Binge-Reading Punk Pygmalion

Punk-Pygmalion_Jutta-PiveckaErst kürzlich habe ich gelernt, dass es ein Fachwort dafür gibt, wie wir bei uns zuhause schon seit Twin Peaks Fernsehserien schauen – nämlich alle Folgen hintereinander am Stück: Binge Watching. In den letzten vier Tagen ist mir aufgefallen, dass der klassische Roman letzten Endes sowas ist, wie Binge Reading: Man liest die ganze Geschichte an einem Stück weg, jedenfalls wenn der Roman gut und spannend geschrieben ist.

Auf diese Weise habe ich in diesen vergangenen vier Tagen Jutta Piveckas Roman „Punk Pygmalion“ gelesen. Es ist die Geschichte – hm, wie erzähle ich das, ohne zu spoilern? Vielleicht mit dem ersten Satz: „Wenn Frauen in einer Kneipe zusammen sitzen, wird selten über Männer geredet. Es kommt aber vor.“

Es geht also um zwei Freundinnen, die zusammen in einer Kleinstadt aufgewachsen sind, dann losen Kontakt hielten, sich mit Mitte vierzig wiedertreffen, und dann verschwindet eine. Mit dabei sind auch ein Punker, den sie als junge Frauen kannten (und liebten?) und dessen Sohn, der jetzt so ähnlich aber ganz anders ist als sein Vater damals.

Ebenfalls eine aktive Rolle in dem Roman spielt der Blog der Erzählerin, über den die beteiligten Personen miteinander kommunizieren, und der Teile ihrer Erlebnisse öffentlich verhandelbar macht. Tolle Sache.

Der Blog ist keine Erfindung, sondern es handelt sich um Jutta Piveckas Blog Gleisbauarbeiten, und in der Tat hätte ich nicht auf das Buch warten müssen, sondern die Geschichte war eben tatsächlich schon hier veröffentlicht worden. Aber obwohl ich die Gleisbauarbeiten schon lange in meinem Feedreader habe, las ich um die Blogposts des Labels „Punk Pygmalion“ immer drumherum. Die einzelnen Romanhäppchen haben mich irgendwie nicht angesprochen.

Aber jetzt, so am Stück! Fand ich das spannend wie einen Krimi (es geht auch in der Tat darum, dass versucht wird, Sachen herauszufinden). Zum Leben erweckt wird die punkige Atmosphäre der 1980er Jahre, rückblickend aus der Abgeklärtheit der 2010er Jahre. Es geht um Wahrheit und Lüge, um Liebe und Einbildung, um Projektion und Authentizität.

Interessant aber fand ich, wie gesagt, nicht nur die Geschichte, sondern auch meinen unterschiedlichen Zugang dazu, je nachdem, ob ich sie am Stück durchschmökern konnte oder in einzelnen Folgen im Blog serviert bekam. Dazu war ich zu ungeduldig, ebenso wie ich es nicht fertigbringe, eine Fernsehserie mit einer Folge pro Woche zu schauen.

Dabei bin ich aber eigentlich der Meinung, dass Blogs sowas wie eine neue Form von Romanen sind, jedenfalls die subjektiv und persönlich erzählten Tagebuchblogs. Ich lese davon einige regelmäßig (zum Beispiel den der Kaltmamsell), und da finde ich das kleine Häppchenweise gerade gut. Die „Romane“, die Blogger_nnen in ihren eigenen Blogs schreiben, sind nämlich die Erzählungen ihres eigenen Leben, es sind keine erfundenen Geschichten. Natürlich erzählen sie nur einen Ausschnitt aus ihrem Leben und möglicherweise erfinden sie auch so manches dazu. Das ist nicht der Punkt.

Der Punkt ist, dass die Geschichte hier erst noch stattfindet. Ich kann nicht den Anspruch haben, Tagebuch-Blogs sozusagen binge-mäßig am Stück durchzulesen, denn es ist ja noch nicht raus, wie diese Geschichten ausgehen. Sie haben noch nicht stattgefunden, die Zukunft ist offen.

Bei fiktiven Geschichten ist das anders. Da liegt das „Ende“, wenn man so will, nicht unbekannt in der Zukunft, sondern höchstens noch unausgedacht in den Köpfen der Erzähler_innen, wenn nicht sogar bloß unpubliziert auf ihrer Festplatte. Dafür fehlt mir die Geduld.

Jutta Pivecka: Punk Pygmalion. Roman in Briefen. Edition Taberna Kritika, 18 Euro.

4 Gedanken zu „Binge-Reading Punk Pygmalion

  1. Ich muss gestehen, dass ich keine Tagebuch-Blogs mehr lese, mit einer Ausnahme: Das von meiner besten Freundin. Aber das lese ich eben, weil sie meine Freundin ist. Beim Lesen fremder Blogs denke ich meistens: was geht mich dieses Leben jetzt an? Warum ist dieses Leben und ist die subjektive SIcht dieser Frau jetzt wichtig, und nicht die Sicht einer anderen Frau? Bei meiner Freundin ist es klar, sie ist eben meine Freundin. Aber sonst?

    Binge-Reading: Ja, manchmal, vor allem bei leichter Lektüre, bei mir meistens Terry Pratchett oder J.K.Rowling. Ich mag es aber auch, wenn ich jeden Abend vor dem Einschlafen ein paar Seiten lesen kann. Und durch einige Werke der Weltliteratur habe ich mich Mittagspause für Mittagspause hindurchgelesen, und auch das hat Spaß gemacht.

  2. @susanna14 – Hm, das kommt darauf an, ob die Blogs gut geschrieben sind, also eine gewisse literarische Qualität haben, Wortwitz, intelligente Beobachtungen, so was. Dass es eine Geschichte gibt, ist ja das eine, ob sie gut erzählt wird, ist das andere.

  3. @Antje:
    „…ebenso wie ich es nicht fertigbringe, eine Fernsehserie mit einer Folge pro Woche zu schauen.“
    Oh nein, das kann ich auch überhaupt gar nicht!
    Dank DVD ist man ja gerettet und kann ggf. ein gesamtes Wochenende Binge-mässig auf dem Holodeck oder anderswo verbringen 😉
    Binge-Lesen schaffe ich allerdings selten, wenn, dann eigentlich nur in den Ferien.
    Dafür kann ich aber Binge-Podcast-hören, falls es das gibt!

    Du schreibst:
    „Dabei bin ich aber eigentlich der Meinung, dass Blogs sowas wie eine neue Form von Romanen sind, jedenfalls die subjektiv und persönlich erzählten Tagebuchblogs.“
    Für mich sind sie (mein klitzekleines Tagebuch-Blögchen eingeschlossen) eher ein bisschen so etwas wie die „Daily Soaps“ der Netzkultur, auf sehr, sehr unterschiedlichen Niveaus natürlich.
    Romane haben ja, wenn sie nicht explizit als Fortsetzungs-Romane angelegt sind, definitiv immer ein Ende. Auch ein offenes Ende im Roman ist ein Ende, auch wenn Du als Leser/in noch dran weiterspinnen kannst.
    Klar sind Blogs aber eine Möglichkeit, Literatur zu machen, davon bin ich auch überzeugt.
    Aber eben dynamischer und weniger unter dem Druck eines Veröffentlichungstermins (falls man nicht gerade kommerziell und mit Deadline bloggt), und vor allen Dingen viel interaktiver und im Austausch mit Leser/innen.
    Das tolle an den persönlichen Blogs finde ich, ist die Entwicklung, die man (allerdings dann auch eher im Rückblick) beobachten kann. Inhaltlich, persönlich, was ist gerade wichtig, was verändert sich, warum tut es das…gerade das scheinbar banale kann bereichernd, spannend, tröstlich…was auch immer sein, je nach Interessenlage.

    Danke jedenfalls für den Bericht, die „Gleisbauarbeiten“ finde ich auf jeden Fall spannend!

    @Susanna
    Du fragst Dich, „was geht mich dieses andere Leben an?“
    Ich frage mich, ob einen das unbedingt etwas „angehen“ muss – es kann einen einfach interessieren, oder auch nicht. Antje mag vielleicht „gut geschriebene“ Blogs mit „Wortwitz“ – andere stehen auf Bilder und mögen gar nicht so viel Texte, wieder andere finden das ganze komplett überflüssig.
    Ich selbst lese z.B. unter anderem gerne Eltern-Blogs, gerade weil ich selbst keine Kinder habe. Quasi als Erweiterung der „Filterbubble“. Das geht mich zwar nicht wirklich was an, bzw. hat es mit meinem eigenen Leben nicht direkt was zu tun, aber es interessiert mich einfach.

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