Konfliktvermeidende Zustimmung: der freundliche Weg, Feminismus nicht ernstzunehmen

„Jede Menge Geschlechter, die aber alle männlich sind“ schrieb eine Bekannte in den Facebook-Thread, in dem ich mich gestern Abend ein bisschen über dieses (lesenswerte) Interview in der ZEIT mit Lann Hornscheidt geärgert habe. Hornscheidt macht Gender-Forschung an der Humboldt-Universität und lehnt für sich die Einordnung als weiblich oder männlich ab und will daher auch nicht mit entsprechenden Pronomen angesprochen werden.

Die ZEIT nimmt das zum Anlass für ein ausführliches Interview zum Thema Geschlecht, Konstruktion, Abschaffung der binären Ordnung und so weiter. Geschlecht, so Hornscheidt, sei „eine Erfindung von Sexismus“ und es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis Menschen bei der Geburt kein Geschlecht mehr zugewiesen wird. Interessante, aber sicher auch diskussionswürdige These.

Allerdings: Diskutiert wird in dem Interview nicht. Heikle Punkte, zum Beispiel die Frage, was dann mit dem Schwangerwerdenkönnen ist (denn in der Biologie wird „weiblich“ und „männlich“ ja entlang der jeweiligen Funktion bei der Reproduktion definiert), werden nicht angesprochen. Dabei ist dieser Aspekt ja wohl auch im Bezug auf menschliche Geschlechterkonstruktionen nicht ganz unerheblich – worüber ich kürzlich mit Jutta Pivecka ausführlich diskutiert habe.

In meiner Reihe von Blogposts zu dem Thema hatte ich anfangs darüber geklagt, dass das Thema Schwangerwerdenkönnen in der queerfeministischen Debatte so oft ignoriert wird, hatte aber in letzter Zeit den Eindruck, dass es langsam doch zum Thema wird. Deshalb nehme ich an, dass auch Lann Hornscheidt sich den ein oder anderen Gedanken zu all dem gemacht hat. Warum gab es dazu keine Fragen? Hatten die Interviewer_innen Angst davor, diese Frage zu stellen? Oder ist sie ihnen wirklich nicht eingefallen?

Lann Hornscheidt bietet in dem Gespräch noch mehr diskussionswürdige Thesen: Ist die Geschlechterdifferenz wirklich genauso konstruiert wie die Unterscheidung von „Rassen“, wie Lann behauptet? Ich finde nicht. Ist es wirklich so falsch vom Feminismus, die Kategorie „Frau“ ins Zentrum zu rücken? Ich finde, ein Blick auf die Welt zeigt, dass das ein ziemlich vernünftig gewählter Fokus ist. Und so weiter.

Dass Hornscheidt nicht dazu herausgefordert wird, die Thesen zu begründen und argumentativ zu vermitteln, ist schade, denn auf diese Weise bleiben sie einfach Behauptungen, die wohl kaum jemanden überzeugen werden, der_die nicht ohnehin schon bekehrt ist.

Interviewer_innen haben die Aufgabe, komplizierte Angelegenheiten allgemeinverständlich zu vermitteln und dazu gehört, die Thesen von Wissenschaftler_innen kritisch zu befragen. Denn nur so kann etwas von dem, was in akademischer Forschung passiert, für diejenigen verständlich werden, die nicht so in dem Thema drin sind. Da nicht nachgefragt wurde, sind aber wesentliche Punkte von Hornscheidts Ansatz unerklärt geblieben. Vielleicht hätte Hornscheidt ja zum Beispiel Antworten auf die Frage gehabt, wie Geschlecht und Schwangerwerdenkönnen zusammenhängen? Wir wissen es nicht.

Meiner Ansicht ist das die andere Seite der medialen Unbeholfenheit im Umgang mit radikalen feministischen Ideen, also mit solchen Ideen, die nicht unmittelbar für das Alltagsverständnis einleuchtend sind. Die eine Seite dieser Medaille ist das Lächerlichmachen, das Ausschließen aus dem Sagbaren, das Diffamieren, das Beschimpfen und Bedrohen – und leider hat gerade Lann Hornscheidt die Unbarmherzigkeit und Aggressivität dieses antifeministischen Impetus schon mit voller Wucht zu spüren bekommen.

Aber – das Gegenteil ist genauso falsch.

Hannah Arendt hätte all die interessanten Dinge in dem berühmten ZDF-Interview mit Günter Gaus nicht gesagt, wenn Gaus nicht kritisch und interessiert nachgefragt, ihr nicht auch mal widersprochen hätte. Feminist_innen einfach bloß das Mikrofon hinzuhalten, ohne kritische Nachfragen, selbst zu ganz offensichtlich erklärungsbedürftigen Punkten, ohne also ein eigenständiges Gegenüber zu der Person zu sein, die interviewt wird – das kann es nicht sein. Es sieht zwar erstmal toll aus – sie geben uns ein Forum – aber letzten Endes ist das genauso wenig ein Ernstnehmen radikalfeministischer Ideen, wie wenn man sie diffamiert.

Ina Praetorius hat diesen Mechanismus mal „konfliktvermeidende Zustimmung“ genannt und darin ein Muster erkannt, wie vor allem wohlwollende Männer häufig mit radikalfeministischen Ideen umgehen: Sie lassen sich gar nicht auf Diskussionen ein, sie widersprechen nicht und stellen keine Fragen, sondern nicken nur. Es fühlt sich auf den ersten Blick gut an, so mit Samthandschuhen angefasst zu werden, gerade wenn wir uns sonst so oft in feindlicher Umgebung behaupten müssen.

Aber es hilft uns und unseren Ideen leider auch nicht weiter. Es führt nicht dazu, dass unser Denken aufgegriffen und diskutiert wird, dass unsere Vorschläge in der Welt zirkulieren und Wirksamkeit entfalten. Sondern es ist letztlich eben doch auch ein Mechanismus, der dazu dient, uns aus dem ernsthaften Diskurs auszuschließen – wenn auch ein freundlicherer, weniger schmerzhafter und häufig auch gut gemeinter.

Anarchismus und Geschlechterverhältnisse

Philippe Kellermann hat ein Buch herausgegeben über „Anarchismus und Geschlechterverhältnisse“ – Teil 1 (ein zweiter ist offenbar zu erwarten). Ich habe dafür noch einmal ausführlich das Thema „Feminismus und die Politik von Frauen in der Pariser Kommune“ aufgeschrieben, aber es gibt außerdem zahlreiche andere lesenswerte Texte in dem Band.

anarchismus_und_geschlechterverhaeltnisse_1In diesem Blog habe ich ja schon öfter über den fahrlässigen Umgang von anarchistischer Theoriebildung mit dem Erbe Proudhons gemeckert, hier ist endlich mal ein lesenswerter Text dazu drin: „Die Ökonomie der Liebe oder Pierre-Joseph Proudhons Frauenfrage“ von Werner Portmann. Portmann stellt nicht nur klar, dass Proudhons Frauenhass – erstens – nicht einfach zeitbedingt war, sondern auch für seine Zeit besonders krass (und entsprechend auch bei seinen politischen Verbündeten für Irritationen sorgte) und dass er – zweitens – eine zentrale Rolle für Proudhons politische Theorie spielte und daher nicht einfach „herausgekürzt“ werden kann. Der Beitrag bietet auch eine ideengeschichtliche Einbettung und versucht, zu erklären, woher diese extreme Einstellung bei Proudhon kommt und wie sie in einen ideengeschichtlichen Diskurs eingebettet ist.

Aktuell ist das, weil sich hier bereits etwas abzeichnet, das auch heute noch eine Rolle spielt, nämlich ein „antifrauenemanzipatorischer Unterschichtenreflex“, eine Abneigung des „kleinen Mannes“ gegen „bessergestellte emanzipierte Frauen“ wenn ich das mal etwas unfertig so formulieren kann, was sich in Proudhons Verhältnis zu George Sand zeigt. Dieses diskursive Feld von „Frauenemanzipation ist was für Bessergestellte und Intellektuelle, die keine anderen Sorgen haben, aber der gesunde Menschenverstand der normalen Leute fällt nicht darauf rein“ ist auch heute noch leicht zu aktivieren, nicht nur bei Pegida und AfD, sondern auch in zahlreichen anderen kulturellen Milieus. Er wird bei antifeministischen Bedarf auch gerne in den Feuilletons aktiviert, wenn es gegen „zu viel Radikalität“ geht. Von daher ist das alles nicht nur ein historisches Thema.

Ebenfalls interessant fand ich die beiden Texte über Elisée Reclus (von John Clark, leider zu kurz) und Gustav Landauer (von Siegbert Wolf), zwei anarchistische Vordenker mit feministischen Anliegen und Ideen. Besonders Landauers „Differenzfeminismus“, der auch an die jüdische Philosophie angelehnt ist und Berührungspunkte mit dem Denken Margarete Susmanns und natürlich dem seiner Lebensgefährtin Hedwig Lachmann aufweist, verdient eigentlich noch nähere Betrachtung.

Mir wurde beim Lesen wieder einmal klar, wie breit gefächert das diskursive Feld zu der Frage „wie weibliche Freiheit entsteht“ vor hundert Jahren noch war. Das macht mich ein bisschen sehnsuchtsvoll. Natürlich ist es schön, dass wir heute im Sinne der Emanzipation und der Gleichberechtigung weiter gekommen sind. Allerdings ist die Palette des Sagbaren und Denkbaren dabei durchaus auch eingeschränkt worden, und zwar leider oft ohne, dass das, was als „selbstverständlich“ oder „unhintergehbar“ behauptet wird, tatsächlich mit einer entsprechenden kulturellen Praxis unterfüttert wäre. Gerade zurzeit wirkt die Emanzipation der Frauen für mich oft wie ein Kartenhaus, das „der Westen“ sich errichtet hat, aber ohne es ausreichend zu befestigen und zu verankern, sodass es beim leisesten Windzug wieder umgeblasen werden kann. Auch diesen Text fand ich jedenfalls aktueller als vermutet.

Die beiden Aufsätze „Die Konstruktion von Maskulinität in der spanischen Arbeiterbewegung“ (von Richard Cleminson) und „Mann aus Stahl. Männlichkeits- und Weiblihckeitsbilder in der anarchistischen Literatur des Spanischen Bürgerkriegs“ (von Martin Baxmeyer) fand ich etwas zu beispielhaft und punktuell, zu dem Thema hätte ich mir mehr Analyse gewünscht. Zum Beispiel würde ich gerne wissen, inwiefern sich Männlichkeitskonstruktionen im anarchistischen Milieu von denen in anderen Milieus unterscheiden oder unterschieden haben. Aber die historische Männlichkeitsforschung steckt halt noch in den Kinderschuhen.

Unbekannt war mir bisher E. Armand (Künstlername von Ernest Juin), der 1922 so eine art libertinären sexfreizügigen Klub gegründet hat „E. Armand und die „Liebeskameradschaft“. Revolutionärer Sexualismus und der Kampf gegen die Eifersucht“ heißt der Beitrag von Gaetano Manfredonia und Francis Rosin. Armands Projektversuch ist ein interessantes Beispiel dafür, wie sich das männliche Begehren nach leichterem Zugang zu Sex in einer revolutionäre Theorie kleidet und damit legitimiert. Armands Projekt scheiterte unter anderem daran, dass, welch Wunder, sein Club nicht genügend weibliche Mitglieder fand. Auf den Gedanken, dass ein Konzept von „freier Liebe“ vielleicht nicht allein von Männern erdacht werden kann, sondern dass dabei auch das Begehren von Frauen dabei mit einbezogen werden müsste, zumindest wenn es nicht um homosexuelle „Liebeskameradschaften“ gehen soll, kam Herr Armand nicht. Ein trauriger Vorschein auf entsprechende Defizite bei den 68ern. Jedenfalls: Wenn jemand mal eine Forschungsarbeit macht zum Thema „vielversprechende Männerideen, die aufgrund von Ignoranz gegenüber der weiblichen Differenz leider gescheitert sind“, bitte E. Armand nicht vergessen!

Schließlich gibt es in dem Buch neben mir auch noch eine zweite Autorin: Vera Bianchi schreibt über „Anarchistinnen, Humanismus und Geschlechterverhältnis: Die Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg“. Auch bei diesen spanischen Anarchistinnen finden sich, ähnlich wie bei Landauer, interessante differenzfeministische Gedankengänge, die sich vom bürgerlichen Emanzipationismus abgrenzen und auf diese Weise auf den ersten Blick an die heutige Diskussion nicht mehr anschlussfähig scheinen – aber vielleicht, wenn man weiter in die Tiefe ging, robustere Wege zur Freiheit der Frauen weisen könnten, als der aktuelle Status Quo.

Philippe Kellermann (Hg): Anarchismus und Geschlechterverhältnisse, Band 1. Edition AV, Lich 2016, 201 Seiten, 16 Euro.

 

Heut gibt’s was für die Ohren

Hallo Ihr Lieben, ich möchte euch auf zwei Audios aufmerksam machen, die von mir heute ins Netz kamen:

Das Schweizer Radio interviewte mich fast eine halbe Stunde lang über Victoria Woodhull, die amerikanische Präsidentschaftskandidatin von 1872, deren Biografie ich geschrieben habe. Super Frau, und ich finde, in dem Interview ist alles wichtige ganz gut zusammengefasst.

Außerdem haben Benni und ich heute wieder gepodcastet: Besondere Umstände, Episode 22, handelt von – einer kleinen Podcast-Bilanz (wir senden seit vier Jahren), Fußball-Nationalismus und Rechtsruck, von AfD bis zur US-amerikanischen Präsidentschaftswahl und der Frage, ob es nicht vielleicht gut ist, wenn Politik sich wieder mehr polarisiert (unter anderem erwähne ich Chantal Mouffe, nuschle dabei aber so, dass man es eigentlich nicht verstehen kann), außerdem über Twitter (wo Benni immer noch nicht ist) und Snapchat (was Antje grade liebt), sowie über Künstliche Intelligenz. Hier ist der Link.

Warum es nicht „binär“ ist, wenn ich von Frauen und Männern spreche

Immer wenn ich mit jüngeren Feminist_innen diskutiere, dauert es nicht lange, und es kommt die Frage, ob meine Art, über Frauen und Männer zu sprechen, nicht „binär“ wäre. Ich möchte hier einmal aufschreiben, warum ich das nicht finde.

Ein „binäres“ Verständnis von Geschlecht geht ja davon aus, dass es genau und nur zwei Geschlechter gibt, männlich und weiblich. In dieser binären Logik ist „Frau“ gleichbedeutend mit „nicht Mann“ und andersrum „Mann“ gleichbedeutend mit „nicht Frau“.

Genau dieser Auffassung bin ich nicht. Ich interessiere mich für die Freiheit der Frauen, das ist mein politisches Anliegen: die Freiheit der Frauen zu vergrößern. Dafür ist es logisch wichtig, dass es Frauen gibt, aber nicht, diese binär zu denken, also als Gegenstück zum Mann. Ganz im Gegenteil: Ich unterscheide zwischen „Frauen“ und „Nicht-Frauen“. Die „Nicht-Frauen“ können alle möglichen Geschlechter haben. Es ist mir vollkommen egal, ob es zwei, fünf, oder dreihundert Geschlechter gibt – Hauptsache, es gibt nicht nur eines (denn Eingeschlechtlichkeit ist immer männlich), und ein Geschlecht davon ist meines, das weibliche.

„Frauen“ definiere ich überhaupt nicht inhaltlich, und schon gar nicht als Gegenstück, Komplementäres oder Gleiches des Mannes. Das Frausein ist eine Evidenz, die nicht näher begründet oder erklärt werden muss, es genügt, sie zu konstatieren (etwa durch einen Satz wie: „Ich bin eine Frau“ oder dadurch, dass man „als weiblich gelesen“ wird und nicht widerspricht).

Frausein ist das, was ich bin, Frausein ist das, was Frauen tun. Frausein hat keine weitere inhaltliche Bestimmung, und schon gar keine, die in Beziehung auf andere Geschlechter definiert ist. Das heißt: Für das, was Frausein bedeutet, ist es vollkommen unerheblich, ob Männer (oder andere Geschlechter) dasselbe oder etwas anderes tun.

Eine Vorstellung oder Beschreibung von Geschlecht als „Skala“, deren Enden Männlichkeit und Weiblichkeit darstellen und dazwischen gibt es fließende Übergänge, lehne ich explizit ab. Ich halte eine solche Vorstellung für gefährlich, was die Freiheit der Frauen betrifft. Denn sie stellt uns vor die Wahl, entweder „weiblichkeitskonform“ zu sein oder unsere Weiblichkeit aufs Spiel zu setzen. Denn im Bild der Skala kann ich mich nur vom bestehenden Weiblichkeitsklischee entfernen, indem ich mich dem „männlichen Ende“ der Skala annähere. Mir ist aber wichtig, dass die Erweiterung dessen, was Frausein bedeutet, in alle möglichen und denkbaren unerforschten Richtungen gehen kann. Allerhöchstens zufällig geht sie hin und wieder auch einmal in Richtung auf das Männliche zu.

TestosteronWenn ich Kuchen backe, ist das genauso „weiblich“ wie mein aggressives Diskussionsverhalten. Und sogar mein Testosteron ist weiblich, wie ich mir neulich aufs T-Shirt druckte: Denn es ist das Testosteron einer Frau. Alles, was ich tue, ist zu 100 Prozent weiblich. Und ich bestreite, dass Männer irgend etwas „weibliches“ an sich haben können – was nicht bedeutet, dass sie nichts von Frauen lernen könnten, für meinen Geschmack müssten sie das viel öfter tun. Aber eben, indem sie sich die dort abgeschauten Verhaltensweisen aneignen und dann eben NICHT mehr als weiblich verstehen. So wie die Frauen, als sie in Europa anfingen, Hosen zu tragen: Sie machten aus einem bis dahin männlichen Kleidungsstück ein weibliches. So funktioniert das.

Wenn ich also in Vorträgen und Texten von „Frauen“ spreche, dann meine ich nicht Nicht-Männer, sondern eben: Frauen. Wenn ich zum Beispiel einen Begriff verwende wie „weibliche Souveränität“, dann bedeutet das nicht, dass Männer oder andere Geschlechter diese Souveränität nicht haben könnten. Sondern es bedeutet, dass ich hier von etwas spreche, das Frauen betrifft. Die Frage, ob es auch andere Leute betrifft, ist davon ganz unabhängig, das bleibt abzuwarten, zu sehen, zu untersuchen. So wie der Satz „Frauen essen Gemüsesuppe“ ganz unabhängig davon wahr oder falsch ist, ob auch Männer oder andere Geschlechter Gemüsesuppe essen oder nicht.

Dasselbe gilt andersherum, wenn ich von Männern spreche, zum Beispiel sage: „Die parlamentarische Demokratie ist eine von Männern erfundene Institution.“ Damit konstruiere ich nicht Männer binär als Gegenstück zu Frauen, sondern ich konstatiere eine Tatsache. Ich drücke damit aus, dass die „Männlichkeit“ in der Entstehungsgeschichte dieser Institution von Bedeutung ist, und nichts Nebensächliches. Und ich sage, dass inwiefern das alles auch für Frauen (und andere Geschlechter) relevant ist, nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann, sondern mit offenem Ausgang diskutiert werden muss.

Das Missverständnis kommt vielleicht daher, dass es im Queerfeminismus (aus dem heraus mir der Vorwurf der „Binarität“ oft entgegenkommt) vor allem um das Verhältnis geschlechtlicher Identitäten zueinander geht. Mich interessiert das jedoch weniger, mein Thema ist das Verhältnis von Geschlecht und Welt. Das heißt, ich spreche, wenn ich die Wörter „Frauen“ und „Männer“, „weiblich“ oder „männlich“ benutze, über das Verhältnis von Frauen zur Welt und über das Verhältnis von Männern zur Welt – und nicht, oder gewissermaßen nur „über Bande“, über ihr Verhältnis zueinander oder zu anderen Geschlechtern.

 

Elternschaft muss freiwillig sein! Warum es für Väter ein Opt-Out geben sollte

Kürzlich sprach ich bei einem Thementag des Elternreferats des AstAs an der Uni Mainz über das Schwangerwerdenkönnen, und in der anschließenden Diskussion sorgte eine Fragestellung für Kontroversen, die ich so nicht erwartet hätte: Ob es für Väter (beziehungsweise für die Männer, mit deren Sperma eine Frau schwanger geworden ist) die Möglichkeit eines „Opt-Out“ geben sollte.

Irgendwo hatte ich das nämlich mal gefordert (weiß jetzt aber grade nicht mehr, in welchem Blogpost oder Text, falls jemand schlauer ist, bitte in die Kommentare, danke!) und bin auch weiterhin der Meinung, dass das richtig wäre.

Denn während eine Schwangere nach der Zeugung darüber entscheiden kann, ob sie das Kind austrägt oder nicht, hat der Samenspender diese Möglichkeit nicht, da es nicht sein Körper ist, der schwanger ist. Er kann zwar seine Meinung äußern, aber die Entscheidung selbst kann nur die Schwangere fällen. Es sei denn, wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, die die körperliche Selbstbestimmung von Frauen durch Gesetze und Machtverhältnisse unterbindet.

Wenn wir uns jetzt aber einig sind, dass das nicht geht und dass auch eine schwangere Person jederzeit über ihren Körper selbst bestimmen darf (und das waren wir in Mainz), bedeutet das eine Ungleichheit zwischen den beiden Zeugenden: die Frau kann das Kind austragen oder nicht, der Mann muss ihre Entscheidung akzeptieren.

Was bedeutet das nun für die Notwendigkeit, Regelungen für diese Situationen zu treffen? Wie ich an anderer Stelle schrieb, ist die Erfindung des heteronormativen Paares die klassisch-patriarchale Antwort: Jeder Frau wird genau ein Mann zu geordnet. Historisch ist das der Ehemann der Schwangeren, heutzutage ist das der Samenspender (beides muss ja nicht dieselbe Person sein).

Meiner Ansicht nach sollte diese Hetero-Formation aufgegeben werden. Ich plädiere dafür, dass nicht nur die Schwangere, sondern auch der Samenspender die Möglichkeit haben sollte, vom Projekt „Kindhaben“ zurückzutreten. Wählt er den Opt-Out, ist er raus, muss sich um nichts kümmern, keinen Unterhalt bezahlen und so weiter. Das kann natürlich nicht bedeuten, dass die Frau allein für das Kind aufkommen muss, aber diesen Part würde dann eben jemand anderes übernehmen – entweder ein freiwilliges Elternteil (im Fall von lesbischen Paaren eine wichtige Möglichkeit), oder die Gesellschaft als ganze, die für finanziellen Unterhalt und Infrastruktur oder andere Hilfen aufkommt.

Ich war überrascht, dass doch von zahlreichen Diskutant_innen vehementer Widerspruch gegen dieses Modell kam. Sie bestanden darauf, dass der Samenspender die Verantwortung nicht ablehnen dürfe. Mein Argument mit der Ungerechtigkeit, die darin liege, dass er – anders als die Schwangere – nach einer erfolgten Zeugung keine Entscheidungsmöglichkeit mehr hat, sei nicht stichhaltig, denn mit dem Vollzug eines ungeschützten Geschlechtsverkehrs habe er implizit in die Vaterschaft eingewilligt.

Mich überzeugt das nicht wirklich, denn dieses Argument ließe sich auch Frauen, die abtreiben, entgegen halten. Außerdem würde ich die Opt-Out-Möglichkeit auch auf die schwangeren Frauen ausweiten: Sie müssten ebenfalls die Möglichkeit haben, aus der Beziehung zu dem Samenspender auszusteigen – Vaterschaft setzt meiner Ansicht nach nicht nur eine Spermaspende, sondern auch die Einwilligung der Schwangeren voraus, mit dem Samenspender eine Beziehung haben zu wollen. Denn das ist im Fall gemeinsamer Elternschaft ja unvermeidbar.

Ich finde, es gibt sowohl auf Seiten der Männer als auch auf Seiten der Frauen eine Vielzahl von möglichen Gründen, die gegen eine gemeinsame Elternschaft von Samenspender und Schwangerer sprechen. Positiv und für alle Beteiligten (speziell auch das Kind) fruchtbar wird eine gemeinsame Elternschaft nur verlaufen, wenn alle Beteiligten sich freiwillig und mit guten Absichten dafür entscheiden – und selbst dann kann hinterher noch vieles schieflaufen.

Männer, die Väter werden wollen, müssen dafür eben eine vertrauensvolle Beziehung zu einer Frau aufbauen, die freiwillig darin einwilligt, mit ihnen die Elternschaft zu teilen. Und Frauen, die einen Vater für ihr Kind haben wollen, müssen dafür eben eine vertrauensvolle Beziehung zu einem Mann aufbauen, der freiwillig darin einwilligt, die Elternschaft mit ihnen zu teilen.

Ist eine solche vertrauensvolle und auf völliger Freiwilligkeit basierende Beziehung zwischen den beiden Erwachsenen nicht vorhanden, ist meiner Ansicht nach eine gemeinsame Elternschaft auch nicht sinnvoll. Und wir als Gesellschaft sollten für diese Fälle Alternativen bereitstellen.

Discuss!

Zum Thema: Mann schüttet einer Schwangeren Abtreibungsmittel ins Essen, damit sie das von ihm mitgezeugte Kind nicht gebiert.

Die Feministin und ihre patriarchalen Traditionen

Wie gehen wir als Feministinnen mit den patriarchalen Traditionen und Kulturen um, in denen wir (fast alle) aufgewachsen sind? Diese Frage stellt sich immer wieder mal. Mir wurde sie explizit bei einer Veranstaltung kürzlich gestellt, bei der es um Geschlechtergerechtigkeit in Christentum und Buddhismus ging, wobei ich den christlichen Part auf dem Podium übernommen hatte.

Konfuzius. Foto: Antje Schrupp

Einer von den ganz Schlimmen: Konfuzius. Beachtet die Fingernägel! Foto: Antje Schrupp

Vermutlich weil ich recht harsch über die frauenfeindlichen Anteile meiner Religion gesprochen hatte, fragte mich der Moderator an einer Stelle, warum ich denn überhaupt christlich sei, und spontan antwortete ich mit zwei Bedingungen, die dafür entscheidend sind.

Im Nachhinein glaube ich, dass es tatsächlich die zwei entscheidenden Bedingungen dafür sind, wie man sich als Feministin in einer patriarchalen Tradition verorten kann, das heißt, ihre positiven und inspirierenden Anteile aufgreifen ohne ihre frauenverachtenden Anteile kleinzureden oder zu verharmlosen.

Bedingung 1: Ich brauche weibliche „Zeuginnen“, das heißt, ich orientiere mich bei meiner Annäherung an anderen Frauen, an der Art und Weise, wie sie sie verstanden, ausgelegt und ausgelebt haben. Konkret: Wenn nur Männer das Christentum verteidigen würden, wäre es für mich uninteressant. Da es aber auch sehr viele Frauen gibt und gab – angefangen von den ersten Auferstehungszeuginnen über die vielen Theologinnen durch die Jahrhunderte hinweg bis zu interessanten Christinnen heute – denke ich mal, dass nicht alles am Christentum schlecht sein kann. (Aus ähnlichen Gründen beachte ich auch rein männlich besetzte Podien oder Veranstaltungen nicht. Mir fehlt die weibliche Zeuginnenschaft dafür, dass es sich lohnt, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken).

Bedingung 2: Die weibliche Freiheit zählt mehr als Loyalität zur Religion. Das heißt, meine Bereitschaft, mich für die Antworten einer Religion oder Philosophie zu interessieren und mich ernsthaft mit ihnen auseinander zu setzen, auch und gerade meiner eigenen, endet da, wo sie die Freiheit der Frauen negiert. Wenn religiöse Regeln/Thesen auf der einen Seite und die Freiheit der Frauen miteinander in Konflikt kommen, dann zählt für mich die weibliche Freiheit mehr. Bei der Veranstaltung sagte ich das so: „Ich glaube an Jesus Christus, wenn das mit der Freiheit der Frauen vereinbar ist. Wenn nicht, dann glaube ich nicht an ihn.“

Das Gute an diesem Perspektivenwechsel ist, dass ich mich mit Argumenten wie: „Aber die Frauen müssen das und das, das steht doch in der Bibel“ nicht mehr beschäftigen muss, denn im Zweifelsfall ist eben das, was in der Bibel steht, falsch. Was nicht heißt, dass ich nicht drüber nachdenken würde, zumal wenn es Frauen gibt, die das, was da in der Bibel steht, verteidigen und gut finden. Aber falls ich zu dem Schluss komme, dass es mit der weiblichen Freiheit nicht vereinbar ist, sticht dieses Argument eben das andere.

Gleichzeitig bin ich von der Verpflichtung befreit, mich im Detail und intensiv mit den männlichen Texten dieser Tradition zu beschäftigen. Ich kann, wenn ich will, aber es ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich die Frauen lese. Ich muss mir auch nicht überlegen oder die Frage beantworten, ob das, was ich dann daraus mache, nun noch „christlich“ ist oder nicht. Das ist mir nämlich egal. Das ist eine ziemlich befreiende und im übrigen auch kreative und fruchtbare Herangehensweise an eine Tradition, jedenfalls ist das meine Erfahrung.

Zufälligerweise habe ich parallel zu diesen Überlegungen und aus ganz anderen Gründen zwei Bücher gelesen, die sich ebenfalls mit stark patriarchalen Weltanschauungen auseinandersetzen, und zwar Sineb El Masrar: „Emanzipation im Islam – eine Abrechnung mit ihren Feinden“ sowie Michael Schuman: „Konfuzius. Der Mann und die Welt, die er schuf“.

Beide gehen mit den frauenfeindlichen Anteilen der von ihnen analysierten Weltanschauungen sehr unterschiedlich, fast entgegengesetzt um: Sineb El Masrar argumentiert, dass der Islam nicht zu gebrauchen ist, solange es in ihm frauenfeindliche Anteile gibt, weshalb es ihrer Ansicht nach die Hauptaufgabe von Muslimen und vor allem Musliminnen sein muss, seine frauenfeindlichen Anteile zu bekämpfen. Michael Schuman will hingegen den Nachweis erbringen, dass die inhärente Frauenfeindlichkeit im Konfuzianismus (der er, immerhin, ein eigenes Kapitel widmet) eigentlich nebensächlich ist angesichts des vielen Guten und Nützlichen, das diese Weltanschauung zu bieten hat.

Entsprechend selektiv gehen beide mit den Quellen und den Äußerungen konfuzianischer beziehungsweise islamischer Denker um. Man könnte etwas vereinfachend sagen, dass El Masrar frauenfeindliche Aussagen und Textpassagen dramatisiert, während Schuman sie bagatellisiert.

Es ist klar, dass ich für El Masrars Vorgehen mehr Sympathie habe als für Schumans. Ich habe früher auch mit großem Genuss und vor allem mit großer Empörung meine eigene Tradition – nicht nur das Christentum, sondern auch den Humanismus und die europäischen Philosophen generell – nach ihren „frauenfeindlichen Stellen“ durchforstet. Ich fand es wichtig, zu beweisen und zu belegen, wo sie überall schlecht über Frauen geschrieben haben, wo sie ihre männliche Überlegenheit behaupteten und all das – und genau solch eine Empörung über die ganzen unsäglichen Stellen und Aussagen islamischer Theologen spricht auch aus El Masrars Buch.

Inzwischen langweilt mich das aber, es kommt mir ein bisschen wie vergeudete Energie vor. Ich habe keine Lust, den Nachweis führen zu sollen, ob und inwiefern Religion X und Weltanschauung Y patriarchal sind, weil mich Leute, die das tatsächlich immer noch bestreiten, schlicht nicht interessieren. Gleichzeitig ist es aber nicht so, dass eine Weltanschauung, die auch frauenfeindlich ist, gar nichts Interessantes und Nützliches mehr enthalten würde. Ich sehe es nicht (mehr) als meine Aufgabe an, das Christentum zum Beispiel von frauenfeindlichen Anteilen zu reinigen – das sollen bitte schön diejenigen machen, die es offiziell vertreten wollen.

Eine Schwäche beider Bücher ist, finde ich, dass sie der weltanschaulichen Analyse eine viel zu große Bedeutung geben. Sicher werden sowohl islamische als auch konfuzianische Versatzstücke heute benutzt, um Politik zu machen, und im Fall des Islam leider auch oft eine krass frauenfeindliche Politik. Aber ich glaube nicht, dass man diesen Entwicklungen mit einer ideengeschichtlichen Analyse beikommt. Wer Frauen unterdrücken will, findet dafür immer irgendwelche Argumente, es ist fast schon zu viel der Ehre, diese Argumente auch nur zu widerlegen.

Weltanschauungen, die so alt und so weit verbreitet sind (der Islam ist fast 1500, das Christentum 2000, der Konfuzianismus sogar 2500 Jahre alt) lassen sich sowieso nicht auf einen Nenner bringen. Dass Islam, Konfuzianismus, Christentum und alle anderen auch frauenfeindlich sind, ist klar. In allen gab gibt und wird es geben Strömungen und Positionen, die meinem Anliegen, der Beförderung der Freiheit der Frauen, zuträglich sind, und andere, die ihm entgegen wirken. Es interessiert mich nicht, zu beurteilen, welche Weltanschauung in Punkto weiblicher Freiheit besser oder schlechter ist als die andere. Und deshalb bringt es auch nichts, die einschlägigen „Stellen“ herauszusuchen und als Belege wahlweise pro und kontra Frauenfeindlichkeit aneinander zu reihen.

Denn bei aller Unterschiedlichkeit im Detail ist jede Kultur und Weltanschauung, die wir kennen, sowieso Lichtjahre von dem entfernt, was ich mit weiblicher Freiheit meine. Ob sie sich dabei zwei Kilometer mehr oder weniger geben, ist wirklich total egal. Wir müssen es schlicht akzeptieren, dass auch die Kultur, die Religion, die Weltanschauung, die auch uns geprägt hat, patriarchal ist. Da gibt es weder was zu beweisen noch was zu rechtfertigen.

Viel sinnvoller ist, von dieser Diagnose ausgehend weiterzudenken, was wir nun tun wollen. Und dabei könnten wir uns eben an den beiden oben genannten Kriterien orientieren, und daraus ableiten, wie wir uns in einer konkreten Situation oder einer konkreten Person gegenüber verhalten: Wir schenken vor allem dem Aufmerksamkeit, was Frauen über diese Religion bzw. Weltanschauung sagen und denken (und zwar auch dann, wenn es mit unserer eigenen Ansicht nicht übereinstimmt), und wir sehen zweitens unsere Loyalitäten klar auf Seiten der weiblichen Freiheit.

Sineb El Masrar: Emanzipation im Islam – eine Abrechnung mit ihren Feinden. Herder 2016, 24,99 Euro.

Michael Schuman: Konfuzius. Der Mann und die Welt, die er schuf. Kösel 2016, 24,99 Euro.