Gibt es eigentlich schon ein Icon für „I told you so“?

„Die Zwanziger werden das Jahrzehnt, in dem die Demografie die Strukturen des Sozialstaats durchschüttelt. Nicht nur die Zahl der Rentner wächst enorm. Zugleich gibt es weniger Menschen in Deutschland, die zwischen 20 und 64 Jahre alt sind, die Erwerbsfähigen also, die Wohlstand schaffen und Steuern zahlen. Ihre Zahl schrumpft innerhalb von zehn Jahren um 3,8 Millionen. Dieser Verlust ist – rein statistisch – nur vergleichbar mit der Dezimierung einiger Weltkriegsjahrgänge.“

In den Dekadevorschauen (dieses Zitat ist aus dem Spiegel) wird derzeit viel über den anstehenden demografischen Wandel geschrieben. Der scheint jetzt plötzlich mit unvorhergesehener Wucht über Deutschland niederzukrachen. Ja, echt überraschend, wer konnte das ahnen!

Ganz unbescheiden möchte ich dazu einmal anmerken, dass ich vor 13 Jahren ein Buch geschrieben habe, „Methusalems Mütter. Chancen des demografischen Wandels“. Dort steht drin, was man hätte tun können und müssen, damit die Veralterung der Gesellschaft, die natürlich auch damals schon vorhersehbar war, nicht in eine Katastrophe führt, sondern vielleicht sogar zu einer besseren Welt.

Denn, Achtung, jetzt kommt der Hammer: Dass Menschen heute älter werden als früher ist eine GUTE Nachricht und nichts SCHLIMMES. Denn die einzige Alternative zum Altwerden ist früh sterben, und das wollen wir doch nicht, oder? Der demografische Wandel ist also eine Super Sache. Schlimm ist nur unser dysfunktionales Gesellschaftssystem, das es nicht schafft, vernünftige und sinnvolle Rahmenbedingungen bereitzustellen für eine Welt, in der die Leute fast alle alt werden.

Möglicherweise könnte die eine oder andere von meinen damaligen Thesen noch interessant sein, das Buch ist jedenfalls noch lieferbar, dem Ulrike Helmer Verlag sei Dank (ein Vorteil an kleinen Verlagen ist, dass sie die Bücher nicht nach fünf Jahren aus dem Sortiment schmeißen.)

Der Ehrlichkeit halber muss ich hinzufügen, dass die Debatte damals von Frank Schirrmacher angestoßen wurde. Der hatte in seinem Buch „Das Methusalem Komplott“ (auf das ich mich natürlich beziehe) viel Richtiges vorhergesehen, allerdings dabei eine so eine katastrophige Perspektive aufgemacht hat, dass es vielleicht kein Wunder ist, wenn erst einmal alle den Kopf in den Sand gesteckt haben. Nach ein paar Monaten des üblichen aufgeregten Gegackers in den Feuilletons verschwand das Thema demografischer Wandel dann wieder in der Versenkung, die Vorhersagen wurden ignoriert, die bekanntermaßen notwendigen Strukturmaßnahmen und der Kulturwandel, um den man, wie gesagt, vor 15 Jahren schon wusste, wurde nicht in Angriff genommen.

Jetzt stattdessen Gejammer. Gibt es eigentlich schon ein Icon für „I told you so“?

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

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