um den “neuen Politikstil” geht, den sie sich gewünscht hat?“

    Würde mich auch sehr interessieren, vor allem welche Akteure der Politik hierbei von ihr angesprochen werden:
    Parteien,
    Journalisten,
    Öffentlichkeit,
    das parlamentarische System ansich.

  34. , hm erinnert mich an eine Buchidee von mir, wo ne Gruppe von Frauen, aufm segelschiff um die welt zieht und sich was scheißt auf sozio-kulturelle vorgaben. aber dann ist mir aufgefallen, es braucht mehr solcher schiffe, denn anders als hier, wo offensichtlich das zwei-gender-modell die grundlage ist, finde ich dass durchaus auch andere positionen diese art der unabhängigkeit ergreifen können. (nehm mir immer vor hier sachlicher zu sein, aber dann hab ich immer nur zeit zwischen tür und angel, super blog übrigens)

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