Die Herren Strache etc. und das Ende des Patriarchats

strache

(Archivierungspost, nachdem dieser kleine Text drüben auf Facebook so viel diskutiert worden ist und demnach interessant zu sein scheint)

Das Plakat ist interessant, weil es ja tatsächlich von vielen Männern (nicht nur von Strache) als wahr empfunden wird.

Dass die objektive Realität messbar eine andere ist, weil ja weiße Männer unvergleichlich viel mehr Redezeit haben als andere Menschen, weil sie viel, viel seltener angeschrien, unterbrochen, beschimpft usw. werden als jede andere demografische Gruppe, weil im Gegenteil ja Menschen wie sie selbst es sind, die andere am allerhäufigsten anschreien, unterbrechen, beschimpfen (wie man in jedem Thread und in jeder Talkshow sieht) tut da nichts zur Sache.

Worum es geht ist nämlich tatsächlich „Entitlement“: Menschen reagieren emotional nicht einfach auf die realen Verhältnisse, sondern auf die Differenz zwischen den realen Verhältnissen und dem, worauf sie glauben, einen Anspruch zu haben. Und weiße, bürgerliche Männer glauben (so ist weiße Männlichkeit ja konstruiert), einen Anspruch darauf zu haben, dass sie nur von „Gleichrangigen“ kritisiert werden dürfen, nicht aber von „anderen“. Sie glauben, einen Anspruch darauf zu haben, dass ein Argument nicht als im öffentlichen Diskurs legitim gilt, solange sie es nicht verstehen und teilen. Sie empfinden es als übergriffig, wenn andere Menschen, auch noch solche, die „unter“ ihnen stehen, eine andere Meinung haben als sie und sich um ihre Meinung auch gar nicht scheren.

Die schlechte Nachricht: Diese Auseinandersetzung um gesellschaftliche Hegemonie wird nicht ohne Schmerzen abgehen. Und zwar eben tatsächlich Schmerzen auf Seiten derjenigen, die von den weißen bürgerlichen Männern jetzt als ihre Gegner_innen definiert werden, so wie die Frau auf dem Plakat: Denn da sie ja subjektiv das Gefühl haben, ungerecht behandelt zu werden, fühlen sie sich umso mehr berechtigt, jetzt ihrerseits zuzuschlagen. Ihre Gewalt ist reine Notwehr, sozusagen.

Die gute Nachricht: Es scheint sich tatsächlich etwas zu ändern. Denn während sie Emanzipation und Gleichstellung noch ignorieren konnten, weil sie dachten, das betrifft sie ja nicht, merken sie nun so langsam, dass es tatsächlich auch um sie geht. Dass die Welt, so wie sie sie sich bisher zurechtphantasiert haben, nicht die ganze Realität ist. Dass es da noch andere gibt, die ihren Platz behaupten.

Was wir hier erleben ist das Ende des Patriarchats. In einem intakten Patriarchat wäre so ein Plakat völlig undenkbar.

21 Gedanken zu „Die Herren Strache etc. und das Ende des Patriarchats

  1. Gab es so eine Haltung nicht schon ganz früh in den USA, so während der Anfänge der Emanzipation? Da war das Patriarchat aber noch nicht so richtig zu Ende.

  2. Hm,
    „Was wir hier erleben ist das Ende des Patriarchats. In einem intakten Patriarchat wäre so ein Plakat völlig undenkbar.“
    Völlig korrekt !!
    Wenn so richtig, bestätigt das allerdings, dass es nicht nur Männer sind, „weiße, bürgerliche Männer glauben (so ist weiße Männlichkeit ja konstruiert), einen Anspruch darauf zu haben, dass sie nur von „Gleichrangigen“ kritisiert werden dürfen, nicht aber von „anderen“. – oder was ANDERES wollte dieses Plakat herüber meinen, wenn nicht das DERARTIGE „Zuendegehen der PatriarchE“ (es sind viele, nicht nur in „spätpubertärer“ Einfalt betrachtet ein einziges)?
    Nebenher:
    Ich weiss nicht, Antje Schrupp, wie oft du in der „Öffentlichkeit“ unterwegs bist, wo ich lebe, erlebe ich sowohl auf allen Netz- und Zeitungskanälen wie Parteianhäufungen in Räumen und auf Strassen und Plätzen permanent dieses Bild der nur herumpolternden bissigen, sich autoritär gegen vermeintliche andere Autoritäre Krawall schürenden weiblichen Personen, die sicher unter anderer Anleitung (KONTEXTEN!) auch gute feministische Rufer geworden wären, jedoch leider nur die Instrumente des Spaltens sich angeeignet hatten.
    Man kann auch gern gegen die politischen Gegner von gestern herumschreien, in den eigenen irrigen Annahmen, die seien zum einen noch das, was unsere Grosseltern dazu erzählten und nur daran kenntlich, zum anderen sei man sich total(itär) sicher, die Einordnung unberedet selbst in diesem KONTEXT auch zutreffend zu treffen.
    Alles bewegt und verändert sich. Nichts bleibt wie es ist – ausser den ewig gestrigen Totalitären, aus welcher Himmelsrichtung auch immer.
    Wobei eines gewiss ist: Auch der ewig patt_riarche entdeckt irgendwann das Weib, nicht wie es schimpft und zankt, sondern wie es handelt, ihn so nimmt, wie er ist – was wohl dann noch bleibt, von ihm?
    Man könnte immer wieder nur rufen : „Shakespeare!“
    (Viel L. u. n.)
    oder Liza Minelli-Syndrom …

  3. Hier gibt es dann doch mal eine „objektive“ Realität? 😉

    Also, nehmen wir für den Moment mal an, die Welt ist tatsächlich genuso so, wie hier beschrieben, und Ihre Wahrnehmung entspricht der „objektiven“ Realität. Das objektiv existierende Patriarchat zerfällt.

    Was wären denn die „objektiven“ Kriterien, die bestimmen würden, ab wann die subjektive Reaktion auf so ein Mem auch „objektiv“ gerechtfertigt wären? Wann ist denn das Patriarchat so zerfallen, daß man ggü. Strache et al. das gleiche Verständnis aufbringen muß, wie 1980 (oder heute?) für Catherine MacKinnon, oder generell für die irrationale Aggressivität anderer? Frage mich das immer, weil die Unterdrückungsbehauptung ja von allen Seiten dafür verwendet wird, um die eigene Irrationalität als notwendig und gerecht zu definieren.

    Ich glaube ja, daß die Opfer-Ideologiekonstruktion so einen Prozess gar nicht vorsehen können. Das sieht man ja immer wieder an den kognitiven Dissonanzen bei Progressiven, wenn sie merken, daß ihre Intersektionalitätskategorien notwendig kollabieren, wenn sie feststellen, daß das eigene Denkgebäude nur dann funktioniert, wenn sie sich moralisch an die Stelle des weißen heterosexuellen cis Mannes stellen und deswegen die moralischen Verfehlungen anderer als aus deren sozialem Kontext heraus als verständlich erklären.

    Finde das immer lustig, wenn man z.B. in Europa meist sehr links stehende Ethnologinnen befragt, die sich hier darüber beschweren, wenn jemand angebliche rassistische Mikroverletzungen begeht, aber vollstes Verständnis haben, daß bizarrster ethnischer Rassismus Basis für Politik in z.B. Afrika ist. Warum? Weil sie für sich und ihre Gesellschaften andere Regeln haben als für andere Menschen und Gesellschaften, sich ihres, nennen wir es wohlmeinenden Rassismus, aber einfach nicht bewußt werden können, weil das ihr gesamtes Selbstbild in Frage stellen würde.

    PS. Bevor das irgendjemand falsch versteht, ich halte den Opfernarrativ auf der Rechten für absolut absurd, aber er ist eine logische Folge dessen, was sich seit Jahrzehnten links abgespielt hat.

  4. @all – Die Frage ist, glaube ich nicht, ab wann genau das Patriarchat „objektiv“ oder „tatsächlich“ zu Ende ist (also letzentlich eine quantitative Frage), sondern eher darum, eine bestimmte Qualität in der Wirklichkeit wahrzunehmen. Man könnte sagen, es ist in bestimmter Weise zu Ende und in anderer Weise nicht, je nachdem, welchen Aspekt man betrachtet und welche Position eine selber einnimmt. Jedes Mal, wenn eine Frau einem Mann, der ihr etwas befehlen will, widerspricht und ihn stehen lässt, ist das Patriarchat zu Ende, in diesem Moment, an diesem Ort zumindest. So gesehen war das Patriarchat in bestimmter Hinsicht auch im 19. Jahrhundert in den USA zu Ende. Dieses Plakat hier markiert jedoch nochmal eine neue Qualität in Bezug auf den generellen symbolischen Zustand der Welt, finde ich.

  5. @Antje Schrupp schreibt: 26. Oktober 2016 um 15:10
    „Dieses Plakat hier markiert jedoch nochmal eine neue Qualität in Bezug auf den generellen symbolischen Zustand der Welt, finde ich.“
    Gut möglich, nur was du damit exakt für einen „Zustand der Welt“ meinst – bleibt wohl völlig offen, ist nicht erkennbar.
    Im einfachsten Falle beziehe ich deine Worte auf die Aussage des Plakates, so wie du es formulierst, und das macht schon stutzig.
    Im Übrigen:
    „Das Patriarchat“ ist ein Sammelbegriff wie „das Wetter“, der weder nach Anfang oder Ende, noch nach Höhe oder Tiefe noch nach irgendeiner Qualität wertbar oder messbar ist sondern lediglich eine völlig allgemeine Breite einer Denk-, Daseins- und Handlungsweise meint.
    Für ernsthaften Feminismus ist es völlig unerheblich, ob „das Patriarchat“ beendet oder am beenden ist, wichtig ist nur ob mindestens zugleich Matriarchat gelebt wird.
    Aus welchem Grunde sollten sich diese beiden Lebenswirklichkeiten ausschliessen müssen, um selber aktiv werden zu können?
    Es gab und gibt immer beides, parallel oder überdeckend, und es waren nie die Menschen selber, die sich das aussuchten, sondern ihre konkreten Lebensbedingungen. Und wie das nun mal bei lange währenden Strukturen der Fall und üblich ist, nisten sich dann unnötigerweise tradierte Formen ein, die es abzuändern gilt, das ist wie beim Feminismus auch!
    Ändern sich die allgemeinen Lebensrahmen, zersprengen sie meist auch die nur noch tradierten alten, und „Hilfe“ auf diesem Weg war wohl auch aller Beginn von Feminismus – und nicht das Beenden von etwas ohne dafür wertigen Ersatz leben zu können. Der „Ersatz“ für Patriarchate können nur Matriarchate und nicht Feminismus sein – das, diese Einstellung ist es wohl, die der auf dem Plakat karrikierten jungen Frau weder zusprechbar noch zugebilligt werden kann.
    Ich denke jedoch auch in dieser Frage völlig totalitär an Jin und Jang, wenn klar ist, was darunter zu verstehen ist: Die Normalität des ineinander .
    Und wer das nit mag, stelle sich halt daneben, na und?

  6. @Antje Schrupp, aber das ist doch genau der gleiche intellektuelle Eklektizismus, der Strache et al. (zurecht) vorgeworfen wird.

  7. Worum es geht ist nämlich tatsächlich „Entitlement“: Menschen reagieren emotional nicht einfach auf die realen Verhältnisse, sondern auf die Differenz zwischen den realen Verhältnissen und dem, worauf sie glauben, einen Anspruch zu haben. Und weiße, bürgerliche Männer glauben (so ist weiße Männlichkeit ja konstruiert), einen Anspruch darauf zu haben, dass sie nur von „Gleichrangigen“ kritisiert werden dürfen, nicht aber von „anderen“.

    Das Problem von HC Strache ist nicht, dass er männlich, weiß und bürgerlich ist. Sondern dass er narzisstisch ist.

  8. @Irene – Er ist auf eine weiß-bürgerlich-männliche Weise narzisstisch 🙂 _ Es ist nicht nur eine individuelle Befindlichkeit einer einzelnen Person, um die es (mir) geht.

  9. Mir ging es auch nicht nur um Straches individuelle Züge, weil diese Partei ja begünstigt, dass solche Typen nach oben kommen. In schwächerer Form gibt es das auch anderswo.

    Eine narzisstische Anspruchshaltung kann auch bei weniger Privilegierten vorkommen, dann ist halt die Reichweite geringer und es wird nur das Umfeld genervt.

    (Strache ist übrigens nicht sonderlich bürgerlich und wird wohl auch aus anti-bürgerlicher Rebellion gewählt. Die FPÖ ist bei jungen männlichen Arbeitern die stärkste Partei. Vielleicht ist das entfernt mit dem Phänomen Trump vergleichbar.)

  10. Menschen reagieren emotional nicht einfach auf die realen Verhältnisse, sondern auf die Differenz zwischen den realen Verhältnissen und dem, worauf sie glauben, einen Anspruch zu haben.

    Da ist ja was dran. Aber was denkst Du Dir so, wenn Du diesen Satz auf Deine persönliche Ansicht zu „Patriarchat“ anwendest?

  11. @Lh – ja, da trifft es genau, ich bin der Ansicht, ich habe (wie alle Frauen) einen Anspruch darauf, nicht in einem Patriarchat zu leben 🙂 – wohingegen es eben durchaus Frauen gibt, die sich weniger über sexistischen Bockmist ärgern, weil sie gar nicht glauben, dass sie Anspruch auf ein Leben ohne sowas haben…

  12. Mir war klar, dass Dir die Bedeutung der zitierten Stelle offenbar nicht klar war, deshalb kommentiere ich das ja.

  13. Pingback: Lesestoff für Sonntag, 30. Oktober 2016 mit 32 Artikeln - Der Webanhalter

  14. Hallo Frau Schrupp.

    “ Dass die objektive Realität messbar eine andere ist, weil ja weiße Männer unvergleichlich viel mehr Redezeit haben als andere Menschen, weil sie viel, viel seltener…“

    Sind Juden eigentlich Weisse?

    Ich finde das eine interessante Frage angesichts von Privilegien weil die Juden ja eigentlich die privilegierteste Gruppe weltweit sind aber immer so tun als wären es Weisse.

    Definieren sich Juden als Weisse? Ich finde das eine interessante Frage.

    Liebe Grüße

    Svenja

  15. @Svenja – Es gibt jüdische Menschen jeglicher Hautfarbe, soweit ich weiß. Soziale Stigmatisierung funktioniert aber nicht nur entlang von Hautfarbe, sondern ist komplexer. Wieso schreibst du, dass Juden „die privilegierteste Gruppe weltweit“ sind? Das ist doch Quatsch.

  16. Frau Schrupp, wäre es in einem intakten Patriarchat nicht auch undenkbar, dass Frauen mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten stellen dürfen?

    Wäre es in einem intakten Patriarchat nicht undenkbar, dass Frauen sei 1949 die gleichen Rechte haben in der Verfassung?

    Wäre es in einem intakten Patriarchat nicht undenkbar, dass Männer seit 1956 die Pflicht haben, sich zu opfern, aber Frauen nicht?

    Wäre es in einem intakten Patriarchat nicht undenkbar, dass Frauen seit 1977 ohne Zustimmung ihres Mannes arbeiten dürfen?

    Und hätten Männer in einem intakten Patriarchat Frauen überhaupt immer mehr Rechte eingeräumt?

    Wie kommen Sie also darauf, dass es dieses Patriarchat, von dem Sie reden, in der Realität, außerhalb feministischer Theorie, überhaupt (noch) gibt?

  17. @Lucio – Wenn Sie meinen Artikel gelesen hätten, wäre Ihnen aufgefallen, dass ich vom ENDE des Patriarchats schreibe und davon, dass es NICHT mehr intakt ist. Aber offensichtlich sind Sie nur hier, um Ihre Vorurteile zu pflegen?

  18. Pingback: Hass und Solidarität – „Allein, alleiner, alleinerziehend“ – JOCHEN KÖNIG

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