Sein und Sollen

Also ich verfolge seit Wochen diese Debatten um das biologische Geschlecht und ich verstehe die Erregung nicht, weder von der einen noch von der anderen Seite. Es ist einer der allerältesten Hüte menschlicher Kultur, dass aus dem Sein kein Sollen folgt. Das heißt, ganz egal, was sich über biologisches Geschlecht sagen oder nicht sagen lässt, es hat absolut NULL Bedeutung für die Frage, welche sozialen Geschlechterkonzeptionen wir gesellschaftlich haben wollen oder nicht. Das ganze Gerede geht komplett am Thema vorbei. PS: Weil es Missverständnisse gab: Also ich verstehe natürlich die Erregung darüber, dass Leute trans Personen die Anerkennung verweigern. Aber ich verstehe nicht die Erregung darüber, dass Leute sagen, es gäbe zwei biologische Geschlechter. Sollen sie doch, so what? PPS: Wenn jemand sagt: „Kaffee sollte verboten werden, weil Esel fünf Beine haben“, dann fang ich doch nicht ernsthaft an, darüber zu streiten, wie viele Beine Esel haben. Siehe hier die Debatte auf Facebook zu diesem Post

Kurzer Kommentar zum Gebärzwang-Urteil des US-Supreme Courts

Ich lese angesichts der Abschaffung von legalen Abtreibungsmöglichkeiten in vielen US-Bundesstaaten jetzt wieder viele krasse Geschichten von Fällen, die illustrieren, zu welchem offensichtlichen Unrecht das konkret führen kann und wird. Und klar, das ist alles wahr und richtig, und es ist ein Skandal, dass angeblich „freie“ Gesellschaften ungewollt Schwangere solchen Risiken aussetzen. Trotzdem finde ich diese Richtung der Argumentation ambivalent, denn: Es geht nicht nur darum, Abtreibung in Härtefällen zu ermöglichen. Es geht darum, dass die Beendigung einer unerwünschten Schwangerschaft ein Menschenrecht ist. Auch ohne Härtefälle und Todesgefahr. In der Art und Weise, wie die christlichen fanatischen Gebärzwang-Befürworter*innen jegliches Schlupfloch zu stopfen versuchen, indem sie Abtreibungen schon in absurd frühen Stadien und auch nach Vergewaltigung und auch bei Kinderschwangerschaften unmöglich machen wollen, sehen wir ja, dass es hier eine politische Auseinandersetzung ums Prinzip ist und es denen NICHT darum geht, einen für alle Beteiligten akzeptablen Kompromiss zu suchen. Deshalb kann die Antwort auf ihren Feldzug gegen reproduktive Freiheit nicht sein,

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Feministisches Pro und Contra zur Eizellenspende

Deutschland und Schweiz sind inzwischen fast die einzigen Länder in Europa, in denen es verboten ist, in der eigenen Gebärmutter einen Embryo zur Reife zu bringen, der nicht mit der eigenen Eizelle gezeugt worden ist. Spanien hingegen ist inzwischen zum europäischen Hotspot für Eizellenspende (oder besser: Verkauf) geworden. Ein Thema, das viele ethischen Fragen aufwirft, von der Möglichkeit zur Selektion „unerwünschten“ Lebens bis zur ökonomischen Ausbeutung junger Frauen. Am 29. Juni gibt es abends in Berlin eine Podiumsdiskussion in der Heinrich Böll Stiftung in Berlin, die ich moderiere. Wir diskutieren pro und contra aus feministischer Perspektive, mit dabei sind Susanne Schultz, Privatdozentin für Biotechnologie an der Uni Frankfurt und Mitglied im Kollektiv „Kitchen Politics“, die bei Edition Assemblage interessante Sammelbände zu Reproduktionstechnologie herausgegeben haben, und Ines Pietschmann vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Uni Göttingen. Vorab gibt es einen Input von Taleo Stuwe vom Gen-ethischen Netzwerk zu medizinischen Möglichkeiten und Risiken der Eizellspende. Das Podium ist

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Spanien: Anarchismus nach der Diktatur

Als 1975 der spanische Diktator Francisco Franco starb, bedeutete das das Ende einer langen Ära, in der jegliche linke Opposition illegal gewesen war. Folterungen, politische Morde und Repression hatten vier Jahrzehnte lange nicht nur jede politische Kritik, sondern auch jeden Ausdruck persönlicher Freiheit, Feminismus, Homosexualität, Queerness jeder Art unmöglich gemacht. Ein Dokumentarfilm von Luis E. Herrero zeigt jetzt die Aufbruchstimmung jener ersten Jahre. Im Mittelpunkt steht dabei die anarchistische Gewerkschaft CNT (Confederacion Nacional del Trabajo), die für eine kurze Zeit lang „in Mode“ kam und Hunderttausende hinter sich versammelte. Zu sehen sind Originalaufnahmen ihrer Kongresse und Treffen und Interviews mit damaligen Aktivist*innen. Dabei wird spürbar, wie schwierig es war, zwei verschiedene Gruppierungen miteinander ins Gespräch zu bringen: Die alten Kämpferinnen, die noch den spanischen Bürgerkrieg erlebt hatten, und eine neue Generation junger Menschen, die von den Ideen und Ausdrucksformen der Flower-Power und Studentinnenbewegungen der „68er“ inspiriert waren. Ich fand allerdings beim Anschauen des Films, dass gerade diese Kombination einen gewissen

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Den Staat geht unser Geschlecht nichts an

Mit welcher Legitimation darf der Staat eigentlich ein Geschlecht der Bürger*innen definieren? Die ganze aktuelle Debatte um Selbstbestimmungsgesetz springt eigentlich zu kurz, wenn man es genau durchdenkt. Denn sobald Gleichberechtigung gilt, braucht der Staat mein Geschlecht nicht zu kennen. Ansonsten braucht eine bestimmte Art von Quoten-Gleichheits-Feminismus die Geschlechtsbestimmung, aber die ist finde ich eh politisch gescheitert. Differenzpolitik funktioniert über die Praxis der Beziehungen, nicht über Formalia. Und eine politische Praxis der Differenz braucht keine Definitionen von Geschlecht. Sondern eben ein Bewusstsein für Unterschiede, die konkret in einer Situation relevant sind. Ich finde, Forderung muss sein: Geschlecht raus aus dem Personenstand. Denn staatliche Geschlechtsbestimmung ist nur notwendig, wenn Menschen auch je nach Geschlecht unterschiedlich behandelt werden sollen. Ein häufig vorgebrachter Einwand gegen meinen Vorschlag (hier etwa im Facebook-Thread dazu) lautet, dass das Patriarchat noch nicht zu Ende sei und dass wir (staatliche) Geschlechtsbestimmungen noch bräuchten, um das abzuwickeln. Die klassischen Beispiele sind „Frauenschutzräume“ und „Frauenquoten“. Nun war ich bekanntlich noch nie

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10 Jahre „Besondere Umstände“!

Vor zehn Jahren starteten Benni und ich den Podcast „Besondere Umstände“. Gestern nahmen wir eine Jubiläumsfolge auf. Dabei gebe ich zu, dass ich Angela Merkel lange zu positiv eingeschätzt habe, und Benni erklärt sich zum „Doomer“. Was können wir tun in den kommenden Katastrophen, was heißt es, wenn der Kapitalismus zusammenbricht, was ist mit Krieg, Gerechtigkeit, Pazifismus? Hört rein!

Der deutsche Pazifismus als säkularisiertes Christentum

These: Ein Grund, warum der deutsche Pazifismus als Idee momentan so wenig überzeugt, weil ihm in der akuten Kriegssituation nicht viel anderes einzufallen scheint, als die Angegriffenen aufzufordern, sich dem Aggressor zu unterwerfen (oder das vielleicht nicht direkt fordert, aber der Aufruf, ihnen nicht bei der Verteidigung zu helfen, läuft natürlich auf genau dasselbe hinaus), liegt glaube ich auch darin, dass keine alternativen Vorstellungen von Gerechtigkeit und wie man sie effektiv erreicht entwickelt wurden. Der Fokus wurde darauf gelegt, potenzielle Aggressoren abzurüsten, die Nato, die USA, die Bundeswehr. Und das ist ja auch keine schlechte Idee. Was dieser ganzen Perspektive aber zugrunde liegt ist die Überzeugung, dass man selbst auf der Seite der Stärkeren ist, also derer, die potentiell Gewalt ausüben und nicht derer, die potentiell Gewalt erleiden. Das liegt natürlich daran, dass wir Erb*innen des Nazi-Täter-Volkes sind, aber es liegt auch an einer gewissen Überheblichkeit im Geist, man ist schlicht aufgrund der eigenen Privilegiertheit gar nicht emotional in der

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