Noch ein paar Fragen zu Leihmutterschaft

In der vergangenen Woche hatte ich mehreres zum Thema Leihmutterschaft zu sagen:
In meinem Newsletter
In einem Interview im WDR
In meiner Kolumne für Zeitzeichen
In einem Kommentar für ref.ch

Natürlich ist das Thema nicht ausdiskutiert. Newsletter-Leserin Franziska hat mir als Reaktion darauf noch einige Fragen geschickt, die sie bewegen, und falls andere das auch interessiert, beantworte ich sie hier einfach mal im Blog. Wenn Ihr weitere Fragen habt, gerne schicken!

Hallo Antje, Fragen, die mich generell und damit auch in der Frage nach einer feministischen Vision, wie Reproduktion postpatriarchal gut gehandhabt werden könnte, bewegen:

Was passiert, wenn sich herausstellt, dass ein Kind mit einer Behinderung gezeugt wurde?

Meine erste ethische Maxime, die ich in meinen Büchern Schwangerwerdenkönnen und Reproduktive Freiheit ausgearbeitet habe, ist die bedingungslose körperliche Selbstbestimmung der schwangeren Person, und zwar egal, warum sie schwanger ist, d.h. das gilt für Leihmütter genauso wie für Personen, die aus anderen Gründen schwanger sind. Die Schwangere entscheidet ganz allein, was in diesem Fall passiert.

Was passiert, wenn ein Kind (evtl. unvorhergesehen) mit einer Behinderung geboren wird?

Auch das folgt den Regeln, die ich in meinen Büchern dazu aufgestellt habe: Die auftraggebenden Personen sind rechtlich verpflichtet, die Elternschaft für dieses Kind zu übernehmen, es sei denn, die Person, die geboren hat, entscheidet sich innerhalb einer Frist (ich schlage vor, acht Wochen, analog zur Adoption), selbst Mutter sein zu wollen. Das ist bei allen Geburten so, egal ob das Kind eine Behinderung hat oder nicht.

Wie begegnen wir der Tatsache, dass die Möglichkeiten, die die Genforschung mit sich bringt, bereits heute die „Züchtung“ von Menschen ermöglicht?

Das ist eine sehr wichtige Frage, die allerdings nichts mit dem Thema Leihmutterschaft zu tun hat. Die meisten Schwangerschaften, bei denen diese Dinge erwogen werden, kommen von „ganz normalen“ heterosexuellen Paaren. Spanische Reproduktionskliniken etwa bewerben In-Vitro-Fertilisation längst nicht mehr nur für Menschen, die auf andere Weise nicht schwanger werden oder ein Kind mitzeugen können, sondern als Standard-Zeugungsmethode, die die Auswahl und den Ausschluss bestimmter genetischer Merkmale ermöglicht. Also: Wichtige Frage, aber nicht direkt mit dem Thema Leihmutterschaft verbunden, sondern mit In-Vitro generell.

Wie handhaben wir in diesem Zusammenhang die Möglichkeit der Abtreibung?

Auch das ist kein spezielles Thema bei Leihmutterschaft, sondern betrifft generell die Möglichkeiten von Pränatal- oder Präimplantationsdiagnostik. Alle Schwangeren, nicht nur Leihmütter, müssen diese Frage ja beantworten.

Die Selektion von Embryonen vor der Implantation in den Uterus finde ich unproblematisch, da für mich (auch dazu in meinen Büchern mehr) die menschliche Qualität eines Embryos durch die Beziehung zur schwangeren Person bestimmt wird. Vor der Implantation kann man imho noch nicht von menschlichem Leben sprechen. Die bereits verbreitete Praxis (nicht bei Leihmüttern, sondern generell), Schwangerschaft wegen fehlender „Qualität“ des Embryos zu beenden, finde ich problematisch. Ich bin der Meinung, dass zwar jede Schwangere das Recht hat, kein Kind gebären zu wollen, also abzutreiben, aber nicht, dieses bestimmte Kind nicht zu wollen, jedenfalls wenn es sich um leichte Behinderungen wie etwa Down-Syndrom handelt. Ich verstehe das aber eher als Ausdruck meines christlichen Glaubens, ich möchte das nicht gesetzlich regeln, sondern eine gesellschaftliche Debatte dazu führen. Das körperliche Selbstbestimmungsrecht von Schwangeren steht aus meiner Sicht über diesen Erwägungen, das heißt: Auch in diesen Fällen liegt die Entscheidung bei der Schwangeren.

Was ist ein lebenswertes Leben? Wer bestimmt das?

Jedes Leben ist potenziell lebenswert, aber nicht auf Kosten anderer. Ich unterstütze das moralische Prinzip, dass niemand berechtigt ist, den Körper anderer Menschen ohne deren Einwilligung zu nutzen (etwa darf man nach deutscher Rechtsprechung niemand zu Organspende oder sogar auch nur zur Blutspende zwingen, selbst wenn das Leben retten würde). Und das gilt eben auch im Fall von Embryonen und Föten. Das heißt, die Frage nach lebenswertem Leben stellt sich erst nach der Geburt, wenn die Babies vom Körper der Schwangeren unabhängig sind, und ab dann ist jedes Leben lebenswert. Vor der Geburt lautet die Frage, ob die Schwangere ihren Körper für das Wachsen eines anderen Lebewesens zur Verfügung stellen will, und das allein ihre Entscheidung.

Wo sind die Grenzen, die wir nicht überschreiten wollen, auch wenn es denk- und machbar wäre? Wofür könnte es gut sein, diese Grenzen als solche zu respektieren?

Die Frage finde ich zu allgemein, ich kann sie nicht so abstrakt beantworten.

Wer bestimmt ob, für wen und warum Kinderwünsche erfüllt werden?

Das ist das politische Grundproblem, das aus der Tatsache entsteht, dass nicht alle Menschen schwanger werden können. Wer nicht selbst schwanger werden kann, kann nur Vater oder Mutter werden, wenn eine andere Person das Kind zur Welt bringt. Das ist erstmal eine biologische Tatsache. Aus der folgt, dass wenn ich nicht selbst schwanger werden kann, ich eine Person finden muss, die die Elternschaft entweder mit mir teilt (traditionelle Vaterschaft oder Co-Parenting), oder die mir die Elternschaft gänzlich übergibt (Adoption, Leihmutterschaft). So oder so muss ich diese Person dazu bringen, das freiwillig zu tun (mit Liebe, mit Geld, mit Nächstenliebe, wie auch immer). Es gibt keinen moralischen oder rechtlichen Anspruch auf erfüllte Kinderwünsche.

Und speziell zum Thema Leihmutterschaft: Ich bräuchte einen genaueren wissenschaftlich fundierten Blick auf die Folgen für die Kinder, um eine (entspannte) Haltung zu Leihmutterschaft zu entwickeln.

Ja, da brauchen wir noch mehr Forschung dazu. Die Expert*innenkommission, von der ich im Newsletter schrieb, hat dazu auch einige Anmerkungen. Das Problem ist, dass jedes Kind, jede Schwangerschaft, jede Familie individuell ist und man sowas schlecht pauschal beantworten kann. Die wichtigen Kriterien für Kindeswohl sind jedenfalls Stabilität, liebevolle Zuwendung, materielle Sicherheit, Förderung individueller Wünsche und Fähigkeiten. Familienform und Umstände der Geburt spielen wenn überhaupt eine untergeordnete Rolle. Bei Leihmutterschaften ist ein sehr wichtiger Faktor die Transparenz: Ganz schlecht für das Kind ist, wenn es angelogen wird, das wäre etwas, das ich in der Tat verbieten würde. Bei heterosexuellen Paaren, die Leihmutterschaft in Anspruch nehmen, kommt das häufig vor, manche Kliniken und Agenturen bieten das sogar an, etwa Schwangerschaftsbäuche, mit denen die Frau eine Schwangerschaft vortäuschen kann. Bei schwulen Paaren, die das gezwungenermaßen transparent machen, läuft es oft besser. Wenn Kinder von klein auf über die Umstände ihrer Geburt Bescheid wissen, haben sie in der Regel kein Problem damit. Aber mehr Forschung dazu ist immer gut.

Wie wirkt sich der Beziehungsbruch nach der Geburt auf das Kind aus? Ist es für das Kind zumutbar, ihn geplant herbeizuführen?

Beziehungsbrüche sind im Leben normal. Wir sind ja auch nicht mehr gegen Scheidungen, nur weil Kinder oft darunter leiden, sondern das Bestreben ist, es möglichst gut zu regeln. Ein großes Problem für die Kinder ist die Idee, sie seien „nicht gewollt gewesen“, also die Frage „Warum hat meine Mutter mich weggeben?“ Das ist aber glaub ich bei Adoptionen viel schlimmer als bei Leihmutterschaften. Denn bei Adoptionen wird das Kind tatsächlich nachträglich „weggegeben“, während es bei Leihmutterschaft Wunscheltern gibt, die sich das Kind sehr stark gewünscht haben. Deshalb wäre ich dafür, eher Adoptionen zu vermeiden (durch Zugang zu Abtreibungen), als Leihmutterschaften. Das Argument „die Leute sollen doch Kinder adoptieren statt Leihmütter zu beauftragen“ finde ich aus Sicht des Kindeswohls unverständlich. Leihmütter sind freiwillig schwanger, Schwangere, die nicht abtreiben dürfen und deshalb das Kind dann „weggeben“, sind unfreiwillig schwanger.

Wie wirkt sich das „Mindset“ aller Beteiligten werdenden und nach der Geburt der jungen Eltern auf das Erleben des Kindes aus?

Auch das lässt sich natürlich nicht verallgemeinern, oder? Ich fände das „Mindset“, wonach eine Person, die schwanger werden kann, aber selbst nicht Mutter sein will, für andere Personen, die gerne elterliche Verantwortung übernehmen möchten, aber nicht schwanger werden können, ein Kind zur Welt bringt, nicht per se problematisch.



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Comments

4 Antworten zu „Noch ein paar Fragen zu Leihmutterschaft“

  1. spbrunner

    Es bleibt mein Thema, und ich finde hier eine Fehlstelle bei Dir: „So oder so muss ich diese Person dazu bringen, das freiwillig zu tun (mit Liebe, mit Geld, mit Nächstenliebe, wie auch immer).“ – das gilt eben nicht für jede Adoption, schon gar nicht für sogenannte Spätadoptionen. Abgesehen davon, dass „freigegebene“ Kinder je älter je schlechter „vermittelt“ werden können, steckt in der ständigen Nicht-Erwähnung genau dieser Möglichkeit die scheinbar selbstverständliche Akzeptanz, Kinder als Fortsetzung des eigenen Ichs zu wünschen. Ich wünsche mir, dass genau das kritisch bewertet wird.

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  2. Bei Adoptionen geht es ja um Kinder, für die nach der Geburt/Zeugung Eltern gesucht werden, das heißt, die Adoptiveltern sind nicht in den Wunsch zur Zeugung des Kindes involviert. Das ist ein anderer Fall als Leihmutterschaft. Ich schrieb über den Kinderwunsch von Menschen, die keine Kinder gebären können, aber einen Kinderwunsch haben. Ja klar, du kannst sagen: Die können ja adoptieren. Aber soweit ich weiß, ist das in Deutschland nicht so einfach, denn man muss hohe Hürden und Voraussetzungen erfüllen. Was vergleichsweise leicht geht ist, Pflegeeltern zu werden, aber dann muss man jederzeit darauf gefasst sein, dass die Kinder wieder zu den biologischen Eltern zurückgegeben werden. Das finde ich extrem problematisch, sowohl für die Kinder als auch für die Pflegeeltern. Mein Vorschlag ist ja in der Tat, Leihmutterschaft und Adoption zusammen zu denken, also dieselben Regeln dafür zu haben, und das würde beinhalten, dass in dem Moment, wo die Elternschaft besiegelt ist (bei Adoption derzeit 8 Wochen nach Geburt, soweit ich weiß), es dann auch kein „Zurück“ mehr gibt. Skeptisch bin ich, wenn Adoptionen angepriesen werden, um Abtreibungen zu verhindern und als Alternative zu Leihmutterschaft. Es ist ja so oft vom Kindeswohl die Rede als Argument gegen Leihmutterschaft. Aber ich denke, adoptierte Kinder haben es deutlich schwerer, das zu verarbeiten, denn in ihrem Fall ist es so, dass die leibliche Mutter sie tatsächlich „nicht gewollt“ hat und daher zur Adoption freigegeben. Bei Leihmutterschaft ist klar, dass sie auch von den sozialen Eltern „gewollt“ wurden, schon vor ihrer Zeugung. Daher glaube ich, es ist besser, ungewollte Schwangerschaften zu beenden und dafür gewollte (Leihmutterschafts)-Schwangerschaften zu initiieren, wenn man die Wahl hat. Adoptionen sollten nicht als moralisch bessere Alternative zu Abtreibung propagiert werden, denn das sind sie nicht. Sie sollten natürlich als Möglichkeit weiter existieren, falls eine Frau nicht abtreiben möchte, etwa aus religiösen Gründen, oder wenn sich erst gegen Ende der Schwangerschaft herausstellt, dass sie keine Mutter sein möchte.

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  3. Anonymous

    Es geht mir in der tat darum, dass ich Erfüllung des Kinderwunsches verstehe und ja, Adoption als Lösung empfehle, aber wärend ich Genweitergabe für ziemlich verzichtbar halte. Und ich erwähnte, dass sogenannte Spätadoptionen oder die von Kindern „mit kleinen Schäden“ (so wörtlich erlebt …) viel einfacher sind als die stets erträumte Säuglingsadoption.

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  4. Ja, ich finde auch, dass die Genetik maßlos überschätzt wird, ebenso wie die „Perfektheit“ der Kinder. Beides ist aber in erster Linie ein kulturell-gesellschaftliches Thema, ich würde es nicht als moralisch-ethischen Anspruch an einzelne Menschen mit Kinderwunsch und ohne Gebärmutter formulieren. Je wichtiger kulturell die genetische Abstammung genommen wird, desto mehr ist sie natürlich auch für diese Menschen wichtig. Und das „Herstellen“ von „perfekten“ Kindern ist inzwischen in vielen Ländern (Spanien z.B.) der Hauptgrund für die Inanspruchnahme von In-Vitro-Fertilisation (weil man dann vor dem „Match“ auf Gendefekte testen kann), nicht die Leihmutterschaft. Also auch wenn ich dir recht gebe, so finde ich diese Debatten etwas scheinheilig, die Menschen mit Kinderwunsch und ohne Uterus sollen sozusagen stellvertretend für uns nicht-genetisch eigene und nicht-perfekte Kinder nehmen und lieben, besser wäre es aber, wir alle würden das tun – oder eben uns nicht wundern, wenn sie es auch nicht tun.

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