Was nun?

Hillary Clinton ist nicht Präsidentin von Amerika geworden, und was bedeutet das nun für unser Projekt (ich vereinnahme euch jetzt mal ganz dreist), als freie Frauen in der Welt mitzuwirken und sie unseren Vorstellungen vom guten Leben gemäß zu gestalten?

Barbara Streidl hat aufgeschrieben, warum Hillary Clinton auch „als Frau gescheitert ist“ (und nicht nur als „geschlechtsneutrale“ Politikerin). Und das stimmt meiner Meinung nach. Nicht nur, weil die Angriffe gegen sie offensichtlich sexistisch waren. Sondern meiner Ansicht nach ist sie auch mit ihrem Weg gescheitert, bei dem sie die Symbolfigur des Emanzipationsfeminismus der „zweiten Frauenbewegung“ war, nämlich durch Integration und Anpassung an den von Männern erfundenen und eingeübten Weisen des Politikmachens Einfluss zu bekommen.

Annarosa Buttarelli von den italienischen Diotima Philosophinnen hat ihren kurzen Kommentar in der Huffington Post (leider nur italienisch) „Hillary, eine Frau ohne Volk“ betitelt. Sie schreibt, die Parteien stünden heute vor der Alternative: entweder die Frauen oder das Volk. Tatsächlich hatte ich, nachdem ich von Trumps Sieg gehört hatte, kurz den Gedanken, dass es vielleicht falsch war, eine Frau aufzustellen, weil die Leute offensichtlich noch nicht so weit sind, eine Frau zu akzeptieren. Jedenfalls nicht, wenn diese Frau eigenständige Sachen macht und nicht nur das, was „das Volk“ hören will.

Es ist eine Haltung, die ich schon länger bei den Beiträgen von Frauen im öffentlichen Diskurs beobachte: Sie werden hoffiert, solange sie nützlich sind, aber wenn sie etwas sagen, das einem nicht passt, dann wird umso heftiger zurückgeschlagen. Hier habe ich das in Punkto Feminismus mal analysiert. Aber es stimmt auch in Punkto Frauen überhaupt. Und es stimmt auch für die Linken, die Clinton meiner Ansicht nach für ihre „nicht linken“ Positionen um ein Vielfaches heftiger kritisiert haben, als sie das bei einem Mann getan hätten. Eine Frau, die eine andere Meinung vertritt, das geht eben nicht. Das ist im Konzept der „Gleichstellung“ nicht vorgesehen.

Es ist natürlich toll, dass die Demokraten Clinton aufgestellt haben, aber ich könnte mir denken, wenn sie einen Mann aufgestellt hätten – nicht Bernie Sanders, ich glaube nicht, dass er Chancen gehabt hätte, aber einen „Hillarius Clinton“, der hätte gegen Trump gewonnen. Erschwerend kam ja auch noch dazu, dass zuvor acht Jahre lang ein Schwarzer Präsident gewesen war. Obama war im konservativen Milieu der USA auf eine solche Weise verhasst, dass sich das nur mit Rassismus erklären lässt. Diese acht Jahre aufgestauter Hass auf einen schwarzen Präsidenten, der dann noch nicht einmal richtige Fehler machte, und anschließend eine weibliche Kandidatin, die auch keine Fehler machte – das war zu viel. Ich bin felsenfest überzeugt, wäre Obama weiß gewesen und Clinton männlich und alle anderen Koordinaten identisch – dann wäre jetzt nicht Trump Präsident.

Und dass Trump jetzt Präsident ist, halte ich für eine Katastrophe ohne positiven Nebenaspekt, aber das Thema führt jetzt hier zu weit. (Hier könnt Ihr das teilweise in der Diskussion nachlesen). Jedenfalls habe ich mich gefragt, ob, um Trump zu verhindern, es den Preis wert gewesen wäre, auf einen Schwarzen und eine Frau zu verzichten? Okay, das ist jetzt WIRKLICH Pest oder Cholera.

Warum finde ich Trump so schrecklich, dass ich glaube, es wäre möglicherweise einen so hohen Preis wert gewesen, ihn zu verhindern? Weil sich mit ihm das politische Klima verändern wird und schon hat. Es werden jetzt Dinge sagbar, die unter Clinton nicht sagbar wären.  Wer Präsident eines Landes ist, entscheidet nicht über die Revolution, denn Präsidenten (bzw. Präsidentinnen) sind immer nur soweit wie der gesellschaftliche Mainstream. Sie gehen Veränderungen nicht voran, sondern hinterher.

Aber sie haben eine Bedeutung dafür, wie sich der Mainstream entwickelt. Dass Clinton in ihrer Concession Speach Mädchen Mut gemacht hat, sie könnten alles werden, ist ja bereits sehr vielsagend: Denn genau das ist jetzt offenbar nicht mehr selbstverständlich, es muss gesagt werden (das Selbstverständliche muss nicht gesagt werden). Wir werden jetzt wieder für Selbstverständlichkeiten und Minimaldinge kämpfen müssen, statt uns darauf konzentrieren zu können, weiter zu gehen. Wir werden nicht Clinton für all die Dinge kritisieren können, die man ihr zu Recht vorwerfen kann, sondern wir werden dafür kämpfen müssen, dass Arme nicht einfach auf der Straße verrecken, dass es nicht alle ganz normal finden, wenn Frauen geschlagen und vergewaltigt werden und so weiter. Mit der Wahl von Trump ist eine Verschiebung der symbolischen Ordnung geschehen.

Die Bedingungen des libertären und feministischen Aktivismus haben sich einfach grade sehr verschlechtert. Zunächst in den USA, aber ich fürchte, es wird sich auch in Europa ausbreiten. In den USA werden jetzt tausende Stellen mit entsprechenden Leuten besetzt. Rassistische und homophobe Lehrer werden es sehr viel leichter haben als bisher, weil wenn der Präsident sowas sagt, kann es doch nicht schlimm sein. Frauen in Gewaltbeziehungen werden es schwerer haben, sich zur Wehr zu setzen, die sollen sich nicht so anstellen, selbst der Präsident findet sowas doch gut. Migrantinnen werden viel leichter abgeschoben werden, was für jedes einzelne Schicksal schlimm ist. Die Rechtsextremen werden das Klima prägen, in den Medien, in den Schulen, im Kino. Das alles wäre unter Clinton anders. Und deshalb stimmt genau, was Judith Butler gesagt hat: Eine linke Opposition gegen Clinton hätte viel mehr Möglichkeiten, als unter Trump.

Ich hatte heute kurz den Gedankenblitz, dass der Umbruch vielleicht so groß ist, dass sogar die Tage von Marine Le Pen und Frauke Petry gezählt sind – als Frauen waren sie gut für eine Übergangszeit, weil sie rechtsextreme Politik im Gewand weiblicher Zivilisation präsentierten. Nach dem Motto: Wenn Frauen das gut finden, wird es wohl nicht so schlimm sein. Aber ich glaube, diese Bastion ist jetzt gebrochen. Trump hat gezeigt: Rechtspopulismus kann man auch im Westen mit Männern an der Spitze gewinnen. Dieses Privileg muss nicht mehr klassischen Patriarchen wie Putin oder Erdogan vorbehalten bleiben. Möglicherweise wird es bald gar nicht mehr von Vorteil sein, den Rechtspopulismus mit einem weiblichen Frontgesicht zu verschönern. Männerehrgeiz ist sexy, die Leute wählen Machotum, und dann nehmen sie lieber das virile Original als die weibliche Kopie.

Aus den Erfahrungen von Hillary Clinton und Angela Merkel können wir sehen, dass „emanzipierte“ Frauen in dem derzeitigen Politsystem nur Autorität haben, solange sie die große Mehrheit der Bevölkerung hinter sich haben. Sobald sie Konflikte eingehen (wie zum Beispiel Merkel in der Flüchtlingsfrage) werden sie auf eine Weise demontiert, wie es Männern nie passieren würde. Und mir fällt keine Frau ein, die in diesem Geschäft perfekter wäre als Clinton und Merkel es sind. Das sind Super-Women, was Einsatz, Intelligenz, Fleiß usw. betrifft. Wenn die schon scheitern, haben wir „Normalos“ auf diesem Weg sowieso keine Chance.

Was können wir also tun?

Annarosa Buttarelli schlägt in ihrem Kommentar vor, beim Politikmachen konsequent von der weiblichen Differenz auszugehen. Die eigene politische Praxis ins Zentrum zu stellen und nicht den Wunsch, „bei den Männern mitzuspielen“. Sie glaubt, dass Frauen solche „radikalen“ Frauen dann wählen würden (wohingegen sie Frauen wie Clinton nicht wählen). Diesbezüglich bin ich mir nicht so sicher, vor allem bin ich skeptisch, was die Chancen betrifft, auf diese Weise als Frau in den bestehenden Parteien überhaupt jemals für irgend ein Amt nominiert zu werden. Zumal sich ja gezeigt hat, dass die weißen bürgerlichen Frauen gar nicht unbedingt an so einem Projekt interessiert sind. Ich fürchte, sie haben nicht gegen Hillary, sondern tatsächlich für Trump gewählt, zwar nicht so deutlich wie ihre Männer, aber eben doch.

Aber vielleicht könnten wir – also die radikalen Feministinnen – uns mit den anderen Anderen zusammentun. Gezielt die Beziehungen mit denen pflegen, die ebenfalls mit dem Demokratieprojekt, so wie es sich weiße bürgerliche Männer ausgedacht haben, weder „mitgemeint“ noch einverstanden sind. Die auch längst wissen, dass Integration und Anpassung keine echten Optionen sind, sondern nur Simulationen. Also eine intersektional agierende Bewegung aller möglichen „Nicht-Typen“, die die Differenz zu ihrem Motto macht. Vielleicht sowas ähnliches, wie Negri/Haardts „Multitude“, aber nicht als Theorie, sondern als Praxis, in Form einer Politik der Beziehungen. Und auch nicht als einfachen Zusammenschluss, sondern in Auseinandersetzung und Konflikt.

Das alles ist natürlich noch total schwammig, aber ich finde, das Nachdenken sollte in diese Richtung gehen. Jedenfalls könnten wir diese Option für den eigenen Aktivismus im Gedächtnis zu behalten, wenn der Frust uns überwältigt. Zumal wir ja überhaupt nicht bei Null anfangen müssen. Michaela Moser schrieb vorhin sehr zu recht auf Facebook: „Was mich auch grad sehr stört: Das Gerede, das niemand Lösungen gegen Trump & Co hat. Es geht nicht bloß drum, diese Typen zu „entzaubern“, die Verhältnisse gehören geändert! Und dazu gibts seit Jahrzehnten Vorschläge genug.“

Die gibt es. Es gibt Praktiken der Politik, feministische und andere, es gibt Erfahrungen mit Community-Building, mit Konsensfindung, mit Lernen und Forschen, mit Gerechtigkeit, mit Heilung, mit Kultur und so weiter, die jenseits der Welt der weißen bürgerlichen Männer funktionieren.

Die Italienerinnen haben vor Jahren mal ein Buch geschrieben mit dem Titel „Von der Abwesenheit profitieren“. Die Niederlage von Hillary Clinton könnte das Signal dafür sein, dass auch diejenigen von uns, die bisher noch versucht haben, durch Anpassung die Akzeptanz der „Meinungsmacher“ zu erkaufen, sich davon abwenden. Vielleicht entzieht es ihren Institutionen ja auch die Lebenskraft, wenn wir ihnen nicht mehr unsere Energie, unsere Kreativität, unsere Aufmerksamkeit und unsere Anerkennung schenken.

Hillary Clinton, der Feminismus und die Sozialgesetzgebung in den USA

Da ich momentan nicht so recht zum Bloggen komme, möchte ich hier wenigstens kurz einen Tipp festhalten.

Was Ihr unbedingt lesen solltet ist dieser exzellente Essay von Namara Smith über die komplizierte Geschichte der Sozialgesetzgebung in den USA und Hillary Clinton als eine der Protagonistinnen jener Richtung der Frauenbewegung, die Emanzipation ausschließlich über die Einbeziehung der Frauen in den Erwerbsarbeitsmarkt erreichen wollen. Differenziert wird aufgedröselt, wie die Sozialhilfegesetzgebung systematisch weiße vollerwerwerbstätige Männer bevorzugt (hat), dass sie inhärent rassistisch ist, und wie Bill Clintons Sozialhilfereform vor allem alleinerziehenden Müttern geschadet hat.

Und, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Genau bei diesem Thema hat Bernie Sanders kein bisschen bessere Antworten zu bieten als Hillary Clinton. Von Donald Trump sowieso ganz zu schwiegen.

Über diesen Link kann man den Essay auch hören

Trump, Obama, Emcke usw. – Besondere Umstände, Episode 24

Mit Benni und Eva habe ich heute morgen wieder gepodcastet, und zwar über

Donald Trump und die Faszination für ihn die Frage, ob das ein  Zeichen für das Ende des Patriarchats ist. Und was das mit der Demokratie zu tun hat. Wie man die retten kann. Nicht.
Die Reden von Michelle Obama und Carolin Emcke
Die Menschheitsgeschichte, das Recht auf Fortpflanzung und Ghostbusters

Hier ist der Link

Die Herren Strache etc. und das Ende des Patriarchats

strache

(Archivierungspost, nachdem dieser kleine Text drüben auf Facebook so viel diskutiert worden ist und demnach interessant zu sein scheint)

Das Plakat ist interessant, weil es ja tatsächlich von vielen Männern (nicht nur von Strache) als wahr empfunden wird.

Dass die objektive Realität messbar eine andere ist, weil ja weiße Männer unvergleichlich viel mehr Redezeit haben als andere Menschen, weil sie viel, viel seltener angeschrien, unterbrochen, beschimpft usw. werden als jede andere demografische Gruppe, weil im Gegenteil ja Menschen wie sie selbst es sind, die andere am allerhäufigsten anschreien, unterbrechen, beschimpfen (wie man in jedem Thread und in jeder Talkshow sieht) tut da nichts zur Sache.

Worum es geht ist nämlich tatsächlich „Entitlement“: Menschen reagieren emotional nicht einfach auf die realen Verhältnisse, sondern auf die Differenz zwischen den realen Verhältnissen und dem, worauf sie glauben, einen Anspruch zu haben. Und weiße, bürgerliche Männer glauben (so ist weiße Männlichkeit ja konstruiert), einen Anspruch darauf zu haben, dass sie nur von „Gleichrangigen“ kritisiert werden dürfen, nicht aber von „anderen“. Sie glauben, einen Anspruch darauf zu haben, dass ein Argument nicht als im öffentlichen Diskurs legitim gilt, solange sie es nicht verstehen und teilen. Sie empfinden es als übergriffig, wenn andere Menschen, auch noch solche, die „unter“ ihnen stehen, eine andere Meinung haben als sie und sich um ihre Meinung auch gar nicht scheren.

Die schlechte Nachricht: Diese Auseinandersetzung um gesellschaftliche Hegemonie wird nicht ohne Schmerzen abgehen. Und zwar eben tatsächlich Schmerzen auf Seiten derjenigen, die von den weißen bürgerlichen Männern jetzt als ihre Gegner_innen definiert werden, so wie die Frau auf dem Plakat: Denn da sie ja subjektiv das Gefühl haben, ungerecht behandelt zu werden, fühlen sie sich umso mehr berechtigt, jetzt ihrerseits zuzuschlagen. Ihre Gewalt ist reine Notwehr, sozusagen.

Die gute Nachricht: Es scheint sich tatsächlich etwas zu ändern. Denn während sie Emanzipation und Gleichstellung noch ignorieren konnten, weil sie dachten, das betrifft sie ja nicht, merken sie nun so langsam, dass es tatsächlich auch um sie geht. Dass die Welt, so wie sie sie sich bisher zurechtphantasiert haben, nicht die ganze Realität ist. Dass es da noch andere gibt, die ihren Platz behaupten.

Was wir hier erleben ist das Ende des Patriarchats. In einem intakten Patriarchat wäre so ein Plakat völlig undenkbar.

Eine wunderschöne Rede

Diese Rede ist schon von allen geteilt worden, aber noch nicht von mir!

(Und auf Facebook hab ich auch das Video, kriege es aber irgendwie nicht hier rüber)

Es ist wunderschön, dass heute auch solche Reden gehalten werden! Noch schöner wäre freilich, wenn kluge Frauen wie Carolin Emcke keine Reden mehr halten müssten, in denen sie das Offensichtliche sagen.

Wenn sie Reden halten könnten, die nicht an „die anderen“ gerichtet sind, sondern mit denen sie uns – dich und mich – zum Nachdenken, Umdenken, Hinterfragen bringen könnten.

Erst dann wäre es wirklich auch „unsere“ Welt: Wenn wir bei solchen Reden nicht entweder nur begeistert nicken oder nur verärgert facepalmen müssten. Sondern wenn uns dabei Sachen durch den Kopf gingen wie „So habe ich das noch nie gesehen“, „da muss ich mal drüber nachdenken“ oder „ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie da recht hat“.

(Das wäre jedenfalls so ungefähr meine Vorstellung vom Paradies).

Update: Im Anschluss stellte sich mir noch eine Idee im Kopf ein: These (noch unausgegoren): Man kann von einer anderen Person nur entweder angesprochen oder repräsentiert werden, beides zusammen geht nicht. Oder?

Die Attentatskritikerin. Oder: Vom Elend des männlichen Revoluzzertums (wieder mal)

Lou Marin: Rirette Maîtrejean. Attentatskritikerin, Anarchafeministin, Individualanarchistin. Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2016, 262 Seiten, 16,90 Euro.

Mrirette_maitrejeanan ist nach der Lektüre des Buches ein bisschen versucht, das Ganze mit „noch ein Beispiel dafür, wie toxische Männlichkeit freiheitliche Bewegungen zerstört“ zu überschreiben. Diesmal geht es um das libertär-anarchistische Milieu in Frankreich in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und speziell um eine seiner Protagonistinnen, nämlich Rirette Maîtrejean (1887-1968). Und irgendwie schließt es inhaltlich auch ein bisschen an die Propaganda der Tat an, über die ich kürzlich erst schrieb.

Attentatskritikerin ist jedenfalls eine originelle Personenbeschreibung. Ich fand das Buch auch deshalb spannend, weil es zu einer Zeit spielt, in der der Anarchismus zumindest in Frankreich noch einen sehr starken ideengeschichtlichen Einfluss auf die Arbeiterbewegung hatte. Vor der bolschewistischen Revolution in Russland, an deren Ende sich das Linkssein in Europa ja immer mehr auf Marxismus-Leninismus kaprizierte und alternative Ideen des Sozialismus an den Rand gedrängt wurden.

Rirette Maîtrejean (ihr Geburtsname war Anna Henriette Estorges) hatte mit 16 Jahren ihre Mutter und Geschwister verlassen (der Vater war kurz zuvor gestorben), weil sie nicht heiraten wollte. Sie schloss sich in Paris revolutionären Diskussionszirkeln an, hatte Liebesbeziehungen mit verschiedenen Männern, brachte zwei Töchter zur Welt. Sie lebte und arbeitete im Umfeld einer Zeitung namens „l’anarchie“, die ihren Sitz zeitweise in Paris, zeitweise auf einer ländlichen Kommune im Umland hatte. Manchmal war sie dort Redaktionsverantwortliche, manchmal andere.

Die Diskussionen in diesem Milieu drehten sich um die Frage, wie man angesichts eines repressiven staatlichen Systems und eines ausbeuterischen Kapitalismus am besten persönlich leben soll, wobei, und das ist besonders interessant, die Frage der politischen Analyse und des persönlichen Lebensstils miteinander verwoben waren. Es ging also nicht nur um die Strategien von politischen Aktionen, sondern auch um Kindererziehung, freie Liebe und Ernährung.

Zum Beispiel gibt es einen Text von Maîtrejean, in dem sie das Zusammenleben von Liebespaaren befürwortet – gegen die im damaligen anarchistischen Mainstream offenbar vorherrschende Ansicht, dass Paare auf jeden Fall besser getrennt leben sollten, weil das freiheitlicher sei. In einem anderen Text beschreibt sie klarsichtig, dass eine Abschaffung des klassischen Ehemodells nicht nur notwendig macht, dass Frauen erwerbstätig sein können, also finanziell von Männern unabhängig, sondern auch reproduktive Selbstbestimmung garantiert ist, also die Möglichkeit für Verhütung und Abtreibung.

Neu war mir, dass damals bereits das Thema Veganismus so wichtig war, dass viele Anarchist_innen keine Tierprodukte konsumierten und übrigens auch keinen Alkohol. Dabei spielten neben den heute überwiegenden tierethischen Argumenten vor allem ernährungswissenschaftliche Theorien eine Rolle und, als quasi „sozialrevolutionäres“ Argument, die Tatsache, dass vegane Ernährung billiger ist (oder zumindest damals war) und wer so lebte sich daher weniger abhängig machte vom „System“, denn sie brauchte ja weniger Geld zum Leben.

Während das erste Argument zuweilen in „Szientismus“ umschlug, also die irrationale Gläubigkeit gegenüber angeblich wissenschaftlichen Erkenntnissen bezüglich gesunder Ernährung, berührte die zweite Linie direkt das politische Handeln. Denn im anarchistischen Milieu gab es damals die Auffassung, dass ein guter Anarchist sich möglichst weit vom „System“ fernhalten soll, also zum Beispiel auch den Kapitalismus nicht unterstützen, indem er für Geld arbeitet. Unter dem Label „Illegalismus“ wurde daraus die Praxis, das zum Lebensnotwendige anderweitig zu beschaffen, durch Geldfälschen zum Beispiel, aber auch durch Diebstahl und Raub. Und das wiederum führte nochmal auf einer ganz anderen Ebene zu der Frage, inwiefern Gewalt legitim und notwendig sei, als bei den Attentaten der 1880er Jahre.

Rirette Maîtrejean gehörte zu denen, die das Konzept des Illegalismus besonders früh und konsequent abgelehnt und kritisiert haben, vor allem mit dem Argument, dass es nichts bringe. Einerseits sei damit kein gesellschaftsveränderndes Potenzial verbunden, andererseits rentiere es sich auch nicht, denn erstens ist Geldfälschen und Klauen letztlich genauso anstrengend und zeitaufwändig wie normales arbeiten, und zusätzlich läuft man Gefahr, verhaftet zu werden und ins Gefängnis zu kommen, womit man dem revolutionären Kampf ja nun auch nicht mehr zur Verfügung steht.

Das Ganze spitzte sich zu, als eine Gruppe aus der „illegalistischen“ Szene rund um einen gewissen Jules Bonnot es nicht mehr bei Diebstahl beließ, sondern zu Mord und Totschlag überging. Bonnet tötete im November 1911 unter unklaren Umständen einen anderen Anarchisten, der gerade 27.000 Francs geerbt hatte. Im Dezember 1911 überfielen er und vier weitere Männer zwei Bankangestellte, im Januar 1912 ein Landhaus, wobei sie den Besitzer und eine Dienerin töteten, im März starb ein Autofahrer bei einem Raubüberfall und der Beifahrer wurde schwer verletzt. Anschließend überfielen sie eine Bank und schossen auf die Bankangestellten, ein 17-Jähriger starb, drei andere wurden verletzt (ein Attentäter kam ebenfalls ums Leben).

Im April wurde die Gruppe verhaftet, und auch viele Menschen in ihrem Umfeld, darunter Rirette Maîtrejean und ihr damaliger Lebensgefährte Victor Kibaltchiche (der später unter dem Namen Victor Serge bekannt wurde). Sie musste, obwohl sie kleine Kinder hatte, für ein knappes Jahr in Haft.

Im Anschluss an diese „Bonnet-Affäre“ und den nachfolgenden Prozess veröffentlichte Maîtrejean eine Artikelserie mit dem Titel „Souvenirs d’anarchie“ (Erinnerungen an [die Zeitung] anarchie), in der sie die Geschichte und die Verfehlungen der Gruppe erzählt und kritisch analyisiert, und auch, wie das alles in so einem Desaster enden konnte. Lou Marin stützt seine ideengeschichtliche Rekonstruktion von Maitrejeans „attentatskritisches“ Denken im Wesentlichen auf diesen Text (der leider, anders als andere, kürzere Texte von Maîtrejean, nicht im Anhang dokumentiert ist. Ich hoffe, er kommt vielleicht wenigstens irgendwann ins Internet).

Marin führt Maîtrejean quasi als Kronzeugin dafür an, dass eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der Begeisterung von Teilen des anarchistischen Milieus für Gewalt aus eben diesem Milieu heraus von Anfang an stattgefunden hat. Und es wird ziemlich deutlich, dass diese Gewalt auch auf einer fehlgeleiteten Männlichkeitskonzeption gründete (die, nebenbei, bis heute in Teilen der Antifa-Kultur überlebt hat). Das Lob, dies früh erkannt und kritisiert zu haben, gebührt Maîtrejean ganz gewiss, zumal wenn man bedenkt, dass nicht nur ihre damaligen anarchistischen Zeitgenossen sie wegen ihrer Kritik als „Hure! Feige Sau! Verräterin!“ (S. 145) beschimpften, sondern auch Bonnot und seine Mit-Attentäter noch bis in die 1960er hinein im französischen Anarchismus als Helden eines virilen Revoluzzertums gefeiert wurden.

Die Rekonstruktion dieser ganzen Geschichte liest sich aufgrund der vielen Namen und Daten streckenweise etwas mühsam, aber das ist generell ein Problem bei ideengeschichtlichen Debatten, die nicht innerhalb des üblichen Kanons angesiedelt sind. Wir Leserinnen kennen ja nicht nur Maîtrejean nicht, sondern wir kennen auch die ganzen anderen Leute, mit denen sie damals zu tun hatte, nicht. Darunter übrigens sehr viele Frauen, zu denen man sich jeweils nochmal eine eigene Biografie wünschen würde. Das alles muss eben erzählt werden, damit man den Kontext hat, um zu verstehen, worum es geht. Allerdings verliert man dabei eben auch leicht mal den Überblick.

An dieser Stelle übrigens mein Applaus für die Fleißarbeit, die Lou Marin da geleistet hat. Nachdem ich selbst ja einmal einen bis dato unbekannten historischen Ideenkosmos beforscht habe – den von Frauen in der Ersten Internationale –, weiß ich, was für eine Puzzelei das ist.

Wie sehr wir es gewohnt sind, neue ideengeschichtliche Akteur_innen in ein bereits bestehendes Raster einzuordnen, merkt man beim Lesen an dem Gefühl der Erleichterung, wenn Maîtrejean dann doch mal jemandem begegnet, den man kennt, und sei es nur der junge Victor Serge, oder in höherem Alter dann Albert Camus. Nun kann man auch sie als Neuankömmling in den bestehenden Kanon einsortieren, mit allen positiven und negativen Implikationen, die das hat.

Für alle, die sich für die Geschichte der sozialen Revolte interessieren und ein bisschen Geduld mit Namen und Daten haben, ist das Buch eine sehr lohnenswerte Lektüre. Hilfreich gewesen wäre allerdings eine Zeittafel und ein Namensindex. Denn da Lou Marin die Geschichte (aus guten Gründen) entlang von Themen und Thesen erzählt, erzählt er sie eben nicht stringent chronologisch und die Handlung springt in den Jahren vor und zurück. Ich zumindest habe dabei öfter mal den Überblick verloren und hätte etwas Orientierung gebrauchen können…

 

It’s Kontext, stupid!

Demokratie wird nicht durch bestimmte Formalien (Parlamentarismus, Meinungsfreiheit, Wahlrecht) garantiert, sondern benötigt ein kulturelles Fundament, das auf zivilisatorischen Einstellungen und Haltungen basiert wie Respekt vor anderen Meinungen, Empathie, Interesse an Differenzen, Aufgeschlossenheit. Wenn all das nicht vorhanden ist, werden rein formale Verfahrensweisen über kurz oder lang ebenfalls vor die Hunde gehen.

Aus diesem Grund ist die vergiftete Diskussionskultur in Deutschland meiner Ansicht nach die größte Gefahr für die Demokratie (ich bin mir nicht sicher, ob es in anderen Ländern auch so schlimm ist, ich habe manchmal den Eindruck nicht, eine vergleichende Untersuchung dazu würde mich interessieren, falls es die gibt)…

Zwei Bausteine der Vergiftung von Diskursen sind schon häufig diskutiert worden, und zwar eine generelle Gehässigkeit und Böswilligkeit, wie sie zum Beispiel der klassische Troll zeigt, sowie eine fehlende Bereitschaft, dem, was jemand anderes sagt, überhaupt ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit zu schenken (worüber ich kürzlich gebloggt habe). Nun ist mir ein dritter Baustein aufgefallen, und zwar die fehlende Bereitschaft oder Fähigkeit zur Kontextualisierung von Aussagen.

Das Beispiel, an dem es mir klar wurde: Voriges Wochenende war ich in Hannover bei der Bundesfrauenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen in Hannover. Auf dem Abschlusspanel ging es um Ideen für eine zukünftige grüne Frauenpolitik, und nachdem auf der Konferenz zwei Tage lang das 30. Jubiläum des grünen Frauenstatuts gefeiert worden war (mit dem unter anderem die Frauenquote eingeführt wurde), habe ich dort meinen etwas kritischeren Blick auf die Quote vertreten.

In dem Zusammenhang sagte ich, dass es meiner Ansicht nach nicht ausreicht, einfach nur 50 Prozent Frauen in politische Gremien zu holen, wenn man die Absicht hat, dort etwas gegen männlich dominierte Kultur und Habitus zu unternehmen. Bei allen positiven Aspekten, die die Quote hat, läuft sie doch auch Gefahr, auf Seiten der Frauen Konformismus und Anpassung an das Gegebene zu fördern und weibliche Dissidenz zu erschweren. Um meine Position anschaulich zu machen, sagte ich: „Wir bräuchten eigentlich keine Frauenquote, sondern eine Feministinnenquote.“

Dieses Zitat haben die Grünen dann auf ihrem offiziellen Twitteraccount verbreitet, und es ergoss sich eine Flut von Replies, bei denen (überwiegend) Männer uns darüber belehrten, dass diese Forderung ganz unmöglich sei: nämlich rassistisch, sexistisch und grundgesetzwidrig, sie öffne Tür und Tor für eine islamistische Invasion, und ein gewisser Theodor Witter erklärte, er sei gut so, wie er ist, und müsse sich nicht verändern, wer das anders sehe, sei ein Menschenfeind. Werner Niedermeier warnte vorm Feminat. Don Alphonso initiierte mit seinem warnenden Hinweis, die letzte Quote für die „richtige“ Ideologie sei von der Reichskulturkammer gemacht worden, den üblichen Reigen von Nazivergleichen. Uepsilonniks brachte Nordkorea ins Spiel. Daspunkt erklärte mich für hirntot, Baubeersepp erläuterte, dass es keine Geschlechter gäbe, und HCHillmann war enttäuscht von der Menschheit.

Okay, dass die üblichen Gaga-Trolls so einen Anlass nutzen, um das zu schreiben, was sie immer schreiben, sobald etwas Feministisches gesagt wird, war irgendwie klar. Aber es gab auch andere, die so eine Art inhaltliche Auseinandersetzung versuchten und zum Beispiel besorgt fragten, welches Gremium denn wohl darüber entscheiden solle, wer Feministin sei und wer nicht? Und ob ich nicht vor lauter Feminismus die Frauen vergesse? Und ob ich nicht die Gefahr sehe, dass dann auch SWERFS und TERFS in den Bundestag kommen?

Kurzum: Sie behandelten die Idee mit der Feministinnenquote so, als sei sie ein aktueller konkreter Gesetzesentwurf der Grünen. Sie haben diesen einen Satz gelesen und sich überhaupt nicht gefragt, wer das wo und in welchem Kontext gesagt hat. Aber ohne das zu wissen, kann man natürlich nicht verstehen, was ich damit sagen wollte. Und dementsprechend auch nicht darüber diskutieren – und zwar auch nicht kritisch.

Denn ich muss etwas verstanden haben, bevor ich es sinnvoll kritisieren kann. Man kann natürlich immer über irgendwas diskutieren. Aber eine Demokratie lebt davon, dass über Ideen und Ansichten diskutiert wird, die irgendjemand tatsächlich hat und äußert und nicht über das, was man sich selber zusammenfantasiert. Die fehlende Bereitschaft zur Kontextualisierung schädigt die Demokratie, weil sie politische Debatten über tatsächlich vorhandene Differenzen in den Ansichten verunmöglicht, indem sie lauthals so tut, als würde sie streiten, nur eben leider über Ausgedachtes. Irrelevanz als Methode.

Nun ist das 140-Zeichen-Twitterformat natürlich die Ent-Kontextualisierung schlechthin, weil dabei per Default Mini-Textstückchen aus dem Kontext gerissen werden. Ich finde aber eigentlich, auf diese Weise wird gerade offensichtlich, dass hier der Kontext fehlt, dass man sich also eigentlich erstmal über den Zusammenhang informieren muss, bevor man einen Tweet versteht (wohingegen ein ganzer Blogpost den Eindruck erwecken kann, der Kontext werde komplett mitgeliefert, was aber niemals der Fall ist). Manche Leute verstärken den Out-of-Context-Charakter von Tweets noch, indem sie besonders „kryptisch“ twittern, sodass die Aussage für sich gar keinen Sinn ergibt.

Dass man jede beliebige Aussage nur verstehen kann, wenn man sie „kontextualisiert“, also fragt, von wem zu wem bei welchem Anlass und mit Bezug auf welche Fragestellung diese Aussage getroffen wurde, war in den 1980ern ein wesentliches Instrument feministischer Theoriearbeit. Wir haben alles und jedes kontextualisiert, so viel, dass man das Wort irgendwann schon nicht mehr hören konnte. Ich weiß nicht genau, wie es heute ist, aber mir fällt auf, dass ich das Wort in aktuellen Texten schon länger nicht gelesen habe. Vielleicht ist es etwas aus der Mode gekommen, was schade wäre, denn wir brauchen das Konzept dringend.

Das Bewusstsein für die unverzichtbare Bedeutung des Kontexts ist ja im Übrigen auch schon viel älter. Schon Platon hat genau dies als einen der Fallstricke der Schrift identifiziert: Dass das Aufschreiben eine Aussage von ihrem Kontext löst, was ja gerade auch der Sinn des Aufschreibens ist. Man kann Wissen aufbewahren, über längere Zeiträume weitergeben usf. Zu Platons Zeiten war das der Unterschied zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit: Etwas Aufgeschriebenes konnte man an jedem beliebigen Ort und zu jeder beliebigen Zeit lesen, aber um ein gesprochenes Wort zu hören, musste man körperlich in der Situation anwesend sein, in der es gesprochen wurde. Das heißt, die Kontextualität war beim Mündlichen automatisch gewährleistet, wohingegen die Schrift die Aussage vom Kontext löste, was eben, wie schon Platon wusste, bei den Reziepierenden die Verantwortung mit sich brachte, das Gelesene zu „kontextualisieren“, um es verstehen und damit auch kritisieren  zu können.

Heute verläuft dieses Linie nicht mehr zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit, sondern zwischen medial Vermitteltem und nicht medial Vermitteltem. Aber das Prinzip ist natürlich dasselbe. Wer eine medial vermittelte Aussage rezipiert, ohne sich um ihren Kontext zu scheren, redet schlichtweg Bullshit.