Bücher, die ich nicht gelesen habe

Ich glaube, ich brauche eine neue Rubrik im Blog, und zwar mit Hinweisen auf Bücher, die ich nicht gelesen habe.

Es ist ja Tatsache, dass es viel mehr interessante und diskussionswürdige Veröffentlichungen gibt als man lesen kann. Was mein Fachgebiet – weibliche politische Ideengeschichte nämlich – betrifft, so ist es in den vergangenen Jahren quasi täglich mehr geworden. Feminismus und Frauenbewegung sind heute mehr denn je maßgebliche politische Akteurinnen, und entsprechend haben sich auch die Veröffentlichungen dazu explosionsartig vermehrt. Immer häufiger kommt es vor, dass ich Sachen nicht lesen kann, obwohl sie aktuell diskutiert werden und einige Gedanken wert wären. Daher will ich sie an dieser Stelle wenigstens sammeln oder zu Rezensionen verlinken.

Germaine Greer: On Rape. Bloomsbury 2018, 92 Seiten, 12,99 Euro (Englisch).

Neulich etwa stieß ich bei Facebook auf diesen Text, den Mithu M. Sanyal über das neue Buch „On Rape“ von Germaine Greer geschrieben hat. Greer vertritt darin offenbar sehr diskussionsbedürftige (um nicht zu sagen: falsche) Thesen zu allen möglichen Themen, unter anderem zu Vergewaltigung, heterosexuellem Sex, Männern und Transgender. Als bekannte Protagoinistin der Frauenbewegung hat Greer gleichzeitig eine gewisse Autorität und sicher auch Reichweite. Ich stimme Mithus Analyse hier vollkommen zu: Greer spricht nicht „für die alten Feministinnen“, sondern nur für sich selbst, wenn sich natürlich auch manches in ihren Positionen aus Generationenerfahrungen erklären lässt. Und letztlich zeigt das Ganze, „dass es bei Feminismus nicht um Ikonen, sondern um Diskussionen geht.“

Kate Manne: Down Girl. The Logic of Misogyny, Oxford University Press 2017, 368 S., 20,99 Pfund (Englisch)

Im Facebook-Thread gab es dann noch den Hinweis auf ein weiteres Buch, das sicherlich interessanter ist als das von Greer, nämlich „Down Girl“ von Kate Manne. Laut Beschreibung auf der Verlagsseite stellt sie darin eine These auf, die ich sehr richtig finde, dass nämlich „Frauenfeindlichkeit“ sich nicht darin äußert, dass Männer (oder das Patriarchat) generell etwas gegen Frauen haben oder verächtlich von Frauen sprechen, sondern dass der wesentliche Kern darin besteht, dass zwischen „guten Frauen“ und „schlechten Frauen“ unterschieden wird, wobei die schlechten die sind, die die männliche Vorherrschaft radikal hinterfragen und gefährden. Diese Dynamik erklärt, warum es immer auch viele Frauen gibt, die den Status Quo mittragen, denn da sie zu den „Guten“ gezählt werden, profitieren sie davon. Diese These entfaltet Manne in ihrem Buch offenbar am Beispiel von verschiedenen Ereignissen der vergangenen Jahre. Ich finde ihre These sehr wichtig, weil sie erstens einen Zugang zur Analyse von Differenzen unter Frauen bietet (denn auch bei Konflikten unter Frauen und sogar Feministinnen ist der Mechanismus der Unterscheidung in „gute“ und „schlechte“ Frauen manchmal am Start), und weil sie zweitens zeigt, warum es nicht genügt, einfach „mehr Frauen“ überall haben zu wollen, sondern dass es um qualitative inhaltliche Auseinandersetzungen geht und vor allem um die Anerkennung weiblicher Subjektivität jenseits eines männlichen Urteils darüber.

Ein Gedanke zu „Bücher, die ich nicht gelesen habe

  1. „Diese Dynamik erklärt, warum es immer auch viele Frauen gibt, die den Status Quo mittragen, denn da sie zu den „Guten“ gezählt werden, profitieren sie davon.“

    … und von kleinauf möchten offenbar die meisten zu den „Guten“ gezählt und verhalten/benehmen/äußern/leben entsprechend.

    Den „bösen Mädchen“ aber gehört der Himmel! – stimmt’s??

    LG, Hiltrud

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