100 Jahre Frauenwahlrecht. Zehn Thesen.

Die Gleichheit der Geschlechter ist heute das Gewand, mit dem sich die Unterordnung der Frau tarnt.« (Carla Lonzi)

Die Einführung des Frauenwahlrechts wird häufig als „frauenpolitische“ Errungenschaft gefeiert. Es berührt aber Gesellschaft insgesamt. Das 100. Jubiläum sollte deshalb nicht nur ein Anlass zum Feiern sein, sondern für grundsätzlichere Debatten – die nicht nur rückwärtsgewandt sind, sondern auch nach vorne blicken. Das, worum es geht, ist die Demokratie. Sie muss sich ändern, damit sie gerettet werden kann. Hier zehn Thesen zur Diskussionsanregung.

Eins. Die Frage ist nicht so sehr, was das Frauenwahlrecht für die Frauen bedeutet, sondern was das Frauenwahlrecht für die Demokratie bedeutet. Wieso hatte „die Demokratie“ eigentlich so lange gar kein Problem damit, die Hälfte der Bevölkerung vom Wahlrecht auszuschließen?

Zwei. Das Wahlrecht war nicht das wichtigste Anliegen von Frauenrechtlerinnen am Ende des 19. Jahrhunderts. Mindestens genauso wichtig war der Kampf für mehr Erwerbsarbeitsmöglichkeiten und für eine Reform der patriarchalen Ehe- und Scheidungsgesetze. Das Frauenwahlrecht darf nicht als isolierte Maßnahme betrachtet werden, es war nur ein Baustein einer umfassenden Gesellschaftskritik.

Drei. Zahlreiche Feministinnen sahen die Forderung nach einem Frauenwahlrecht skeptisch. Anarchistinnen wie Louise Michel standen der Parteipolitik aus Prinzip kritisch gegenüber, Sozialistinnen befürchteten, die Wahlrechtsdebatte könnte gegen Kritik an der kapitalistischen Ausbeutung von Frauen ausgespielt werden. All das ist auch heute noch bedenkenswert: Welche Frauen können sich und ihre Anliegen in parlamentarische Prozesse einbringen und welche eher nicht?

Vier. Das Frauenwahlrecht hat nicht zu einer gleichen Beteiligung von Frauen an parlamentarischer Politik geführt. Warum nicht? Bei einer Analyse ist zu berücksichtigen ist, dass hier deutliche Unterschiede zwischen „linken“ und „rechten“ Parteien bestehen (Beispiel Bundestag: Bei Grünen und Linke ist das Verhältnis ausgeglichen, bei der SPD halbwegs, bei der CDU und erst recht bei CSU, FDP und AfD sind Frauen eine kleine Minderheit).

Fünf. Wenn Frauen sich nicht für Parteipolitik interessieren heißt das keineswegs, dass sie politisch desinteressiert sind. Politik findet nicht nur in Parteien und Parlamenten statt, sondern überall, wo Menschen über die Regeln ihres Zusammenlebens miteinander verhandeln. Also auch in Büros, in Vereinen oder am Küchentisch.

Sechs. Die Quote ist auf Dauer kein geeignetes Instrument, um die politische Partizipation von Frauen sicher zu stellen. Andersherum muss vielmehr die Frage gestellt werden, warum die Parteienpolitik und der Parlamentarismus für Männer viel attraktiver sind als für Frauen. Sind sie dann überhaupt noch demokratisch legitimiert? Ein Problem scheinen dabei vor allem die „mittleren Ebenen“ zu sein .

Sieben. Ein Hauptproblem ist die verbreitete Gleichsetzung von Politik und Macht. Gerade davon sind viele Frauen abgestoßen: Sie wollen zwar Politik machen, sehen aber, dass die Dynamiken der Macht es häufig gerade verhindern, dass gute Regeln und Lösungen für das Zusammenleben gefunden werden (was ja die Aufgabe von Politik ist).

Acht. „Frauenrechte“ sind immer wieder Gegenstand politischer Verhandlungen. Es gibt keine zwangsläufige Entwicklung hin zur Geschlechtergleichheit. Politische Rechte von Frauen können je nach Machtverhältnissen auch wieder abgeschafft oder rückgängig gemacht werden, solange die Freiheit der Frauen nur „ein Thema von vielen“ ist.

Neun. Das Frauenwahlrecht war notwendig, weil klargeworden war, dass Männer Frauen nicht repräsentieren können. Ist aber Repräsentation überhaupt ein geeignetes Mittel der Politik? Können Menschen überhaupt den Anspruch erheben, für andere zu sprechen und deren Interessen zu vertreten?

Zehn. Hundert Jahren Frauenwahlrecht sind Anlass für grundsätzliche Debatten über die Demokratie: Welche Verfahren und Praktiken tragen wirklich dazu bei, dass alle Menschen sich mit ihren Wünschen an der Gestaltung der Welt beteiligen können – und welche behindern das? Demokratie ist nicht eine formale Regel, sondern eine politische Praxis, deren Bewähren immer wieder neu bilanziert werden muss.

100 Jahre Frauenwahlrecht. Ist daran was spannend?

Das Feminismus-Hit-Thema in diesem Jahr ist 100 Jahre Frauenwahlrecht. Sagt mal: Was interessiert euch da dran? Interessiert euch überhaupt was da dran? Was sind dabei spannende offene Fragen?

Ansonsten hier noch ein Link: Ich habe dem Blog Mama Notes ein Interview zu Feminismus gegeben. Vielleicht interessiert es euch. Ist auch eine ganze Reihe, d.h. mit vielen Interviews…

Debatten vorm Facebook-Grab gerettet, Teil 6

Abtreibungsverbote und christliche Ethik

Für evangelisch.de habe ich einen Kommentar zum Verhältnis von christlicher Ethik und Abtreibungsrecht geschrieben. Hintergrund sind entsprechende Stellungenahmen von Bischöfen wie Martin Hein aus Kurhessen-Waldeck, die sich im Namen der Kirche gegen eine Streichung des §219 aussprechen (das ist der Paragraf, der Information über Abtreibungen verbietet und wegen dem die Gießener Ärztin Kristina Hänel kürzlich verurteilt wurde), sowie scharfe Angriffe aus evangelikal-fundamentalistischer Ecke gegen die Chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott, die in einem Kommentar für die Streichung des §219 eingetreten ist.

Hier also ist mein Kommentar auf evangelisch.de.

Vorgestern hatte ich diesen Kommentar bereits angekündigt, worauf es bereits erste interessante Debatten auf Facebook gegeben hat.

Heute hab ich dann den Artikel dort gepostet und die Debatten gehen weiter. 

Ihr könnt natürlich auch gerne hier im Blog diskutieren.

Jetzt auch hier: Das Comeback der Newsletter! (aus der Reihe: gute Vorsätze für das neue Jahr)

Ich weiß nicht, seit wann ich einen Newsletter verschicke, jedenfalls schon seit gefühlten Ewigkeiten. Mindestens jedenfalls seit Sommer 2004, denn von dort habe ich noch einen im Netz gefunden.

Jedenfalls gibt es meinen Newsletter (den ich regelmäßig ungefähr einmal im Monat verschicke) schon länger als ich Blog schreibe oder Twitter und Facebook nutze. Er hat inzwischen ungefähr 800 Abonnent_innen, obwohl, was heißt inzwischen: Die hat er schon lange, das dümpelt so stabil vor sich hin.

Allerdings muss ich zugeben, dass ich diesen „Kanal“ in den letzten Jahren eben auch ein bisschen vernachlässigt habe, quasi zur Linkschleuder degradiert. Eine Zeitlang dachte ich tatsächlich sogar, dass es ein aussterbendes Medium wäre, weil soziale Netzwerke, Blog-Technologie mit RSS-Feeds und so weiter so ein antiquiertes Ding wie Sammelmails eigentlich überflüssig machen würden. Ich dachte eine Weile, den Newsletter verschicke ich eigentlich nur noch für diejenigen, die zu „altmodisch“ sind, um diesen neumodischen Kram mitzumachen.

Und dann, schau her, werden Newsletter plötzlich wieder modern. In den vergangenen Monaten sind einige Menschen, die ich eigentlich aus der öffentlichen Welt des Bloggens und Twitterns kannte, wieder darauf umgestiegen, Newsletter zu verschicken. Gefühlt mehr Frauen als Männer, aber das kann an meiner Bubble liegen.

Warum eigentlich? Die Antwort ist nicht schwer: Weil die versaute Kommunikationskultur das öffentliche Internet zu einem nicht mehr so schönen Ort gemacht hat. Weil die sozialen Netzwerke Traffic von Blogs abziehen, dort aber Kommunikation gerne zerfleddert und verfranst.

Newsletter hingegen sind irgendwie zumindest gefühlt halböffentliche Kommunikation. Sie sind intimer, persönlicher. Je nachdem, wie die Abonnements-Regeln sind, kann die Absenderin auswählen, wer ihre Mail bekommt und wer nicht. Natürlich gibt es keine Kontrolle darüber, wenn man einige hundert Adressen beliefert muss man immer damit rechnen, dass irgend ein Honk den Text bekommt und einer daraus einen Strick dreht.

Aber es ist eben nicht so einfach, wie auf einen Blogtext zu verlinken oder einen Tweet zu archivieren.

Die Folge davon: Newsletter sind häufig wieder persönlicher, sie bringen etwas Intimes mit, was in den Anfängen der sozialen Netzwerke den Charme auch bei Twitter und Facebook ausgemacht hat, inzwischen aber durch das Durcheinander aus Pöbeleien und Belanglosigkeiten dort doch stark abgenommen hat. Natürlich bieten die vielen Filtermöglichkeiten genug Optionen, um mir meine Timelines halbwegs attraktiv zu basteln. Aber eben nur, wenn ich entsprechend viel Arbeit hineinstecke.

Von daher: Ja, warum soll ich nicht stattdessen einfach wieder Newsletter abonnieren? Ich merke an mir selber, dass ich das mache. Und nachdem ich Jahrelang erzählt habe, dass ich so froh darüber bin, dass E-Mail endlich ausstirbt und vieles davon inzwischen über soziale Netzwerke läuft, habe ich paradoxerweise trotzdem wieder angefangen, mir regelmäßige Mails zu bestellen. Die laufen in einen eigenen Ordner rein, und wenn ich Lust und Zeit habe, schmökere ich darin.

Und es stellt sich manchmal wieder so ein ähnliches Gefühl ein wie früher, als Blogs noch Tagebücher waren und weniger Propaganda. Irgendwie cool, dieses Internet.

Und da ich ja im allgemeinen sowieso gerne jeden Trend mitmache, habe ich mir für das neue Jahr vorgenommen, meinem zuletzt etwas vernachlässigten, inzwischen eben schon fast spätpubertierenden Kind „Newsletter“ wieder ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Die Chancen zu nutzen, die so ein halböffentliches Medium birgt und nicht nur auf neue Texte und Veranstaltungen zu verweisen, sondern auch ein bisschen mehr zu erzählen. Persönlicher, unfertiger, nicht so druckreif eben wie da draußen in der Öffentlichkeit, wo ich bei jeder Äußerung damit rechnen muss, dass mir jemand irgendwann einen Screenshot davon in den Hals steckt.

Seid also gespannt darauf, was da kommt (ich weiß es ehrlich selbst noch nicht, so ist das mit guten Vorsätzen). Weiterhin kommt der Newsletter ungefähr einmal im Monat, soviel ist klar.

Falls Ihr noch nicht zu den Abonnent_innen gehört, hier gehts zum Subscriben.

Lest Ihr auch Newsletter? Welche? Oder bevorzugt Ihr weiterhin Social Media und Blogs?

Mord und Totschlag in der Tagesschau

Angesichts der Debatten darüber, ob die Tagesschau über den Mord oder Totschlag in Kandel an einer 15-Jährigen hätte berichten müssen, habe ich mich gefragt, wie es überhaupt um unsere Aufmerksamkeit gegenüber dieser Art von Verbrechen steht.

Eigentlich wäre es nämlich aus meiner Sicht angemessen, wenn über jeden einzelnen Fall in der Tagesschau berichtet würde. Wie wollen wir sonst entscheiden, welche Getöteten wichtig und welche unwichtig sind? Welche genommenen Leben der Rede wert und welche nicht?

Heute morgen habe ich nochmal die Zahlen zu Mord und Totschlag genau gecheckt, was gar nicht so leicht ist, weil in der Kategorie „Straftaten gegen das Leben“ alles Mögliche vermengt wird, z.B. auch Abtreibungen oder Tötung auf Verlangen oder auch fahrlässige Tötungen, die zwar auch Mist sind, aber eben doch nochmal was anderes (hier der Link zur Polizeistatistik, Runterscrollen bis „Übersicht Falltabellen“)

„Wirklichen“ Mord und Totschlag, also die gezielte und beabsichtigte Tötung eines anderen Menschen, gab es in Deutschland in 2016 in ca. 650 Fällen. Das sind knapp zwei pro Tag und müsste sich in der Tagesschau eigentlich unterbringen lassen.

Was die Korrelationen zwischen diesen Taten mit bestimmten demografischen Faktoren betrifft: 84 Prozent der Tatverdächtigen waren männlich (253 von 291 bei Mord, 335 von 407 bei Totschlag).

Ich finde es nicht falsch, demografische Korrelationen zu bestimmtem Verhalten zu berücksichtigen und zu analysieren, vor allem, wenn man Verbrechen bekämpfen oder verhindern möchte.

Aber angesichts der aktuellen Diskussionen stellt sich doch die Frage: Warum finden wir es so normal, dass so unglaublich viel mehr Männer als Frauen andere Menschen töten, dass wir das überhaupt nicht als Skandal empfinden?

Ergänzung:

Drüben bei Facebook gab es noch einen bedenkenswerten Kommentar zu dem Thema: Rebecca schreibt: „Mal anders: wenn gelänge, das männerspezifische Problem, das zu übermäßiger Bereitschaft zu Mord und Totschlag bei Männern führt, zu erkennen und zu beseitigen, ließen sich damit ungefähr 7 von 10 Fälle von Mord- oder Totschlag verhindern. In den übrigen ca. 3 von 10 Fällen ließe sich dann darüber diskutieren, welche weiteren, nicht durch Männlichkeit verursachten Risiken es gibt, die unabhängig vom Geschlecht sind. Ich verstehe auch wirklich nicht, warum das immer als mimimimännerfeindlich hingestellt wird, letztendlich ist es für die warum auch immer mordenden Männer glaube ich gar nicht soo toll, Mörder zu sein. Der einzige Grund weshalb man sich als Mann darüber aufregen könnte, dass das Männerproblem des Mordens thematisiert wird, wären Vorteile für den nicht-mordenden Mann, die er aus einer allgemeinen, gesellschaftlichen Akzeptanz von systematischer Gewalt gegenüber Frauen zieht, die er durch die Sichtbarkeit dieses Problems gefährdet sieht.“

Revolution und Raketen! Neue Episode von „Besondere Umstände“

Heute haben Benni und ich wieder gepodcastet, und zwar:
über ein neues Konzept für unseren Podcast,
die Frage, ob Arbeitgeber für Soziales zuständigsind ausgehend von einem Text von mir, der gestern auf Zeit-Online erschienen ist,
und über das Thema Raketen!