Der Sinn von gutem Lack, oder: Warum Frauen nicht in die Industrie wollen

Neulich kam ich aus reinem Zufall mit ein paar Frauen ins Gespräch, die einen Beruf haben, von dem ich bis dahin noch nie gehört hatte: Sie sind Lacklaborantinnen und Lackingenieurinnen. Was sie erzählten, klang wie aus dem Bilderbuch für Frauenförderpläne. Die Arbeit macht ihnen Spaß, sie sind stolz auf ihr Wissen (zum Beispiel haben sie für etwas, das ich einfach „Blau“ genannt hätte, interessant klingende Fachbegriffe), und sie verdienen gutes Geld. Eine sagte, sie würde mit ihren 25 Jahren jetzt schon mehr verdienen als ihre Mutter nach 30-jähriger Berufserfahrung in einem „Frauenberuf“. Und was ebenfalls toll ist: Alle möglichen Firmen sind auf der Suche nach Lack-Fachkräften, und es ist ein gutes Gefühl, keine Angst davor haben zu müssen, demnächst arbeitslos zu sein.

Soweit also alles Paletti. Doch dann sagte eine ganz unvermittelt, sie würde sich trotzdem manchmal wünschen, etwas „Sinnvolles“ zu tun.  Ich war ein bisschen perplex. Denn gute Lacke zu entwickeln, das ist doch ganz unbestreitbar etwas Sinnvolles. Meine Friseurin zum Beispiel bräuchte dringend einen guten durchsichtigen Lack, der die Haarfärbe-Spritzer daran hindert, ihre Holztischchen zu ruinieren (darüber hatte sie mir gerade ein paar Tage vorher ein Klagelied gesungen). Auch ansonsten fallen mir jede Menge Situationen ein, in denen guter Lack gebraucht wird. Also fragte ich zurück, wie sie denn auf die Idee komme, dass ihre Arbeit nicht sinnvoll wäre?

Da war sie also wieder, diese weibliche Liebe zu den „helfenden Berufen“. Jene mysteriöse Neigung, die zu einem Gutteil an den Einkommensunterscheiden zwischen Frauen und Männern schuld ist. Weil es so viele Frauen gibt, die trotz mieser Bezahlung lieber Erzieherin oder Krankenschwester werden als im Beruf etwas mit Lack oder sonstwas Industriellem zu tun zu haben.

Genau hier liegt aber möglicherweise das Dilemma: Wir haben weitgehend vergessen, dass auch die Entwicklung und Herstellung von Dingen etwas „wirklich Nützliches“ ist. Oder jedenfalls sein kann. Was im Bereich der Sozialberufe unmittelbar einsichtig ist – dass wer dort arbeitet etwas im Dienst der Allgemeinheit tut – wird im Bereich der Produktion von ihrem kapitalistischen Überbau unsichtbar gemacht: Lacke, die werden doch nicht für das gute Leben auf dieser Welt produziert, sondern für den Profit!

Und viele Menschen, offenbar mehr Frauen als Männer, wollen nicht „nur für den Profit“ arbeiten. Auch wenn man ihnen dafür viel Geld bezahlt, bleiben sie unzufrieden, weil ihnen der Sinn ihrer Arbeit nicht einsichtig ist. Ich vermute, das ist ein wichtiger Grund, warum es so schwer ist, Mädchen für Industrieberufe zu gewinnen. Es geht ihnen halt nicht in erster Linie um Geld oder Karriere, sondern sie wollen etwas tun, das „wirklich, wirklich sinnvoll“ ist.

Und das ist auch gut so. Wir können gar nicht genug Leute haben, die bei ihrer Arbeit auf den Sinn des Ganzen achten und nicht nur darauf, möglichst reich zu werden. Aber zu glauben, dass nur Altenpflegerinnen und Kinderärztinnen etwas Sinnvolles tun, ist ein Irrtum. Auch Ingenieurinnen, Mechanikerinnen und Lacklaborantinnen tun das …

…vorausgesetzt natürlich, sie arbeiten nicht in einem Atomkraftwerk oder in einem Chemiekonzern, der seinen Müll lieber im Meer ablädt, als auf ein bisschen Gewinn zu verzichten. Die lange Geschichte ihrer verantwortungslosen Profitorientierung hat das Image der Industriekonzerne nachhaltig versaut, und zu Recht. Für viele Menschen ist heute schlicht nicht mehr sichtbar, dass das, was die Industrie tut, durchaus im Prinzip sinnvoll sein könnte, wenn denn dieser Sinn (und nicht der Profit) im Zentrum stehen würde. An dieser Schraube müssen wir drehen, wenn es darum geht, mehr Frauen für Industrieberufe zu gewinnen.

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

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